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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

Die Sirenen vom Ostkreuz

Eine Anthologie

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Herbert-Friedrich Witzel
Bunter Morgen in Berlin

 

Lolas Lockbräute vom Kreuz des Ostens
trällern ein Ständchen in Ulys Ohr:
"Auf jedem Schiff, ob's dampft, ob's segelt,
ist einer, der die Putzfrau vögelt!"

So klang das. Es war einmal.
Alle andern außer ihm saßen da
mit Wachs im Gehör und
Wowis Hartz-4-Vagina vor der Nase
zum Furze uffriechen. Sie riefen:
"Dies ist ein Ruderboot,
hier wird nicht gesegelt!"

"Bindet mich los, Ihr Kanaillen!"
brüllte Ulüsses;
"Ihr Dummbärte, ich
bin gar nicht geil auf Weiberfleisch, ach was!
Ich will doch nur Messungen machen
fürs Statistische Bundesamt!"

Doch so isses, Ulisses:
Alle sind am Rudern und Rudern
für die 4-Viertel-Mehrheit aus
Bankenviertel Medienviertel Brüsseler
Beamtenviertel Berliner Regierungsviertel.

Und sie rudern und rudern hin und weg
von Tempelhof zum BER und
sie flüstern sich zu
durchs Oropax vom Parlament:
"Lasst ihn nicht los, das Schwein
will fliegen."


 

Cornelia Wriedt
Ostkreuz-Sirenen

 

Man muss sie nicht lange suchen. Vom Ostkreuz aus ist es gar nicht weit zu ihnen. Man braucht nur eine Zeitlang geradeaus zu gehen, dann rechts - da findet man sie. Doch nicht am Tage, denn im Hellen, zwischen Autoschlangen und Touristenströmen zeigen sich solche Vögel der Nacht nicht. Erst im Dunkel fliegen diese Wesen herbei und bleiben, die ganze Nacht über.

Verlässlich ist es vor allem, das heidnische Völkchen. Preußisch pünktlich erscheinen die Sirenen, sommers wie winters, alltäglich, und passen sich dezent dem Arbeitnehmerdasein guter Christen an, denn Freitag- und Samstagnacht sind sie länger da. Ihr Haus lockt merkwürdig an, herausgeputzt wie es ist, mit seinen gelben Baldachinen über den Fenstern, mit roten Jalousien und Lichterketten, mit den Riesenbuchstaben in Weiß auf blauem Grund. Schwaden steigen von hier aus auf, von Parfüm, Rauch, Schweiß, Alkohol. Und eine Musik, deren Bässe heftig wummern, die lauter, mänadenhafter wird, desto mehr sich die Nacht mit Stille umhüllen will. Wenn ringsherum alles schläft, wenn der stets überfüllte Italiener ums Eck und die Napster-Bierbar nebenan längst geschlossen haben: Hier wird die Musik noch mal aufgedreht. Odysseus' Gefährten half es angeblich, sich Wachs in die Ohren zu gießen, heute gibt es gewiss kein Mittel mehr gegen diese Art der Verführung. Selten nur verlassen die Sirenen das kleine Inselreich. Und wenn doch eine auftaucht, dann stolziert sie als Königin der Nacktheit, Schokolade und eine Tüte Milch in der Hand, über die klebrige Bierlache des ortsansässigen Bettlers hinweg. Ein Inder beäugt sie, rückt am Turban und bewacht weiter sein Lokal. An Zulauf fehlt es nie. Wer die Gesichtskontrolle durch den Spion am riegelbewehrten Eingang besteht, kommt rein zu den Frauen, ob er nun bloß einen Leinenbeutel dabei hat oder Anzug trägt. Der Abenteurer Odysseus, ein antiquierter Held, der Sage nach stark und mannhaft, der widerstand dem eigenartigen Sirenen-Gesang. Helden des 21. Jahrhundert bestehen ihre eigenen Gefahren, beim Tabledance der modernen Sirenen scheinen sie sich davon zu erholen. Solche Zauber-Gesänge klingen weit. Sie verführen den pensionierten Dahlemer Juristen zu den wildesten Odysseen, weil der sich umwelt- und gesundheitsbewusst mit dem Fahrrad nach Friedrichshain durchschlägt und dafür seine altgewordene Penelope und die efeubewachsene Villa kurz im Stich lässt. Und Publicity hat die spitzige Insel im glattgespülten Meer der Klamottenläden und Szenefriseure sowieso genug. Der Berliner Kurier brachte längst eine Serie über die Orte der Berliner Sex-Industrie, danach zählten in Wowereits angeblich so armer deutscher Hauptstadt die Friedrichshainer Sirenen schon damals zu den gefragtesten, sie gehörten zu den ersten ihrer Zunft in Ostberlin nach 1989. Ohne Zweifel: Sie sind die Sirenen, denn sie waren überhaupt die ersten hier, noch ehe Touristen, Kneipenwirte und Kreative, Immobilienmakler und Schwaben, Studenten und Hausbesetzer den kiezigen F-Hainer Boxi erfanden und dazu beim Späti-Türken an Club Mate leckten und Veggieburger geil fanden. Die Puff-Portale der Netzwelt informieren heute schnell und breit über das "Deluxe"-Bordell, das früher als "Lord G." sein Rotlicht mit der Dekadenz des britischen Adels überzuckern wollte - und dass eine der Ladies im englischen Upperclass-Auto vorfährt, passt dazu. Etwas unterscheidet sie immerhin von ihren mythologischen Schwestern, sie bringen doch irgendwie Glückhaftes, obgleich als schnell vergängliche, schlüpfrige Illusion, die man für 80 Euro kauft. Glücklich auf Dauer werden andere, nämlich die Besitzer des Inselreichs. Die wechseln oft, denn der Job, wo man Freier, Weiber und Nachbarschaft in Schach hält, bringt schnelles Geld, das bald für ein hübsches Häuschen auf der Insel Hiddensee reicht.

Sie verschwinden frühmorgens. Als ob ihr ewiges Musikgedröhn den Tag herbeigehämmert hätte. Nach so einer Nachtschicht fliegt keiner mehr, die letzten Federn reißt das erste Licht weg. Sie schlurfen raus aus dem muffigen Lokal auf ihren Pumps, saugen an der nächsten Zigarette. Das Taxi langweilt sich mit knurrendem Motor, gerade hört der Ventilator auf zu scheppern. Manchmal werden die Kippen auch vor so einer Riesenkarre mit dunklen Scheiben fallengelassen. Autotüren knallen, mit quietschenden Bremsen und aufheulendem Motor rasen sie fort, hinein in die erwachenden Häuser. Letzter Laut der Ostkreuz-Sirenen.


 

Andrea Ingeborg Collins
Modern Siren Movement

 

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Wenn sie mich holen werde ich springen. You can never evict a movement. 02.09.2014, Flüchtlingswohnheim, Gürtelstraße, 07.09.2014
Wenn sie mich holen werde ich springen.
    You can never evict a
      movement.

 


 

Anhang

1: s.o.

2: 09.05.2014, Markgrafendamm

3: 27.08.2014 Markgrafendamm,
www.Stars in concert.de am 28.08.1014

4: 28.06.2014, Markgrafendamm

5: 06.07.2014, Markgrafendamm

6: 10.07.2014, Corinthstraße

7: s.o.

8: 12.05.2014, Markgrafendamm

9/9A: 06.07.2014 Markgrafendamm
www.mmb-berlin.de/presse/kinderstationen.html am 29.08.1914

10: 02.05.1924, Markgrafendamm

11: 27.08.2014, Markgrafendamm

12: s.o.

13: 27.08.2014, Corinthstraße

14: 27.08.2014, Corinthstraße

15: 27.08.2014, Markgrafendamm

16: 27.08.2014, Markgrafendamm

17: s.o.

18: 10.07.2014, Markgrafendamm

19: 22.05.2014, Modersohnstraße

20: 06.07.2014, Markgrafendamm

21: s.o.

22: 27.08.2017, Laskerstraße

23: 10.07.2014, Markgrafendamm

24: 27.08.2014, Markgrafendamm

25: 19.06.2014, Markgrafendamm

26: s.o.

27: 02.06.2014, Markgrafendamm

28: 27.08.2014, Markgrafendamm

29: s.o.

30: 27.08.2014, Markgrafendamm

31: 27.08.2014, Markgrafendamm

32: 27.08.2014, Markgrafendamm

33: 27.08.2014, Markgrafendamm

34: s.o.

35/35A: 27.08.2014, Markgrafendamm

36: 27.08.2014, Markgrafendamm;
www.am.fischzug.ziegert-immobilien.de am 29.08.2014

37: s.o.

38: 29.06.2014, Markgrafendamm

39.: s.o.

40/40A: Markgrafendamm, 29.06.2014

41/41A: Warschauer Str., Litfaßsäule, 07.09.2014


 

H. J. D. Kleinschmidt
Bombastische Erinnerungen

 

Genau SIE haben mich mit ihrem Gesang umgeworfen, was sage ich, sogar mein nüchternes Denken umnebelt. Sie haben die mir innewohnende Angstphobie ans Licht des Tages gezerrt. Das bedeutet die Zwangshandlung, beim Ertönen einer Sirene meine Schulmappe, in der sich wichtige Familiendokumente befanden, greifen zu wollen, um mich sofort in den Luftschutzkeller zu begeben.

So geschah es am Sonnabend, dem 20. Januar 1944, um neunzehn Uhr zum zigsten Mal. Unsere Eltern und acht Kinder, vom einem bis achtzehn Jahre. Außerdem Natascha, ein junges Mädchen aus der Ukraine, welches meiner Mutter als Haushaltshilfe zugeteilt war.

Wir hatten kaum unsere vorab festgelegten Plätze im Luftschutzkeller auf den Luftschutzbetten und den Sitzmöbeln eingenommen, als wir auch schon die Bombenexplosionen hören konnten. Ja, wir mussten leider feststellen, dass sich die schrecklichen Geräusche rasch näherten. Der Jüngste lag im Kinderwagen. Unsere Mama saß seitlich auf dem Luftschutzbett. Sie beugte sich über meine beiden jüngsten Schwestern und mich, streichelte uns abwechselnd und sprach beruhigend auf uns ein.

Plötzlich hörten wir ein markdurchdringendes, lang anhaltendes pfeifendes Geräusch. Dann für Sekundenbruchteile Totenstille, dann setzte das Inferno ein. Ein Knall von solch einer Lautstärke, wie ihn die Menschen im Keller noch nie zuvor gehört hatten. Gleichzeitig tobte eine ungeheure Druckwelle gegen die Rückseite des Hauses und ringsherum. Dann hörte man das Zerbersten der Fensterscheiben, außerdem Klappern und Knirschen von Dachziegeln und Gebälk. Im nächsten Moment polternde Geräusche von einstürzendem Mauerwerk, die Grundmauern bebten. Von der Kellerdecke fielen Mauerziegel und Putz herunter. Wir durchlitten die beängstigende Wahrnehmung, als würden uns von der durch das zerstörte Kellerfenster eindringenden Druckwelle die Organe, Herz und Lunge, zerquetscht und die Augen aus den Höhlen hervorgepresst. Es befiel uns eine bisher nicht gekannte Todesangst. Die Kinder und Natascha beteten laut zum lieben Gott. Als unsere Mama sich einen Augenblick aus der über die Kinder gebeugten Haltung aufrichtete, hörten wir, wie die Scherben der zersplitterten Kellerfensterscheibe von ihrem Rücken herunter zu Boden fielen. Sie hatte ihren Körper als Schutzschild für die Kinder eingesetzt.

Unser Papa erkundigte sich nach unserem Befinden. Er wollte, da die elektrische Stromversorgung total ausgefallen war, die oberen Etagen inspizieren, obwohl die Entwarnungssirene noch kein Signal gegeben hatte. Als er die Tür zum Erdgeschoss öffnete bekam er ein Stück Mauerziegel an den Kopf, dabei holte er sich eine Beule und eine kleine Risswunde.

Er wurde sofort von Mama verarztet. Dann lief er hinauf in die obere Etage und sah dort die Bescherung: nach oben schauend sah er den Sternenhimmel. Die Zimmerdecke, der Dachboden, der Dachstuhl samt der Dachziegel waren zerfetzt von der Druckwelle und den Bombensplittern und in alle Winde verstreut. Die hintere Giebelwand war von der Druckwelle nach innen gedrückt, auf die Zwischendecke geworfen worden und hatte diese durchschlagen und mit allen Möbeln in das Zimmer darunter gestürzt. Welch ein Glück, dass die Kellerdecke diese riesige Last getragen hatte. Denn sonst wäre unser Luftschutzkeller auch der Sarg für elf Menschen geworden!

Es branne fast überall. Papa versuchte zu löschen. Eine schwierige Aufgabe, denn es handelte sich darum, dass die Brände von phosphorgefüllten Brandbomben ausgingen. Die Brände konnte man nicht mit Wasser löschen. Meine großen Schwestern und mein Bruder schleppten Sand aus dem Keller in die obere Etage zum Löschen. Dann sollten sie alle noch gebrauchsfähigen Gegenstände und Sachen in den Vorgarten hinaustragen. Wolfgang trug gerade einen Karton mit Sachen hinaus, als er wieder so ein schreckliches Pfeifen hörte. Er warf sich sofort flach auf den Boden. Der Pechvogel fiel mit dem Gesicht auf ein Büschel abgetrockneter Herbstastern und stieß sich einen Stiel davon in die Nase. Er wurde vor Schmerz fast ohnmächtig. Nachdem die Detonation der Luftmine zum Glück in weiterer Entfernung erfolgt war, rannte er in den Keller. Unsere Mama musste nun ihn verarzten. Der trockene Asternstiel war ihm durch das Nasenloch in die Nebenhöhle eingedrungen. Eine schmerzhafte Prozedur, diesen wieder herauszuziehen.

Endlich heulte die erwartete Entwarnungssirene. Unser Papa verteilte an Mama und die fünf Kleinen angefeuchtete Tücher und schickte sie zur Einquartierung in einen Luftschutzbunker. Als wir aus dem Keller auf die Straße kamen, erkannten wir den Zweck der Tücher. Es bot sich uns ein Schauspiel besonderer Art. Wie bei einem Großfeuerwerk war alles ringsum von den brennenden Häusern hell erleuchtet. Zusätzlich trieb der Wind einen Funkenregen durch die Straßen, der alle brennbaren Dinge entzündete. Die kleine Gruppe musste sich auf dem Weg ständig gegenseitig von den herabfallenden Funken befreien, um nicht selbst in Brand zu geraten. Papa, mein Bruder, meine Schwestern und Natascha versuchten weiter gegen das Feuer anzukämpfen und aus den Trümmern zu retten, was eben möglich war.

Dieses Ereignis bedeutete nun die Trennung der großen Familie. Mama mit sechs Kindern und Natascha gingen per Evakuierung nach Westpreußen. Papa und die beiden großen Mädchen blieben wegen der Arbeit und der Ausbildung in Berlin. Sie bekamen eine Wohnung zur Untermiete.

Zum Zeitpunkt dieser erschreckenden Ereignisse war ich acht Jahre alt. In all den vergangenen Jahren litt ich unter den geschilderten Angstzuständen. Das bedeutet siebzig Jahre kriegsgeschädigt. Aber ich denke auch demütig an all die vielen Menschen, die infolge der ständigen Bombardements ihr Leben verloren haben.


 

Doris Lautenbach
Get Physical

 

Das Jahr nähert sich dem Ende.

Und damit auch wirklich keine Zweifel aufkommen, kauen die unsäglichen Jahresrückblicke noch mal schön alles durch, womit man so zurechtkommen musste. Silvester an sich ist ja völlig bedeutungslos. Und maßlos überschätzt, wenn man ihn fragt, was natürlich keiner tut.

Ein willkommener Anlass, Party zu machen, mehr nicht, aber dazu gibt es gewissermaßen eine Pflicht. Zeig, dass du noch Leben in dir hast. Gib dir kompromisslos die Kante und vor allem: Amüsier dich gefälligst. Denn das ist der einzige Ausweg.

Doch häufig sausen die Silvesterraketen eben nicht fröhlich Funken sprühend Richtung himmlische Gefilde, sondern fliegen müde Schleifen in Richtung blutergussfarbenes Firmament, bevor sie anschließend mit einem unerfreulichen Pfft! im nächstbesten Geäst hängenbleiben. Und weil das alle wissen, die Realität aber trotzdem bitte einen glamourösen Anstrich bekommen soll, wird kurzerhand zu diversen Hilfsmitteln gegriffen.

Alex ist jetzt 22 Jahre alt und mit dem Thema durch. An Alkohol hat er nie wirklich Gefallen gefunden, mal einen Cocktail vielleicht, aber nur auf Gin Basis, und dann und wann mal einen Pfeffi, auch ganz gut, aber Bier zum Beispiel hatte für ihn, abgesehen vom Wampen-Faktor, irgendwie diesen ekeligen Altherrentouch. Und wie sein Vater, der sich Abend für Abend mit seinen Hopfenkaltschalen, so nannte der das wirklich, vor der Glotze entspannte, wollte er nun ganz gewiss nicht werden.

Aber da natürlich das Schicksal auch Alex nicht nur glitzernden Sternenstaub ins Leben gepustet hat, gab es eine Zeit lang auch bei ihm das ganz dringende Bedürfnis, sich auszuklinken und ganz weit wegzuballern.

Am zuverlässigsten hatte das ja immer noch mit XTC funktioniert. Oder "X".
MDMA halt.

Alex schämt sich jetzt immer ein bisschen, wenn er an das superpeinliche Gequatsche von damals zurückdenkt.

"Es heißt, man stirbt am Tod. Aber das stimmt nicht. Man stirbt an Langeweile und Gleichgültigkeit."

Diese Weisheit stammt angeblich von einem gewissen Herrn Pop und ziemlich lange stimmte Alex da ganz mit Iggy überein.

Lästig war im Grunde nur, dass die Pillen auf Dauer Langeweile und Gleichgültigkeit eben nicht mehr vertrieben, sondern sich diese Gefühle binnen kürzester Zeit vertausendfachten.

Im Gepäck trugen sie, die Gefühle, außerdem einen hübschen Haufen neuer, bis dato unbekannter Ängste. Und die gab es dann noch gratis obendrauf.
Die Spaßdroge, die keinen Spaß versteht. Haha.

Im Übrigen nervte Alex auch gewaltig, dass plötzlich Hinz und Kunz Drogen zu nehmen schienen.

In Berlin ja sowieso. Aber anscheinend wollten sich alle wild, gefährlich und individuell fühlen und so wurde die Stimmung eben auch auf Feuerwehr- und Maibaumfesten in der Provinz entsprechend befeuert.

"Meide alles, was der Masse gefällt."

Das war Alex' Lebensmotto. Unbewusst wohl seit frühester Kindheit und höchstwahrscheinlich hat ihm diese Einstellung später auch den Arsch gerettet.

Wurde sowieso Zeit, andere Wege zu beschreiten. Lange genug schon balancierte er schließlich hochkonzentriert und auf Zehnspitzen durch sein sogenanntes Leben, das sich die meiste Zeit für ihn eher wie ein Minenfeld anfühlte.

So richtig glücklich war er wohl nur bis zu seinem dritten Lebensjahr. Also, was heißt schon glücklich, aber doch, irgendwie schon.

Jedenfalls konnte er sich als Kind stundenlang alleine beschäftigten. Er saß auf dem grünen Teppich in seinem Kinderzimmer in der Laskerstraße und war sich selber genug. Er brauchte einfach niemanden.

Endlos hörte er die immer gleichen Kassetten und erfand Abenteuergeschichten für sich, seine Phantasiegefährten und für seinen heißgeliebten Stoffhund Schoko.

In dieser Phase seines Lebens mochte er noch die ganze Welt.

Und dann zack! kam erst der Kindergarten, wo es noch so halbwegs funktionierte. Obwohl er auch dort schon am zweiten Tag nicht mehr hingehen wollte und sich deshalb beinahe die erste Ohrfeige von seinem Vater eingefangen hätte.

Er gewöhnte sich irgendwie an den neuen Tagesablauf. Eines Tages erschien dort eine junge Erzieherin, Maria hieß die. Sie war nett und lustig und knuddelte die Kinder ganz oft und brachte seiner Gruppe außerdem ein brandneues Singspiel bei:

"Die Feuerwehr, die Feuerwehr, die hat 'nen langen Schlauch"
(dazu musste man mit den Armen einen langen Schlauch zeigen)

"Der Hauptmann von der Feuerwehr, der hat 'nen dicken Bauch"
(mit den Händen einen dicken Bauch zeigen)

"Tatütata Tatütata tatütatatataaaaa"
(mit den Händen wie ein Blaulicht kreisen)

"Tatütata Tatütata tatütatataaaa"

Alex war Feuer und Flamme, er sang und spielte das Lied bei jeder Gelegenheit, was seine Eltern sich zu Hause natürlich nicht bieten ließen, und es nun auch tatsächlich Ohrfeigen hagelte.

Doch so richtig begann der Alptraum erst mit der Einschulung.

Den ganzen Sommer davor hatten seine Eltern ihm eingetrichtert: "Du hast so ein Glück, darfst in die Schule gehen. Unser großer Junge! Schau dir doch bloß mal den feinen Ranzen an! Ganz viele tolle Dinge wirst du dort lernen."

Die Schule wurde zum Drama.

Seine Lehrer runzelten die Stirn, bestellten die Eltern ein und schrieben ihm das Mitteilungsheft voll. Seine Mutter heulte, der Vater brüllte. Oder es war umgekehrt, sie schrie und er sagte nichts.

Beide so zu sehen machte ihn nur noch unglücklicher. Aber was sollte er tun? Was sollte er ihnen sagen? Immer wenn er den Mund aufmachte, wurde es noch schlimmer. Seinen Eltern fiel nichts anderes ein, als immer wieder nur: "Du musst mehr lernen! L-E-R-N-E-N!"

Er hätte ja gerne mehr gelernt. Dann hätten sich vielleicht auch seine Eltern wieder besser verstanden. Das Problem war nur, es gelang ihm nicht. Alles, was in der Schule vor sich ging, kam ihm vor wie chinesisch. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Zu Hunderten von "Fachleuten" wurde er geschleppt: Augenärzte, Vertrauenslehrer, Logopäden, Experten.

Völlig sinnlos. Man hätte ihn nur einmal zu fragen brauchen. Die Wahrheit war simpel: Die ganze Schule interessierte ihn nicht. Nullkommanull.

Er war sechs Jahre alt und hatte schon alles satt.

Als dann irgendwann feststand, dass er die Klasse würde wiederholen müssen und seine Eltern sich jeden Tag nur noch anbrüllten, was, wie er damals glaubte, einzig und allein seinem kläglichen Versagen geschuldet war, retteten ihn schließlich die Großeltern.

Der unsägliche Kreislauf von Magenschmerzen und Schulangst sollte ein Ende haben.

Opa tauchte eines Abends kurz vor den Sommerferien bei ihnen auf, redete zwei Stunden mit den Eltern und drückte Alex zum Abschied lange an sich: "Die Sommerferien verbringst du bei Oma und mir in Caputh. Wir freuen uns schon ganz doll auf dich! Vorher haben wir beide aber noch einen Termin hier in Berlin".

Bei diesem wurde dann eine Hochbegabung festgestellt. Was auch immer das heißen mochte, Alex war es herzlich egal, denn er verbrachte im Anschluss die glücklichsten sechs Wochen seines Lebens in Brandenburg.

Jeder bekommt in seinem Leben Gelegenheiten, die er in Glück verwandeln kann. Die Kunst ist es, diese Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen.

Alex genoss jeden einzelnen Tag auf dem Reiterhof neben dem Haus seiner Großeltern. Er striegelte die Ponys, mistete aus, schleppte Strohballen und Säcke voller Hafer und durfte Reitstunden nehmen. Oma und Opa hatten nichts dagegen, im Gegenteil, sie ermutigten und spornten ihn an.

"Vor Tieren muss man sich nicht fürchten. Dann schon eher vor den Menschen", war Großmutters Standardspruch.

Nach den Ferien wechselte er auf eine neue Schule, die auf seine Fähigkeiten ausgerichtet war. Seine Eltern beruhigten sich und Alex fühlte sich nicht mehr komplett fehl am Platz.

Das Wichtigste in seinem Leben waren jetzt ohnehin Pferde und Reiten. Seine Eltern erlaubten ihm, auch in Berlin weiterhin Unterricht zu nehmen.

Mittlerweile ist er mit der Schule fertig und hat vor einem halben Jahr die Ausbildung zum Reittherapeuten in den Reitsportanlagen am Olympiastadium begonnen.

Er liebt seine Arbeit mit diesen besonderen Kindern.

Einfühlungsvermögen, Geduld, Disziplin und Konzentration sind unbedingte Voraussetzungen für den Beruf. Kein Problem mehr für Alex. Er fühlt sich speziell den Kindern mit Down-Syndrom sehr nahe.

Deren Entwicklungsmöglichkeiten ja lange Zeit sträflich unterschätzt wurden.

Im Prinzip genau wie bei ihm.

Gemeinhin gelten Menschen mit Trisomie 21 als "eingeschränkt", dabei besitzen sie doch eine der wohl kostbarsten Gaben überhaupt: Sie sind nämlich zu grenzenloser Liebe fähig. Zu einer Liebe ohne Wenn und Aber.

Alex braucht sich ja beispielsweise den fünfjährigen Leo nur anzugucken.

Wie der Kleine selig seine Arme um den Hals der sanftmütigen Haflingerstute schlingt, glucksende Glückslaute von sich gibt und dabei sein Gesicht in die weiche Pferdemähne schmiegt. Und wie er kichert und strahlt, wenn ihm seine große Schwester Julia, die ihn häufig zu den Therapiestunden begleitet, von der Tribüne aus Kusshände in die Reithalle zuwirft.

Liebe pur ist das. Rein und unverfälscht, findet Alex.

Der ist übrigens ebenfalls hingerissen. Und zwar von der siebzehnjährigen Julia. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er wirklich verliebt. Und sie glücklicherweise auch. Ganz langsam und behutsam lassen sie es angehen, mehr als Händchen halten, küssen und stundenlanges Reden war noch nicht.

Die erste gemeinsame Nacht werden sie Silvester verbringen.

Oh, wie anders war das noch bis vor einigen Jahren. Mit der Schule lief es zwar einigermaßen, Leere und Sinnlosigkeit hatten sich dennoch, trotz des Reitens, wieder in Alex' Leben geschlichen.

Das Gefühl, völlig unverstanden zu sein, beherrschte alles.

An seiner Zimmertür hing jetzt ein Schild mit der Aufschrift: Hier verblödet ein Genie.

Das erste Mal XTC hatte er in einem Club mit seinem damaligen Kumpel Maik genommen.

Alex war ein bisschen nervös gewesen. "Und wie ist das so? Kannst du mir sagen, wie es wirkt?"

Maik hatte gegrinst.

"Das Coole daran ist ja gerade, dass die Wirkung ungefähr so kalkulierbar ist wie 'n Kampfhund auf 'nem Kindergeburtstag. Nämlich eher gar nicht. Klar ist nur, es wird geil, versprochen."

Zuerst wirkte die Pille ziemlich stark und Alex wurde flau.

"Nicht dagegen ankämpfen, Alter", hatte Maik geraunt, "lass sie kommen".

Dann spürte Alex es.

Zuerst in den Armen, der Wirbelsäule, schließlich im ganzen Körper. Prickelnd. Aufschießend. Die Musik, die zuvor noch extrem genervt hatte, weil sie hektisch und abgehackt klang, drang jetzt von allen Seiten in ihn ein, schien förmlich durch seinen Körper zu rauschen. Elektro mit irgendwelchen Balkaneinflüssen, dazu Holzbläser. Oder so.

Wahnsinn. Er hatte das Gefühl, sein Gehör ruhte satt und zufrieden in seiner Muschel. Er sah das auch ganz genau vor sich.

Auf dem Weg zur Toilette, er wollte sich unbedingt im Spiegel betrachten, schien es ihm, als würde er nicht gehen, sondern in seiner eigenen mystischen Aura dahinschweben.

All diese bildschönen Menschen lächelten ihn an, sie sahen exakt aus, wie er sich fühlte. Das Zeug knallte jetzt rein, ihm flog die Schädeldecke weg, er schäumte über vor Energie und brillanten Einfällen.

"Auf XTC kannst du auch super Sex mit völlig Fremden haben. Ohne Drogen ist so was gar nicht möglich."

Hatte Maik ihm gesagt. Stimmte auch.

Alex konnte nahezu jedes Mädchen dazu bringen, mit ihm ins Bett zu gehen. Damals war es ausschließlich die Eroberung, die ihn reizte. An echter Hingabe oder Seelenverwandtschaft war er rein gar nicht interessiert.

Maik hatte er schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen, bis sie sich vor zwei Wochen zufällig über den Weg liefen.

Der verkauft jetzt Drogen im größeren Stil und dämmert ansonsten so vor sich hin.

Maik quatschte über Frauen, Funktion One Soundsysteme, über "neue herrlich verspulte Läden".

Alex unterdrückte ein Gähnen, hörte gar nicht richtig hin.

"Und du so? Läuft bei dir was? Gibst immer noch Mongos Reitunterricht?"

Alex hätte am liebsten zugeschlagen.

Maik sah völlig unverändert aus, von weitem noch ganz gut, beim Näherkommen entdeckte man dann aber sofort die fahle Haut, den flackernden Blick und die schlechten Zähne.

Silvester.
Alex' und Julias großer Tag.

Der Plan: Sie werden den Abend und die Nacht bei Julia und Leo zu Hause verbringen. Deren alleinerziehende Mutter wird bei ihrer Schwester feiern und dort auch übernachten.

Als Alex um neunzehn Uhr bei Hausers klingelt, ist er schweißgebadet.

Hätte er sich doch bloß nicht darauf eingelassen. Wieso hat er sich auch von diesem Scheiß Maik bequatschen lassen? Einen riesigen Beutel voller Zeug für ihn aufzubewahren, weil Maik irgendeinen Stress hat und die Ware zur Zeit nicht in seiner Wohnung lassen kann.

In knapp einer Stunde wird er sich kurz mit ihm am Annemirl-Bauer-Platz treffen, an der Kirschlorbeerhecke haben sie gesagt. Zur Übergabe.

Die Grünanlage liegt direkt bei Julia um die Ecke und nicht weit von der Wohnung von Alex' Eltern, komisch, dass sie jahrelang beinahe Nachbarn gewesen sind, ohne von einander zu wissen.

Jedenfalls wird Alex von Maik 300 Euro bekommen, fürs Aufpassen auf das Zeug, und davon wird er Julia zu einem Paris-Wochenende einladen. Paris. Dafür kann man schon mal einen kleinen Schweißausbruch in Kauf nehmen.

Und Maik wird heute Nacht das Geschäft seines Lebens machen. Glaubt er.

Puh. Die ganze Zeit, und vor allem eben in der U-Bahn, hat dieser verfickte Plastik- Beutel Alex beinahe in den Wahnsinn getrieben und ihm förmlich ein Loch in seine Jackentasche gebrannt. Aber ist ja nichts passiert, niemand hat ihn unterwegs verhaftet.

Die Mutter ist schon gegangen.
Leo, der bis eben auf dem Wohnzimmerboden mit Playmobil gespielt hat, stürzt Alex zur Begrüßung in die Arme.

Julia lächelt das spezielle Julia-Lächeln, ihr hübsches Gesicht ist jung und weich. Alles ist gut.

"Guck mal, Leo, habe ich alles für unsere Feier mitgebracht."
Alex wirft seine Jacke auf den Sessel und zieht Luftschlangen, ein Set zum Bleigießen sowie ein großes Kuchenpaket mit Pfannkuchen aus seinem Rucksack.

"Und hier. Raketen. Die feuern wir um Mitternacht ab. Weißt du, wieso man das macht, Leo? Damit sollen die bösen Geister vertrieben werden."

Er drückt den Jungen kurz an sich.

Julia zieht Alex in die Küche. Er soll ihr bei dem Nudelauflauf helfen, während sich der Kleine solange im Wohnzimmer mit den Luftschlangen beschäftigt.

Wenn hier jemand Geister vertreiben kann, dann du, denkt Alex, als er Julia von der Seite beim Käsereiben beobachtet. Meine Dämonen nämlich und die ganze beschissene Vergangenheit gleich mal mit.

Der Auflauf duftet im Ofen.
Julia sitzt auf seinem Schoß, sie lümmeln auf der Bank am Küchentisch und er schnuppert gerade an ihrem Haar, als es im Nebenzimmer plötzlich unheilvoll poltert.

Beide springen auf, Alex ist zuerst im Wohnzimmer.
Der kleine Leo krümmt sich auf dem Teppich. Seine Augen sind weit aufgerissen, Schaum läuft ihm aus dem Mund. Der geöffnete Plastikbeutel liegt auf dem Tisch.

Die bunten Pillen mit den unterschiedlichen Motiven liegen überall verstreut.

Das Sirenengeheul mischt sich unter das Silvestergeknalle und der Krankenwagen trifft fast gleichzeitig mit Maiks SMS ein:
Wo bleibst Du? Die Leute wollen Party machen :D


 

Christian Gajewski
Sie nannten ihn Paulchen
oder
Wie die Berliner Stadtbahn ihre Unschuld verlor

 

In unserer kleinen Geschichte geht es um die Zeit der 30er/40er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Für einige ist es die Zeit der Kindheit und Jugend, für andere wiederum ist es bereits graue Vorzeit.

Um die Vergangenheit etwas klarer vor Augen zu haben, begeben wir uns auf eine kleine Zeitreise und kommen an im Jahr 1939, wo am 17. August die Eröffnung des Bärenzwingers am Köllnischen Park stattfand.

Die ersten Bewohner hießen Jule, Lotte, Urs und Vreni.

Da hatte der Berliner mal was zu lachen, da kam Freude auf.

Doch die währte nicht lange, denn kurz darauf, am 1. September 1939, begann der 2. Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen.

Bereits am 2. September wurde das Abhören von Feindsendern unter Strafe gestellt.

Zu der Zeit lebten in Berlin weit mehr als vier Millionen Menschen, davon rund 340 000 im Bezirk Friedrichshain, der von 1933 bis 1945 "Horst-Wessel-Stadt" hieß.

Der Bahnhof Ostkreuz war auch damals schon stark frequentiert.

Wo heute Neubauten stehen rund um die Sewanstraße, lagen damals, begrenzt durch die S-Bahnstrecke Richtung Erkner, endlose Laubenkolonien.

Zwischen den Bahnhöfen Ostkreuz und Karlshorst kam auch ein tüchtiger Reichsbahner zum Einsatz, der von seinen Kollegen und Vorgesetzten einfach nur Paulchen genannt wurde.

Ihn zog es wie viele aus der Provinz in die Reichshauptstadt.

1934 suchte der damals 22-jährige sein Glück dort beim Gleisbau.

Über die Stationen Schlesischer Bahnhof (heute Ostbahnhof) sowie Karlshorst kam er zum Rangierbahnhof Rummelsburg, wo er sogar zum Weichensteller ausgebildet wurde.

Wir schreiben mittlerweile das Jahr 1940.

Am 1. April dieses Jahres wurde in Deutschland erstmalig die Sommerzeit eingeführt.

In der Nacht vom 25. zum 26. August warfen britische Flugzeuge erstmals Bomben über Berlin ab. Betroffen waren Reinickendorf, Pankow, Malchow und Wartenberg.

Die so genannten Luftschutzkeller wurden im weiteren Kriegsverlauf mehr und mehr zum wichtigsten Zufluchtsort der Berliner Bevölkerung.

Auch die Bahn ergriff Maßnahmen zum Schutz vor nächtlichen Bombenangriffen. Eine davon war die Verdunklung der Züge und der Bahnhofsgebäude.

Auch die damit einhergehende Energieeinsparung wurde in den Folgejahren immer wichtiger.

Durch diese Maßnahme und die damit verbundene Sichtbehinderung kam es in der Folge zu immer mehr tödlichen Unfällen.

Mit diesen Gefahren mussten alle Berliner leben.

Die jüdische Bevölkerung Berlins litt zudem noch unter ganz anderen Repressalien.

Neben dem Verbot für jüdische Kinder, öffentliche Schulen zu besuchen, kamen ab 1940 Erlasse über den Einkauf von Lebensmitteln nur noch zwischen 16 und 17 Uhr, sowie der Kündigung aller Fernsprechanschlüsse bis zur Pflicht, einen gelben Stern auf der Kleidung zu tragen.

Den Höhepunkt dieser Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung bildeten die ab dem 18. Oktober 1941 durchgeführten Deportationen, denen auch die Familie Obermann aus der Bödiker Straße 9 zweiter Hinterhof zum Opfer fiel.

Der Kleine Simon lebte dort mit seinen Eltern. Die Mutter war Hausfrau und der Vater hatte einen kleinen Gemüsestand am Bahnhof Ostkreuz, zu dem er jeden Morgen mit einem hölzernen Handwagen zog.

Es hieß, sie würden umgesiedelt in Richtung Osten.

Als sie mit ihren paar Habseligkeiten das Haus verließen, standen alle anständigen Mieter aus der Nachbarschaft unten auf dem Hof und verabschiedeten sich von den Obermanns.

Es war ein Abschied für immer.

Nach dem Krieg wurde bekannt, dass man sie in Auschwitz ermordet hatte.

Von diesen Entwicklungen weitgehend unbeeindruckt, freute sich unser Paulchen auf das schöne Leben nach dem Endsieg.

Er fühlte sich wohl in seiner gemütlichen Wohnung in der Dorotheastraße in Karlshorst, von wo aus er es nicht weit hatte bis zu seiner Arbeitsstelle.

Im Winter ging er die Strecke zu Fuß, im Sommer fuhr er mit dem Fahrrad, so war er immer an der frischen Luft.

Aber auch nach getaner Arbeit wurden in Berlin, zumindest in den ersten Kriegsjahren, nicht die Bürgersteige hochgeklappt.

Es gab Tanzveranstaltungen, Konzerte und vor allem unzählige Kinos.

Neben Propagandafilmen wie Jud Süß gab es auch Kinofilme wie "Bel ami", "Die Geierwally" und "Quax der Bruchpilot".

Die Stars hießen Heinz Rühmann, Emil Jannings, Marianne Hoppe und Willy Fritsch, sie brachten den Berlinern für ein paar Stunden Ablenkung und Zerstreuung.

In der "Deutschen Wochenschau" wurden zu Anfang noch die Erfolge der Wehrmacht bejubelt, doch bald wendete sich das Blatt.

Viele Menschen spürten und ahnten, was kommen wird, andere glaubten noch an den Endsieg, als die Rote Armee auf den Straßen schon Suppe und Brot verteilte.

Der weitere Fortgang der Geschichte ist bekannt.

Wer den Krieg überlebt hat, fand sich in einer endlosen Trümmerwüste wieder. Es fehlte den Menschen an allem.

Die Versorgung mit Nahrungsmitteln blieb noch über Jahre hinaus eines der dringlichsten Probleme der Berliner.

Doch einer brauchte sich um all diese Dinge keine Sorgen mehr zu machen.

Einige werden es längst erraten haben: Es war unser Paulchen. Er fiel nicht etwa an der Front, er gehörte auch nicht zu den Spätheimkehrern, die erst 1955 wieder deutschen Boden betraten.

Er war auch nicht als vermisst gemeldet, wie so viele andere in dieser Zeit.

Doch was war geschehen?

Unser Paulchen wurde, soviel ist bekannt, am 25. Juli 1941 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Doch warum?

Hörte er vielleicht Feindsender ab, war er Jude, Kommunist oder hat er als Widerstandskämpfer Flugblätter verteilt?

All das kann wohl entschieden verneint werden.

Paul Ogorzow verübte von August 1939 bis Juli 1941 8 Morde, 6 Mordversuche sowie 31 Sittlichkeitsverbrechen.

Seine Tarnung war perfekt. Er war Parteigenosse, Reichsbahner und SA- Mann.

Knappe 2 Jahre brauchte die Berliner Polizei zur Ergreifung des Berliner S-Bahn-Mörders.

Der Fall ist in der Berliner Kriminalgeschichte ohne Beispiel – und so soll es auch bleiben.


 

Barbara Bellmann
Schwarz und Weiß

 

Sorgfältig legte sie die Kuchengabeln auf die roten Servietten, welche sie neben die weißen Teller drapiert hatte. Die Kaffeemaschine gab gurgelnde Geräusche von sich und der Duft von Kaffee machte sich breit. Die Nachmittagssonne schien in das in hellem Holz eingerichtete Wohnzimmer. Kein Staubkorn oder achtlos hingelegter Gegenstand störten die perfekte Ordnung. Gerlinde lächelte fröhlich und strich ihre weiße Bluse glatt. Ihr Ehemann war bei einem geschäftlichen Termin und bis sie ihre beiden Söhne vom Tennis abholen musste, blieben sicherlich noch zwei Stunden Zeit. Sie freute sich auf einen gemütlichen Kaffeeklatsch mit ihrer Freundin Birgit. Gewöhnlich fuhr diese mit dem Fahrrad aus Schöneberg bis zum Südkreuz, um dann mit der Ringbahn das Ostkreuz zu erreichen. Dann brauchte sie nur noch wenige Meter mit dem Rad zurücklegen, um bei ihr in der Hischberger Straße anzukommen. Den Kuchen kaufte Birgit immer bei dem gleichen Bäcker im Ostkreuz. So machten sie das seit Jahren. Beide hatten mit fünfundzwanzig Jahren ihre zukünftigen Ehemänner kennengelernt als sie zusammen im "Clärchens Ballhaus" tanzen waren. Eine perfekte Freundschaft und zwei wundervolle Ehen seit nun mehr über zehn Jahren. Birgit und Paul hatten keine Kinder, dies wunderte Gerlinde immer etwas. Aber über unangenehme Themen sprach sie nicht gerne, deswegen hatte sie auch nie nach dem Grund gefragt. Endlich klingelte es und Gerlinde öffnete in freudiger Erwartung die Tür. Doch schon bei der Begrüßung bemerkte Gerlinde, dass etwas nicht stimmte. Birgit war fahrig und aufgewühlt. Irritiert und ärgerlich über die Störung des Normalzustandes überging sie den Zustand ihrer Freundin. Doch schon kurz nach dem Hinsetzen brach es aus Birgit heraus. "Ich werde mich von meinem Ehemann Paul trennen. Ich habe mich in meinen Kollegen Dirk verliebt. Du kennst ihn. Wir werden es wagen neu anzufangen. Ich kann das alles nicht mehr!" Gerlinde stockte der Atem. Ihre perfekte Welt kam ins Wanken. "Das kannst Du nicht machen! Ich dulde das nicht! Was sollen die Leute denken!" Sie schrie Birgit geradezu ins Gesicht. "Bitte Gerlinde. So verstehe doch. Paul ist sowieso..." "Ich will, dass du sofort meine Wohnung verlässt. Du bist eine Ehebrecherin!", brüllte Gerlinde. Fluchtartig verließ Birgit die Wohnung. Die Tür schlug mit einem Krachen ins Schloss. Die plötzliche Stille in der Wohnung führte bei Gerlinde zu einer plötzlichen Unruhe. Diese ließ nicht nach. Sie zog sich ihre Jacke an und ein unbestimmtes Gefühl zog sie auf die Straße. Da hörte sie Sirenen. Sie kamen aus Richtung Ostkreuz. Das flaue Gefühl in ihrer Magengrube nahm zu. Sie rannte los und die Sirenen wurden immer lauter. Ihre Beine flogen über den Asphalt. Sie folgte dem Klang der Sirenen und schon bald sah sie Polizeifahrzeuge und einen Krankenwagen. Die Beamten machten betretene Gesichter. Eine Traube aus Schaulustigen hatte sich gebildet. Am Nachmittag war das Ostkreuz immer voll mit Pendlern und Heimkehrenden. "Die Arme, das Taxi hat sie voll erwischt. Sie hatte keine Chance, aber warum hat sie auch nicht rechts und links geschaut als sie von der Straße abgebogen ist zum Taxistand?", murmelte ein alter Mann. Gerlinde wurde schlecht. Sie bahnte sich den Weg durch die Menschenmenge. Die Sirenen dröhnten in ihren Ohren. Dann sah sie Birgit. Der Körper unnatürlich verdreht und eine große rote Pfütze hatte sich auf dem Boden gebildet. Die Augen blickten starr nach oben. Gerlinde schrie und verlor das Bewusstsein. Das Letzte, was sie hörte, waren die Sirenen und das Bremsen der Ringbahn, welche gerade das Ostkreuz erreichte. Die kommenden Tage vergingen wie in Zeitlupe. Gerlinde umfuhr das Ostkreuz. Auch auf dem Weg zu Birgits Beerdigung fuhren sie einen Umweg. Sie hoffte, dass Birgit Paul noch nichts von ihrer Affäre erzählt hatte. Nach der Trauerfeier trafen sie Paul. Hand in Hand stand er dort mit einem Mann. Auf Gerlindes fragenden Blick sagte Paul: "Das ist Tom, mein Freund. Wir sind seit fünf Jahren ein Paar. Gerlinde wusste davon und hat es akzeptiert, solange ich bei ihr bleibe und wir offiziell eine intakte Ehe führen. Ich verstehe nicht, warum meine sonst so kontrollierte Ehefrau an diesem Tag so unkonzentriert war!?" Gerlinde wurde wieder schlecht. Der Boden unter ihren Füßen fing gefährlich an zu schwanken. Sie hörte wieder die Sirenen vom Ostkreuz. Der Klang in ihren Ohren wurde noch stärker, als sie Dirk mit einer roten Rose mit einem fahlen, weißen Gesicht am Grab von Birgit stehen sah. Die Sirenen vom Ostkreuz hatten alles verändert. Ihre innersten Strukturen wurden aufgebrochen. Es gab nicht nur schwarz und weiß sondern auch eine Fülle von Graustufen. Der Klang der Sirenen wurde ein fester Bestandteil ihres ganzen Lebens. Nie wieder setzte sie einen Fuß auch nur in die Nähe des Ostkreuzes, denn seit diesem Augenblick war nichts mehr gewesen wie es war.


 

Sonja Meggers
Spielzeug-Feuerwehr

 

Die Sirene des kleinen Spielzeug-Feuerwehrautos lässt ihn hochschrecken.

"Papa, warum schläft der Mann denn auf der Bank?", hört er einen kleinen blonden Jungen fragen. Die Antwort des Vaters versteht er im Lärm der einfahrenden S-Bahn nicht. Und er hätte sie auch sicher nicht verstehen wollen.

Alexander setzt sich auf der Bank auf, die ihm in den letzten Nächten als Bett, Wohnzimmer und Küche gedient hatte und streicht sich beschämt seine alten Kleider glatt.

Blitzschnell katapultiert die kleine Sirene ihn zurück in eine Zeit, in der ihm nie in den Sinn gekommen wäre, dass das alles einmal so hätte kommen können.

Vor seinem inneren Auge erscheint das Weihnachtsfest 1979. Er war gerade fünf Jahre alt und hatte seine erste Spielzeug-Feuerwehr bekommen. Zutiefst beeindruckt von ihren akustischen Finessen ließ Alexander die Sirene wieder und wieder aufheulen. Irgendwann aber begann Mutter zu schreien. Er schien sie mit der Sirene so geärgert zu haben, dass sie mit Vater in Streit geriet. Sie schrien einander an und unter Tränen schwor er, die Sirene nicht mehr zu benutzen, doch es half nicht. Ab diesem Tag stritten sie ständig. Meist klang es, als würden sie wegen Kleinigkeiten streiten, aber jahrelang glaubte er, dass die Sirene seines Feuerwehrautos der Auslöser für all die schrecklichen Dinge war, die bis zur Scheidung seiner Eltern sechs Jahre später passierten.

Gemeinsam mit Vater blieb Alexander in dem kleinen Haus auf dem Land wohnen. Mutter zog zu ihrem neuen Lebensgefährten in die Stadt. Während Vater anfing zu trinken, brach der Kontakt zu Mutter fast vollkommen ab. Über Verwandte hörte er, dass sie noch ein Kind bekommen hätte. Das Mädchen sei hochbegabt und würde eine teure Privatschule besuchen.

Alexander blieb zweimal sitzen. Nicht, weil er dumm gewesen wäre, nein, das war es nicht. Eigentlich fiel ihm vieles sogar sehr leicht. Aber immer häufiger musste er sich um Vater kümmern. Mal stürzte dieser betrunken die Treppen hinunter, mal geriet er mitten am Tag in eine Schlägerei und musste vom Polizeirevier abgeholt werden. Um den Haushalt kümmerte Vater sich schon lange nicht mehr und auch die Rechnungen zahlte er nicht. Alexander musste sich um alles kümmern und war vermutlich der einzige in der Klasse, der mit 15 schon mit einem Gerichtsvollzieher gesprochen hatte.

Trotz allem schlug er sich durch. Schaffte mit Ach und Krach einen Schulabschluss und begann eine Lehre zum Tischler.

Mit dem Meister verstand er sich gut und seine Leistungen waren hervorragend. Immer noch wohnte er bei Vater und kümmerte sich aufopfernd um den immer hilfloser werdenden Mann.

In einem Stadium der zunehmenden Verwirrung tauchte Vater dann immer häufiger im Betrieb auf. Anfangs saß er nur da und schaute den Tischlern bei der Arbeit zu. Später aber begann er dann zu randalieren. Erst einmal, dann immer häufiger. Jeder Versuch, ihn nach Hause zu bringen, scheiterte, weil er schon nach kurzer Zeit wieder auf der Matte stand.

Alexander wunderte sich immer, dass Vater, der in der Wohnung nicht einmal mehr wusste, wo sein Morgenmantel war, immer wieder den Weg in den Betrieb fand.

Ein halbes Jahr vor der Gesellenprüfung zerschlug Vater dann in einem unerklärlichen Anfall von Wut den halben Betrieb und Alexander verlor seine Arbeit.

Es dauerte lange, bis er eine neue Lehrstelle fand. Der Meister in diesem Betrieb war ein herrschsüchtiger rotgesichtiger Kerl, der ihn endlose Überstunden schieben und nur die niedersten Arbeiten erledigen ließ. Alexander sagte Vater nie, wo er jetzt arbeitete und so schaffte er mit unermüdlichem Einsatz tatsächlich seine Gesellenprüfung. Sofort danach suchte er sich eine neue Stelle und lernte Susanna kennen. Nur ein Jahr später heirateten sie. Susanna war seine Traumfrau gewesen. Hübsch, klug und geduldig. Lange Zeit kümmerte sie sich hingebungsvoll um Vater. Dieser wurde zunehmend anstrengender. Zu all den alkoholbedingten Ausfällen kam letztlich auch noch eine akute Demenz. Egal wie sehr Alexander und Susanna sich bemühten, immer häufiger gerieten sie über Vater in Streit. Eine Zeit lang hatte er das Gefühl, dass ihre ganze Ehe sich nur noch um Vater drehen würde.

Als im Winter vor sechs Jahren sein Sohn geboren wurde, schöpfte Alexander Hoffnung, dass sich nun doch noch alles zum Guten wenden würde.

Da Vater eine Gefahr für das Neugeborene darstellte, entschieden sie, ihn in einem Pflegeheim unterzubringen. Sie hatten lange gesucht und waren mit ihrer Entscheidung letztlich sehr zufrieden.

Mit 35 Jahren hatte er kurzzeitig das Gefühl, all die Ereignisse der Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Er hatte einen guten Arbeitsplatz, eine Frau, einen gesunden, klugen und aufmerksamen Sohn und auch Vater war gut untergebracht. Trotzdem schien etwas nicht zu stimmen. Immer und immer wieder geriet er mit Susanna aneinander. Es waren immer nur Kleinigkeiten. Weihnachten 2009 kam es dann zum großen Krach. Sein Sohn war genau fünf Jahre alt. Er hatte ein Feuerwehrauto bekommen. Eines mit einer echten Sirene.


 

L. Gelpke und T. Djmaudrinowicz
Ulli Zeetzens abenteuerliche Reise zum Ostkreuz

 

Kapitel 1: Aufbruch

Es war einmal ein segelndes Restaurant-Schiff, das sollte in Berlin zu Füßen des Ostkreuzes, am Paul-und-Paula-Ufer der Rummelsburger Bucht, vor Anker gehen, an einer bereits zu DDR-Zeiten angelegten Pier, um dort einen Restaurant-Betrieb zu eröffnen und dann endlich die nach besonderen lokalen Spezereien dürstenden Berlinerinnen, Berliner und alle anderen Menschen in und um Berlin herum mit der gehobenen Kost der lokalen Fischküche erfreuen und laben zu dürfen. Allein, die verantwortlichen Berliner Verwaltungsbehörden, strotzend vor Stolz und ohne jeden Anflug von Demut über die ihnen obliegende Macht, verlangten den Nachweis der Schiffbarkeits- und Segel-Tauglichkeit der alten Hanse-Kogge, bevor diese die Genehmigung erhalten sollte, als "Restaurant-Segelschiff" und damit als neues Leuchtfeuer und Gourmet-Magnet der einfallsreichen Berliner Erlebnis-Gastronomie firmieren zu können.

Aus diesem Grund waren die Gourmet-Freunde angehalten, den Nachweis zu erbringen, dass die doch immerhin zweimastige "Gote Wind" unter eigenen Segeln innerhalb eines 13 Stunden offenen Zeitfensters von Friedrichshagen am Großen Müggelsee bis zum Paul-und-Paula-Ufer am Fuße des Ostkreuz-Wasserturms schippern möge – selbstverständlich unter strenger behördlicher Aufsicht. So begab es sich, dass am späten Nachmittag eines ottonischen Oktobers, kurz vor Aufgang des Vollmondes, der frühneuzeitliche Zweimaster — der Nachbau einer veritablen Hansekogge aus dem späten vierzehnten Jahrhundert — von der Hafenmole in Friedrichshagen ablegen sollte und die Reise nach der Rummelsburger Bucht unter eigenen Segeln begänne, nur unterstützt von einem behördlich genehmigten Zugeständnis, einem kleinen Außenbord-Motor mit sechs Pferdestärken, der die Manövrierfähigkeit der Hanse-Kogge unterstützen durfte. Vor Antritt des behördlich befohlenen Segeltörns war noch eine kleine Mahlzeit erlaubt, um die gemischte Besatzung aus künftigen Restaurant-Segelschiff-Betreibern und einer Abordnung aus kontrollierenden Verwaltungsbeamten der involvierten, zur Genehmigung des künftigen Betriebes ermächtigten Berliner Behörden ausreichend verköstigen zu können.

Zu diesem Behufe kletterte der Kombüsen-Junge am Nachmittag über die Reling an Land, nur ausstaffiert mit zwei großen Bastkörben und einem verwaltungsbeamtlich limitierten, sehr schmalen Budget. Seine Aufgabe war nun, auf dem nahen Wochenmarkt in Friedrichshagen eine ausreichende Menge an Eiern und anderen Zutaten für ein karges, doch hinreichend nahrhaftes Omelette-Gericht zu besorgen, damit die gemischte Crew nach sarrazinscher Manier gestärkt und leidlich wohlbestallt die lange Flussreise antreten könne.

Der Markt zeigte sich schon in Auflösung begriffen, als der unerfahrene und ortsunkundige Kombüsenjunge endlich den Marktplatz erreichte, nachdem er sich mühsam orientiert und immer wieder vorbeieilende Passanten nach dem Weg zu fragen sich nicht gescheut hatte. Die meisten Marktstände wurden bereits abgebrochen, überall herrschte emsiges Treiben, niemand beachtetete den kleinen unerfahrenen Kombüsenjungen, der bald verzweifelt nach einem Stande Ausschau hielt, welcher ihm die geeigneten Lebensmittel für das Omelette verschaffen könnte. Erst ganz am Ende des Marktplatzes, in einer versteckten Ecke, tauchte plötzlich ein altes, verhutzeltes Kräuterweiblein aus der Deckung, erregte sogleich die Aufmerksamkeit und irgendeine geheimnisvolle Kraft zog den Schiffsjungen sogleich in seinen Bann, denn an seinem zierlichen Mifa-Klapprad baumelten noch vier wohlbefüllte Marktkörbe im steifer wehenden Spätnachmittagswind. Sogleich zückte er seine Matrosenmütze und sprach behände die alte Dame an: "Sagen Sie, werte Marketenderin, darf ich mir erlauben, Sie zu fragen, ob Sie noch einige geeignete Lebensmittel mitsamt nützlichen Zutaten für ein großes Schiffsomelette zur Labsal einer allzeit hungrigen Crew übrig hätten?" Das Hutzelweiblein lächelte ihn sogleich sybillinisch an und wandte sich in einem ungewohnt klingenden , weil selten zu Gehör gebrachten, Oberschlesisch an den Jungen mit den maritimen Bastkörben: Sie käme ja gerade noch rechtzeitig vor Marktschluss aus den Müggelbergen auf den Markt geflogen, um ihm frisch gesammelte Wildenten-Eier anzubieten, und obendrein sei sie auf dem Rückweg ganz zufällig in einen Trupp delikater Marktpilze geraten, sie wisse gar nicht, wie ihr geschah, junge Röhrlinge und einige andere wohlschmeckende Arten, die da in einem großzügigen Hexenring versammelt in der Zwischenzeit aufgeschossen waren. Auf dem Hinweg zu der Wildenten-Kolonie war von den Spitzhüten noch kein Lebenszeichen zu vernehmen gewesen, jener Sippe von Wasservögeln, bei denen sie einmal wöchentlich zur Eier-Musterung ihre Aufwartung mache. Von den herrlich wohlschmeckenden jungen, rotstieligen Hexenröhrlingen und Artverwandten sei da auf dem Hinweg noch keine Wittergung ausgegangen, selbst für die so fein ausgebildete Nase der erfahrenen Sammlerin nicht. Alles in allem, mit den ausgezeichneten Gewürzen versehen, welche sie ihm obendrein anbieten könne, ergäben die frisch ausgeschobenen Schwämme zusammen mit den gerade gelegten Eiern ein herzhaftes Wildpilz-Omelette vom Allerfeinsten, das die ganze Besatzung für die weite Reise von Friedrichshagen zum Paul-und-Paula-Ufer an der Rummelsburger Bucht ausgezeichnet rüsten könne, dies in ihrer gutturalen Phonetik sprechend, zwinkerte sie ihm schalkhaft-verschmitzt zu, übergab die stattliche Menge an Jungpilzen, den reich gefüllten Korb mit Eiern, und die geheimnisvoll duftenden Gewürze aus fernen Landen rieselten in seinen Mitgebrachten, hinzufügend, der Smutje werde daraus einen ausgezeichneten Eierschmaus braten, da sei sie sich ganz sicher. Komisch, wandte sich der Schiffsjunge mehr an sich selbst, woher weiß die ehrwürdige alte Dame denn so genau, wohin die Reise gehen möge? Dachte dies mehr bei sich und übergab das sarrazinisch zum Reißen knapp kalkulierte Alimentations-Budget an die Respektsperson. Bevor er nun vernehmlich nachfragen konnte, hatte sich das alte Kräuterweiblein schon erstaunlich geschmeidig und flugs wie der auffrischende Abendwind auf sein gut geöltes Mifa-Klapprad geschwungen und war in einem Hui schon außer Sicht- und Hörweite in dem dichten Gedränge des sich auflösenden Marktes. Das ging so geschwind, dass sich der Schiffsjunge etwas verdattert und nachdenklich auf den Rückweg zur Mole am Hafen in Friedrichshagen aufmachte. Als er dort schließlich ankam, hatte er jedoch das Geschehen auf dem Markt in seinem jugendlichen Überschwang auch wieder verdrängt (es handelt sich hierbei um ein eher modernes Märchen) und machte sich sogleich mit dem Schiffskoch an die Arbeit der Zubereitung des gewaltigen Pilzomelettes für die doch recht disparat zusammengewürfelte Crew.

So war der folgende Schmaus rasch zubereitet, dank der lässigen Routine des Smutjes, welcher auch kaum Zeit damit vertat, den Schiffsjungen zu nunmehr vorgerückter Stunde in ein Kreuzverhör zu nehmen angesichts der etwas ungewöhnlichen Wahl der in dem Korbe sich findenden Pilzarten. Hier vertraute er souverän der bekanntermaßen sprichwörtlichen Akribie der amtlich bestallten Wochenmarkt-Kontrolleure zu Berlin, in Anbetracht der ablaufenden Frist, nach der die "Gote Wind" laut Behörden-Plan dann endgültig ablegen sollte und ihre ungewisse Reise in die bald von einer gigantischen, tiefroten Vollmondnacht illuminierten Spree-Gestade antreten würde.

 

Kapitel 2: Das Gericht und der Stich in den Fluss namens Spree

Ist es nun Zeit vom raunenden Imperfekt sich abzukehren und in die Sphäre des verheißungsvollen Präsens zu wechseln – was hieße: jetzt "Action"? Schließlich verhandelt das Sujet die mögliche Begegnung mit genuinen oder wenigstens semantisch umgewidmeten Sirenen – und in welchem Tempus besang Homer einst seine odysseeischen Verse? Es wäre doch naheliegend, das dort verwendete Tempus als Landmarke zur Orientierung einzusetzen. Oder kümmert das heute eh kein lesendes Wesen mehr...? -- Allerdings – mit Hexametern möchte ich jetztmals nicht dienen können; das hat schon mein Knan (in etwa: der Papa) weiland in der Schulzeit, der meinigen, versucht (als mein unberufener Ghostwriter) und mir damals ein glattes "Mangelhaft" wegen möglichen Betrugsversuchen eingehandelt bei einer zu Hause auszuführenden Aufsatz-Arbeit. Zunächst nun zurück zum bewährten und natürlich raunenden Imperfekt: ...

Aufgrund der behördlich angeordneten Eile ward das Pilzgericht in depeschierter Form zubereitet — und zuletzt bot sich gerade für die Goumet-Fraktion an Bord (auch hier ein durchaus gemischter Haufen an deutlich genussorientierten Langsam-Essern, bestehend sowohl aus Teilen der künftigen Segelschiff-Restaurant-Betreiber-Fraktion als auch wohlgesprenkelt mit subordinierten Berliner Beamten vor allem aus der Kostenstelle, Abteilung "Prospektive Stadtplanung"), nun, letztselbige Abgesandten fanden in der Zwischenzeit von Minute zu Minute mehr Gefallen an dem zu prüfenden Objekt insgesamt, je länger sie pars pro toto Messer und Gabel durch das Omelette furchen ließen, da Selbiges trotz der gebotenen Schnelle durchaus wohlfeil zubereitet war; und je länger sie es auf den Tellern mit kontemplativer Ziemlichkeit hin- und herwendeten, daran zärtlich knabberten, schnoperten, ja den aufsteigenden Duft genussvoll durch die Nüstern einsogen, um angemessen den Eros der Aisthesis zu laben angesichts eines solch unverhofft servierten Meisterstücks, denn nicht nur das Auge isst bekanntermaßen immer wieder gerne mit, begannen die fruchtkörperdurchwirkten Teile der auf den Tellern schwebenden Gaumenfreude im von Kerzen nur matt illuminierten Restaurantraums im Schiffsbauch der famosen Hansekogge allmählich sanft in Blau, Lila, Purpur, Orange und Türkis zu pulsieren wie kosmische Quasare. So recht konnte sich das keine anwesende Dienstperson zu explizieren, man schrieb es insgeheim der dürftigen Beleuchtung zu,  in Form eines stillen Konsens', und mancher Insasse der gewöhnlichen Crew wollte das auch schon gar nicht mehr so ausdrücklich zur Kenntnis nehmen, denn das alte Piratenschiff von Klaus Störtebeker hatte ihnen so manches unverhoffte Abenteuer auf der langen Fahrt von der kurischen Nehrung nach Berlin beschert, das eines jeden kritischen Betrachters bekannte Schulweisheit in große Erklärungsnöte gebracht hätte; deshalb verschob so mancher das farblich changierende, pulsierende Glimmen, das wie späte Glut im Lagerfeuer am besten zu umschreiben gewesen wäre, in den Bereich einer schlichten optischen Täuschung. Allein Kapitän zur See Ulli Zeetz, vom Restaurant-Dienstleister pflichtschuldigst zeitnah angeheuerter Inhaber eines antik zu nennenden Schiffsführer-Patents, welcher es eigentlich nicht länger vorhatte, derart windig zu nennende Aufträge anzunehmen, aber eben, neuzeitlich sorgt nur das liebe Geld für Lebensmittel, Dach über dem Kopf, bezahlt Wasser und Strom, ihm kam das Phänomen dann doch durchaus spanisch vor, hatte er doch schon vor Gibraltar Gelegenheit gehabt, am äußersten Rand der Scheibe jener damals bekannten Welt, mehr oder weniger erfolgreich gegen die dortig ansässigen Hispanier mit eibenhölzernem Pfeil und eisernem Bogen zu kämpfen. (Aber das wäre jetzt eine ganz andere Geschichte und würde diese schmale Episode lediglich ein weiteres Mal sprengen – zum Leid der auch einmal zu Ende kommen wollenden JurorInnen der hier einstweilen noch bevorstehenden Sirenen am Ostkreuz.)

Als die "Gote Wind" am frühen Abend dieser denkwürdigen Nacht endlich von der Pier in Friedrichshagen ablegte, war bereits ein zum Bersten voller, ja deutlich in ein Übergroßes tendierender Mond am Firmament aufgegangen und beleuchtete verschmitzt grinsend die Abläufe unten auf der Erde, das etwas umständlich, da schusselig ausgeführte Ablege-Manöver des Segelschiffes. So schien dies zumindest dem Schiffsjungen an Bord vorzukommen, welcher von dem großartigen Omelette leider gar nicht oder erst ganz spät satt geworden war, da die Hauptzeit des Mahles ja mit dem Servieren und dem Aufrechterhalten des Getränkeservices beschäftigt. In der Zwischenzeit hatte auch der Wind beträchtlich aufgefrischt und erschwerte das jeweils nötige Segelumsetzen weg von der Pier und in Fahrtrichtung, ausgeführt von der behäbig hantierenden Besatzung, erheblich. Im Grunde wirkte der Wind wie bestellt, denn er blies, wie in den Lokalnachrichten im Radio bereits angekündigt, aus Ost-Nord-Ost nicht mit fünf, in Böen gar sechs bis sieben Windstärken, sondern schon jetzt mit einer strammen, runden 7, ganz abgesehen von den Böen, welche schon zu dieser frühen Stunde der Reise bequem volle Sturmstärke erreichten. In Anbetracht dieses beträchtlichen Rückenwindes konnte Ulli Zeetz als verantwortlicher Schiffslenker zumindest für das Erste getrost auf den läppischen Außenborder verzichten. Umso mehr gefragt jedoch waren die Segelkünste der insgesamt sieben Mann zählenden nautischen Crew, die es für diesen exzentrischen Törn in Richtung Innenstadt nun mit eher gemischten Gefühlen in die Wanten des Zweimasters trieb angesichts der deutlich mehr als gewogenen Unterstützung durch das luftige Element. Hören Sie, wussten Sie eigentlich schon, werte Lesende, wie hoch die Wellen reichen können auf dem Preußischen Meer, derart nahe gelegen an einer zivilisiert wirkenden Großstadt wie Berlin (Meinen Sie wirklich, gibt es da noch ein anderes, sehr viel imposanteres preußisches Meer)? Zwei bis drei Meter höchstens, meinen Sie ..., so wie in der Ostsee? Ha, weit gefehlt, Sie machen sich ja keinen blauen Dunst – bedenken Sie nur, dass aufgrund der oftmals begrenzten, da befestigten Ufer die Wellen sich ja gar nicht ausschaukeln, sondern im Gegenteil, sich immer nur weiter aufschaukeln müssen, je höher der Seegang infolge des einwirkenden Sturmwindes sich aufzutürmen können!

Das ist der berühmte Badewannen-Effekt; einige Seeleute mit beträchtlicher Erfahrung, welche auch schon Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts den Müggelsee mit ihren kohlebeladenen Lastkähnen regelmäßig zu überqueren hatten, berichteten von wahren Kavenzmännern, von regelrechten Wänden aus Wasser, die da mit elementarer Gewalt über ihren offenen Kohle-Lastkahn-Kolonnen zusammengeschlagen wären bei längerer Sturmdauer, so ab Windstärke 10, und damit so manchen erfahrenen Flussbären derart überfordert hätten, dass auf dem tiefen Grund des Müggelsees bis heute so manches gewaltige Schiffswrack ruhen würde. Zum Glück passierten die Männer auf der "Gote Wind" nur den äußersten Rand des bald sturmumtosten Meeres und gelangten zügig in die ruhigeren, jedoch dafür von heftigen Böen umso stärker heimgesuchten Gewässer des Spreeunterlaufs. Rasant kam die Hansekogge voran, sie segelte zugegebenermaßen mit dem Wind, welcher meist aus östlichen Richtungen bald nun auch orkanartig blies, mit berauschender Geschwindigkeit passierten sie Köpenick, Spindlersfeld, Johannisthal, Nieder- und Oberschöneweide, die Königsheide und bald den Plänterwald, so dass kaum zweieinhalb Stunden vergangen waren, bis sie den Bullenbruch erreichten, ein kleines Eiland auf Höhe der Nalepastraße, gleich gegenüber des ehemaligen Gebäudes, in der weiland dem Fall der Mauer der Rundfunk der DDR seine wohlbehütete Heimat gefunden hatte.

 

Kapitel 3: Die Liebesinsel im Strom und nächtliches Treiben

Doch was war das? In regelmäßigen Abständen stießen große Kanus vom Ufer der Insel im Strom ab, sich darin duckend schwarz vermummte Gestalten, welche das Haupthaar unter weiten Kapuzen verbargen. Wie eine lange Perlenkette schmückten bald die Kanus schon die mondglänzende Spree und durchpflügten den Flusslauf stromabwärts. Bald war die Hansekogge umringt von den hölzernen Langbooten, deren Insassen wohlgeübt im symmetrischen Gleichschlag back- wie steuerbords die Stechpaddel mit großer Kraft eintauchten und so die hölzernen Boote vorwärts stießen. Kein menschlicher Laut zu vernehmen, nur das Rauschen der Wälder, das Tosen des Windes, das Plätschern und strudelnde Glucksen des Wellenschlages begleitete die seltsame Armada auf der Reise in Laufrichtung der Mündung des Flusses.

Im weiteren Verlauf des Abends fanden sich bald der Schiffsjunge und Kapitän Ulli Zeetz gemeinsam am Schiffsbug wieder, obschon sie da ja beide recht wenig zu suchen hatten. Der eine sollte sich eigentlich unter Deck in der Kombüse um den allfälligen Abwasch kümmern, der andere jedenfalls nicht am Bug zu finden sein, denn er war ja für das Wohl und Wehe der Besatzung verantwortlich, und deren Schwerpunkte befanden sich im Moment in jedem Falle vermehrt unter Deck bzw. auf der Brücke hinter dem Hauptmast der wohlgefälligen Kogge. Dennoch, die beiden befanden sich aufgrund gemeinsamer, vor allem sozialer Intelligenz und geteilter Neugier am Bug des Schiffes, um Ausschau nach der Richtung zu halten, die die Perlenkette aus wacker von wohlgeführten Stechpaddeln bewegten Kanus wohl einschlagen würde. Allein es half nichts: einer musste hinauf in den Ausguck, um nach dem Rechten zu sehen und sagen zu können, wohin denn die vermummten Gestalten ihre Reiseroute lenkten, denn keinem der beiden ließ es Ruhe, weder dem Ältesten noch dem Jüngsten an Bord, bis nicht klar geworden wäre, was die ganze Prozession für einen Weg folgen würde.

Über die Wanten stieg der Schiffsjunge in das so genannte Storchennest. Mittlerweile befand sich die "Gote Wind" auf der Höhe der breitesten Stelle des Flusses auf seinem langen gemächlichen Lauf in die Havel. Ganz links lag klar im Mondschein sichtbar die Insel der Tugend, durch die bogenförmige Abteibrücke mit den Gestaden des Treptower Parks verbunden. Ganz zur rechten Hand begrenzte das Sichtfeld der Hafen auf Lichtenberger Seite mit dem dahinterliegenden Gelände der ehemaligen Nylonstrümpfe-Produktion der AGFA-Werke, auch diese unternehmerische Tat vergessen und längst zur Industrie-Geschichte geronnen. Spätestens bei einer der Bombennächte des Zweiten Weltkriegs war hier Schicht im Schacht gewesen. Umso interessanter die Gegenwart, dachte sich der Schiffsjunge: Ungefähr auf Höhe der Mitte des Panoramas, leicht backbordseitig der Spundwand als Zufahrt zur Rummelsburger Bucht vorgelagert, auf der Steuerbordseite des Kratzbruchs, einem winzigen Ödland von irgendeinem gewaltigen Sturm der Landspitze der Halbinsel Stralau abgerissen, das die Abgabelung zwischen dem Hauptlauf der Spree und dem alten versandeten Seitenarm, der heute die Rummelsburger Bucht ist, markierte, lag die Liebesinsel, ein üppig mit Vegetation ausgestattetes Eiland. Genau dort landeten die Kanus an und wurden flugs über die Uferböschung gezogen, verschwanden im unsichtbaren Bereich der über und über von Vegetation beflorten Insel. Zwischenzeitlich war Kapitän Zeetz seiner Aufsichtspflicht folgend doch einmal unter Deck gegangen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Die meisten Personen hatten eine seltsame Abart der hinlänglich bekannten Seekrankheit befallen, das heißt, sie waren nicht die ganze Reise über damit beschäftigt, in ein Außen, das heißt über Bord, die Fische zu füttern mit dem überaus köstlichen Omelette vom Friedrichshagener Markt, sondern es schien ein jeder für sich ganz massiv, still und leise mit so einer Art Innenschau beschäftigt zu sein, viele wirkten als kaum ansprechbar. Was so ein bisschen hoher Seegang in so einer sturmdurchpeitschten Nacht nicht alles bewegen kann? Kapitän Zeetz schien es, als würde das gerade den hohen Beamten einmal ganz recht tun, so eine stille und leise Innenschau, welche ihm auch gar nicht so fremd schien, denn auch er hatte nach und nach während der Reise immer wieder die Gelegenheit ergriffen und sich mit interesselosem Wohlgefallen der Kontemplation hingegeben angesichts dieser herrlichen mondbeschienenen Sturmnacht auf dem Weg in das Herz einer so schönen großen pulsierenden Stadt wie Berlin.

Vom hohen Ausguck hatte der Schiffsjunge einen wirklich imposanten Panoramablick über die ganze Szenerie zu seinen Füßen. Allmählich zeichnete es sich endgültig ab, wohin die Kapuzenmenschen in den hölzernen Nachen strebten, wirklich auf die Liebesinsel. Ismael hatte nicht halluziniert, obschon ihm schien, dass es gegenwärtig eine gewisse Tendenz im Sinne seiner Wahrnehmungsfähigkeit zugunsten einer Abwandlung oder Veränderung der Sinneseindrücke gab. Er zumindest ging mit diesen sich verändernden Sinneskanälen und der darauffolgenden Unsicherheit recht souverän um. Oben am Storchennest war eine Signallampe angebracht. Innerhalb einer Minute schickte der Junge aus der Kombüse wohlgeübt im Morsealphabet die Nachricht an den Steuermann, der schläfrig und noch immer mit der metabolischen Verarbeitung des Omelettes beschäftigt über sein Schiffsruder gelehnt lag; allein, er erhielt auch noch den Hinweis, sich wegen weiterer Instruktionen an den Käpt'n zu wenden, aus den Augenwinkeln bekam dies der geschulte Seemann gerade noch mit. Ein vorbeischwankender Maat war schnell beauftragt, Ully Zeetz zurück an Deck zu holen. Kaum wieder oberhalb der Wasserlinie, ließ dieser den Kurs neu anpassen. Nahziel war jetzt die Backbordseite der Liebesinsel, die mit gerefften Segeln und dem Schleppanker ausgeworfen ans Tau geklinkt zur deutlichen Verlangsamung des Schiffs im Gegen-Uhrzeigersinn zu umrunden sei. "Wir wollen doch dort einmal nach dem Rechten sehen", sagte Ully Zeetz mehr zu sich selbst, denn ein so starker Sportbootsverkehr bei diesem Sturm und um diese Zeit ließen einen alten erfahrenen und listenreichen Seebären über alle Maße neugierig und erstaunt zurück.

 

Kapitel 4: Nächtliches Treiben am Strand

Von seinem Ausguck bemerkte Ismael, dass überall auf der Insel Fackeln entzündet wurden und sich die Kapuzentragenden in langen Kolonnen auf einen bestimmten Punkt der Insel zubewegten, der durch eine größere Ausbuchtung sogar auf Google Maps spezifizierbar ist. Die Einheimischen sprechen hierbei von der sogenannten Schwanenbucht der Liebesinsel (schließlich war die Tochter der Liebesgöttin, Leda, eine ganze Weile mit einem ganz besonderen Schwan liiert und der Rest ist Mythos, da gehen wir jetzt gar nicht weiter darauf ein). Hoch betagte Ortsansässige erinnern sich sogar noch an ein Restaurant, ein Wirtshaus auf der Liebesinsel, das einst per 6-Personen-Fähre mit dem Festland in regelmäßigem Verkehr stand. Noch können Photographien aus den 1920er Jahren dies bezeugen (ich habe selbst zu Hause einen Abzug davon); bei der ganzen Angelegenheit handelt es sich ja wahrlich nicht um frisch gesponnenes Seemannsgarn, wie Sie sicher auch bemerkt haben. Aber was sage ich, schweife schon wieder ab (Räuspern): Mittlerweile erstrahlte die Insel der bekannten Göttin im milden Glanz der Fackeln, die von Hand zu Hand gegeben, weiter entzündet wurden. Mit deutlich trägerer Fahrt (dank des Schleppankers) hielt jetzt die "Gote Wind" direkt auf die Schwanenbucht zu. Mit einem Male entflammten an den Insel-Stellen, welche die Himmelsrichtungen markieren könnten, vier große Lagerfeuer, vom Schiff aus sehr gut zu sehen, denn es wirkte aus der Totalen der Menschen auf der "Gote Wind" fast so, als ob da auf dem Eiland plötzlich vier große Scheinwerfer angeschaltet worden wären, um endlich mit irgendwelchen lange schon anstehenden, gut vorbereiteten Dreharbeiten mitten in der Nacht beginnen zu können. Aber ... – was ist das? Seit wann können sich solch' große Lagerfeuer in Bewegung setzen (da geht es ja zu wie in Shakespeares "Macbeth", wo gleich ein ganzer Wald herbeiwandert)? Sei es, wie es sei, jedenfalls bewegten sich die Feuer jetzt. Und dann geschah das, womit Kapitän Zeetz insgeheim die ganze Zeit schon gerechnet hatte: Er wusste nur nicht recht, wieso, weshalb, warum und wann. Ein tiefer, kehliger Ton schwoll an wie ein Stausee, der sich allmählich bis zum äußersten Rand füllt, teilte sich auf in drei Stimmlagen, dann wurden viere, fünfe daraus und nach und nach gesellten sich noch mehr dazu. Es klang fast, als würde sich ein vielhundert-köpfiger Chor einstimmen auf ein großes Konzert. Gemächlich trieb es die "Gote Wind" jetzt dicht an die Liebesinsel heran, die Einzelheiten des Geschehens rückten so sukzessive wie bei einer langsamen Zufahrt mit der Filmkamera immer näher, entwickelten Konturen und klare Formen. Die großen, langsam wandernden Scheiterhaufen sind auf fahrtüchtigen Gestellen aufgetürmt und diese werden von je zwölf Fackeltragenden mühsam gezogen. Soviel war mit bloßem Auge vom Storchennest aus deutlich zu sehen. Überall auf dem Eiland strebten lange Kolonnen aus fackelbewehrten, prometheisch wirkenden Gestalten bedächtigen Schritts auf die besagte, einzige Bucht der Insel zu – dabei schwoll der Gesang immer weiter an. Ully Zeetz wusste instinktiv, wenn er jetzt nicht handelte, beschwörte er eine gewaltige Katastrophe für Leib und Leben der ganzen Schiffsbesatzung herauf. Wie vom Blitz gesandt stand ihm ein uraltes, schmerzhaft eingebranntes und regelrecht in das Gedächtnis zurückkatapultiertes Bild vor Augen. "Genau denselben Spuk habe ich an anderer Stelle schon einmal erlebt." Zeetz reagierte geistesgegenwärtig, trommelte in einem Affenzahn seine Leute zusammen, sprich: nautische Crew, und ordnete an, dass sämtliches verfügbares Kerzenwachs an Bord sofort zusammengetragen werde und dazu müssen von den Waschgelegenheiten an Bord alle verfügbaren Wattebäusche und -reste, und daraus solle anschließend sofort Oropax gebaut werden, damit die Ohren aller an Bord befindlicher Personen versiegelt werden können, damit diese das, was zwangsläufig kommen wird, nicht zu hören bekommen mögen, und er selber solle, jetzt subito!, mit den abgefierten Schoten des Focksegels, welches bei dem starken Rückenwind gar nicht gesetzt zu werden brauchte, an den Hauptmast der Kogge gebunden werden, und Pronto! umso fester, desto besser. Leider vergaßen die Seeleute in der gebotenen Eile ausgerechnet die überaus wichtige Person, welche weit oberhalb des Decks ihren Dienst verrichtete: den Schiffsjungen Ismael, der nun gewissermaßen den Feldherrnblick auf das weitere Geschehen in einsamer Zurückgezogenheit genießen durfte. Gerade rechtzeitig waren die Befehle des Kapitäns umgesetzt, da brach auf der Insel das Spektakel los. Wie bei einer Theaterbühne wurde die wandartig wirkende Vegetation einfach beiseite gezogen an der Stelle, an der der schmale Strand der Schwanenbucht sich ins Insel-Innere verjüngte – ganz wie wenn ein Theatervorhang vor der Guckkastenbühne weggekurbelt wird oder in einem großen Kintopp-Saal der 1920er Jahre dies dann schon elektrisch erfolgte, als zum Kinematographen noch 1.000 Menschen oder mehr gingen und Platz fanden in den feudalen Sälen. Hier nun war eine große sandige Fläche, auf die der Blick sich nun öffnen konnte, freigemacht. Alle Kapuzen tragenden Kanufahrer, es mögen mittlerweile auch gegen 1.000 sein, hatten sich an und um die Bucht herum versammelt. Der auf- und abschwellende Laut, koloratorisch mit Ober- und Untertönen polyphoner Art gemischt, verklang -- und Stille herrschte ringsherum. Kein menschlicher Laut zu vernehmen, nur das Rauschen der nahen Wälder, Brausen der Sturmwinde, das Plätschern und strudelnde Glucksen der aufgepeitschten Wellen und das mächtige Flackern, Knistern und Zischen der vier Scheiterhaufen am Strand. Die "Gote Wind" glitt wie in Zeitlupe etwa 20 Meter entfernt auf gleicher Höhe mit der Liebesinsel . Als hätten sie darauf nur gewartet, streiften alle auf der Insel Versammelten gleichzeitig ihre abenteuerliche Vermummung ab und blickten stumm und starr auf das unverhoffte Publikum, das sich auf der "Gote Wind" im mehr oder weniger derangierten Zustand befand. Oftmals schulterlange Haare quollen unter den Kapuzen hervor, andere trugen selbiges eher kurzgeschnitten – nur eines war jetzt klar: Es sind ausschließlich unglaublich viele Frauen, die ihre Stimmen nach einer effektvollen Pause nun erhoben und zu einem mächtig tönenden Choral-Gesang anschwellen ließen. Ully Zeetz ging es wie einst. Er wunderte sich nur, dass aus den ursprünglichen zwei Konzertantinnen über die unzähligen Generationen seit dem siebenten Jahrhundert vor der großen Zeitenwende derer so viele hatten werden können. Er war von der gewaltigen, lockenden Kraft des Gesangs gleich wieder wie verzaubert und fuhr seine Leute an, sie sollten jetzt SOFORT direkt die Insel ansteuern, damit er die nun folgende Zeremonie endlich einmal aus nächster Nähe erleben könne. Selbstredend reagierte die eh stark absente Crew achselzuckend, denn nicht von ungefähr wurden ihnen ja gerade noch rechtzeitig die Ohren mit Wachswatteballen verschlossen. Ohne dass sie viel mehr als ein fernes Grollen und Gellen vernehmen konnten, brandete der Chor aus weiblichen Stimmen nun mächtig auf, vermischte sich mit dem mächtiger werdenden Tosen des Sturmwindes. Dem Schiffsjungen Ismael hoch droben in seinem Ausguck schwante es, dass sich hier nun wirklich der Vollzug eines archaischen Rituals anbahnte, wie er es sich selbst nicht in seinen kühnsten Träumen und Phantasien von matriarchalischem Kultus hatte je ausmalen können. Vom Ausguck nun am besten zu sehen, aus der Mitte des sichtbaren Kreises strebte mächtig und sehr schnell am Stiele etwas pflanzenhaft empor, was aus der Ferne wie ein Stein aussah. Der Stamm wirkte gedrungen, nicht sehr hoch und nicht sehr schlank und hatte an seinem oberen Ende eine Art helmförmige Haube, die sich auch farblich und in der Struktur vom stämmigen Säulen-Stiel deutlich absetzte. Für einen zufällig anwesenden Pilzkundigen, der auch noch mit der örtlichen Topographie vertraut wäre (einer von den Beamten mittlerer Laufbahn an den Bullaugen unter Deck), mutete das Gebilde an wie eine wilde Kreuzung aus einem gigantischen Abbild eines Phállus impudicus, zu Deutsch: die Gemeine Hexenmorchel, und einem formschönen Modell des Wasserturms am Ostkreuz, hier vor Ort als Wahrzeichen und städtische Landmarke hochverehrt. Auf diese höher und höher emporwachsende Chimäre geformt aus Fruchtkörper und Steinartigem wanderten nun die aus allen Himmelsrichtungen heranrückenden mobilen Scheiterhaufen langsam zu. Ully Zeetz bettelte mittlerweile an seinen Mast gefesselt verzweifelt darum, man möge das Schiff noch näher an die Bucht heranmanövrieren, damit er das mythenumrankte Geschehen endlich einmal aus nächster Nähe verfolgen könnte.

Unbemerkt von der nautischen Besatzung hatte sich mittlerweile der Schiffsjunge vom Ausguck herabbegeben und achterwärts der "Gote Wind" den kleinen Außenbordmotor angeworfen, dessen sonores Surren und Blubbern von der fulminanten Geräuschkulisse regelrecht verschluckt wurde. Der Schiffsjunge steuerte nun die Kogge tatsächlich noch näher an die Bucht heran; der Crew selbst war das egal, alle starrten wie gebannt auf das Geschehen an Land. Die vier mobilen Scheiterhaufen erreichten langsam, erbarmungslos langsam den emporgeschossenen Kultstein in der Mitte der kreisrunden Fläche, die wie eine Bühne anmutete, ja wie der Mittelpunkt eines Amphitheaters der klassischen Antike. Die Scheiterhaufen fielen krachend über dem mächtigen Pilzstein zusammen. Wird der gar nun als Götzenbild verehrt? Nun schwoll auch der Gesang der mindestens zwölfstimmigen Frauenchöre bis ins Crescendo furioso an. Die Hitze infolge der ineinander über dem Kultstein verkeilten Scheiterhaufen trieb den schwarz gewandeten Frauen den Schweiß in die Stirn, während sie in beginnender Ekstase sich windend die Skulptur, oder besser Installation, zuckend umtanzten. Die "Gote Wind" schmiegte sich so an den Strand, dass sie gerade noch manövrierfähig blieb. Ully Zeetz war überglücklich und frohlockte, dass er nun doch noch Zeuge des Rituals werden würde. Er grinste wie ein unter Drogen stehender Karmelitermönch nach der finalen Lebensbeichte. Infolge der Hitze begann der im Feuer stehende Pilzstein von innen heraus zu glühen und in wechselndem Farbenspiel zu pulsieren. Das erinnerte Ismael, der von der abgewandten Heckseite aus das wilde Treiben beobachtete, an das Leuchten im Innern der Mehlspeise, die die Besatzung gemeinsam im Schein der Kerzen unter Deck im Bauch des Schiffes zu Beginn des Turns eingenommen hatte. Mit einem Paukenschlage krachte eine gewaltige Explosion mitten durch den Scheiterhaufen, als sei der Pilzstein in 1.000 Stücke zersprungen; die Nacht war nun von gleißender Helligkeit in ständig changierenden Farben erleuchtet; vor den Augen der Männer an Bord begann sich die ganze Szenerie zu fragmentieren, bis zunächst nach der taghell blendenden Helle nur noch vorüberfliegende, gewaltige Schatten wie Scherenschnitte das Dunkel durchmaßen, nur gelegentlich noch zuckten helle Blitze und Lichtspalten auf, darin sich tummelnd Schatten wie riesige Fledermäuse oder um den Faktor 13 vergrößerte Scherenschnitte von Krähenflügeln, und der Gesang der Frauen tönte jetzt kehlig-krächzend wie das vielhundertfach verstärkte Konzert eines Meeres von Rabenvögeln, die sich zu einem Rave in einem gewaltigen Baum – der Weltenesche gleich - auf einer kleinen Insel im Strom versammelt hatten. Und dann schwirrten Vögel, Fledermäuse und amorphes Gekröse mit einem Schlag hinaus und umflatterten die Insel in rasender Geschwindigkeit, ein ohrenbetäubendes Getöse, Geschrei und Gekrächze veranstaltend – bis sie sich auf die Besatzung der "Gote Wind" stürzten, alles in eine dichte Wolke aus wirren Flügelschlägen einhüllend. Das Gewimmel hob sich ab vor einem vollmondbeschienen Nachthimmel und schien so dicht, dass selbst die unter Deck an den Bullaugen klebenden Seekranken kaum mehr erspähen konnten als stroboskopisch vorbeizuckende Schwärze. Den fliegenden Wüsten-Derwischen gleich flatterte und schepperte, krächzte, quietschte, jaulte, holperte und polterte es über Deck. Die verschreckten, tief in ihre eigentümliche Seekrankheit verstrickten Beamten, die ja in der Eile kein Wachs mehr für die Ohren abbekommen hatten, verkrochen sich verängstigt in die hinteren Winkel des Schiffsbauchs. Sie ahnten, dass das, was sich da gerade an Deck ereignete, auch ihnen bald blühen könnte. So wurden sie stille Zeugen der gellenden Schreie der Besatzung, lauschten dem aufgeregten Geflatter, Gewimmel, Gekratze und Geraschel. Wiederholt war das laute Aufklatschen zu hören, wenn eine der Personen an Deck verzweifelt über Bord ging, um sich dem rasenden Gebaren der schwarz gefiederten Mischwesen zu entziehen, alles übertönt vom nun nicht mehr lieblichen, sondern dissonant krächzenden Geschrei der Sirenen, die nicht Halt machten, bis nicht auch der letzte Wurm an Deck ihren mehr als fragwürdigen Reizen gehuldigt hatte, wenn sich nicht rechtzeitig voller Verzweiflung über Bord gestürzt in den tobenden Fluss. Unter Deck umklammerten die Verängstigten bebend vor dem, was sie sich in ihren Fieberphantasien ausmalten über die Begegnung mit dem, was da an Schrecken weit außerhalb jeder Vorstellung des Alltagslebens an Deck stattfand, und das dennoch die langen Schwänze (sprich: Flugfedern) hinter sich herziehend direkt über ihren Köpfen einherstolzierte, die greifbaren Stuhl- und Tischbeine in der großen Kajüte des Restaurant-Segelschiffs. Oben an Deck war es wieder ganz stille geworden. Nur das Plätschern der Wellen, die sich an den Planken der "Gote Wind" brachen, das stetige Tosen des Windes, das unermüdliche Rauschen der Wälder und das strudelnde Glucksen der nahen Brandung am Inselstrand waren zu hören.

In ihren Angeln ächzend knarrte langsam aber unerbittlich die Kajütentüre auf: Hinunter fiel in vollem Mondeslicht der gigantische Schlagschatten einer Fledermaus und müsste sich eigentlich im rückwärtigen verspiegelten Teil der Kapitänskajüte gebrochen haben. Allein: Dort war nur der gleißende Vollmond zu sehen... . Was dann kam, könnte als brüllender Lärm, tobendes Chaos, helle Panik und der volle Galopp der apokalyptischen Reiter durch die verletzlichen Seelen bezeichnet werden – und alles versank im Trauma und vor gähnender Angst in sirrender Todesvorahnung — bis auch der letzte Beamte sich in die rettende Bewusstlosigkeit geflüchtet hatte. Kopf in Sandmännchens Schoß legen immer noch gute Alternative zur Wirklichkeit, sagte man sich für gewöhnlich selbst in höchsten Entscheider-Kreisen.

 

Kapitel 5: Lieber ein Ende voller Schrecken als ein Schrecken ohne Ende

So, und wie soll es jetzt weitergehen? Diese Frage sei mal erlaubt. Nachdem die Besatzung des Schiffs entweder unfreiwillig über Bord gegangen ist, gleich Opfer des Sirenen-Gemetzels wurde oder an den Mast gefesselt oder geistesgegenwärtig genug war, noch rechtzeitig über Bord zu gehen, sich dann an das Tau des Schleppankers zu hängen, um nur mit Stirn und Augenpaar über Wasser aus sicherer Distanz das weitere Geschehen auszuspähen, was bleibt da an lenkbarer Energie noch übrig, um ein Schiff wie die "Gote Wind" vollends zum Paul-und-Paula-Ufer zu segeln? Sollen etwa die Sirenen selber das Schiff weiter in die Rummelsburger Bucht hineinsteuern oder was?!? Und Skylla und Charybdis? Die gehören schließlich als nächste Stationen zur Odyssee auch dazu. Willst du etwa aus den zwei einander gegenüberliegenden Enden der Spundwandkonstruktion als Flussenge und Zufahrt zur Rummelsburger Bucht zwei antike und furchtbaren Schrecken verbreitende Meeresungeheuer klassischen Angst-Ausmaßes zaubern oder was!?! Geht's noch bei dir? Glaubst du, du hast sie wirklich noch alle beieinander oder gibst du jetzt ENDLICH auf mit diesen haarsträubenden Bemühungen, die Sache am Ende doch noch gut ausgehen zu lassen? Alter, das läuft nicht - ...Gut, ich weiß, ich weiß, es ist schon spät..., nun habe ich aber doch noch eine Idee, pass mal auf und hör zu beziehungsweise lies: Die Sirenen fliegen, nachdem sie sich an der gesamten Besatzung gelabt haben, zum Ostkreuzturm als Original jetzt in vergleichender Beziehung – auch blickachsenmäßig (Du verstehst? Blickachse, intellektuell immer wichtig) — zum Götzenbild am Strand en miniature. Dort halten sie jetzt ihren finalen Hexensabbath ab. Das ist in etwa so wie das volle herbstliche Gegenstück zur Walpurgisnacht im Frühling auf dem Harzer Brocken. Ismael und Käpt'n Ully überleben als einzige den Angriff. Aus irgendeinem Grund wurde Zeetz verschont, vielleicht gerade weil er dem Sirenen-Konzert zugehört, sich begeistert gezeigt und sich damit der Macht, dem rauschvergessenen Verlangen der Chimären hingegeben hatte. Ismael hingegen wurde im Wasser nicht entdeckt oder übersehen, denn vielleicht hatte er ja als dreizehnjähriger Schiffsjunge auch noch nicht ganz das Mannesalter erreicht, und das mag dann besondere Gründe der Schonung nach sich ziehen. Sobald beide wieder halbwegs auf dem Mast beziehungsweise vom Mast los sind, jagen sie den Sirenen hinterher, können natürlich aber den Hexensabbath dort an Land nicht aufhalten, das heißt dem Ostkreuz-Turm geht es so wie der Skulptur: Die Sirenen bringen auch ihn mittels ihres betörenden und schaurig-schönen Gesangs zuerst zum Glühen und Pulsieren, dann farbmäßig prächtig Changieren, konventionelles Feuerwerks-Gedöns ein feuchter Dreck dagegen, und die Sirenen treiben da also weiter gründlich ihren mitternächtlichen Schabernack. Kann der alte Wasserturm das Ganze aushalten oder kommt es da am Ende zur großen katalytischen Katastrophe für Friedrichshains altehrwürdiges Wahrzeichen? Kapitän Zeetz wird gemeinsam mit Schiffsjunge Ismael im Dunst des Morgengrauens völlig verstört, mit zerfetzter Kleidung, über und über verkratzt und blutüberströmt auf der am Paul-und-Paula-Ufer gestrandeten "Gote Wind" gefunden. Mit Beginn der ersten Morgenröte war wieder Stille eingekehrt, als der Fundort begangen wurde: Nur das Plätschern der Wellen, die sich an den Planken der "Gote Wind" brachen, das nachlassende Tosen des Windes, das Rauschen der Bäume am Ufer und das strudelnde Glucksen der Brandung am Strand des Paul-und-Paula-Ufers waren zu hören gewesen. Also, was wollt ihr? Das Restaurant-Segelschiff hat wenigstens letztendlich sozusagen den Stresstest bestanden und das Ziel unter eigenen Segeln, nur unterstützt vom spärlichen Einsatz des Außenborders, in der geforderten Zeit erreicht. Das ist schon mal ein Pluspunkt. Einmal aufgefunden, wandern Ismael und sein Kapitän zunächst zur Untersuchung in die psychiatrische Sektion des Urban-Krankenhauses ("Ich mach dich Urban!" endlich mal verwendet in einer überraschenden Wendung...). Und sowohl im Polizei- wie auch im Meteorologischen Bericht von dieser Nacht taucht ein schreckliches Gewitter mit Hagel, Hochwasser, Sturm bis Orkanstärke, mit Kugel- und anderen seltenen Blitzarten der nach oben offenen Gewitter-Eskalations-Skala auf, das in der Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens über der östlichen Innenstadt getobt haben soll. Schwerpunkt, also Sturmauge offenbar die Gegend um den Bahnhof Ostkreuz in Friedrichshain. Begleitet wurde das Ereignis von zahlreichen entgleisten S-Bahnen, völlig verstörten Gästen im Nah-, Fern- und S-Bahn-Verkehr und auf dem Bahnhof selbst; am Wasserturm des Ostkreuzes wurden erstaunlicherweise erhebliche Hitzeschäden festgestellt, als hätte der Turm in der Nacht tatsächlich gebrannt, zudem sind unzählige neue Risse im Mauerwerk zu den schon vorhandenen dazugekommen, so dass der Turm nunmehr vom statischen Bauamt als erheblich einsturzgefährdet bewertet wird, so oft wurde er von einer Unzahl an Blitzeinschlägen in dieser Nacht zu vorgerückter Stunde getroffen – und einige ältere S-Bahn-Gäste, die völlig verwirrt, verzeifelt und offenbar auch traumatisiert zunächst ebenfalls in der Psychiatrie landeten, berichteten davon, dass sie in dieser Nacht den verheerenden Luftangriff vom 27. Januar 1944 auf Berlin noch einmal wiedererlebt hätten, mit Bombenteppich und ganz schwarz angestrichenen alliierten Jagdbombern, die durch die umliegenden Straßen und über den Bahnhof gewischt seien, um Jagd auf die Passanten zu machen. Und unerklärlich blieb, dass überall auf dem betroffenen Gelände Blut gefunden wurde, an den Kleidern, unter den Fingernägeln und auf den Gesichtern der Passanten und Fahrgäste, am Turm selbst und überall in großen Lachen auf den Bahnsteigen. Das Merkwürdige nur, als die Proben aus den Labors retour gekommen waren, stellte sich heraus, dass es sich meistenteils seltener um Menschen- als vielmehr um Vogelblut handelte. Das aber verschwieg der Polizeibericht geflissentlich.

Sonja Meggers
Spielzeug-Feuerwehr

Legenden vom Ostkreuz

Eine Anthologie

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Ostkreuz
15 Jahre im Literaturwettbewerb

 

Es begann alles in einem kleinen und verlassenen Gemüseladen, in dem schon 1903 Brot und Schrippen gebacken und gleich nach dem Ende des schrecklichen 2. Weltkrieges Wäsche und Gardienen gebügelt und aufgehübscht wurden.

Mit der Wende 1990 verlor der Stadtteil zwischen Spree und Bahngleisen und Warschauer Straße und Ostkreuz etwa 9000 der benachbarten Arbeitsplätze. Viele der Anwohner waren persönlich davon betroffen. Der Kiez rund um den Rudolfplatz sollte und wollte natürlich weiterleben.

Das war auch Anliegen des Berlin- Brandenburger Bildungswerkes. Ein Projekt für die Gegenwart und Zukunft  -  "RuDi der Stralauer Kiezladen" wurde geboren. Lebenshilfe für den Alltag, für Ältere und Junge, für Kiezbewohner mit und ohne Arbeit, für Kinder und Jugendliche aus den benachbarten Schulen, für Bewohner jenseits der S-Bahngleise und für Flüchtlinge vor dem Krieg auf dem Balkan, das war das tägliche Brot, das nun im Kiezladen gebacken wurde.

Wegzug von Gewerbe und weitere Entvölkerung von Ladengeschäften, jahrelanger Straßenbau und böse Sprüche wie "Ostkreuz – Rostkreuz" waren Herausforderung, sich gegen diese Entwicklung zu stemmen. Ein Aufruf zum Fotowettbewerb und der Suche nach historischen Fotos aus Familienalben brachte erstaunliche Ergebnisse und über 20 sehenswert gestaltete Schaufenster. Auch die Politik merkte endlich auf und die vier Wohngebiete um das Ostkreuz in Lichtenberg und Friedrichshain wurden Fördergebiete für Euromillionen aus Brüssel. Urban II hieß nun das Zauberwort.

Ein winziger I-Punkt in dieser Phase, so dachten wir, könnte ein literarischer Schreibwettbewerb werden, vom RuDi initiiert und betreut.

Gemeinsam mit Manfred Bofinger, dem bekannten Karikaturisten, Buchillustrator und Autor, der gerade bei uns Plakate ausstellte, wurde aus der  Idee ein praktikables Konzept. Bofi übernahm, fast selbstverständlich, den Vorsitz der Jury und beglückte uns nach einer "Sonderschicht" für den RuDi mit dem genialen Logo, das auch den aktuellen Umschlag ziert. Er hatte uns offensichtlich in sein großes Herz geschlossen - den kleinen Laden mit den vielseitigen Angeboten und seine Besatzung. Denn gleich um die Ecke hinter der Elsenbrücke am anderen Spreeufer, in der Treptower Plesserstraße, tickte sein Kiez mit ähnlichen Nöten und Sorgen, aber ohne einen RuDi!

"Ostkreuz - zweimal täglich" war 2001 geboren und die Resonanz zum ersten Schreibwettbewerb war für uns so überwältigend, dass aus den Beiträgen unbedingt eine Broschüre für alle Teilnehmer entstehen musste. Bofi zeichnete die Preisträger aus und gab gleichzeitig den Startschuss für Jahrgang zwei. "Ostkreuz 2020" war das hoffnungsvolle Thema.

Auf diese Idee brachte uns Ilse Treue, Drittplatzierte des ersten Jahrgangs, mit ihrem Text "Blicke aus einem Haus, das es nicht mehr gibt". Sie spannte den Zeitzeugenbogen von 1949 bis in die Gegenwart und endete: "Sein Umbau (Bahnhof Ostkreuz) sowie eine freundliche Gestaltung des Wohngebietes würden wir gerne noch erleben." Diesen Wunsch hegt sie mit über 93 Jahren bis heute und ist mit fast ununterbrochener Teilnahme die älteste und treueste Verbündete des RuDi und das gilt nicht nur für diesen Wettbewerb.

Bofi hat die Texte mit Blick in die Zukunft nicht mehr lesen können. Er starb nach langem Ringen mit dem Tod 2006. Seine Lebensfreude, die Begeisterung vor allem für Kinder als Zeichen seiner Kunst wollten und werden wir im RuDi bewahren. Ein Besuch an seinem Grab auf dem Friedhof in Stralau mit der Marmorfigur eines lesenden Kindes ist nicht nur für mich immer wieder Gelegenheit, mich an einen herzensguten und stets hilfsbereiten Menschen zu erinnern.

Stellvertretend führte Helios Mendiburu, ehemaliger Bürgermeister von Friedrichshain, die Arbeit der Jury weiter und bereicherte mit seinen Vorstellungen den Schreibwettbewerb um das Ostkreuz für die nächsten Jahre.

Mit dem nun vorliegenden dreizehnten Band kann sicher von einer Tradition gesprochen werden, die bei Beginn des Vorhabens nicht in unseren kühnsten Träumen zu erwarten war. Es ist immer wieder erstaunlich, wie vielfältig das Leben rund um das Ostkreuz  literarisch beschrieben werden kann.

Gern habe ich der Bitte entsprochen, für diese abschließende Anthologie einen Rückblick zu unternehmen. Mit besonderer Freude las ich noch einmal die Vorworte, fast alle von meinem ehemaligen Kollegen Rainer Fischer, der nach meinem Ausscheiden die Organisation des Schreibwettbewerbes hauptverantwortlich und verdienstvoll weiterführte und ein Garant für den niveauvollen literarischen Anspruch war.

Viele Beiträge aus den Vorjahren erinnerten mich an turbulente Zeiten des politischen Alltags, die Beeinträchtigungen für die Anwohner durch den immer noch andauernden Umbau des Verkehrsknotens Ostkreuz und den Neubau der Modersohnbrücke, das Für und Wider der Verlängerung der A 100, die Neugestaltung des Lebens im Osthafen und  die Sanierung vieler Häuser und Wohnungen verbunden mit dem Zuzug neuer Kiezbewohner.

Und der Schreibwettbewerb hatte noch eine wertvolle Begleiterscheinung: Es bildete sich ein neuer Zirkel für Freunde der Literatur, in dem sich Interessierte trafen und sich gegenseitig und der Öffentlichkeit ihre neuen Texte vorstellten.

Für die lange Reihe der erschienenen Anthologien gilt allen Teilnehmern am Wettbewerb ein besonderer Dank, ohne ihre Texte keine Publikationen. Dank zu sagen ist den Sponsoren aus dem Umfeld des RuDi und der Jury, ohne die solch ein zu großen Teilen ehrenamtliches Projekt nicht lebensfähig bleiben konnte.

Ich wünsche dem jetzigen RuDi Kultur- und Nachbarschaftszentrum viel neue Ideen für eine noch lange und erfolgreiche Existenz und allzeit ein volles Haus mit zufriedenen Nachbarn und Besuchern.

Eberhard Tauchert
Leiter des RuDi von 1996 bis 2006


 

Peter Mannsdorff
Die Legende vom Federlesen

 

Wollen Sie wirklich wissen, was mit Katharina P. in diesem Jahr geschah? An der Nahtstelle vom Winter zum Frühling? Ich könnte Ihnen so viele Einzelheiten über die dunkelhaarige Frau mit den traurigen Augen sagen. Aber nur eine Episode aus ihrem Leben möchte ich preisgeben. Sie handelt von der kolossalen Veränderung, die Katharina erfahren hatte, einer Art magischer Metamorphose.

Sie hatte im letzten Winter Zeiten der seelischen Einsamkeit durchlebt, sie litt unter der Unfähigkeit, aktiv ihren Alltag zu gestalten, erstickte in Lethargie und Passivität. Fantasielosigkeit bestimmte ihr Leben. Sie vergrub sich unter der Bettdecke, verließ ihre Einraumwohnung nur, um das Nötigste zu kaufen: Brot, Margarine und Käse.

Sie war müde, lebensmüde.

Sie hatte keine Kraft mehr, wollte nicht mehr.

Eines Tages aber explodierte es in ihr. Sie hielt es nicht mehr aus. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Dieses bisschen Leben auf der Durststrecke? Katharina wollte unter Leute gehen. Ihre Luft zum Atmen war knapp geworden, sie röchelte nach Freiheit. Sie wollte raus aus dem Angstkäfig ihrer Wohnung. Frische Luft wie Landmilch schmecken, wie Honig kosten, wollte sie.

Es zog sie in die Gegend am Ostkreuz. Oder zum Westkreuz? Eigentlich war es ihr egal. Irgendetwas mit Kreuz müsste es sein. Ein Kreuzweg. Ein Scheideweg.

Sie entschied sich für das Ostkreuz.

Am Ostkreuz hielt sie sich immer gerne auf. Die Schienen trafen sich dort wirklich zum Kreuz; S-Bahnen fuhren in den Bahnhof ein wie Tausendfüßler auf Rollschuhen.

Dort wollte sie jetzt hin.

Sie irrte durch die Straßen, bog wahllos nach links und rechts in Nebenstraßen ein. Bald hatte sie die Orientierung verloren. Sie musste längst in Friedrichshain sein, als sie eine lange Brücke überquerte, die von großen Lampen angestrahlt wurde. Im Scheinwerferlicht hatten Spinnen ihre Netze am Geländer gespannt, schwarze Räuber lauerten auf Beute. Das Wasser der Spree zwirbelte um die Brückenpfeiler. Nächtliches Leben begann. An einem Brunnen saßen junge Leute, spielten Gitarre, sangen. Aber sie saßen in Gruppen. Katharina fand nicht den Mut, sich dazu zusetzen. Allmählich wurde es dunkel. Sie wusste nicht, wo sie war, wohin sie sollte. Wie eine Fremde in der eigenen Stadt irrte sie durch Häuserschluchten. Eine Stadtnomadin, die eine Oase suchte. Verbannt in die eigene Stadt, lebte sie wie im inneren Exil.

Sie verschwand in einem Café, suchte Nähe zu anderen Gästen, wollte mit jemandem reden, einfach nur reden, über Belangloses, Alltägliches. Die meisten Gäste saßen zu zweit an Tischen, sie wagte nicht, sich dazu zusetzen. Jene, die allein saßen, beschäftigten sich mit ihrem Smartphone oder waren über dem Tablet vertieft. Katharina setzte sich an einen freien Tisch. Sie verlangte das Billigste, ein stilles Mineralwasser. Sehnsüchtig blickte sie sich im Café um. Trotz des Wassers, ihr Durst wurde nicht gestillt.

Sie rief den Kellner und zahlte mit einem Fünfeuroschein. Er gab ihr auf fünfzig Euro heraus. Jetzt gehen!? Sie hatte kaum Geld. Das hier war wie ein Lottogewinn. Aber sie wollte ehrlich sein und rief den Kellner zurück. Seine Augen leuchteten auf. "So viel Ehrlichkeit habe ich selten erlebt. Sie haben einen Wunsch frei. Wollen Sie ein Freigetränk?"

Katharina zögerte. "Ich weiß nicht", sagte sie dann. "Gibt es hier in der Gegend nicht etwas mit ... wie soll ich sagen? ... mit mehr zwischenmenschlicher Wärme? Wenn Sie da etwas wüssten, wäre ich Ihnen sehr dankbar."

Der Kellner überlegte einen Moment. "Ich glaube, ich weiß, was du suchst." Er war inzwischen zum Du übergegangen. "Pass auf, ich führe dich hin. Ich nehme mir zehn Minuten frei."

Die beiden machten sich auf den Weg. In die Samariterstraße bogen sie ein. "Geh immer weiter geradeaus, auf der linken Seite findest du eine Buchhandlung. Da bist du richtig."

Katharina folgte der Straße und ging einen leichten Hang hinauf, bis sie an ein beleuchtetes Geschäft kam. An einer Schaufensterscheibe war in großen Druckbuchstaben geschrieben: Litlist – Antiquariat.

Vor der Buchhandlung standen Kisten, voll mit alten Büchern. Das Geschäft hatte noch geöffnet. Hinter dem Schaufenster bewegten sich Schatten von Menschen. Katharina öffnete die Tür und trat ein. Junge Leute saßen in durchhängenden Sesseln, auf alten Sofas, in Schaukelstühlen. Jeder hatte ein Glas Bier oder Wein vor sich, manche einen O-Saft oder einen Milchkaffee. Einige blätterten in Büchern, andere unterhielten sich. Alle Wände waren vollgestellt mit Bücherregalen. Die Borde waren meterhoch, die oberen Fächer nur mit einer Leiter zu erreichen. An Stellen, wo keine Regale standen, waren die Wände bemalt. Kerzen tauchten den Raum in eine anheimelnde Atmosphäre. Gesichter flackerten im Spiel von hell und dunkel; Schatten zitterten durch den Raum und verwandelten ihn in eine Höhle.

Ein junger Mann in schwarzem Rollkragenpullover, den Bart mit einem Schießgummi zu einem langen Zopf gebunden, auf dem Kopf eine dunkelblaue Schiebermütze, schenkte an der Theke Getränke aus und bereitete Käsetoasts zu. Katharina fiel ihm sofort auf. "Einen wunderschönen guten Abend", begrüßte er sie. "Ich bin der Buchhändler, ich heiße Thomas, und du? Willst du etwas trinken, bevor es losgeht?"

"Ich habe nicht viel Geld", sagte Katharina leise.

"Gib, was du entbehren kannst. Wir freuen uns über jede Spende."

Katharina warf einen Euro in ein rosa Sparschwein und bekam dafür ein Glas Wein. Sie wollte wissen, was wann bald losgeht.

"Das Federlesen", sagte Thomas. "Wir treffen uns einmal in der Woche hier im Litlist und lesen uns unsere eigenen Texte vor. Später reden wir darüber. Das ist immer eine sehr spannende Sache. Wir lesen Geschichten, die passiert sind und verweben sie mit Dingen, die nur im Kopf des Autors passiert sind."

"Und warum heißt das Buchgeschäft Litlist?"

"Litlist, das ist der Traum von einem schreibenden Fleckchen Erde. Ein Dorf, in dem alle, Kinder und Erwachsene, Geschichten schreiben. Weißt du, zum Schreiben braucht man nicht viel. Einen LIT - er Lust, viel LIST gegen die Einfallslosigkeit und eine Flasche FANTA – sie."

Das Federlesen begann. Katharina setzte sich im Schneidersitz auf den Boden. Obwohl die Atmosphäre ihr hier so gut gefiel, fühlte sie sich noch immer matt, wie fremdbestimmt. Als wäre nicht sie für ihr Handeln und Denken verantwortlich, sondern irgendjemand anders. Wie eine Marionettenpuppe kam sie sich vor. Sie konnte nicht wie auf Knopfdruck eine andere sein. Trotzdem wollte sie sich konzentrieren und lauschte gebannt der Geschichte des jungen Autors in schwarzen Jeans, die an den Knien zerrissen  waren. Beim Zuhören liefen Bilder vor ihren Augen ab, und ihr war, als guckte sie in ihren Spiegel.

Der Mann las von einer Frau, die unter bösen Depressionen litt und nach ihrem Leben trachtete. Sie wollte sich umbringen. Eines Tages hatte sie einen Traum. Sie wusste nicht, ob es ein schlechter Traum oder ein guter gewesen war. Sie hatte geträumt, dass sie eine Romanfigur war, eine Figur einer ausgedachten Geschichte. Ihr Blut war nicht fließendes Rot, sondern abgestandene Druckerschwärze. Ihr Körper bestand nicht aus Fleisch, sondern aus einer losen Ansammlung von Buchstaben.

Sie war geboren als Idee im Kopf eines Schriftstellers. Der Schriftsteller, der sie aus seinen Rippen geschnitzt hatte, muss düstere Gedanken gehabt haben, als er ihre Geschichte aufschrieb. Blutleer, ohne Lebenslust hatte er sie beschrieben.

Nur wer bitte sehr war ihr Autor?

Sicher war es kein anderer als der Schöpfer. Am Anfang war das Wort ... Sie könnte ihn Gott nennen oder ihn als ein Gesetz bezeichnen, das sich seine eigenen Regeln aufgestellt hat, dem sich jede Kreatur der Schöpfung zu fügen hat. Jetzt hätte dieser Gott ihre Geschichte zu Ende erzählt. Er rief sie. Das fühlte sie. Sie müsste ihr Leben beenden, um in sein Reich einzukehren.

Ihre Geschichte würde zwischen den Buchseiten enden, zwischen Schichten frischer Erde im Grab. Plötzlich stockte die Frau, vielleicht gäbe es auch eine andere Möglichkeit. Hatte sie nicht die Wahl, aus der Geschichte, die ihr Schöpfer für sie aufgeschrieben hat, auszusteigen und sich eine andere, eine bessere Geschichte zu schreiben? Dann wäre ihr Roman nicht zu Ende. Wenn sie morgen aufwachte, bekämen die papierhölzernen Seiten ihres bisher trostlosen Lebens vielleicht Bewegung, würden zu sprudelndem Leben, und sie wäre kein starres Abbild mehr, sondern ein Mensch, der laufen, tanzen, springen könnte wie ein Schauspieler in einem Film.

Katharina P. ging nach dieser Lesung im Litlist mit neuen Eindrücken nach Hause. Auf der Oberbaumbrücke blieb sie stehen. Unter ihr glitzerte die Spree im Mondschein. Die silbernen Wellen des Flusses wurden zum Funkenregen eines Feuerwerks. Wie eine Natter schlängelte sich der Fluss durch Berlin.

Nicht mehr hinabstürzen in die Tiefe wollte sie sich, Katharina P. schaute in den Mond. Ganz deutlich erkannte sie Krater und Meere. Es sah aus, als ob jemand in der gelben Scheibe schlummerte. Vielleicht wirklich der Mann im Mond. Oder Gott? Vielleicht war er wirklich ein Geschichtenerzähler und erzählte jedem Menschen seine Geschichte. Liebesgeschichten, Trauerspiele, Geschichten zum Lachen. Manche gingen gut aus, manche schlecht. Schicksal, sagen die Menschen, wenn sie glauben, Gott habe es so gewollt, dass ihnen nur traurige Dinge widerfahren. Vielleicht aber ist alles ganz anders. Müsste man nicht vielmehr dieses ewige Gejammer beenden und etwas zum Lachen daraus machen? Über sich und seine Wehwehchen lächeln.

Vor einem Geschäft blieb Katharina stehen und spiegelte sich im Schaufenster. Nie hatte sie gewusst, wer sie wirklich war. Jetzt erst erkannte sie sich. Sah in ihre Augen, bemerkte die Falten in ihrem Gesicht. War sie wirklich blind gewesen? Sind alle Menschen in der Stadt blind? Lesen sie denn nicht in jeder Falte, in jeder Narbe des Obdachlosen in der U-Bahn eine Geschichte aus seinem harten Leben? Sehen sie die Falten, die Narben denn gar nicht?

Sollte sie sich wirklich von ihrem winterlichen Tief erholen, würde sie wieder zu einer Frau voll sprudelnden Lebens werden, die in selbstbestimmter Freiheit ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen würde? Und ihr Herz, würde sie es zurück gewinnen? In der Phase der Niedergeschlagenheit hatte sie nicht vermocht zu sehen. Wer kein Herz hat, der ist blind ...

Existierte Katharina in ihrem bisherigen Leben auch gleich einer Romanfigur zwischen den Zeilen auf einer bedruckten Seite? Oder, wenn sie im anderen Bild bleiben wollte, müsste sie ihre Marionettenfäden abschneiden? Egal, wenn irgendeine unsichtbare Macht sie auf einen falschen Weg geschickt hatte, müsste sie diesen Weg verlassen wie man aus einer S-Bahn am letzten Bahnhof vor der Endstation aussteigt.

Allmählich, sehr langsam, fand Katharina wieder ihr seelisches Gleichgewicht und begab sich unter Menschen. Das Litlist fand sie nicht mehr vor, aber es hatte es wirklich einmal gegeben, es war ein zwitscherndes Vogelnest fröhlicher Literaten gewesen, in das sich bald ein finanzkräftiger Laden für Computerzubehör eingenistet hatte. Das Litlist war zu einer lebendigen Legende im Kiez geworden. Dorthin wäre Katharina gerne zurückgekehrt, und mangels dieses verschollenen Antiquariats fand sie mit viel Geduld im Internet das Rudi Nachbarschaftszentrum, eine Heimat für Einsame im Kiez der anderen Art ...


 

Gabriela Spangenberg
Letzter Sommer

 

Im Osten geboren, dem Kreuz so fern,
lag ich plötzlich vor einem Angestellten des Herrn.
Grund war die Treppe, so lang und steil,
unten gelegen, der Fuß nicht mehr heil.
Alles schien plötzlich so unwichtig und weit,
gebremst meine Lebensgeschwindigkeit.
Aufgezwungene Ruhe im kirchlichen Hospital,
dazu der kranke Vater, welch ein Tal.
Ein Seelsorger in der Klinik namens Tim,
sagte, dahinter steckt ein tieferer Sinn.
Nun gut, dachte ich, ich lass mich drauf ein
und lagerte hoch mein kaputtes Bein.
Lange Wochen, nur mein Vater und ich,
die Sonne sehr heiß und er sorgte für mich.
Er vergaß seine Krankheit und lebte auf,
ein schöner Sommer nahm seinen Lauf.
Endlich ging‘s aufwärts, wieder laufen allein,
wie schön konnte doch das Leben sein.
Ostkreuz hatte ich aus dem Kopf verbannt,
vorbei die Zeit, dass ich Treppen gerannt.
Als der Alltag mich wieder eingesogen,
schäumten die sonst so glatten Wogen
und nahmen mir den Vater, das Herz so schwach,
für immer entschwunden mein Beschützerdach.
Und plötzlich im Kopf, die Worte von Tim,
dies war also der tiefere Sinn?
Gegönnt ward mir ein Sommer, nur mein Vater und ich,
die Sonne sehr heiß und er sorgte für mich.

Ostkreuz du bist jetzt mein Lieblingsort,
wie gern bin ich in der Nähe dort.
Du hast mir so wertvolle Zeit gegeben,
mit einer Träne proste ich auf das Leben.


 

Herbert-Friedrich Witzel
Johanna vom Ostkreuz

 

Legenden handeln von Heiligen oder dienen als Erklärung zur Landkarte. Hier kommt beides.

Es geschah am 20. September 2015, dem 16. Sonntag nach Trinitatis, als ich die Heilige Johanna traf beim Blind Date nach dem Motto: "Wer Ohren hat zu hören, der höre."

Meine Lieblingskirchen wurden kreuzförmig zum Licht hin gebaut, mit der Längsachse von West nach Ost, gen Orient also, daher unser Wort Orientierung. Ich wollte mich orientieren, ohne gleich wieder in die Kirche einzutreten, und machte mich deshalb auf den Weg zum Ostkreuz. Jede Menge Volk wie du und ich bewegte sich dort auf der Sonntagstraße, um noch einmal die Ruhe zu genießen, bevor hier doppelgleisig eine Tram langbretterte: "Elegants, Bürger mit der Hausfrau und den lieben Kleinen in Sonntagskleidern, Geistliche, Jüdinnen, Referendare, Freudenmädchen, Professoren, Putzmacherinnen, Tänzer, Offiziere usw."

(E.T.A. Hoffmann.)

 

Die Heilige Johanna vom Ostkreuz 21 hat am Telefon behauptet, das sei in Europa mit der EU wie damals in Frankreich mit den Engländern und sie wolle eine Bresche durch den Schreibtisch schlagen. Ich solle nur am Sonntag in die Sonntagstraße kommen, dann würde ich sie schon sehen und hören bei diesem Lichtbildvortrag zum Thema: "Auferstehung". Und dann legte sie auf mit dem Ruf: "Auf, auf!"

Ich glaubte ihr natürlich nicht, weil ich heute niemandem mehr glaube, wenn es um den EU-Cäsarenwahn geht mit irgendwelchen Lichtbildern von der Nacht-und-Nebel-Lawine, die uns als TÜV-geprüfte Achterbahn verkauft wird. Ich ging auch nur hin, weil es in der Ankündigung hieß: "Eintritt frei", im Gegensatz zu ARD und ZDF. Beim Bezahlen sitze ich nämlich lieber in der dritten Reihe als in der ersten.

Und dann sah ich auch schon diesen Wartesaal, wo ZUKUNFT dran stand, trat durch die Tür und lauschte dem dortigen Talk-Show-Kommando: "Wir shoppen nicht, wir kaufen uns glücklich! Wenn der Sonntag als Ruhetag abgeschafft und zum Einkaufstag gemacht wird, warum sollen wir dann die Sonntagstraße in Ruhe lassen?"

So lautete im Wartesaal das Wort zum Sonntag,  liebe Leserinnen und Leser daheim hinter den Netzhäuten, Netzstrümpfen, Lesebrillen und Kontaktlinsen. Ein mitwirkender Leser hatte seine Brille vergessen, aber dafür seine Klampfe mitgebracht und einen Hut auf. Er rief kurzsichtig in die Runde: "Ist Rita da?"

"Mein Gott, Walterchen", antwortete eine tiefe Stimme, "du hier und nicht im Ballhaus?"
Hilfsbereit fragte ich das Mädchen neben mir, die Augen machte wie Susi Ratlos vom FKK-Chatroom: "Heißen Sie Rita?"

Susi schüttelte den Kopf. "Ich bin Johanna die Heilige vom Schlachthof aus dem Nachbarbezirk. Wir sind für heute verabredet, mein kleiner Guckindieluft." Und dann fragte sie zurück: "Seit wann Siezen wir uns eigentlich? Haben wir schon mal zusammen Schweine gehütet oder Perlen vor die Säue geworfen?"

Erschrocken schüttelte ich nun ebenfalls den Kopf und stellte fest, dass die Bräute von heute immer frecher werden. Am Telefon hatte Johanna noch ziemlich manierlich und ganz zahm geklungen.

"Ich bin Walter von der Vögelweide!", rief dieser Gitarrenmann mit Hut. "Ich bin Minnesänger und hab für Rita einen Minnesang gemacht."

"Rita kommt gleich", bemerkte der Bass. "Sie hat gesagt, du sollst schon mal anfangen."

Walter prüfte kurz nach, ob die Saiten seiner Gitarre stimmten: "1-2-3-4-5-6 — STIMMT! Alle Saiten sind da, die Gitarre ist vollständig." Dann fing er an:

Rita, deinen hellen Klang und dein dunkles Haar
Und deine grünen Augen find’ ich wunderbar.
Du hast ja die schönsten Beine von Berlin!
Magst du vielleicht zu mir zieh’n?

Ich bin gut zu Fuß auf den Straßen dieser Welt,
Denn ich hab keinen Fahrausweis, kein Auto und kein Geld.
Das, was ich dir bieten kann, ist ein 1.000-Sterne-Zelt,
Und ich hab ’nen kleinen Mann im Ohr,
Der zu dir hält.

Bitte, Rita, bitte sei mir gut!
Ich hab dich so lieb,
Lieber noch als meinen Hut.

Du tust grad so, als wär’ ich Luft
Komm, sei nicht so gemein!
Du hast doch so ein großes Herz,
Pass’ ich denn da nicht rein?

Ich lieb dich bis zum Himmel hoch,
Meine Haut mag deine Haut,
Du bist vom ganzen Friedrichshain
Die allerschärfste Braut.

Rita, bitte, schenk mir doch ein Date!
Ich kauf mir auch ’nen Wecker
Und komme nicht zu früh.

Das Lied machte uns alle sehr nachdenklich.

"Johanna", sagte ich dann, "hast du nicht mal in Frankreich eine steile Karriere gemacht bis rauf zum Scheiterhaufen?"

Sie nickte. "Damals hab ich für Frankreich gekämpft und heute trete ich an für unser cooles Friedrichshain." Sie sprang auf. "Alles jubelt, alles lacht,  Johanna hat was mitgebracht!" Damit hielt sie eine Tiefkühltragetasche hoch. "Hier hab ich den Fisch aus unserm alten Bezirkswappen, der immer gegen den Strom geschwommen ist. Deshalb haben ihn die Kreuzberger Grünen entfernt, nachdem sie selber zum Mainstream geworden sind."

"Vorsichtig, Johanna", flüsterte ich, "hör bloß auf, in die falsche Richtung zu stänkern."

Unbeirrt fuhr sie fort: "Dieser Fisch hilft uns gegen den Hunger in der Welt, besonders dort in Afrika und Asien, wo die Armut am größten ist."

"Ich bin auch ganz hungrig", krähte jetzt Walter dazwischen und sang schon wieder:

Johanna, deinen hellen Klang und dein dunkles Haar
Und deine braunen Augen find’ ich wunderbar...

Er sang noch mal das Gleiche in Grün, bis auf die braunen Augen statt der grünen und Johanna statt Rita, und den letzten Vers hatte er aktualisiert:

Johanna, bitte, schenk mir doch ein Date
Und nen neuen Wecker:
Meiner steht.

Die Heilige Johanna ging auf Walters Wunsch- und Brunftkonzert nicht weiter ein, sondern fuhr fort mit Butter bei die Fische: "Fleisch vom Schwein wird Hunger und Eiweißmangel nie besiegen, jedenfalls nicht in muslimischen Ländern. Mit Rindfleisch haben wir ganz schlechte Karten bei den Hindus."

Walters und Johannas Geräusche lockten einen dynamischen mittelalterlichen Sonnyboy in den Wartesaal, mit Laptop in Profischwarz unterm petrolfarbenen Kaschmirärmel. "Ich bin Rudi Raffke von der Banken-Bedarfsgemeinschaft!", rief er dazwischen und zückte seinen Filofax. "Wie heißt denn dieser Fisch?"

"Tilapia", antwortete Johanna dem Kollegen Kaschmirklamotte, "am See Genezareth nennen sie ihn den Petrusfisch. Damit können wir hier in der Alten Welt die Sintflut ausbremsen und drüben in der Dritten Welt Leben retten. Gib dem Hungrigen einen Fisch und er hat zu essen für einen Tag. Hilf ihm, Fische zu züchten, und er wird nie wieder hungern. Tilapia vermehren sich wie die Karnickel. Sie sind Buntbarsche, anspruchslos, kaum anfällig für Krankheiten, und sie fressen alles: Kartoffelreste, Bananenschalen, Reisstroh,  Hühnerkacke. Deshalb heißen sie in Afrika Wasserschwein."  Johanna holte Luft. Walter, der Mann mit den schweinischen Liedern, der jetzt mit dem Hut rumging, sah angewidert aus. Kaschmirix schrieb und schrieb und schrieb.

Johanna redete weiter: "Das Fleisch auf den Gräten ist so edel, dass es Tilapiafilet inzwischen auch in allen Kaufhallen, Discounts und Supermärkten gibt." Sie zückte aus der Tragetüte einen Tiefkühlkostkarton und hielt ihn hoch vor unseren staunenden Gesichtern. "Wenn Sie bitte mal schauen möchten, der Herr Herbert, die Dame Rita und das Schlepptop: Tilapia, küchenfertig vorbereitet mit Basmatireis, Currysoße und Piep und Papp und Pepperoni."

Walter hatte sich wieder erholt, weil Rita jetzt tatsächlich da war. "Und was haben wir davon?", fragte er.

"Wir können dafür sorgen, dass die Speisung der Fünftausend wieder stattfindet"!, rief Johanna mit blitzenden Augen, "aber nicht hier, sondern bei ihnen, bei 12 mal 12 mal Hunderttausend zu Hause. Das einzige, was diese Eiweiß liefernden Tilapia unbedingt zum Leben brauchen, ist Wasser von 18° an aufwärts und das finden wir im Hungergürtel der Erde überall. Wir brauchen bloß ein Loch zu buddeln, am besten 5 mal 10 Meter, und Wasser reinlaufen zu lassen oder die nächste Regenzeit abzuwarten. Dann setzen wir Tilapia in den Teich und ab geht die Luzie!" Sie strahlte vor Begeisterung wie Narva und Osram zusammen.

"Gibt es einen Tilapia Investment Fonds?", schaltete sich jetzt das Kaschmir-Laptop ein. "Und wenn JA, wie hoch ist die Rendite?"

Johanna vom Ostkreuz war überfragt. Sie schwieg.

"Soll das etwa Nulltarif heißen?", erregte sich das Laptop und schaltete den Zahlenblock wieder auf OFF. "Beim Weizen als Hilfsmittel gegen Hungersnöte schöpfen wir Intensivbanker weltweit ein Drittel vom Endpreis ab, Tendenz steigend. Das ist uns nicht geschenkt worden, darauf haben wir hingearbeitet. Und jetzt kommen Sie hier an und wollen uns die Märkte kaputtmachen? Zeigen Sie erstmal Ihr Parteibuch!"

Johanna hielt ein kleines Neues Testament hoch, eins von den Gideons mit Psalter und Sprüchen im Anhang und einem Stichwortverzeichnis als Hausapotheke vorneweg.

Auf einmal öffnete sich das Dach vom Wartesaal wie in der Geschichte des Gelähmten, den Jesus dann geheilt hat, und vom Himmel her geschah eine Stimme: "Du bist meine liebe Tochter, an der ich Wohlgefallen habe. Ich nehm dich zu mir und alle andern können zur Hölle fahren, jeder nach seiner Façon. Mein Wort war nur geborgt."

Als wir das hörten, ging es uns durchs Herz und wir knirschten mit den Zähnen gegenan. Johanna aber, voll heiligen Geistes, sah auf und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten seines Vaters.

Zuerst flog das Evangelium aus Johannas Hand zurück in den Himmel. Und als das geschehen war, wurde sie zusehends aufgehoben und eine Wolke nahm sie weg vor unseren Augen.

Was soll ich euch sagen? Es gab von diesem Tag an keine Neuen Testamente mehr auf der ganzen Welt, weder gedruckt noch als Dateien. Von allen Kruzifixen verschwand der Gekreuzigte und als man Karl Barth fragte, wie er sich den Teufel vorstellt, da antwortete er: "Wie den segnenden Christus von Thorvaldsen."

Nur dieser Christus blieb nun noch übrig, der nette nach ISO-Norm mit eingebauter Warteschleife. Er stand segnend als billiger Jakob im Stimmen-Einkaufszentrum und rief dauernd: "WILLKOMMEN! WILLKOMMEN!"

Dazu lief die Klimaanlage wie in jedem Einkaufszentrum und sorgte für so pupwarm verbrauchten Mief, dass jede Eiche, jeder Weihnachtsstern und überhaupt jede Pflanze einging außer den Nachtschattengewächsen. Ich wollte schnell raus aus der Hölle, bevor ich auch noch einging. Aber keiner kam mehr raus, weil wir das Wort nicht mehr hatten, das Passwort.


 

Christian Gajewski
Der legendäre Bahnhof

 

Schon lang bevor die Stadt man teilte, ein jeder sich dort sehr beeilte.
Früh um 5 ging‘s zur Maloche - und das 6 Tage in der Woche.
Ab Sonnabendnachmittag um 3, da war man wandervogelfrei.
Ob Buch, Bernau und Müggelsee - Hauptsache man war j.w.d.
Nur selten war er Reiseziel, doch umgestiegen ist man dort viel.

Als dann der Krieg hatte begonnen eben,
hielt er auch Einzug in des Bahnhofs Leben.
Unser Ostkreuz lag hellwach im kriegerischen Bombenkrach.
Blieb dunkel auch des Nachts das Licht, verschont‘ ihn mancher Treffer nicht.

War man nicht ausgebombt und noch am Leben,
so fuhr man voller Dankbarkeit in die nun kommende Nachkriegszeit.
Und so mancher fuhr auf Hamstertour - man wollte überleben nur.
Das Leben ging wieder seinen Gang und unser Ostkreuz mittenmang.

Ob NARVA, Goldpunkt oder Viehhof, zum Umsteigen diente unser Bahnhof.
Stets mit Gewusel und Gedränge schiebt auf und ab die Menschenmenge.
Krieg, Teilung und Vereinigung, noch vielen in Erinnerung.
Geschichten, Storys, Anekdoten werden reichlich hier geboten.

Wie ein Monument liegt unser Bahnhof dieser Tage bereit für weitere 100 Jahre.


 

H. Kleinschmidt
Die Geister, die man nicht rief

 

Berlin, das Gespenst der Legende "Ostkreuz" entstand im Jahr 1871. Diesen seinen Namen erhielt der Bahnhof erst am 15.März 1933 als Pendant zu dem vorher entstandenen Bahnhof "Westkreuz". Der Nahverkehrs-Umsteigebahnhof Ostkreuz gilt als meist genutzter Bahnhof in Berlin. Hier kreuzen sich auf der unteren Ebene die Schlesische Bahn und die Preußische Ostbahn mit der Berliner Ringbahn auf der oberen Ebene. Die Bahnanlage wurde 1872 mittels zweier Verbindungskurven in Richtung Stadt ergänzt. Da noch kein Haltepunkt existierte, fuhren die Züge auf diesen Strecken ohne Halt durch. Auf neun Linien steigen hier täglich an die "100000 Menschen" ein, aus oder um.

Obwohl die Bahnanlagen im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurden, konnte der Zugbetrieb schon ab Juni 1945 wieder anrollen.

Die Gefühle, welche uns Bahnreisende bei den Gedankengängen um‘s Ostkreuz bewegen, pendeln zwischen Horror wegen der wuseligen Unübersichtlichkeit des Geschehens und der Begeisterung über das gigantisch-märchenhafte Vorhaben! Ein Wehmutstropfen bringt uns der Verkauf des beliebten Wasserturms an eine Privatperson. Dieses unter Einfluss des Jugendstils stehende, als Baudenkmal eingetragene Wahrzeichen, südlich vom Bahnhof, überragt alle Gebäude. Hier wurden die zahlreichen, verkehrenden Dampfloks mit Wasser betankt. Jetzt spukt der vom Rummelsburger See wegen übermütiger Handlungen hierher strafversetzte Wassergeist "Pitschplatsch" im Turm herum. Der neue Besitzer hat die Absicht, den Turm in eine Gastronomie- und Kulturstätte umzufunktionieren. Das bedeutet Umbau und Entfernen des im Dach eingebauten 400 Kubikmeter fassenden Wasserbehälters. Hier aber hat sich gerade Pitschplatsch gemütlich einquartiert. Neulich kam Herr Privatier von einem Architekten begleitet in den Turm, um die baulichen Veränderungen zu besprechen. Als Pitschplatsch das hörte, bescherte er den Beiden eine Überraschung in Form eines Duschbades. Klitschnass und wütend zogen sie von dannen. Der Herr Privatier bestellte einen Handwerksmeister für Gas-Wasser-Sch--- um den mutmaßlichen Schaden an den Wasserabstellventilen zu beseitigen. Auch nach gründlicher Kontrolle konnte der keinen Schaden entdecken, es war alles dicht.

Der Wassergeist Pitschplatsch lauerte fortwährend und versuchte Veränderung innerhalb des Turmes, um sofort mit Wasserkuren der besonderen Art in Aktion zu treten. Er kann außerdem eine Menge Spukgeräusche imitieren, zum Beispiel Donner, oder quietschende  Bremsen. Allerdings der Umgang mit Wasser gefällt ihm selbst am besten. Immer wenn Herr Privatier im Turm auftaucht, dann taucht Pitschplatsch im Wassertank unter und spukt ihm lautstark Geräusche von plätscherndem, rauschendem Wasser vor. Herr Privatier nimmt dann sofort Reißaus. Ob  Pitschplatsch allerdings die vom Privatier gewünschte Bestimmung des Turmes zukünftig erfolgreich verhindern kann, bleibt abzuwarten. Wenn er es dann zu arg treibt, wird sein großer Vorgesetzter Poseidon ihn wohl oder übel wieder abberufen.

Märchen oder Wahrheit, egal - jedenfalls eine Legende!


 

Sonja Bürgel
Eine Ostkreuz-Legende

 

Vor wenigen Jahren zogen wir nach Stralau. Die Bauarbeiten am Ostkreuz und drumherum waren schon in vollem Gange. Der Radweg, der von der Halbinsel zur S-Bahnunterführung verlaufen soll, war erst zum Teil fertig. Er zielte genau auf eine prächtige Platane zu, die ihm im Weg stand. Beim Vorbeifahren war ich immer wieder froh, dass sie noch da war. Aber wie lange noch? Und dann, wie schön, machte der Radweg einen eleganten Bogen und die Platane blieb stehen.

Bei unserem Umzug waren auch Schwiegermutters Wollreste mitgezogen. Meine Schwiegermutter ist schon viele Jahre tot, aber sie hatte uns gern, ihre guten Ratschläge, ihre klugen Sprichwörter, sind immer noch bei uns. Nun wusste ich einen guten Verwendungszweck für all die aufbewahrten Wollknäuel. Beim Fernsehen klapperten abends meine Stricknadeln und nach und nach wurde ein bunter Schal immer länger und länger. Als ich mit dem Bandmaß einmal nachmaß, war er aber immer noch nicht lang genug. So ein Stamm einer alten Platane hat einen erstaunlichen Umfang. Ich fand auch noch eine Menge gesammelter Knöpfe im alten Nähkasten. Früher wurde eben alles aufgehoben - vielleicht bräuchte man es noch? Das ergab einen Extrasuperschmuck.

Im Winter - zu Muttels Geburtstag - machte ich mich im Dunklen auf den Weg. Ich wollte nicht unbedingt bei meinem etwas seltsamen Tun gesehen werden. Wie es sich für eine gute Geschichte gehört, schien der Vollmond.

Als ich meinen Freundinnen in der Uckermark von meinem "Baumschmuck" erzählte, meinten sie, dass der in Berlin nie im Leben lange halten würde. Sie schätzten irgend etwas falsch ein. Ab und zu, wenn ich an meiner Platane vorbeiging oder fuhr, sah ich nach meiner Handarbeit. Einmal hatte jemand noch ein kleines Häkeldeckchen daran festgemacht, mal war eine Getränkedose dahintergeklemmt … Nach unserem Urlaub war durch lange Regenfälle alles ausgeleiert und hing schlaff und traurig — aber das ließ sich schnell beheben.

Ich habe nicht immer aufgepasst, nach ungefähr zwei Jahren war die Platane wieder ungeschmückt. Ich sah mir die Umgebung an, Gestrüpp und Wild-kräuter. Da waren keine Spuren. Heruntergerissen und liegengelassen war mein Dank an den schönen Baum also nicht. Aber wer brauchte den langen bunten Schal mit seinen vielen altmodischen Knöpfen auf einmal doch?

Das tapfere Schneiderlein?! Dem war Regieren als König, noch dazu mit einer Frau, die nicht viel taugte, langweilig geworden. Er wollte wieder etwas Ordentliches erledigen. Der alte König brauchte einen Schal, kürzer, denn so einen dicken Hals hatte er nicht.

Wenn man ein Stück abschneidet, muss man alles gut vernähen, sonst laufen Maschen. Aber das weiß das Schneiderlein natürlich. Und die Knöpfe? Die man auffädeln und der kleinen Prinzessin über die Wiege hängen. Die klappern schön, wenn Prinzesschen es schafft, dagegen zu grapschen. Da muss sich die Kleine anstrengen. Das wünscht sich der Papa für sein Töchterchen.

Im Wasserturm am Ostkreuz wohnt Rapunzel, das wissen Sie sicher. Und weil dort nicht viel los ist, freut sie sich über jeden, der sie besuchen kommt, es muss nicht mal unbedingt ein Prinz sein. Aber ihr langes blondes Haar ist bei diesen vielen Hangeltouren ziemlich dünn und brüchig geworden. Sie könnte vor zur Elsenbrücke laufen, dort ist ein Friseursalon. Aber wie soll sie das mit der Bezahlung regeln. Der nächste nächtliche Besucher bekommt den Auftrag, ihr zu helfen.

Da fällt mir natürlich gleich der schöne lange Schal ein. An dem er eben bei Vollmond vorbeigeradelt ist. Schon am nächsten Abend ist er wieder da. Er hilft Rapunzel, den langen Schal in ihren Zopf zu flechten. Nun stimmt zwar der Spruch nicht mehr ganz – wirf dein Haar herunter – aber wer fragt bei so einem schönen Stelldichein noch nach der Quelle? So könnte es auch gewesen sein.

Vielleicht ganz anders? Die Spezialisten auf der Ostkreuzbaustelle hatten ihre immer gleichen rotweißen Absperrbänder über. Zur Abwechslung nahmen sie an einem Tag einfach mal: Paketschnüre, Damenschals, Herrenschlipse, und eben den bunten Schmuck der Platane.

Bemerken konnte ich das nicht, meist bin ich mit dem Rad unterwegs. Und die anderen Fahrgäste? Die haben es eilig und sind genervt von den immer wieder geänderten Zu- und Abfahrten. Leider haben sie keine Zeit und keinen Blick für das gigantische Bauwerk. Das wächst und wächst immer besser. Da musst du ein wenig Geduld aufbringen, so schnell ist das nun mal nicht fertig. Aber welcher Berliner hat schon Geduld?

Oder war da vielleicht ein Pärchen in Shade of grace? In der Spätvorstellung? Und nun möchten sie zu Hause noch ein wenig ausprobieren, ob ihnen das auch gefällt. Aber alle Baumärkte sind lange geschlossen, da kann man keine Fesselbänder mehr kaufen. Also war ihnen mein Platanenschal gerade recht?

Du merkst schon, eine endgültige Antwort lässt sich nicht finden – oder doch – wenn jemand diesen Text liest oder hört.

Es hat mir Spaß gemacht, das Stricken, das Beobachten, das Nachdenken und das Aufschreiben.


 

Sonja Meggers
Verkanntes Talent

 

Natürlich wusste ich in jedem Jahr schon vorher, wessen Geschichten als die besten des Wettbewerbs ausgewählt worden waren. Der Autor des Siegertextes war auch klug genug gewesen, meine Hinweise zu verstehen, doch die Gewinnerin des Vorjahres saß doch tatsächlich schon wieder da! Ich war mir nicht sicher, ob sie einfach nur dumm oder doch vielleicht sehr gerissen war, aber nun saß diese dürre Ziege auf dem Platz, auf dem ich sitzen sollte und gab ihre Geschichte zum Besten. Irgendwas von einer bescheuerten Feuerwehr. Eine FEUERWEHR!!! Wie poetisch! Im Jahr davor war es die Geschichte von einer Bekloppten, die sich das alte Ostkreuz zurechthalluzinierte.

Der Fotograf der Zeitung machte Bilder. Er würde, wie im letzten Jahr, einen Artikel über sie und ihre Scheißgeschichte schreiben.

Seit über einem Jahrzehnt arbeite ich an meinem Durchbruch. Lange hat es gedauert, bis die Presse endlich auch Bilder der Gewinner veröffentlichte und somit eine größere Öffentlichkeit ansprach. Jetzt aber ging es richtig los und ich schaute wieder in die Röhre. Wie oft habe ich versucht, einzelne Jurymitglieder zum Aufgeben zu bewegen, um endlich Kritiker zu finden, die den Wert meiner Werke zu schätzen wissen. Immer ohne Erfolg. Aber Aufgeben kam irgendwann auch nicht mehr in Frage, denn ich hatte so viel investiert, dass die Früchte meiner Arbeit in greifbarer Nähe schienen. Aber vielleicht zurück zum Anfang. Der lag im Jahr 2001.

Ein tiefer Blick in die Kaffeedose verriet mir, dass es schon wieder auf das Ende des Monats zuging. Um mich voll und ganz auf meine Karriere konzentrieren zu können, hatte ich meine Stelle in der Senatsverwaltung gekündigt und war dementsprechend nicht ganz so gut bei Kasse. Weil mir zu Hause mal wieder die Decke auf den Kopf fiel, stromerte ich, unter den Begleiterscheinungen des unfreiwilligen Kaffeeverzichts leidend, durch die Straßen. Als ich durch Zufall an dem kleinen Kiezladen vorbeikam, stieg mir der herrliche Geruch von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase. Meine Entzugserscheinungen und das Gefühl als Talent wieder einmal verkannt worden zu sein, verleiteten mich zu der wahnwitzigen Idee einen Fuß in die Begegnungsstätte zu setzen. Ich hatte gerade das 52. Mal die Nachricht erhalten, dass man meinen Roman bei der Vergabe der Preise nicht habe berücksichtigen können, man wünschte mir aber "für die Zukunft als junger Autor alles Gute". Solche Sätze sind einer der Gründe, aus denen ich andere Menschen hasse. Außerdem riechen sie oft absonderlich, erzählen permanent nur von sich und wenn sie in Gruppen zusammentreffen lachen sie dümmlich über Dinge, die nicht lustig sind. In diesem Moment aber hatte ich keine Wahl. Ich war der festen Überzeugung, dass ich ohne Kaffee hätte sterben müssen und weil ich vom Hörensagen wusste, dass der Kaffee in solchen Kiezläden meist umsonst war, fasste ich einen wahnwitzigen Entschluss. Vorsichtig öffnete ich die Tür und heuchelte Interesse an einem der Aushänge. Langsam schlich ich den Flur entlang. Immer der Nase nach. Zum Kaffeeduft mischte sich langsam der Geruch von schweren Parfüms in unterschiedlicher Konzentration. Egal was mich erwarten würde, ich brauchte einen Kaffee. Als ich den Raum betrat, drehten sich etliche grauhaarige Köpfe zu mir um. Verlegen lächelte ich. Ich habe das Lächeln später mal zu Hause vor dem Badezimmerspiegel rekonstruiert und mir wurde klar, warum keiner der damals Anwesenden es wagte, mich fortzuschicken.

Die Mischung aus Serienkiller und grenzdebilem Enkelsohn war selbst für mich erschreckend. Stillschweigend nahm ich mir einen Kaffee und setzte mich in die Runde.

Es ging um Fotografien. Scheinbar waren alle begeisterte Hobbyfotografen. Auf ihre Fragen log ich das Blaue vom Himmel. Ich sei gerade erst hergezogen und ja, ich würde auch gerne fotografieren. Zum Glück gaben sie nach kurzer Zeit auf, einsilbige Antworten aus mir herauszuquetschen und so konnte ich in Ruhe meinen Kaffee trinken.

Weil meine finanzielle Lage sich nicht wirklich verbesserte, nahm ich immer häufiger an den unterschiedlichsten Gruppen teil. Neben Kaffee gab es auch Kekse oder Kuchen. Und wie ich erwartet hatte, sprachen die Menschen eigentlich nur von sich. Nur selten wurde eine Frage an mich gerichtet. Da ich zu Hause geübt hatte, nett und freundlich zu antworten, ließen sie mich schnell wieder in Frieden.

Immer wieder versuchte ich abends die Ereignisse des Tages für meinen nächsten Roman zu nutzen. Es gelang mir aber nicht, ein Interesse für andere Menschen zu entwickeln und ihre Geschichten so wiederzugeben, dass sie spannend oder in irgendeiner Weise lesenswert klangen. Meine Romane handelten immer von einem einsamen Helden, der recht viel mit mir gemeinsam hatte, aber natürlich schrieb ich nicht über mich selbst. So etwas machten nur Anfänger und Leute, die mit allem abschließen wollten.

Ich war gerade an dem Punkt, an dem ich zu der Einsicht gelangt war, dass jeder Künstler erst die schmerzhafte Verkennung seines Talents erleiden muss, bevor er in voller Blüte erstrahlen konnte. Mein Talent wartete also nur auf die richtigen Bedingungen.

Natürlich hätte ich einfach selbst einen Verlag gründen können, um nicht immer und immer wieder die traurigen Absagen aus dem Briefkasten hätte ziehen müssen, aber es gab mehrere Gründe, die dagegen sprachen. Zum einen war da die finanzielle Seite. Jene, die mich seit der Jahrtausendwende immer häufiger in den Kiezladen trieb, um wenigstens einen Kaffee trinken zu können. Zum anderen wäre der Moment des Durchbruchs mit einem eigenen Verlag nicht der, den ich mir vorstellte. Ich wollte entdeckt werden. Mit großem Tamtam, mit Musik und Häppchen. So, wie es meinem Talent entsprach.

Irgendwann kam mir also der entscheidende Gedanke: Der Kiezladen, der zwischenzeitlich umgezogen und zu einem Nachbarschaftszentrum geworden war, müsste einen Wettbewerb ausschreiben. Einen, an dem ich teilnehmen und trotzdem die Finger mit im Spiel haben könnte. Jetzt hieß es, klug zu handeln. Einfach während der nächsten Planungsrunde die Idee in den Raum zu werfen, erschien mir deutlich zu platt. Zumal ich natürlich, wenn der Gedanke von mir geäußert worden wäre, kaum an dem Wettbewerb hätte teilnehmen können. Eigentlich weiß ich nicht einmal mehr, wie es mir gelang, meinen Gedanken in die Köpfe der anderen zu pflanzen, aber nach einer netten Unterhaltung auf dem Herrenklo stand der Wettbewerb plötzlich im Raum und dann ging alles ganz schnell.

Schon im Februar des kommenden Jahres sollte es losgehen. Bis dahin war noch eine Menge zu tun. Es galt, Sponsoren zu finden, die Werbetrommel zu rühren und vor allem die Presse zu informieren. Die Sache mit der Presse war die einzige Idee, die ich mit Nachdruck in die Brainstorming-Runde warf. Danach hielt ich mich vornehm zurück und wartete, was passierte. Bloß nicht zu sehr engagieren. Um an dem Wettbewerb teilnehmen zu können, verbrachte ich in den kommenden Wochen weniger Zeit im Nachbarschaftszentrum.

Um die Durchführung des Wettbewerbs unerkannt und doch gezielt beeinflussen zu können, begann ich diejenigen, die an der Planung beteiligt waren, zu isolieren und ihnen meine Gedanken als die eigenen zu verkaufen. Ich bekam schnell heraus, wer sich wann, wo aufhielt, was die Menschen taten und vor allem, an welchen Orten ich mit ihnen ins Gespräch kommen konnte. Und nicht zuletzt begann ich mich zu tarnen. Ziemlich schnell wäre man mir sonst auf die Schliche gekommen.

Falls sie schon einmal versucht haben herauszubekommen, welche Person in ihrer Nachbarschaft ein von ihnen bevorzugtes Instrument spielt, ohne dass sie es durch die Wände ihrer Wohnung hören können, haben sie vielleicht eine Vorstellung davon wie schwierig das alles war.

Ich zum Beispiel liebe Akkordeon-Musik. Ein Instrument, das meines Erachtens viel zu wenig Beachtung findet und so dachte ich mir, dass es nett wäre, wenn meine Siegerlesung von einem Akkordeon begleitet würde. Es hat mich mehrere Wochen der Recherche und Beobachtung gekostet bis ich herausgefunden hatte, dass ein freundlicher Herr mittleren Alters leidenschaftlich das von mir favorisierte Instrument spielt. Diesen Herren dann auch noch dazu zu bewegen, Kontakt zum Nachbarschaftszentrum aufzunehmen, erscheint mir aus heutiger Sicht als eine fast schon Nobelpreis verdächtige Leistung. Aber irgendwann hatte ich es geschafft.

Neben den Rahmenbedingungen musste ich natürlich auch für die thematische Orientierung des Wettbewerbes sorgen. Da meine Geschichten, wie gesagt von einem einsamen Helden im Kiez handelten, war schnell klar, dass der Schreibwettbewerb sich thematisch um das Ostkreuz drehen musste, um meinem Talent gerecht zu werden.

Durch meine frühere Tätigkeit in der Senatsverwaltung wusste ich, dass im Rahmen des Projekts Urban II Fördergelder für den Bereich rund um das Ostkreuz bereitgestellt wurden. In diesem Sinne begann ich ein Informationsblatt über eben jene Ausschreibung von Fördergeldern zu erstellen und ließ dieses wie zufällig in den Briefkasten einer Person gleiten, die im Rahmen des Wettbewerbes für die Akquise von Spenden zuständig war.

Nun hieß es abwarten. Immer wieder verfolgte ich einzelne Mitglieder der Planungsgruppe, um zufällig mit ihnen ins Gespräch zu kommen, meine Ideen unbemerkt einfließen zu lassen und natürlich etwas über die Fortschritte meiner Einflussnahme herauszubekommen. Thematische Begrenzung, Zeitpunkt und Dauer der Ausschreibung, sogar das Rahmenprogramm folgte meinen Ideen. Ich war selbst überrascht, wie gut das Ganze funktionierte. Allerdings gab es auch Dinge, auf die ich keinen Einfluss nehmen konnte und die waren es, die mir im ersten Durchlauf des Wettbewerbes das Genick brachen. Nicht einmal unter die besten drei schaffte es meine Geschichte! Schon meine Großmutter sagte immer: Undank ist der Welten Lohn. Und so war es auch.

Im nächsten Jahr ging ich etwas weiter. Meine Einflussnahme wurde noch geschickter. Meine Verkleidungen besser und: Ich war klug genug, unter unterschiedlichen Namen einfach mehrere Geschichten einzureichen. Und natürlich sorgte ich dafür, dass diejenigen, die den Wettbewerb gewannen, im kommenden Jahr nicht mehr teilnehmen wollten oder konnten. Oft waren es nur ein paar mehr oder weniger nette Briefe, die meine Mitstreiter von einer erneuten Teilnahme abhielten. Wenn die nicht ausreichten, wirkten die Information darüber, dass ihre Siegerblumensträuße vergiftet waren oder zerstochene Reifen Wunder. Nur ein einziges Mal war ich gezwungen, einem der Schreiberlinge die Finger in meiner Kofferraumklappe zu zertrümmern. Keiner meiner Briefe, keines meiner mit Krankheitserregern gespickten Geschenke hatte ihn davon abgehalten an dem Wettbewerb teilzunehmen. Das Auto für meinen Plan hatte ich mir extra leihen müssen, weil ich aufgrund der bereits erwähnten finanziellen Engpässe kein eigenes besaß. Den ganzen Tag harrte ich vor seinem Haus aus. Nach sage und schreibe 6 Stunden und 34 Minuten bog er endlich um die Ecke. Ich sprang aus dem Auto und rannte zum Kofferraum. Dort tat ich an der geöffneten Klappe so als ließe sie sich nicht mehr schließen. Hilfsbereit wie mein Konkurrent war, musste ich nicht lange um seine Hilfe bitten. Es war nur ein kräftiger Schlag mit der Klappe. Dann war es erledigt.

Tja, aber wie man sieht, reichten all die Bemühungen nicht aus. Immer noch gibt es Leute, deren Arbeiten meinen vorgezogen werden. Leute, die sich nicht abhalten lassen, zur Preisverleihung zu erscheinen und die dann mit Musik und Häppchen Bilder für die Zeitung machen lassen.

Eigentlich hatte ich durch den Wettbewerb zu einer Autorenlegende werden wollen, aber nun, nach knapp 14 Jahren, beschleicht mich das Gefühl, dass ich, wenn das alles hier jemals rauskommt, zu einer ganz anderen Legende werde.

Ich schreibe zum ersten Mal über mich und ein Anfänger bin ich nach so vielen Jahren ganz bestimmt nicht mehr.

Sonja Meggers
Spielzeug-Feuerwehr

 

Schönes neues Ostkreuz

-Eine Anthologie-

 

 

 

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Isabel Janke
Brückenkonzert

 

Der alte Bahnhof — in seiner ursprünglichen Form existiert er fast nur noch in der Erinnerung. Die Gleise mit samt den Bahnsteigüberdachungen aus vernieteten Stahlträgern des vorletzten Jahrhunderts wurden schon größtenteils umgelenkt, abgerissen oder erneuert. Auch von den atmosphärischen Backsteinbrücken zeugt keine Spur mehr. Neben dem denkmalgeschützten, nicht sehr schönen aber charismatischen Wasserturm mit Pickelhaube, das weithin sichtbare Wahrzeichen unseres Kiezes, wächst nahezu stündlich eine riesige verglaste Bahnhofskuppel aus stützenden Stahlsegmenten. Des Nachts, wenn die Großbaustelle in weißes Flutlicht getaucht ist, vermischt sich metallisches Schlagen mit dem dünnen Elektromotorengebrumm der dinosaurierhaften Kräne zu einer futuristisch-surrealen Nachtmusik. Den menschlichen Gesang dazu liefern die Kommandos in verschiedenen Sprachen und deren weittragende Echos aus den Mündern der behelmten Bauarbeiter.

 

Am Tage pulsieren hier zwischen langen Spanplattenwänden die vielen S-Bahnreisenden und an diesem Knotenpunkt umsteigenden Passagiere umständlich in blinden Trichtern in Richtung der unübersichtlich ausgeschilderten Behelfsbrücken. Eine dieser Brücken mündet in den allerletzen, von Modernisierung noch verschonten Teil dieses alten Bahnhofsreptils.

 

Abgetretene, bucklige Pflastersteine lassen diesen Ausgang des Ostkreuzbahnhofes fast dörflich erscheinen. Die riesigen Pfützen, die zum Ärgernis der eilig mit ihren Rollkoffern Vorbeihastenden und zu Badeseen der Berliner Spatzen werden, reflektieren müde die dunkle Unterseite der letzten, eine alte Gleisführung ins Nirgendwo tragenden Brücke. Beinahe märchenhaft wölbt sie sich als Schleusengang zwischen alter und neuer Welt über das Ende der Sonntagstraße. Diese Seite ist für mich noch immer der schönste Eingang zum Ostkreuz. An der baufällig wirkenden Brücke hängt in einem riesigen grünen Kreis ein weißes Neon-S, das schon zu DDR-Zeiten den Bahnhof markierte.

An beiden Seiten der Brückenmauern klebt eine zentimeterdicke Schicht alter und neuer Veranstaltungsplakate, die zum Teil in großen Fetzen von der dunklen Mauer herabhängt oder von Punks als notdürftige Sitzunterlage, auf den von Zigarettenkippen gesäumten Bordsteinkanten gelegt wurde. Vor Jahren stand hier die Baracke eines Blumenverkäufers vor einer provisorischen Eingangshalle. Zur vollen und halben Stunde ist heute ein Anwachsen von Wartenden an dieser ins Friedrichshainer Vergnügungsviertel mündenden Unterführung zu beobachten. Haben die Suchenden die Wartenden gefunden, verteilen sie sich gemeinsam in der angrenzenden Parkanlage oder in den unzähligen neuen Kneipen und Cafés der Straße.

 

Genau hier, an eine der Mauern der alten Brücke gelehnt, warte auch ich auf meinen Gitarristen. Es ist ungefähr zwanzig Uhr und ein Gewitter liegt schon den ganzen drückenden Sommertag über in der Luft. Der Himmel ist verhangen und seit einigen Minuten höre ich starken Wind in den von der Bahn-AG noch ungefällten Pappeln. Unter der Brücke verabredet, unter der ich jeden Tag mehrmals eilig entlang gehe, werde ich jedoch heute Abend nicht weiter ziehen, sondern genau dort stehen bleiben, der guten Akustik und des Regenschutzes wegen. Ich habe die Geige dabei und bemerke, es kostet mich etwas Überwindung, meinen Rucksack und den Geigenkasten an die alte dreckige Wand mit ihrer dicken Patina zu lehnen, irgendwie verströmen diese Wände die urbane schwitzende Feuchtigkeit von Brücken, die sonst über große städtische Flüsse führen.

Dieser Fluss hier ist nur eine endende Straße. Ich betrachte amüsiert eine Sternburgwerbung und denke an die Punks, die hier sonst mit diesem Bier hocken. Es wird immer windiger und dunkler. Plötzlich quietschen Fahrradreifen neben mir und es kommt der Mann mit der Gitarre auf dem Rücken zum stehen. "Na, traust du dich hier?" sage ich und die Frage ist mehr an mich selbst gerichtet. Die Ecke ist ein bisschen versifft, findet auch er aber sie hat durchaus ihren Charme. "Du wolltest ja unbedingt hier spielen!" antwortet er mir. Ja, ich wollte unbedingt mein Ostkreuz mal von dieser Seite kennenlernen, mich ihm aussetzen mit dem Instrument in der Hand. Voilà!

 

Als wir die Instrumente ausgepackt haben und zum ersten Lied ansetzen wollen, kommt ein Plakatierer mit seinem Leimeimer und einem Arm voller Plakate um die Ecke. Wir sehen uns schon mit vollem Schwung und mitten in der musikalischen Bewegung an die Wand gekleistert, als er uns zunickt und zuerst die gegenüberliegende Brückenseite plakatiert. So fangen wir an, während die Leute an uns vorbeihasten, ohne in ihrer Eile Notiz von unseren anfangs noch recht zarten Gitarren- und Geigenklängen zu nehmen. Ein paar Wartende sehen in unsere Richtung, vertiefen sich dann aber gleich wieder in ihr Gespräch oder in ihre Mobilfunkkonferenz. Manche Partyleute verströmen große Coolness und ich fühle mich sehr unpassend und aufgerieben in diesem lauten ignoranten Treiben. Das Musizieren fühlt sich hier rauer an als in den von uns sonst aufgesuchten Museumsstadtteilen, in denen eher ältere Bildungsbürger oder trödelnde Touristen umherschlendern. Hier aber fühlen wir den Puls der Straße, hier ist der rüde Alltag, hier wirken die Leute müde, genervt oder auf Härteres aus. Ich erinnere mich an eine Jungsband, die vor einigen Tagen mit Verstärkern und E-Gitarren auch hier stand und an Lautstärke einen dem Ostkreuz angemesseneren Pegel verursachte. Zarte Klänge werden wohl in den Straßenstaub getreten, vielleicht aus diesem Grunde verfremdete an dem Ort im letzten Herbst bei jedem Wetter ein Cellist sein Spiel mit einem Verzerrer. Egal.

Ich sehe meinen Gitarristen an und wir spielen einfach. Es geht gut und ich mag die Akustik sehr, manchen Passanten laufe ich ein Stück hinterher, was einige zu irritieren scheint. Ich habe meinen Spaß dabei. Der Plakatierer sieht ab und zu mutmachend zu uns herüber, er ist dann auch der Erste, der uns ein bisschen Kleingeld zusteckt.

Ich freue mich schon auf den versprochenen Regen und die Blitze und bin ganz wild darauf, unsere Musik in diese Begleitung hinein zu spielen und so die Verwandlung der Atmosphäre zu erleben. Doch das Gewitter lässt auf sich warten. Auch die Passanten sind auf einmal vom Erdboden verschwunden. Wir haben das Gefühl, hier doch nicht ganz richtig zu sein, als ein Mann auftaucht, der uns im Vorbeigehen Komplimente auf Englisch macht.

In diesem Moment dreht sich irgendetwas. Es ist plötzlich sehr ruhig. Und so fühlt sich die Musik mit einem Mal platzierter an. Wir spielen mal ruhige, mal feurige russische und osteuropäische Weisen, die uns von den dunklen Wänden zurückgeworfen werden. Irgendwann fängt der Gitarrist leise an zu singen und das - ist schön.

Der Ort verzaubert uns und wir übertragen das wieder zurück auf den Ort. Die Resonanz hat begonnen, die Schwingungen übermitteln Energien. Leute bleiben kurz stehen oder wenden sich uns zu, manche lächeln, als sie uns mit Kleingeld bedenken. Eine Mutter schiebt ihren, für den Kinderwagen schon zu großen Jungen, ganz nah an uns heran. Er beobachtet uns scheu, steigt dann sehr bedächtig und vorsichtig aus seinem Gefährt heraus, legt seinen Luftballon sorgfältig wieder hinein und kommt langsam die zwei Schritte auf uns zu als kostete es ihn ungeheure Überwindung und Konzentration. Er ist dennoch zielstrebig und wirkt sehr interessiert, als er seine Münze auf die Gitarrentasche legt. Ich knie mich vor ihn hin und bedanke mich. Dann steigt er wieder ein und die Mutter fährt ihn mit einem leichten Gruß in unsere Richtung weiter über das Holperpflaster.

Im nächsten Moment stellt sich ein junger Mann vor uns hin und erklärt auf Englisch seine Begeisterung über Berlin und sein Hiersein, sein Bei-uns-sein und dass er den ganzen Weg aus Schweden gekommen sei, um uns zu hören. Er hat ein Bier dabei und schüttet uns — ein paar Groschen vor die Füße, bevor er auf dem gegenüberliegenden Bordstein Platz nimmt. Wir spielen jetzt für ihn — unser Publikum — und verbeugen uns demonstrativ nach seinem Applaus in seine Richtung.

Indes schwimmen zwischen unseren Ufern wieder Ströme von Menschen, die die S-Bahnen ausgespuckt haben und die nach Hause oder die nächste S-Bahn erreichen wollen. Als wir ein besonders bekanntes russisches Lied spielen, halten drei Bauarbeiter im Feierabendmodus und ebenfalls mit Bierflaschen vor uns an und singen strahlend mit. Sie klatschen und tanzen und wirken überrascht und glücklich, als sie uns danken. Berührungen. Hier unter unserer Ostkreuzbrücke bekommen die Menschen plötzlich für mich ein anderes Gesicht. Einigen von ihnen wäre ich unter anderen Umständen sicher aus dem Weg gegangen. Metamorphosen. Manche Leute wirken inspiriert, manche lachen und winken herüber, danken uns auf verschiedene Art. Wir haben zu danken. Andere sehen sehr widerwillig und abschätzig auf uns und den Schweden von gegenüber herab, der uns inzwischen in Gesellschaft eines zweiten Biertrinkers zujubelt.

Das Gewitter bleibt aus, der Wind hat nachgelassen und nach einer Stunde Straßenmusik verabschieden wir uns von den Menschen unter der Brücke und gönnen uns von dem geschenkten Kleingeld ein Getränk im Park. Als wir eine Stunde später noch einmal hier vorbeikommen um das Fahrrad des Gitarristen abzuholen, hatte ein anderer Plakatierer schon wieder komplett neue Plakate über die vorherigen geklebt. An der Stelle, an der wir gestanden hatten, liegen jetzt die Scherben einer zersplitterten Bierflasche. Ephemere Welt. Doch der halb herunter hängende Plakatfetzen, der vorhin schon immer hinter dem Rücken des Gitarristen in unsere Richtung winkte, wird auch jetzt noch von einem leichten nächtlichen Luftzug bewegt. Wie ein Echo hallt uns dieses Bild entgegen, bis das Flutlicht der Großbaustelle eingeschaltet wird und wir in verschiedenen Richtungen in der Nacht verklingen.


 

Christa Block
Es wär so schön gewesen...

 

Nach langen Jahren trafen wir uns wieder. Einst waren wir Schulfreundinnen, später gingen wir gemeinsam in die Tanzschule, trafen uns ab und an zu gemeinsamen Unternehmungen, verliebten uns auch mal in den gleichen Jungen, dann fanden wir den richtigen Mann, heirateten, bekamen Kinder, hatten unsere Arbeit und der Kontakt verlor sich.

Oft hatte ich Fotos hervorgekramt und trauerte der alten Freundschaft nach. Aber wie sollte ich sie finden, ich wusste nicht einmal mehr ihren Nachnamen und nicht jede in meinem Alter war im Internet zu finden. Solange ich noch meinen Mann hatte, die Kinder und Enkel in meiner Nähe waren, ich mit meinen Nachbarn nett verkehrte, konnte ich auf die Kinder- und Jugendfreundschaft auch verzichten. Ich hatte genügend Menschen um mich herum.

Doch das Leben bleibt nicht wie es ist, wie es war. Jetzt bin ich allein. Nein, ich fühlte mich nicht alleingelassen, noch sind ja die Kinder und Enkel da, wenn wir uns auch nicht ständig sehen, aber wir telefonieren miteinander, schicken E-Mails hin und her und damit ist weder Hamburg noch Texas näher dran, als man denkt.

Doch dann sahen wir uns wieder. Anita und Anja saßen wieder zusammen beim Kaffeetrinken. Der Zufall war es. Aber sind es nicht die Zufälle, die das Leben verändern, schöner machen? Ich war zu einem Treffen in einer Begegnungsstätte. Ab und zu zog es mich dahin, vor allem, wenn es Musik und Gespräche gab. Wir saßen am gleichen Tisch und keiner von uns beiden erkannte die andere. Wir quatschten und wie es oft bei uns Alten so ist, hechelten wir unsere jungen Jahre durch. Was, wir beide gingen in die gleiche Schule? Hatten die gleiche Lehrerin? Auch sie hat getanzt? Nun sahen wir uns richtig an, tiefer in die Augen. Immer noch kein Erkennen. Wir nannten unsere Namen, die zwei A's. Waren wir es wirklich? Mein Gott, wie hatten wir uns verändert. In den fünfzig Jahren, in denen wir uns nicht gesehen hatten, wurden aus blonden und braunen Haaren graue. Die damals so schöne glatte Gesichtshaut war nun faltig, fleckig. Ja, wir zwei hatten uns sehr verändert, nichts war mehr von unserem damaligen Aussehen übrig geblieben.

Aber wir hatten uns wieder! Und bald saßen wir etwas abseits an einem anderen Tisch und redeten, redeten und frischten unsere gemeinsamen Erinnerungen auf. Wir waren die letzten, die die Begegnungsstätte verließen. Doch wir nahmen nicht Abschied von einander; der nächste Termin für ein Treffen stand schon in unserem Kalender, die Adressen und Telefonnummern waren ausgetauscht. Unsere alte und so schöne Freundschaft konnte ihren Lauf nehmen, konnte in eine neue Phase treten und wir waren heiß darauf. Und dann besuchten wir uns gegenseitig in unseren Wohnungen. Ich empfing sie in der Frankfurter Allee und besuchte sie am Nöldnerplatz.

Sie war in dieser Gegend wohnen geblieben, hatte nie das Bedürfnis, irgendwo anders hinzuziehen. Ja, auch ich wollte nie aus Friedrichshain weg, lebte aber später dann um die Frankfurter-, Karl-Marx-Allee herum.

Gemeinsam betrachteten wir immer wieder die alten Fotos, Schulbilder, Erinnerungen an die miteinander verbrachten Ferien auf dem Grundstück ihrer Oma. Dann die späteren, die unserer Hochzeiten, unserer Kinder und, und, und . . .

Nach wenigen Wochen hatten wir das Gefühl, nie getrennt gewesen zu sein. Alles war wieder da und unsere Gespräche füllten die Lücken, die sich gebildet hatten.

Ich hatte so manchmal meine Mühe mit den Besuchen bei ihr. Stets musste ich am Bahnhof Ostkreuz umsteigen, immer musste ich die dämlichen Treppen hinauf und herunter laufen. Dieser Bahnhof ärgert mich, solange ich ihn kenne. Das fing mit meiner Berufsausbildung und späteren Arbeit an – immer ging es über Ostkreuz. In den ersten Jahren meiner Ehe wohnte ich ja in ihrer Nähe und täglich ging es über Ostkreuz. Mit dem Kinderwagen, mit Reisegepäck, Treppen hoch und Treppen runter. Wie oft habe ich das schlechte Wetter verflucht, Regen und Wind von allen Seiten. Schneegestöber!

Anja tröstete mich. Du siehst doch, dass man baut, bald wird alles besser. Ja, ich sah es. Man baute und baute und baut noch immer. Und noch immer muss ich mit meinen nunmehr siebenundsiebzig Jahre alten Beinen die Treppen hinauf und hinunter. Was hilft mir da die große, viel zu große Überdachung des Ring-Bahnsteiges, was hilft mir da die Zukunftsmusik von einem schönen neuen Ostkreuz.

Irgendwann schien meiner lieben Freundin mein Gejammer über diesen Bahnhof wohl zu viel geworden sein. Vielleicht hatte auch sie genug davon, wollte es nur nicht so eingestehen. Sie hatte eine Idee, eine Idee für die Zukunft meinte sie. Oft genug habe ich ihre schöne große Drei-Zimmer-Wohnung mit dem Balkon bewundert. Viel zu groß für eine Person, dachte ich. Schließlich muss man ja in seiner Wohnung auch etwas tun, alles sauber halten, Fenster putzen usw. Nein, ich war mit meiner wesentlich kleineren Behausung sehr zufrieden.

Aber nun zu Anjas Idee. Ich sollte zu ihr ziehen! Sie bot mir ihr größtes Zimmer an und dort sollte ich wohnen. Küche und Bad können wir gemeinsam nutzen, meinte sie. Wir werden uns schon verstehen. Haben uns doch immer verstanden. Wir brauchten nicht mehr durch die Gegend zu fahren, um uns zu besuchen. Wir können täglich miteinander frühstücken, gemeinsam kochen, gemeinsam fernsehen, quatschen über Gott und die Welt, gemeinsam spazieren gehen. Alles gemeinsam? Na ja, meinte sie nach meinem Einwurf. Natürlich kannst du auch die Tür hinter dir zumachen, allein sein, wenn dir so ist. Wir müssen nicht ununterbrochen zusammenhocken. Aber schön wäre es doch, wir zwei beide unter einem Dach. Und billiger wäre es auch. Wir teilen uns die Miete und die Nebenkosten und mit dem Gesparten können wir dann Kaffee trinken gehen, kleine Reisen machen.

Nachdenklich verließ ich sie nach diesem Vorschlag. Mit Mühe kletterte ich die die S-Bahn-Treppe hoch und wieder runter. Ja, das bliebe mir erspart. Ich müsste nicht wieder, wie heute, den Regenschirm aufspannen und trotzdem nass werden. Und das mit der Miete, die ja in letzten Jahren auch immer höher stieg, wäre ja auch nicht zu verachten.

Auch in den nächsten Wochen sahen wir uns regelmäßig. Sprachen auch oft über dieses geplante, nein, noch nicht geplante, nur angedachte Vorhaben des gemeinsamen Wohnens. Plötzlich sah ich sie, meine langjährige Freundin mit ganz anderen Augen an. Beobachtete ihre Gewohnheiten, entdeckte Macken, die mir nicht gefielen, die mich nervten. Stellte mir vor, dass sie mich vielleicht oder wahrscheinlich genau so betrachtete. Doch sie schien mit mir und meinem Leben keine Probleme zu haben, denn so oft kam sie auf ihren Vorschlag zurück. Sie wusste auch schon, wie sie ihr Zimmer leer machen wollte, unterbreitete mir Vorschläge, welche Möbel ich mitbringen sollte. So weit war ich noch lange nicht. Noch hatte ich auch mit meinen Kindern über dieses Vorhaben nicht gesprochen. Ich wusste natürlich, dass sie nichts dagegen haben würden. Wie so oft, würden sie mich bei meinen Vorstellungen unterstützen.

Und so schob ich eine endgültige Entscheidung immer wieder auf und stellte auch manchmal fest, dass mir regelmäßige Treffen mit meiner Freundin eigentlich auch ausreichten.

 

Dann kam der Tag, wo wir meinen eventuellen Einzug in ihre Wohnung erst einmal aufschieben mussten. Anja war gestürzt, lag zwei Wochen im Krankenhaus, ging anschließend zu einer Reha-Kur. In der Zeit kümmerte ich mich um ihre Wohnung, goss die Blumen auf dem Balkon, buddelte die Frühlingsblumen aus und ersetzte sie durch Geranien. Fühlte ich mich nicht schon wie zu Hause in dieser Wohnung? Ich putzte ihre Fenster und bereitete alles auf ihre Rückkehr vor. Ja, da war sie wieder. Aber es war nicht mehr die alte bewegliche und unternehmungslustige Anja. Die Hüfte, das Knie, Gehen am Stock, weitere physiotherapeutische Maßnahmen. Ich tat alles, um sie zu unterstützen. Ging einkaufen, kochte Mittag, sorgte für Sauberkeit und Ordnung. Mehrmals wöchentlich quälte ich mich durch den schönen neuen Bahnhof Ostkreuz.

Inzwischen war auch ihre Tochter aus Dresden da. Die hatte extra ihren Urlaub genommen, um der Mutter zu helfen. Es war schön anzusehen, wie gut die zwei sich verstanden. Schön war es auch für mich, dass ich vorerst nicht mehr so oft zum Nöldnerplatz musste. Eines Tages wurde ich überrascht. Die beiden besuchten mich. Keine Anfahrt mit der S-Bahn, nein, das wäre nicht gegangen. Eine Taxe und die Fahrstühle in ihrem und in meinem Haus machten es möglich. Wie freute ich mich, kochte Kaffee für den Überraschungskuchen, den sie mitgebracht hatten. Wie besorgt schob ich ihr den Stuhl zur recht, damit sie es ja bequem beim Sitzen hatte, wie gut tat uns diese gemeinsame Runde. Wenn sie mich jetzt gefragt hätte, ob ich bei ihr einziehen wolle, ich hätte laut und freudig "Ja!" gerufen. Doch es kam keine Frage. Es kam ganz anders. Anja würde nach Dresden ins Haus ihrer Tochter ziehen. Dort erwartete sie ein kleines Zimmer, gleich daneben Dusche und Toilette – alles zu ebener Erde und ohne Behinderungen zu erreichen. Ich war ein wenig erstaunt. Hatte sie nicht oft darüber gesprochen, dass sie nie bei ihren Kindern wohnen wolle, dass sie nie der Familie zur Last fallen wolle. Auch ich hatte diese Meinung oft vertreten. Eher in ein altersgerechtes Wohnen, eher in ein Heim, aber nicht zu den Kindern oder Enkelkindern.

Ich sah die beiden an. Glücklich sahen sie aus. Beiden schien diese Entscheidung zu gefallen.

"Du kannst mich ja dort auch besuchen kommen. Dann musst du nicht über das schöne Ostkreuz, kannst mit der U- und S-Bahn bis zum Hauptbahnhof fahren, dort gibt es jede Menge Rolltreppen und Fahrstühle, steigst in den Zug und fährst ganz bequem bis Dresden. Dort wirst du mit dem Auto abgeholt und bei uns im Haus findest du auch ein Bett und alles, was du brauchst." Ihre Tochter unterstützte die Einladung noch mit vielen Worten und Beschreibungen von Haus und Garten.

Dann war ich wieder allein, überdachte all das Gehörte. Nein, ihre Zufriedenheit über die Entscheidung zum Umzug zur Familie, war kein Moment des Glücks, es ging über den Moment hinaus. Es war ein guter Entschluss für die Zukunft von beiden Seiten, von Mutter und Tochter. Und da gibt es keine Gegenargumente, kein Dafürhalten, dass man das Alleinsein aufgibt und sich in eine Familiengemeinschaft einfügen muss. Es war die richtige Entscheidung.

Natürlich dauerte es mit dem Umzug, dem Auflösen der Wohnung noch ein paar Wochen, in denen ich regelmäßig über meinen ungeliebten Bahnhof Ostkreuz zur Freundin fuhr. Fleißig half ich beim Aussortieren, Einpacken, Verpacken und bei all den Kleinigkeiten, die so eine Haushaltsauflösung mit sich bringt.

 

Der Abschied von einander fiel uns nicht leicht, wenn wir auch froh waren, die Plackereien der letzten Wochen hinter uns zu haben. Die Wohnung war schon so gut wie leer, den Rest würde eine Firma erledigen. Anja stieg mit ihrer Tochter ins Auto und ich winkte ihnen hinterher. Ich winkte wohl noch, als sie schon um die nächste Ecke gebogen waren.

Und dann stand ich auf dem schönen neuen Bahnhof Ostkreuz mal wieder im Regen, denn ich stand unten und nicht oben auf dem viel zu großen überdachten Bahnsteig, hatte immer noch kein Dach über dem Kopf, und so wird es hier wohl auch noch eine Weile sein,. Aber ich muss ja nun auch nicht mehr hier aussteigen, meine Träume hatten sich zerschlagen – es wär so schön gewesen.


 

Christine Kahlau / Andreas Monning
Zweimal Ostkreuz und zurück

 

Andreas: Weißt du Christine, was ich denke? Wenn wir zusammen über das Ostkreuz schreiben wollen, sollten wir vielleicht Positionen beziehen. Um es für den Leser spannend zu machen meine ich.

 

Christine: Nee, ich habe nämlich keine Position – jedenfalls keine, die mir auf Anhieb einfällt. Das entwickelt sich doch, denke ich mal, in unserem Dialog, über Ostkreuz. Überhaupt, was ist'n dieses OST KREUZ??? Kreuz des Ostens? Was kreuzt sich denn da überhaupt und seit wann? Und stimmt das heute überhaupt noch so...?

 

Andreas: Fragen über Fragen, die ich mir so ehrlich gesagt auch noch nie gestellt habe. Ich frage mich vielmehr, warum es neben Ost-, West- und Südkreuz eigentlich kein Nordkreuz gibt. Aber das führt hier vom Thema weg. Deinen Einwand kann ich jedenfalls schon verstehen. Du hast keine Position, und ich auch nicht, also wäre das etwas künstlich. Es geht wohl eher um die verschiedenen Bezüge. Soll ich mal mit einem Anfangen?

 

Christine: ...

 

Andreas: Das Ostkreuz kam neulich in einem meiner Karriere-Artikel für die Berliner Morgenpost vor. Es ging um den derzeitigen Großbauten-Boom in Berlin und die Jobchancen, die der mit sich bringt. In dem Fall also Baubranche, Architekten, Facility Management und so weiter. Ich habe dann unter anderem das Architekturbüro besucht, dass das neue Ostkreuz entworfen hat und dort eine Mitarbeiterin interviewt. Man kann von deren Besprechungsraum aus direkt auf das Ostkreuz gucken. Die Früchte der eigenen Arbeit quasi täglich vor Augen.

 

Christine: Oh, die Ärmste! Ob die sich wohl wünscht, da selber zu wohnen? Wobei, die Umgebung ist ja schon Spitze...! Ich frage mich oft, ob es in Berlin vielleicht eine geheime Absprache gibt, daß nur möglichst Hässliches gebaut werden darf? Angeblich ist ja alles, was schöner wäre, immer nicht bezahlbar... Also, eine Art Verschwörung, Berlin auf die Art "klein" zu kriegen... Na, ja, mein Geschmack ist es jedenfalls nicht, abgesehen davon, daß es dann trotzdem noch teuer ist!

Aber, zurück zu uns: Fragen auf zu werfen, ist doch gut. Da kann sich die werte Leserschaft die Antworten entweder selbst geben, oder aber losgehen und die Antworten selbst herausfinden. Also, ich sehe mich hier weniger als Faktenlieferin sondern vielmehr als... Moment, Vorsicht! Falle: keine Position einnehmen (obwohl, hab ich ja bereits)... als emotionale Seismografin für das, was Ostkreuz auch ist, vielleicht...

 

Andreas: He, Christine, sehr geehrte Seismographin, ich glaube wir müssen uns mal kurz verständigen: Ist Ostkreuz jetzt die S-Bahnstation - oder die Gegend? Von wegen wohnen!? Im Hauptbahnhof sind Büros, aber in der S-Ostkreuz soweit ich weiß nicht, auch keine Wohnungen. Obwohl es jetzt, wo ich es sage, nach einer tollen Idee klingt. Sagen zu können: Ich wohne im Ostkreuz! Und sehe von oben herab die Bahnen in alle Himmelsrichtungen entgleisen. Oder sagt man davongleisen? Jedenfalls könnte man kaum verkehrsgünstiger angebunden wohnen.

Apropos verkehrsgünstig und wohnen: Bei unserer Ortserkundung letztens hatte ich schon stark den Eindruck, dass das aufgepeppte neue Ostkreuz wohl was mit den vielen schicken Neubauten an der Rummelsburger Bucht zu tun hat. Von wegen Entwicklungsbedarf, Aufwertung, Infrastruktur pipapo. Umso famoser so gesehen, dass wir am Markgrafendamm – das Ostkreuz vis-à-vis – im Sandkasten des Technoclubs gesessen haben, wo ganz klar noch nix von neu und teuer zu spüren war. Obwohl... Um die Ecke gedacht könnten das natürlich genau die Vorboten des neuen Schicks sein. Die als Raumpioniere die Gegend aufwerten und so lange bleiben dürfen, bis das Kapital Interesse anmeldet. Und dann: Wie Magnet und Knaack auf dem Prenzlauer Berg. Prrrt!

 

Christine: Lieber Andreas, mitnichten bestand und besteht (das?) Ostkreuz nur aus Bahnhof! Dafür spricht z. B. was es hier – parallel neben investorischem Begehren und Gebaue — so alles an bürgerschaftlichem Engagement gibt, und das reicht bis hin zur Rummelsburger Bucht! Übrigens wurde hier landeseigenes Gelände verschachert — für das Neue Wohnen am Wasser, inmitten Berlins! Also, noch aufgewerteter geht es wohl kaum... Zu Deiner Idee, in nem Bahnhof zu wohnen fällt mir ein, was mir ein älterer Schwuler mal erzählte: zu Ostzeiten, als der Bahnhof Ostkreuz schon alt und ziemlich runter war, gab es dort ein Klo auf dem unteren Bahnsteig. Wenn ich mich recht erinnere, musste Frau sich den Schlüssel bei der Bahnaufsicht holen. Was an sich schon umständlich war, erst recht, wenn man mit kleinen Kindern unterwegs war, die plötzlich ganz schnell mal mussten, "groß" natürlich... Auf dem Männer-Klo dagegen ging es – offensichtlich ohne Schlüsselzwang – zu manchen Zeiten dafür hoch her, nach der Beschreibung. Auf die genaueren Details dieses Schnell-Befriedigungs-S-Bahn-Kreuz-Herrganges habe ich dann lieber verzichtet.

 

Noch etwas zum Seismografischen: Ich denke die Gegend um Ostkreuz tatsächlich immer mit. Wenn man lange genug in einer Stadt verbleibt, bekommt man auch die regionalen Veränderungen dort mit, ob man will oder nicht. In meinem Leben gibt es zahlreiche Bezüge zum Ostkreuz, zu den verschiedensten Zeiten. Und egal von welcher Seite ich mich dieser Region nähere, es hat sich grundlegend gewandelt. Und - es lässt mich auf jeden Fall nicht los, dieses Ostkreuz, warum auch immer...

 

Andreas: Oha. Während ich also aus dem Fenster meiner Bude mit Bahnhofsblick gleisenden Bahnen zusehen könnte, würde sich geisterhaft das An- und Abbahnen sexueller Entgleisungen am Toilettenhäuschen der Männer manifestieren. Zumindest wenn man als spirituell, um nicht zu sagen: als esoterisch beeinträchtigter Mensch zu so einer Sichtigkeit neigt.

 

Ich sage nur "die Geister die ich rief". Eine Toilettenrechnung habe ich nämlich auch mit dem Ostkreuz. Ich weiß nicht ob man sagen kann: eine beglichene. Wenn ich mal aus dem intimen Nähkästchen plaudern darf, gab es bei mir zuletzt eine längere Phase herausfordernden Blasenstresses. Was bedeutet hat, dass ich oft akut pinkeln musste, egal wo ich grade war. Da ich in der Phase zufälligerweise oft das Ostkreuz als Umsteigebahnhof hatte, kam es vor, dass ich dort aus der S-Bahn gestiegen bin – und nur noch wenig Zeit hatte, mir einen Pinkelort zu suchen. Ich habe ehrlich gesagt immer noch keine Ahnung, ob es am neuen Ostkreuz offizielle Toiletten gibt, denn danach zu suchen hätte mir viel zu lange gedauert. Stattdessen habe ich herausgefunden, dass es ein Bahnsteigende gibt, das so weit aus dem Bahnhof ragt, dass dort gefühlt schon eine neue Welt beginnt. Eine Outdoor-Welt, in der Raucher rauchen dürfen und man ungestört durchs Geländer ins Gleisbett pinkeln darf. Das hat mich sehr beruhigt — und mit dem neuen Bau versöhnt. Mein Dank den Architekten, die das (unbewusst) berücksichtigt haben. Solche Freiräume hatte ich bis dahin nämlich eher den alten, freundlich maroden Stationen zugeschrieben. Also: Es ist auch Raum für Menschlichkeit im neuen Ostkreuz!

 

Christine: Ist ja allerhand! So erfahren wir also noch etwas über das Verhältnis sich hypermodern gebender Großstadtbahnhofsarchitektur zur allermenschlichsten Bedürftigkeit. Die Angebote dort etwas zu Konsumieren sind ja unübersehbar, die Bedürfnisanstalt dagegen hat man gut versteckt, wie es scheint. Aber, Problem clever gelöst, wie ich finde!

 

Ich hielt mich übrigens schon früher nicht all zu gerne auf am Bahnhof Ostkreuz, musste ich aber, wollte ich nach Karlshorst, Strausberg oder bis nach Erkner fahren. Ich fühlte mich oft so verloren auf diesen tristen, zugigen Bahnsteigen. Heute bin ich immer noch froh, wenn ich Ostkreuz hinter mir lassen kann – inzwischen wegen der kantigen Beton-Glas-Ästhetik und des unübersichtlichen Fahrgastgewusels darin. Aber nun gelingt es rascher wegzukommen, weil zum Glück die Zugabfahrtszeiten heute kürzer getaktet sind.

 

Aber um mal wieder wegzukommen von diesem Bahnhof – einer der Bezüge, die ich mit Ostkreuz verbinde, war mein erster und einzig wirklich gut bezahlter Job als Soziologin, gleich nach meinem Diplom. Leider währte er nur kurz, nämlich ein halbes Jahr, dann wurde ich gefeuert. Es war die Zeit der Sanierungen der Häuser rund um den Bahnhof Ostkreuz. Ich betreute im Sozialplanverfahren, die von der Sanierung betroffenen Mieter. Niemand von uns ahnte damals den Hype, den dieses Friedrichhainer Viertel einmal als Vergnügungsmeile ereilen würde.

 

Andreas: ...

 

Christine: Da Du hier schweigst, will ich noch ergänzen: Hätte ich damals in diesem Job verbleiben können, so hätte ich eine überaus sinnvolle Tätigkeit, einen Einblick in die Wohnraumbewirtschaftung Berlins und vor allem ein sicheres Einkommen – zumindest für einige Zeit - gehabt. Doch meine durchwachsene Arbeitsbiografie und meine damalige Unerfahrenheit mit dem innerbetrieblichen Klima in Zeiten neoliberaler Dienstleistungsgesellschaften, haben dies dann eben verhindert.

 

Andreas: Mein Schweigen waren stille Zustimmung und Einvernehmen. Und eine Denkpause, in der mir folgendes eingefallen ist: Einen Katzensprung vom Bahnhof Ostkreuz Richtung Alt Strahlau stand mal etwas, was mir Bekannte als ehemalige "Glaserei" verkauft haben. Ob das stimmt weiß ich gar nicht. Jedenfalls war es eine mordsmäßige Fabrikruine, ein düsterer und doch irgendwie freundlicher Tempel des Verfalls. In den wir begeisterten Jünger natürlich nicht rein sollten, in den es aber trotz aller vermauerten, verschweißten und vernagelten Türen und Fenster immer wieder neue und zum Teil halsbrecherische Zustiege gab, zuletzt an der Fassade rauf und über die Vordächer rein.

 

War man dann drinnen, begrüßte einen magisches Halbdunkel, eine seltsam postapokalyptische Atmosphäre. Keine Maschinen mehr, nur Trümmer und zerbrochenes Fensterglas in riesigen Hallen und Räumen, in denen es zog und durch das eingestürzte Dach reinregnet. Und überall waren unendlich viele und zum Teil bemerkenswert künstlerische Graffitis. Meistens haben wir in dem Koloss dann auch entweder Sprayer getroffen – oder Fotografen, die um die Endlichkeit aller schönen Dinge wissend die bizarre Welt im Bild festgehalten haben.

Ein Freund und ich sind aber vor allem zum Industrieklettern gekommen. Das heißt: zum üben. Denn für uns beide waren es die Anfänge des Kletterjobs, und in der gigantischen Ruine gab es natürlich genug herausfordernde Struktur, um Kletter- und Sicherungstechniken zu üben. Wenn wir zu zweit waren, war das zwar berufsgenossenschaftlich immer noch nicht okay, aber zumindest in der Hinsicht vorbildlich, dass ein Kletterer den anderen aus einer Notlage hätte befreien können. Wenn mein Kletterfreund keine Zeit hatte, bin ich manchmal aber auch alleine dorthin. Um im Dämmerlicht beispielsweise durch das turmhohe Gerippe eines Lastenaufzugschachtes zu steigen. Manchmal habe ich mir vorgestellt, dass ich abstürze und mich erst ein Sprayer oder Fotograf in den Trümmern findet. Dann hätte das Ostkreuz eine tragische Geschichte dazu bekommen. Der unbekannte tote Kletterer.

 

Mittlerweile ist unser Abenteuerspielplatz für Großstadtjungs allerdings längst sanierter Teil eines Neubauensembles. Wer nicht weiß, dass dort eine riesige Fabrik stand, erkennt nichts Ungewöhnliches mehr. Das alte Gerippe ist fast komplett umbaut. Nur für Leute, die eine intime Verbindung zu dem Ort aufgebaut haben, ist klar zu erkennen, dass Fassadenteile noch von der alten Fabrik stammen. Statt meines Absturzes ist das also die Tragödie: das stille Verschwinden dessen, was diese Stadt einmal einzigartig für mich und viele andere gemacht hat. Der sanft entschlummerte Fabrikkoloss, inmitten eines Birkenwäldchens.

 

Die neuen Wohngebäude sind modern und eigentlich ganz hübsch. Wer das Gebiet nicht von früher kennt, wird hier vermutlich nichts anstößig finden.

 

Christine: Hm. Ich sehe dort bloß nichts Modernes, sondern nur kastenartige Ausführungen von my home is my castle style und das ist doch eher Schnee von gestern. Jeder bleibt für sich und damit sich selbst der Nächste. Hat dabei zwar einen tollen Ausblick, joggt am – sehr schönen – Ufer entlang, führt den Hund aus... Wer also die Kohle hat, kauft bzw. mietet sich dort ein – der Rest kann ja dahin ziehen, wo es für die Investoren zu unattraktiv ist. Ist das jetzt Fortschritt oder nicht eher Rückschritt? Und wo bleibt dabei die Poesie und Dichtung am Bau? - um mal Mies van der Rohe (sehr frei) zu zitieren...

 

Aber, der Annemirl-Baur-Platz auf der anderen Seite vom Bahnhof Ostkreuz gefällt mir! So offen nach allen Seiten, weitläufig, verspielt, ringsum mit bequemen Sitzmöbeln versehen... ein guter Ort für klein und groß. Überhaupt scheint in diesem Teil Ostkreuz das die Sanierung begleitende Sozialplanverfahren vor allem für die Bewohner Positives bewirkt zu haben! Das Quartier wirkt lebendig, geradezu quirlig und ist dabei trotzdem gemischt. Nur der Touristenandrang würde mich persönlich wahnsinnig machen...

 

Mich beschäftigt, wie man Altes, auch Überholtes losläßt und neue, kreative Akzente setzt, ohne dabei all das, was die Besonderheit eines Ortes, seinen unverwechselbaren Charme ausmacht, zu zerstören. Und ohne dafür ein Museum, eine Art Disneyland der guten alten Zeit schaffen zu müssen. Das Atmosphärische, meinethalben Authentische eines Ortes braucht Zeit, um sich zu entwickeln und entsteht doch vor allem durch die Menschen, die darin leben...

Andreas: Na weißt du, mein "modern" war eigentlich nicht positiv gemeint, sondern mehr im Sinne von... neu!? Obwohl doch, irgendwie schon auch mit so einer Art, sagen wir mal: Anspruchs-Architektur, durch die sich solche Neubauten von denen ohne jeden Anspruch unterscheiden. Vielleicht könnte man sagen: Gebäude mit einer erkennbaren gestalterischen Idee im Gegensatz zu wirklich gesichtslosen Wohnklötzen, die man den sozial Schwachen zumutet.

Deine Beschreibung hat mir aber vor allem in Erinnerung gerufen, dass ich mit meiner aktuellen Ausbildung zum Gesundheitscoach auch in so einem modernen Bau hocke, für den vermutlich ein sanierungsfälliger Altbau weichen musste. Boxhagener Ecke Holtei, gefühlt noch im Intimbereich des Ostkreuzes. Da zu Beginn meiner Ausbildung der schneeweiße Neubau mit schwarzen Farbbomben beworfen war, vermute ich, dass nicht alle mit der Veränderung einverstanden waren. Da haben sich entweder die Kiezbewohner oder die mobilen Gentrifizierungsgegner der Sache angenommen.

 

Kann ich als alter Ruinenkletterer einerseits natürlich bestens verstehen. Andererseits sitze ich da nun regelmäßig in dem Bau und genieße eine sehr gute Ausbildung. Ich meine, schon klar, für die hätte kein Wohnhaus platt gemacht werden müssen, das hätte man woanders auch anders organisieren können. Aber irgendwie ist das wohl genau der gängige Zwiespalt: Dass die einen auf das abkotzen, womit andere aus völlig anderen Gründen zufrieden sind. Weil sie es wie ich ausschließlich von der positiven Seite erfahren. Und nu?

 

Christine: Das Beste daran ist noch, wenn Altes, noch Funktionierendes weg geknallt wird, das Neue aber eine gute, sinnige Nutzung zulässt. Ich denke da an den Abriss intakter, alter Wohnviertel in den Siebzigern, in Berlin-West, wo dann dafür Neubausiedlungen entstanden sind, mit einer eigenen, unabhängigen Infrastruktur - ganz ähnlich übrigens der Entwicklung im Osten Berlins. Da wurde auch kurzerhand nebenbei mal Geschichte beseitigt und zu betoniert. So empfand ich früher die Plattenbausiedlungen in Ostberlin immer als böse Zumutung. Heute dagegen staune ich über die damalige Weitsicht der DDR-Architekten, die die verschiedenen Bedürfnisse der Bewohner bei ihrer Planung sehr wohl im Blick hatten: viele Grünflächen, eine gute Infrastruktur, viele Kindereinrichtungen, oft gute Kunst am Bau... Manches offenbart seine Qualitäten eben erst nach einer Reihe von Jahren. Apropos Zukunft: Hast Du nicht Lust auf eine kleine Zeitreise, sagen wir, Ostkreuz im Jahre 2053? Ich beginne schon mal:

 

Es ist früh am Morgen, B. räkelt sich und beschließt, heute vor dem Dienst, ein Morgenbad in der Spree zu nehmen, die vor ihrer Haustür liegt. Seit dem das Ufer vor einigen Jahren bepflanzt wurde – dazu wurde die alte Uferbegrenzung aus Beton beseitigt und weicher, weisser Sand aufgeschüttet – gönnt sie sich hin und wieder das Vergnügen. Sie trifft dabei Nachbarn aus dem eigenen oder einem der anderen Blocks. Manche sind mit dem Hund spazieren – es gibt etliche Ältere darunter, die schon lange hier wohnen und immer wieder begeistert von den Entwicklungen des Viertels in den letzten Jahrzehnten schwärmen. Seit sich die hier Wohnenden vor Jahren der Transition-Town-Bewegung angeschlossen haben, hat sich das Leben grundlegend verändert. So wurden anstelle des privaten Eigentums, Wohngenossenschaften mit Mitspracherecht gegründet, die Selbstversorgung mit Wind- und Solarenergie vorangebracht und Gärten angelegt, in denen die saisonale Versorgung mit Obst, Gemüse und Blumen sicher gestellt wird. Und Infrastruktur wurde vor Ort geschaffen, mit kleinen Läden für alles Lebensnotwendige, einigen Dienstleistern und mehreren Kindereinrichtungen. Weiterhin gehören inzwischen auch eine kleine öffentliche Bibliothek, einige Mehrgenerationenhäuser sowie ein Nachbarschaftszentrum dazu. Die Wohnungen im Viertel sind sehr gefragt, zumal die Mieten hier sozial gestaffelt sind, je nach dem Einkommen der BewohnerInnen.

B. holt sich nach dem Bad einen Kaffee aus der Bäckerei und trinkt ihn in der Morgensonne. Danach geht sie nach oben, zieht sich um und schnappt ihre Tasche. Sie nimmt anschließend die S-Bahn, die sie von Ostkreuz nach Weißensee bringt, zu ihrem Arbeitsplatz, einem mittleren Unternehmen für Umwelt- und Stadtsoziologie...

 

Andreas: Mensch, Christine, entschuldige, aber deine sozialromantische Skizze provoziert mich zum dystopischen Gegenentwurf. Kann daran liegen, dass ich gestern Oblivion gesehen habe, in dem Tom Cruise als Held und technischer Facility Manager die Ausbeutung des verwüsteten Planeten Erde betreut. Wer den Streifen gesehen hat, wird die Zitate erkennen. And here we go:

 

D. E. wacht verkatert auf, quält sich aus dem Bett und zündet sich als Erstes eine Zigarette an. Nach einigen tiefen Zügen setzt er sich an sein Kommunikationsmodul, an dem schon seit langem die Ruflampe blinkt. Als er auf Empfang schaltet, wird ihm die Order des Tages entgegengequäkt: Eines der Kraftwerke, für das er zuständig ist, meldet einen Betriebsfehler und muss sofort inspiziert und repariert werden.

 

D. E. verlässt sein Quartier, dass in einem provisorisch instand gesetzten Dachgeschoss eines fünfstöckigen, ehemaligen Wohnhauses untergebracht ist. Ansonsten liegt das Viertel nahe dem ehemaligen Berliner Bahn­knotenpunkt Ostkreuz fast vollständig in Trümmern, die Straßen sind menschenleer. Nach einem gespenstischen Fußweg an Schuttbergen und menschlichen Hinterlassenschaften vorbei, erreicht D. E. die Spree. Über dem Wasser schweben in einer endlosen Reihe gigantische Konstruktionen, die Tag und Nacht Gigatonnen Wasser ansaugen und in Energie verwandeln.

 

Als D. E. sich auf den Weg zu dem defekten Kraftwerk 0777 machen will, bleibt sein Blick an einem der Trümmerberge hängen. Aus dem Schutt zieht er ein Buch und klopft vorsichtig den Staub ab. Der Titel lautet Schönes neues Ostkreuz. D. E. blättert behutsam die Seiten um, stoppt bei einer Geschichte von Christine K. und fängt an zu lesen. Die Autorin beschreibt eine wunderschöne Utopie der Gegend, in der D. E. heute alleine lebt. Als der Techniker zu Ende gelesen hat, steckt er das Buch vorsichtig in seine Umhängetasche und schaut die Reihe der unablässig arbeitenden Kraftwerke entlang. Eine Träne läuft ihm über die Wange.

 

Christine: B. ist in ihrem Campus angekommen – durch die neue S-Bahnverbindung spart sie etliche Minuten Zeit – und betritt ihr Büro. Sie gehört zu einer Gruppe junger Sozialwissenschaftler, die sich mit den Auswirkungen nicht sichtbarer Phänomene beschäftigen, wie dem Auftreten von Energieströmen in menschlichen und tierischen Gehirnen und Organen, in Pflanzen sowie in anorganischer Materie. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Veränderung menschlicher Verhaltensweisen. Die inzwischen sehr gute Messbarkeit und damit Darstellbarkeit solcher Energien leitete bereits vor Jahren eine neue Ära in Forschung und Gesellschaft ein. So hat die vor Jahren gegründete WOMPES (World Organisation for Maintenance and Preservation of the Earth's Surface) eine Studie in Auftrag gegeben, die den Zusammenhang erforschen soll zwischen den Gedanken von Menschen auf ihr Leben und ihre unmittelbare Umgebung. B. entdeckt auf dem Tisch ihres Kollegen R., der noch nicht eingetroffen zu sein scheint, ein abgegriffenes, vergilbtes, einfach gebundenes Buch. Vom Titel ist nur noch das Wort OSTKREUZ zu entziffern. B. schlägt es neugierig auf. Es handelt sich dabei offensichtlich um einen Roman. Sie beginnt gerade die Beschreibung eines düsteren Weltuntergangsszenariums zu lesen, geschrieben von einem Andreas M., als R. das gemeinsame Büro betritt. B. zuckt ertappt zusammen. Doch ihr Kollege begrüßt sie freundlich und sagt grinsend: Die Schwarte hab ich neulich auf dem Dachboden meines Hauses gefunden, stammt aus dem Jahre 2013. Wirklich spannend geschrieben, diese Zukunftsgeschichte über Ostkreuz. Etwas apokalyptisch zwar, aber auch anregend! Ich mag so was hin und wieder als Ablenkung und Entspannung. B. klappt das Buch zu und betrachtet ihren Kollegen gedankenversunken. Sie hat gerade das Gefühl von einem Déjà-vu...

 

Andreas: Na, wenn jetzt hier nicht doch der Positionenkampf entfesselt ist. Und ich bin der dunkle Tintenritter, der böse Dystop? Denkste! Ich will was ganz anderes beisteuern, es hat sich nämlich schon wieder neues Material zum Ostkreuz ergeben. Im Nachhall des scientologie-verdächtigen Cruise-Streifens Oblivion hat es mich am nächsten Abend gleich noch mal ins Open-Air-Kino gezogen. Dieses Mal: The Master, der Film über den Scientology-Gründer Hubbart. Ort: Das kleine aber superfeine Freiluftkino Pompeji, ein Babykatzensprung entfernt vom Ostkreuz. Fantastisch war das, super großstadtromantisch, zusammengedrängt in dem engen, alten Hof zu sitzen und diesen bildgewaltigen Streifen zu sehen. Die Pappeln rauschen, die Sterne funkeln, auf dem Weg zum Pompeji die lange Schlange vor dem benachbarten Club... Magische Momente. Jetzt ist auch das für mich Ostkreuz.

 

Christine: Einverstanden, bleiben wir im Hier und Jetzt, in Ostkreuz. Ist doch schön, oder schrecklich, je nach dem wie man es gerade betrachten will oder kann. Also, was Du gerade beschreibst - es gibt Orte, die wollen noch entdeckt sein, im Ostkreuz. So, wie ich neulich die Mühlenstraße entlang radele und mir plötzlich das Andreashaus auffällt und welches zur Katholischen Skt. Andreas Kirche gehört. Inmitten dieser lauten und stark frequentierten Vergnügungsmeile an der Spree, ein Zufluchtsort der Kirche, oder gerade dort? Überhaupt, Kirchen in Ostkreuz. Was stellen sie dar: historisch, architektonisch, aktuell? Beispiel Friedhofskapelle Boxhagener Straße, ein wahrhaft transformierter Ort...

 

Andreas: Du meinst die Theater-Kapelle, richtig? Aber weißt du was: Mich beschleicht das Gefühl, mit den Kirchen lenkst ab. Von was eigentlich? Und ich habe noch ein Gefühl: Dass ich nämlich nach all unseren Runden zu meinem Eingangsgefühl zurückkehre, dass das Ostkreuz für mich keine Gegend, sondern eine S-Bahnstation ist. Und zwar eine, in die ich mich mittlerweile fast verliebt habe. Ja, du hörst richtig. Ich habe mich vorletzte Woche von der Frankfurter Allee getrennt und das Ostkreuz zu meiner Ein- und Aussteigestation gemacht, wenn ich zur Ausbildung fahre. Der Charme des Unschönen hat mich mal wieder gekriegt, würde ich sagen. Wie schon damals das triste Bochum, das ich zum Unverständnis vieler auch sehr gerne gehabt habe. "Ostkreuz ich komm aus di-i-ir, Ostkreuz ich häng an di-i-ir"... Ich glaube Grönemeyer würde mich verstehen.

 

Christine: Und schwuppdiwupp, beziehst Du hier astrein eine Position - zu Ostkreuz: der romantische Schwärmer vom Bahnhof Ostkreuz... Aber ist okay! Wirklich. Und ich brauche gar nichts dagegen zu halten – denn Ostkreuz ist für mich alles: Bahnhof und Umgebung! Und hält mir so vieles bereit, das noch entdeckt werden will. Entdecke Du nur weiter Deinen Bahnhof – ich streife lieber durch die Straßen, Plätze, Kirchen, dabei immer wieder auf Neues, Unbekanntes stoßend... Hin und wieder schaue ich mal rüber, zum Bahnhof, dem gläsernen Ungetüm und denke an Dich und zurück an die schöne Zeit, als wir uns zusammen so unsere Gedanken machten, über Ostkreuz...

 

Andreas: Liebe Christine, warnst du mich freundschaftlich vor dem Bahnhofstunnelblick? Vielleicht zu Recht, denn eigentlich kenne ich mich. So schnell wie ich verliebt bin, kündige ich Beziehungen auch wieder auf. Aber hey, zu meiner Ehrenrettung: mehr als oberflächliches Verknalltsein bietet der schnieke Bau einfach auch nicht an! Oder? Am Ostkreuz quietschen und kreischen seit einigen Tagen jedenfalls die Rolltreppen: Erst die bergauf, dann kam die Reparaturpause. Jetzt die bergab. Zack, Peng! bin ich genervt – und denke an meine gute alte Frankfurter Allee. Kann sein, man wird mich schon in Kürze erzählen hören "Ich hatte da mal was mit dem Ostkreuz".

 

Christine: Das ist eben der Unterschied zwischen Verliebtsein und Liebe. Das man dem anderen auch über eine gewisse Zeit hinaus seine kleinen Fehler und Schwächen nachsieht, weil man ja weiß, was man an ihm, an ihr hat. Was stört da schon ein Quietschen oder ein Schnarchen, hier eine Funktionsstörung, da eine Unvollkommenheit...? So gewinnt man auch einen Ort irgendwann lieb, in dem man ihn immer wieder und in unterschiedlichen Stimmungen und Situationen erlebt. Und, es ist doch eher weniger das Perfekte und Vollkommene, was sich uns einprägt. Aber, obwohl mein Herz tatsächlich an einem anderen Stadtteil hängt, kann ich doch Ostkreuz mittlerweile einiges abgewinnen.

 

Andreas: Gewinnen und zerrinnen. Ich glaube, dass mir Berlin dieses schnelle Einlassen und Loslassen beigebracht hat. In dieser Stadt verändert sich so schnell so viel, da heißt es doch in einer Tour "Guten Tag" und "Auf nimmer Wiedersehen". Notwendige Anpassung könnte man meinen. Und die Veroberflächlichung der Beziehungen ist halt eine Nebenwirkung.

 

Christine: Das schon – aber das ändert nichts daran, daß es unterschiedliche Qualitäten von Beziehungen gibt und das seinen Sinn und Wert hat. Flexibilität ist wichtig und auch gut, wird aber meiner Meinung nach grad massiv überbewertet. Außerdem kann man hier und da auch gegensteuern: Verstetigung, Entschleunigung, Lebensqualität.... Huch, schon wieder wird hier Position bezogen...!

 

Andreas: Allerdings! Aber falls ich dich mit meinen Äußerungen dazu getrieben haben sollte, tut mir das Leid. Pass auf, ich habe einen Vorschlag: Wir gehen noch mal zum Ostkreuz, einer nimmt die S41, einer die 42, und dann fahren wir in unsere unterschiedlichen Richtungen... bis wir uns in der Mitte treffen, wo auch immer die ist. Und falls wir es nicht schaffen, rechtzeitig auszusteigen, dann winken wir uns im Vorüberfahren zu – und drehen noch eine Runde, und noch eine, so lange bis...

 

Christine: Andreas, das wäre ein neues Projekt! Nichts dagegen. Aber zuerst wünsche ich mir, mit Dir noch mal ne Runde durch Ost-Kreuz zu drehen. Treffen meinetwegen am Bahnhof, dann schlendern durch den Kiez: Eis essen und vom Ufer aus in die Spree spucken oder Freiluft-Kino gucken, Tee schlürfen in der Strandbar zu Technoklängen... alle Überlegungen mal beiseite lassen und einfach nur genießen — Ostkreuz...

 

Epilog

Und so geschah es, und gemeinsam trugen sie ihr Ostkreuz und klagten nicht, sondern waren es zufrieden.


 

OscarTheFish(pak)
Der (letzte) Ostkreuzritter

 

"Mein Kind, ich treffe ständig Leute / Die auf der Suche sind in dieser Welt
Doch hantier ich nicht mit Suchmaschinen
Ich bin im Fundbüro noch angestellt!"

So hört man ihn / Den Mann mit der Tasche
Der als klassisch-mediane Bevölkerungsflasche
Sein Leben fristet / Ungelistet an der Bank der Klage
Mit ihren Policen für ein Leben hinter Gittern
In die so viele im freien Fall, dem Casus liber, schlittern
Was ihnen ohne Liebe lieb nicht ist.

Keine Frage / Wann all die Hoffnungen starben;
Sie fahren nicht nur schwarz, weiß und in Farben
In die Hölle täglich / Hin und zurück
Reingefallen auf den Trick vom Glück
Nadelnder Eliten aus rostigen Nieten parteigegelt gestanzt

Die versuchen zu verstören / Mit Möhren am Bande in der Ferne

Ausgekernt und ausgeseelt verwanzt / Die Beute auszujagen

Bis der Widerstand in Ohm und Macht
Gebrochen ist und alle jene Ja und Amen sagen
Zu dem, was sie zu tragen haben
An Last der Schuld, Geschichte und Entbehrung
Und wer nicht spurt, wird ausgelacht

Sondern aus der Haut heraus / Wie aus dem Leben.

Bleiern ist dieses Schweben;
Wie ein Schwein den Trüffel / Erschnüffelst du den Büffel
Mit Moschusduft in dieser Luft zum Schneiden
Denn das Volk per pedes soll den Erstickungstod erleiden
Perfide / Durch all die Mon- und Dioxide der Kohlen
Die nicht mehr zu holen sind / Gestohlen
Von eben diesen Welchen;
Ein geöffnetes Fenster schon / Könnte das Risiko erhöhen /
Auch zu erleiden
Eine Infektion durch Bakterien des Winds.
Wäre es das alles wert / Unter dem Schwert des Fluchs
Unserer Welt der Haltung eines Buchs
Der gähnenden Leere der Betriebswirtschaft?

Abgeschlaff geschafft und ohne Kraft / Gönnt man der Leutemeute
Als Geschenk zum heiteren Vergessen / Zum Kühlen der Nerven
Sowie zur Stillung aller Schmerzreserven / Ein geistiges Getränk.
So wird die emsig Arbeitsbiene / Mit arg verhärteter Felssteinmiene
Progressiv gelockert wie eine Schraube / Zu Hause, in Schänken oder in der Gartenlaube

Und nach und nach ganz dröge und versiert
In legalem Rausch poröse mit Heiterkeit entpetrifiziert.
Zudem wird sie noch schonend schon / Im Zeichen der Ersatzradreligion
Durch Spirituosen spirituell.

Die Fahne / Flattert im Wind der Weichen / Zwischen Spuren gekleckert und geklotzt
Angemahnt durch Bremsspurstreifen / Unreifen Früchten abgetrotzt.
Denn durchgemacht ward letzte Nacht / Die durchgebracht den Horizont verkleinert
Obwohl 'ne Lücke im Gedächtnis klafft / Wird krampfhaft fokussiert
Sich so noch etwas Übersicht verschafft.

Im Sinne von Visionen / Reizen Muskat-Spieler aus anderen Dimensionen
In den Reihen der Versicherungs- und Volksvertreter
An Eides Statt ein heißes Blatt.
Es steht der Ehre viel / Auf dem – lokal – verbotenem Spiel / Mit illegaler Farbe:
Westkreuz am Ostkreuz!
Und später – im Verlauf – nach rockendem Zocken
Das hätte niemand so erwartet / Gehen beide Gegner platt
Ganz plötzlich Knall auf Fall / Erschien doch unerreichbar der Grand-mal
Mit ganz viel Glück auf Stoß gestrickt / Ohne jeglichen schmutzigen Trick
In subito [sic] pro rege!
So kam mit Damen, Buben, Ass und Nebelkrähen statt Kerzen
Als hätten sich die Gegner voll versehen / Im Spiel der Kippe noch die Wende
Das nimmt man sich zu Herzen / Und führet mit Kalkül
Unter progredienten Magenschmerzen / Zur Zerstörung von Werten im Selbstgefühl.

So konnte nur der Sieger sagen am bittren Ende
Denn die Stimmen der Straße der Verlierer / Wurden über leise vollends stumm:
Ex sartore ego sum – ich bin aus dem Schneider! [sic]

Nun komm endlich ich ins Spiel
Doch diese, jene, welche sie sollten sich gedulden
Bis der neue König aller Spieler / Und Lehnsherr aller Spielverlierer
Vergeben wird / Die bis dato angehäuften Schulden.

Unaufgeregt und leise / Führt meine Zeitenreise
Nach Einwurf einer ebensolchen Kapsel / Im Flugzug
In unreifen Schleifen / Auf tosend unruhiger Welle
An den Ort der Verzögerung:
Einer hart umkämpften Bahnhofsbaustelle.
Hier kommt man nur Zug um Zug voran ...
Jeder kommt dran / Angeblich / Jeder dieser passageren Passagiere

Die Frage ist nur: Wann?
Vor allem im Winter / Wenn nichts mehr fährt
Außer den Winden der Därme / Angespannt gelassen durch die Hosen
Deren Wärme das Leiden des Wartens lindert / In bolusartigen Dosen
Dann fühlst du dich versetzt / Wie du da frustran fröstelnd stehst
In eine kleine Kinorolle / In "Vom Darmwinde verwest"!

De cerebello Gallico! / Aufmarsch der Nervenheilkunden
...
Warum gibt es statt Oxygarum / Der Offizialsdelikatesse
Nur einfache Fischbrühe / Ohne Finesse?

Mindset and attitude – Geist, Salz und Attitüde
Sie sind müde des Überziehens der Konten
Am Steuer der hinterzogenen Lottozahlen
Im Strahlen sprechender Füße gemahlener Boni
Und heute? / Tee oder Kaffee zum grauen Schnee?

Unter dem vorgezogen-verzogenen Strich
Setze, stell und leg ich fest: / Ich spinne, also bin ich ich! [sic]
Nicht nur aus Vanille / Vielleicht ein Eis / Zwei Eisen
So lande ich auf den Gleisen / Des kreuzenden Bahnhofs Ost
Mit seinen Streckenkeilen unter Oberflächenrost
Als Vorbote verbotener Botschaften / Gegen Seile auf den Schienen
Dem sogenannten Netzwerk aus Beziehungsvitaminen
Die reserviert sind nur für Güterzüge
Aus der Bande der Barone der politischen Lüge.

Mittelohr und Mitternacht
Fallen zusammen am Tisch des Systems / Am Fuße des biblischen Turms zu Babel.
Im Gewand einer märchenhaften Fabel / Eile ich herbei
Sowohl ornithosymbolisch frei / Durch Kick-Download der Abgesandten
Zypriotischer Hilflosdienste / Auf fleischfressenden Elefanten
Als auch transzendent im Transport der Transmitter
Als einer der letzten / Aus dem guten Geschlecht
Der noch echten Ostkreuzritter!

Im Schweinerotlauf der Hähne Drang
Liegen die Waffen des Intellekts ganz ohne Zwang
Im leisen Lesen zur Steigerung innerer Stärke
Folgender – aus meiner Sicht – wichtiger drei Werke:
    "1984" und
    "Farm der Tiere"
    von George Orwell
sowie
    Aldous Huxleys
    "Schöne neue Welt".

Da begreift man schnell wie es bestellt ist / Um die Realität der sogenannten
Der von virtuellen Konstrukten überrannten
Spiegelbühne der Glückseligkeit.

Für jeden Kandidaten eine Nummer / Zur Ideenflucht aus dem Alltagskummer.
Das ist Demokratie: / Die Demonstration der Dämlichkeit
Und damit verdient man in dieser Welt / Nicht unerheblich, sondern reichlich Geld.
Denn das Geld liegt auf der Straße / In Salz und Pfeffer hingegen nur der Hase.

Die Beschäftigung des Einzelnen / Führt zur Beschäftigung der Masse!
Das ist im Prinzip schon ganz gut und klasse / Da durch den Druck der Nöte
Das Volk nach fremder Flöte tanzt und hechelt
Und in der Kunst des klaren Gedankens schwächelt
Abgelenkt im Trubel des Konsums der billigen Genüsse
Die da schützen vor den Wellen / Mächtiger Gedankenflüsse;
Aber nicht den einzelnen privaten Krieger
Sondern die Gruppe rekrutierter Kadaversieger:
Den dressierten Pseudobesten
In ihren schwarzen und nicht mehr weißen Westen.

Und jede Ablenkung zählt!
Da wird beeinflusst / Wer was bei Wahlen wählt
Unter Berieselungen von Klängen / Dann gewinnt das Geld um Längen
In säglicher Unsachlichkeit ...
Denn auch die Sozialisten in dieser unschön neuen Welt
Stehen nur auf frisches fremdes Geld;
Und bei all dieser Hektik / Wird von Ochs' und Esel nicht so schnell gerafft
Dass in der Ruhe liegt die Kraft!

Zeit zum Selberdenken, Fühlen, kognitiv Erkennen
Das ist des Glückes Schlüssels Schluss / Von dessen Schlüsselbrett oft Welten trennen
Und die Katzenstreu vom Weizen.

Geboren sich zu verheizen / Schnell und gleichförmig individuell
Das wird viel zu häufig angenommen
Und als Pseudosinn des Lebens verschwommen
Sowie in dioptrienären Doktrinen verkommen
Nachgemacht und plagiiert / Unbedacht und ungeniert
Doch niemand wird uns retten / In Untertassen mit ganz netten
Aliens und Eisprüngen in der Schüssel / In Rettungsgassen noch ungebildet.

Ode an die Schadenfreude!
Alpha est et Epsilon / Was weiß ich eigentlich schon?
Ich weiß Bescheid / Über das Leid der Menschen in der Zivilisation
Deren parlamentarischer Thron / Jenseits der Bäume
Vernebelt durch Wolkenträume dahinverschlummert.

Einigen geht es doch noch gut. / Doch die neu gewählte Miss Mut
Von den Männern der Sternenbannersender / Sieht hinaus über die Tellerränder
Bis in andere Länder und Sitten / Und es bleibt unbestritten
Etwas in Korrektur zu ändern
Gegen die Blindheit auf eigener Rinde
So zu tun als stünde angeblich ...
Doch es steht schon so viel auf dem Spiel
Ja, sogar so sehr / Dass im Rahmen der Nöte Wehr
Der Barytraum beendet werden muss und sollte
Im Sinne einer konstruktiv geläuterten Revolte!

Alea glaciei iacta est – der Eiswürfel ist gefallen
Ist es das Ende / Der gebundenen Hände?
Wir haben die Wahl! / Beenden wir die Höllenqual der Beute
Nicht unterlegen / Sind wir doch in Überzahl
Und überwinden als Zeichen unserer Zeit
Zuerst die vorherrschende Erlernte Hilflosigkeit
Dann die Trübheit unserer Mienen / Als hätte die Sonne immer für uns geschienen.
Und wird das Lachen wieder stärker und graziös
Wandelt es sich zum Feuer, wird ansteckend und infektiös
Zur Fackel in unseren Nächten
Sowohl zur Stärkung der Guten als auch zur Schwächung der Schlechten
Als Geschenk an uns und die nächste Generation
Und mahnende Quell' zur Erneuerung unserer Zivilisation.

Ohne Wille bleibt Stille / Ohne Dampfdruck kein Kampf!
Doch fangen die Tränen an zu brodeln / Wird greifbar der nötige Sieg
Dann spreiz deine staubigen Flügel / Heb ab ganz erhaben und flieg!

Ich öffne die Augen und murmel zu mir leise
Das war eine schöne, intensive Zeitenreise
Die mich stärkt und meinen Willen weckt
Sowie helfend mir die großen Ziele steckt.
Und im Namen der Macht all meiner Transmitter
Steh ich zu dem, was ich sag, zu jedem Gedankensplitter
Den Resten der Hoffnung meiner Tugend / Sowohl von heute
Als auch aus meiner Kindheit und Jugend.
Denn obwohl ich am ganzen Leibe zitter
Bin ich wohl einer der letzten / Aus dem guten Geschlecht
Der noch echten Ostkreuzritter!

Ich denke – also bin ich / Im Kampfe gegen die Intrigen
Endlich bereit / In Lernprozessen zu obsiegen.
Die Augen offen / Mit Pupillen eingestellt und weit
Wohl begreifend:

Das wird jetzt / Unsere gemeinsame Zeit!


 

H. J. D. Kleinschmidt
Bankgeheimnisse

 

Ostkreuz, eine S-Bahn Richtung Lichtenberg fährt in den Bahnhof ein. Im Vorbeifahren sehe ich eine Bank, auf der ein Pärchen sitzt, welches sich engumschlungen hält. Sie küssen und liebkosen sich. Die Welt um sie herum scheint versunken, keine Wirklichkeit zu sein. Ein Philister, oder Neidhammel der beim Zuschauen missgünstige Gedanken wälzt! Der Platz ist gut gewählt. Denn die Bank befindet sich am Ende des Bahnsteigs. So ist das Bild für die Optik des Betrachters nur eine Momentaufnahme, denn auch der letzte Wagen des Zuges rollt an dem Tatort vorbei.

In stiller Andacht lehne ich mich zurück, schließe meine Augen und ein Lächeln der Erinnerung umspielt meine Mundwinkel. Vor meinem geistigen Auge entsteht ein Bild, auf diesem erscheint ein Pärchen am selben Ort, in gleicher Position und Situation. Das Mädchen war zu dem Zeitpunkt des Geschehens erst siebzehn Jahre alt und getraute sich deshalb nicht ihren Eltern die Existenz ihres Herzallerliebsten zu beichten. Wie man aber feststellen musste, findet die Liebe immer einen Weg zu ihrer Erfüllung, im Notfall mit solch einer Improvisation. Die Geheimniskrämerei dauerte dann immerhin noch fast ein ganzes Jahr bis zur Offenbarung. Allerdings führte sie danach wie gewünscht in den Hafen der Ehe. Der Weg bis dahin gestaltete sich zeitweise als Kopfsteinpflaster und wir Betroffenen mussten lernen ohne zu stolpern selbstsicher voranzuschreiten. Im Rückblick können wir stolz feststellen, dass wir es gemeinsam gut gemeistert haben, denn wir feierten im Januar diesen Jahres bereits die Goldene Hochzeit.

Glücklicherweise bleibt die Zeit nicht stehen. Die Architekten, Statistiker, Spezialisten und Bauarbeiter bemühen sich, mit all ihren Möglichkeiten des Wissens und der Technik, wenn auch für uns Reisende im Zeitlupentempo ein schönes neues Ostkreuz Wirklichkeit werden zu lassen.

Der kleine "Schreiberling", also meine Wenigkeit, wünscht sich so sehr ein schönes neues Ostkreuz, welches ganz viel Menschlichkeit und wie zu Beginn geschildert alle Romantik der Welt zulässt!

Nun mag eine gute Fee wirksam werden, um alle Wünsche zu erfüllen.


 

Andrea Collins
Waldkita

 

Ab in den Wald

 

Öfter mal was Neues

Die Rolltreppe endet auf dem Asphalt des Bürgersteigs. Davor ist das "Blaue Monster", die Krake aus Rohren, umgeben mit blauer Folie. Wozu ist dieses Industriekonstrukt da?

Täglich ist das Ostkreuz neu. Es ist nicht, wie es war. Wir werden sehen, was bleibt.

Wer hier wohnt, wartet auch ein bisschen auf das, was städtebautechnisch kommt.

 

Es kann nur besser werden.

Thomas sagt: "Das Ostkreuz wird untertunnelt." Er weiß es genau. Er ist Vermessungstechniker und bekommt die Stadtbauentwicklungen mit.

 

Make over

Derzeit endet die A 100 hinter dem neu gebauten Autobahndreieck Neukölln an der provisorischen Anschlussstelle Grenzallee. Der Weiterbau der A 100 bis zur Frankfurter Allee ist geplant und der Abschnitt bis zum Treptower Park soll von 2013 bis 2020 realisiert werden. [5] Dabei führt ein Bauabschnitt (BA 16) entlang der Ringbahn und am ehemaligen Güterbahnhof Treptow vorbei bis zur AS Am Treptower Park. Der BA 17 führt von dort aus zum großen Teil unterirdisch bis zur Frankfurter Allee. Dort soll die Autobahn vorerst enden.1

 

Easy does it.

Am Alex gibt es ein Plakat, auf dem der Tunnelbohrer-Maulwurf abgebildet ist, hiesig Bärlinde genannt. "Fünfmal so schnell wie ein konventionelles Miniergerät durchwühlt die Krupp-Fräse die Erde, oft bis zu 300 Metern unter der Oberfläche. Die mächtige Bohrmaschine - Länge: 24 Meter; Gewicht: 75 Tonnen - dringt mit jeder Arbeitsstunde durchschnittlich fünf Meter tief ins Gestein - bis zu 50 Meter pro Tag. Dirigiert wird das Monstrum von einem einzigen Techniker."2 Laut Plakataussage mit Bild hinterläßt Bärlinde einen beeindruckenden fertigen Tunnel mitsamt Bahngleisanlage.

 

Das Beste aus allem machen.

Einladung über E-mail zu einem Flashmob gegen den Weiterbau der Autobahn: "A100 stoppen! Wir legen uns quer! Für alle, die keine Autobahn vor ihrer Wohnung haben wollen. Mitmachen mit Spaßfaktor!"

Das letzte mal wurde mit Gasmasken vorm Gesicht auf der Straße demonstriert.

 

Mut zur Veränderung

In dem Ostkreuz Infopunkt wurde 2012 gesagt, dass die Autobahn unterirdisch gelegt und der Markgrafendamm stillgelegt werden wird. In dem Ostkreuz Info-Punkt wird 2013 gesagt, dass der erste Spatenstich für die Autobahn gemacht wurde, geplant ist sie bis zur Elsenbrücke, dann "werden sie sehen, dass es ein Verkehrschaos gibt und sie werden die Autobahn unterirdisch weiterbauen. Der Markgrafendamm wird bis zur Hauptstraße hin vierspurig ausgebaut; er wird auf keinen Fall stillgelegt."

In dem Ostkreuz Infopunkt wird 2014 vielleicht etwas anderes gesagt werden.

 

For better or worse

Der Bau dieser kurzen Autobahnstrecke ist der Grund, weswegen die SPD nun mit der CDU zusammen Berlin regiert und die Grünen in der Opposition sind. 3,2 km Fahrtstrecke...3

 

Eile mit Weile

Das schöne neue Ostkreuz wird nicht 2016 fertig, steht im Berliner Anzeiger. Jetzt ist die Planung auf 2017 hin angelegt. "Die historische Fußgängerbrücke soll sogar erst 2018 wieder aufgebaut werden... Mit 411 Millionen Euro sei man weiter im Kostenplan; allerdings kommen für die nachträglichen Arbeiten am Ostbahnhof weitere sechs Millionen Euro hinzu."4

 

Ein Schritt nach dem anderen.

Die Jungs mit ihrem Webdesign Laden sind an den Markgrafendamm gezogen als die Straße für 2 Jahre stillgelegt war. Jahrelang hatte die Ladenfläche im Erdgeschoss VH zur Straße hin leergestanden; Gewerberäume vermieten sich in dieser Gegend schlecht. Als den Jungs die Miete erhöht werden sollte, nachdem die Straße wieder in Betrieb genommen war, gingen sie gegen die Mieterhöhung an und kamen damit durch.

Sie sind sehr beeinträchtigt durch den Lärm und jeden Tag lagert sich schwarzer Ruß bei ihnen im Raum ab, den sie besser wegputzen.

 

Worauf du dich verlassen kannst.

"Das atmen wir hier alles ein." Der schwarze Staub lagert sich in der Lunge ein. 300 Meter muss man mindestens von der Straße entfernt wohnen, um nicht von der Luftverschmutzung gesundheitlich beeinträchtigt zu sein.

 

Mit der Zeit gehen

"Wir warten, dass die Straße stillgelegt wird", meinen die Jungs vom Webdesign Laden. Umziehen ist nicht so wirklich mehr möglich, bezahlbare Wohnungen gibt es kaum noch.

 

Immer mit der Ruhe.

"Das haben Sie hier in Berlin überall", meint der Bäcker, "die großen Straßen und die Abgase und den Lärm." Er ist eine Institution in der Nachbarschaft; er weiß über jede/n Bescheid.

"Und wenn das Ostkreuz neu eröffnet wird?" "Dann bin ich nicht mehr hier!" sagt er mit 3 Ausrufezeichen.

 

Nachhaltigkeit

Und einatmend weiß ich, dass ich einatme.
Und ausatmend weiß ich, dass ich ausatme.
Und einatmend bin ich im Wald
und ausatmend ist eine tiefe Ruhe.
Und einatmend - Wald
und ausatmend – tiefe Ruhe.
Und einatmend sehe ich einen Baum
und ausatmend fühle ich mich fest verwurzelt.
Und einatmend – Baum
und ausatmend – fest verwurzt.
Und einatmend rieche ich Nadelhölzer
und ausatmend bin ich an der frischen Luft.
Und einatmend – Nadelhölzer
Und ausatmend - frische Luft. - eine buddhistische Meditation.5

 

Das wird schon werden.

"Bewegung an der frischen Luft mildert Atembeschwerden und beugt Krankheiten vor," steht im Konzept der Waldkita.6

 

Jedem das seine

Vor der Gentrifikation ist diese Gegend auch nicht sicher. Jedenfalls nicht jenseits der großen Verkehrsstraßen. Marias Wohnung wurde saniert und jetzt bezahlt sie das Doppelte an Miete; es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie deswegen ausziehen muss.

 

Don't you worry ´bout a thing.

Die Spaltung zwischen Arm und Reich hat in Berlin längst stattgefunden.

 

Wer arm ist, stirbt früher.7

"Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt", meinte Heinrich Zille

 

Alles zu seiner Zeit

Kotti & Co, die Bürgerinitiative, ist am 13. November 2012 in großer Manier ins Berliner Abgeordnetenhaus gezogen, um gegen den Abbau des Sozialen Wohnungsbaus anzugehen. Wochenlang recherchierten Betroffene: es wurde sich inhaltlich auf das Wissensgebiet vorbereitet, Lobbymaterial erstellt und Diskussionen geübt. Sehr gut vorbereitet argumentierten BewohnerInnen, WissenschaftlerInnen, JournalistInnen mit den 2 AbgeordnetInnen, die dafür AnsprechpartnerInnen waren.

8 Stunden lang war die Konferenz.

Hinten im Raum war von den Bewohnerinnen ein Büffet mit selbstgemachten belegten Brötchen und Getränken für 300 Leute auf Spendenbasis errichtet worden.

Es war für alle/s gesorgt.

In themenbezogenen Gruppen wurden Roadmaps erstellt als Vorschläge für die Abgeordneten, damit sie als Multiplikatoren fungieren können.

"Die Zwangsräumungen sollen aufhören", war eine dringende Forderung.

22 Zwangsräumungen finden in Berlin z. Zt. an jedem Werktag statt.

"Wir bleiben alle! Für soziale Mieten, für den Erhalt von sozialem Wohnungsbau im innerstädtischen Bereich." — Die Slogans wurden durch Workshops, Dokumentationen und Handlungspläne untermauert.

"Es wird vom Senat eine Kampagne gestartet werden, um für die BürgerInnen die Wohnorte Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg und die Berliner Außenbezirke attraktiv zu machen", sagte der eine Abgeordnete.

 

Christoph sagte zum Abschluss seiner Rede: "Berlin war immer eine soziale Stadt. Sie werden das schon machen" und sah die Abgeordneten vertrauensvoll an.

 

Plenty of nothing

Seit November ist von Seiten Politik nichts mehr zu hören gewesen. Bei Nachfragen der Bürgerinitiativen war die Zuständigkeit für die Thematik auf Seiten des Abgeordnetenhauses nicht mehr klar.

 

Gutes und Neues

"Wir bieten Kindern ab 3 Jahren die Gelegenheit ihre Zeit bei uns im Wald zu verbringen. In unserer Walderlebniszeit beschreiten wir Pfade die zum Staunen und Empfinden, Forschen und Stöbern einladen. Unser großes Ziel ist es, Kinder als resiliente starke Persönlichkeiten mit gereiftem Geist und allumfassenden Fähigkeiten in die Schule zu entlassen. Nachgewiesener Weise ist die Waldpädagogik hierfür bestens geeignet," steht auf einem Flyer, der am Zaun an der Bushaltestelle am Ostkreuz hängt.

 

In der Ruhe liegt die Kraft

Im Grunde ist dieser Kiez eher dörflich. Es gibt keine Infrastruktur, auf die sich bezogen werden kann. Morgens krähen die Hähne der August-Sander-Schule, Bereich Agrarwirtschaft8, Bienen der dortigen Imkerei summen, der interkulturelle Garten ist am Blühen. Zwischen Rudolfplatz, dem Sportplatz, der Grünfläche Ecke Persius/Corinthstr. und der Freifläche vor der Warschauer Brücke liegen Erholung und Freiraum. Mit dem Fahrrad ist hier gemütlich fahren. Der Winter ist eher abgeschottet mit der vereisten Modernsohnbrücke, im Sommer schwirrt die Luft.

 

Es geht voran.

Nach und nach ziehen auch vermehrt MigrantInnen in den Kiez. Von Menschen mit intercultural mind werden sie mit freudigen inneren Purzelbäumen und mitunter einem Lächeln begrüßt.

 

Alles ist in Ordnung, alles wird gut.

Raviv ist wieder Chill Out DJ beim RAW Tempel. Bei sommerlich hohen Temperaturen schweben die Bässe über die Straße hin, Glasscherben liegen auf der Modernsohn Brücke. Der urbane Sonnenuntergang wurde bis in die Nacht hinein kollektiv zelebriert.

Völlig losgelöst chillt ein von der Techno-Meile entgleister Trupp auf dem Mittelstreifen Persius/Ecke Corinthstr. Leute bewegen sich, z. T. wie in Trance.

Wie geht es eigentlich weiter? Du musst dich wiedermal umstrukturieren, wie soviele in Berlin wieder und wieder. Vielleicht läuft die Stelle aus, die Schlange beim Amt wartet. Die Miete wird auch immer teuerer, es ist absehbar, dass du aus der Wohnung raus musst.

Es ist alles gut; es ist alles o.k.

 

Nach vorne schauen.

Nicht zurück. Manchmal bleibt nicht mehr als vorwärts zu blicken.

 

"Nein, nicht nach Marzahn-Hellersdorf", sagt Maria lächelnd zu Christoph und nimmt seine Hand,
"ab in den Wald".

 


 

1 - http://de.wikipedia.org/wiki/Bundesautobahn_100 am 12.06.2013
2 - http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46196338.html am 10.06.2013
3 - http://www.xhain.info/a100.html am 21.06.2013
4 - http://www.tagesspiegel.de/berlin/grossbaustelle-in-berlin-bauarbeiten-am-ostkreuz-verzoegern-sich-bis-2017/8210208.html am 19.06.2013
5 - entlehnt
6 - http://www.wakib.de/index.php?site=konzept am 10.06.2013
7 - http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/43785/Robert-Koch-Institut-Wer-arm-ist-stirbt-frueher am 22.06.2013
8 - gefördert von der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung


 

Kerstin Janke
Helene

 

12. Februar 1933

Meine liebe Helene!

Bitte verzeih, daß soviel Zeit vergehen mußte, bevor Dich nun mein nächster Brief erreicht. Ich wollte Dich gewiß nicht so lange auf neue Nachrichten von mir und aus Deiner so geliebten Heimat warten lassen. Ich hoffe, nein ich weiß, Du kannst und wirst Nachsicht walten lassen und anstatt mir zu grollen begierig meine in Gedanken an Dich niedergeschriebenen Worte verschlingen.

 

Ach, meine liebe Helene, was ist das nur für eine Zeit, so überaus hektisch, so prätentiös und so arm an menschlicher Wärme und freundlichem Miteinander. Daß Du, mein geliebtes Wesen, nicht hier bei mir sein kannst ist dabei die schlimmste aller Ursachen meiner Verstimmung, jedoch gedenke ich nicht, diesem Umstand allein die Verantwortung dafür aufzubürden. Ich will versuchen zu erklären, was mir die Laus über die Leber treibt.

 

Die Zeiten sind hart, das muß ich Dir, die Du die Lebensumstände hier in Berlin nur allzu gut kennst, nicht sagen. Zwar gelingt es mir nach wie vor all monatlich das Mietgeld für unsere kleine Bleibe zusammenzubringen. Doch wahrlich, wie lange wird das noch gehen? Zwar sitze ich noch immer täglich ab den frühen Morgenstunden auf meinem Bock, gut gepflegt die Kutsche und wohl gestriegelt die Pferde, in Erwartung der Reisenden, die meine Dienste in Anspruch nehmen möchten, um bequem und sauber an ihr Ziel zu gelangen. Doch welch Ärger, es gibt ihrer immer weniger! Es sind nicht die anderen Pferdekutscher, die mir das Leben erschweren, im Gegenteil, auch ihre Zahl hat in den letzten Monaten beachtlich abgenommen. Doch was passiert da, warum bleiben die Kunden aus? Beliebt man nicht mehr zu reisen?

 

Nein, die modernen Zeiten selbst sind es, die den Tribut der Traditionen fordern. Haben wir nicht gerade erst die so genannten Goldenen Zwanziger Jahre hinter uns gelassen, in denen sich beinahe jeder für einen Parvenü hielt und plötzlich ein Automobil besitzen mußte? Die Dienste der Droschkenfahrer schienen mit einem Male nicht mehr schicklich für die feine Gesellschaft. Nun, es war ein kurzes Aufflammen neuen Reichtums - stehen doch in der Zwischenzeit nicht wenige der glänzenden Mobile beim Pfandleiher und die Damen und Herren kommen nicht umhin, Stadtbahn und Droschken zu benutzen. Alles schien sich zum Guten zu wenden.

Aber nein, erneut schlagen mir die modernen Zeiten ein Schnippchen. Daß ich mit meinem Fiaker längst ein Exot unter all diesen Motordroschken bin, sei's drum. Doch mir schwante bereits nichts Gutes als vor - wie lange ist es jetzt her, drei oder vier Jahre? — unsere geliebte Stadtbahn eine Geißel des Stromes wurde. "Die große Elektrisierung" — Du erinnerst Dich sicher — brachte monatelanges Durcheinander, Züge hielten nicht oder fielen gar ganz aus, Baudreck, Lärm, genervte Reisende - und viele Kunden für uns Droschkenfahrer. Nun da alles überaus zuverlässig verkehrt, der Strom fließt, der Bahnhof wächst und nunmehr noch zahlreichere Umsteigevarianten bietet, sind wir die Leidtragenden. Denn kaum einer bemüht sich noch in die Droschke, reist er doch mit der Stadtbahn nun schneller, kommt gut selbst zu entlegenen Stadtteilen und entrichtet dafür nur wenige Groschen. Und daß allerorten schon wieder vermehrt Automobile zu sehen - und vor allem zu hören - sind, davon mag ich gar nicht reden.

 

Und als wäre all dies nicht schon genug der Schmach über uns, die wir um und von unserem Bahnhof Stralau-Rummelsburg leben, Helene, Du wirst es nicht glauben, doch es ist wahr: Unser geliebter Bahnhof, Ort der traurigen Abschiede und freudigen Wiedersehen, wird alsbald einen neuen Namen tragen. 'Ostkreuz' wird er fortan heißen. Das Pendant zum 'Westkreuz' soll er bilden und dem Reisenden die Orientierung in der wachsenden Stadt erleichtern.

Wie findest Du den Namen, meine geliebte Helene? Ich gebe zu, ich bin noch wankelmütig zwischen Fürsprache und Mißgunst. 'Gewöhnlich' war der erste Gedanke, der sich mir aufdrängte, als ich vor einigen Wochen von der Umwidmung im Tageblatt las. Auch die durchaus einleuchtende Begründung befriedete mich zunächst nicht. Solls mir doch gleich sein, daß das Westkreuz sich als solches - wie nannten sie es noch - 'sich bereits etabliert' habe und der Name 'Ostkreuz' für diese 'der Provinz entwachsenen Haltestation nur folgerichtig' sei. 'Schönes, neues Ostkreuz' titelte die von Umbauten und Fortschritt begeisterte Presse.

Wenn Du meine ehrliche Meinung willst: Genau wie Stadtbahnen, die der Strom antreibt, kommt mir auch dieses Gerede recht abgehoben vor. Ich komme nicht umhin zu glauben, die Zeit überhole mich, ich könne nicht mehr standhalten mit dem Tempo um mich herum. Vielleicht gehört der 'Bahnhof Stralau-Rummelsburg' ja tatsächlich in langsam vergehende Zeiten? Möglicherweise gebietet das moderne Leben in der Tat eine Abkehr von Tradition und ländlichem Idyll - mag man es mit spitzer Zunge meinetwegen 'Provinz' nennen. Vermutlich ist das 'Ostkreuz' nun eben keine Stadtbahn-Haltestation mehr sondern vielmehr Kreuzungspunkt vielerlei Wege, Begegnungspunkt aus zahlreichen Richtungen Kommender und Umsteigebahnhof für täglich Pendelnde. Denkbar, daß dieses sich in unserem Berlin ausbreitende, weltmännische Gefühl jegliche Provinzialität abstreifen muß, um der neuen Hektik die Stirn zu bieten. Ich weiß es nicht. Genauso wie mir die moderne Sprechweise 'S-Bahn' nur schwer über die Lippen kommt, werde ich wohl noch ein wenig Mühe haben, mich an das 'schöne neue Ostkreuz' zu gewöhnen. Allein es bleibt mir wohl keine Wahl.

Doch was rede ich allzu viel von mir, meine liebe Helene. Wie ergeht es Dir und kannst Du Fortschritte bei Deinen Studien verzeichnen? Klagtest Du doch erst unlängst über den zweifelhaften lebenspraktischen Wert Deiner Arbeiten und darüber, daß der Herr Professor noch immer daran zweifelte, ob eine Frau zur Erbringung wissenschaftlicher Ergebnisse fähig sei. Ich wünschte, ich könnte Dir mehr beistehen in dieser aufregenden Zeit. Ich wünschte, Du wärst hier, bei mir, Deine Nähe fehlt mir inmitten dieses fröstelnden Februars.

 

Zum Ende möchte ich Dir noch von einer Überraschung berichten, die ich mir für Dich, die Liebe meines Lebens, habe einfallen lassen. Ich kann einfach nicht an mich halten und mich noch weniger gedulden, bis Du es mit eigenen Augen siehst: Fühlte ich mich in den letzten Wochen besonders einsam, setzte ich mich manchmal auf die alte Bank am Ende des Bahnsteigs A. Ich kann spüren, wie ein Lächeln über Dein anmutiges Gesicht huscht, weil Du Dich daran erinnerst, wie wir uns hier zum ersten Mal trafen. Und wie wir später beinahe wöchentlich saßen und redeten, philosophierten und träumten. Alt war sie geworden, unsere Bank, unsere Pritsche mit Blick in die Welt, unser hölzerner Pausen-Sitz gebaut aus allerlei Gedanken. Ich wußte, der Bahnsteig A soll vollends erneuert werden und fürchtete zu Recht, diese unsere Bank würde ein Opfer der Moderne werden. So ließ ich mich beinahe täglich hier nieder, so als könne ich damit die Bauarbeiten oder gar den gesamten Lauf der Zeit aufhalten. Es wird Dich nicht überraschen zu hören, daß dies ein aussichtsloses Unterfangen war. Als ich eines Tages auf den Bahnsteig wollte, war er abgesperrt, die entscheidende Phase der Modernisierungsarbeiten war nun eingeleitet worden und... unsere Bank war weg. Gleich einem wertlosem Stück Müll lag sie etwas abseits nebst zahlreichem Schutt auf einem Berg ansehnlicher Größe. Du kannst Dir meine Enttäuschung wohl vorstellen. Hier war nicht nur irgendein altes Sitzmöbel achtlos entsorgt worden, hier ging es um Erinnerungen und Träume, hier ging es um nichts Geringeres als die Liebe.

Meine Enttäuschung wandelte sich rasch in Wut. Einige Tage und - ich traue es mir kaum zu sagen - Nächte schlich ich erbost um die Baustelle, ich weiß nicht mehr recht mit welchem Ziel. Ob ich tatsächlich glaubte, ich könne unsere Bank irgendwie aus ihrer mißlichen Lage befreien und entwenden? Möglich wäre es; und es ist mir im Nachhinein etwas peinlich. Aber mir kam indes eine bessere Idee.

Es war nicht eben einfach den zuständigen Sachbearbeiter der Deutschen Reichsbahn ausfindig zu machen und es kostete mich meinen ganzen Charme mich an den verschiedenen mehr oder minder galanten Vorzimmerdamen vorbei zu lavieren, um schließlich in einem bequemen Sessel vor Herrn Kanopkes riesigem Schreibtisch Platz genommen zu haben. Herr Kanopke ist Leiter der Rummelsburger Eisenbahnbetriebe und als solcher zuständig für die - wie er es nennt - 'bauliche Aufwertung der ehemaligen Haltestation Stralau Rummelsburg'. Wir empfanden rasch einige Sympathie zu einander und das obwohl er mir einigermaßen stolz berichtete, daß sich mit der Umbenennung des Bahnhofs in 'Ostkreuz' wohl die beste, nämlich seine, Idee durchgesetzt habe. Für mein Vorhaben war ich bereit, darüber hinweg zu sehen, eine Mission in Sachen Liebe verlangt eben manchmal seelische Opfer.

 

Nun, meine liebe Helene, ich will Dich nicht länger der Neugier anheim geben. Fortan ziert eine neue Bank den inzwischen beinahe fertig gestellten Bahnsteig A. Zwar ist sie nicht annährend so anmutig wie die alte und noch hat sie nichts zu erzählen vom Leben - das wird wachsen, da bin ich sicher - aber dank Dir ist diese neue schon jetzt etwas Besonders. Ein kleines, feines Blechschild schmückt die Anlehne, 'Für meine geliebte Helene' steht darauf. Ist das nicht wundervoll? Ich konnte einfach nicht anders, als diesen für mich, für uns, so wichtigen Ort der Erinnerung als solches zu erhalten.

Aber nein, mach Dir keine Gedanken wegen der finanziellen Aufwendungen für diesen Liebesbeweis. Bahnbereichsleiter Kanopke war gerührt von unserer Geschichte, leitete höchst selbst alles Nötige in die Wege und verlangt als Dankeschön nicht mehr als daß ich ihn allmorgendlich vom Bahnhof trockenen und sauberen Fußes in sein Büro kutschiere. Nun, das ist es mir allemal wert. Und daß nun Hitler die politischen Zügel in den Händen hält, gereicht dem Herrn Bahnbereichsleiter Kanopke nicht eben zum Nachteil: Ist er doch fortan Bezirksbetriebsleiter von Lichtenberg. Welch ein Aufstieg für diesen kleinen Mann, der sich durchzusetzen weiß. Vielleicht vermag ja selbst ich eine Nützlichkeit daraus zu ziehen. Reist solch ein angesehener Herr mit der Pferdedroschke, werden es möglicherweise auch bald wieder mehr andere geschätzte Damen und Herren tun. So wäscht eine Hand die andere, resümierte Herr Kanopke unlängst, bequem und kostenfrei in meiner Droschke reisend. Und glaub mir, er weiß wovon er spricht, seine Hände sind sehr gepflegt.

 

Geliebte Helene, ich hoffe unsere neue Bank wird ebenso ein Ort des Innehaltens, des Rastens und des sich Besinnens, wie es die alte war. Vielleicht vermag diese neue Sitzgelegenheit unsere Geschichte ja sogar fortzuschreiben, in dem sie kein Refugium der Heimlichkeit sondern ein Hort der Offenheit und Ehrlichkeit wird. Kaum kann ich es abwarten sie Dir zu zeigen, mich mit Dir niederzulassen und dabei Deine Hand zu halten.

Ich hoffe so sehr, schon bald Nachricht von Dir zu erhalten, daß Dein törichter Ehemann erneut einen längeren Auslandaufenthalt plant und Du frei bist, um hierher nach Berlin, hierher zu mir zu reisen. Ich vermisse Dich so sehr und ertrage den Gedanken nur schwer, daß er mehr Zeit mit Dir verbringt als ich. Aber Du weißt, ich werde mich unter allen Umständen an unsere Abmachung halten. Denn wie unser gemeinsames Leben auch aussehen mag, das Wichtigste für mich ist, daß Du die Hauptrolle spielst. Und das tust Du, solange wir einander lieben.

In ewiger Liebe, Dein Herbert


 

Birgit Wilms
Der alte Mann und das Gleis

 

Langsam und zittrig, Schritt für Schritt
Er sich durch die Menschenmenge schiebt
Die Luft am Morgen nach Herbst schon riecht
Sein suchender Blick übers Ostkreuz schweift,
Seine Hand ängstlich nach dem Geländer greift.
Doch das alte Gleis mit der kleinen Bank, war nicht mehr
Und beim Gedanken daran, ward das Herz ihm ganz schwer.

Von Ferne konnte er ihr rotes Haar schon sehen
Ihre langen Locken wild im Winde wehen
Wie sehr er diesen Moment schon seit dem Morgen ersehnte
Und nun sein Herz sich im größten Glücke wähnte.
Doch das alte Gleis mit der kleinen Bank, war nicht mehr
Und beim Gedanken daran, wurde sein Blick ganz leer.

Ihr lautes Lachen durch seine Erinnerung noch hallte
Ihre liebliche Stimme noch immer in seinen Ohren und
Über das menschenvolle Gleis schallte
Wie sehr er sie vermisste, wie sehr ihm ihre Nähe fehlte
Dieser eine Moment im Leben nur zählte.
Doch das alte Gleis mit der kleinen Bank, war nicht mehr
Und beim Gedanken daran, versanken seine Augen in einem Tränenmeer.

Immer wieder, Tag für Tag kam er hier her,
Denn er hatte Niemanden mehr
Sein Leben war schon gelebt und im Grunde bereits vorbei
Einzig die Erinnerung ihn täglich trieb,
Für sie allein, er am Leben blieb.
Doch das alte Gleis mit der kleinen Bank, irgendwann in seiner Erinnerung versank.
Ihre Liebe jedoch nie vergeht und in seinem Herzen weiterlebt.


 

Sonja Meggers
Annabel

 

Ihr Mund war so trocken, dass sie ihren Finger zu Hilfe nehmen musste, um die kleine bunte Kapsel aus ihrer Backentasche zu befreien. Sie spuckte sie in die Toilettenschüssel und schickte sie mit einem Fingerdruck auf die Reise durch die Kanalisation. Dann nahm sie wie jeden Morgen ihre Haarbürste und kämmte sich hingebungsvoll das lange braune Haar, bevor sie es zu einem strengen Zopf zusammenband. Sie putzte sich ihre Zähne, wusch sich das Gesicht und legte ein klein bisschen Rouge auf. Mehr war es damals nicht gewesen und so beließ sie es auch heute dabei.

Fast andächtig nahm sie das blaue Kleid vom Bügel und streifte es über ihren Kopf. Sanft glitt der weiche Stoff an ihr herunter und sie liebte das Gefühl, wenn der Saum ihre Waden berührte. Das leichte Sommerkleid war dunkelblau mit zahllosen kleinen Margeriten und an der Taille mit einem zarten Band gebunden. Es betonte ihre schmale Silhouette und selbst wenn sie eine Wahl gehabt hätte, sie hätte sich wohl für eben dieses Kleid entschieden. An diesem Tag musste es dieses Kleid sein, dass war ihr klar, sonst könnte sie ES nicht ändern.

Mit einem letzten prüfenden Blick in den Spiegel verließ sie das Badezimmer und ging in ihr Schlafzimmer. Dort schloss sie das Fenster und blickte kurz auf die weißen Schneeflocken, die auf dem dunklen Holz des Fensterbrettes lagen. Wie kleine Gefangene lagen sie dort. Kamen aus einer freien Welt und wurden vom Wind an diesen Ort geweht, an dem sie ein jähes Ende finden sollten. Für einen Moment wurde sie traurig. Das Schicksal hatte es nicht gut mit ihnen gemeint. Oder vielleicht doch? Sie waren ohnehin dazu verurteilt, sich in Wasser aufzulösen. Wer war sie darüber zu urteilen, ob es gut oder schlecht ist, dass sie es an diesem kalten Januarmorgen auf ihrem Fensterbrett taten. Sie zwang sich dazu, die Gedanken an die Schneeflocken abzuschütteln denn schließlich hatte sie heute etwas Wichtiges vor und so setzte sie sich in ihren Sessel und machte sich auf den Weg zum Ostkreuz.

Wie an jedem Tag umwehte sie die kühle Luft auf der alten Treppe zum Ringbahnsteig. Aus dem Sonnenschein kommend brauchten ihre Augen eine Weile, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Der Urin unzähliger nächtlicher Trunkenbolde vermischte sich mit der Feuchtigkeit des schimmelnden Mauerwerks zu einem atemraubenden Gestank. Immer wieder wunderte sie sich, wie dieser Mief es schaffte, den alten Aufgang auch bei diesen sommerlichen Temperaturen so kühl zu halten. So schnell es eben in den schmalen Sandalen ging, erklomm sie die alten krummen Stufen und atmete erst wieder ein, als sie die letzte Stufe hinter sich gelassen hatte.

Sofort fiel ihr Blick auf Ihn. Sie brauchte ihn nicht suchen, sie wusste genau, wo er stand. Wie an jedem Tag war sie gebannt von seiner Ausstrahlung. Sein kurzes dunkelblondes Haar stand in alle Himmelsrichtungen von seinem Kopf ab. Das olivgrüne T-Shirt betonte seine athletische Figur und die dunkelbraune Hose, die direkt unterhalb des Knies endete, gab den Blick auf seine sportlichen, sonnengebräunten Waden frei.

Sie hatte sich in ihn verliebt. Gleich beim ersten Blick. Wann immer ihr jemand etwas von der "Liebe auf den ersten Blick" erzählt hatte, hatte sie nur gelacht und gesagt, dass es so etwas doch nur im Film gäbe. Nun aber war es um sie geschehen und sie musste einige Teile ihrer Weltsicht neu ordnen.

Sekundenlang ruhte ihr Blick auf ihm. Er sah so unbeschreiblich traurig aus und sie fragte sich, was wohl in seinem Kopf vorginge. Ob er vielleicht gerade jemanden verloren habe, der ihm viel bedeutete. Möglicherweise wurden alle die Pläne, die er hatte vom Schicksal durchkreuzt. Tag für Tag zermarterte sie sich den Kopf was es wohl sein könnte. Gut möglich, dass er nicht mehr so traurig aussehen würde, wenn sie ihr Leben gemeinsam verbrächten. Sie malte sich aus, wie viel schöner er sein müsste, wenn er lächelte. Ob er kleine Grübchen haben würde? Oder vielleicht auch kleine Fältchen um seine wunderschönen blauen Augen bekäme? Sie dachte darüber nach, worüber sie lachen würden, an welche Orte sie gemeinsam gehen könnten und wie eine gemeinsame Zukunft aussehen könnte. Nie zuvor hatte sie solche Gedanken in Bezug auf einen Menschen gehabt. Nie hatte sie geglaubt, dass sie sich vorstellen könnte, jemandem ganz nahe zu sein. Es waren nur wenige Sekunden, allenfalls eine Minute, in der ihr all diese Gedanken durch den Kopf gingen, doch sie veränderten alles. Damals, da hatte sich schon einmal alles verändert. Das war als ihr Vater starb. Sie hatte geglaubt, nie wieder jemanden an sich heranlassen zu können. Doch jetzt stand da dieser Mann und sie wusste, dass er der Einzige war, mit dem sie zusammen in ein neues Leben gehen könnte. Und allein aus diesem Grund musste sie ihn ansprechen. Sie musste ES ändern, damit sich alles ändern konnte, damit sie sich ändern konnte.

Tausend Mal ist sie gedanklich durchgegangen, wie sie es anstellen könnte. Wie sie ihn auf sich aufmerksam machen, vielleicht sogar ein Gespräch beginnen könnte. Das würde alles ändern und alles würde gut werden.

Anfangs hatte sie den anderen noch von ihm erzählt. Von der Situation am Bahnhof und von ihren Gefühlen. Sie hatte ihnen alles beschrieben, in jeder Einzelheit.

Sie liebte den morbiden Charme dieses Bahnhofs, der noch nicht diesem ganzen Modernisierungswahnsinn zum Opfer gefallen war, der seit der Wende unaufhaltsam um sich griff. Die gemauerten Bögen über den kühlen Treppenaufgängen, das offene Dach, dass im Sommer den warmen Wind um ihre Bein spielen ließ. Es hatte so etwas beständiges. Als sei es für die Ewigkeit gemacht. So wie ihre Liebe zu ihm...

Aber irgendwann hatte sie aufgehört, von ihren Ausflügen zu erzählen. Immer wieder kamen dumme Kommentare, dass es dort doch gar nicht mehr so aussehen würde, wie sie es beschriebe, aber sie war doch jeden Tag da, sie wusste alles ganz genau, kannte jedes noch so kleine Detail und keiner konnte ihr sagen, was sie anders machen könnte, um die Dinge zu ändern.

Dankbar hatte sie einmal das Angebot von Dr. Sterzer angenommen, gemeinsam zum Ostkreuz zu fahren, aber er brachte sie zu einem völlig anderen Bahnhof und wollte ihr weißmachen, dass es sich bei dieser futuristischen Großbaustelle um das Ostkreuz handle. Über eine kaum benutzte Rolltreppe fuhren sie dann auf den Bahnsteig, der von einem geschlossenen Monstrum als Metall und Glas überdacht wurde. Kein Lüftchen regte sich und natürlich war auch ER nicht da. Dr. Sterzer erzählte noch irgendwelchen Mist, dem sie gar nicht mehr zuhörte und sich unterdessen schwor, nie wieder jemandem von ihren Ausflügen zu erzählen. Es konnte ihr ohnehin niemand helfen. Das hier musste sie alleine schaffen.

Und so ging sie jeden Tag aufs Neue ihren Weg. Doch jedes Mal, wenn sie am Bahnsteig stand, konnte sie sich nicht bewegen. Sie konnte nicht auf ihn zugehen. Wie gelähmt stand sie jeden Tag am gleichen Fleck und starrte bewegungslos in seine Richtung. Sie wollte zu ihm gehen. Wirklich. Doch ihre Beine gehorchten ihr nicht. Sie wollte nach ihm rufen, doch all ihre Rufe blieben stumm. Jeden Tag hoffte sie auf eine Verspätung der Bahn. Irgendetwas, das anders wäre, damit ES anders würde. Aber nie passierte etwas und so kam sie Tag für Tag her, um ES selbst zu ändern.

Plötzlich ertönte das Knistern der Lautsprecher. Sie würde nur noch wenige Sekunden haben, dass wusste sie ganz genau. Innerlich schrie alles in ihr und sie versuchte aus Leibeskräften, sich zu bewegen. Doch dann ertönte die Durchsage. Die einzelnen Worte verschwammen zu einem grotesken Brei und sie wusste, dass es zu spät war. Sie hörte, wie sich der Zug näherte und sie sah wie er seine Schritte nach vorne tat. Jeden Tag aufs Neue. Und an jedem Tag hoffte sie, er würde es sich anders überlegen oder sie könnte vielleicht doch etwas sagen. Etwas rufen. Irgendetwas tun, was ihn davon abhielt, diesen einen Schritt zu machen. Doch an jedem Tag tat er diesen Schritt. Sie schloss die Augen und hörte nur, wie die Bahn seinen Körper traf. Und dann hörte sie sich schreien. Dann endlich konnte sie schreien. Aber es war zu spät. Und wie an jedem Tag um 8 Uhr 47 kam ein Pfleger. An jedem Tag wird sie dann auf die Liege in ihrem Zimmer geschnallt, bekommt diese beschissene Spritze und ist dazu verdammt, eine gefühlte Ewigkeit dort liegen und aus dem vergitterten Fenster schauen zu müssen. Aber vielleicht schafft sie es morgen, etwas zu ihm zu sagen. Und dann wird alles anders....

RuDi
Das Nachbarschaftszentrum

ruft zu einem neuen

Schreibwettbewerb


Das Rudi-Nachbarschaftszentrum ruft auch in diesem Jahr am Schreiben interessierte oder vom Schreiben besessene Mitbürgerinnen und Mitbürger zu einem Literaturwettbewerb auf. Der Ostkreuz-Literaturwettbewerb hat inzwischen eine lange Tradition. Seit 2002 findet er alljährlich statt. Aus ihm sind bisher elf Anthologien hervorgegangen. Diesmal soll

Die Sirenen vom Ostkreuz

Titel und Thema des Wettbewerbs sein.

Wie die vorangegangenen Schreibwettbewerbe gezeigt haben, ist das Ostkreuz eine zuverlässige Quelle der Inspiration: Aus der Mythologie kennen wir die Sirenen als gefiederte Wesen mit Mädchenköpfen. Ihr Gesang ist umwerfend, und wer sie hört, ist verloren. Odysseus hielt sich für ganz schlau: um unangefochten an ihnen vorbei zu schippern, verstopfte er die Ohren seiner Männer, sich selbst fesselte er an den Mast seines Schiffs. War das eine gute Idee? Dann gibt es ja auch noch Sirenen, die meinen, was sie sagen: Fabriksirenen riefen unsere Großväter zur Schicht, der Rettungswagen ruft, macht Platz, da ist ein Mensch in Schwierigkeiten! Und die ganz Alten erinnern sich noch an ein besonderes, Lebensgefahr signalisierendes Sirenengeheul, das sie in die Schutzräume und Bunker eilen ließ.
Und auch im Alltag gibt es Situationen, die uns vor die Wahl stellen, der Neugier, der Betörung zu erliegen oder ihr zu entsagen und sein Heil in der Flucht zu suchen. So etwas kann jeden Tag geschehen, allerorts. Das Ostkreuz macht da keine Ausnahme. Im Gegenteil!

Wir wünschen allen Schreiberinnen und Schreibern gute Einfälle und eine glückliche, entspannte Hand.

Eingereicht werden können bislang unveröffentlichte Arbeiten. Alle literarischen Genres sind zugelassen. Allerdings sollte der Umfang der Texte acht Seiten nicht übersteigen.
Veranstalter und Organisator dieses Wettbewerbs ist das Nachbarschaftszentrum Rudi. Eine Jury aus Fachleuten und literarisch gut Bewanderten wird die Texte begutachten, die besten davon ermitteln und die Preisträgerinnen und Preisträger in einem feierlichen Rahmen ehren und der Öffentlichkeit präsentieren.
Ausgewählte Texte werden zu einer Anthologie versammelt und als Taschenbuch herausgegeben. Darüber hinaus erscheinen alle Beiträge zum Wettbewerb im Online-Magazin des Rudi-Nachbarschaftszentrums.


Die Texte können — nach Möglichkeit gedruckt und/oder als Word-Datei — gern bei der

Jury »Ostkreuz-Schreibwettbewerb«
c/o Rudi-Nachbarschaftszentrum
Modersohnstraße 55, 10245 Berlin

oder per E-Mail unter der Adresse

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

eingereicht werden.

Termin ist der 30. September 2014

Weitere Details und Neuigkeiten zum Wettbewerb finden Sie regelmäßig in unserem Weblog:

ostkreuzliteratur.blogspot.de

Buch 2011 Tod am Ostkreuz kl

Zu diesem Buch

 

Von kaum einem anderen Verb des Deutschen gibt es so viele stilistische Varianten wie von 'sterben'; sie reichen von drastischer vulgärer Grobheit bis zu einem eher verhehlenden, hingehauchten Euphemismus. Es gab Zeiten, in denen man sogar das relativ neutrale 'sterben' oder 'tot sein' vermied. Heute ist das nicht mehr so. In den Nachrichtenmedien klingt die Mitteilung über den Tod eines prominenten Zeitgenossen ungefähr so: "Der Dichter Vernon Briggs ist tot. Er starb am vergangenen Dienstag, neunzigjährig, an Herzversagen." Der sachliche Ton einer solchen Nachricht bedeutet aber nicht, dass wir zum Tod und zum Sterben ein lapidares, rationales Verhältnis gefunden hätten. Sie ist nur eine andere Strategie, um mit dem Unfassbaren umzugehen.

Wenn in der Literatur der Tod thematisiert wird, geschieht das zumeist auf eine vermittelte Weise. Der Vorgang des Sterbens wird beschrieben oder das Leid und die Trauer der Hinterbliebenen. In der klassischen Tragödie markiert der Tod des Helden die Zuspitzung aller Konflikte in einem dramatischen Höhepunkt — die Geschichte des Helden nimmt ihre schlimmstmögliche Wendung. Oder der Tod tritt — wie auch in einigen Geschichten dieses Bandes — personifiziert, als allegorische Gestalt auf, ausgestattet mit den seit der Antike bekannten Accessoires: der Sense und dem schlotternden schwarzen Gewand, das die Gestalt, die mitunter nur ein Skelett ist, dezent zu verhüllen vorgibt. Visuell stilgebend und oft zitiert und kopiert: Der Tod in Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" von 1957.  

Die Darstellung des Memento mori hat in der bildenden Kunst eine ganz eigene Ikonografie von Signaturen und Topoi hervorgebracht: das Stundenglas oder andere Zeitmesser, ein Schädel, ein Schachbrett, ein umgestürztes Weinglas, herunterbrennende Kerzen, verwelkte Blumen...  

In Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" (1911) erscheint der Tod als Büttel Gottes, der den so sehr am Irdischen (das heißt für den Herrn Jedermann vor allem an seinem Geld) hängenden Menschen wieder an die göttliche Allmacht erinnern soll.

Die für mich wohl eindrücklichsten Zeilen zum Thema finden sich am Ende von Rainer Maria Rilkes "Buch der Bilder" (1902): "Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns."

"Alles wird lächerlich, wenn man an den Tod denkt", heißt es bei Thomas Bernhard. Und wenn man den speziellen Bernhardschen Humor zu genießen weiß, ist einem klar, dass der Tod in das Lächerliche einbezogen ist. Das Lachen ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit. Wenn der Tod unausweichlich ist, kann über ihn auch gelacht werden. Dieser, zugegeben, immer noch etwas anrüchigen, unschicklichen, für manche geradezu blasphemischen Logik zu folgen, hat auch eine lange Tradition. Der Jolly Roger, die schwarze Flagge auf Piratenschiffen, zeigt einen grinsenden Totenkopf.

Seit der Neuzeit glauben wir nicht mehr daran, dass alles menschliche Streben eitel und vergeblich ist und unser "irdisches Dasein" nur ein Zwischenstadium. Die Jenseitsverheißungen der Religionen haben einiges an Glanz verloren. Aber das macht es nicht leichter. Der innermenschliche Konflikt zwischen Demut und trotzigem Selbstbewusstsein geht in die nächste Runde.

So oft wir auch zu hören bekommen, dass der Tod zum Leben gehöre, und so richtig das auch sein mag, es hilft nichts, der Tod wird immer das Unfassbare, das schlichtweg Unangemessene sein. Das macht ihn für die Literatur, die Kunst, inkommensurabel und zu einer nie versiegenden Quelle der Inspiration.

Für die meisten von uns steht fest: über den Tod können nur Lebende nachdenken. Und schreiben. Wer liest, kann nicht tot sein. Ich lese, also bin ich.

Lesen wir.

 

Rainer Fischer Berlin, im Oktober 2011

 

Inka Engmann
Alles Zufall

 

Der alte Penner Karl sitzt auf der Bank am Rand des Parks an der Sonntagstraße und guckt den Leuten zu, die vom Ostkreuz in die Straßen und in die Kneipen strömen. Er hat eine Schnapsflasche in der Hand und ein Grinsen im Gesicht. Ja, der Tag heute war gut, einen Beutel Tabak und sogar zwei Flaschen Schnaps hat Karl sich kaufen können. Der Sommerabend ist mild, die Mädchen sind bunt und luftig gekleidet und laufen erwartungsvoll in die Nacht — so lässt es sich leben!

Vom Ostkreuz kommt ein langer, hagerer Mann mit einem Zylinder auf dem Kopf und einem schwarzen Mantel, der um seinen Körper herumschlottert. Der Mann geht zu Karl und setzt sich neben ihn auf die Bank. "Guten Abend", sagt er höflich, fast feierlich.

Karl glotzt ihn an. Er blickt in zwei kleine funkelnde Augen, die tief in den Höhlen liegen und von dunklen Schatten umgeben sind. Das Gesicht des Fremden ist schmal und sehr bleich, der Mund fast lippenlos. "Meine Fresse, siehst du Scheiße aus!", sagt Karl, "hier trink'n Schluck, denn jeht's dir besser!" Und er reicht dem Mann seine Schnapsflasche. Der nimmt einen tiefen Zug. "Wat willst'n überhaupt, woher weeßte denn, wer ick bin?", fragt Karl. Der Fremde sieht ihm bedeutsam in die Augen und spricht: "Ich bin der Tod und ich bin gekommen, um dich zu holen, Karl!" "Ach du Scheiße!", ruft der, "jib mal schnell die Pulle wieder her, du hast ja janz schön een sitzen!" Er reißt die Flasche an sich und trinkt einen Schluck.

Der Mann, der behauptet, der Tod zu sein, sieht Karl erwartungsvoll an. Eine Weile sitzen sie so schweigend, dann sagt Karl: "Wenn du der Tod bist, warum holst'n mich denn ausjerechnet heute? Ick mein', wo ick jrade heute mal jute Laune habe!"

"Alles Zufall!", spricht der Fremde. "Nun komm, wir wollen gehen!"

"Man sachte!", sagt Karl, "jetzt roochen wa erstmal eene!" Und er hält dem Mann seinen Tabaksbeutel hin. Der nimmt ihn und dreht sich eine Zigarette. "Überhaupt", ruft Karl fröhlich, "is' doch eh alles Zufall, haste gesagt! Also trinken wa erstmal een, ick hab nämlich noch 'ne Pulle! Und wenn wa denn noch loofen könn', seh'n wa weiter." Er prostet dem Mann zu und nimmt einen ordentlichen Schluck.

"Du hast wohl gar keine Angst, mit mir zu gehen?", fragt der Fremde.

"Ach, ob wir nu hier rumhängen oder woanders, det is' ja woll scheißegal!", lacht Karl.

Der Mann dagegen blickt finster. "Du scheinst nicht glauben zu wollen, dass ich der Tod bin", mutmaßt er. Aber Karl klopft ihm beruhigend auf die Schulter: "Klar gloob ick dir, Alter. Aber ick würde det nich allen so erzähl'n, die sind janz schnell dabei und stecken dir inne Klapse!"

Der Mann blickt darauf noch finsterer, aber das bekommt Karl gar nicht mit — er nuckelt an seiner Zigarette und betrachtet wohlgefällig eine Gruppe junger Mädchen, die gerade vorbeigeht.

"Weißt du was, Karl?", sinniert der Fremde, "ich denke, ich hole dich heute doch noch nicht."

"Wat?"

"Siehst du den jungen Burschen dort? Den in der blauen Jacke?" Er zeigt auf ein paar junge Leute, die um einen Tisch vor einer der Kneipen sitzen, darunter der blau gekleidete junge Mann. "Den werde ich statt deiner heute holen. Und nun auf Wiedersehen, Karl!" Damit geht der Mann, der behauptet, der Tod zu sein, langsamen Schrittes Richtung Ostkreuz davon.

Jetzt ist es Karl, der finster blickt. "Verpiss dich doch, du Penner!", brüllt er. "Säufst mir den janzen Schnaps weg und laberst nur Scheiße!" Er trinkt und guckt wieder auf das Straßengeschehen. In seinem Blickfeld sitzt der junge Mann mit der blauen Jacke, gerade stößt er mit seinem Kumpel an und lacht ausgelassen. "So'n Penner!", knurrt Karl kopfschüttelnd.

Vom Ostkreuz her sind laute Stimmen zu vernehmen, die falsch und fröhlich irgendein Lied grölen. Gleich darauf taucht eine Horde Männer auf, so ganz gerade laufen die nicht mehr. Sie torkeln über die Straße und sind jetzt in Höhe der Kneipe, wo der Mann mit der blauen Jacke sitzt. Das Gegröle wird lauter, es klingt nun nicht mehr fröhlich. Karl duckt sich in seine Bank, er kann die steigende Aggressivität beinahe körperlich spüren. Die Gesten der Männer werden bedrohlich. "Jetzt knallt's gleich", murmelt Karl. Und dann kracht es. Und wie. Und ganz schnell geht alles. Statt Gegröle sind jetzt Schreie zu hören. Und plötzlich rennen sie alle, bis auf einen, der liegt am Boden und hat eine blaue Jacke an. Karl reißt die Augen auf und springt auf. Aber schon stehen und hocken und knien ganz viele Menschen um den Mann in der blauen Jacke und versperren den Blick auf ihn. Sie gestikulieren und diskutieren, einer schreit in sein Handy. Karl setzt sich wieder hin und trinkt einen Schluck. Wenige Minuten vergehen, dann kommt ein Rettungswagen angebraust, dicht gefolgt von der Polizei. Jetzt knien die Männer aus dem Rettungswagen über dem Mann mit der blauen Jacke, während die Polizisten die Schaulustigen verdrängen und mit der Zeugenvernehmung beginnen. Die Männer aus dem Rettungswagen stehen bald auf und machen resignierte Handbewegungen. Karl kann den Mann in der blauen Jacke wieder sehen, aber er ist jetzt mit einem weißen Tuch zugedeckt. Gerade hält noch ein Auto, ein dunkles. Zwei Männer mit einem Blechsarg kommen, heben den Mann in der blauen Jacke in den Sarg hinein, legen den blechernen Deckel über ihn und tragen ihn in das dunkle Auto.

Karl atmet lange und pustend aus. Dann hebt er die Schnapsflasche Richtung Ostkreuz, wohin der Mann, der behauptet hatte, der Tod zu sein, verschwunden war. "Allet Zufall!", brummt Karl und trinkt einen Schluck.


 

Jan-Mike Singer
Das Kreuz des Ostens

 

Hastig stürmte ich an der unablässig herausquellenden Menschenmenge vorbei. Viel Rücksicht konnte ich dabei auf die vielen Passanten nicht nehmen. Leider. Denn ich hatte keine Zeit. War zu spät. Viel. Alles drängte. In dreizehn Minuten musste ich in Lichtenberg am Bahnhof sein, sonst würde ich meinen Zug verpassen. Der wohlverdiente Osterurlaub begänne dann unschön. Das wollte ich nicht. Schließlich wurde es langsam Zeit, dass ich mir ein wenig Erholung gönnte. Dies nun gleich mit Maria. Endlich. Ich freute mich jetzt schon unbändig, wenn ich nur daran dachte. Auch wenn alles ein wenig knapp kalkuliert war. Wie immer hatte ich alles auf die letzte Minute gelegt und jetzt die Bescherung. Das kurz vor Ostern. Mein Telefon war auch tot. Maria konnte ich nicht anrufen und über mögliche Verspätungen informieren. Allein Hoffen blieb mir. Schließlich wurde ich früher in der Schule zum historischen Optimisten erzogen. Wenn auch nicht viel von damals übrig geblieben war, das hat überdauert. Würde schon schiefgehen. Von Ostkreuz nach Lichtenberg braucht man mit der S-Bahn vier Minuten. Mindestens. Wenn sie kam. Wenn.

Kopfüber stürzte ich die abgenutzten Stufen herunter. Am Geruch vorbei. Bloß zur S-Bahn. Jetzt. Unglücklicherweise war mein atemloses Rennen vergeblich gewesen. Und umsonst. Kein Zug. Nirgends. Weder hier noch da. Am Horizont nichts. Was ich alles am Himmel entdecken konnte, möchte ich lieber verschweigen. Alles war so verdammt trostlos. Der beinahe leergefegte Bahnsteig fügte sich unaufgeregt in dieses apathische Stillleben ein. Ein paar traurige Gestalten verliefen sich zwischen den alten Gleisen und harrten vereinzelt bis zum Unvermeidlichen aus. Vorwärts ging hier nichts. Alles stagnierte. Die nächste Steigerung wäre der Tod. Allein eine Kleingruppe bewegte sich ausufernd und blockierte die für mich orthographisch bedenkliche Imbissbude "Keb-Up’s" erfolgreich.

Mutter, Vater, Doppelkind. Dass sie zusammen gehörten, erkannte man sofort. Selbst ich. Sogar in dieser unchristlichen Eile. Sicherlich half die ihnen gemeinsame mausgraue Uniform etwas, aber auch sonst war die Ähnlichkeit nicht zu übersehen. Bei den beiden Kindern leuchtete das ein, aber warum die vermeintlichen Eltern sich so inzestuös ähnelten, verwunderte mich doch. Kurz. Für legereres Staunen hatte ich keine Zeit. Zwölf Minuten und mein Zug wäre weg. Die Urlaubsstimmung komplett verschwunden. Denn Maria hatte kein Verständnis für irgendwelche Abweichungen vom Plan oder andere Unregelmäßigkeiten. Sie wurde dann fuchsteufelswild. Auch zu Ostern. Selbst wenn der nächste Zug eine Stunde später fuhr.

Die vierköpfige Kleingruppe hatte sich in Schale geworfen, auch wenn es für mich ziemlich schal daherkam. Einen kleinen farbenfrohen Wimpel hatten sie auch bei sich. Der flatterte munter im Wind und signalisierte die "Protestantische Studiengruppe Detmold/Lippe". Das war noch das Fröhlichste an ihnen. Die studierenden Protestanten litten wahrscheinlich sehr unter Heimweh, Ostkreuz war ganz schön weit von zu Haus, denn einen aufgeräumten Eindruck machten sie gerade nicht.

Die Tochter sah schon gut aus. Sehr gut sogar. Selbst in dieser Kluft. Ihre Schönheit hatte was Überwältigendes. Überirdisch. Ihre blauen Augen funkelten das Monotone dieser Einheitskleidung glatt hinweg. Es war ein ungeheurer Rausch der Sinne, aber ich musste nüchtern bleiben. Denn ich hatte keine Zeit für Eskapaden. Nicht jetzt. Elf Minuten vor Abfahrt des Zuges.

Die Eltern und ihr Bruder hingegen erstrahlten nicht in der Uniform, sie trugen sie einfach. Sahen fürchterlich profan darin aus. Allein deshalb würde ich mich nicht mehr in Einheitskleidung pressen lassen. Der Kirchengruppe war das anscheinend egal. Ich bemerkte bei ihnen keine konfessionellen Abweichungen. Vater und Mutter bewegten sich in der Tracht mit orthodoxer Erhabenheit, aber ein Bild für die Götter war das nicht. Die Montur des Glaubens hing lustlos an ihrem Körper herab. Das war phantasiefeindlich in höchster Potenz. Überhaupt sahen sie nicht besonders lustig aus. Eher wie auf einem unwiderstehlichen Abenteuerurlaub. All inclusive.

Der Sohn spielte wild mit seinem Telefon gegen die drohende Langeweile an und Mama und Papa wohnten dem großstädtischen Treiben immer wieder aufgeregt bei. Ihre ungeteilte Billigung erfuhr das Leben in Berlin nicht. Das sah man. Auch ich. Konnte nicht fragen, was sie störte. Musste fort. In zehn Minuten würde der Zug Lichtenberg verlassen. Fürchtete, das ohne mich. Mist. Unruhig biss ich mir auf die Lippe. Ich ging schnell wieder zum Gleis und hielt Ausschau nach meiner Bahn. Irgendwann müsste sie doch kommen.

Aber nichts.

Keine Rettung kam.

Die Verzweiflung war nahe. Langsam.  

"Er ist auch für dich gestorben", vernahm ich eine sanfte Stimme. Aus weiter Ferne flüsterte sie mir zu. Anscheinend sollte mich das trösten.

Ich drehte mich um. Da war aber keiner, den ich kannte. Musste ich mir eingebildet haben. Wahrscheinlich wurde gerade alles zu viel.

"Sein Leben hat er gegeben. Vergiss das nicht!", sagte die gleiche Stimme wieder mit Nachdruck. Sie hatte einen sanften Ton. Schien aber keinen Widerspruch zu dulden. Wie bei einer alle beglückenden Predigt.

Aber die Bahn kam deshalb auch nicht schneller.

Und die Stimme schwieg.

Ich versuchte, mehr zu erhaschen. Aber vergeblich. Nichts kam. Keine Bahn und auch keine Worte. Jetzt reichte es mir. Ich hatte schon genug Probleme und deshalb keine Zeit, wildfremden Stimmen zu lauschen. Allein die planmäßige Fahrdienstabfolge war mir wichtig. Da konnte ich mich auch nicht mit der Autopsie eines Unbekannten rumschlagen. Dafür hatte ich derzeit einfach keine Kapazität frei. Ich wurde wütend. Sah nur noch rot.

"Bitte? Wer ist tot?", schrie ich aufgebracht. Den Kopf zum Himmel gereckt. Wen konnte ich sonst entdecken, der mit mir sprechen sollte.

Wollte mich jemand zum Besten halten?

"Jesus Christus ist zwar gestorben, er ist aber nicht tot", säuselte das weibliche Organ mir lieblich zu.

Ach du meine Güte. Das hatte mir jetzt gerade noch gefehlt. In neun Minuten musste ich am Bahnhof Lichtenberg sein, kein Zug kam und jetzt sollte ich auch noch zum Gegenstand christlicher Trostspender werden. Für die Todesinterpretationen eines gewissen Herrn hatte ich gerade weder Zeit noch Lust, selbst wenn irgendwo in der Stadt wieder mal ein Evangelischer Kirchentag tobte. Obwohl ich mir das Toben nicht so richtig vorstellen konnte. Zumindest wenn ich diese drei Leute aus Detmold an der Lippe sah. Da konnte ich weder wilde Ausschweifung noch hemmungslose Ekstase vermuten. Eher ein weihevolles Innehalten. Die Mutter hatte nämlich gerade ihre Arme vor dem Schoß verschränkt und lächelte mir nachsichtig zu. Hoffnung in ihren Augen. Irgendwie sah sie glücklich aus. Beseelt. Entrückt. Ich konnte mir das zwar nicht erklären, aber ich hatte keine Zeit für religiöse Phänomene. Wenn die Bahn nicht bald kommen würde, bräuchte ich ein Wunder. Welcher Art auch immer, denn Maria konnte fuchsteufelswild werden. Dann war sie geradezu irdisch und verdammt direkt.

"Alles mag so bitter erscheinen; als wäre es vorüber, aber die Kraft des Gebets versetzt Berge", fing die gleiche gnadenlose Stimme wieder von vorn an.

Wär doch was. Wenn es wenigstens ein Lichtenberg wäre, dann würde ich wahrscheinlich auch gewisse metaphysische Erscheinungen akzeptieren. Aber nur dann. Solange wusch ich meine Hände erst mal in Unschuld. Da war ich sicherlich nicht der Einzige.

"Versuch es doch einmal. Bete!", lockte mich die Stimme.

Danach war mir aber gar nicht zumute. Lieber suchte ich den Himmel nach sicheren Zeichen des Fortschritts ab. Aber da war wenig. Wenn auch etwas. Ein kleiner Punkt, der langsam größer wurde und sich zum willkommenen Abbild einer gut erhaltenen S-Bahn entwickelte. Noch sieben Minuten bis Buffalo. Mensch, war ich froh!

Detmolds Mutter hingegen ruhte jetzt nicht mehr in sich. Irgendwas hatte ihre Seelenruhe gründlich verhagelt. Im Moment wirkte sie etwas kurzatmig und sehr gereizt.

"Oder bist Du etwa einer von diesen gottlosen Atheisten? Waren sie doch im Osten fast alle und bei der Stasi oder beides. Habe ich doch in der Zeitung gelesen", schmetterte ein stimmliches Tremolo schrill los. Ich hörte kaum noch zu und hatte unglücklicherweise auch keine Zeit mehr, ihr zu sagen, dass ein Wort allein für ihre abfällig gemachte weltliche Einschätzung gereicht hätte.

Denn meine Bahn kam. Drei Minuten zu spät, aber sechs Minuten vor Abfahrt des Zugs.

Würde schon klappen.

Alles.


 

F. Stofflovsky
Lisbeth / Galgen

 

Lisbeth

Seit Jahrzehnten wohnt Elisabeth Heidenreich in der Lenbachstraße. "Vorher", so pflegt sie mit ihrer fragil gewordenen Stimme zu sagen, "ham wa in der Sonntagstraße jewohnt." Und das mag auch seine Richtigkeit haben. Auf jeden Fall kennt sich die Frau bestens in ihrem Viertel aus.

Frag sie nach einer Straße, nach einem Platz, nach einer Geschichte, du musst auf die detailgetreue Antwort nicht lange warten.

Elisabeth, von ihren wenigen verbliebenen Freundinnen Lisbeth genannt, hat ein gehöriges Faible für Katzen. Zwei besitzt sie noch, die schlafen, fressen und trinken in ihrer Zweiraumwohnung, mehr hat die Hausverwaltung ihr untersagt. Aber sie versorgt das ganze Viertel, jeden Morgen pünktlich 5 Uhr. Die Hälfte ihrer Witwenrente geht dafür drauf. "Did jeht ins Kreuz, sach ick dir." Tagtäglich stehen die verschiedenen Sorten in den Büschen an der Ecke Lenbachstraße/Simplonstraße. "Aber", so lenkt sie ein, "es hält ooch fit." Den Katzen hat sie nach und nach Namen gegeben: CHARON, ORPHEUS, EURYDIKE, usw. "Charon", sagt sie, "mag vor allem Hühnchen".

Man erzählte sich in den 1980er Jahren, Elisabeth Heidenreichs Großmutter sei dem so genannten S-Bahn-Mörder Paul Ogorzow in die Hände gefallen. Jener Schänder hat zwischen 1939 und 1941 als Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn auf der Strecke zwischen Rummelsburg und Karlshorst sein Unwesen getrieben. Etliche Vergewaltigungen und Morde gingen auf sein Konto. Elisabeth erzählt aber nichts davon und man muss sich fragen, ob was dran ist an der Sache.

Seit dem Tod ihres Mannes war sie nicht mehr auf dem Friedhof. "Wat soll ick denn da?", fragt sie. "Nee, lass mal jut sein, der Friedrich konnte auch nichts mit diesen Gärten anfangen. Solange ick leb, will ick es mit Lebendjen zu tun ham, und wenn's nur meine Katzen sind."

In den frühen Morgenstunden begegnet Elisabeth Heidenreich den unterschiedlichsten Menschen. Heulende Teenager gehören dazu, torkelnde Mittvierziger, aber auch Autodiebe und Sprüher. Und immer wieder hat sie sonderbare Gespräche. Manchmal sagt sie einem der jungen Mädchen ein paar tröstende Worte. Mal warnt sie jemanden vor einem Autounfall. Von den Autodieben hält sie sich fern, aber sie ist keine Denunziantin, obwohl sie das nicht gutheißen kann. Einmal hat sie sogar für zwei Sprüher aufgepasst. Jetzt steht neben dem Bild, von dem Elisabeth sagt, "kann ich nicht lesen", ein mit schwarzer Farbe hingeschriebenes "Yo Lisbeth". Und man kann es ihr ansehen, darüber freut sie sich insgeheim.

Elisabeth Heidenreich arbeitete, daher auch ihr Rückenschaden, mehr als die Hälfte ihres Lebens als Wäscherin. "'ne Zeit lang", so erinnert sie sich, "musst' ick bis innen Prenzlauer Berg fahren. Hab da in der Pappelallee jearbeitet. Jeden Morgen mit der Ring-Bahn, Ostkreuz rin, Schönhauser raus. War ja früher leer die Bahn, nach 63 ham die aus'm Westen das S­Bahn-Unternehmen ja boykottiert. Na, mir war's recht. Ja, mit der Mauer. Frag mich sowas nicht. Viele Tote. Junge Menschen, aber auch Alte und Kinder. Ach, nee, aus so was kann man nicht schlau werden."

Auf die Frage, wie sie über den Tod denke, geht sie nur kurz ein. "Wissen Sie", sagt sie, "ich hab da so meine Vorstellung. Die soll'n mich dann neben meinen Mann packen, wenn es ihnen Spaß macht. ER und ich, wir ham viel übern Tod jeredet, das war sein großes Thema. Nicht zufällig heißen die Katzen wie sie heißen. Jeder muss sich da seine eigenen Gedanken machen. Ick werd hier sterben, wie ick hier jelebt hab. Nur um die Katzen mach ick mir jelegentlich Sorgen."

 

Galgen

Aus dem Koma erwacht, wie er zu sagen pflegt, trifft A. gegen 14 Uhr, die Sonntagstraße herunter kommend, ein. Die anderen sind schon da, spielen Tischtennis, quatschen Schwachsinn und nehmen gelegentlich einen Hieb aus der aufgeheizten Rotweinflasche. Mädchen und Jungen bei brennender Sonne.

"Und noch gut nach Hause gekommen?", schreit L., der gerade auf den Ball wartet.

"Schon. Doch ich hatte heut Morgen zu kämpfen", entgegnet A. mit krächzender Stimme.

"Gib mal Blättchen!", fordert B., bekommt sie von E. zugeworfen.

 

Nachdem auch die Tischtennisspieler aufhören, sitzen sie da, schauen sich um. Da hängen sie rum und chillen. Wie jeden Tag, sieben Tage das gleiche Programm.

Und die Säufer im Schatten, an den Pissstellen, unter den Bäumen.


B: "Eh, guck mal, sitzen da mittendrin, wo am Abend jeder hinpisst."

A: "Die kriegen's halt nicht mehr mit."

B: "Lass mal ausprobieren, wer am höchsten kommt."

A: "Eh, L., bist dabei?"

L: "Klar."

Seit Anfang des Sommers stand der Galgen, so nannten sie die Holzkonstruktion, einfach da, ohne genutzt zu werden. Den Sommer zuvor hing noch ein Netz daran, in dem man schaukeln konnte. Irgendwer hatte gesagt, es habe sich ein Unfall damit ereignet. Sie waren der Sache nicht nachgegangen.

E., die Freundin von B. hatte einmal überlegt, ob sie eine Installation daraus machen sollte. Sie hatte dann doch nicht die Stoffpuppe drangehangen, mit der sie schocken wollte. Doch dieser Galgen warf seinen Schatten, faszinierte.

Jetzt nehmen L., B. und A. nacheinander Anlauf, rennen den Balken hinauf, soweit sie kommen und balancieren dann, wie auf einen Schwebebalken, den 45 Grad Winkel in Höchstgeschwindigkeit runter. A. liegt die nächsten zwei Versuche vorn, gefolgt von B. Als L. die 5 Meter übertritt, will A. es wissen. Da rennt er also hoch, verfehlt, der Ballen seines linken Fußes stechelt noch einmal zärtlich über die Kante hinweg, bevor A., der Schwerkraft erlegen, dem Abgrund zufällt. Ein Zufall. Ein Unfall.


 

Andrea Collins
Vergiss nicht zu lieben

 

"Wo bist du?", fragt mich mein Bruder am Telefon. "Auf’m Alex", sage ich. "Und was machst du da?", fragt er. "Ich will Lösungsmittel für die Kontaktlinsen kaufen, bei Fielmann", sage ich und etwas ungeduldig: "Was gibt es?" — Arndt sagt: "Der Vater ist gestorben."

 

Ich sehe Holzbuden stehen, noch nicht in Benutzung, aufgebaut für den kommenden Ostermarkt. Gehe zwischen sie, stelle mich unter ein Holzbudendach — kein Mensch sonst ist da — zwischen der einen und anderen Reihe. Ich stehe da allein, für keine/n sichtbar. Halte mich an einem Holzpfeiler fest.

"Ich halte mich an einem Holzpfeiler fest", sage ich zu Arndt. "Ich stehe hier zwischen solchen Buden."

Schock.

 

"Heute Morgen hat der Vater noch gefrühstückt", sagt mein Bruder, "dann ist er eingeschlafen, was ungewöhnlich war. Später ist er nochmal kurz aufgewacht und hat unklar geredet. Dann ist er wieder eingeschlafen." Er redet wie einstudiert, sachlich, ganz der Jurist. Der Tatbestand: "Die Mutter hat zu dem Zeitpunkt die Ärztin geholt. Die hat gleich die Einweisung in die Klinik angeordnet. Der Krankenwagen ist gekommen und der Vater ist auf einer Bahre aus dem Haus getragen worden. Mutti und ich sind gleich auf die Intensivstation nachgekommen. Dort haben uns die Leute so angeguckt, dass wir wussten, es ist nichts mehr zu machen. Einer sagte: 'Das ist der Zeitpunkt, an dem die Angehörigen gefragt werden, ob der Mensch noch am Leben gehalten werden soll, damit alle Angehörigen Abschied nehmen können.' Wir haben gesagt, dass deine Anreise aus Berlin zu lange dauern würde. Wir haben dem Vater die Hände gefaltet, uns zu dritt an den Händen gehalten und dreimal das Vaterunser gebetet und dich da mit reingenommen. Um 13 Uhr haben sie die Beatmung abgestellt."

Es war ein leichter Tod, medizinisch gesehen, denkt die Krankenschwester in mir und das sage ich auch. Mein Bruder ist jünger; ich möchte ihn stützen. Er sagt, er stehe neben sich und könne es noch gar nicht glauben. Die Beerdigung fände am Dienstag statt. "Es reicht, wenn du am Wochenende kommst." Er sagt: "Nimm dir ein Taxi nach Hause."

 

Ich denke über die Taxi-Alternative nach und nehme die S-Bahn. Meine Knie wanken. Der Realitätssinn verbiegt sich. Kriege ich das hin? Zu laufen, mit der S-Bahn zu fahren? Mechanisch kann ich mich darauf verlassen, die Wege in diesem Alex­Großstadt-meine-Stadt-Gewusel zu kennen. Beruhigende Routine.

 

Ich rufe Maria und Gerlinde an, von meinem Sitzplatz zwischen zwei Leuten aus: "Das Tanzen für Sonnabend muss ich absagen. Mein Vater ist gestorben. Ich fahre nach Heidelberg."

Das geht in Berlin, solche Dinge in der Öffentlichkeit zu sagen. Die große Freiheit der Anonymität: keine/r schert sich drum oder guckt zweimal. Ich darf sein. Allerdings rede ich auch nicht derart laut, dass ich die Mitfahrenden mit meinen Geschichten belästige. Fast stimmlos erledige ich die Telefonate. Ich will sie so schnell wie möglich hinter mich bringen. Zu tun ist, was gemacht werden muss.

 

Ausstieg Ostkreuz, Richtung Markgrafendamm, warten auf den 194. Nicht recht bei Sinnen. Funktional.

Ich rufe die Mutter an, höre wie es ihr geht.

Im Dunkeln, bei zugezogener Gardine ob dieses Innenhofschachtes, denke ich zu Vatern hin: "Wie kannst du mir das antun?", und platze es fast raus. "Mich hier allein lassen, in dieser Unfertigkeit, mit diesem Baustellenleben, in der Durchgangssituation. Ich bin noch nicht soweit, dass du mich verlassen kannst." Gedanken der Kindlichkeit. In meinem Alter nehme ich kritisch wahr. Anklage. Selbstmitleid.

Bisher hatte ich mich auf nicht mehr als ein Baustellendasein eingelassen.

Schwarz ist das Zimmer, das Licht bleibt aus.

 

Zwei Wochen vorher träumte ich, dass der Vater sich von mir verabschiedet. Er ging aus dem Zimmer und sagte Lebewohl.

Ich dachte, ich irre mich. Es kann nicht sein, weil es eher bergauf ging mit seiner Genesung. Er hatte wieder an Kraft gewonnen. Lief mit dem Rollator umher — auch auf der Straße — und war bei einer Essenseinladung auf dem Dilsberg dabei. Für den Herbst war ein Urlaub in Italien geplant.

 

Aber das Gefühl blieb, ihm einen Brief schreiben zu müssen. In Gedanken formulierte ich die Sätze immer wieder: wie viel er mir bedeutete die ganzen Jahre und dass ich wusste, ich würde immer auf ihn zählen können. Dass ich mich ihm geistig verbunden fühle, auf dieser intellektuellen Ebene. Und ihn so außerordentlich schätze für die innere Haltung, die er lebte, die ungebrochene Geradlinigkeit im Umgang mit Menschen; dass er sich nicht orientierte an dem Materiellen, am Status der Leute, an ihrer Popularität.

Zeitlebens fuhr er mit seinem klapprigen, zum Schluss 50 Jahre alten Fahrrad umher und trug seine Kleidung bis sie auseinanderfiel. Es gab bei ihm keinerlei Zeichen von Dünkel.

Auf dem Fußgängerweg neben der S-Bahn-Brücke zum Treptower Park redete ich mit Vater das letzte Mal. Ich sagte zu ihm: "Wenn du nur wieder gesund wirst", und wusste innendrin, dass es nicht so wird. Ungläubig ob der Intuition. Trostlos. "...dass ich dich liebhabe", sagte ich und dachte an den Brief, den ich jeden Tag im Kopf schrieb. "Das ist gut zu wissen", sagte er.

Wir redeten sonst nicht so emotional.

 

Den Tag vor seinem Anruf hatte ich meinem Bruder eine Mail geschrieben mit Anweisungen, wie die gesundheitlichen Fortschritte des Vaters zu unterstützen seien. Es war eine Auflistung ausführlicher Ansagen aus der gesundheits- und krankenpflegerischen Perspektive.

Das war Dienstagabend. Am Mittwoch war der Vater tot.

Wir hatten den Abschied geprobt. Durch einen Fehler des Krankenhauses war er im Sommer des Vorjahres nach der OP praemortal  gewesen. Als die Mutter morgens auf Station kam, hatten die Schwestern Schläuche und Infusionen abgestöpselt. "Ihr Mann ist austherapiert", sagten sie ihr.

Angeschlossen wurde alles wieder nachdem mein Bruder als Betreuer dafür sorgte. "Der Vater hat so gekämpft", sagte er, "er wird nicht abgehängt".

 

Damals hatte morgens um halb acht die Mutter auf dem Handy angerufen, ich solle "sofort kommen, der Vater stirbt". Ich rannte die Frankfurter Allee entlang, rannte Geld holen, rannte in den U-Bahn-Schacht.

Im Hauptbahnhof sah ich die Schlange und sagte zu den englischsprachigen Touristen, die gerade anstanden, und den Wartenden: "Excuse me. My father is dying. I have to get the ticket immediately. I’m sorry." Ich weinte.

Die Leute ließen mich nicht nur vor, sondern die Schalterangestellte verließ auch wenige Minuten später ihren Sitz und zog mit mir zusammen am Automaten ein Ticket nach Heidelberg für sofort.

Unvergesslich.

 

Mit dem Taxi in Heidelberg zum Salemkrankenhaus, Zimmer gefunden, Schutzkittel angezogen, ans Bett gestellt, die Hand vom Vater genommen. Tränen in den Augen, stundenlang. Ich sah meinen Bruder und die Mutter an, wie nahe wir uns sind.

 

Ich sagte zum Vater: "Ich komme jetzt jedes Wochenende, bis du wieder gesund bist." Die verschiedenen Stationen, auf denen er lag, lernte ich ganz gut kennen. Auch die Rehaklinik, in die er bald darauf kam.

Es gab eine Kehrtwende. Die medizinischen Werte besserten sich.

 

Der buddhistische Gynäkologe, bei dem ich am Donnerstag nach Arndts Anruf einen Termin habe, erzählt, dass er vor einem Jahr seinen Vater verloren hat und wie es für ihn war. Er sagt: "Im Buddhismus machen wir es so, dass die Angehörigen in den ersten sechs Wochen jeden Tag zur Todesstunde eine Kerze anzünden, in die Ruhe gehen und dem Verstorbenen gute Wünsche mitgeben und beruhigend mit ihm reden. Bis ein Jahr nach dem Tod sollen die Nahestehenden keine großen Veränderungen in ihrem Leben vornehmen: nicht umziehen, keine neue Arbeit annehmen."

Auch jetzt rede er noch mit seinem Vater, sagt er. Ab und zu.

Meiner Freundin Julia bringe ich vor der Beerdigung die Mimose. Sie sagt zu meinem Patenkind: "Die Andrea ist heute ganz traurig. Ihr Vater ist gestern gestorben. Wenn du willst, kannst du sie mal an den Zehen kitzeln und ihr einen Kuss geben, dann sagst du gute Nacht." Und das tut er dann auch, der kleine Junge.

Fünf ist er jetzt. Befriedigt nehme ich wahr, dass wir keine Kindersprache mit ihm sprechen und ihn für voll nehmen.

Mein Seelenvogel breitet die Flügel weit aus bei Antons Abschied für den Abend.

 

Grau. Graue Trauer. Der Vater liegt in einer grauen Stahlbox auf der Pathologie. In einem Schiebfach, dass ich von Filmen her kenne. Als Schwesternschülerin war ich mit der Klasse einmal dort, um eine Untersuchung anzusehen. Ich sah nicht hin.

 

Die Beerdigung geht vorüber. Unsere Familie hat sich gut gehalten. Ich bin stolz darauf, in Anbetracht der Verstrickungen, die tatsächlich zwischen uns herrschen. Ein Kraftakt und das schauspielerische Können der gesellschaftlichen Vorgaben. Rollen werden eingehalten, das Brauchtum stützt. Mothers little helpers tun ein Übriges.

Authentische Begegnungen unter diesen Umständen prägen sich ein.

 

Ich streichele die Tannenzweige auf Vaters Grab, sitze in der Hocke davor. Schön, dass du kommst, höre ich den Vater in Gedanken sagen und erschrecke. "Die Seele macht das", sagt Julia dazu später.

Einen Stuhl will ich neben das Kreuz stellen, mich setzen und Papiere lesen. Die Mutter will keinen Stuhl dort. Sie sagt, sie hat den Vater so schon immer präsent.

Wenn die Mutter dabei ist, bin ich am Grab für sie stark.

Noch drei Tage Praktikum, dann ist das vorbei. Mit der Stelle verbindet mich nichts, daher bietet sie nichts Tragendes. Natürlich stellen sie niemanden ein, obwohl es ein florierendes Forschungsunternehmen ist.

Die Mitarbeiterinnen in meinem Büro unterstützen den Führungsstil: sie nehmen die Arbeit mit nach Hause und sind sogar an den Feiertagen damit beschäftigt.

Eine Kollegin ist als Leiharbeiterin bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt und verdient wesentlich weniger als ihre Zimmerkollegin. Sie beschwert sich bei mir über die Zustände und dass das Unternehmen sie hinhält und ihr sagt, vielleicht werde sie zum nächsten Jahr übernommen – seit eineinhalb Jahren. Jeden Tag macht sie Überstunden, hält sich an der Hoffnung hoch und will die Oberen von ihrem Einsatz überzeugen.

Anfangs drucke ich ihr Arbeitsstellen aus, auf die sie sich mitbewerben will, später lasse ich es. Ich kriege das Gefühl, sie braucht diese Situation.  

Wir Teilnehmerinnen der Weiterbildung, die elf Monate lief, sehen uns nochmal zur Endrunde. Die Luft ist raus. Ich sitze dabei, bin anwesend. Der Leiter der Maßnahme meint, wir wären der netteste Kurs seit Jahren gewesen, sie hätten überlegt, uns zu verlängern.

Wir hatten uns gegenseitig in Schutz genommen, verteidigt, hatten einander sein lassen trotz entschiedener Differenzen und waren im Wesentlichen fair geblieben. Es war ein wohlwollender Haufen von Leuten, die sich auf dem Ersten Arbeitsmarkt wie er heute ist, (zeitweilig) nicht durchsetzen konnten.

Wie in anderen Settings des Zweiten Arbeitsmarktes empfand ich die Leute (mit ihren Handicaps) wieder als 'humaner'.

 

Kraftlosigkeit. Nur noch Liegen. Nicht mal die Beine will ich mehr bewegen.

 

Es hat nichts mit mir zu tun — die Ballerinas, die ich einkaufen müsste. Ich fasse sie an — wie in einer anderen Welt. Bedeutungslosigkeit hat ein neues Gesicht bekommen. Einkaufen ist sinnlos.

Der Vater sagte: "Irgendwann stellt man fest, dass man im Grunde fast nichts braucht, dass sich einiges ummodeln lässt und nichts Neues nötig ist".

Er hatte sich hochgearbeitet zur intellektuellen Elite.

Weder hatte er deren Werte übernommen noch in ihre Normen gepasst.

Eine polnische Bauersfrau hat ihn zum Schluss gepflegt. Ich erzählte ihr, dass er in einem Bauernhaus aufgewachsen war in armen Verhältnissen und schließlich Professor wurde.

Die beiden waren ein gutes Team. Sie war genau richtig für ihn.

Mir schien, er hatte in der einfachen Wahrhaftigkeit des Umgangs miteinander ein Stück Heimat wiedergefunden.

 

Die Pfarrerin in der Samariterkirche im Nordkiez spricht in ihrer Predigt von den 'unverlierbaren Toten'. Sie bezieht sich auf Hilde Domin und hat das Gedicht am Ausgang ausgelegt.

Angenommener Weise ist Gott mit uns.

Durcheinander. Neben-sich-Stehen. Plötzliche akute Verwirrung: Wie bewege ich den Cursor mit der Maus? Stehe ich soweit neben mir? Derartig war ich noch nie von der Rolle!?

"Das ist normal, diese Verwirrtheit", sagt mein Freund Sven und fängt von den Trauerphasen nach Elisabeth Kübler-Ross an. Die Abgespaltenheit und das Sich-Fremd-Fühlen.

Er sagt: "Ich will in der Trauer für dich da sein."

Er ist da.

 

Zu Janet, einer Ex-Kommilitonin, sage ich: "Es tut mir so Leid, dass ich den Brief nicht geschrieben habe, von dem ich die ganze Zeit dachte, ich solle ihn schreiben. Ich hatte durch diese 40-Stunden-Praktikumsstelle einfach keine Zeit."

Ihr Vater ist vor vier Jahren gestorben. Sie sagt, dass sie ihrem Vater damals auch gerne das eine oder andere noch gesagt hätte, dass er aber genauso überraschend gestorben wäre. Bei einem Workshop zu dem Thema wurde ihr gesagt: "Das ist die Nähe, die dein Vater zugelassen hat. Wenn er vorher gestorben ist, bevor du das sagen konntest, hat er genau diese Nähe gewollt und keine andere."

 

Ruhe. Nur Ruhe, Ruhebedürfnis. Ich halte es lange ohne Menschen aus. Ein nie erlebtes Alleinsein-Wollen und Alleinsein-Können. Ich sehe nur wenige, melde mich bei Einzelnen. Gehe zu Einladungen, zu denen ich mich aufgrund langjähriger Freundschaft verpflichtet fühle. Verbundenheit zählt.

Außer den engen Freundinnen sind alle unwesentlich.

Anderen gegenüber werde ich mitunter grantig und aggressiv.

So kenne ich mich nicht.

Vier Wochen Nebel. Tag für Tag vorantasten. Den Tunnel befühlen. Einen Schritt nach dem anderen machen. Möglichst wenige.

Niedergeschlagenheit.

Auf einer tieferen Ebene ist alles egal.

Trauer und Wut.

Im Hausflur morgens kommt mir der Hauswart mit Fahrrad entgegen. Er fährt zu seiner Laube.

Seit Dezember benutzt er so viel Parfüm, dass der ganze Hausflur und Innenhof nach ihm stinkt. Er will die Alkoholfahne überdecken, denke ich; ich hörte ihn lallen.

Es lässt sich nicht völlig ausschließen, dass er die Aufträge der paar Mieter erledigt, die auf seiner Lieblingsliste stehen. Bei den übrigen rührt er keinen Finger und der Wasserhahn bleibt ohne Mietervereinsanwälte am Tropfen. Tatkraft zeigt er, indem er sich lautstark räuspert, am Telefon brüllt und den Mieterinnen zuruft: "Sehen Sie heute wieder gut aus."

Weder des Hörens noch Riechens mehr adäquat fähig, einsatzunwillig und von fortschreitender Verkindlichung betroffen, überzeugt der Mann ausschließlich durch starre Bockigkeit bezüglich seines altersgerechten Abtretens.

Die Hausverwaltung geht mit diesem peinlichen senilen Profilneurotiker mit.

"Wir zahlen Ihnen hier die Rente", sage ich ENDLICH zu seiner Frau. Dass die beiden sich auf Kosten der überwiegend armen Mieter einen lauen Lenz machen.

 

Auch die Mutter lässt ihre Wut in häuslicher Umgebung aus. Weil sie neun Jahre älter als der Vater war, ging sie immer davon aus, zuerst zu sterben. Jetzt, mit 84 Jahren ist sie so rege, dass sie in einer Abruptaktion das vom anderen Grundstück hereinragende Überholz absägen lässt, das dazugehörige Unterholz nebendran abtragen lässt, überragende Baumäste abschneiden lässt und sich mit den Nachbarn anlegt. Die Fetzen fliegen.

Für kurze Zeit entwickelt sich die alte Dame zur Maschendrahtzaun-Mafia und nimmt das Gesetz in die eigene Hand.

Janet erzählt, dass ihre Mutter das erste halbe Jahr nach dem Tod des Vaters vor Wut über das Verlassenwordensein die Tennisbälle nur so geschmettert hatte.

 

Halbtags trifft sich Mutter mit den anderen Witwen im Thermalbad, geht schwimmen und Kaffee trinken.

Ich ziehe den Hut vor ihr.

Ihr Werdegang wird von ihren Kindern engmaschig beäugt.

Ein paar Wochen später sitze ich auf einer Bank in der Grünfläche neben dem Nachbarschaftshaus RuDi, den Brief vom Notariat in der Hand. Sind die Fenster, die ich sehe, die vom Nachbarschaftsheim? Nein, da ist eine Schule dazwischen. Ein Schüler sitzt dort weiter weg auf einer anderen Bank; er geht weg als ich mich hingesetzt habe. Wohl zu den anderen, die auf dem Sportplatz sind. Haben sie nicht Unterricht?

"Das Erbschaftsverfahren ist eröffnet", lese ich. Es interessiert mich nicht. Ich will das alles nicht. Ich will, dass der Vater zurückkommt.

 

Auf der Modersohnbrücke fahre ich an Jugendlichen vorbei. Sie sitzen dort und sehen sich den urbanen Sonnenuntergang an. Heute mit Techno Musik aus dem Ghettoblaster.

Es ist einer der Momente, für die ich Friedrichshain liebe.

Nur zehn Prozent der Bewohnerinnen des Stadtteiles sind in meinem Alter, zwischen 40 und 60 Jahre, lese ich in der Statistik — und ich glaube es auch. Ich höre, dass viele Ältere mit der Jugend Schwierigkeiten haben. Ich habe sie nicht.

Manchmal höre ich zu und beantworte Fragen. Drei-, viermal habe ich Leuten auf Drogen beigestanden bis der Notarzt kam. Oft fühle ich mich mütterlich, tantenhaft.

Wenn es im Haus zu laut wird, sage ich der Jugend Bescheid. Die Bullen hab ich auch schon mal geholt, den Bereitschaftsdienst. Das lag in Kreuzberg auch manchmal an.

Bisher bin ich nicht reif für den Stadtrand mit Familien.

Christoph vom Interkulturellen Garten hilft mir dabei, meine Parzelle neu zu bepflanzen. Er schlägt das Hilfsangebot von sich aus vor. Anfang Juli legen wir das Saatgut aus, das für April angedacht war. "Was noch wächst, das wächst", meint er.

Ich kenne ihn seit 30 Jahren. Habe ihn wiedergetroffen in den Laskerhöfen, wo er einen 1-Euro-50­Job macht, vorher hatte er eine ÖBS. "Die war besser", sagt er, "da wird auch gezahlt, wenn man krank ist. Und sie geht zwei Jahre."

Manchmal reden wir über alte Zeiten.

Irgendwie ist die Stadt nach so vielen Jahren wie ein Dorf.

Inzwischen ragt der eiserne Überbau des neuen Bahnhofs am Ostkreuz in die Luft. Das Hochgerüst ist fast fertig.

Es geht dem Spätsommer entgegen.

Zuverlässig steht der alte schwarze Turm daneben – unter Denkmalschutz. Er bleibt.

In seiner Beständigkeit wird er ein Wahrzeichen für das Ostkreuz sein.

"Vergiß nicht zu lieben" steht unten an der Mauer des Restaurants Rotherstraße, Ecke Modersohn. Ich lese es gerne und habe es fotografiert.

Ich habe viel vor.

Mein Vater ist immer bei mir.


 

Paul Warg
Wucht

 

Frank

Ich hörte wie die Haustür zuschlug, Alex hatte es wieder einmal besonders eilig. Es war 7.20 Uhr und er hatte eigentlich noch genügend Zeit, rechtzeitig zur Schule zu kommen, aber es gefiel ihm, auf dem Schulweg noch ein wenig herumzutrödeln. Er hatte sein Schulbrot auf dem Küchentisch vergessen, also nahm ich es und legte es in den Kühlschrank.

Mit meiner Frau Kathrin war ich nun schon seit elf Jahren zusammen. Ich lebte mit ihr und ihrem zwölfjährigen Sohn in Berlin nahe dem Bahnhof Ostkreuz. Alex ist für mich wie mein eigener Sohn, denn seinen leiblichen Vater hatte er nie kennen gelernt. Kathrin kannte ich schon aus gemeinsamen Studienzeiten und war seit Alex' Geburt immer für sie da. Aus Fürsorge wurde Liebe und als wir beschlossen zusammenzuziehen, fanden wir vor neun Jahren eine große Altbauwohnung am Ostkreuz und fühlten uns dort auf Anhieb sehr wohl. Zwischenzeitlich hatte sich viel verändert, aber wir mochten es. Am Markgrafendamm und den umliegenden Straßen war es eher ruhig. Dafür war auf der anderen Seite vom Ostkreuz, in der Sonntagstraße, immer was los. Man konnte bummeln gehen oder einfach mal einen Kaffee trinken. Auch für Alex gab es immer was zu entdecken.

Kurz nachdem Alex die Wohnung verlassen hatte, klingelte das Telefon. Widerwillig nahm ich den Telefonhörer ab. "Charité … Intensivstation … Ihre Frau …" Ich nahm nur noch Wortfetzen wahr. Der Telefonhörer fiel mir aus der Hand, aber im letzten Moment fing ich ihn wieder auf. Ich verstand nichts mehr. Ich hatte einen Kloß im Hals, brachte kein Wort mehr heraus und legte den Hörer einfach auf. Mein Herz schlug wie verrückt und ein dumpfes Klopfen machte sich in meinem Kopf breit. Ich fing an zu schreien, stand brüllend im Flur. Ich zitterte am ganzen Körper und versuchte verzweifelt, nicht die Kontrolle zu verlieren.

Mein nächster Gedanke ging an Alex. Wie sagt man seinem zwölfjährigen Sohn, dass seine geliebte Mutter im Sterben liegt?

 

Alex

Ich konnte es schon in den Augen meines Vaters sehen, irgendetwas stimmte nicht. Sein Blick verriet mir, dass etwas passiert sein musste. Er schaute mich durchdringend an. Seine Augen waren rot und glasig. Wir standen im Flur. Es dämmerte und ein schummriges Licht drang durch die offenen Zimmertüren in den Flur. Er sagte mit leiser Stimme, dass er etwas mit mir besprechen wolle. Ich guckte in seine glasigen Augen und legte meine Arme um ihn. Ich legte meinen Kopf fest auf seine Brust. Ich spürte wie er zitterte. Er drückte mich leicht weg und nahm meine Hand. Wir gingen in mein Zimmer und ich versuchte mich zu erinnern, ob ich meinen Vater schon jemals hatte weinen sehen. Ich konnte mich nicht erinnern. Wir setzten uns auf das kleine Sofa, das unter meinem Hochbett stand. Immer wenn man sich darauf setzte, versank man förmlich in den Polstern. Es herrschte eine beängstigende Stille, die plötzlich durch eine vorbeifahrende S-Bahn durchbrochen wurde. Mein Vater schien die Gelegenheit nutzen zu wollen, mir etwas zu erklären. Seine Lippen bewegten sich.

Ich wusste sofort, dass es mit meiner Mutter zu tun haben musste. Sie sollte am Kopf operiert werden, denn man hatte vor einem Monat einen Gehirntumor bei ihr festgestellt. Jetzt lag sie im Krankenhaus, da war ich aber auch schon mal. Letztes Jahr hatte ich mir meinen Arm gebrochen. Es dauerte vier Tage und dann war ich wieder zu Hause. Meine Mutter war nun drei Tage fort. Ganz genau wusste ich nicht, was los war. Meine Eltern unterhielten sich in den letzten Tagen sehr häufig und eindringlich. Doch das war nicht so ungewöhnlich oder auffallend und dass Krebs heilbar ist, wusste ich. Also, was konnte Schlimmes passiert sein?

Mein Vater begann mit leiser Stimme: "Kathrin geht es nicht gut." Er erzählte, dass bei der Operation etwas passiert sei. Soweit ich es verstand, hatte es während der Operation eine unerwartete Blutung im Gehirn gegeben. Es schossen ihm immer mehr Tränen in die Augen. Ich verstand schon, dass das nicht gut war, fragte mich aber insgeheim, was daran so schlimm sei. Ich dachte nur daran, wie lange Mutter denn noch weg sein würde. Sie fehlte mir sehr, aber wenn sie nicht da war, konnte ich immer viel alleine unternehmen. Mein Vater besuchte sie jeden Tag in der Klinik und kam dann am späten Nachmittag wieder heim.

Er nahm mich in den Arm und schaute mich an. "Alex, es kann sein, dass sie nie wieder kommt. Sie liegt im Koma und die Ärzte sagen, dass es jetzt nur an ihr liegt, wieder aufzuwachen." In dem Moment wurde mir schwarz vor Augen und ich konnte keinen Ton hervorbringen. Ich hörte wie mein Vater noch etwas sagte, verstand aber seine Worte nicht mehr. Ich empfand Schmerzen, wie ich sie zuvor noch nie gespürt hatte. Mein Magen zog sich zusammen. Ich konnte nichts mehr sagen. Ich konnte nicht mal heulen. So saß ich da bis die Tränen kamen. Die Rotze lief mir aus der Nase. Später konnte ich mich erinnern, wie mein Vater fragte, ob er mich erst mal in Ruhe lassen solle. Ich war unfähig zu antworten. In dem Moment saß ich einfach nur da wie ein Häufchen Elend, zusammengekauert und am Heulen. Ich weinte mich in den Schlaf.

 

"Alex, du musst zur Schule, aufstehen!" Ich guckte verschlafen und verdutzt hoch. Mein Vater stand vor mir. Ich wollte mich noch mal umdrehen, überlegte es mir aber anders und stand auf. Ich ging schnell in die Küche und machte mir ein Glas Kakao. Ich trank jeden Morgen ein Glas Kakao, mit einem halben Teelöffel Kakaopulver, genau wie meine Mutter. Ich ging mir die Zähne putzen und anschließend duschen. Nachdem ich mich angezogen hatte, schnappte ich meinen Schulranzen und verabschiedete mich von meinem Vater. Ich machte mich auf den Weg in die Schule. Nach den ersten Metern kamen mir Zweifel, ob ich jetzt wirklich in die Schule gehen wollte. Ich fragte mich, wie es wohl meiner Mutter gehen würde. Meine Gedanken kreisten hin und her. Ich ging an meiner Schule vorbei und über die Modersohnbrücke den staubigen Weg zum Ostkreuz. Vorbei an den leer stehenden, abrissreifen Häusern. Ich wollte zur S-Bahn. Wenn ich nicht in die Schule wollte, setzte ich mich manchmal in die Ringbahn und fuhr so meine Runden, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen.

Am Ostkreuz angelangt, ging ich über die Fußgängerbrücke, die mit Tags vollgemalt war. Ich guckte mir immer alles genau an und manchmal machte ich Fotos von Graffitis, die mir besonders gefielen. Ich roch den eigenartigen Ostkreuzgeruch, nach Moder und Altöl, muffig, aber nicht unangenehm. Der Wind blies mir durch die teilweise kaputten Fenster der Fußgängerbrücke ins Gesicht. Ich ging die Treppen hinunter zur Stadtbahn, um von dort zur Ringbahn zu gehen. Eine Bahn stand am Bahnsteig zur Abfahrt bereit. Ich hörte noch die Durchsage: "Zurückbleiben bitte!" und rannte los. Mit einem Sprung klemmte ich mich durch die sich schließende Tür und schaffte es gerade noch in die Bahn. Ein wenig außer Puste ging ich durch die Sitzreihen und setzte mich dann auf einen freien Sitz am Fenster. Die Bahn fuhr los und ich blickte auf das alte Dach des unteren Bahnsteigs. Ich wunderte mich, was da alles rumlag. Bierflaschen, unzählige Kronkorken, Fahrradschlösser, ein alter Reifen und sonstiger Abfall bedeckten es. Die Bahn passierte den Wasserturm, der wie ein Riese alles überblickte. Ich starrte aus dem Fenster und versuchte die vielen Graffitis zu erkennen und zu lesen. Die bunten Bilder rasten an mir vorbei.

Ich fuhr einige Stationen, wobei ich meinen Ranzen fest in der Hand hielt. Es war ein alter "Camel"-Ranzen, der schon einiges mitgemacht hatte und ziemlich abgeschabt war. Das war mir aber egal, ich hatte ihn schon lange und hing sehr an ihm. Meine Gedanken kreisten endlos umher, doch ich konnte keinen festhalten. Ich spürte wie sich mein Hals zuzog und es fühlte sich an, als wenn ich um jeden Atemzug kämpfen müsste. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich konnte sie erfolgreich zurückhalten, ich wollte nicht in der Bahn heulen. Ich war wieder voll da. Meine Gedanken kreisten jetzt um meine Mutter und meinen Vater. Wie fühlte er sich wohl und wie würde es ohne meine Mutter weiter gehen. Wieder wanderte mein Blick aus dem Fenster. Ich war eine Runde gefahren und der Zug fuhr gerade wieder am Ostkreuz ein, also entschloss ich mich auszusteigen.

Gleich kam mir der bekannte Geruch wieder entgegen, den ich mochte, weil er etwas Vertrautes hatte. Ich ging den Ausgang in Richtung Sonntagstraße hinunter. Die Wände in diesem Durchgang waren immer feucht, zumindest schien es mir so. Die Ecken waren immer nassgepinkelt und es roch stark nach Pisse. Ich ging den Weg zwischen dem alten Haus und den alten Bauarbeiterhütten entlang, unterquerte die alte Backsteinbrücke, die vollbeklebt mit Plakaten war und gelangte zur Sonntagstraße. Ich spürte, dass ich Hunger bekam und als ich in meinen Schulranzen griff, bemerkte ich, dass ich mein Schulbrot vergessen hatte. Kein Wunder, sonst legte mir meine Mutter immer das Schulbrot in den Ranzen. Geld hatte ich auch nicht dabei, also beschloss ich, Pfandflaschen zu sammeln. Am Ostkreuz ist immer etwas los und die Leute, die in Eile sind, lassen ihre Flaschen achtlos rumstehen. Deshalb dauert es meist nicht lange, bis man zwei oder drei Euro zusammen hat. Ich ging die Sonntagstraße entlang mit all den kleinen Buden. Es roch jetzt nach Pizza und Döner. Ich schlenderte an den Geschäften und Cafés vorbei. Am Ende der Straße wechselte ich auf die andere Seite mit dem kleinen Park und suchte mir ein paar Flaschen zusammen. Nicht lange und ich hatte genug Flaschen zusammen. Ich wechselte erneut die Straßenseite, um die Flaschen an einem der Spätverkäufe abzugeben. Es würde reichen, um mir einen Döner zu kaufen.

Ich trat gerade aus dem Laden, als mein Handy klingelte. Ich hielt inne und schaute auf mein Handy. Es war mein Vater. Eigentlich war es noch zu früh, denn er war zu meiner Mutter gefahren und normalerweise nicht vor 17 Uhr zurück. Es klingelte wieder und wieder, doch ich zögerte.


 

Andrea Noeske
Kurts letzter Tag am Ostkreuz

 

Die Sonne klettert am Horizont empor, um ihren Logenplatz einzunehmen. Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Vielleicht nicht mehr ganz so warm wie die Tage zuvor. Ein frischer Wind kündet vom bevorstehenden Jahreszeitenwechsel. Der Herbst steht vor der Tür und damit die Entscheidung für Kurt, sich einen Platz zum Überwintern zu suchen. Nach diesem Sommer hat er keine Lust mehr auf die überfüllten Bahnsteige, die Menschenmassen, die sich morgens und abends treppauf, treppab schieben. Die unzähligen S-Bahnzüge, die in den Bahnhof rattern immer begleitet von Ansagen wie "Eingefahrener Zug S 3 in Richtung Erkner. Einsteigen bitte. Zurückbleiben bitte." Zisch, Rumms, Türen zu, wieder eine Ladung Mensch auf dem Weg nach Irgendwo. Irgendwo interessiert Kurt nicht. Sein 'Irgendwo' ist im Hier und Jetzt. Das hier ist sein Revier. Der Bahnhof Ostkreuz mit seinen angrenzenden Brachen. Der Bahnhof beginnt sich wieder zu füllen. Füße scharren über Beton. Frauen in Kostümen laufen mit lautem Klack, Klack hoher Absatzschuhe über den Bahnsteig. Männer in Anzug und Krawatte, ihr Mobiltelefon am Ohr, schauen ihnen neugierig hinterher. Kurt kennt sie alle. Insbesondere die notorischen Zuspätkommer, die über die Treppen hetzen und es mit waghalsigen Sprüngen zwischen die sich schließenden S-Bahn-Türen noch in letzter Sekunde schaffen.  

Es wird Zeit für Kurt, Zeit fürs Frühstück. Auf dem Bahnsteig ist nichts mehr zu holen. Der Bautrupp hat sich seit gestern immer weiter in seinen Bereich vorgearbeitet. Heute wird auch das letzte Grün, der letzte Grashalm dem Presslufthammer weichen, da ist sich Kurt sicher. Er wird seinen Platz aufgeben müssen, der ihm Schutz geboten hat bei heftigen Sommergewittern, der glühenden Sonne. Niemand hat ihn hier entdeckt, niemand hat ihn eines Blickes gewürdigt.

Wehmütig betrachtet er den Dachvorsprung, seinen Schlafplatz darunter. Kurt ist müde. Einfach sitzen bleiben und abwarten, was kommt. Für einen Moment erscheint ihm das verlockend. Verlockend sind aber auch die Wiesen und Bäume hinter dem Bahnhof fernab von all dem Trubel hier. Aber es ist ein weiter beschwerlicher Weg. Er ist sich nicht sicher, ob er ihn noch einmal schaffen kann, auf seine alten Tage. Kurt hat nichts mehr von seinem jugendlichen Elan. Der ist dahin, genau wie der Sommer.

Der Bahnsteig vor ihm füllt sich immer weiter. Vielleicht sollte er einfach die nächste S-Bahn nehmen und irgendwo hinfahren. Aber die Gefahr, zwischen all den Leuten zerquetscht zu werden, ist ihm zu groß. Nein, er wird sich auf den Weg in die Brache machen, sobald der nächste Zug durch ist.

"Die S3 verspätet sich um wenige Minuten."

Kurt horcht auf. Das ist seine Chance. So kann er den direkten Weg rüber auf die andere Seite nehmen. Es wird ihn weniger Mühe kosten, also sonst. Einfach Augen zu und durch. Seine Füße sind noch ganz klamm vom Morgentau. Kurz reibt er sich übers Gesicht, dann öffnet er seine orangefarbenen Flügel, so dass sich einer der 5 schwarzen Punkte in der Mitte teilt und schwingt sich in die Luft. Nicht zu hoch, der direkte Weg … .

"Eingefahrener Zug auf Gleis 2…"

Eingefahrener Zug?! Das kann nicht sein, eben hieß es doch noch 'wenige Minuten'. Kurt sieht das Ungetüm aus dem Augenwinkel, sieht den Lokführer hinter der Scheibe immer größer werden.

Zu spät.

Er schafft es nicht.

Er fliegt viel zu niedrig.

Keine Kraft mehr.

Wind von vorn.

Der Aufprall.

Plopp.

Dann blickt er in die weit aufgerissenen Augen des Lokführers. Ach nein, sie sind nicht weit aufgerissenen, blicken stur geradeaus, unberührt. Kurt ist nur ein weiterer Fleck neben vielen anderen an der Windschutzscheibe. Ein Quietschen, gefolgt von einem unheilvollen Scharren ist das Letzte, das Kurt hört, bevor der Scheibenwischer für klare Sicht des Lokführers sorgt.


Helge Bewernitz
Beta einhundert

 

"Warum sind Sie eigentlich nie hier weggezogen? Dies ist nicht unbedingt die schönste Gegend Berlins." Die junge Frau sah einen Moment von ihrem Aufnahmegerät auf. Es warf aus einer Falte ihrer Multifunktionskleidung heraus ein bläuliches Licht in den sich nach und nach verdunkelnden Raum. Er hatte wiederholt das Gefühl, dass sie mit einigen eingestreuten privaten Fragen seine Zunge lockern wollte – er konnte es ihr nicht verdenken, so hatte er es schließlich früher auch gemacht. Mit dem Unterschied, dass die jungen Leute diese Technik heutzutage offenbar an der Journalistenschule lernten.

Er schwieg und trank betont langsam einen Schluck von seinem Tee. Er nutzte die Pause, diese zierliche, ganz in Weiß gekleidete Person näher zu betrachten. Eine Splitterexistenz, gleichzeitig zu Hause an verteilten Orten, echten und virtuellen. Ihr dienstlicher Alpha-Status zeigte an, dass sie sich zu neunzig Prozent in seiner Wohnung befand – ein sehr hoher Wert. Und mit immerhin zehn Prozent ihrer privaten Beta-Existenz war sie ebenfalls hier bei ihm ...

Er blickte aus dem Fenster als er ihr antwortete. "Wissen Sie, ich lebe nach wie vor gerne hier. Dies ist meine Heimat, viele meiner Freunde lebten und leben hier. Ich bin 2001 hergezogen als ganz junger Mann, also vor über fünfzig Jahren. Ich habe mein Leben hier verbracht, als Lokaljournalist, wie Sie wissen." Ihr Alpha-Status sank auf siebzig Prozent; bei dem Wort "Heimat" stieg ihr Beta-Wert kurz auf über fünfundzwanzig … "Das ist es also, was dich interessiert? Dann bleib, hier bei mir, diese eine Nacht..."

Die junge Frau sah ihn jetzt mit einem Blick an, der Mitleid auszudrücken schien – oder doch eine Spur von … Sehnen?

Folge dieser Spur. Ich will deine Hand an meiner Wange und diesen Duft einsaugen bis ins Grab und dort sollen Blumen gepflanzt werden, die genauso duften …, aber ich will dich GANZ, verstehst du? Nur so kannst du die Heimat fühlen, die ich in dieser Nacht für dich sein kann.

Alpha sechzig, Beta vierzig. Es war sein Blick, vermutete er. Er gab sich keine Mühe, seine Gedanken und Gefühle zu verbergen. Sie las darin wie er in ihrem: Und dort – in ihren wissbegierigen Augen – schien sich etwas zu verbergen, so wie ein Stein eine Höhle verschließt …, eine Höhle voller Kostbarkeiten.

Ist das der Eingang zu deiner Seele? Was ist deine Sehnsucht? Ein Wort, ein winziges Funkeln aus dieser Höhle würde genügen … Für den Bruchteil eines Moments schien es ihm, als wolle sie darauf antworten.

"Nun gut", begann sie das Gespräch erneut, "kommen wir zurück zum Thema. Wir waren gerade bei Stadtgeschichte" — "Ja, richtig. Wissen Sie, ich bin raus aus dem Geschäft. Jahre und jahrzehntelang habe ich geschrieben, wie Sie, wenn auch nicht mit einem Mega-Verlagshaus im Hintergrund. Und so bitte ich Sie auch, meine Ausführungen zu verstehen. Ich werte nicht. Das ist gute journalistische Tradition. Auch wenn ich natürlich privat meine Meinung habe." — "Gut. Ich habe Zeit." Wieso hatten junge Leute heutzutage eigentlich Zeit? Als er jung war, schien sich die Welt immer schneller zu drehen … aber damals verstanden sich die Menschen auch noch als Individuen ... Alpha neunzig, Beta zehn ….

"Wie Sie wissen, wurden bis vor wenigen Jahren Siedlungen für Arme immer dort angelegt, wo es sowieso große Bauprojekte gab, auch am Ostkreuz. Moderne, kleine Apartments, mit optimaler Gleisanbindung, alles sehr hell und freundlich, mit großem Garten für die Kinder. Solche Siedlungen waren relativ günstig zu bauen, quasi nebenbei. Und sie sollten den Benachteiligten ein Leben im Zentrum ermöglichen."

Ohne ihren Blick abzuwenden, tippte sie etwas in ihr Aufnahmegerät. Dann kam sie wieder auf den Grund ihres Besuchs zu sprechen: "Sehen Sie durch die Katastrophe am Ostkreuz vor zwei Monaten den Fortbestand dieser Projekte gefährdet?" — "Nein, eigentlich nicht. Wissen Sie, diese Bauten wurden noch unter Regie des alten Bezirks geplant, das war 2036." — "Glauben Sie, dass es einen Zusammenhang gibt zum Selbstmord von Herrn Freiser? Immerhin hat er sich direkt am Ostkreuz vor den Solar-Zug Berlin-Paris geworfen."

Er schwieg und musterte sie abermals; ihr kleines Gesicht, die wachen Augen, die zielgenau den Kern eines Sachverhalts zu erkennen schienen. Kennst du auch ein Leben neben deinem Job? Oder hastest du von einem Ort zum nächsten, heimatlos?

"Wissen Sie", er räusperte sich und hoffte, dass es bedeutungsschwanger wirkte, "ich kannte Andi Freiser recht gut. Um nicht zu sagen wir waren befreundet. Was ihn dazu bewog, das weiß ich nicht." — "Ich habe etwas recherchiert. Die Siedlung unter dem Ostkreuz ist damals unter seiner Regie entstanden. Jetzt sind sechzig Menschen gestorben, zwanzig im Zug, vierzig in ihren Wohnungen, weil offenbar die Deckenkonstruktion fehlerhaft war. Das ist doch auffällig oder etwa nicht?"

Es ist doch alles so unwichtig. Nur das eigene Leben zählt, die Toten sind tot. Lass sie in Frieden ruhen. Lass uns abhauen, zusammen kann uns nichts stoppen. Lass uns den Himmel erobern und dann die Strafe eines dafür zuständigen Gottes gemeinsam empfangen. Ihre Mundwinkel zitterten, kaum wahrnehmbar … Es ist gut. Ich verstehe dich. In ihren Augen blitze etwas auf … als sei der Stein vor ihrer Höhle einen winzigen Spalt verrückt, so dass ein Lichtstrahl ihres Schatzes nach außen dringen konnte.

"Nun ja, junge Dame, diesen Zusammenhang stellen Sie her. Aber ich muss Ihnen ja nicht erklären, dass scheinbar offensichtliche Zusammenhänge oft nur genau das sind: scheinbare Zusammenhänge. Haben Sie mal in Erwägung gezogen, dass Andi Freiser schlicht private Probleme hatte?" — "Und?", setzte sie gleich hinterher, "hatte er?" — "Dazu werden Sie natürlich von mir nichts erfahren – kann sein, kann auch nicht sein."

Eine Sirene heulte. Großalarm im Kiez. In diesem Moment schwärmte in einem Umkreis von drei Kilometern die Bürgerpolizei auf der Suche nach Drogendealern aus.

Warum fängst du nicht auch an, Drogen zu nehmen? In deinem Alter ist es egal. Und die neuen genomoptimierten Pillen sollen ja wahre Wunderdinger sein: Ich könnte wann immer ich wollte ihren Körper spüren und ihren wundervollen Duft genießen, der gerinnt, an dem ich mich nähren könnte wie an einem Nektar.

Es war jetzt dunkel in seiner Wohnung. Nur ihr weißer Dress war sehr gut sichtbar, fast wie eine Lichtquelle. Er dachte an diesen Brecht-Satz — "Die im Dunkeln sieht man nicht."

Wartet nur, auch ihr werdet irgendwann im Dunkeln wandern und die Schatten derer, die dort leben, werden auf eure schöne weiße Kleidung fallen. Dann werdet ihr – die im Dunklen und ihr – ein reicheres Leben führen.

"In diesem Fall jedoch …" Er legte eine Kunstpause ein. — Alpha neunzig, Beta zehn — "Ich könnte Ihnen tatsächlich Informationen zur Verfügung stellen, die für eine Story taugen. Sie ist allerdings nicht besonders originell, solche hat es viele gegeben in den letzten Jahren."

Sollen wir nicht lieber eine wirklich bedeutsame Geschichte schreiben, gemeinsam, du und ich? Einmal noch will ich dieses eine Gefühl spüren … und du? Ich kann dir helfen, deine zahllosen Splitter zusammenzufügen … wenigstens für einen Moment. Sie blickte erschrocken auf. Wie jemand, der hohe Dornenbüsche zu überwinden hat, ehe er einen wundervollen Garten erreicht …

"Es ist schnell erzählt: Andi Freiser war damals als Baurat gemäß den geltenden Vorschriften verpflichtet, die Firma mit den Arbeiten zu beauftragen, die das günstigste Angebot im Rahmen der Ausschreibung abgegeben hatte. Nun – und diese Arbeiten wurden offenbar nicht richtig ausgeführt. Ihn trifft also keine Schuld, er hat sich vollkommen korrekt verhalten. Nichtsdestotrotz konnte er offenbar den Gedanken nicht ertragen, dass das Projekt während seiner Amtszeit beschlossen worden war. Ich verfüge über Unterlagen, die Ihnen eine wasserdichte Story ermöglichen." — "Wo befinden sich diese Unterlagen?" — "Hier in meiner Wohnung." Er stand auf und holte einige Ordner und Datenträger. "Danke. Ich werde sorgsam damit umgehen."

 

Sie verabschiedete sich, als es dämmerte. Alpha null, Beta einhundert, seit Stunden schon. Ihre Kleidung blitzte und blinkte. Aber sie ignorierte sämtliche Kontaktanfragen. An der Tür wandte sie sich um. Sie betrachtete wie schon so oft in dieser Nacht verwundert den kleinen Handspiegel, auf den er mit roten Buchstaben ihren Namen geschrieben hatte. "Danke". Sie reichte ihm ein letztes Mal ihre Hand … er spürte ein letztes Mal ihre Haut. Dann beugte sie sich vor und hauchte einen Kuss auf seine Wange.

Schließlich wandte sie sich ab und ging langsam das Treppenhaus hinunter. Leiser und leiser wurden ihre Schritte … bis sie abrupt zu verstummen schienen, als habe sie ihren Gang gestoppt. Bald darauf zeigte ihm das LED an, dass sie das Haus verlassen hatte.

 

Zwei Tage später fand er den Spiegel in der konventionellen Post: Ihr Name war bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Und nur die goldene Fassung hielt die zahllosen Splitter zusammen, die ihn in feinen Bahnen durchzogen.... Beigelegt fand er ein Kärtchen. "dein leben ist mein tod. es ist alles gut."

 

Der Strand war so weiß, dass er nur deswegen immer eine Sonnenbrille trug. Er fühlte Zufriedenheit. Der Kreis seines Lebens schien sich geschlossen zu haben. Wer war er gewesen auf dieser Welt? Ein einzelner Mensch, dem es vergönnt war, einige wirklich große Momente zu erleben, der sogar die Liebe kennen gelernt hatte, vor langer Zeit. Alles war gut. Es gab keinen Gott, der alles fügte. Er fühlte die ungeheure Freiheit, die dieser Gedanke in sich barg, während er auf das grünlich schimmernde Meer hinausblickte, auf dem schon einige Schatten tanzten. Sie näherten sich, fanden auf dem schneeweißen Sand Halt und umhüllten ihn schließlich, ganz sanft. In seinem Herzen tänzelten sie um seine Heimat; um SEINE Heimat; er lächelte.


 

Ute Bluhm
Angst bis Ostkreuz

 

Eine Kleinstadt östlich von Berlin. Die Spätschicht ist beendet. Laufe durch menschenleere Straßen, ab und zu flimmerndes Licht von Fernsehern durch zugezogene Fenster. Zwei Bierflaschen vergessen am Kiosk, wo sonst verlorene Gestalten gemeinsam Schicksal hinunterspülen. Der einsame Bahnsteig mit Verbotsschildern. Also kein Zigarillo.

Besteige müde den letzten Wagen der Einundzwanziguhrachtzehn.

Mit einem großen, bulligen Kerl allein im Abteil. Blaue, stechende Augen, eine schlecht verheilte Narbe quer im Gesicht. Graugrüne Schimanski-Jacke und ein vergilbtes T-Shirt über dem fetten Bauch. Ein Metallgegenstand blitzt aus seiner Tasche. Ein Messer?

Erinnere mich.

Am Vormittag die eine Zeile.

Dieser Mann hat sechs blonde Frauen bestialisch ermordet.

Ängstlicher Blick. Warum steigt niemand zu? Noch sechs Stationen bis Ostkreuz.

Ziehe die Jacke enger zusammen, lange Kapuze verbirgt blondes Haar. Tasche und stumpfer Hausschlüssel der einzige Schutz.

Sehe plötzlich eine große Lache auf dem Fußboden, dunkel und klebrig. Blut?

Gänsehaut. Panik breitet sich aus.

Endlich – die blechern tönende Stimme – nächste Station Ostkreuz.

Bin noch am Leben.

Glück.

Nur noch ein paar Schritte durch die quirlig heitere, hell erleuchtete Sonntagstraßen-Gemeinschaft bis nach Hause.

OSTKREUZ!

Mit letzter Kraft schlage ich den narbigen Massenmörder zusammen.

Zwischen Seite hundertsiebzig und einundsiebzig.


 

August J. Herbst
Berlin-Ostkreuz, Freitagabend

 

Die Luft ist noch hitzig. Ein Vorhang öffnet sich. Die Sonne flirrt wie ein Scheinwerfer knapp durch die gusseisernen, schmuddeligen Säulen des Bahnhofs hindurch, die das schäbig schöne Dach tragen und bereits lange Schatten wie Figuren auf das Pflaster werfen.

 

Ein Pärchen schmeißt einige Groschen in einen Münzschlitz und krabbelt Kopf einziehend in die übelriechende Farbfotobox. Neckisch schieben sie sich in die richtige Position und ziehen die Gardine zu. Ein älterer Herr mit Violine und einer schweren, ledernen Aktentasche lächelt ihnen schwelgerisch hinterher.

Der Zielanzeiger flattert. S3 nach Erkner.

Eine Mutter mit Wickeltuchsäugling watschelt auf ihren noch verschwollenen Wasserfüßen vom Ring herunter an einer Schulclique Mädchen vorbei, die albern vor sich hingackern, direkt auf eine der hölzern harten Wartebänke zu und erdrängelt sich einen Platz. Ein Mann mit Schnauzbart stöhnt in seine graue, abgegriffene S-Bahnzeitung. Nervös leckt er sich die Finger feucht und grabbelt weiter durch die Seiten. Sie warten – beobachten verschwörerisch einen Buben in ihrer Nähe. Die verfilzten, blonden Haare auf seinem Kopf erinnern an alte, zu dick geschnittene Pommes und bereiten ihr sichtlich Unbehagen.

Seine Wangen sind ganz bleich. Er knibbelt sich in den Hosentaschen herum, kaut auf seiner Lippe, wischt sich den Schweiß von der Stirn. Aus den Augenwinkeln hat er ihren aufdringlichen Blick bemerkt. Man spürt, dass er sich unwohl fühlt. Auch er wartet.

Erkner ist noch nicht da.

Am Gleis gegenüber stehen die Menschen dicht an dicht. Eine ältere Dame klemmt sich ihre Einkaufstüte zwischen die Beine, das Silbergrau ihrer Dauerwelle schillert im untergehenden Sonnenlicht. Der Herr mit der Geige wird aufmerksam, der schwelgende Blick wird zu einem träumerischen. Er macht diesen Augenblick zu ihrem Moment. Er setzt den rosshaarigen Bogen sanft an die zum Reißen gespannten Saiten. Sie fährt mit ihrer matten Hand über ihr Haar und richtet ihre konservative Frisur. Eine liebliche Melodie aus seiner Violine schleicht sich schmeichelnd an ihr Ohr. Damenhaft hebt sie das Kinn, streicht die Falten aus dem perfekten, purpurnen Kostüm, die Glasperlen an ihrem Dekolleté klingen flüsterleise aneinander, wenn sie den Hals nach ihm wendet. Er strahlt sie an. Sie räuspert sich genierlich und schlägt die Augen auf. Der Perlenglanz bricht sich darin. Er lässt die letzten Takte langsam ausklingen und applaudiert ihr mit einem Lächeln. Sie genießt das warme Gefühl der Scheinwerfer auf ihrer Haut.

Lichtenberg fährt ein und beendet ihren Auftritt abrupt. Fünf graue Täubchen fliegen aufgeschreckt davon und landen auf dem Dach einer ramschigen Würstchenbude. Ein dicker Junge mit kurzer Hose bestellt sich gerade eine fettige Currywurst.

Die Verkäuferin grinst und verschwindet hinter einem Regal prallvoll mit schillernden Keramikkatzen und staubigen Glaselefanten. Ein Lichtkegel fängt sie auf ihrer winzigen Bühne ein. Mit der Grazie einer adipösen Ballerina tanzt sie durch die drei Quadratmeter Verkaufsfläche, greift blind nach ihren Utensilien. Brutzelt, schnippelt und flatscht die Ingredienzen auf die Papppfanne. Hungrig reibt der Kleine sich mit seinen schmutzigen Fingerchen um den wässrigen Mund. Noch einmal dreht sie eine letzte Pirouette und wirft ein grünes Gäbelchen auf die in Ketschup ertrinkenden Fleischbrocken. Dann verneigt sie sich, blickt in die niedergehende Sonne und verlässt ihre Bühne. Es wird kühler.

Lichtenberg ist rappelvoll, das Signal tönt und ein Türke stemmt sich zwischen die Türen der Bahn. Sein Freund hüpft gerade so herein, es rummst und Lichtenberg fährt ab. Verschwindet irgendwo hinter Häusern und hinterlässt einen geleckten Bahnsteig im rosarot der sich verabschiedenden Sonne.

Erkner ist noch immer nicht da.

Die Gruppe Schulmädchen schreit laut auf. Der Scheinwerfer richtet sich umgehend auf ihr melodramatisches Schauspiel. Füße trippelnd und immer lauter plärrend zeigen sie mit Fingern und panischen Mienen auf den Eingang des Imbisses, aus dem soeben ein mehrbeiniges Tier mit einem langen, kahlen Schwanz flüchtet. Grazil umflitzt es den bonbonbäuchigen Currywurstbuben, dem erschrocken das Toastbrot von der Pappe rutscht, vorbei an der Bank – mit gerollter Zeitung schlägt der Schnauz nach dem Tier, verfehlt es, die verängstigte Mutter kriegt die wässrigen Beine nicht schnell genug hoch. Kurz stippt das Untier in den alsgleich kreischenden Fotoautomaten – es blitzt –, weicht knapp einer fallenden Aktentasche aus und verschwindet mit einem waghalsigen Sprung im Gleisbett. Zwei oder dreimal knallt noch wütend eine Zeitung auf die Lehne einer Bank. Dann wird es wieder ruhig. Ein wenig Wind kommt auf.

Von ganz weit kann man Erkner im Gegenlicht der Sonne kommen sehen.

Der Herr sammelt seine Notenblätter vom Boden, die beim Aufprall aus der Tasche stoben. Die Mädchen wenden sich ab und quasseln wieder gackernd vor sich hin. Der kurzhosige Junge tritt etwas unwillig die Scheibe Weißbrot auf die Gleise. Sogleich schwirren die Tauben vom Dach dem fliegenden Futter hinterher und picken sich wie in Trance große Krümel aus dem schmutzigen Toast heraus. Er freut sich ein wenig über die hungrigen Vögel und spießt das letzte Stückchen Wurst auf seine Gabel und steckt es sich zwischen die verschmierten Ketschuplippen.

Erkner rauscht plötzlich unerwartet herein. Ein dumpfer Knall und vier Vögel, die in alle Richtungen entfliehen. Geschockt steht der kleine Mann mit der Wurst zwischen Zähnen seines offenen Mundes im grellen Licht des einsamen Spots, der nur auf ihn gerichtet ist und schaut perplex an die Stelle, an der sich noch eben fünf graue Täubchen das Abendessen friedlich mit ihm teilten.

Die Türen öffnen. Das Wickeltuch stemmt sich behäbig von der Bank. Der Pommeskopf und die Mädchen steigen ein. Der Schnauz ist längst in den Waggon gestürmt und hat sich einen Doppelsitz reserviert. Das Abfertigungssignal tönt aus dem knisternden Lautsprecher. Der Geiger schließt seine Tasche und macht seinen letzten dramatischen Abgang. Die Türen schließen sich und Erkner fährt ab.

Der Bahnsteig ist nun fast leer. Nur in der Imbissbude tänzelt noch immer die Ballerina und wischt den Staub von ihren glitzernden Keramikkatzen. Ein Fotostreifen fällt aus dem Schacht des Automaten. Vier Aufnahmen der selben verdutzten und aufgeschreckten Gesichter. Er küsst ihre Hand und sie steckt die Bilder ohne weitere Beachtung in ihre Handtasche, bevor sie die Treppen hinauf verschwinden.

 

Der Vorhang schließt sich langsam und die Sonne grinst ein letztes Mal aus weiter Ferne. Lange, rote Fäden ziehen sich vom Horizont bis auf die Gleise herab. Die Schatten der eisernen Säulenallee verschmelzen mit dem Rest der Dämmerung und die nun kühle Sommerluft wischt taktlos um die nackten Beine eines dicken Jungen, der weinerlich ins Gleisbett schaut.


 

Jeannette Abée
Gespräche von John und Jagda, Gespräche über die Stadt
Gespräch vom 25.07.2011

 

Tod am Ostkreuz sagst Du?

Genau, John, Tod am Ostkreuz.

Und was soll ich sagen dazu?

Einfach was sagen, John, ist Thema.

Aha, das Thema.

Ein Wettbewerb, John, man kann ein Gedicht dazu schreiben, ein Spiel, das acht Leute gewinnen oder auch zehn.

Gewinnen, was willst du gewinnen?

Frag nicht so, sag was.

Schreib über den Tod am Müggelsee, sag ich.

Tod am Müggelsee, was hat das mit dem Tod am Ostkreuz zu tun?

Tod ist Tod, ob Ostkreuz oder Müggelsee, geräumiger ist es, da im Hinterland des Wassers.

Was meinst du, John?

Weiß eine Geschichte, weil ich Gabi dort traf. Die lachende Gabi aus alten Tagen, hat jetzt ein Haus dort und freute sich, als ich kam. Mein Minne, sagte sie und stellte ihn vor. Er war Odin, ein Odin am Müggelsee, aufrecht und stark, fern der Heimat baut er seine drei Höfe allein.

Odin?

Hieß Ansgar ihr Mann, sah aus wie Odin. Mit bloßen Händen baute er vom Keller zum Dach, unterm Dach die Kinder fast groß, grüßten gelassen herüber. Gabi ist Frigg, denk ich, hilft mit und zerbricht, braucht Raum, mein Minne, sie sagte das und schaute mich an.

Raum, John, alle wollen ihn, obwohl er doch da ist.

Und Odin baut weiter, Jagda. Im Garten ein steinerner Leib. Riesig. Dämmerte unfertig. Das Gewölbe, er hört danach auf, sagte sie, er hat es versprochen.

Ein Gewölbe?

Ein steinerner hohler Leib, Jagda, nach dem Haus die Walhall, denk ich, voll das Grundstück, fast voll und reicht noch für was, für den dritten Hof, und es wächst bereits, über den steinernen Leib, den begehbaren Rücken, ein Pavillon, drei Schuppen. Odin zeigte sein Schnitzwerk am Tor, zeigte Halle, Gewölbe, gekreuzt.

Hör auf, John, hör auf, er baut sich zum Tod, baut seine Frigg in den Tod, meinst du das?

Tod oder Weisheit Jagda, das ist bei Odin eins, durch den Tod stand er auf. In den Berg hinein sterben die Menschen, doch Odin ist Gott, sitzt in der Halle, trinkt Met. Als Gottmensch am Müggelsee wird er weiterbauen, bis die Quadratmeter voll sind.

Und was passiert dann?

Dann zieht er mit seiner Frigg in ein Wohnmobil, weil das Geld nicht mehr reicht und die Kinder schon groß sind.

Also kein Tod am Müggelsee. John, kein Tod am Müggelsee und keiner am Ostkreuz.

Dann denk dir was aus, Mensch, was am Ostkreuz, du bist doch nicht doof.

Bin nicht doof doch doof, John.

Ein Kreuz ist ein Kreuz, musst du zugeben.

Ein Kreuz ist ein Kreuz, ja John.

Wozu ist ein Kreuz da?

Wozu, wozu, um wen dranzunageln?

Jagda, denk mal ganz einfach.

Wie einfach, bei dir ist das nie klar, was einfach ist.

Ein Kreuz verbindet zwei Richtungen, meinst du auch?

Zwei Richtungen, zwei Wege, du meinst die Wege, John, ich kenne dich.

Und wo Verbindung ist, ist auch Trennung, das meinst du sicher auch, John.

Meine ich auch, ist Entscheidung, am Kreuz ist Entscheidung, Jagda.

Für was?

Für West, Ost, Süd oder Nord.

Sei nicht doof, John.

Am Kreuz ist Begegnung, Jagda, ist Handel, Austausch, Verschwinden.

Hat das mit Tod zu tun?

Lässt sich schaukeln alles.

Sicher, John, das Hinbiegen, Herbiegen, deine Art.

Du biegst hin, Jagda, verdrehst, verdrängst, aber jetzt weiter im Text.

Welcher Text?

Den du erfinden musst, Jagda. Allein du und denk dir ein Nest, ein Liebesnest, ein Zimmer am Ostkreuz. Denk Trennung, Entscheidung.

Das ist nicht denken, das ist erinnern, John, hör auf damit.

Es rattert von den Gleisen ins Fenster rein und da sitzen zwei und schweigen, weil alles zu Ende geht. Jagda, so hast du erzählt, eine Liebe geht tot in nur drei Minuten, ätzt Magen, Gedärm, der Kopf ist voll, leer, irgendwas. Dann geht einer. Einer geht zum Kreuz, steigt ein, fährt weg. Oder beide gehen, verlassen das Nest. Ins Nest rattert’s weiter rein, weil weiter die S-Bahnen fahren.

Will das nicht, John.

Dann leg eine Leiche ans Gleis, doch was hat eine Leiche mit dem Tod zu tun, frage ich dich? In diesen Geschichten geht es nicht um den Tod, es geht um Ermittler, Kommissare, und es macht Spaß, mit ihnen gemeinsam zu rätseln, das gebe ich zu.

Will keine Leiche, John, und kenne mich nicht aus damit.

Willst du überhaupt was, willst du mitmachen?

Es werden alle so knabbern wie wir, John. Alle, die mitmachen, meinst du nicht?

Du meinst, es schadet nichts.

Genau, es schadet nicht, John.

Nutzt es?

John, deine alte Leier.

Ganz alt, ich frage nach, gib mir Meinung. Wenn ich frage, stelle ich eine Frage, forsche nach, so lassen sich Dinge erkunden.

Danke, John.

Wofür?

Wir schreiben alles auf jetzt. Einfach auf.

Nun denn, du schreibst, ich geh raus, raus an die Luft.

Wohin gehst du?

Zum Ostkreuz. Gucke Baustellen an, passiert immer was, wird gebaut, immer gebaut, Jagda, womit wir wieder bei Odin wären, Odin vom Müggelsee.

Du bist gemein, John.

Bin nicht gemein, ich gehe nur.

Du lässt mich allein, John.

Ich lasse mich auch allein. Verdammt allein.

Darf ich mitkommen?

Wir sind am Punkt jetzt, denke ich.

Am Punkt?

Am toten, verdammt toten Punkt, Jagda. Ich stelle mir gerade einen Menschen vor, der da am Bahnsteig sitzt und nichts will, nichts weiß, nichts denkt. Er betrachtet, wie Gestänge der Gerüste sich kreuzen, an Gestängen die Lampen hängen, wie Menschenkörper im Blick zerschnitten werden von Linien und Rohren, betrachtet Gesichter darin, in den vielen Rechtecken aus Masten, Stangen und Bändern. Ob sie gelassen sind oder traurig, sieht Blau und Rot, betrachtet die Schatten der Füße und erkennt, dass das Licht von Süd/Südwest kommt.

Und weiter?

Dieser Mensch sieht Planen wie Leinwände, sieht sich bewegende Schatten dahinter, Schatten von Menschen, Kränen und Seilen, von Ösen, Gestängen und Lampen, lässt sich treiben durch Licht-und Schattenwelt, wie es sich ineinanderschiebt, das Davor, Darin und Dahinter.

Züge fahren ein, zeichnen Bänder und Linien, zerschneiden die Luft und Worte, in ihren Fenstern mischen sich Davor, Darin und Dahinter, mischen und verdoppeln sich, sieht sich selbst dieser Mensch, sich gespiegelt und sich verschwinden, wenn der Zug wieder anfährt.

Sieht sich verschwinden. Und immer noch denkt er nichts, weiß nichts, will nichts.

Ist er leer, John?

Er ist voll, Jagda, und könnte nicht voller sein. Zustand größter Erfüllung und Stille zugleich das, wie er da sitzt und sich verschwinden sieht.


 

Miryam Kirschner
Schneller

 

Es ist bereits das dritte Mal, dass ich schweißgebadet aufwache, so kurz vor dem Klingeln des Weckers, und das obwohl ich ihn nicht einmal immer auf die gleiche Uhrzeit stelle. Auch dieses Mal erschreckt mich dieser schrille Ton, denn mir gelingt es nicht schnell genug, diesen Wecker im Vorfeld kurz nach dem Erwachen auszuschalten.

Ich fühle mich erschöpft und habe nicht mal die Kraft, meiner Wut Ausdruck zu verleihen, indem ich dieses penetrante Ding einfach gegen die Wand feuere.

Der Morgen nimmt seinen Lauf mit dem üblichen Zähne putzen und dem Trinken eines Fenchel­Kümmel-Anis-Tees. Seit ein paar Wochen gelingt es mir mit Hilfe dieses Rituals, den Tag zu beginnen.

Heute habe ich keinen Termin. Ich verlasse das Haus und peile den nächsten U-Bahnhof an, begebe mich in den Untergrund.

 

Von Weitem höre ich das Pfeifen der U-Bahngleise. "Schnell, die kriegst du noch", denke ich mir. Also rasch um die Ecke gebogen, die Treppen hinunter gesaust, zwei, drei Stufen auf einmal, wie ein gehetztes Tier flitze ich mit dem Gedanken: "Ist es überhaupt die richtige Richtung?" Ja, es ist die richtige Richtung, gegen den Uhrzeigersinn, die Türen stehen weit offen, die U-Bahn ist voll wie immer zu dieser Zeit, aber ich glaub’, ich pass’ da noch rein, ich kann mich noch hineinquetschen in die Menge, diese Masse an Menschen, deren Schweiß und Parfum die Nasen eines jeden einzelnen rümpfen lässt.

Plötzlich dieser übertrieben schrille Ton und "Zurückbleiben!" Ich stoße gegen die Tür und falle zurück auf den Bahnsteig.

Ich überschlage mich wieder mal selbst. Meine Beine können gar nicht so schnell wie ich will. Wünschte ich doch, den Tag damit zu beginnen, gemütlich im Treptower Park einen Winter-Spaziergang entlang der Spree zu machen, einfach nur die Gedanken laufen lassen..., in sich hineinspüren, das Knirschen des Schnees unter den Füßen hören..., den Kindheitserinnerungen nachsinnen...

Wie auch immer, dies ist wieder mal einer dieser Tage an denen ich mich abhetze, ohne zu wissen, warum.

 

Die Anzeigentafel blinkt auf: "Unregelmäßiger Zugverkehr" – auch das noch.

Ich setze mich hin, auf der Wand gegenüber drängt sich mir ein Plakat auf, mit einer ohne Zweifel üppigen, Silikonbusen tragenden Wasserstoff-Blondine. Grinsend, scheinbar ohne Anstrengung stemmt sie einen Kasten Bier. Darüber steht:

"Mehr zum Anpacken!"

Ich stehe auf, weil ich genug habe von diesem Bild, laufe hin und her, als endlich nach zwanzig Minuten die nächste U-Bahn einfährt, diesmal nicht ganz so voll.

 

Dafür entdecke ich im Wagon eine andere Werbung für eine dicke Schwarte: "Schneller lesen – mehr verstehen". Klingt irgendwie paradox oder?! – Ein Buch, das mein Leseverhalten verbessern soll?! Na ja, für den einen oder anderen mag das ja was sein, für mich jedenfalls kommt das nicht in Frage. Ich lese in meinem Tempo weiter und außerdem tue ich das zwischen den Zeilen.

Ich habe plötzlich den Eindruck mein Zeitgefühl zu verlieren. Alles wird schwarz um mich herum.

Vor meinen Augen erscheint:

Schneller kochen – mehr essen, schneller essen – mehr kotzen.

Schneller kotzen – mehr Körpergefühl, abnehmen!

Dabei kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Schneller kaufen, mehr Umsatz – schnellerer Umsatz, mehr Produktivität!?

Schneller saufen, mehr raufen – schnelleres Delirium statt Elysium.

Schneller ficken – mehr Orgasmen,

dazu brauchen Sie nicht mal mehr einen Partner.

Schneller Cyber-Sex – mehr virtuelle Befriedigung

und endlich

schneller schlafen – mehr träumen, schneller träumen – mehr verarbeiten.

 

Jetzt bin ich eine Station zu weit gefahren, aber meine Beine sind gelähmt, ich kann nicht aufstehen. Mein Atem wird schneller, ich spüre förmlich, wie der Puls ansteigt.

Schneller studieren – mehr Wissen.

Schneller meditieren – mehr Weisheit erlangen, schneller Weisheit gewinnen – größere Erleuchtung.

Schneller telepathische Fähigkeiten entwickeln – den Menschen näher sein.

Schneller transzendental spüren – mehr Erkenntnis,

nicht zu verwechseln mit der Transzendenz, die das Übersteigen der Grenzen des Erfahrbaren bedeutet.

Schneller parapsychologisch bzw. telekinetisch experimentieren – intensiveren Zugang zum Teufel finden.

Schneller heilen, länger leben.

 

Auf einmal bekomme ich keine Luft mehr.

Auf meiner Uhr, die stehen geblieben ist, erscheint in grellen Buchstaben, welche regelmäßig aufleuchten und einen ungemeinen Schmerz in meinen Augen auslösen, wieder und wieder:

Schneller sterben – mehr Jenseits!!!

Mich überkommt eine unendliche Müdigkeit.

Mir gelingt es dann aber doch, irgendwie aufzustehen. Ich schleppe mich aus der Tür und weiß erst mal nicht, wo ich mich befinde. Verschwommen erkenne ich das Bahnhofsschild Ostkreuz. Ich laufe in Fahrtrichtung hin zum Ausgang, der wegen einer Baustelle gesperrt ist. Ich schlage die andere Richtung ein, aber auch hier treffe ich auf Bauarbeiten. Die Funken der Flex machen mich müde. Ich finde keinen Ausgang. Was soll ich tun? Warten? Warten darauf, dass alles hoffentlich nur ein Traum ist, aus dem ich erwache und ich mich im besten Falle am Treptower Park befinde? Warten aufs nächste Jahr, das – Gott bewahre – nicht so schnell vergeht, vorausgesetzt ich überlebe dieses?

Wie auch immer... Es gibt einen Ausweg, auch wenn ich ihn noch nicht kenne, und

ich werde ihn wagen, den Sprung in die Freiheit.


 

Katharina Triebe
Der Börsengang

 

Es waren ehrgeizige Ziele, als im Jahr 2006 verkündet wurde, dass die Modernisierung des Bahnhofs Ostkreuz zehn Jahre später fertiggestellt sein würde. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass das Weltgeschehen dem Plan einen Strich durch die Rechnung machen würde.

 

Am 21. Juli 2011 einigten sich die Staats- und Regierungschefs der 17 Euroländer auf ihrem Gipfeltreffen in Brüssel auf ein Krisenpaket für Griechenland. Um das Land vor dem Staatsbankrott zu bewahren, sollte ein Rettungsschirm in Höhe von 2,3 Milliarden Euro gebildet werden. Nur einen Tag später wurden auch in Spanien und Italien Gerüchte von einem finanziellen Crash laut. Die Regierungen der EU-Länder sahen sich angesichts des riesigen Finanzbedarfs zum schnellen Handeln gezwungen. Bundeskanzlerin Merkel ordnete eine sofortige Einstellung aller geplanten und bereits laufenden Bauvorhaben an. Die Wiedererrichtung des Stadtschlosses wurde auf Eis gelegt. Der Flughafen BBI würde auf ein Terminal für den neuen Airbus A380 verzichten müssen und die Bauarbeiten auf dem Bahnhof Ostkreuz wurden mit sofortiger Wirkung gestoppt. Als diese Nachricht am Morgen des 30. Juli 2011 im Radio gesendet wurde, reagierten Millionen Zuhörer in Deutschland geschockt. Für Horst Bäumlich, leitender Mitarbeiter des Eisenbahnbundesamtes und Chef des Projektes Umbau und Modernisierung des Bahnhofs Ostkreuz kam dieser Beschluss einem Ruin seiner bisherigen beruflichen Tätigkeit und einem Ende seiner Laufbahn gleich. Doch Rettung nahte.

Just an diesem Morgen nämlich landete Sepp Mausbichler, österreichischer Tourismus-Mogul und Multimillionär aus dem alpinen Wintersportort Saalbach-Hinterglemm mit einer Maschine der Austrian Airlines in Berlin-Schönefeld. Da weit und breit kein Taxi in Sicht war, entschloss er sich, mit der S-Bahn nach Ostkreuz zu fahren, um in der dortigen Außenstelle des Eisenbahnbundesamtes seinen Schwager Horst Bäumlich zu besuchen. Zeit hatte er genug bis zum Treffen und freute sich deshalb auf eine entspannte Bahnfahrt. Die Vorfreude währte allerdings nur wenige Minuten, denn aufgrund von Betriebsstörungen verkehrte die Bahn nur im 30­Minuten-Takt und war dann natürlich rappelvoll. "Jo mei, wo san’s ma denn hier?", rief Sepp, der mit solchem Andrang nicht gerechnet hatte und bei jeder Station mehr ins Schwitzen kam. Er durchlebte das volle Programm: Er wurde mit Kaffee bekleckert, von Bettlern bedrängt, in Schweißgerüche eingehüllt und mit Ellenbogen gestoßen. Außerdem fielen ihm die entnervten und gelangweilten Mienen der Fahrgäste auf. Bahnfahren schien ihnen lästig zu sein, eine bloße Zeitverschwendung, ein notwendiges Übel. Einige hatten sich hinter Zeitungen verschanzt, vorausgesetzt, sie hatten einen Sitzplatz ergattert, und schenkten ihrer Umwelt keinen einzigen Blick. Niemand schien es zu genießen, nach draußen zu schauen. Endlich erreichte der Zug Ostkreuz und Mausbichler stieg aus.

Kurz darauf betrat er das Büro von Bäumlich. Nach einer herzlichen Begrüßung stellte Bäumlich neidvoll fest, wie gesund und entspannt doch sein Schwager aussah. "Jo, aber du gfallst mir gar net", rief Mausbichler, "hoast Sorgen?" Bäumlich ließ zwei Tassen Kaffee bringen und berichtete von dem Regierungsbeschluss, der sämtliche Bauvorhaben auf Eis gelegt hatte und wahrscheinlich sogar das Aus für den Bahnhof Ostkreuz und Bäumlichs ehrgeizige Träume bedeutete. Mausbichler hörte aufmerksam zu, überlegte, trank noch weitere zwei Tassen Kaffee und aß dazu einige Leberkäsesemmeln aus seinem Rucksack, denn nach der langen Reise hatte er ordentlich Appetit bekommen und in der Austrian Airlines war kein Imbiss angeboten worden.

Kurz vor Mittag schließlich war Bäumlich mit seinem Bericht fertig und Mausbichler saß da und dachte nach. Im Gegensatz zu seinem Schwager war sein Gesicht allerdings nicht traurig und verzweifelt, sondern allmählich immer vergnügter geworden. "Ich hab’s", verkündete er schließlich und legte seinem Schwager seine Idee dar, die so absurd und verwegen war, dass Bäumlich erst skeptisch den Kopf schüttelte, dann aber angesteckt wurde von Mausbichlers Optimismus. "Sepp, alter Junge, du hast freie Hand!", rief er zum Schluss. Dieser Satz sollte dem Bahnhof Ostkreuz das Leben retten.

Der Plan sah folgendermaßen aus. Sepp Mausbichler würde als privater Teilhaber in die Modernisierung des Bahnhofs Ostkreuz einsteigen und sofort mehrere Millionen von seinem Konto bereitstellen, um die Bauarbeiten fortzuführen. Allerdings würden diese vom ursprünglichen Plan etwas abweichen – das war dessen Bedingung bei dem Geschäft gewesen. "Weißt du, es ist nicht gut, wenn die Leute so griesgrämig in der S-Bahn sitzen und am Ostkreuz vorbeifahren. Mir fehlt die Begeisterung der Menschen an dem Projekt. Lass uns den Umbau zur Kult-Aktion machen und das Ostkreuz zur echten Attraktion werden. Nicht nur Technik, auch Spaß und Abenteuer wollen wir den Fahrgästen bieten, eine einmalige Fahrsensation. Wir machen das Ostkreuz zur Erlebnisstation!" Und da Sepp Mausbichler seine bisherigen Millionen beim Bau von Seilbahnen, Après-Ski-Hütten und Abfahrtspisten im österreichischen Alpentourismus verdient hatte, plante er, auch dem Ostkreuz und dessen Umgebung einen alpinen Anstrich zu geben. Alt-Stralau würde endlich aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden und ein österreichisches Restaurant, in dem es Schweinshaxen und Speckknödel gab, erhalten sowie einen längst fälligen Supermarkt. Neue Häuser sollten dort von jetzt an nur noch im Alpenstil gebaut werden. Die Bepflanzung der Balkons mit üppigen Hängegeranien wurde zur Pflicht erklärt. Außerdem wurde eine Diskothek geplant, in der an den Wochenenden regelmäßig Partys stattfinden würden. Allerdings nicht der ausgetretene Techno- und House-Sound, sondern echte österreichische Hüttengaudi. Passenderweise würde die Diskothek Partystadl heißen.

Parallel zur S-Bahnstrecke Ostkreuz-Treptow sollte eine Seilbahn mit Sessellift und Kabinen verlaufen. Damit wäre gesichert, dass bei Zugausfällen auf dieser Strecke eine zuverlässige und sportliche Alternative bereitstünde. Auch wer sich gerne bewegte, sollte auf seine Kosten kommen – die Elsenbrücke würde als Nordic-Walking-Strecke und im Winter als Skiloipe umgebaut werden. Alle Züge der Ringbahn sollten um zwei Waggons verlängert werden – einer würde als Raucher-und Kinderwagenabteil dienen, der zweite als Speisewagen. Durch die Abteile streunende Bettler sollten verboten und stattdessen mit monatlich 100 Euro fest angestellt werden. Dafür hatten sie bei Zugausfällen auf den Bahnsteigen für gute Laune zu sorgen, indem sie österreichische Volkslieder schmettern und Schuhplattler tanzen sollten. Die Kosten für Lederhosen und Tanzlehrgänge würden von der Bahn AG übernommen. Horst Bäumlich gab zu bedenken, dass er diese Ideen nicht alleine durchsetzen könnte – dafür müsse man die Zustimmung von Bahnchef Grube einholen. Kein Problem. Mausbichler ließ sich sofort mit Grubes Sekretariat verbinden und erhielt einen Termin für den Nachmittag desselben Tages. Das Gespräch beim Bahnchef erfolgte unter sechs Augen, nur Mausbichler, Grube und Bäumlich waren anwesend. Die Zeitungen sprachen am nächsten Tag von "leidenschaftlichen Debatten". Wie verlautete, sei Bahnchef Grube von den Plänen begeistert gewesen und hatte zusätzlich vorgeschlagen, dass junge adrette Serviererinnen im Dirndl in der Ringbahn den Fahrgästen Kaffee, frische Brezeln und Leberkäsesemmeln anbieten könnten. Inhabern von Jahres-, Umwelt- und Seniorentickets würden nach erfolgtem Börsengang Vorzugsaktien angeboten werden. Diese Neuerungen im Service-und Abonnementbereich würden die Fahrgastzahlen bei der Bahn in traumhafte Höhen schnellen lassen, vom Imagezuwachs ganz abgesehen. Auf jeden Fall hatte das Gespräch die Bahn einen entscheidenden Schritt in Richtung Börsengang vorangebracht. Bahnchef Grube und Mausbichler waren am Schluss des Gesprächs höchst zufrieden auseinander gegangen. Gerüchte, dass die beiden sich zum Abschied geduzt hätten, konnten allerdings nicht bewiesen werden.

Natürlich musste sich auch am äußeren Erscheinungsbild des Ostkreuzes einiges ändern. Mit der Anzahl der Bars und Hostels in der Umgebung war Mausbichler zwar zufrieden, aber sie sollten zünftige österreichische Namen erhalten. Das Hostel Alcatraz Backpacker in der Bahnhofstraße wurde kurzerhand in Pension Alpenrausch umbenannt, die Sportlerklause am Rudolfplatz hieß neuerdings Zum Großglockner und Heidis Imbiss in der Sonntagstraße Zenzis Hexenhäusl, um nur einige zu nennen.

Der Umbau des Ostkreuzes schritt nun schnell voran. Die Zeitungen überschlugen sich vor Lob und Begeisterung und eine heftige Diskussion ergab sich, ob man den Bahnhof Ostkreuz nach seiner Fertigstellung nicht umbenennen solle. Bäumlich – und damit stand er nicht allein – plädierte für "Sepp-­Mausbichler-Station", Mausbichler wiederum hatte "Grube-Kreuz" vorgeschlagen. Der Bahnchef jedoch winkte bescheiden ab und so einigte man sich schließlich auf den aussagekräftigen Namen "Ostkreuz-Alpin".

Natürlich würde auch eine rauschende Eröffnungsfeier, von der noch Generationen schwärmen sollten, anlässlich der Fertigstellung des Ostkreuzes stattfinden. Das Zentrum der Feierlichkeiten würde die neue Diskothek in Alt-Stralau bilden. Ein riesiges Plakat, das den gesamten oberen Teil des Bahnhofs Ostkreuz umspannte, war Monate vorher bereits ausgerollt worden und warb mit den Worten: "Das Après-Bau-Erlebnis mit der globalen Partystimmung" für Besucher aus Nah und Fern. Mausbichler hatte bereits viel österreichische Prominenz eingeladen. Dank seiner finanziellen Mittel war es ihm sogar gelungen, Weltstars für die Eröffnungsfeier zu engagieren. So hatten die "Original Oberkrainer" bereits fest zugesagt und ebenso die "Tiroler Alpengeister". Als Überraschungsgast – und darauf war Mausbichler besonders stolz - würde Lady Gaga auftreten und ihren Hit "The age of glory" in einer brandneuen Jodelversion darbieten.

Zum Schluss zauberte Mausbichler noch ein As aus seinem Ärmel – am Wasserturm am Ostkreuz sollte in Zukunft Paragliding möglich sein. Die Baukommission war sprachlos. Würden sich die Fallschirme nicht in den Bahnanlagen verfangen? Aber Sepp als alter Profi in Sachen Erlebnissport hatte an alles gedacht. Die Paraglider würden in Richtung Alt-Stralau und Rummelsburger Bucht fliegen und im Treptower Park landen. Gesagt, getan, Geld war genug da. In nur drei Monaten wurde der Wasserturm komplett saniert und umgerüstet. Ganz oben montierte man eine Plattform, von der aus die Sprünge erfolgen konnten. Was für ein prächtiger Ausblick sich von oben bot! Am 29. Juli, einen Tag vor der Eröffnungsfeier, sollte der erste Gleitschirm herabsegeln. Natürlich wurde Mausbichler die Ehre des ersten Sprunges zuteil, schließlich hatte er das ganze Projekt finanziert. Um 17 Uhr umringten Millionen jubelnde Zuschauer, Vertreter des Bahnvorstandes und des Eisenbahnbundesamtes das Gelände rund um den Wasserturm. Polizisten hatten Mühe, alle Neugierigen an die Seiten zu drängen. Um 19 Uhr erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt. Sepp Mausbichler trat feierlich in Lederhosen und kariertem Wams, den Gleitschirm umgeschnallt, nach draußen auf die Plattform. Er winkte dem jubelndem Publikum jovial zu und sprang vom Gipfel des Wasserturms mit seinem Paraglider in die Tiefe.

 

"Österreichischer Multimillionär in den Tod gestürzt" — lautete die große Schlagzeile aller Zeitungen am nächsten Tag. Wie die Berliner Zeitung in ihrem Leitartikel berichtete, hatte sich Mausbichlers Gurt vom Paraglidingschirm unmittelbar nach dem Sprung gelöst und der Österreicher war zum Schrecken aller Zuschauer wie ein Stein hinabgestürzt. Jegliche Rettung kam zu spät.

Darunter stand in kleiner Schrift: "Grete Mausbichler, Witwe von Sepp Mausbichler und Alleinerbin seines Milliardenvermögens, hatte nach Testamentseröffnung sofort sämtliche Zahlungen ihres verstorbenen Mannes an das Projekt Modernisierung Ostkreuz eingestellt."

Doch noch eine weitere Meldung hatte es auf die erste Seite der Zeitungen geschafft. In dicken Schlagzeilen war zu lesen, dass sich Griechenland entschlossen hatte, die Drachme wieder als Landeswährung einzuführen. Der Rettungsschirm von 2,3 Milliarden Euro war damit überflüssig geworden, weshalb Bundeskanzlerin Merkel ab sofort alle Investitionen für die Fortsetzung von Bauvorhaben wieder freigab.


 

Clemens Schittko
Eine Art Liebe

 

Du wirst mich
auf den Tisch legen
und mich vollständig entkleiden.

Du wirst meinen Kopf,
mit einer Stütze im Nacken,
höher legen.

Du wirst alle Pflaster und Verbände,
Sonden und Urinbeutel,
Katheter und Herzschrittmacher
und ähnliche medizinische Utensilien entfernen
und auch alte Windeln entsorgen.

Du wirst meine Haut und alle Körperöffnungen
mit einem speziellen Desinfektionsmittel einsprühen.

Du wirst mich vollständig einseifen
und mit kaltem Wasser waschen
und dabei gröbere Verschmutzungen
sowie austretende Körperflüssigkeiten
und eingetrocknetes Blut beseitigen.

Du wirst eventuelle Wunden vernähen
und mich im Gesicht rasieren.

Du wirst meine Fingernägel
reinigen und schneiden.

Du wirst meine Haare gründlich waschen,
mit Shampoo einmassieren,
auswaschen und fönen.

Du wirst meinen Körper,
wie auch den Tisch,
vollständig abtrocknen.

Du wirst mich mit einer speziellen,
feuchtigkeitsregulierenden Massagecreme
eincremen und massieren,
damit sich meine Starre löst
und meine Haut nicht austrocknet
durch die Kühlung.

Du wirst alle meine Körperöffnungen
wie Nasenlöcher, Rachen und Anus
mit Wattebäuschen verschließen,
damit keine Körperflüssigkeiten austreten.

Du wirst mir
eine frische Windel
überstreifen.

Du wirst meinen Mund
mit einer sogenannten Ligatur verschließen,
indem du mit einem Baumwollfaden
und einer chirurgischen Nadel
den Unterkiefer von innen
mit der Nasenscheidewand zusammenbindest.

Du wirst meine Augen schließen,
indem du kleine kontaktlinsenartige,
mit Noppen besehene Plastikkappen
auf die Augäpfel aufsetzt
und die Augenlider
wieder darüberziehst,
damit sie nicht einsinken
oder sich wieder öffnen
durch die Austrocknung.

Du wirst mich ankleiden,
schminken und frisieren.

Und du wirst mich einbetten ...
in das Nicht-Gedicht deines Körpers –
eine Art Liebe,
die ich nicht
gekannt haben werde –
eine Art Liebe,
die mich nicht
gekannt haben wird.

 

ALLE 36 SEKUNDEN IN DEUTSCHLAND
wird bei einem Menschen
durch verringerte Hirnaktivität
die Wahrnehmung eingeschränkt,
wird die Atmung flacher,
wird das Sehvermögen schlechter,
funktioniert das Hörvermögen nur noch partiell,
geht die Sehfähigkeit völlig verloren,
tritt der Herzstillstand ein,
folgt unmittelbar, innerhalb weniger Minuten, der Hirntod
der Funktionsverlust der Hirnzellen,
beginnt, an den Herzstillstand
und den Hirntod anschließend,
die Zersetzung des Körpers,
sterben die Zellen ab,
beginnend mit den Gehirnzellen, den Neuronen,
gefolgt von den Zellen des Herzgewebes
zehn bis 20 Minuten nach dem Hirntod,
gefolgt vom Tod der Leber- und Lungenzellen,
erst ein bis zwei Stunden später
stellen auch die Zellen der Nieren ihre Funktion ein...
alle 36 Sekunden in Deutschland.

 

Tatort Tagesschau – To-do-Liste

den Tod erleiden
den Tod feststellen
den Tod finden
des Todes sein
eines gewaltsamen Todes sterben
eines natürlichen Todes sterben

in den Tod gehen
in den Tod treiben

mit dem Tod büßen
mit dem Tode bezahlen
mit dem Tode kämpfen
mit dem Tode ringen

sich den Tod holen
vom Tod ereilt werden
zu Tode hetzen
zu Tode kommen
zu Tode prügeln
zu Tode reiten
zu Tode schinden
zu Tode schuften
zu Tode stürzen

 

Friedrichshainer Epitaph

Es regnet, d.h.
ich muss nicht
zum Friedhof,
um die Blumen
auf dem Grab
meines Vaters
zu gießen.

Sagte ich "Grab
meines Vaters"?
Seit wann
können Tote Gräber
oder auch nur
irgendetwas besitzen?
Juristisch gesehen
gehört ihnen
vermutlich
noch nicht einmal
ihr Leichnam
bzw. ihre Asche.

Ich gehe nicht
zum Friedhof, d.h.
es muss regnen.

 

Auch die Gedichte

Auch die Gedichte,
die vom Tod handeln, lenken
stets nur ab – vom Tod.

GÄBE ES SIE NICHT,
die Toten, wäre ich längst
nicht mehr am Leben.

 

Sightseeing Zwischenkriegszeit

Die Bäume an den Straßenrändern
sind beschnitten
oder noch nicht groß genug,
als dass ihre Äste
mehr als eine Schlinge tragen.
Für alle Nicht-Bauarbeiter hingegen
sind die Baukräne schon zu groß,
als dass sie mit einem Galgen
verwechselt werden könnten.

WIR HALTEN HÄNDCHEN ...
Sind wir Liebende? Liegt einer
von uns im Sterben?

FÜR DAS AUSWASCHEN
der Augen genug
die Häuser voll Schlaf
kommt Zeit kommt Tod
ein Himmel ohnegleichen
nichts Vergebliches an uns
das Schweigen ein Salz
für das Erschöpfte
gehen Zwei aneinander wahr
ist Eins durchstoßen
ohne Antwort bleibt nichts
nichts ist vergeben
ein Haus und wir
entfallen einem Schlaf


 

Sonja Hoffmann
Zwei Sichtweisen

 

Nur unter aller größter Anstrengung hatte Lars sich heute Morgen aus dem Bett schälen können und obwohl er sogar auf eine Dusche verzichtet hatte, war er schon fünf Minuten zu spät am Ostkreuz. Dort stand er nun auf dem Bahnsteig der Ringbahn, völlig verschlafen, ungewaschen und hungrig. Einen Kater hatte er ehrlich gesagt auch noch, denn entgegen seinen Beteuerungen hatte er sich gestern doch noch mit den Jungs getroffen. Irgendwie ist es dann ganz schön spät geworden und in ihm stieg die Vermutung auf, dass das letzte Bier schon nicht mehr ganz gut war. Der Baustellenlärm tat in diesem Zusammenhang sein Übriges. Lars starrte auf die Uhr: mittlerweile war es drei Minuten vor neun. Um Viertel vor neun waren sie verabredet gewesen und er kam ja schon zu spät. Die nächste S-Bahn fuhr ein und endlich stieg auch Julia aus. Ohne eine Begrüßung und wild gestikulierend legte sie los:

"Ich hatte doch tatsächlich meine Ballerinas zu Hause vergessen und musste dann noch mal zurück. Ohne die geht schließlich gar nichts!"

"Hm...", war alles, was Lars vorbringen konnte, bevor Julia weiterredete.

"Also, wir müssen jetzt in die S 9, die fährt direkt bis zum Flughafen."

Lars nickte. Die Bahn kam und sie stiegen ein.

"Hast du die Matten denn noch bekommen?"

Matten? Welche Matten? In Lars' Kopf fing es an zu rattern. Julia brauchte keine Antwort. Sie hatte Lars gestern noch gebeten, die tollen Badematten bei Rossmann zu holen, denn dann bräuchten sie nicht die in ihren Augen völlig überteuerten Strandartikel auf Mallorca zu kaufen und außerdem liebte sie es, gut vorbereitet zu sein.

"Nee, oder, du hast sie nicht geholt. Und überhaupt, wie siehst du eigentlich aus? Du warst doch wohl nicht etwa noch mit den Jungs unterwegs, oder?"

Lars schaute schuldbewusst zu Boden.

"Eigentlich wollte nur Flo gestern noch kurz vorbeikommen, aber..."

Weiter kam er nicht.

"Ach so, nur Flo und dann bestimmt auch noch Sebastian und Hendrik und dann warst du natürlich gezwungen, dich noch mal kräftig mit ihnen zu besaufen, ja?"

Julia schaute Lars mit diesem durchdringenden Blick an, der ihm immer das Gefühl gab, ein dummer kleiner Junge zu sein. Er hasste diesen Blick seitdem sie ihn das erste Mal so angesehen hat. Damals, das war vor knapp einem Jahr als er ihr gesagt hatte, dass er mit seinen Jungs in den Urlaub fliegen würde. Er hielt es nicht für nötig, sie zu fragen, ob es in Ordnung für sie sei, denn solche Dinge müsse man in seinen Augen erst dann miteinander besprechen, wenn man verheiratet ist und bis dahin war es in seinen Augen noch ein langer Weg. Ehrlich gesagt hatte er noch nie wirklich darüber nachgedacht zu heiraten, schließlich war er erst 24 und wollte ja auch noch etwas erleben. Und bei Olli hatte er gesehen, wie solche Sachen laufen. Der hatte schon mit 23 seine Freundin Rebecca geheiratet. Er hatte sie sogar gefragt, denn er hat immer so einen Mist von "ganz große Liebe" gelabert!

Was für ein Trottel und sie war doch noch nicht einmal schwanger. Aber in den Augen von Lars hatte Rebecca Olli enorm unter der Fuchtel. Soweit würde er es bei sich und Julia nie kommen lassen, so viel war ihm klar. In seinen Augen musste man klare Grenzen setzen und den Frauen zeigen, wo es langgeht. Als Olli und Rebecca damals schon nach 2 Monaten in eine gemeinsame Wohnung zogen, hatte er Julia gerade kennengelernt. Sie fand es "so romantisch" und Lars konnte einfach nicht fassen, dass Olli behauptete, er würde sich darauf freuen, jeden Morgen neben "seiner Rebecca" aufzuwachen. Nicht genug, dass die Frauen ständig per SMS und Anruf kontrollieren wollten, wo man sich als Mann so rumtrieb. Nein, Rebecca würde immer WISSEN, wann Olli tatsächlich nach Hause gekommen war. Obwohl, Olli machte ohnehin nie etwas ohne seine Frau und so waren sie es letztlich auch, die Julia auf die Idee mit dem gemeinsamen Urlaub gebracht haben. Lars hoffte, dass sich ihre fixe Idee erledigen würde, wenn er nur lange genug die Füße stillhielte. Das hatte schon relativ häufig geklappt. Im Kleinen wie im Großen. Wenn sie zum Beispiel abends in Julias Wohnung auf dem Sofa saßen und sie sagte: "Ich habe so einen Durst", reichte es aus, wenn er nur lange genug so tat, als habe er sie gar nicht gehört. Nach circa 15 Minuten stand sie dann von alleine auf und wenn er dann überrascht tat und sagte: "Ach, du holst was zu trinken? Dann nehm’ ich ein Bier", brachte sie ihm eigentlich immer eins mit.

Dass welches da war, dafür hatte er schließlich gesorgt. Als Julia am Nachmittag das x-te mal anrief um zu fragen, wann er denn nun vorbei käme, hatte sie ihn auch noch gebeten, etwas zum Kochen mitzubringen. Er hatte daraufhin einen Six-Pack Bier und zwei Tiefkühlpizzen besorgt. Julia war ausgerastet und schwafelte irgendwas von "gemeinsamen Kochen", dabei wusste sie doch, dass er es hasste zu kochen und wenn man es ganz genau nahm, musste man die Pizza ja zumindest backen. Da die Taktik des "Aussitzens" im Hinblick auf Julias Wunsch nach gemeinsamem Kochen oder den "Kuschelabenden" oft von Erfolg gekrönt war, hatte Lars sich, zunächst eher unbewusst und aus einer Not heraus, später dann aber auch bewusst dazu entschieden, sie auch im großen Rahmen anzuwenden.

Das kam so: Als Julia vor zwei Monaten ihre Wohnung verlassen musste, weil der Vermieter ihrer WG gekündigt hatte, nahm Julia dies zum Anlass, Lars nach einer gemeinsamen Bleibe zu fragen. Er bekam die blanke Panik und verfiel wie ein Kaninchen vor einer Schlange in die Starre, die ihn immer dann ereilte, wenn er um die Erledigung unliebsamer Aufgaben gebeten wurde. Damals war es mehr ein Reflex als eine bewusste Entscheidung, aber es zeigte sich, dass diese Reaktion ihre Wirkung nicht verfehlte. Julia fragte gefühlt einhundert Mal, ob sie nicht gemeinsam nach einer neuen Wohnung suchen wollen und kam immer wieder mit den Wohnungsanzeigen aus allen bekannten Tageszeitungen an. Lars gab zu keinem ihrer Wohnungsvorschläge einen Kommentar ab und hielt sie so eine ganze Weile hin. Letztlich führte der Umstand, dass sich Julias beste Freundin von ihrem Freund trennte, ihn rausschmiss und nicht alleine wohnen wollte, dazu, dass sie Julia anbot, den frei gewordenen Platz in ihrer Wohnung zu füllen. Julia zog also bei Lena ein. Einfach so und Lars hatte es geschafft, einer unliebsamen Konfrontation abermals aus dem Weg zu gehen.

Hinsichtlich des Urlaubs hatte er es dann ebenfalls mit dieser Strategie versucht, aber dieses Mal hatte es nicht ganz so geklappt, wie er sich die Sache vorgestellt hatte. Durch die penetrante Demonstration von Desinteresse hatte er gehofft, dass Julia, nachdem sie ihm den x-ten Vorschlag aus dem Internet präsentiert hatte, endlich aufgeben würde. Dieses Mal zog sie das Ding aber knallhart durch und buchte den Urlaub einfach auf eigene Faust. Er hatte bisher noch nicht einmal für die 10 Tage Mallorca bezahlt. Julia hatte einfach alles übernommen und so saß er nun in dieser Bahn und trotz der Aussicht darauf, dem Schmuddelwetter zu entfliehen und stattdessen mit Halbpension versorgt am Strand in der Sonne braten zu können, wollte bei Lars keine rechte Urlaubsstimmung aufkommen.

Ganz anders sah es dagegen bei Julia aus. Nachdem sie wochenlang im Internet nach den besten Angeboten gesucht hatte, fand sie schließlich eine Pauschalreise, die zumindest laut Beschreibung ihren Anforderung gerecht werden konnte und nach der zusätzlichen Studie sämtlicher verfügbarer Bewertungen anderer Gäste hatte sie dann letztlich zugeschlagen.

Die Idee, mit Lars gemeinsam in den Urlaub zu fahren, hatte sie eigentlich schon, bevor die beiden sich überhaupt kennengelernt hatten, denn für sie war immer klar, dass man, sobald man sich vor der Weltöffentlichkeit als Paar präsentierte, auch gemeinsam in den Urlaub fuhr.

Als Lars ihr dann im vergangenen Sommer eröffnete, dass er mit seinen Freunden und nicht etwa mit ihr in den Urlaub fahren wolle, beschloss Julia zweierlei Dinge. Zum einen war ihr klar, dass sie im nächsten Jahr einen gemeinsamen Urlaub auf die Beine stellen werde, koste es was es wolle, und zum anderen buchte sie in dem vergangenen Jahr einen Club-Urlaub mit ihren Freundinnen. Diese erstellten dann etliche Fotos auf denen Julia mit gutaussehenden Jungs zu sehen war und Lars kräftig eifersüchtig machen sollten, was aber nur bedingt klappte. Da er nämlich ebenfalls auf fast allen Urlaubsbildern mit hübschen Mädchen zusammen zu sehen war, machte Julia die größere Szene und obwohl Lars und seine Freunde beteuerten, dass mit keinem der Mädchen etwas gewesen sei, fühlte Julia sich betrogen.

Nachdem es ihr gelungen war, das Vertrauen zu ihm zurück zu gewinnen, bot sie ihm dann die in ihren Augen mehr als großzügige Möglichkeit einer gemeinsamen Wohnung an.

Sie war mittlerweile schließlich schon 28 und da mussten langsam Nägel mit Köpfen gemacht werden. Klar, er war nicht ihr Traummann: eigentlich war er ihr zu klein, sein Bauch zu dick, er war zu unordentlich und er verdiente ja noch nicht einmal eigenes Geld. Aber sie hatte bereits ein kleines Polster angespart und rechnete fest damit, dass er bald mit seinem Studium fertig werden würde. Dann könnten sie beginnen, ein Nest zu bauen und sie bräuchte nicht wie Lena an ihrem dreißigsten Geburtstag ohne Mann und Kind dastehen und das war letztlich das, worum es ging. Mit diesem "Traummann-Mist" hatte sie ohnehin zu viele Jahre verloren und obwohl Rebecca immer behauptete, dass Olli ihr Traummann sei, war Julia sich sicher, dass auch sie ihn morgens gerne mal aus dem Bett werfen würde oder sich bei den Lästereien mit ihren Freundinnen so richtig in Rage reden konnte. Aber das war es doch auch, was eine Beziehung in ihren Augen ausmachte. Freundinnen seien zum Reden da und die Männer sind dafür da, das Geld nach Hause zu bringen und genügend Stoff für die Gespräche mit den Freundinnen zu liefern.

Ob Lars gerne mit ihr zusammengezogen wäre, war ihr eigentlich relativ egal und ihr war auch klar, dass es eine Menge Arbeit bedeuten würde, ihn zu dem Wohnpartner zu machen, den sie sich wünschte, aber sie war bereit für ihr Ziel zu kämpfen. Als sie dann ihre Wohnung verlassen musste, versuchte sie zunächst, eine Wohnung mit Lars zu suchen, aber als Lena ihr dann ein Zimmer in ihrer Wohnung anbot, beschloss sie, Lars zunächst in seinem gewohnten Umfeld zu belassen und ihn dort "umzuerziehen", damit er dann als neuer Mensch ihren Wohnpartner-Ansprüchen gerecht werden könnte.  

Bei dem Urlaub zeigte sie ihm nun schon einmal, wer in der Beziehung die Hosen anhatte und buchte alles auf eigene Faust. Sie legte ihm zwar zwischendurch einige Angebote vor, damit er den Eindruck bekäme, sie hätten alles gemeinsam entschieden, aber letztlich war seine Meinung ihr absolut egal. Sie organisierte immer alles für die beiden und das fand sie auch gut.

Jetzt saß Julia zufrieden in der Bahn und ging jeden Tag ihrer gemeinsamen Reise nochmals durch. Eigentlich war ihr schon längst klar, an welchem Tag sie was unternehmen würden und an wen wann welche Karten geschrieben werden sollten. Gemeinsam mit Lena hatte sie zwei Reiseführer akribisch durchgearbeitet und einen genauen Plan erstellt. Eigentlich war Lena ja die falsche Ansprechpartnerin, wenn es um Pärchen-Urlaub ging, denn nachdem sie mit ihrem Freund nach Paris geflogen war, hatte sie sich von ihm getrennt. Aber eigentlich war der ohnehin ein Idiot und Julia war sich sicher, Lars wesentlich besser im Griff zu haben, als Lena ihren (jetzt Ex-)Freund. Lena konnte es sich allerdings nicht verkneifen, Julia noch einige Horrorszenarien über ihren bevorstehenden Urlaub mit auf den Weg zu geben und schwafelte etwas davon, dass Lars entweder zu spät käme und sie den Flieger verpassen würden, oder aber, dass er den ganzen Tag nur schlafen wollen würde und anstatt Abends mit Julia schick essen zu gehen, den Besuch irgendeiner billigen Disco vorziehen würde.

Lena war Julias beste Freundin, aber was ihre Schwarzmalereien in Bezug auf den Urlaub mit Lars angingen, war Lena einfach nur neidisch. Schließlich würden Julia und Lars noch gefestigter aus dem Urlaub zurückkehren; vielleicht hätte sie ihn dann schon so weit, dass er ihren Wohn-Ansprüchen genügen würde und dann würde Lena schon sehen, wie unrecht sie hatte.

 

Während des Fluges hatte Lars die ganze Zeit geschlafen. Er war einfach noch zu kaputt vom Vorabend und wollte für den Besuch im Ballermann schon mal Kräfte tanken. Seine Vermeidungsstrategie hatte es erfordert, dass er sich nicht im Geringsten mit der Geografie Mallorcas auseinandergesetzt hatte, aber da Mallorca im Fernsehen immer mit dem Ballermann gleichgesetzt wurde, ging er davon aus, dass diese Lokalität von jedem Flecken der Insel in kürzester Zeit zu erreichen sei.

Nach einer schier unendlichen Busfahrt vom Flughafen zum Hotel kamen ihm jedoch erste Zweifel an dieser Theorie, welche zudem durch die Zusammensetzung der Buspassagiere ins Wanken geriet. Wie konnte es schließlich sein, dass sie in Richtung Ballermann unterwegs waren und außer zwei jungen Pärchen in ihrem Alter nur Rentner und Familien mit nervigen kleinen Kindern den Bus bevölkerten.

Die Kinder wiederum veranlassten Julia zu einem der von ihm so verhassten "Wie-wollen-wir­denn-eigentlich- unsere-Kinder-nennen?"-Monologen. Auch hier sagte er einfach möglichst wenig und versuchte, die aufsteigende Panik zu überspielen. Andererseits, wenn nicht der Ballermann in unmittelbarer Nähe läge, so gibt es sicher unzählige andere Discos, denn Mallorca wird doch nicht ohne Grund als "Partyinsel" bekannt sein.

Dennoch schienen die Discos hier gut versteckt zu sein und außer Souvenirshops und Restaurants war auf dem Weg nicht viel zu entdecken. Lars versuchte ruhig zu bleiben und seine Frage nach der Abendgestaltung erst einmal zu vertagen, um keinen Streit mit Julia anzufangen.

Am Hotel angekommen bestätigten sich jedoch seine schlimmsten Befürchtungen, denn außer ihnen verließen nur vereinzelte Rentner, zwei Familien mit kleinen Kindern und eines der jungen Paare den Bus, um im Hotel einzuchecken.

 

Sie hatten das Zimmer noch nicht einmal wirklich betreten, da begann Julia bereits, zu nörgeln: die Fußleisten seien fürchterlich schmutzig und der Flur zum Zimmer sei viel zu dunkel. Nachdem sie dann die Betten und das Badezimmer einer akribischen Inspektion unterzogen hatte, kam sie zu dem Urteil, dass alle Bewertungen im Internet nicht stimmen könnten, sie unter solchen Umständen unmöglich einen entspannten Urlaub verleben könne und Lars sich doch bitte umgehend bei der Reiseleitung beschweren solle. Darauf hatte er allerdings so gar keine Lust, denn schließlich sah er sich dieses Zimmer nur in volltrunkenem Zustand nutzen und in seinen Augen war doch schließlich alles in bester Ordnung. Während er ersteres lieber für sich behielt, teilte er Julia die zweite Einschätzung in einem ruhigen Ton mit, was sich jedoch als fataler Fehler herausstellen sollte.

Es dauerte keine zwei Sekunden und Julia wurde zu einer hysterischen Furie. Wie es denn sein könne, dass sie sich um alles kümmern müsse und er dann nicht einmal Partei für sie ergreifen würde. Sie habe alles für diesen Urlaub getan, während er sich noch erdreistete, verkatert zum Bahnhof zu kommen. Und Lars tat das, was er in solchen Situationen immer tat: schweigen.

 

Für Julia war das alles zu viel. Sie war es gewesen, die den Urlaub geplant und gebucht hatte. Sie wollte, dass alles perfekt werden würde und nun das. Das Zimmer war eine Katastrophe: Im Bett hatte sie ein Haar gefunden und im Badezimmer waren in der linken Ecke der Badewanne eindeutig Spuren von Spak zu erkennen. Wie sollte sie denn hier entspannen können? Das müsste Lars doch sehen, aber er sah es scheinbar nicht. Nichtsdestotrotz wäre es in ihren Augen seine Aufgabe, heldenhaft zur Reiseleitung zu stürmen und sich über die unzumutbaren Zustände zu beschweren. Im Fernsehen hatte sie gesehen, wie Reisende auf diese Weise ein kostenloses Upgrade ihrer Unterkunft bekamen und das würde ihr natürlich schon gefallen. Vor allem aber könnte sie Lena dann erzählen, wie Lars sich für sie eingesetzt hat und das er doch nicht so ein Ignorant war, wie ihre beste Freundin immer behauptete. Nach diesem Urlaub würde Lars der Mann sein, mit dem sie zusammenziehen könne. Alle ihre Freundinnen würden sie bewundern, wie sie es geschafft hätte, einen Mann umzukrempeln und zu einem braven Hausmann zu machen. Aber momentan saß Lars einfach nur da und starrte Löcher in die Luft.  

Das Problem war, dass Julias penibel geplanter Tagesablauf langsam ins Wanken geriet und sie so zu Gunsten ihrer Planung erst einmal die grauenhaften Zustände im Zimmer beiseite schieben musste.

Laut Plan müssten sie jetzt schon durch die Gassen schlendern und verliebt ein Eis schlecken, stattdessen saßen sie hier und hatten noch nicht einmal ausgepackt. Da Lena bestens über den geplanten Ablauf informiert war und heute Abend den ersten Bericht erwartete, musste es jetzt weitergehen und so zerrte Julia, noch glühend vor Zorn, ihre neuen Sandalen und das rote Kleid aus dem Koffer und zog sich um. Ohne etwas zu sagen ging sie zur Tür und Lars folgte ihr auf den Fuß.

Nach dem schier endlosen Gezeter ging es endlich los und er konnte sich ein Bild von den Feiermöglichkeiten machen. Gefühlte sechshundert Souvenir-Shops später sprach sie endlich ein Promoter an und lud sie zur Schaumparty in einer Disco gleich um die Ecke ein. Lars atmete auf und sagte freudig zu. Julias Reaktion ließ nicht lange auf sich warten und es folgte ein langer Monolog, in dem sie etwas von "Urlaubsplanung" und "Du hast das doch auch alles gewollt" und "nur wir zwei" kreischte. Wutentbrannt rannte Julia ins Hotel zurück und Lars, von einem leichten Hungergefühl geplagt, folgte ihr, in der Hoffnung das Buffet stürmen zu können. Schweigend hatte Julia sich gewaschen und abermals umgezogen und schweigend ging es dann in den Speisesaal. Die Plätze zu ihrer Zimmernummer lagen an einem Tisch, an dem das Pärchen aus dem Bus mit versteinerten Mienen im Essen herumstocherte. Julia und Lars bedienten sich am Buffet und setzten sich dazu. Schnell kamen sie mit dem Paar am Tisch ins Gespräch und schon nach wenigen Minuten wurde deutlich, dass es Maria und Philipp ebenso erging wie Julia und Lars. Während Julia und Maria sich nach dem Essen zu einem gemeinsamen Boutiquen­Bummel verabredeten, sahen Philipp und Lars sich schweigend an. Als Philipp jedoch den Schaumparty-Flyer zog, um die Zimmernummer auf die Rückseite zu schreiben, war auch die gemeinsame Urlaubsplanung der Männer geklärt.

 

In den kommenden Tagen verlebte Julia einen wunderbaren Urlaub nach ihrem Geschmack und auch Lars hatte eine Menge Spaß. Julia hatte es geschafft, alle Punkte ihres Plans abzuarbeiten und Lars hatte es geschafft, an keinem Tag nüchtern ins Bett zu gehen.

Während Julia sonnengebräunt und entspannt versuchte, ihre neuen Kleider in den Koffer zu quetschen, stopfte Lars verkatert und blass seine Habseligkeiten in seine Reisetasche.

Sie hatten nicht einen Tag miteinander verbracht. Nachdem Lars in der ersten Nacht betrunken über seine Tasche gestolpert war und schnarchend in einen komatösen Schlaf fiel, aus dem er sich auch um zehn Uhr morgens nicht wecken ließ, war Julia zu Maria ins Zimmer gezogen und Philipp nahm das Bett, in dem Julia hätte schlafen sollen.

Im Bus saß Julia neben Maria und selbst im Flugzeug waren die Sitzplätze nach Geschlechtern getrennt.

Zurück am Ostkreuz wurde dann klar, dass beide einen wundervollen Urlaub hatten, allerdings nicht miteinander und so wurde es ein wortloser Abschied. Ein Abschied für immer.


 

Birgit Wilms
Von einem Morgen zum nächsten Morgen

 

Ein Streicheln in seinem Gesicht ließ ihn erwachen. Ganz sanft und fein berührte es seine Haut. War es seine Mum, die ihn weckte, damit er rechtzeitig zur Schule kam? Er hatte es damals so sehr gehasst, doch was würde er heute dafür geben, wenn ihre kleinen weichen Hände ihn nur einmal noch so streicheln würden. Chris nahm sich die Zeitung aus dem Gesicht, welche nach oben geweht war.

Langsam erhob er seinen von der Kälte steif gewordenen Körper von der Bank. Vorsichtig reckte und streckte er sich und sah sich dabei um. Noch lag alles still und leer, nur vereinzelt kamen die ersten Menschen auf den Ringbahnsteig am Ostkreuz. Die ersten Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg, es war die Ruhe vor dem Sturm. Nur ein paar Minuten noch, dann konnte man es hören, das Getrampel tausender Füße auf der großen Eisentreppe. Bei geschlossenen Augen hörte es sich wie Pferdegalopp auf der Trabrennbahn an. Je nach Jahreszeit konnte man ein anderes Bild mit dem Geräusch assoziieren. So hätte man es im Winter auch für das Herunterprasseln von riesigen Schneebällen halten können.

Chris strich sich die Kleidung glatt und fuhr sich durchs verwuschelte Haar, er mochte es nicht, wenn man es ihm sofort ansah, dass er obdachlos war. Deswegen suchte er auch jeden Tag einen Waschraum auf und ging regelmäßig in die Kleiderkammer, um sich frische Kleidung zu holen. Nur die Notunterkünfte hasste er, er konnte den Geruch von alten Männern, Alkohol und Blut, welcher sich dort vermischte, nicht ertragen. So kam es, dass er meistens unter freiem Himmel schlief, solange es das Wetter erlaubte und das Aufsichtspersonal am Ostkreuz mitspielte. Die meisten kannten ihn aber schon und wussten, dass er keinen Ärger machte und jeden Morgen rechtzeitig verschwand, bevor der Berufsverkehr begann.

Riesige Schwärme von Menschen flossen aus den Bahnen hinaus, die Treppe hinauf und in die nächste Bahn wieder hinein. Ein Gewusel, wie in einem Ameisenhaufen. Auf den ersten Blick schien es ein heilloses Durcheinander zu sein, aber mit genügend Abstand, ließ sich die Ordnung darin erkennen.

 

Chris wurde langsam unruhig, gleich musste sie kommen, es war doch schon kurz vor 07.00 Uhr. Wo blieb sie heute nur? Sie war so wunderschön und irgendwie erinnerte sie ihn auch an seine Mum. Sie hatte dieselben schönen blonden langen Haare, welche sanft über ihre schmalen Schultern fielen. Ihre schlanke und zierliche Figur mit der immer sehr sorgfältig ausgewählten Kleidung war ihm ebenfalls vertraut. Doch am meisten liebte er ihren Lippenstift, der sah nicht nur schön aus, sondern er schmeckte auch noch gut. Denn nachdem sie ihre Morgenzigarette eilig geraucht hatte und sie meistens wegen der einfahrenden Bahn nur halbaufgeraucht wegwarf, sammelte er den Rest ein. Mit jedem Zug von diesem Zigarettenrest, der nach ihren Lippen und diesem süßroten Lippenstift schmeckte, träumte er sich in ein Leben mit ihr hinein.

Er sah sich mit ihr am Frühstückstisch sitzen, liebevoll strich sie ihm durchs Haar und streichelte seine Wange. Sie aßen und redeten, lasen die Zeitung und lachten viel. Ja, es war sicher schön mit ihr zu lachen. Schade, dass er ihr Lachen noch nie gehört hatte. Aber aus diesem lieblichen Mund konnte es nur wunderschön klingen, da war er sich ganz sicher.

Wie sehr er diesen Moment am Morgen liebte, Zug für Zug genoss er ihre Zigarette. Er war ihr so nah und er fühlte die Wärme und Geborgenheit, die er immer in den Armen seiner Mum gespürte hatte. Jeden Morgen stand er nur ihretwegen wieder auf. Sie war es, die ihn glücklich sein ließ. Dieser eine kleine Moment am Morgen, wenn er sie aus der Ferne kommen sah, dann ihren Anblick in sich einsog und zuletzt ihren Duft.

Davon lebte er, von einem Morgen zum nächsten Morgen. Ganz schlimm war es am Wochenende, da blieb er oft länger liegen, bis das Personal ihn dann letztlich hochscheuchte. Was hatte dieser Samstag für einen Sinn, wenn er sie nicht sehen würde. Sie war so lieblich und hatte so einen warmen Ausdruck in ihren Augen. Sie sah ihn nie, nahm ihn nicht einmal wahr. Aber er, er fühlte sich ihr nah und nur das zählte. Sie gab ihm die Kraft, sich nicht gänzlich aufzugeben, sie war sein ganzes Glück. Für sie wollte er sich nicht gehen lassen, für sie wollte er am nächsten Morgen wieder erwachen. Auf diesen Augenblick wartete er gern 24 Stunden seines Lebens, nur um ihn einmal noch wieder erleben zu dürfen.

Wo war sie nur, sie hätte längst da sein müssen? Wolken zogen übers Ostkreuz und mit ihnen kam ein kalter Wind auf, der ihn in seinen leichten Sommersachen frösteln lies.

Es ist wohl an der Zeit, sich wärmere Kleidung zu besorgen, da der Sommer nicht wirklich sommerlich war in diesem Jahr, dachte Chris gerade, als ein jäher Schrei ihn aufschrecken ließ. Was war das, was ist passiert? Zuerst dachte er, dass es wieder die Frau wäre, die hier öfter mal quer übers Ostkreuz schreit am Morgen. In Berlin stört sich daran niemand, hier ist man es irgendwie gewohnt, dass psychisch kranke Menschen durch die Stadt irren. Sie werden ignoriert und gehören irgendwie dazu in dieses bunte Bild von extremen Unterschieden, Unruhe und Vielfalt.

Aber nein, sie ist es nicht, weiter vorne tut sich was. Die Menschen scheinen aufgescheucht, andere sind starr vor Schrecken. Er ist zu weit weg, er sieht nichts. Er ahnt nur, dass es nichts Gutes sein kann. Plötzlich prasselt Regen auf ihn herab, der Himmel ist düster und er flüchtet sich in ein Wartehäuschen.

Zwei Frauen unterhielten sich aufgeregt miteinander, da kam auch schon die Durchsage: "Wegen eines Personenunfalls ist der Zugverkehr auf dem Gleis 3 für unbestimmte Zeit unterbrochen. Wir bitten um Ihr Verständnis."

Personenunfall, was ist denn da nur passiert, fragte Chris sich und eine unbestimmte Angst stieg in ihm hoch. "Sie sackte plötzlich in sich zusammen und fiel vorne über. Es ging alles so schnell, ich konnte es gar nicht fassen." Die Stimme der Frau neben ihm überschlug sich und Tränen liefen ihr übers Gesicht. "Die Bahn fuhr ein und sie fiel direkt davor, der Lokführer hatte gar keine Chance." Nun versagte ihr die Stimme und die andere Frau nahm sie tröstend in den Arm. Chris war verwirrt, was redete sie denn da? Er wunderte sich, dass es ihm immer übler wurde und so sehr er auch versuchte den Gedanken zu verdrängen, er ließ sich nicht mehr abwehren. In seinem Hirn hämmerte es ununterbrochen: "Sie war es", wie ein Plattensprung, immer wieder: "sie war es, sie war es." Chris setzte sich langsam auf die Bank im Wartehäuschen. Kann es wirklich sein, dass sie es war. Sie war nicht gekommen, sollte sie nur 30 Meter von ihm entfernt vor die S-Bahn gefallen sein? Chris konnte und wollte nicht glauben, was sein Gehirn da zusammenbraute. Die Kraft verließ ihn und er sank immer mehr in sich zusammen. Gefühlte Stunden später, die Menschen hatten längst die Seite des Bahnsteigs verlassen, da der Zugverkehr noch immer unterbrochen war, kam er wieder zu sich. Hatte er nur geträumt, bitte lieber Gott, lass es nicht wahr sein. Chris trank sonst nie Alkohol, da er sich vor dem Totalabsturz schützen wollte, aber heute konnte er nicht anders, als sich zu betäuben. Morgen, morgen ist ein neuer Tag und alles wird wieder gut, so dachte er, als die Träume ihn am Abend übermannten und er mit viel Bier im Blut ganz sanft einschlief.

Lautes Stimmengewirr lies Chris erwachen, er hatte verschlafen, der Bahnsteig war schon überflutet mit dem morgendlichen Meer an Menschen. Hatte er sie nun verpasst, war sie heute da oder ist sie wieder nicht gekommen? Kaum das Chris die Augen aufgeschlagen hatte, schaltete sich sein Gedankenkarussell wieder ein. Er lief zum Papierkorb und schlug die Zeitung auf, welche die Frühaufsteher bereits ausgelesen hatten. Da stand es schwarz auf weiß: "Frau nach Schwächeanfall von S-Bahn überfahren". Das gestrige ungute Gefühl wurde nun langsam zur Gewissheit in ihm, eine unendliche Traurigkeit machte sich in ihm breit. Sollte er sie wirklich verloren haben? Wenn es wirklich wahr wäre, was würde er von nun an tun? Worauf sollte er sich die restlichen Tage seines Lebens freuen? Erst verlor er seine Mutter viel zu früh, er hätte sie noch so sehr gebraucht, und nun auch noch sie. Was macht das Leben für einen Sinn, wenn er immer wieder alles verliert, was ihm irgendwie lieb und teuer ist? Alles zieht nur an ihm vorüber, ähnlich einer Zugdurchfahrt, die Menschen kommen an, verweilen kurz und dann verlassen sie ihn wieder. Das war ein seltsames Spiel, dieses Leben. Er hatte nun die Wahl, sollte er weiterhin am Rande sitzen und zuschauen oder sollte er wieder mitspielen? Er wusste es nicht, er war verunsichert, was machte es für einen Unterschied?

Plötzlich sah er ganz in der Nähe eine blonde zierliche Frau mitten in der Menschenmenge. Er reckte sich und lief so schnell er konnte in ihre Richtung. Als er näher kam, bemerkte er, dass sie es nicht war. Ein kurzer Hoffnungsschimmer verflog so schnell, wie er gekommen war.

Doch was machte ihr Tod für einen Sinn, wenn er weiter hier saß und nichts tat? Er spürte ganz deutlich, dass er es wollte, er wollte leben. Ja, er wollte wieder atmen, wieder gehen, wieder fühlen, wieder dazugehören. Chris überlegte nicht lange, er suchte alte Freunde auf und schon eine Woche später hatte er eine Stelle in einer Kneipe gefunden. Das war natürlich noch kein Durchbruch, aber er konnte davon leben und sein kleines eigenes Zimmer konnte er davon auch bezahlen. Außerdem gehörte er wieder dazu, auch wenn er sich noch nicht wirklich so fühlte, aber er lernte viele neue Menschen kennen und kam mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt. Ab und an jagte er noch blonden zierlichen Frauen hinterher, immer noch in der Hoffnung, sie würde es sein. Doch so langsam ließ der Drang, wie blind loszurennen, wenn er blondes langes Haar sah, nach.

Die Vergangenheit verblasste allmählich, wie das Bild auf einem sehr alten Foto. Die täglichen Eindrücke nahmen ihn so sehr gefangen und in Besitz, dass es schien, als hätte es ein "Davor" nie gegeben, als wäre es nie anders gewesen.

Er atmete, er fühlte sich lebendig und das Beste daran war, er war glücklich bei all dem, was er nun tat.

Nur eines Morgens als sein Weg ihn wegen eines Termins übers Ostkreuz führte, kamen die alten Bilder in ihm wieder hoch. Doch sie erschienen ihm seltsam fremd, er konnte es nicht mehr glauben, dass er es war.

In Gedanken versunken setzte er sich in die gerade eingefahrene Bahn. Er hob den Blick und es verschlug ihm den Atem, blondes langes Haar fiel sanft über ihre schmalen Schultern. Ihre Blicke trafen die seinen und es war als öffnete sich ein ganzes Universum vor ihm.


 

Manuela Schulz
Fisch sucht Fahrrad

 

Sein Name ist Palowski. Zacharias Palowski. Mit einem "Z" wie "zögern", "zaudern", "zweifeln". Er hätte lieber Friedrich als Vornamen gehabt. Mit einem "F" wie "fröhlich", "frech", "forsch".

Palowski steht in der Nähe des Eingangs, innerlich bereit zur Flucht. Den Aufkleber mit der Nummer hat er auf die Brusttasche seines Oberhemds geklebt und hat den Reißverschluss seiner Windjacke zur Hälfe zugezogen. Man sieht die Nummer nicht. Alle haben Getränke in der Hand, Palowski nicht. Er zögert noch, Cola oder Bier. Bier macht mutig und cool. Das klingt verlockend. Er geht zur Bar und bestellt ein Bier. Der Barmann stellt ihm eine Flasche hin. Palowski mag kein Bier aus der Flasche, doch jetzt hat er etwas, an dem er sich festhalten kann.

Eine Gruppe Frauen schnattert vorbei. Jede ein Gesamtkunstwerk, Kleidung, Make-up, Schmuck, starres Lächeln, Wimpern klimpern. Sie verstecken ihre Nummernschildchen nicht. Rot leuchtet die Schrift neben ihren Dekolletees. Geübte Blicke scannen das Material. Palowski liegt unterhalb ihrer Wahrnehmungsschwelle. Sie hasten weiter, die Zukunft zu zweit im Visier.

Die anderen Männer umkreisen die Beute. Hungrige Blicke ziehen bauchfreie T-Shirts noch höher, streifen geschickt Jeans von den Hüften. Welche Frucht ist reif, willig gepflückt zu werden?

Palowski geht zur Pinnwand. Unter seiner Nummer hängt keine Nachricht.

Die nächste Gruppe Frauen zieht an ihm vorbei. Eine schaut er sich besonders lange an. Gesträhnte, blonde Locken kringeln sich den Rücken hinunter, über eine Bluse, deren Ausschnitt die Sicht auf volle Brüste freigibt. Das sind ihm die Liebsten. Sie dürfen nicht so mager sein. Diese Frau ist ziemlich klein geraten, sie trägt glitzernde Sandaletten mit hohen Absätzen. Palowski nähert sich der Gruppe. Die Frauen haben sich um einen Stehtisch an der Bar gestellt und trinken Cocktails. Der Alkohol lässt die Gesichter glühen. Sie gehen abwechselnd tanzen. Das sorgt für noch mehr Hitze.

Der Abend schreitet voran. Palowski steht immer noch am Nebentisch und beobachtet die Frau. Er nennt sie in Gedanken Astrid. So hieß sein erstes Abenteuer. Er malt sich aus, wie der Abend weitergehen wird, was er und Astrid tun werden. Ihm wird warm und in seiner Hose wird es eng. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn.

Astrid schaut auf ihre Armbanduhr und kramt aus ihrer Handtasche eine Garderobenmarke hervor.

Zeit zu gehen. Palowski stellt das unberührte Bier auf einen Tisch.

Draußen verbirgt er sich im Schatten einer Mauer und wartet. Er hat Geduld. Es ist kalt und nass. Er weiß, dass Astrid erst noch an der Garderobe die Schuhe wechseln muss. Das machen fast alle bei diesem Wetter. Da kommt sie, die Handtasche unter die Achsel geklemmt, in der anderen Hand die Plastiktüte mit den Sandaletten. Sie trägt jetzt Turnschuhe, das macht es schwerer, da sind sie schneller. Astrid schaut sich suchend um, kein Taxi in Sicht. Sie schimpft leise vor sich hin und läuft los in Richtung Ostkreuz. Der Regen wird stärker, Astrid spannt einen Schirm auf. Das ist günstig, der versperrt ihr die Sicht. Die vorbeifahrenden Autos übertönen seine Schritte, die auf dem nassen Bürgersteig kaum zu hören sind. Sie überquert die Stralauer Allee und nimmt den Weg quer durch die kleinen, menschenleeren Straßen zum Bahnhof Ostkreuz – besser kann es nicht laufen. Palowski tastet in seiner Jackentasche. Ja, die Flasche ist immer noch da, wo er sie vorhin hineingesteckt hat, zusammen mit der Stoffwindel. Astrid schaut auf die Uhr und verlangsamt ihren Schritt. Ihre S-Bahn kommt noch nicht so bald. Sie nähern sich einem Supermarkt mit Parkplatz, der perfekte Ort. Palowski versichert sich, dass die Kordel griffbereit in der anderen Jackentasche ist, und lässt sich ein Stück zurückfallen. Seine Hände zittern, als er die Flasche und die Stoffwindel aus der Tasche zieht. Das Chloroform sticht in der Nase. Er steckt alles zurück in die Tasche und beschleunigt seinen Schritt. Er hält die Windel fest umklammert. Dann hat er Astrid eingeholt, er läuft direkt hinter ihr. Er zieht die Windel aus der Tasche. Er fängt an zu keuchen, das Spiel beginnt. Astrid spürt, dass jemand hinter ihr ist und dreht sich um. Palowski drückt ihr die Windel auf Mund und Nase. Sie versucht sich zu wehren, doch er ist stärker und größer. Aus ihren aufgerissenen Augen schwindet das Bewusstsein. Palowski fängt sie auf und zieht sie auf den Parkplatz, tiefer in die Dunkelheit.


 

Michael Guske
Der Tod fährt schwarz

 

Ich zähle schon gar nicht mehr, wie oft ich mich an den Schreibtisch gesetzt habe, um niederzuschreiben, was vor einiger Zeit geschehen ist. Doch jedes Mal, wenn ich damit anfangen wollte, wenn ich an diesen Tag, an diese langen Minuten gedacht habe, wurde mir das Irreale, ja, das Gespenstische des Geschehens bewusst und immer stärker wurde in mir das Verlangen zu glauben, es habe überhaupt nicht stattgefunden. Doch tief in mir steckt die Gewissheit, dass alles wahr ist, jedes Wort. Nur weil der Verstand sich weigert, Dinge, die außerhalb unserer Wahrnehmung existieren, zu akzeptieren, bedeutet es noch lange nicht, dass es sie nicht gibt.

 

Es war sehr warm an diesem Tag. Der Sommer, der dann doch nicht mehr kommen sollte, hatte noch gar nicht angefangen, aber die Hitze machte die Luft schon schwer und stickig. Mir macht das nichts aus. Ich liebe die Wärme, auch in der Stadt. Der Samt des Abends entschädigt für die Glut des Tages. Es ist kurz vor 18.00 Uhr. In wenigen Minuten wird meine Schicht beendet sein. Nur noch diese eine Station, von Treptow bis zum Ostkreuz, dann werde ich nach Hause fahren, mir ein Buch nehmen und mich noch bis zum Einbruch der Dunkelheit zum Lesen in den Park setzen. Soweit der Plan.

 

Ich fahre jeden Tag mit der S-Bahn, beruflich, acht lange Stunden. Ich bin Fahrkartenkontrolleur. Schon seit über zwanzig Jahren. Nach spätestens 5 Semestern sollte es wieder zu Ende sein und bis dahin sowieso nur nebenbei laufen, um das Studium zu finanzieren. Doch es ließ mich nicht mehr los. Nach drei Semestern war Schluss – mit der Studiererei. Die letzten Wochen davor habe ich mich schon nicht mehr im Hörsaal blicken lassen. Denn ich verdiente Geld. Zu dieser Zeit wurde man noch nach Leistung bezahlt. Wer viele Schwarzfahrer erwischte, bekam auch viel Geld. Und ich war gut. Schon nach wenigen Wochen war ich in der Lage, die Fahrgäste mit von denen ohne Fahrschein zu unterscheiden, auf den ersten Blick. Ich stieg in den Waggon ein, sah mich kurz um und hatte sofort ein potenzielles Opfer ausgemacht. Ich ging darauf zu, zeigte meinen Ausweis und erkannte an der erschreckten Reaktion, dass ich mit meiner Einschätzung wieder richtig gelegen hatte. Wenn der Fahrgast, der bis zu diesem Moment ja eher ein uneingeladener Gast war, das fällige Bußgeld gleich bar bezahlte, hatte ich gute Chancen, bis zur nächsten Station noch einen zweiten und vielleicht sogar noch einen dritten Fahrgeldpreller zu erwischen. Wenn ich am Ende der Schicht das eingenommene Bargeld und die Einzahlungsformulare abrechnete, betrug meine Provision ein Mehrfaches dessen, was meine Mitstudenten als Aushilfskellner und Fahrradkuriere verdienten. Ich wurde ein Jäger. Meine Waffen waren ein kleiner Ausweis und ein Quittungsblock. Ich betrat die Bahn wie ein Revolverheld den Saloon, sagte die Zauberformel auf: "Die Fahrausweise zur Kontrolle, bitte", und genoss es, das Zusammenzucken der Menschen und das fahrige Suchen in Rucksack oder Handtasche nach dem Fahrschein zu sehen. Ich registrierte jede Bewegung, das Senken des Blickes, das plötzliche In-den-Schlaf-fallen, das verstohlene Schieben eines Körpers in Richtung der hintersten Tür, um am nächsten Bahnhof sofort hinausschlüpfen zu können.

Im Laufe all der Jahre habe ich viele Ausreden gehört, warum man keinen Fahrschein vorweisen konnte. "Verloren", "Automat kaputt", "Kein Kleingeld", "Meine Freundin ist letzte Station ausgestiegen – zusammen mit meiner Fahrkarte" und ... und ... und. Der angeblich noch nicht sechsjährige Sohn liest ein dickes Harry-Potter-Buch, der vorgebliche Schwerbeschädigte trägt Malerkleidung mit deutlichen Gebrauchsspuren. Auch der Trick mit der Fahrkarte, die man vergessen hat zu entwerten, hilft nicht, wenn dieses Ticket seit der letzten Fahrpreiserhöhung schon lange nicht mehr gültig ist. Ein junges Mädchen bot mir sogar an, ich könnte sie mal anfassen, wenn ich ihr das Bußgeld erlasse. Nach kurzem Nachdenken entschied ich mich dagegen. Es nutzt alles nicht. Ich bin der Jäger und bringe das Wild zur Strecke.

 

Doch sollte die Ausrede zwar als solche erkennbar, aber neu und originell sein, lasse ich die Opfer auch mal laufen. Eine Frau mit unübersehbaren Gewichtsproblemen erklärte mir, sie sei hochschwanger und fahre zur Entbindung ins Krankenhaus. Zur Bekräftigung hielt sie sich den Bauch, verzog das Gesicht und stöhnte, als wenn Wehen ihren Körper durchliefen. Ein alter Mann hielt mir heftig gestikulierend einen Vortrag in einer Sprache, die ich noch nie vernommen habe. Touristen ohne Fahrschein werden bei Kontrollen oft begnadigt. Beim Aussteigen stieß er mit einer älteren Dame zusammen und entschuldigte sich höflich — in akzentfreiem Deutsch.

Doch an diesem Tag sollte ich einen neuen Trick kennenlernen. Dass es kein Trick war, wurde mir erst später klar.

 

Das Geräusch der einfahrenden S-Bahn riss mich aus meinen Gedanken an den nahenden Feierabend. Ich warf mir den Rucksack mit der Wasserflasche und dem Quittungsautomaten über die Schulter, nickte meiner Kollegin noch kurz zu und stellte mich mit den anderen Fahrgästen vor die nächste Tür, die sich mit leisem Zischen öffnete. Ich wartete geduldig, bis alle eingestiegen sind, und hörte kurz darauf das Schließen der Tür in meinem Rücken.

Nach wenigen Augenblicken drang brüchiger Gesang an meine Ohren:

"So so you think you can tell / heaven from hell blue skies from pain…"

Pink Floyd, die ersten Zeilen von "Wish you were here".

Wir kannten den Jungen. Er fuhr den ganzen Tag mit der Ringbahn im Kreis, spielte auf der Gitarre mehr recht als schlecht den immergleichen Floyd-Song und verdiente sich damit ein paar Euro. Wir wussten natürlich, dass er schwarz fuhr, aber wir ließen ihn gewähren.

Im selben Moment fuhr die Bahn an. Die Fahrzeit bis zum Ostkreuz beträgt weniger als eine Minute, nicht viel Zeit für eine gründliche Kontrolle, doch einen Fang wollte ich heute noch machen. Meine Kollegin kündigte mit lauter Stimme die Fahrkartenkontrolle an, während ich mit schnellem Blick die Fahrgäste musterte. Sie wirkten meist müde, von der Arbeit, von der Hitze, von der Stadt. Sie wollten nur noch nach Hause.

Mir fiel ein junges Mädchen ins Auge. Sie hatte einen leuchtend roten Rucksack mit einem fröhlichen Smileysticker darauf auf ihrem Schoß. Doch das lachende Gesicht auf dem Rucksack wollte überhaupt nicht zu ihrem traurigen Blick aus ihren verweinten Augen passen. Da sah ich aber auch schon den Fahrschein in ihrer Hand und wandte meinen Blick von ihr ab.

Als ich mich in Bewegung setzte und den Gang zwischen den Sitzreihen betrat, fiel mir im hinteren Teil des Wagens ein schwarz gekleideter Mann auf. Im Gegensatz zu seinen Mitfahrern, die leicht genervt in ihre Taschen griffen und ihre Tickets rauszogen, reagierte er überhaupt nicht. "Das ist er", dachte ich, "mein letzter Schwarzfahrer für heute." Ich warf nur schnelle Blicke nach rechts und links, ohne Monatsmarken und Zeitstempel genauer in Augenschein zu nehmen. Unter meinen Füßen spürte ich ein leichtes Vibrieren. Die Bahn überquerte gerade die Elsenbrücke und würde in wenigen Augenblicken den Bahnhof Ostkreuz erreichen.

"Did they get you to trade your heroes for ghosts hot ashes for trees hot air full of cool breeze."

Der Junge sang unverdrossen weiter. Er wusste, dass er nichts von uns zu befürchten hatte.

Zielstrebig ging ich auf den Mann zu. Er sah nicht wie ein typischer Schwarzfahrer, wenn es das überhaupt gibt, aus. Er war sogar elegant gekleidet. Ein breitkrempiger Hut verdeckte sein Gesicht. Trotz der Hitze trug er einen langen Ledermantel, darunter ein seidig schimmerndes Hemd und eine elegante Hose, alles in Schwarz.

"Die Fahrkarte, bitte." Ich hielt meinen Ausweis hoch. Langsam hob er den Kopf und schaute mich an. Kein Erschrecken, kein verlegenes Lächeln, keine Reaktion. Zwei graue Augen in einem glatten alterslosen Gesicht, ein feiner Schnurrbart über der Oberlippe.

"Wie bitte?" Seine Stimme war leise und ruhig.

"Ihre Fahrkarte, bitte!" Ich wedelte mit meinem Ausweis vor seinen Augen herum.

"Ich habe keine Fahrkarte." Seine Stimme klang etwas erstaunt, so, als wäre ein Ticket das Letzte, was er in einer S-Bahn bei sich hätte.

Ich triumphierte innerlich. Wieder habe ich es vorher gewusst. Mein letzter Schwarzfahrer für heute.

"Dann steigen Sie bitte mit mir an der nächsten Station aus!" Meine Stimme konnte die Freude über diesen kleinen letzten Erfolg kaum verbergen.

"Welche Station ist das?" "Ostkreuz", entgegnete ich auf seine Frage.

"Oh, das trifft sich gut. Ich habe in Ostkreuz einen Termin." Seine Stimme war immer noch ruhig und entspannt.

'Na, der hat aber ein dickes Fell', dachte ich. 'Die 40 Euro machen ihm wohl überhaupt nichts aus.' Gut, mir sollte es recht sein. Schnell abkassieren, die Quittung ausdrucken, alles abrechnen und dann ist endlich Schluss für heute.

In diesem Moment fuhren wir in den Bahnhof ein. Die Türen öffneten sich und ich bedeutete dem Mann, vor mir auszusteigen. Ich blieb dicht hinter ihm, damit ich ihn notfalls festhalten konnte, falls er versuchen würde, plötzlich wegzurennen. Zusammen mit dem Musiker, der ein paar Münzen in die Tasche steckte, und dem traurigen Mädchen stiegen wir aus.

Meine Kollegin kam allein aus der nächsten Tür, rief mir zu, dass sie jetzt Feierabend machen wird, winkte mir einen kurzen Gruß zu und verschwand in der Menge.

Ich schob den Mann etwas abseits des Trubels in den Schatten.

"Das macht dann 40 €."

"Ich habe kein Geld." Der Mann schaute sich auf dem Ringbahnsteig um, als wolle er sich orientieren.

Ich war enttäuscht. Das verzögert alles ein wenig. "Dann benötige ich Ihren Personalausweis oder Ihren Führerschein."

"Ich habe keinen Personalausweis und auch keinen Führerschein."

Immer noch schaute er sich, während er die Worte emotionslos aussprach, auf dem Bahnsteig um. In diesem Moment blieb sein Blick am Treppenabgang zum Bahnsteig der Stadtbahn nach Erkner haften. Er schien gefunden zu haben, wonach er suchte, denn seine Augen wandten sich mir zu. "Hören Sie bitte", sagte er, "ich habe weder eine Fahrkarte, noch Geld, ich habe keinen Ausweis und auch keinen Führerschein. In wenigen Minuten", sein Blick schweifte kurz zur Bahnhofsuhr, "habe ich hier etwas zu erledigen. Halten Sie mich bitte nicht auf." Seine Stimme blieb leise, wurde aber schärfer.

"So geht das nicht. Wenn Sie sich nicht ausweisen können, muss ich die Bundespolizei rufen, um Ihre Personalien feststellen zu lassen." Ich wurde ärgerlich. Der Feierabend drohte, in weite Ferne zu rücken. In einem ersten Impuls wollte ich ihn laufen lassen, verbunden mit einer mündlichen Verwarnung. Aber ich gab nicht nach. "Sie haben die Bahn ohne Fahrschein benutzt. Dafür ist ein Bußgeld in Höhe von 40 € fällig. Also geben Sie mir bitte etwas, womit Sie Ihre Identität beweisen können!"

"Meine Identität?" Der Mann zog das Wort förmlich durch seine Zähne, als könne er es nicht fassen. "Junger Mann, Sie wollen meine Identität", wieder betonte er jeden Buchstaben, "nicht wissen. Noch nicht." Die letzte Bemerkung wurde von einem drohenden Unterton getragen, der in mir ein ungutes Gefühl erzeugte. Trotz der Wärme zog ich meine Schultern zusammen. Irgendwas an diesem Mann war eigenartig, etwas war anders. Aber ich hatte jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken.

"So nicht, Freundchen", versuchte ich die Initiative wieder zu übernehmen. "Wenn Sie mir nicht sofort Ihre Daten geben, können Sie Ihren Termin vergessen. Dann kümmert sich die Polizei um Sie."

Jetzt veränderte sich sein bisher bewegungsloses Gesicht. Es zeigte plötzlich ein leichtes Lächeln, welches aber nicht die Augen erreichte. Es war kein schönes Lächeln.

"Termine pflege ich immer einzuhalten. Ich bin immer pünktlich zu meinen Verabredungen. Allerdings bin ich für euch meistens immer zu früh." Sein Lächeln wurde hämisch und selbstgefällig, als wäre er sehr stolz auf sich.

Ich wurde etwas unruhig. Was soll ich jetzt machen? Normalerweise würde ich auf dem Handy eine eingespeicherte Nummer wählen und wenig später käme die Polizei, die sich um alles Weitere kümmern würde. Aber irgendwas stimmte mit dem Burschen nicht. Er stand seelenruhig im Halbschatten und schaute mich an. Trotz seiner der Hitze unangemessenen Kleidung zeigte sich auf seinem Gesicht kein einziger Schweißtropfen, während ich sehnsüchtig an die Wasserflasche in meinen Rucksack dachte. Er schien so davon überzeugt zu sein, schadlos aus der Situation herauszukommen, dass er sich nicht mal die Mühe machte, mir irgendeine Geschichte zu erzählen. Seine rätselhaften Reden lösten ein zunehmendes Unbehagen bei mir aus. Irgendwas stimmte mit dem Mann nicht.

"Wer sind Sie?", fragte ich laut. Eine ältere Frau, die, wenige Meter von uns entfernt auf ihre Bahn wartete, schaute erschrocken zu uns hinüber.

"Willst du das wirklich wissen?" Ich nickte, ohne dagegen zu protestieren, dass er plötzlich die Anrede gewechselt hat. "Ich bin der Tod!"

Es war diese eisige Ruhe, mit der er sprach, die mich daran hinderte, lauthals loszulachen.

"Wie bitte?"

"Du wolltest es wissen, jetzt weißt du es."

Langsam gewann ich meine Fassung wieder. "Was soll das? Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Das ist doch absoluter Unsinn!"

"Ach ja?" Seine grauen Augen starrten mich jetzt unverwandt an. Seine Stimme war immer noch ruhig, aber man spürte den Zorn, der sie leicht vibrieren ließ. "Was soll daran Unsinn sein? Nur weil du noch jung bist, weil du jeden Morgen die Augen auf machst, weil du dich immer wieder neu verliebst, denkst du, das geht ewig so? Nein, mein Freund, das Einzige, was ewig ist auf dieser und auf jeder anderen Welt, bin ich!"

So unwirklich mir die ganze Situation erschien, versuchte ich doch, sachlich zu bleiben. "Natürlich ist das Unsinn. Überall auf der Welt sterben in diesem Augenblick Menschen. Warum sollte der Tod gerade hier sein, auf diesem Bahnsteig? Das ist doch unlogisch!"

"So, so. Unlogisch." Er fasste sich mit beiden Händen, lang und wohlgepflegt, an die Aufschläge seines langen Mantels. "Dein Verständnis von Logik spielt keine Rolle. Wer sagt dir, dass ich nur hier bin? In diesem Moment bin ich gleichzeitig bei einer alten Frau in einem Schweizer Hospiz. Ich bin gerade bei einem Kind in Somalia, bei einem Junkie in Kolumbien, in einem chinesischen Kohleschacht, in einer amerikanischen Todeszelle. Ich bin in diesem Moment auf einer Entbindungsstation in Südvietnam, denn manchmal bin ich sogar schneller als das Leben. Ich bin überall auf dieser Welt, denn ich habe viel zu tun."

'Der Mann ist vollkommen irre', dachte ich. 'Jetzt noch den Rückzug vorbereiten und dann nichts wie weg.' Ein letzter Versuch noch. "Sie sehen aus wie jeder andere Mensch. Sie reden, laufen, atmen…" Ich brach ab, denn schlagartig wurde mir klar, was anders war an diesem eleganten, schwarzgekleideten Mann unbestimmten Alters, der selbst in dieser Hitze einen langen Mantel und einen Hut mit breiter Krempe trug. Er atmete nicht! Deswegen klang seine Stimme so ruhig und gleichförmig. Er hat die ganze Zeit keinen einzigen Atemzug getan. Ich bekam Angst.

Er bemerkte sofort, dass ich mich verändert hatte. Er kam näher, damit ich sein Gesicht, welches teilweise vom Schatten der Hutkrempe bedeckt war, ganz sehen konnte. "Was denkst du, wie sieht der Tod denn aus? Oh ja, ich kenne Eure Bilder. Eure Figuren. In den Galerien, auf Marktplätzen und Friedhöfen, in Kirchen und Kathedralen. Ihr habt den Tod in Stein gehauen und auf die Leinwand gezeichnet, mit Stundenglas und Sense, mit schwarzem Umhang und Totenschädel unter der Kapuze. Ihr wolltet eurer Angst Herr werden, aber es nützt euch nichts. Am Ende stehe immer ich."

Mit diesen Worten war er ganz dicht an mich heran getreten und zwang mich mit seinem Blick, ihn anzustarren. Plötzlich ging eine Veränderung in seinem Gesicht vor. Der dünne Oberlippenbart und seine Augenbrauen verschwanden. Seine Nase schrumpfte zusammen und verschwand schließlich im Schädel, die Lippen wichen zurück, zogen sich unter die Haut zurück und gaben seine Zähne frei. Die grauen Pupillen in den Augen wurden milchig, die Augenlider wurden in die Höhlen gezogen. Schließlich waren die Augäpfel wie zwei durchsichtige Glaskugeln, bevor sie sich auflösten. Als Letztes verwandelte sich die Gesichtshaut in dürres Pergament, dann ging sie in einer feinen Staubwolke auf. Schließlich blickte mich ein grinsender Totenschädel an, bedeckt von einem breitkrempigen Hut.

Ich war völlig unfähig zu schreien, zu denken, wegzulaufen. Ich starrte unverwandt auf die leeren Höhlen, wo eben noch die Augen gewesen waren, auf die hohlen Wangenknochen, wo eben noch Haut war, auf diesen fürchterlichen Kiefer, wo eben noch ein Mund war, der mit mir sprach. Ich war völlig erstarrt.

Dann hob der Mann eine Hand, zog sich den Hut tiefer, drehte sich um und verschwand in Richtung der Treppe, die er vorhin fixiert hat. Ich konnte ihm nur mit starrem Blick folgen, denn ich war unfähig, auch nur die kleinste Bewegung zu tun. Sein Gesicht muss sich wieder zurück verwandelt haben, denn die Menschen an seiner Seite nahmen keine Notiz von ihm. Am Beginn der Treppe schwenkte er seinen Hut in meine Richtung, aber das kann ich mir auch eingebildet haben. Schließlich verschwand er im Gedränge.

Es hat einige Minuten gedauert, bis ich wieder einigermaßen zu mir kam. Meine Gedanken rasten im Kopf umher. Ich bemühte mich, zu fassen, was eben passiert ist, aber es ging nicht. War das wirklich wahr? Ich wusste es nicht. In diesem Moment ging mir seine Stimme durch den Kopf. "Ich habe in Ostkreuz einen Termin." Da wurde mir klar, welcher Art sein Termin war. Ich riss mich aus meiner Erstarrung los und rannte auf die Treppe zu, auf der er vorhin verschwunden war. Von oben sah ich die S-Bahn nach Erkner in den Bahnhof einfahren. Ich rannte, so schnell ich konnte, stolperte, hielt mich fest, rappelte mich auf, lief weiter und kam auf dem Bahnsteig an. Da hörte ich einen grässlichen Schrei, dem mehrere folgten. Der Zug kam nach einer Vollbremsung in der Mitte des Bahnsteiges zum Stehen. Menschen liefen aufgeregt hin und her, die an der Bahnsteigkante standen, wandten sich mit Entsetzen in den Augen ab und liefen weg. Der Fahrer stieg aus seiner Kabine, blass und schwankend. Ein Blick auf die Vorderfront der Bahn machte mir klar, was eben passiert ist. Ich war zu spät gekommen, doch hätte ich es überhaupt verhindern können? Ich spürte, wie jemand ganz dicht an mir vorbei lief. Er legte mir kurz die Hand auf die Schulter. "Auf Wiedersehen, mein Freund." Ich drehte mich nicht nach ihm um.

 

Ganz hinten am Bahnsteig sah ich einen leuchtend roten Rucksack mit einem fröhlichen Smiley darauf. Das Mädchen war nicht mehr da.

schreibwettbewerb-logo

 

Liebe Freundinnen und Freunde des Ostkreuz- Literaturwettbewerbs,

Welches Thema hat der 11. Schreibwettbewerb, und wann beginnt er endlich?“

wird im „RuDi“ immer wieder nachgefragt.

Heute ist es nun soweit, wir lüften das Geheimnis im Anhang. Dort befindet sich der Aufruf zum neuen Ostkreuz-Literaturwettbewerb.
Drei Monate haben Sie, liebe Schreiberinnen und Schreiber nun Zeit, Ihren Gedanken eine literarische Form zu geben.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und freuen uns auf Ihre Beiträge.

Die Preisverleihung und Buchpremiere findet am 15. November 2013 statt.

 

Mit besten Grüßen
Ihr RuDi-Team

 

pdf-download Aufruf zum Schreibwettbewerb 2013

Buch 2012 kl

Zehn Jahre Bauen und Schreiben am Ostkreuz

 

Als das Rudi, das damals, 2002, noch in einer ehemaligen Fleischerei – oder war es ein Gemüseladen? – am Rudolfplatz residierte und sich schlicht Kiezladen nannte, zum Schreibwettbewerb aufrief, konnte sich kaum jemand vorstellen, dass aus einem kleinen Projekt einer winzigen Arbeitsgruppe mit dem ambitionsgeladenen Namen "Bürgerbeteiligung" eine über die Jahre traditionsstiftende Institution und einer der alljährlichen Fixpunkte im Leben und Treiben des Rudi-Kiezkulturhauses entstehen würde.

Die Viertel südlich der Stadtbahn, auf der Friedrichshainer  bzw. Lichtenberger Seite der Ringbahn, als strukturschwach eingestuft, gehörten Anfang des Jahrhunderts zu einem EU-amtlichen Fördergebiet und genossen deren Fürsorge. Da der Bahnhof Ostkreuz auf der Grenzlinie lag, wurde er titel- und motivgebend für die Schreibwettbewerbe. Darüber hinaus hatte sich das Ostkreuz damals vehement ins Gespräch gebracht, weil aus dem Um- oder Neubau des Bahnhofs, von dem in den Jahren davor immer nur gemunkelt wurde, jetzt Ernst zu werden schien. Es kursierten die ersten computergenerierten Architektenträume vom neuen Ostkreuz. Für die einen war es reine Zukunftsmusik, andere fanden ihn aufgeräumt und sauber, aber hässlich und entdeckten nun, da der Abriss drohte, ihr Herz für den rostig-herben Charme des alten Bahnhofs. Dieser Widerstreit der Bilanzen zwischen Gewinn und Verlust hält bis heute an.

Die Organisatoren des ersten Schreibwettbewerbs hatten noch keinerlei Erfahrungen in diesem Metier, dieser Mangel musste mit viel Begeisterung für die Sache und doppeltem Eifer in den Kleinigkeiten kompensiert werden. Ein Glücksfall war, dass für den Vorsitz der Jury der Grafiker und Schriftsteller Manfred Bofinger gewonnen werden konnte. Sein untrügliches Gespür für gute Texte und seine emphatische, zuweilen präzeptorhafte Art, es an uns weiterzugeben, war prägend für das Konzept und die Struktur des Wettbewerbs. Aus ihm wurde mit der Zeit ein Art "Stil des Hauses", und der sollte sich dann als so robust erweisen, dass er den Schreibwettbewerb über all die Jahre – kleinere zeitgenössische Modifikationen inklusive – weitergetragen hat.

Bofinger zeichnete uns auch das Logo für den Wettbewerb, das seitdem jede Anthologie schmückt. Dank seiner fassten wir den Mut, im folgenden Jahr auch ohne ihn einen weiteren Wettbewerb auszurufen. Mit Ostkreuz 2020 sollte es diesmal um Zukunftsvisionen, Utopie oder Dystopien, gehen.

Die Titel der einzelnen Wettbewerbe, die zugleich einen Themen- und Motivrahmen für die Beiträge setzen, wurden in intensivem Brainstorming und langen Debatten mit noch längeren Denkpausen dazwischen gefunden. Da gab es das Thema, zu denen jedem Schreiber und jeder Schreiberin sofort etwas eingefallen wäre, andere erwiesen sich als schwieriger.

Obwohl sich dann niemand darüber wunderte, konnte man es als schönes, optimistisches Zeichen deuten und erwähnen, dass der Wettbewerb unter dem Titel Liebe am Ostkreuz (2005) der mit der größten Resonanz war. Zur Liebe am Ostkreuz hatten siebenunddreißig Autorinnen und Autoren etwas zu sagen.

Wenn es nicht ein wenig ungerecht gegen alle Übrigen wäre, bekennte ich hier: Meine Lieblings-Anthologie – die mit den frappierenden Texten darin – sind Warten am Ostkreuz (2006), Ostkreuz im Nebel (2007) und Das Ostkreuzspiel (2008).

Wer den kleinen Stapel der Ostkreuz-Anthologien einmal durchgeht, wird leicht feststellen, dass darin Texte recht unterschiedlicher literarischer Qualität versammelt sind. Die Frage, ob es dem Bild des Wettbewerbs nicht zuträglicher wäre, wenn in den Büchern nur die besten Texte erschienen, kam in den letzten Jahren immer wieder auf, wurde diskutiert und dann letztlich doch verneint. Dies ist ein Wettbewerb der Amateure, hier treffen sich Leute, die es einfach lieben etwas aufschreiben und Freude daran haben, sich Geschichten ausdenken. Ich hätte nichts dagegen, unter den eingehenden Texten ein literarisches Genie zu entdecken oder die Erstveröffentlichung des Nobelpreisträgers von 2055 entgegenzunehmen, aber das ist nicht das Ziel dieser Wettbewerbe. Schreiben ist ein Vergnügen und zugleich ein hartes, einsames Geschäft. Und jeder, der dieses Mühsal auf sich nimmt, einen Text produziert und den Mut hat, ihn einem fremden Leser auszusetzen, verdient unser aller Respekt. Und so bleibt es dabei: die Anthologien versammeln alle eingegangenen Texte.

So ein Jubiläum ist auch eine Gelegenheit, einmal ausdrücklich das zu sagen, was im Alltagsgeschäft so leicht untergeht: Danke!

Ein Dank dem Veranstalter, das Rudi-Nachbarschaftszentrum, dem noch jedes Jahr mitunter schwierige Finanzierung dieses Projekts gelang und ohne dessen Infrastruktur und Hardware, dessen netzwerkliche Verbindungen und Erfahrungen in praktischere Problemlösung das Ostkreuz-Projekt nicht zu dem hätte werden können, was es ist, zumal wenn gelegentlich die Termine eng und die Schwierigkeiten groß wurden.

Den Fachfrauen und –männern  in der Jury, die den Wettbewerb mit ihrem Kenntnisreichtum ehrten und sich die Wahl niemals leicht machten.

Den Meister der schwarzen Kunst, die – gemessen an unseren ausgefallenen Extrawünschen und der mitunter unfachgerechten Konfusion, mit der wir sie vorbrachten – erstaunlich selten die Fassung verloren.

Und nicht zu letzt sie, die Autorinnen und Autoren, ohne die das alles Nichts wäre. Unter ihnen gibt es einige, die immer wieder dabei sind, sogar von Anfang an, und schon zur virtuellen Ostkreuz-Familie gehören. Danke.

Die vorliegende, zehnte Anthologie nun ist den Ostkreuz-Verschwörungen gewidmet, und es war erstaunlich zu lesen, welch unterschiedliche Begriffe man von diesem Wort haben kann: stille Zweierverschwörungen auf dem nächtlichen Bahnhof, die massenhafte Verschwörung einer Nagerspezies, die ihr angestammtes Biotop mit ausgeklügelten Terroraktionen verteidigt, die Ostkreuz-Akademiker, der wohl sämtliche einschlägigen Verschwörungstheorien verinnerlicht hat und sie in einem nicht enden wollenden Redeschwall über einen arglosen S-Bahn-Reisenden ergießt oder der kabbalistische Buchstaben- und Primzahlenversteher, der sich mit seinen Rechenkünsten in eine tragisch endende Paranoia stützt… . Viel Stoff für eine verschworene Ostkreuz-Schreiber-Leser-Gemeinschaft!

 

Rainer Fischer Berlin, im September 2012

 

Kerstin Janke
Von Menschen und Ratten

 

Noch atmete der junge Morgen ruhig. Langsam, gemächlich und unbeschwert. Die Luft war angenehm kühl, obwohl die ersten Sonnenstrahlen bereits mutig über den Horizont kletterten.

Mit gedämpftem Ehrgeiz trat Uwe seinen Frühdienst auf der Baustelle am Ostkreuz an. Allzu chaotisch waren die letzten Wochen verlaufen. Unzählige kleine und große Zwischenfälle brachten den Verkehr und die Bautätigkeiten am Ostkreuz immer wieder beinahe zum Erliegen. Ständig hetzte Uwe, als Baustellenleiter verantwortlich für das reibungslose Zusammenspiel aller Beteiligten, von einem Stromausfall zum nächsten abgerissenen Kabel, um den Fehler zu suchen und die Reparatur zu veranlassen.

Es war wie verhext. Es schien, als wolle einfach nichts recht klappen. Dabei hatten er und seine Kollegen die Stromkreise, Schaltkästen, alle Leitungen, alle Dichtungen und auch jedes noch so kleine Detail hundertfach geprüft, getauscht, repariert. Und das alles kurz bevor diese wichtige Bauzwischenabnahme anstand. Unmissverständlich hatte sein Chef ihm klar gemacht, was passieren würde, wenn sich der Fertigstellungstermin des Bahnhofes wegen dieser, wie er es nannte, "kleinen technischen Unwägbarkeiten" erneut verschieben würde. Längst standen nicht mehr nur die Jobs des ganzen Teams auf dem Spiel, sondern die Existenz des Bahnhofs Ostkreuz. Inzwischen waren die Kosten für den Umbau derart explodiert, dass der Vorstand der Deutschen Bahn bereits die Aufgabe des gesamten Projektes diskutierte. Die "Unwägbarkeiten zeigten sich zunehmend unkalkulierbar" hieß es. Von Umgehungsstrecken war die Rede und verstärkter Umlagerung des Verkehrs auf Busse und Straßenbahnen. So wütend hatte Uwe seinen Chef noch nie erlebt. Richtig geschrien und getobt hatte er. Vor dem versammelten Team. Peinlich war das.

So atmete Uwe einmal tief durch, setzte dem genervten Privatmann eine professionell emotionslose Miene auf und schloss seinen kleinen Kontrollraum auf. Drinnen erwartete ihn ein Stapel Notizen, voll gekritzelt mit all den Vor-, Zwischen- und Ausfällen, die der Nachtdienst unerfüllt hatte zurücklassen müssen. Wie jeden Tag würde er es mit gerissenen Stromleitungen, unerklärlichen Kurzschlüssen, mysteriösen Fehlschaltungen, fehlenden Sicherungen und allerlei anderem lästigen Krimskrams zu tun haben. Und nicht zu vergessen der administrative Aufwand, der sich daraus ergab: Jede Schadstelle musste nicht nur behoben, sondern fotografiert, protokolliert und beurteilt werden.

Eben als Uwe seinen Administrations-Koffer mit den notwendigen Utensilien bestückte, klopfte es. Ah, prima, der Kammerjäger war pünktlich. Er würde heute vor allem die zahllosen gerissenen und zerfransten Kabel besichtigen. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass diese das Werk vorwitziger Mäuse oder Ratten sei, würde er eine Strategie erarbeiten, wie dem Getier effektiv beizukommen sei. Nun denn, frisch ans Werk.

Während Uwe mit dem Kammerjäger umherzog, rumpelten die ersten S-Bahnen durch den von jahrelangen Bauarbeiten schwer gezeichneten Bahnhof. Neuerdings erhob sich zwar immerhin schon die neue Bahnhofshalle selbstbewusst und formschön in den Himmel, aber dennoch, der Bahnhof ächzte spürbar unter der täglichen Doppelbelastung aus Verkehr und Baustelle.

'Wenn das doch nur endlich ein Ende hätte', dachte auch Uwe, als er gemeinsam mit dem Kammerjäger immer neue lose Kabelenden entdeckte. Längst hatte der Fachmann sein Urteil gefällt. Hier waren in der Tat Ratten und Mäuse am Werk.

Ob es hier vorher nie Probleme mit dem Nagetier gegeben habe, wollte der Kammerjäger wissen. Bei der Menge an Schäden müssten die Biester hier recht zahlreich hausen. Längst hätte dies auffallen müssen. Nein, Uwe konnte sich an derlei Zwischenfälle in früheren Jahren nicht erinnern. Im Augenwinkel nahm er einen Schatten wahr, der geschmeidig durchs Gleisbett huschte und zwischen allerlei aufgeschüttetem Müll verschwand.

"Kein Problem", bescheinigte indes der Kammerjäger, ein wenig Gift hier und ein bisschen mehr Gift da und man habe das Problem schnell im Griff. Diese Aussicht stimmte Uwe zufrieden, schließlich warteten genug andere Probleme auf ihn.

Doch die Tage verstrichen, ohne dass sich auch nur ein Getier in eine der sorgfältig geplant und ausgelegten Nagetierfallen verirrte. Nicht einmal ein Zufallstreffer, ja nicht einmal eine beim Versuch eine Ratte zu fangen zwar gescheiterte aber wenigstens zugeschnappte Falle. Nichts. Indes die Anzahl der Bissschäden hatte weiter zugenommen. Als Uwe deshalb erneut mit dem Kammerjäger seine Runde drehte, klingelte sein Mobiltelefon. Bereits dieses Läuten schien ihm nervöser, gar aufdringlicher zu sein, als sonst. Mit einem unguten Gefühl meldete er sich. Und in der Tat: Bernhard, als Polier zuständig für den scherzhaft Südkurve genannten Teil der Baustelle, konnte seine Verzweiflung kaum im Zaum halten, als er die schlechte Nachricht überbrachte. Alle Sicherungskästen auf dem Südgelände seien derart zerfleddert, dass alles — und hier musste er regelrecht nach Luft schnappen, um überhaupt weiterreden zu können — neu gemacht werden musste.

"Shit", entfuhr es Uwe. "Ich bin gleich da."

Er zerrte den Kammerjäger mit sich und ließ sich nur wenige Minuten später von dem Polier über das Ausmaß der Schäden informieren. Regelrecht zerfetzte Stromkästen, die üblichen scheinbar zerbissenen Zuleitungen, auf weiten Strecken abgerissene Isolierungen und haufenweise verteilter Müll. Uwe brachte kein Wort heraus. Der Kammerjäger schüttelte den Kopf. Minuten vergingen, ehe er der erste war, der seine Sprache wiederfand:

"Also wenn ihr mich fragt, hat das Rattenbefall nichts mehr zu tun. So viele Ratten können an einem Ort gar nicht leben, dass sie in einer Nacht ein solches Chaos anrichten können." Er wandte sich zum gehen und fügte seine Zusammenfassung des Ganzen einem Todesstoß gleich noch an: "Ihr habt hier keine Ratten, ihr habt ein echtes Problem."

Uwe musste sich setzten. Das konnte, das durfte einfach nicht wahr sein. Er erwog, seinen Job hinzuschmeißen und einfach nach Hause zu gehen. Er hatte echt einfach keine Lust mehr.

"Chef, was nun?" riss ihn der Polier aus den verzweifelten Gedanken. Uwe schloss kurz die Augen und zwang sich, professionell zu reagieren.

"Nimm dir alle Leute zusammen, die du finden kannst. Bis heute Mittag möchte ich eine detaillierte Aufstellung über die Schäden samt realistischer Einschätzung, wie lange die Reparatur dauert. Ich rechne dann aus, was uns der Spaß kostet und leite alles in die Wege."

Bernhard nickte und tat, wie ihm geheißen. Uwe kehrte unterdessen in seinen Kontrollraum zurück. Er arrangierte Termine mit mehreren Gutachtern für den Nachmittag, um endlich genau herauszufinden was hier vorging. Er verständigte die Polizei, da er davon ausging, dass eine Gruppe Jugendlicher des nachts in die Baustelle eingedrungen war und randaliert hatte. Ebenso hielt er es für vorstellbar — auch wenn ihm dieser Gedanke unangenehm aufstieß —, dass die seit Jahren genervten Anwohner jetzt plötzlich zu anderen Mitteln als dem friedlichen Protest gegen die Großbaustelle übergegangen waren. Und, ganz wichtig, er organisierte Verstärkung für den Wachdienst. Fast zwanzig breitschultrige Gesellen würden in den kommenden Nächten die Augen und Ohren offen halten. Und natürlich informierte er seinen Chef, der — es überraschte nicht — einen Tobsuchtsanfall erlitt, böse Beschimpfungen über Uwe ergoss und schließlich seine Nachmittagstermine absagte, um vor Ort den Gutachtern auf die Finger zu sehen.

Nach einem langen Tag sank Uwe später Zuhause in seinen Sessel. Nicht einmal Fernsehen würde ihn heute ablenken können. Die drei Gutachter hatten vier Meinungen und sein Chef sah die Sache noch mal ganz anders. Bissspuren von Ratten wollte einer identifiziert haben, der andere Mäusekot und der dritte erzählte gar etwas von Füchsen, die sich dem Stadtleben immer mehr anpassten. Erstaunlich einig waren sie sich allerdings, dass nur menschliche Gewalt in so kurzer Zeit ein solches Ausmaß an Verwüstung anzurichten imstande sei. Doch warum hatten weder Pförtner und Wachleute noch die Kollegen des Nachtdienstes irgendetwas bemerkt? Sollten sie etwa tatsächlich mit unter dieser unheimlichen Decke stecken und gar mit den Randalierern gemeinsame Sache machen? War er einer Verschwörung auf der Spur? Er konnte und wollte das nicht zu Ende denken, zu gewagt, zu unwahrscheinlich erschien es ihm.

Sein Mobiltelefon riss ihn aus dem Schlaf. Er saß noch immer in seinem Sessel, musste wohl eingenickt sein. Er brauchte nicht aufs Display zu sehen, um zu wissen, dass am Ostkreuz irgendetwas passiert war. Als er das Gespräch annahm, dachte er, er wäre auf alles gefasst. Doch der Ton des leitenden Wachmanns ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen.

"Chef?"

"Ja, ich bin dran."

"Es ist besser, wenn du gleich herkommst. Ich meine sofort, jetzt."

Uwe erschauderte. Ohne ein weiteres Wort legte er auf und fuhr los.

Am Ostkreuz angekommen, hatte er keine Mühe den Ort des Geschehens zu finden. Jede verfügbare Beleuchtung war an der betroffenen Stelle eingeschaltet, man hätte meinen können, ein Ufo wäre vom Nachthimmel gefallen. Uwe erschrak, als er sah, dass sich das Blaulicht von Polizei und Feuerwehr zum allgemeinen Trubel gesellte. Sogar eine kleine Schar von schaulustigen Nachtschwärmern hatte sich bereits zusammengefunden und starrte auf das unglaubliche Schauspiel direkt vor ihnen.

Uwe rannte los und erreichte atemlos den Tatort. Pures Chaos erwartete ihn an der Südbrücke — beziehungsweise dort, wo noch gestern die Südbrücke gestanden hatte. Er traute seinen Augen nicht und hatte Mühe Luft zu holen, denn was er sah, war ungeheuerlich: Die Südbrücke war eingestürzt! Einfach weg. Die Trümmerteile hatten sich weiträumig auf den darunterliegenden bis dato nagelneuen Gleisen verteilt. Mehrere Sicherungskästen standen in Flammen, man vermutete zwei verschüttete Bauarbeiter. Schon jetzt war sich Uwe sicher, dass dies das Ende sein würde. Sein letzter Tag als Bauarbeiter und der letzte Tag der legendären Ostkreuz-Baustelle. Wer immer hier seine Finger im Spiel hatte, er hatte gewonnen.

Als einige Stunden später ein wenig Ruhe einkehrte, saß Uwe allein am Rand der Unglücksstelle und starrte dorthin, wo einst eine Brücke stand. Die Feuerwehr hatte alles gelöscht, beide Bauarbeiter waren glücklicherweise nur leicht verletzt in ein Krankenhaus gefahren worden. Das Bauamt hatte den Schaden begutachtet, seine Beurlaubung dringend angeregt, eine Befragung der Wachmannschaft hatte nichts ergeben. Es war ein Rätsel. War es am Ende einfach Pfusch am Bau? Bissschäden und zerstörte Stromkästen würde dies nicht erklären.

So saß Uwe eine ganze Weile dort, dachte nach und betrachtete jedes Detail der Einsturzstelle. Was nur hatte er übersehen? Im Augenwinkel nahm er eine schnelle Bewegung war. Als er den Kopf in die Richtung drehte, sah er gerade noch eine Ratte in ein Loch am Rande des Grabens verschwinden. Er wünschte sich, sie wären das Problem gewesen, denn mit einfachen Mitteln hätte man ihrer Herr werden können.

Und da noch eine Ratte. Und noch eine. Ein paar Mäuse huschten ebenfalls in das Loch. Ungewöhnlich, dachte Uwe, Ratten und Mäuse in derselben Höhle? Und dann sah er sie: Eine besonders große, fette Ratte marschierte gemächlichen Schrittes über die Trümmer. Als sie kurz vor dem Loch war, hielt sie inne und sah zu Uwe hinüber. Man hätte meinen können, sie starrte ihn regelrecht an. Später würde Uwe selbst daran zweifeln, ob er es wirklich erlebt hatte oder nicht, aber bevor die Ratte zu den anderen in das Loch schlüpfte, ging sie langsam auf ihn zu, fauchte ihn heftig an und verzog ihr Gesicht zu einer schaurigen Grimasse. Uwe stockte der Atem. Ja, er meinte tatsächlich, die Ratte spöttisch grinsen zu sehen.

Denn niemand würde je herausfinden, was genau in diesem Moment in der weiten Höhle abspielte, die sich hinter dem unscheinbaren Eingang an der Brückeneinsturzstelle befand. Tausende und Abertausende Ratten und Mäuse hatten sich hier versammelt. Gezischel, Gefauche und gar Gekreische beherrschten die Szenerie. Hier und da gab es Gerangel und Geschubse, war doch der Platz zu eng für diese große Anzahl an Tieren.

Schon heute würden die meisten einzelnen Gruppen wieder in ihre eigenen Jagdgebiete zurückwandern. Denn ihre Mission war erfüllt. Ihre Mission zu der sie sich hier zusammengefunden hatten: Die Vernichtung des Bahnhofs Ostkreuz. Nur deshalb hatten sie sich hier vorübergehend zusammengefunden und sich gegen die Menschen verschworen. Denn der neue Bahnhof würde mehr Sauberkeit, mehr Menschen und mehr S-Bahn-Verkehr mit sich bringen. Das war so nicht hinnehmbar.

Lange Monate Vorbereitung hatte es sie gekostet. Komplizierte Angriffspläne mit ausgeklügelten Ablenkungsmanövern, speziell formierte Task Forces für Sondereinsätze und lange Listen über die Stellen, an denen Fallen aufgestellt worden waren, wann die meisten Menschen die S-Bahnen benutzten und wann wie viele Bauarbeiter im Dienst waren. Besonders der Brückeneinsturz war eine Meisterleistung: Hunderte Tiere hatten zeitgleich die gesamte Stützkonstruktion untergraben und Sicherheitsbefestigungen gekappt, alles undercover. Was für ein Spaß.

Und sie hatten die Menschen überschätzt. Die heran geschleppten Vorräte hätten noch für viele weitere Wochen Einsatz gereicht. Doch nun war es geschafft: Der Bahnhof Ostkreuz war ein Opfer der Nagetiere geworden. Der neuen gemeinsamen Kraft bewusst, philosophierten die ersten Tiere bereits, was man mit dem Hauptbahnhof anstellen könne…


 

Katharina Triebe
Falsches Spiel

 

"Liebe Mitreisende, hier spricht Ihr Triebwagen-Scout Michael Heinevetter. Ich begrüße Sie aus dem Cockpit der Ringbahn S42 und wünsche Ihnen im Namen unseres gesamten Bahnpersonals einen wunderschönen guten Morgen. Bitte lehnen Sie sich entspannt zurück und genießen Sie den Blick durch die frisch geputzten Scheiben Ihres Waggons!"

"Dear passengers, your driver Mike Heinevetter is speaking. I say hallo from the cockpit of the circle train S42, wishing you a wonderful good morning and a relaxed trip. Enjoy a clear view through the freshly cleaned windows of your wagon."

Die Fahrgäste in der Ringbahn sahen sich irritiert um – überrascht von so viel Freundlichkeit an so einem Ort zu so früher Stunde. Wieder meldete sich die Lautsprecherstimme: "Meine sehr verehrten Fahrgäste, wir haben uns etwas ganz Besonderes für Sie ausgedacht. Von heute an werden wir Sie während der Fahrt mit einem exklusiven, weltweit einmaligen Serviceprogramm verwöhnen. Lassen Sie sich überraschen." Bevor sich die Fahrgäste versahen, erscholl bereits Karel Gotts Biene Maja durch die Lautsprecher der Waggons. Was war heute nur los in der S-Bahn? Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Manch ein Lesender faltetet genervt seine Zeitung zusammen, Jugendliche fühlten sich beim Telefonieren gestört. Doch viele Mitreisende lächelten. Ja, als Karel Gott bei der zweiten Strophe angelangt war, begann die Generation 40 plus bereits mitzusummen, Wildlederschuhe, Damenpumps und Pfennigabsätze klopften zart den Takt mit. Bei der dritten Strophe konnte der genaue Betrachter bereits erste Schunkelbewegungen in den Reihen der stehenden Gäste beobachten. Ledermäntel, Strickpullover und Outdoorjacken folgten verstohlen dem Rhythmus der Gott'schen Klänge.

Nächste Station Ostkreuz. Die Musik setzte aus, Leute drängten raus und wieder hinein. Unter ihnen auch ein junger Mann in Uniform, auf seiner Mütze die Aufschrift "Ticket-Scout". "Die Fahrscheine bitte!, Your ticket please, votre billet, s'il vous plaît", scholl seine Stimme durch den Waggon. Doch wer jetzt ein entschiedenes "Tut mir leid, wennse keenen jültigen Fahrausweis besitzen, müssense nächste Station mit raus und Strafe bezahlen!" erwartete, wurde getäuscht. Der Ticket-Scout wandte eine völlig neue Kontrolltaktik an, die so genannte "Positivkontrolle". Wer einen gültigen Fahrausweis vorzeigte, bekam einen Gutschein, den er später am Ostkreuz-Kiosk am Ausgang Sonntagstraße gegen ein Erfrischungsgetränk seiner Wahl einlösen konnte. Wer keinen Fahrschein besaß, bekam keinen Gutschein, wurde aber auch nicht mit einer Geldbuße belegt, sondern mit einem aufmunternden Schulterklopfen und einem Handzettel bedacht, auf dem der nächstgelegene Ticketautomat genannt war. Dieses neue Bonussystem nannte sich Pro(st)-Fahrschein und kam ausgesprochen gut an bei den Fahrgästen. Einige Stationen später traten mehrere "Service-Scouts" in die Waggons, die die Aufgabe hatten, sich um die Bequemlichkeit der Gäste zu bemühen und noch leere Plätze zu vermitteln. "Gnädige Frau, in Fahrtrichtung rechts ist gerade ein Fensterplatz frei geworden, darf ich Sie dorthin begleiten?" Oder "Mein Herr, Sie gestatten, dass ich Sie von der alten Zeitung unter Ihrem Fuß befreie?" oder an drei kräftige kahlköpfige Bauarbeiter gewandt "Bitte nehmen Sie doch die junge Dame zu sich, es ist ja noch genügend Platz neben Ihnen". Ein rothaariger Bartträger ohne Deutschkenntnisse, vermutlich irischer Herkunft, versuchte herauszubekommen, wie er zum Lehrter Bahnhof käme. Die Service-Scouts riefen sofort per Funk einen englisch sprechenden Scoutkollegen heran, der bereits drei Stationen später zustieg und dem Barbarossa den Weg erklärte. Als sich draußen dunkle Wolken zu einem Gewitter zusammenschoben, verteilten die Service-Scouts so genannte Pfandschirme, die man für einen Euro erwerben und bei Sonnenschein dann wieder zurückgeben konnte. Selbstverständlich bekam man dann auch den Euro zurück. Es gab dezent karierte für die Herren und rot gepunktete für die Damen, die durch ihre Farbgebung den Teint zusätzlich vorteilhaft betonten. Auf beiden Schirmsorten war auch ein Foto vom Baugeschehen am Ostkreuz abgebildet, darunter die Aufschrift "Wer Ringbahn fährt, fährt nie verkehrt".

Die Reisenden waren starr vor Staunen. Misstrauische Gesichter überall, viele glaubten zu träumen. Doch am nächsten und übernächsten Tag das gleiche Spiel. Man witterte eine groß angelegte Verschwörung. Im Internet kursierten Gerüchte über Twitter, dass Bahnchef Grube Fahrpreiserhöhungen plane und mit dieser Taktik die Leute bei Laune halten wolle. Andere wieder vermuteten, dass die Piraten dahinter steckten und mit dieser Strategie Wählerstimmen für die nächste Bundestagswahl gewinnen wollten.

Überraschendes offenbarte sich den Passagieren vor allem am Ostkreuz. Überall hingen Werbetafeln mit verblüffenden Sprüchen wie: "Die S-Bahn kommt, steig nur schnell ein, wirst vor dem Chef auf Arbeit sein", oder "Wanderer, kannst nach langem Marsch du nicht mehr gehen, mach's dir in der Ringbahn nur recht bequem" oder "Lass dein gültiges Ticket sehn und du wirst nicht durstig nach Hause gehen". Alles in allem eine Entwicklung, die mit einer gewissen Erregung, aber durchaus auch wohlwollend aufgenommen wurde.

Bereits nach einer Woche war Erstaunliches zu beobachten. Fahrscheinkontrolleure waren nicht mehr gefürchtet oder gar körperlicher Gewalt ausgesetzt, nein, wenn sie einen Waggon betraten, erscholl stürmischer Applaus, Bravo-Rufe erklangen. Jeder wollte als erster seinen gültigen Fahrschein zeigen – und einen Gutschein kassieren. Abends bildeten sich dann lange Schlangen am Getränkekiosk Ausgang Sonntagstraße, um die Gutscheine gegen ein Erfrischungsgetränk einzulösen. In allen Zeitungen wurde das neue Serviceorientierte Verhalten der S-Bahn gelobt. Im Topmanagement des Eisenbahnbundesamtes herrschte ausgelassene Stimmung; die neue "Charmoffensive Ostkreuz" war offensichtlich ein voller Erfolg. Monatelange Diskussionen und detaillierte Planungen waren dieser Offensive vorangegangen – und vor allem eines – strengstes Stillschweigen war vereinbart worden. Zu oft schon hatte die S-Bahn ihre Fahrgäste enttäuscht. Diesmal sollte der ganz große Coup gelandet werden, und dass das gelungen war, zeigten die rasant ansteigenden Fahrgastzahlen. Ein duales Studium bei der Bahn besaß plötzlich höchste Attraktivität und löste den Traumberuf "Topmodel" vom ersten Platz ab. Horst Bäumlich, der Leiter des Eisenbahnbundesamtes, wurde für das Bundesverdienstkreuz in Silber vorgeschlagen.

Schulzki fuhr den Laptop runter, klappte ihn zu und legte ihn in den Aktenkoffer. Er warf einen letzten prüfenden Blick auf den aufgeräumten Schreibtisch, nahm das Jackett vom Haken und verließ sein Büro. Mehr als zwanzig erfolgreiche Jahre hatte er im Gebäude des Eisenbahnbundesamtes gearbeitet, in den letzten Monaten allerdings hatte sich die Situation gewandelt und die Freude an der Arbeit war einer starken Unsicherheit gewichen. Er würde nicht wieder zurückkehren an diesen Ort, sein Entschluss stand fest.

Draußen schien die Abendsonne. Es war schon einige Minuten nach 18 Uhr; in einer knappen Stunde wollte er bereits bei Vorstetten in der Redaktion sein. Im Taxi entspannte er sich endlich, wenn alles gut lief, war er morgen bereits in der Schweiz und fing ein neues Leben an. In der Axel-Springer-Straße hielt das Taxi vor dem Redaktionsgebäude der BILD-Zeitung. Schulzki zahlte und legte noch ein kleines Trinkgeld drauf. Im Foyer der Redaktion steuerte er auf den Empfangstresen zu. "Schulzki mein Name, Herr Vorstetten erwartet mich." Er bekam einen Besucherausweis ausgehändigt und fuhr ins 5. Obergeschoss, Raum 134. Ein Schild an der Tür verkündete: "BILD-Zeitung, Redaktion Wirtschaft, Dr. Jürgen Vorstetten". Auf sein Klopfen ertönte eine Stimme von drinnen: "Herein mit Ihnen". Vorstetten zeigte einladend auf einen Sessel an seinem Schreibtisch, nahm ebenfalls Platz und kam sogleich zum Kern der Sache: "Wenn das stimmt, Herr Schulzki, was Sie da gestern am Telefon angedeutet haben, dann sind Sie in Kürze ein reicher Mann und ich habe eine Topstory für die Titelseite. Schießen Sie mal los – Sie gestatten, dass ich mein Aufnahmegerät laufen lasse?" Schulzki nickte und erzählte.

Er war als Abteilungsleiter "Ostkreuz-Koordinierung" direkt dem Leiter des Eisenbahnbundesamtes, Horst Bäumlich, unterstellt. Seit mehr als 7 Jahren gingen alle Fäden zum Thema "Baugeschehen Ostkreuz" durch seine Hand. Jede Planänderung, jeder Neuvorschlag und sämtliche Budget-Abstimmungen wurden von beiden gemeinsam diskutiert, geprüft, bestätigt oder abgelehnt. Das hatte jahrelang wunderbar geklappt – bis vor einigen Monaten. Seitdem schien Bäumlich Geheimnisse vor ihm zu haben. Als Letzterer mit der "Charmoffensive Ostkreuz" ganz groß rauskam, erntete er allein die Lorbeeren und das höchste Lob, während Schulzki sich seltsam ausgeschlossen fühlte. Irgendwas stimmte da nicht, nur was? Woher nahm die Bahn plötzlich soviel Geld, dass sie ihren Fahrgästen diesen extravaganten Service anbieten konnte ? Er grübelte und beobachtete, ließ Horst Bäumlich und dessen Sekretärin Mandy-Vanessa nicht mehr aus den Augen, bis ihm schließlich das Glück lachte. In einem Moment, als die Sekretärin vor dem Eisenbahnbundesamt eine Rauchpause einlegte und Horst Bäumlich auf einer Dienstbesprechung weilte, betrat er kurz entschlossen das leere Sekretariat und fand, was er suchte – Hintergrundinformationen zur "Charmoffensive Ostkreuz".

"Ich habe Ihnen davon Kopien mitgebracht." Schulzki reichte Vorstetten eine Mappe mit Dokumenten, die dieser eifrig ergriff. "Kurz gesagt", fuhr Schulzki fort, "handelt es sich um ein Komplott zwischen dem Regierenden Bürgermeister und dem Leiter des Eisenbahnbundesamtes. Da der Flughafen Berlin Brandenburg International nicht rechtzeitig zum 3. Juni 2012 fertig wurde, geriet der Regierende Bürgermeister als Aufsichtsratsvorsitzender unter schwerste Kritik, Rücktrittsforderungen wurden laut, Negativschlagzeilen über ihn prangten auf den Titelseiten aller Tageszeitungen. Um das Medieninteresse von sich abzulenken, war der Regierende auf den Leiter des Eisenbahnbundesamtes zugegangen und hatte ihn aufgefordert, das Geld für den Börsengang der Deutschen Bahn sofort in eine 'Charmoffensive Ostkreuz' zu investieren. Als Gegenleistung dafür versprach er ihm, dass die Bahn bei der Ausschreibung der Linien S41, 42 46, 47 und 8 ab Ende 2017 den Zuschlag erhalten würde. Konkurrenten wie Veolia und die BVG würden keine Chance haben."

"Sie sehen ja, wie sich Bäumlich entschieden hat", endete Schulzki. Vorstetten war dem Bericht mit Spannung gefolgt und strahlte schließlich über das ganze Gesicht. Das war tatsächlich eine spektakuläre Story, damit konnte er bei der Veröffentlichung ordentlich punkten und womöglich auf den demnächst frei werdenden Chefredakteursposten hoffen. Er schlug Schulzki begeistert auf die Schulter. "Famose Story, Schulzki, die ist mir eine Million Euro wert." Auf der Stelle holte er ein Scheckformular aus dem Schreibtisch heraus. "Haben Sie schon Pläne?" Schulzki lachte geschmeichelt. "Morgen geht’s ab in die Schweiz", antwortete er stolz und bat noch schnell darum, die Währung von Euro auf Schweizer Franken zu korrigieren, da der Wechselkurs momentan so ungünstig sei.

Nach einem letzten Händedruck verließ er die Redaktion hochzufrieden mit dem Scheck. Vorstetten ging kurz darauf ebenfalls hinaus, im Aktenkoffer die Kopien der Unterlagen und das Tonband. Sein Auto wartete in der Tiefgarage. Er legte den Aktenkoffer auf den Rücksitz und fuhr in Richtung Alt-Stralau, wo er eine Eigentumswohnung besaß. Das Wetter hatte umgeschlagen, keine Spur mehr von mildem Spätsommer. Regen peitschte auf die Straße. Auf dem Markgrafendamm, kurz vor dem S-Bahnausgang, wo die Kurve rechts herum zum Wasserturm führte, war ihm, als laufe ein Schatten direkt auf ihn zu. Er riss das Lenkrad erschrocken nach rechts, geriet ins Schleudern und krachte ungebremst gegen den Brückenpfeiler.

Der Wagen war sofort Schrott und auch für Vorstetten kam jede Hilfe zu spät.

 

Schulzki nahm am Flughafen Tegel die 22-Uhr-Maschine nach Zürich, löste am nächsten Morgen bei der dortigen Credit Suisse seinen Scheck ein und eröffnete ein Konto für die Million. Er hatte bis auf Weiteres ein Zimmer in einem kleinen unscheinbaren Hotel genommen. Eine Weile wollte er dort wohnen und die Situation in Deutschland aus der Ferne beobachten. Spätestens zu Weihnachten jedoch würde er sich ein Haus am Genfer See kaufen und sein Leben genießen. Gesagt, getan. Jeden Morgen holte er sich im Tabakladen neben dem Hotel ein BILD-Zeitung und suchte die Topstory zum Ostkreuz. Sie erschien niemals.


 

Peter Grünwald
Die Ostkreuz-Akademie

 

Verzeihen Sie, dass ich Sie anspreche Verehrtester, aber mir ist nicht entgangen, dass Sie seit geraumer Zeit auf dieses Loch im Erdreich starren. Ja, das da unten, gleich neben Gleis vier der Stadtbahn. Das gibt ihnen zu denken nicht wahr? Mir auch! Aber man kommt nicht ran. Zu viele Zäune. Nachts schleichen hier Wachmänner herum, in Operettenpolizistenuniformen, und die sind noch gefährlicher als echte Bullen. Aber von ein paar Graffitikünstlern und Aerosoljunkies, die hier ihr Revier haben, weiß ich, dass das Loch mindestens dreißig Meter tief ist. Wozu zum Henker braucht jemand ein Dreißigmeterloch auf einem Bahnhof, frage ich Sie. Die denken das merkt keiner, aber irgendjemand merkt immer was. Verlassen Sie sich drauf. Und unter denen sind Typen, die sind noch viel verrückter als Sie und ich. Ich meine jetzt nicht die Schwachköpfe in den Liegestühlen, die nachts Ufos suchen, sondern echte Autisten, menschliche Taschenrechner. Denen entgeht nichts. Die können ihnen locker vorrechnen, dass man von dem ganzen Beton und all den Stahlprofilen, die sie hier herangekarrt haben, mindestens drei Ostkreuze hätte bauen können. Wo ist das Zeug geblieben, frage ich Sie, und unter denen gibt es ein paar verdammte Genies, die mühelos das unverbundene verbinden können und deren Theorie ist, dass sich unter der Ringbahn ein Teilchenbeschleunigertunnel befindet, so wie der vom Cern in der Schweiz. Nur eben, dass dieses Ding geheim ist und kein Schwein etwas davon mitkriegen darf. Und wenn man fragt, wird das nicht etwa bestätigt oder dementiert, sondern es heißt nur "Schnauze halten". Aber vielleicht dient das Gerücht vom Teilchenbeschleuniger nur dazu, eine noch größere Geheimsauerei zu vertuschen.

Ausgrabungen sind auch eine gute Tarnung. Man setzt während der Bauarbeiten die Nachricht von einem bedeutendem historischen Fund in die Welt, dann ein großes Zelt über das Loch und darunter können sie dann sonstwas anstellen. Archäologen, dass ich nicht lache. Archäologen graben etwas aus, aber diese Typen haben Dinge verbuddelt, das weiß ich. Ich habs gesehen! Um einen Teilchenbeschleuniger zu betreiben braucht man ein paar Millionen Gigawatt, deren Stromrechnung muss saftig sein.

Und dann der Typ, vom BND, der hier eine zeitlang herumgelungert hat. Sein Codename war Pastor von Pullach. Ja, so bizarr sind die da. Er nannte sich Überläufer, entwichener Patient trifft vielleicht eher zu. Jedes mal wenn er mit uns redete, begann er mit diesem Satz: "Falls sie je gefragt werden ob dieses Treffen stattgefunden hat, werden sie das strikt verneinen!" Und das Zeug das er redete, großer Gott. Er und die paar Freaks, die immer um ihn herum waren, die hatten manchmal wirklich erstklassige Informationen über Staatsgeheimnisse, Ufosachen und so, aber ihre Ideen waren überwiegend gespenstisch. Das waren die schlimmsten Paranoiker denen ich je begegnet bin. Lauter Wahrheiten für die die Menschheit noch nicht reif ist, aber es soll ja auch Leute geben, die denken Punto di Fuga sei ein Dorf in der Toscana. Armer Alberti. Mit denen kannst du auch nicht Cluedo spielen. Die rechnen dir vor, dass nur das Opfer der Täter sein kann und denken Sie nicht wir hätten die nicht gewarnt.

Die Gestalten in Schutzkleidung, immer nachts mit ungekennzeichneten Fahrzeugen "Lasst das Zeug doch einfach drin", haben wir gesagt, aber sie ließen es rausholen, säubern und einpacken und nahmen es mit die Trottel. Da halfen auch die Protestbriefe eines Indianerstamms aus Tierra del Fuego und Tonnen ethnologischer Gutachten nichts. Die hielten den Chupacabra für ein Märchen. Nur die Ratten waren schlauer. In jener Nacht hat eine Million Ratten das Ostkreuz verlassen. Ihr panisches gepiepse gellt mir heute noch in den Ohren, es war widerlich.

Eine Amaru-Urne ist so etwas wie die Büchse der Pandora, die stellt man nicht beschriftet in eine Vitrine sondern lässt sie da wo sie ist und vergisst sie möglichst. Manche Dinge sollten lieber begraben bleiben.

Sie kennen doch diese Stände mit französischem Backwerk, die gibts auf jedem Bahnhof: "Warum?" … frage ich Sie, da ist doch was faul. Neben so einem Stand haben sie neulich Paul gefunden.

Paul war auch einer von diesen Irren die hier herumhängen alles anstarren ohne dass man ihnen anmerkt was sie sich dabei denken. Die kritzeln dir eine Thermodynamikgleichung auf einen Bierdeckel aber wenn du denen eine Zahnpastatube zeigst wissen sie nicht was das sein soll. So einer war er und eines Morgens fand man Paul, wie gesagt, neben dem französischen Backwerkstand, oben auf der Ringbahn. Er soll grauenhaft ausgesehen haben, als wären die Armeen der Finsternis an ihm vorübergezogen, eine nach der anderen. Der Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun und dann kamen auch gleich die Burschen in den weißen Overalls und haben als erstes ein Zelt über dem Ort des Geschehens errichtet. Im Autopsiebericht soll als Todesursache Unterkühlung gestanden haben. Unterkühlung, ich bitte Sie, ein sechzehnjähriger, in einer Julinacht stirbt in einer Bahnhofshalle an Unterkühlung das fasst man nicht, aber das ist ein Trick indem sie den Gerüchten durch absichtlich unglaubwürdige Erklärungen neue Nahrung geben bleibt die eigentliche, die ganz große, Scheiße weiterhin schön im verborgenen. Pauls Freundin Bambi hat das ganze aus der nähe mit ansehen müssen. Sie liegt immer noch auf der Intensivstation und plappert wie ein Äffchen. Sie heißt tatsächlich Bambi, das ist der Name den ihr ihre liebenden beknackten Eltern, Hobbynaturkundler, einst gegeben hatten.

Früher waren die Computernerds meistens picklige Jungs die keine Freundin abgekriegt hatten und so irgendwie in ihren Kinderzimmern hängengeblieben waren. Über die haben wir wohlwollend gelächelt, harmlose Irre, aber jetzt sind immer mehr Frauen dabei und die sind zum fürchten sage ich ihnen. Sehen aus wie Kindergärtnerinnen oder BWL-Studentinnen, aber wenn sie mal von ihren Displays wegkommen, und die Tastaturen, die die natürliche Verlängerung ihrer Fingerspitzen zu sein scheinen, einen Augenblick Ruhe geben und sie dich ins Auge fassen, gefriert dir das Blut in den Adern. Alter, das kann ich Ihnen sagen.

Meistens sind sie oben am nördlichen Ende des Ringbahnsteigs. Da hocken sie mit ihren verkratzten, verbeulten Notebooks. Überall Klebeband, die Schnittstellen bestückt mit bizarr anmutender selbstgelöteter Hardware. Aber täuschen Sie sich nicht, die Dinger sind kein Schrott, das sind Superrechner, solche hat nicht einmal das Innenministerium. Die hacken sich in eins der umliegenden WLAN s und können sich jede Information verschaffen. Alle die Wahren und die Falschen. Wenn sie sich in den Netzen bewegen wird es um so bizarrer je verbotener, abgeschotteter, gesicherter das alles ist. Wie kommt eine Dreijährige, als Geheimakte, in den Computer des Verteidigungsministeriums? Das ist doch echt krank. Nein, nein lassen Sie nur das war eine rhetorische Frage. Natürlich waren das keine Files, im Klartext, das war eine schnittige 128-Bit-Verschlüsselung. Sie hatten das Baby gut versiegelt aber für Bambi und ihre Komplizinnen gibt es keine Hindernisse, nur Herausforderungen, jedenfalls so lange es sich in der Welt der Daten abspielt. Im wirklichen Leben sind sie hilfloser als Sie und ich und machen einen dummen Fehler nach dem anderen aber einen Code knacken das können sie doch was dann heraus kam war eher ernüchternd.

Ein Shakespearesonett, ein paar Zeilen aus dem Koran, Leonardos goldener Schnitt, ein bisschen altes Testament, ein paar Takte aus Bachs brandenburgischen Konzerten, die Goldbachsche Vermutung, ein Absatz aus Hegels Phänomenologie "Dantes Inferno". So was, lauter Schnipsel, als ob ein gelangweiltes Kind seine Spielzeugkiste ausgekippt hätte oder als ob Voyager mal auf ein paar Drinks vorbeigekommen wäre und am Ende hatten die Schweine noch eine Überraschung parat, eine Art perfides Addendum. Das Virus tauchte auf wie Deus ex Machina und war sehr gründlich. Jede Maschine, die damit in Berührung kam, war auf der Stelle mausetot. Bambi hat das Virus dann schließlich extrahiert. Ein paar weitere Rechner sind dabei drauf gegangen. Es waren nur einige wenige Zeilen Computercode, sehr simpel, sehr elegant, sehr sexy, Zitat Bambi. Sie trug es in einem Stick um den Hals, wie ein Amulett. Sie hätte es gern mal getestet, aber es ging nicht, es einfach ins Netz zu entlassen. Es brauchte einen materiellen Hardwarenexus. Also stiegen sie eines nachts beim Einwohnermeldeamt ein, es ist immer wieder erstaunlich, wie schlampig die Behörden hochsensible Daten sichern, fanden den Server und dann hinein damit in sein gieriges Laufwerk und dann war nur noch stille und Finsternis. Die rätseln heute noch darüber was ihnen passiert ist. Deren Experten einigten sich schließlich auf elektromagnetische Schockwellen, ausgelöst durch ein Gewitter das zum Glück parallel lief.

Wir Verschwörungstheoretiker, wir selber nennen uns lieber die mit dem Glauben, wir sind ja keine geschlossene Gruppe, da gibt es Fraktionen noch, und noch die, die ernsthaft an der reinen ganzen Wahrheit interessiert sind. Dann die Typen die es schlicht geil finden, krausen Unsinn in die Welt zu setzen, dann leicht gestörte arme Schweine, die nicht wissen wohin und einfach nur dabei sein wollen und schließlich die Spitzel und Undercovertypen, die versuchen das ganze zu ordnen und zu kontrollieren. Geheime Unterabteilungen, irgendwelcher Geheimdienste, mit Leuten die wohl selber nicht wissen ob sie da nun mitmachen weil sie brillant oder weil sie entbehrlich sind. Ich hatte schon öfters mit denen zu tun. Sie haben eine schwäche für opernhafte Auftritte und Tarnungen, die so merkwürdig offensichtlich sind, dass man sie gar nicht in Erwägung zieht.

Normalerweise würde ich Fremden, die in meinen Schuppen kommen, sagen sie sollen sich verpissen, aber bei denen tat ich es nicht. Es waren Männer in Reichsbahnuniformen, alten, aus der Nachkriegszeit, aber diese waren nicht alt, sie waren nagelneu. Sie zeigten mir ein Dokument. Es war eine Art Protokoll einer Entführung durch Aliens. Das Ganze merkwürdigerweise schon in Form eines Filmdrehbuchs geschrieben. Das las sich wie die Zusammenfassung einer Episode aus Rocky und Bullwinkle. Sie fragten mich ob ich etwas damit zu tun hätte, und wenn nicht, wer dann. Als wäre ich mit sämtlichen Irren der Stadt persönlich bekannt und dabei schlugen sie einen Ton an, wie man ihn aus Hardcore-Thrillern kennt. Falls doch, sollte ich die Schnauze halten und falls nicht, wäre ich ein toter Mann oder umgekehrt. Ich weiß nicht mehr so genau. Dann trat einer der Typen vor und sagte er wäre vom Max-Planck-Institut für Neurotheologie, - gibt`s das überhaupt? - und hätte an dieser Sache nur ein rein wissenschaftliches Interesse. Dann fixierte er mich und murmelte ich wäre jetzt sehr schläfrig und wirklich entspannt. Danach zeigten sie mir ein anderes Manuskript, das aber nur eine Version des ersten war, und die enthielt noch mehr dummes Geschwätz als die vorige. "Und was gibt`s sonst neues?" habe ich die Typen gefragt. Ja Verehrtester, schließlich habe ich nicht all die Jahre Star Trek gesehen ohne etwas über Mut zu lernen. Die Reichsbahner sahen mich nur böse an, wiederholten ihre Drohungen und zogen von dannen. Ach ja der Neurotheologe fragte mich noch, ob der eine von den Aliens tatsächlich einen russischen Akzent gehabt hätte.

Man fasst es nicht. Ich war mir danach allerdings tagelang nicht sicher, ob diese Begebenheit überhaupt stattgefunden hatte, aber diese Burschen hatten es nicht drauf mit meiner Psyche rumzufummeln. Die nicht, dazu waren sie zu blöd. Allerdings kann diese Blödheit auch der abgefeimteste Teil ihrer Tarnung sein. Bei anderen, die ähnliche Erlebnisse hatten, bin ich mir nicht sicher. Bei denen war das nicht bloß eine Amnesie nach einem Schock, sondern ein gezielt herbeigeführter Gedächtnisverlust. Mit was für Kerlen hatten die sich eingelassen? Es soll ja Chips, geben die nicht nur schlichte Informationen verarbeiten, sondern auch die mentalen Prozesse von Menschen replizieren können. Barney jedenfalls behauptete das.

Barney war eine Legende. Wie er zu dem Namen kam, weiß ich nicht, jedenfalls hatte er keine Ähnlichkeit mit Barney Geröllheimer. Barney hatte mit niemand Ähnlichkeit und manche behaupteten sogar, er wäre keineswegs das Produkt einer polygenen Paarung, aber so weit möchte ich nicht gehen. Barney war einer der größten Visionäre hier am Ostkreuz. Er hatte eine Vorliebe für geblümte Rhetorik. Wer sich mit ihm abgab, musste Zeit mitbringen, aber es lohnte sich. Sein Unterhaltungswert war enorm, das mussten selbst die größten Skeptiker, für die er nur ein weiterer Verrückter war, der den Mond anheult, zugeben. Man kann die Computerbranche in zwei Typen von Menschen einteilen. So begann einer seiner mit sokratischen Gesten untermalten Vorträge, gepflegt oder ungepflegt. Die gepflegten haben es gerne ordentlich. Sie tragen gebügelte Anzüge und arbeiten an Oberflächenphänomenen also langweilig. Die ungepflegten haben eine innige metaphysisch, konnotierte, nachgerade, symbiotische Beziehung zu ihrem Gegenstand. Rastlose Gemüter, verrückt nach Puzzles. Sie ziehen Vergleiche zwischen ausgemacht unvergleichbarem, sehen Beziehungen die andere nicht erkennen können und haben eine Vorliebe für ausgeklügelte Spiele. Barney sagt, er habe im Keller seines Elternhauses seine Firma gegründet, nachdem er ein Jahr mit Grateful Dead auf Tournee war. Unter uns gesagt, er ist der Band von Stadt zu Stadt nachgereist. Seine Firma hieß Purple Rain. Purple Rain, tolles Album, aber mieser Film. Wegen des Namens kriegte er Ärger mit den Warnerbrüdern und so nannte er sich fortan "Rat Tail Productions". Kommerzielles Kernstück seiner Firma war eine Art Versandhandel. Angeblich verbotener Videos, Dokumente von geheimen Operationen, vorzugsweise von Ufosichtungen und Autopsien an Außerirdischen. Er will sie nachts mit seiner Satellitenschüssel empfangen haben, aber wenn sie mich fragen, ich hielt das von vornherein für dubiosen Müll. Zwar bin ich einer der glaubt, aber ich glaube nicht jeden Scheiß. Barney glaubte fest daran. In seinen Redeschwall pflegte er Kalauer einzustreuen, wir kannten sie bald auswendig. So wie diesen, "habt ihr schon mal eine fliegende Untertasse geflogen, danach kommt euch Sex trivial vor". Den zweiten teil des Satzes grölten wir dann immer im Chor. Ja so war er, unser Barney.

Irgendwann ist er dann darauf gekommen, dass seine so genannten Dokumentarvideos, aus angeblich authentischer Quelle, Fälschungen waren, untergeschoben von einer Infiltrationseinheit. Was weiß ich welchen Geheimdienstes das war, schlimm für ihn. Er fuhr zu seiner Oma, um Distanz zu gewinnen, ging auf die zugefrorene Ostsee hinaus um über alles nachzudenken. Man hat ihn danach nie mehr gesehen. Verschwunden, verschollen, untergetaucht, niemand weiß etwas. Manche glauben, er habe seinen Tod nur inszeniert, aber wissen sie wie schwierig es ist, den eigenen Tod zu fälschen? Das hat bisher, mal abgesehen von Jesus, das ist ein Sonderfall, nur einer geschafft. Elvis!

Oh Telefon, entschuldigen Sie, ich muss da mal rangehen, ist wichtig. Hallo? Jaja ich weiß schon. Wenn sie mir ihren Namen sagten, müssten Sie mich erschießen. Das klingt wie eine alte Anmache von mir. Wollen Sie mich wieder zu einer verdammten Ufojagd verleiten? Danke, besser als Sie erwartet oder besser als Sie gehofft hatten.

Da gibt es eine Stelle die sie die gelbe Basis nennen, unter der ehemaligen Nordkurve, wo sie das ganze Zeug lagern. Ja alle Ufo-Geheimdienstakten seit Roswell.

Nein, hundert Meter vor der Straßensperre hatten die mich schon. Und Sie hat tatsächlich das Auto zu Schrott gedacht? Sind Sie sicher? Klar psychokinetische Manipulation. Das gibt`s, so ein Poltergeist-Ding, wie Carrie auf den Schulball, aber Vorsicht, die Braut ist reine Energie.

Jede Woche eine Wunderheilung, sonntags können`s auch mal zwei werden. Ja Gleis vier, gleich neben dem alten Wasserturm. Nein, das reicht. Ich glaube nicht, dass sie schon reif für meine Gedanken sind. Sie müssen schon meiner Brotkrümelspur folgen. Dann beeilen Sie sich. Sie haben maximal zwei Stunden bevor die eintreffen. Danach ist es so als wäre nie etwas passiert, und Vorsicht, die Soldaten Satans können sich dort frei bewegen. Pass auf und lerne. Das ist aber mein Spruch. Ja, ich bin auch sicher, dass wir dieses Gespräch niemals geführt haben. Ciao.

So da bin ich wieder. Wie ich eben hörte soll es wieder gesichtet worden sein, das Ding, das wir unter uns "Ostkreuz-Bigfoot" nennen. Die Analogien, die man zur Hilfe nehmen müsste um es zu beschreiben, sind allesamt zu schwach für das was Bigfoot ist. Es ist unbeschreiblich. Ich habe es einmal gesehen im halbdunkel unter dem Ringbahnviadukt. Kennen Sie das, wenn der Kaugummi vor Schreck aufhört sich breitkauen zu lassen? So war das und obwohl von der äußeren Form her eher vage ein waberndes Etwas, so eine art Yeti von Baskerville. Da versagen, wie gesagt, alle Analogien, war es von einer unglaublichen physischen Präsenz. Es schien sogar eine eigene Atmosphärenhülle zu haben. Eine khakifarbene Aura, die klebrig aussah und stank, wie hundert umgestürzte Chemieklos. Das war nicht nur irgendetwas schreckliches, nein, das war noch mehr. Das war etwas, das nicht das recht hatte den gleichen Planeten wie ich zu bewohnen. Es war nicht ersichtlich warum es da war, was es wollte, was seine Intentionen und Motive waren. Es tappte herum, war einfach nur da und manchmal nicht und wer es erblickte, erstarrte zur Salzsäule.

Tommy, der kleine Rotzlöffel von Gleis zwei, ist Bigfoot wohl mal zu nahe gekommen. Tommy fiel in ein wochenlanges Koma, danach psychiatrische Behandlung. Aber wer immer das gemacht hat, er hat es falsch gemacht, denn seitdem redet Tommy in Zungen. Einer von den Ringbahngenies, der sich in Kryptolinguistik oder Archäolinguistik auskennt, hat Tommys Kauderwelsch schließlich als eine Spielart des Aramäischen, eine art pidgin-aramäisch identifiziert.

Was hat denn das nun wieder zu bedeuten? Ich sage immer, Gott schuf Himmel und Erde und gab damit an wie zehn nackte Neger. Doch er verlor kein Sterbenswörtchen von seinen Nebenprojekten. Ich muss weiter darüber nachdenken, aber nicht jetzt und hier. Das ist ein Drei-Gauloises-Problem, mindestens. Ich sage ja nicht das alles hier paranormal ist. Das Ostkreuz ist ein ganz gewöhnlicher Bahnhof, keine Sorge. Aber wie ich das sehe scheint das Ostkreuz daneben eine art Hotspot des paranormalen zu sein, wodurch selbst den alltäglichsten Dingen und Begebenheiten ein paranormales Bouquet anhaftet, wenn Sie wissen was ich meine. Nein, beunruhigen Sie sich nicht, das hier wird nicht der Fluch der Mumie, es gibt keine Kratzspuren am Sargdeckel. Ich werfe ihnen ein Seil zu. Sie dürfen sich jetzt nicht damit aufhängen. Butch und Sundance reiten wieder, Pinky und Brain greifen nach der Weltherrschaft.

Noch verhält sich mein Toaster unauffällig, aber wer weiß. Denn welche teuflischen Schläferchips Sie dort reingebaut haben. Ich verlasse Sie jetzt. Danke für ihre Zeit. Einen schönen Tag noch und denken Sie dran, die Lüge ist irgendwo da draußen.


 

Sonja Hoffmann
Nix mit wie immer

 

Ich wuchs in einem winzigen Nest in der Mitte von Deutschland auf, dessen wirtschaftlicher Knotenpunkt "Tante Bernies" war, eine, retrospektiv betrachtet, heruntergekommene Gastwirtschaft mit schlechtem Essen und noch schlechterem Ambiente, doch während meiner Kindheit war diese drittklassige Kaschemme ein Eldorado der Heiterkeit. Kaum dass die Temperatur die 15-Grad-Marke überschritten hatte, erwuchs in uns Kindern das unstillbare Verlangen nach Eiscreme und blieb der Blick in die heimische Tiefkühltruhe erfolglos, so gab es nur einen Ort, an dem wir sicher bekommen konnten, wonach wir uns so sehr sehnten. Es gab kein Kind im Ort, was in den wärmeren Monaten des Jahres nicht mindestens einmal in der Woche über die speckige Kante der großen, leicht mit Flugrost überzogenen Haushaltsgefriertruhe gebeugt stand und aus dem eher bescheidenen Sortiment seine Wahl traf. Die sorgfältigen Überlegungen führten immer wieder zu langen Zeiten in denen die Truhe all ihre mühsam erarbeitete Kälte an die Umgebung abgab und gab es unter den dicken Eisschichten am Geräterand und den von Gefrierbrand zerfressenen Lebensmitteln immer noch die eine oder andere vergessene Eistüte zu entdecken. Nie werde ich die neidvollen Blicke der anderen Kinder vergessen, wenn man es geschafft hatte, ein Schokoladeneis aus dem eisigen Kasten hervorzuzaubern und seine klebrigen Groschen nicht für ein fades Wassereis hinlegen musste. Das waren Gefühle wahrer Größe. Lange Zeit vergessen blieb jedoch eine Erfahrung, die im Nachhinein mein ganzes Leben verändern sollte und für den Moment des Erlebens mit derart negativen Emotionen belastet war, dass mein kindliches Gemüt gar nicht anderes handeln konnte, als alles ganz hinten in meinem Unterbewusstsein zu vergraben.

Es war ein warmer Frühlingstag und nachdem ich mit einem Messer 30 Pfennige aus meinem Sparschwein gefummelt hatte, eilte ich mit meinen Freunden zu Tante Bernie. Mit einer schlafwandlerischen Zielstrebigkeit peilten wir die Gefriertruhe am Ende des muffigen Gastraums an und zogen mit vereinten Kräften den Deckel nach oben. Zu den Zeiten, zu denen wir Tante Bernie aufsuchten gab es eigentlich nie Gäste und so blieben wir bei unserer angestrengten Wahl meist unter uns. Nicht so an diesem Tag. Plötzlich öffnete sich die Tür und für einen kurzen Moment erhellte die Sonne den dunklen Raum, dessen schmutzige Fenster kaum Tageslicht hereinließen.

Mit wackeligen Schritten durchquerte ein Mann den Saal, vor dem unsere Eltern uns immer warnten. Er würde trinken hieß es und auch wenn uns nicht klar war, warum man nach dem Genuss von zu viel Bier seine Frau verprügeln müsse, so wurde uns immer wieder gesagt, dass er es getan hätte und wir uns von ihm fernhalten sollen. Ich hatte meine Eltern bis dahin nie betrunken erlebt und konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen nach dem Genuss von Alkohol Dinge tun würden, an die sie sich später nicht mehr erinnern können, aber man munkelte, dass es bei diesem Mann wohl häufiger so gewesen sei.

Er schaute kurz zu uns herüber, bevor er sich an den schmuddeligen Tresen setzte und ich den Satz vernahm, der mein Leben so gravierend verändern sollte. "Wie immer?" fragte Tante Bernie. Kein "Hallo, was darf es sein?", kein "Was kann ich Ihnen oder dir denn bringen?". Nein, alles, was er gefragt werden musste, war ein "Wie immer?". Er nickte nur und so schob sich die dicke Tante Bernie mit ihrer graugelockten Dauerwelle und ihrer geblümten Kittelschürze, deren Knöpfe Mühe hatten, die Stoffbahnen über ihrem gigantischen Busen zusammenzuhalten, an den Zapfhahn, zapfte ein Bier und füllte eine klare Flüssigkeit in ein winziges Glas. Sie stellte ihm das Bier und den das kleine Glas vor ihn hin und es dauerte keinen Wimpernschlag lang, da war das kleine Glas geleert und das Bier halbiert. Nach einer kurzen Zeit hob ich meinen Kopf erneut aus der eisigen Vielfaltenarmut und sah, dass er nun auch das Bier getrunken hatte. Tante Bernie wackelte zu ihm herüber und fragte mit ihrer tiefen und immer etwas zu genervt klingenden Stimme "Nochmal das Gleiche?". "Wie immer". Mehr sagte er nicht. Wahrscheinlich starrte ich ihn eine Ewigkeit lang an und in meinem Gehirn begannen alle Synapsen auf Hochtouren zu arbeiten. In meinem kindlichen Leben war eigentlich jeder Tag wie der vorherige. Es gab unzählige "Wie immers". Ich stand jeden Morgen zur gleichen Zeit auf, putzte mir wie immer meine Zähne, wusch mich, zog mich in der immer gleichen Reihenfolge an. Aß täglich das gleiche zum Frühstück. Ich liebte meine "Wie immers". Ich hatte allerdings nicht ein einziges meiner Rituale mit dem Ausspruch: "Ich mache das wie immer" benannt, nein, es war einfach so, weil es gut war und sich richtig anfühlte. Aber mir wurde schmerzlich klar, dass eine geliebte, oft wiederholte Verhaltensweise scheinbar in dem Moment, in dem man selbst oder auch ein anderer sie mit dem Label "Wie immer" versieht, eindeutig als etwas Schlechtes identifiziert wird, mit dem man sich oder andere schädigte.

Durch das "Wie immer" wurde der zum Ritual gewordene Kneipenbesuch als schwerer Alkoholismus entlarvt, der unweigerlich mit familiärer Gewalt und persönlichem Niedergang einherging. Es waren nur Sekunden der Erkenntnis und dennoch war es für mich fast so bedeutend wie die Entdeckung, dass es keinen Weihnachtsmann gibt.

Erst der schrille Aufschrei aus der Tiefkühltruhe riss mich aus meinem Schock-Zustand und mir wurde schmerzlich bewusst, dass ich heute nicht diejenige sein würde, die mit großen Augen um ein Schokoladeneis beneidet werden würde.

 

Es vergingen viele Jahre, in denen ich, wie alle anderen Menschen auch, meine eigenen kleinen und großen Rituale und Bräuche entwickelte, pflegte und wieder ablegte, aber ich hütete mich stets davor, eine meiner Vorlieben mit einem "Wie immer" als etwas Böses, Zerstörerisches zu demaskieren. Gleichzeitig hatte ich das große Glück, dass mir nie durch eine andere Person eines meiner Rituale durch ein "Wie immer?" genommen wurde. Das ist schließlich die Krux an der Sache: der Mann bei Tante Bernie sah die destruktive Kraft seines "Wie immers" wahrscheinlich selbst nicht. Vielleicht sah er sie auch, konnte aber dennoch nicht von seinem Laster lassen. Mir wurde damals an der schmutzigen Truhe allerdings klar, dass ich, wann immer jemand eine meine Handlungen mit einem "Wie immer" kommentieren würde, ich sofort mit dem aufhören würde, was ich bislang gerne tat.

Scheinbar schaffte ich es ganz gut durch meine Jugend und mein frühes Erwachsenenalter, ohne Rituale und Vorlieben zu entwickeln, die in meinen oder den Augen anderer böse, schlecht oder falsch gewesen wären. Ich rauchte nicht, ich schwänzte nur unregelmäßig die Schule, ich trank nur gelegentlich zu viel. Ich hielt meine Wohnung stets in Ordnung und wechselte meine Frisur mindestens einmal im Jahr. Ich schaffte es, die Schule und mein Studium zu beenden, ohne auch nur ein einziges Mal die niederschmetternde Diagnose "Wie immer" auf eine meiner Verhaltensweisen zu bekommen.

Ich lernte einen großartigen Mann kennen und zog mit ihm in die große weite Welt hinaus. Stets war ich bestrebt, niemals die Worte "wie immer" über meine Lippen kommen zu lassen, auch wenn wir etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die exakt gleiche Weise taten. Wir taten etliches "wie immer", aber nie wagte ich, auf die Frage, was wir am Sonntagmorgen machen wollten zu antworten "machen wir’s wie immer".

 

Die Arbeit brachte uns letztlich nach Berlin und wir fanden eine Traumwohnung am Ostkreuz. Hier gestaltete sich nun unser neuer Lebensmittelpunkt. Als Kinder brauchten wir ja nur das Eis und so spielte sich unser aller Leben um die Kneipe von Tante Bernie ab. Später war es nicht das Eis, um das sich unser Lebensmittelpunkt gestaltete, sondern das Ostkreuz. Die Bahnen brachten uns in alle Richtungen der Stadt und die Cafés, Imbisse, Bäckereien und die kleinen Läden versorgten uns mit dem, wonach es einem mal gelüstet. Nicht erst seit Bourdieu wissen wir, dass die Menschen zu einer gewissen Habitualisierung ihres Verhaltens neigen, und so taten wir vieles am Ostkreuz stets auf die gleiche Weise. Meinem bisherigen Glaubenssatz folgend begegnete ich den fragenden Augen meines Freundes an der Theke unseres Lieblingsimbisses niemals mit den Worten "Wie immer". Es war klar, dass ich eigentlich immer das gleiche bestellte, aber wenn es den Stempel des "Wie immers" je bekommen sollte, wäre meine Lieblingsspeise für immer verloren. Mein Freund fand meine Aversion gegen die zwei Worte stets befremdlich und war der festen Überzeugung, dass sich nichts verändern würde, wenn man etwas, was man ständig auf die gleiche Weise tat, damit spezifizierte, dass man sagte, man täte es wie immer. Dennoch ging eine lange Zeit ins Land, bis ich zulassen konnte, dass die Absprache vor der Bestellung in unserem Lieblingsdöner mit Hilfe eines "Wie immers" erfolgte. Es kam jedoch der Tag, an dem ich mich traute. Wir standen vor der Theke, wie wir es stets zu tun pflegten und mein Freund fragte mich plötzlich die magische Frage. An diesem Samstag im Frühling lautete seine Frage nicht "Willst du mich heiraten", nein, sie war viel bedeutsamer. "Wie immer?" waren die Worte, die über seine Lippen kamen. Mutig und dennoch angespannt antwortete ich "wie immer". Und wie immer schmeckte mir mein Essen vorzüglich, mir wurde nicht schlecht, ich bekam keine Lebensmittelvergiftung und auch meinem Freund ging es nach dem Mahl prächtig. Es schien trotz der Worte, die mich Zeit meines Lebens wie ein Fluch begleiteten, nichts Schlimmes zu passieren.

Eines schönen Tages jedoch verspürten wir nach einem Bummel durch den Kiez das Bedürfnis, uns am Ostkreuz noch mit einer fettigen, türkischen Köstlichkeit den Tag zu versüßen und steuerten zielsicher unseren Lieblingsimbiss an. Oder vielmehr den Ort, an dem er sich bislang befand. Die Tür war fest verschlossen, die Fenster von innen mit Zeitungen verklebt. Zwischen den Werbeangeboten örtlicher Diskounter und dem Wetterbericht der letzten Woche hing ein Schild, auf dem zu lesen war: "Liebe Kunden, leider müssen wir unser Restaurant aus persönlichen Gründen schließen. Vielen Dank für Ihre Treue".

Geknickt gingen wir zu einem anderen Imbiss, fanden das Essen aber schlecht und traten mit einem flauen Gefühl im Magen den Heimweg an. Aberglaube war zwar immer mein ständiger Begleiter, dennoch weigerte ich mich zu glauben, dass die Schließung des Lokals mit dem "Wie immer" vor einigen Wochen zusammenhängen könnte. Ein dummer Zufall, mehr nicht.

 

Jeden Sonntag gehen wir spazieren. Schon vor dem Frühstück. Um das Ostkreuz herum gibt es so viele wunderschöne Strecken, auf denen man die eine oder andere Stunde in der frühmorgendlichen Sonne verbringen kann. Aber auch bei Regen laufen wir unsere Tour. Nur wenn wir nicht in Berlin sind, lassen wir unser liebgewonnenes Ritual ausfallen. Zu unserem Brauch gehört immer auch, ein Baguette an einem Stand am Ostkreuz zu kaufen, das wir uns später bei einem ausgedehnten Frühstück schmecken lassen.

Sicher, eigentlich sollte man derartige Back-Ketten aus ethischen Gründen nicht unterstützen und sicherlich gibt es auch gesünderes Brot als das aus dem Glaskasten mit dem dicken Croissant als Markenzeichen, aber da der Vollkornbäcker am Sonntag nicht offen hat und man hin und wieder auch wenig christlich handeln darf, holen wir uns an jedem Sonntag, egal, ob es regnet, schneit oder die Sonne scheint, ein dunkles Mehrkorn-Baguette. Erstaunlicherweise trafen wir nun an jedem Sonntag auf eine junge Frau, die in dem Glaskasten ein wenig Geld neben der Schule oder dem Studium dazuzuverdienen schien. Sie war immer gut gelaunt und schien uns schon nach kurzer Zeit wiederzuerkennen. Wahrscheinlich hätten wir bald schon gar keine Bestellung mehr aufgeben müssen, denn es war ja ohnehin klar, was wir wollten: ein dunkles Mehrkornbaguette. Nichtsdestotrotz beeilten wir uns bei jedem Besuch aufs neue, unsere Bestellung konkret anzugeben, damit sich die Worte "wie immer" gar nicht erst ihren Weg durch die Atmosphäre bahnen konnten.

Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen, aber da hat es in Wirklichkeit geregnet und deswegen war dieser traumatische Tag nicht gestern. Die Sonne schien schon am frühen Morgen von einem strahlend blauen Himmel und wir waren früh unterwegs. Auf dem Rückweg machten wir unseren üblichen Abstecher auf die kleine Insel zwischen den Gleisen und stellten uns in die Schlange. Schon bevor wir an der Reihe waren, hatte die junge Frau in dem roten Back-Outfit uns bemerkt und strahlte mit der Sonne um die Wette. Der letzte Kunde vor uns strebte langsamen Schrittes Richtung S-Bahn und noch bevor wir reagieren konnten fragte sie die Worte, die alles für immer verändern sollten: "Wie immer?" Mir stockte der Atem. Was sollten wir tun? Einfach davon laufen? Schnell ein Baguette bestellen, das wir eigentlich gar nicht wollten, nur um den Worten ihre zerstörerische Kraft zu nehmen? Doch noch bevor ich aus meinem Schockzustand erwachte, lächelte mein Freund und sagte die Worte, die alles besiegeln sollten: "Klar, wie immer". Das war’s, dachte ich. Alles wird sich verändern. Wir erhielten das Baguette und naja, wie immer, wünschte die junge Frau uns noch einen wunderschönen Tag. Wir hatten uns kaum einen Meter vom Tresen wegbewegt, da fragte ich mit zugeschnürter Kehle, wie er das denn nur tun konnte. "Naja, aber wenn es doch so ist. Benennen wir die Dinge doch beim Namen. Glaub mir, dein Aberglaube ist völlig übertrieben." Er hatte ja Recht, dachte ich. Wie albern, zu glauben, dass durch zwei kleine Worte die Welt verändert werden kann. Das Schicksal hört wohl kaum so genau hin.

Beschwingt lebten wir durch die Woche und es näherte sich der Sonntag. Das schöne Wetter hatte sich leider verzogen und so stapften wir im gelben Friesennerz durch den Matsch. Nur noch einmal die Treppen rauf, die Treppen wieder runter und ja, ich war bereit, ein "Wie immer" zuzulassen. Doch schon von weitem sah, ich, dass heute ein junger Mann hinter dem Tresen stand. Vielleicht hatte unsere Lieblingsverkäuferin nur im hinteren Teil der kleinen Hütte etwas zu erledigen. Doch auch als wir an der Auslage standen, war sie nirgendwo zu erblicken. Mein Freund ratterte also die übliche Bestellung runter. "Die Mehrkorn-Baguettes sind heute aus." Nun war es klar, die "Wie-immer-Verschwörung" war in vollem Gange. Mein Aberglaube kannte kein Halten mehr und ich brauchte lange, um den Schmerz über den heutigen Verlust zu überwinden. Mit ungebrochenem Glauben an einen Zufall redete mein Freund auf mich ein. Vielleicht sei die bezaubernde Verkäuferin einfach nur krank oder im Urlaub und das Baguette, meine Güte, auch andere würden diese Sorte besonders mögen.

Aber nein, es gab seit diesem Tag keinen einzigen, an dem die junge Frau mit dem sonnigen Lächeln und den Worten "Wie immer?" ein dunkles Mehrkorn-Baguette in die lange rot-weiße Tüte rutschen ließ. "Wie immer" hatte uns voll erwischt und das Schicksal hatte ganz genau hingehört, als es darum ging, dass ich die in Kindertagen gewonnene Vorsicht verlor. Und so bewahrt mich das Komplott am Ostkreuz bis heute davor, die Dinge, die ich immer auf die gleiche Art und Weise tue, als selbstverständlich hinzunehmen und mich bei jedem Mal darüber zu freuen, dass es heute noch einmal ist wie immer.


 

Maryann Marks
Fouler Hauswart
Ein Verriss über ein häufiges Berliner Phänomen

 

Wer das Auto des 'Hauswartes' in der Nacht vom 17./18.04. angezündet hatte, wurde nie festgestellt. Jedenfalls war das Datum so einprägsam, weil zeitgleich die S-Bahnhof-Ostkreuz-Einweihung (16.04.2012) stattfand.

Es kann sich bei der Brandstiftung um ein geheimes Vorgehen zwischen befreundeten Mietparteien gehandelt haben; das ist anzunehmen; die Vorläufe sprechen für sich.

An Impertinenz unüberbietbar hatte das Hauswartspärchen, Marke Blockwart, bei den MieterInnen schon lange nichts mehr an Ansehen zu verlieren: ihr hingen vor Neugierde die Ohren bis über die Schultern runter, wenn sie die HausbewohnerInnen nur ansah; mit ihr zu reden endete fast zwangsläufig in der Preisgabe von Persönlichem.

Sein Arbeitseinsatz beschränkte sich auf cholerisches Schreien (am Telefon) und die 'Regierung' dieses Mikrokosmos mit größenwahnsinnigem Gehabe in Eigenregie.

Sie grüßte beflissentlich; ihr Gruß hallte meist unbeantwortet im Hausflur oder Hinterhof wieder, während die MieterInnen an ihr vorübergingen. Der Eindruck entstand, dass die Frau trotz Ablehnung unbeirrbar freundlich war aus der Angst heraus, dass die gemeinsame Machenschaft mit ihrem Mann, das Vorspielen adequater Arbeit, vielleicht doch an übergeordnete Stelle herangetragen und ihre bequeme Lebensweise durch die versiegende MieterInnen-›Spenden‹-Quelle vorbei sein könnte. Dickfellig saß das Rentnerpärchen die grußlose Ablehnung im Haus aus.

Hier wurde ein satter Nettolohn in der Arbeitsmanier einer geringfügigen Beschäftigung ausgefüllt: Schlüsselnachmachungen dauerten 4 Monate; die MieterInnen erzählten sich: "Ich habe es dem Hauswart gesagt. Natürlich passiert wieder nichts." ... Einer Mieterin wurde mehrfach Laminatlegung versprochen (bei den anderen MieterInnen war es bereits vorhanden); allein, es wurde nie gelegt. "Es kommt, es kommt", rief der 'Hauswart' ihr, für mehrere Mietparteien gut hörbar, im Treppenhaus zu. Schließlich legte die Mieterin das Laminat selbst. Der flüchtige Treppenhausputz mit kategorischer Missachtung von Ecken und Kanten wurde in knappen Stunden verrichtet; einem Mieter ward die Benutzung zweier Kellerräume zugesagt; die Auseinandersetzung über diese Zusicherung schallte durch den Hinterhof, bis der 'Hauswart' sie nach draußen verlegte.

Reparaturen wurden grundsätzlich nur nach Inanspruchnahme von Rechtsschutz (längerem Briefwechsel mit Hilfe des Mietervereins u. ä.) durchgeführt, d. h. bei einigen MieterInnen überhaupt nicht.

Das Öffnen fremder Briefkästen stellte für den 'Hauswart' ebenso wenig ein Problem dar wie penetrante persönliche Fragen, die ihn in seiner Funktion schon gar nichts angingen. Mitunter wurden offene (geöffnete???) Briefe im Kasten vorgefunden.

Hinter den schwarz getönten Scheiben seines Wagens, der vorm Haus stand, wurde gemunkelt, sitzt der alte Bock und Kontrollfreak und schaut, was abgeht.

Willkürlich wurde im Haus über Jahre (Jahrzehnte?) diktatorisch darüber geurteilt, wer mit Dienstleistungen bedacht würde und wer nicht, welche/r für wert erklärt wurde und welche/r nicht. Die Störungsmeldungen, Beschwerden und Problemschilderungen der MieterInnen bei der Haus- und Grundstücksverwaltung waren umsonst. Es interessierte die Zuständigen nicht, es wurde nicht darauf reagiert und nicht eingegriffen.

Diese befremdliche Handlungsweise und Befugnis war ein Extremzustand, der nur durch angenommene Vetternwirtschaft erklärbar war. Ein Vorgehen, dass plausibel schien: als ehemals Selbstständiger hatte der 'Hauswart' vermutlich keinen Anspruch auf Rente und würde in die Grundsicherung fallen, was durch diese Wirtschaftsform in Übereinkunft verhindert wurde.

Viele MieterInnen meinten, dass der bizarre 'Hauswart plus Frau' endlich abtreten solle. Man stellte sich vor, wie er – mit den Füßen voran- eines Tages hinausgetragen würde und die Frau ob ihres Lebenswerkes in gemeinsamer Teilhabe entsprechend geächtet würde. Bis zu dem Zeitpunkt würde die Mietergemeinschaft mindestens zu zahlen haben. U.U. würde die Goldgrube des lebenslangen Unterhalts, der monatlichen Zuwendungen vetternwirtschaftlich auf sie übergehen.

Kurz nach meinem Einzug musste ich zu dem Hauswartspärchen und sagte zu der Frau: "Das ist ein sehr schöner Kranz, den Sie hier draußen an der Tür hängen haben." — "Wenn er nur nicht mal abgefackelt wird" antwortete sie, und ich wunderte mich.

 

Einem Umzugshelfer war aufgefallen, dass es ein "No-you-don’t"-Haus war, weil überall an den Wänden Schilder angebracht waren, wie sich verhalten werden sollte. Nicht rauchen, Tür zumachen, Lüften etc. pp.

Am ersten Wochenende nach dem Umzug war klar, dass die Hauswartsfrau bei der Wohnungsbesichtigung gelogen hatte. "Unten und oben ist es ruhig", hatte sie gesagt und dann auf die Wohnung im Hinterhaus nebenan gedeutet. "Wie der Mieter dort drüben ist, weiß ich allerdings nicht." — Unten wohnte ein Techno-Freak, der auch nachts vor keiner Lautstärke zurückschreckte und oben ein junges Paar, dass die Angewohnheit hatte, sich nächtlings im Laufe eines Streites fast die Tür einzutreten. Als ich den 'Hauswart' darauf ansprach, wurde deutlich, dass beide Vorkommen bereits lange Zeit bekannt waren.

Im vergangenen Herbst erhielt der 'Hauswart', weil er sich nicht mehr bücken konnte, von den MieterInnen über die Hausverwaltung bezahlt, einen Elektro-Schneepflug, wie er für großräumige Flächen in der Landschaftsgärtnerei benutzt wird. Des Schneefegens per se unfähig, konnte dadurch seine Position für einen(?) weiteren Winter gesichert werden ohne dass seine Senilität für die Allgemeinheit allzu augenscheinlich wurde.

Im Frühjahr ward der 'Hauswart' noch beim Aufmachen und Feststellen der Türen gesichtet; trotz sichtlicher Greisenhaftigkeit stellte er seine Bemühung durch das Öffnen der Türen außerordentlich zu Beweis.

Zum Brüllen reichte es auch noch und zur kontrollierenden Ansprache der MieterInnen zwecks Respekteinflößung — vor allem der jungen Leute. Die `blickten´noch nicht, was hier ablief: dass jemand auf ihre Kosten mit durchgezogen wurde und seine Schäfchen mit schauriger Dreistigkeit im Trockenen hielt.

Nun: dieses Jahr kam einiges anders.

In den vergangenen Monaten waren einige MieterInnen in Abständen zusammengekommen, nicht nur bei einem gemeinsamen Grillfest im Interkulturellen Garten bei den Laskerhöfen.

Es hatte sich einiges zum Positiven entwickelt. Aus dem notorischen Technofreak mit latenter Gewaltbereitschaft war – nach Entzug und einem Anti-Gewaltstraining — ein sehr guter Sicherheitsmann geworden und seine Frau – ehemals als Suchtpersönlichkeit betreut - arbeitete engagiert als ausgebildete Haus- und Gebäudereinigerin.

Das junge Paar von oben, bei dem er ihr mit Regelmäßigkeit handgreiflich den Garaus machte und sie zu ihm mit Regelmäßigkeit zurückkehrte, war nach langer Mietschuldigkeit ausgezogen und von einer optimistischen Studentin ersetzt worden (nach Meinung des Hauswartes – der mit einschlägig im Kiez bekannten Männern mit Alkoholabhängigkeit auf der Straße anzutreffen war — "ganz was Feines").

Der partyfreudige Jurist im Hinterhaus, der alle 2, 3 Wochen nachts mehrfach bei voller Dröhnung das Fenster aufgerissen hatte (der 'Hauswart': "Das kann ich mir gar nicht vorstellen"), war, nach Verweis auf sein obligatorisches Prädikatsexamen als einzige Chance auf eine Karriere in spe, einsichtig genug, die Feten samt Lautstärke beachtlich einzuschränken.

In der Ostkreuz-Info-Box gab es die Meldung, dass die geplante Autobahn-Route entweder die Kynaststraße oder untererdig den Markgrafendamm entlang laufen und die Straße oben für Anlieger frei gelegt würde. Das stellte auch eine gute Aussichtsoption für die Zukunft dar. Einzig der Zustand der Hauswartstätigkeit lag gleichbleibend im Argen.

Bei den Treffen der MieterInnen stellte sich heraus, dass viele Mietparteien von der Selbstgerechtigkeit und Anmaßung dieses Pärchens betroffen und gekränkt und wütend waren.

Es gab Zeichen einer sich veränderten Dynamik:

"Fouler Hauswart" stand auf der Streusalzbox, die im Seitenflügel war; geschrieben mit Permanentmarker.

Wandmalereien wurden im Hausflur gesichtet, bevor das Pärchen wieder für den Sommer ganztätig in seine Laube entschwand. Mit heimlicher Schadenfreude wurden die Bemühungen der Hauswartsfrau registriert, die – den Lappen in der Hand — stundenlang die Malereien von der Wand abrubbelte. Für sie war es immer wichtig gewesen, bei Sichtbarkeit irgendetwas zwischen den Fingern zu bewegen und/oder listig auf ihre Geschäftigkeit hinzuweisen — "ach ja, ich sehe gerade noch eine Schliere vom Fensterputzen...". Jetzt TAT sie etwas.

Am 08.04. lag ein Zettel im Briefkasten, dass in der Nacht von 17. auf den 18. Rache geübt werden würde. "Wartet es ab", sagte das Geschreibsel. Ich war gespannt. Nicht, dass ich die Leute hätte warnen wollen. Nicht, dass sie mir tatsächlich leid getan hätten. Ich hatte den Wink der Justitia bemerkt. Mitunter muss die Gerechtigkeit selbst ausgeübt werden.

Als ich am Morgen des 18.04. den verkohlten Wagen am Markgrafendamm stehen sah, fühlte ich nicht das Verwerfliche der Tat, sondern eine tiefe Befriedigung. Hier war eine Art kollektive Rechenschaft abgelegt worden; der unter diesen besonderen Umständen mögliche 'Aufstand der Anständigen', eine Bürgerwehr hatte stattgefunden. Autonom war durchgeführt worden, was sonst nicht geschehen wäre.

Oder war es doch lediglich ein Problem der technischen Mechanik gewesen?

Nachtrag: Lt Beratung beim Berliner Mieterverein haben MieterInnen das Recht auf eine 5%-Mietminderung der Gesamtmiete, wenn die Arbeit des Hauswartes nicht üblich verrichtet wird. Die Tatsachen müssen dokumentiert sein. Ein Anspruch auf Austausch des Hauswartes liegt im Ermessen des Vermieters; Anregungen hierfür können von der Mietergemeinschaft kommen.

In unserem Fall wurde der Hauswart seit mehreren Monaten nicht mehr gesichtet und war zum Schluss derart hinfällig, dass von einer jetzigen Bettlägrigkeit auszugehen ist. Die Frau, eine ehemalige Fabrikarbeiterin, hat nicht die Handlungskompetenz, die ihr Mann zumindest theoretisch gehabt hätte um die Aufgaben sachgemäß zu erledigen. Mittlerweile macht sie den Treppenhausputz allein (jede 2. Woche nur "trocken"). Und sie ist rege mit Kehrblech und Besen in der Hand unterwegs, wenn sie meint, es ist für die Zurschaustellung ihres Amtes nötig.


 

Carena Scheunemann
Verhängnis

 

Er hatte sich die Karte rechtzeitig gesichert. Bruce Springsteen, "The Boss", sollte ein letztes Mal im Olympiastadion spielen — es rocken. Er hatte es sich zu Eigen gemacht, noch einmal alle, oder wenigstens so viele wie möglich, Großen der Musikgeschichte live erleben zu wollen. Noch einmal nicht Irdisches auf der Bühne stehen zu sehen und geschichtsprägende Titel zum Besten zu geben, was die Menge in einen tobenden Hexenkessel verwandeln würde. Er war erst etwas über dreißig und hatte daher die wilde Zeit verpasst. Nun musste er wenigstens am Lebensende sagenumwobener Künstler teilhaben. Bei Guns'n'Roses, zum Beispiel, war er damals laut Aussagen seiner Eltern noch zu jung für einen Konzertbesuch gewesen. Als er endlich 16 und somit alt genug war, hatten sie sich schon aufgelöst. Einfach so. Die Wiedervereinigung mit anschliessendem Comebackversuch interessierte ihn nicht mehr. Das war nicht mehr die Band, die er so liebte, nicht das Gleiche. Das war kläglich. Er war aber schon mehrmals bei den Stones gewesen, als sie wieder einmal ein Abschlusskonzert gaben. Und noch eines. Und noch eines. Seine Eltern befanden diese Konzerte als weitaus sicherer, so dass er schon Anfang der Neunziger dabei sein durfte. Sein bisheriges Highlight waren dann aber doch ACDC. Es war im Jahr 2010, im Juni. Oder sogar erst im Juli? Die beiden Monate klangen so ähnlich, dass er sie oft nicht mehr in seinen Erinnerungen unterscheiden konnte. Es war jedenfalls ein denkwürdiger Tag, an welchem er die alten Männer auf der Bühne hat rocken sehen dürfen. Es war unbeschreiblich, wie viel Energie sie noch gehabt haben. Er kannte das sonst nur von den Leuten, die dafür Pillen schlucken mussten.

Heute sollte nun der Tag der Tage sein. Er hatte sich das Datum schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Kalender markiert: 30. Mai 2012. Er war ganz aufgeregt und hatte sich auch schon weit im Voraus den wertvollen Urlaubstag bestätigen lassen. Seine Kollegen in der Werkstatt beneideten ihn förmlich. Er hatte jedoch auch einen gehörigen Teil dazu beigetragen. War er doch wie ein eitler Gockel, die Karte wedelnd in der Hand, entlang der Werkbänke geschritten und hatte sie jedem unter die Nase gerieben.

 

Seinen Wecker hatte er viel früher als sonst gestellt, damit er auch rein gar nichts verpassen würde. Autsch, vor Aufregung hatte er sich den Fuß an der winzigen Kommode in seinem winzigen Zimmer gestoßen. Vor Schreck heulte er auf, biss sich aber sogleich auf die Zunge und hoffte, die anderen nicht geweckt zu haben. Er sprach ein Stoßgebet zum Himmel, dass seine Mitbewohner einen tiefen Schlaf hatten. Manche halfen heimlich nach, das wusste er. Wiederum andere bekamen jedoch Schlafmittel sogar offiziell per Amtsweg verschrieben.

Er machte sich ein rudimentäres Frühstück. Er war so in Gedanken versunken, dass er nicht einmal merkte, dass einer seiner Joghurts fehlte, obwohl er seinen Namen groß und deutlich auf den Deckel und auf den Becher geschrieben hatte. Er war in seiner eigenen Welt.

 

Das Konzert sollte erst 19.30 Uhr beginnen. Er hatte sich vorgenommen, bereits gegen 16.00 Uhr da zu sein, so dass er einen halbwegs annehmbaren Stehplatz ergattern würde. Da er eh einmal vom Osten durch die gesamte Stadt hin zum Westen musste, brach er bereits kurz vor Mittag auf. Den Tag würde er schon irgendwie nutzen. Er war sich sicher, dass er ihn schon rumbringen würde, kam er doch seit Jahren nur noch selten unter Menschen. Er stieg in die S-Bahn und fuhr zuerst einmal bis Ostkreuz, wo er gezwungen war, umzusteigen. Früher konnte man durchfahren, jetzt wurde aber vier Jahre lang gebaut. Vier Jahre! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Quasi eine Ewigkeit! Und wofür? Um aus dem einst seelenvollen noch einen weiteren seelenlosen Bahnhof zu machen.

Er erinnerte sich nur zu gut, wie das altersschwache Bahnkreuz tagtäglich den Menschenmassen trotzte, wie der versteckte obere Bahnsteig der S9, die nur in eine Richtung verkehrte, allmählich zuwucherte, wie das Stückchen Erde, welches den Bahnhof umzingelte, mehr und mehr zur Müllhalde verkam, wie sich die provisorischen Lampengestelle leicht windschief ins Gesamtbild einfügten, wie die unzähligen Plakate, die einen Wandflickenteppich am Ausgang Sonntagsstraße bildeten, den Bogendurchgang zu stützen schienen, wie selten er den anderen Ausgang nahm, dessen Häuschen an die alten Haltestellen im Osten erinnerte, und wie die kleinen Verkaufsstände auf den Bahnsteigen mehr an Favellahütten als an geschmacksanregende und appetitstiftende Verkaufseinrichtungen erinnerten. Er musste schmunzeln, als er an die metallischen Verpackungen der Caprisonne dachte, die, mit einem handschriftlich geschriebenen Preisschild beklebt und seit Jahren an der gleichen Stelle im Schaufenster stehend, leicht angestaubt waren und doch in der Sonne glitzerten.

 

Man hatte den Eindruck, dass Ostkreuz ein provisorischer, ein verwilderter Bahnhof war – wenn nicht sogar ein vergessener Bahnhof. Und doch einer durch und durch mit Charakter, wie man ihn nur noch selten fand – mit Ecken und Kanten aber beständig und vorhersehbar. Ein Charakter, der für etwas stand. Oder wie der Berliner lautmalerisch zu sagen pflegt: "Weeßte, dit is eene Marke für sich, wa!" So etwas fand man immer seltener in Berlin. Bald jedoch ist auch hier die Transformation vollbracht und Ostkreuz würde schlussendlich das gleiche Schicksal wie einst den Lehrter Bahnhof ereilen. Da mussten nämlich schmuckvolle rote Backsteine, kleine kunstvolle Türmchen, schmiedeeiserne Gestelle, unzählige handgroße Glasfenster, deren Halterungen leicht vom Rost angenagt waren, aber doch jedem Wetter standhielten, und der ganz eigene Schick, der den Stil zu Beginn des 19. Jahrhunderts prägte, grauem Beton weichen. Auf Wiedersehen, gehaltvolle Geschichte! Hallo, Moderne!

Just in diesem Moment fiel ihm auch wieder ein, wie absurd es ausgesehen hatte, als neben dem Lehrter Bahnhof, oder um ihn korrekt zu benennen, neben dem Lehrter Stadtbahnhof, das riesige Monstrum Hauptbahnhof hochgezogen wurde. Das kleine aber feine Bahnhofsgebäude trotze bis zum Schluss dem Gang der Zeit und erinnerte an eine einzelne Seepocke auf der Haut eines Buckelwals. Aber auch dann war es irgendwann so weit. Der unaufhaltsame Marsch des so genannten Fortschritts schluckte das wehrlose Überbleibsel vergangener Tage. Die Bahnhofspocke war unweigerlich Geschichte. Für immer verschwunden. Bei diesem Gedanken wischte er sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. Zugegebenermaßen hatte er seine melancholisch-depressiven Phasen. Heute war es wohl besonders schlimm, da ihm auch noch die Nervosität zu schaffen machte, war er doch zusätzlich aufgewühlt.

Nein, nein, nein! Das darf nicht sein! Heute war doch ein besonderer Tag! Und nicht etwa einer solchen Tage, einer dieser speziellen Tage! Er schlich die Sonntagsstraße entlang und blickte auf seinen ehemals so geliebten Bahnhof Ostkreuz. Es war nicht mehr sein Bahnhof, es war nur noch irgendein Bahnhof, dem war er sich jetzt ganz sicher. Das riesige Stahl-Glas-Beton-Dach der Nord-Süd-Trasse stach monströs hervor. Es sah fast so aus, als würde es die beiden schwächelnden Bahnsteige unter ihm zerquetschen wollen. Er schüttelte den Kopf bei der Vorstellung und bemerkte, wie seine Hände zitterten. Eine ihm nur allzu gut bekannte Unruhe ergriff ihn und Gedankenfetzen rasten durch seinen Kopf. Das durfte doch nicht wahr sein! Er hatte seine Medikamente vergessen! Nicht nur, dass er sie sich nicht eingesteckt hatte, dämmerte ihm, nein, auch heute Morgen hatte er sie nicht genommen. 'Wieso, wieso, wieso nur?' fragte er sich zornig. Er hatte doch an alles gedacht, alles geplant, sich alles ausgemalt. Die Gedankenfetzen verwandelten sich in Blitze und sein Schädel dröhnte. Seine Paranoia kroch langsam aber sicher aus ihrem Synapsenversteck. Sein Betreuer hatte ihm beim Gehen noch gefragt, ob er nichts vergessen hätte. Er war aber so in Träumereien versunken gewesen, dass er nur beiläufig genickt und "Jaja" gemurmelt hatte.

 

ACDC. Buchstabe A an erster Stelle, Buchstabe C an Dritter, D an Vierter und noch einmal die dritte Stelle. Eins, drei, vier, drei. In der Summe ergab das elf. Eine Primzahl! Er wusste es! Er hatte schon damals ein ungutes Gefühl gehabt, vielleicht einer Verschwörung auf der Spur gewesen zu sein. Hätte er doch nur auf sein Bauchgefühl gehört. Er blickte noch weiter zurück und ihm überkam die Erkenntnis, dass "Stones" in der Summe 92 ergab. Dreimal die Drei und eine Zwei. Wieder nur Primzahlen! Langsam machte alles Sinn! Seine Schritte wurden schneller. Er schnaufte vor Aufregung und Wut über seine eigene Dummheit. Er ignorierte die Penner im kleinen Park gleich neben den Müttern, oder zu heutigen Zeiten auch vermehrt Väter in Elternzeit, die ein wachsames Auge auf ihre spielenden Kinder hatten, er ignorierte die Cocktailbars mit durchgehenden Happy Hours, so dass es eher Happy Days waren, die multinationalen Imbissbuden und die Spätis, wie sie liebevoll betitelt werden und nur zu oft eine glückselig nächtliche Rettung für Partygänger sind – eine Taubenschlag der Moderne, bei dem in der Dunkelheit das Leben in all seinen Absurditäten zu pulsieren beginnt. Das alles nahm er überhaupt nicht wahr. "Das darf nicht sein!" sprach er immer und immer wieder. Zwischenzeitlich unterbrach er sich nur selbst, um "Ich hätte es wissen müssen!" zu murmeln.

Nun rannte er schon förmlich. Schnell durch den Wandflickenteppich-Durchgang, der früher mal ein funktionierendes Gleis getragen hatte, jetzt aber nur noch von Sandbergen gesäumt war. Die Frage, ob dieser Wall wohl stehen bleiben würde, stellte er sich nicht. Rauf auf die provisorische Metalltreppe, die bereits zum Bersten gefüllt war, obwohl es gerade einmal früher Nachmittag war. Wieso nur konnten Menschenströme nie gleichmäßig und einheitlich fließen? Ordnungsgemäß wie der Autoverkehr? Dafür flossen hier nur zu viele Pendler von links nach rechts, von oben nach unten, von dem einen Bahnsteig zum Ausgang oder zum anderen Gleis gegenüber oder aber von dem einen Bahnsteig über die Treppe zum oberen Bahnsteig. Bei solchen metallenen Stufen hatte er sonst immer Angst, zu schnell zu sein, da man sonst leicht ausrutschen könnte. Heute ignorierte er diese Angst. Er rempelte sogar unzählige Leute an. "Ey, passen Sie doch auf!" wurde ihm des Öfteren hinterhergerufen, aber auch "Arschloch!" und "Spast!" ergossen sich wütend über ihn. Es scherte ihn jedoch nicht im Geringsten, hatte er doch als Einziger das Ausmaß der Verschwörung erkannt. Wie konnte er nur so blind gewesen sein, so selten dämlich, geißelte er sich selbst. Angewidert wichen ihm die entgegenkommenden Personen aus. Er hingegen sah dies als Zeichen, er hätte die Macht, ein Meer zu teilen – ein Menschenmeer!

 

B-R-U-C-E. Das ergab 49. Sieben mal sieben. Wieder nur Primzahlen! Ihm war nun klar, dass er alles in seiner Macht stehende tun musste, das Konzert zu verhindern. Alles nur Menschenmögliche. Hatten die Verschwörungstheoretiker doch recht gehabt. B-O-S-S. Zwei plus 15 plus 19 plus 19 mach insgesamt 55. "Oh mein Gott!", brabbelte er "Lass es noch nicht zu spät sein!" Die Quersumme der beiden Primzahlen ergab 10. Eins und Null. Wie beim Computer. Strom an, Strom aus. Würde etwa sonst der Strom des Systems ausgeschaltet werden? Würde ein Zusammenbruch bevor stehen? Die Apokalypse? Eins. Null. Die Zeit rann ihm durch die Finger. Er hatte das Gefühl, eine zerbrochene Sanduhr in den Händen zu halten. Die Scherben in seinem Kopf hingegen schillerten in allen Farben. Ihr Klingen verhallte erst friedlich, nur um dann mit voller Wucht wieder aufzublitzen. Seine Augäpfel schmerzten, als würde jemand von innen seine Daumen dagegen drücken. "49, 55, 49, 55", wimmerte er im Singsang, "Sieben, sieben, fünf, fünf". Sein Innerstes zog sich zusammen, er verkrampfte und kauerte an der Bahnsteigkante. "Die Verschwörung muss aufgehalten werden!" brüllte er. Dieser Aufruf steigerte sich in einen herzzerreißenden Schrei, kurz bevor er sich vor den einfahrenden Zug in Richtung Olympiastadion warf.

 

Der Zugverkehr sollte aufgrund eines "Personenschadens im Bereich Ostkreuz" für mehrere Stunden unterbrochen werden. Später sollten die Zeitungen unerwartet sachlich über den Vorfall berichtet haben. Die Polizei schloss Fremdverschulden sehr schnell aus. Dennoch wurden alle Personen innerhalb des Programms "Betreutes Wohnen", einschließlich des Sozialpädagogen, eingehend befragt. Auch hier konnte keinerlei Vergehen festgestellt werden. Ein resozialisierter Kollege soll sogar in seinem Nachruf über ihn gesagt haben, dass, er an Verschwörungstagen, wie er sie selbst nannte, nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen sein soll, was ihm dann leider auch zum Verhängnis wurde.


 

Manuela Schulz
Treffpunkt Ostkreuz

 

Ein Nachmittag Ende Dezember. Es war schon fast dunkel. Der kalte Atem des Winters verdichtete den aufziehenden Dunst zu Nebelschwaden, die ihrerseits zu feinem Nieselregen kondensierten. Die junge Frau stand auf dem Bahnsteig. Mit ihrem grauen Wintermantel, der schon bessere Tage gesehen hatte, und dem tief ins Gesicht gezogen grauen Hut verschmolz sie fast mit dem Pfeiler, an den sie sich gepresst hatte. Niemand schien sie zu bemerken. Passanten hetzten an ihr vorbei. Alle hatten es eilig den nächsten Zug zu erreichen, der sie nach Hause brachte ins Warme, ins Helle.

Die junge Frau wollte nicht nach Hause, ganz im Gegenteil. Ihren kleinen Koffer hatte sie unauffällig hinter sich geschoben. Je weniger von ihm zu sehen war, desto besser.

"Nur ein Gepäckstück, Louise", hatte Hermann gesagt. "Eine Tasche oder einen kleinen Koffer. Auf keinen Fall mehr." Hermann hatte gut reden. Wie sollte sie in nur einer Tasche ein ganzes Leben unterbringen, oder das, was davon noch übrig war? Was war es wert mitgenommen zu werden? Bilder von früher? Ihre Lieblingsbücher? Ihre Noten? Die Entscheidung war ihr schwer gefallen. Was ihr wirklich am Herzen lag, konnte man nicht in einen Koffer packen. Ihre Freunde, ihre Wohnung, ihren Flügel und vor allem ihre Großmutter.

Bei dem Gedanken an Omi füllten sich Louises Augen mit Tränen. Hastig versuchte sie diese wegzublinzeln. Sie hatte sich bis zuletzt gegen Hermanns Pläne gewehrt Deutschland zu verlassen. Ihre Großmutter hatte jedoch darauf bestanden, dass sie gingen.

"Louischen!" hatte sie im Herbst gesagt, als Hermann, wie so oft, zum Abendessen da war. "Es wird Zeit. Geht, solange ihr noch könnt."

"Und was wird aus dir?" entgegnete Louise. Sie hatten diese Diskussion bestimmt schon ein Dutzend Mal geführt. "Ich gehe nur, wenn du mitkommst. Wer soll sich um dich kümmern?"

"Kindchen, ich bin zwar alt, aber weder krank noch senil. Ich kann mich gut um mich selber kümmern. Ich bin in Berlin geboren und will hier auch irgendwann einmal sterben. Einen so alten Baum wie mich pflanzt man nicht mehr um. Wer soll denn Dienstags mit Frau Blumenstein und Frau Kohlhoff Canasta spielen? Die beiden brauchen mich doch. Was soll mir schon passieren? Verhungern lassen sie mich bestimmt nicht."

Louise gab sich geschlagen. Was sich ihre Großmutter in den Kopf gesetzt hatte, konnte man ihr selten wieder ausreden.

Nun stand sie hier am Ostkreuz und wartete auf Hermann, der mit dem Zug aus Erkner kommen wollte. Vor lauter Aufregung war sie viel zu früh eingetroffen. Zehn Minuten noch! Eine Ewigkeit, wenn man das Gefühl hat, dass jeder einen beobachtet.

Ihr Blick fiel auf das Revers ihres Mantels. Omi hatte zwar gesagt es wäre überhaupt nichts zu sehen. Aber für Louise stachen die Löcher, die der schwarze Faden, mit dem sie den gelben Stern auf das Revers genäht hatte, förmlich ins Auge. Sie hatte solange auf dem grauen Stoff herumgerieben, bis er anfing sich aufzurauen. Omi hatte ihr die kleine Bürste aus der Hand genommen. "Man sieht nichts", hatte sie ihr versichert.

Die falschen Papiere, die Hermann besorgt hatte, waren nun seit dem endgültigen Ausreiseverbot ihre letzte Hoffnung. Ein dünner Strohalm auf dem Weg ins Ungewisse. Am Ende des Weges winkten die Freiheit und ein Leben ohne Bedrohungen und Drangsalierungen. Hermann und sie könnten heiraten und endlich Kinder haben. Wenn alles gut ging, würden sie morgen um diese Zeit schon in der Schweiz sein. Wenn alles gut ging.

Louise blickte sich um. Bestimmt fiel es auf, wenn sie hier so lange mit einem Koffer stand, ohne einzusteigen. Jemand würde misstrauisch werden und am Ende sogar die Polizei rufen. Sie atmete tief ein und aus. Jetzt durfte sie nicht die Nerven verlieren. Sie durfte sich nicht von der aufsteigenden Panik überwältigen lassen!

Die Zeiger der Bahnhofsuhr schlichen vier Uhr entgegen. Louise versuchte vergeblich im Nebelgrau des Gleisbetts die Lichter eines einfahrenden Zuges auszumachen. Es war nichts zu sehen. Plötzlich schallte eine Stimme über den Bahnhof. "Achtung, Achtung! Der Zug aus Erkner auf Bahnsteig E hat voraussichtlich 10 Minuten Verspätung."

Louises Magen krampfte sich zusammen. Ihr Herz raste. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.

Sie versuchte ihren Koffer noch weiter hinter den Pfeiler zu schieben. Der Bahnsteig füllte sich. Vielleicht war das ein Vorteil. So fiel sie weniger auf. Immer mehr Menschen strömten von der Treppe auf den Bahnsteig, unter ihnen zwei Polizisten. Hoffentlich gingen sie nicht in ihre Richtung. Louise vergrub ihre Hände in den Manteltaschen. Dabei stieß sie auf den kleinen Kiesel, den Hermann vor zwei Jahren Sommer am Grunewaldsee gefunden hatte. Er war schwarz und herzförmig. Hermann hatte ihn auf ihre Handfläche gelegt und zärtlich ihre Finger um den Stein geschlossen. "Ich lege mein Herz in deine Hand", hatte er geflüstert und sie das erste Mal geküsst. Seine Lippen schmeckten nach Erdbeeren, Sonne und Glück. Seitdem war der Stein ihr ständiger Begleiter und Talisman.

Louise hatte das Gefühl beobachtet zu werden. Sie drehte den Kopf ein Stück zur Seite und sah die kleine, rundliche Frau, die in ihre Richtung sah. Erschrocken zog Louise die Luft ein. Das war Frau Herzog, ihre ehemalige Klavierlehrerin von der Musikschule. Frau Herzog stand da, starrte sie unverhohlen an, ohne eine Regung zu zeigen. Ob sie sich an sie erinnerte? Bestimmt. Louise war Klassenbeste gewesen. Frau Herzog hatte ihr eine große Zukunft prophezeit. Bis die neuen Gesetze in Kraft traten und man alle jüdischen Studenten der Schule verwiesen hatte. Frau Herzog durchbohrte die junge Frau weiterhin mit einem ausdruckslosen Blick. Louise dreht sich schnell wieder um. Ganz gewiss hatte ihre alte Lehrerin bemerkt, dass sie keinen Judenstern trug.

Die Polizisten hatten das Ende der Treppe erreicht und bewegten sich langsam auf Louise zu. Sie biss sich auf die Lippen. Sollte sie schnell den Bahnsteig verlassen? Oder doch besser stehen bleiben? Die Polizisten kamen näher. Louise sah, wie sie miteinander sprachen. Der eine wies dabei mit der Hand in ihre Richtung. Louise stockte der Atem. Sie war bestimmt nicht gemeint. Oder doch? Gleich kam der Zug und Hermann, dann konnte sie weg von hier. Louise drehte sich um und erstarrte.

Frau Herzog hatte sich in Bewegung gesetzt und bahnte sich an ihr vorbei einen Weg durch die wartende Menschenmenge. Sie steuerte geradewegs auf die Polizisten zu. Das ist das Ende, schoss Louise durch den Kopf. Sie wird mich verraten.

Frau Herzog hatte die Polizisten fast erreicht. Louise griff nach ihrem Koffer. Sie könnte sich auf der anderen Seite des Pfeilers verstecken. Doch das würde ihr nur für einen Moment Sicherheit geben. Sie konnte nirgendwo hin. Sie musste auf Hermann warten.

Frau Herzog sprach die Polizisten an. Wild gestikulierend zeigte sie immer wieder zum entgegengesetzten Ende des Bahnsteigs. Die Polizisten nickten verständnisvoll. Der eine legte ihr eine Hand auf die Schulter als wolle er sie beruhigen. Frau Herzog schüttelte den Kopf und packte beide Polizisten bei den Uniformärmeln. Sie zog die Männer mit sich zurück in Richtung Treppe.

Im Gehen drehte sich Frau Herzog nochmals um und sah in Louises Richtung. Ihre alte Lehrerin lächelte und nickte ihr zu.

Aus der Ferne zerschnitten die Lichter des einfahrenden Zuges aus Erkner den Nebel im Gleisbett auf Bahnsteig E.


 

Hans Joachim Kleinschmidt
Abenteuerreise Ostkreuz

 

Wenn einer eine Reise tut, kann er was erzählen! Heidi und Hajo befinden sich auf der Rückreise von Hannover nach Berlin-Ostbahnhof. Der von uns benutzte Zug hatte bereits in Hannover über fünfzig Minuten Verspätung, die er auch bis Berlin nicht wieder einholen konnte. Wir kamen mit siebenundfünfzig Minuten Verspätung am Ostbahnhof an und meldeten diese sofort im Service-Center. Aber man belehrte uns bundesbahnfachmännisch, dass ein Regress erst ab sechzig Minuten wirksam wird. Das bedeutet für den Fahrgast, dass seine verlorene Zeit sein eigenes Problem bleibt. Also bekamen wir "nischt".

Ein Lichtblick war für uns die funktionstüchtige Rolltreppe zu den S-Bahngleisen. Die uns erteilte Information lautete: Benutzung der S-Bahn bis Ostkreuz, dann weiter mit der Ringbahn in die gewünschte Richtung. Da wirft sich für uns die naive Frage auf, warum wurde denn die bequeme S-Bahntrasse von Stadtbahn über Ostkreuz nach Treptow schon zu Beginn der unendlichen Umbauzeit des Bahnhofs Ostkreuz eliminiert? Das ist eine offensichtliche Verschwörung der Bauherren gegen die geplagten Reisenden.

Am Ostkreuz angekommen, wuselt sich Heidi, die noch etwas besser zu Fuß ist, zur Treppe durch, um zur Ringbahn zu gelangen. Ich ziehe schnaufend meinen geräderten Koffer, nein, gerädert fühle ich mich selbst, mein mit Rollen ausgestattetes Gepäck ebenfalls bis zur Treppe. Dieses improvisierte Prunkstück betrachte ich als weitere Verschwörung der Konstrukteure gegen die Benutzer. Die Stufen sind im Höhenabstand nicht entsprechend der Norm. Dadurch haben Körperbehinderte besonders große Probleme beim Hinauf- und Hinuntersteigen. Mit der rechten Hand den Handlauf nutzend, schleppten wir uns und unser Gepäck die Stiegen zu den Ringbahngleisen hinauf. Ein eisiger Wind begleitete unser Fortkommen. Die passende S-Bahn brachte uns geschafft aber glücklich endlich nach Hause.

Mein Fazit als gelernter ehemaliger Eisenbahner: Solch ein Chaos habe ich in der gesamten Dienstzeit bei der Deutschen Reichsbahn nicht erlebt. Dabei haben wir Eisenbahner über auftretende Mängel gelästert und kritisiert. Wir nannten dann den riesigen Betrieb despektierlich Forma Not und Elend oder, nach dem Namen unseres höchsten Chefs: "Kramers Fuhrbetrieb". Die Privatisierung der Bahn halte ich für die größte Verschwörung zum Nachteil der armen Reisenden, wovon schlechthin nicht nur das Ostkreuz betroffen ist.


 

Miryam Kirschner
Die Verschwörung des Fiaskos zu Genua

 

Sie hatte entschieden, dass mit dem Sprung in die Freiheit am Ostkreuz niemanden geholfen sei. Nachdem sie 12 mal tief ein- und ausatmete fand sie in der Menschenmenge endlich den Ausgang zur Sonntagstraße.

Endlich erschöpft zu Hause angekommen schmeißt sie sich zu Hause auf die Couch und schaltet den Fernseher ein.

Eine Dokumentation erlangt Ihre volle Aufmerksamkeit. Plötzlich ist sie wieder hellwach. Was sich da vor ihren Augen ausbreitet ist im wahrsten Sinne der reinste Wahnsinn.

Ein kleines unschuldiges Baby erkundet im voll verkabelten Zustand seine Welt, lacht und krabbelt umher, die Eltern immer stolz in Szene gesetzt.

Der wissenschaftliche Vorstand der Fakultät "Human Factor" erklärt die Funktionen der Kabel, die dem Baby teilweise den Weg weisen. Teilweise zieht das kleine so unbeirrt umhertrollende Wesen die Kabel nach sich.

"Dieses Baby" fängt er an zu erklären, "das noch nichts von seiner Welt versteht, verhilft uns, auf verspielte Art und Weise dank seiner Erkundungen einen Computer zu kreieren, an dem die erfolgreichsten Wissenschaftler aus Genua mitarbeiten dürfen – die erste künstliche Intelligenz wird uns noch dieses Jahrzehnt überraschen."

Mit Genua konnte sie bisher nicht viel in Verbindung bringen, außer daß es sich um eine Stadt im Nordwesten Italiens handelt und sie dieses Stück von Schiller "Die Verschwörung des Fiescos zu Genua" gelesen hatte, in dem sie die zerissene Julia spielen durfte.

"Das Baby ist zweiundzwanzig Stunden pro Tag angeschlossen und ein Gerät, dem EEG ähnlich, zeichnet die Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen dieses süßen kleinen Menschen auf – eine bahnbrechende neuartige Methode, die der Entwicklung des zukünftigen Baby-Computers dient – ein Baby-Computer, der uns den Weg in eine neue Zukunft weisen wird ... Endlich werden wir verstehen können, warum sich der Mensch in welcher Situation wie verhält. Forscher der Psychologie – die undurchsichtigste Wissenschaft von allen - die Behavioristen sowie Psychoanalytiker werden sich endlich ihre Irrtümer eingestehen und sich nicht mehr streiten müssen."

Plötzlich hört sie Kirchenglocken im Dorf. 'Sind das die Kreationisten?!' flüstert sie und erschreckt sich über ihre eigenen Worte. Glücklicherweise sind es "nur" die Glocken aus dem Fernseher. Der Moderator grinst als würde er die Dachgiebel einer längst verlorenen Zeit im Hintergrund schmücken.

Aber was ist jetzt los? Der Sender springt um. Der Fernseher zeigt ein anderes Programm an, und das, obwohl sie noch nicht mal die Fernbedienung berührt hat. Es scheint sich auch um eine Dokumentation zu handeln - Thema Kinderarbeit. Dem Bericht zufolge wird 70 % der Kakao-Ernte von der Elfenbeinküste nach Deutschland importiert und an Ferrero geliefert — von Kindern für Kinder. Die Dokumentation ist zu Ende. In der Werbepause erscheint ein Schokoriegel, der mit seinem Milchglas flirtet — Kinderschokolade.

Sie muss aufs Klo und stellt noch schnell um auf die Dokumentation mit dem Baby. Auch hier ist gerade Werbepause. Ein Kind spielt mit einem dieser Figürchen aus der Kinderschokolade, die ganz einfach da sind, ohne Bastelanleitung, eines der 33 Serienfiguren mit Antenne auf dem Kopf. Oh nein, hier ist die Werbung schon vorangeschritten. Seufzend geht sie auf die Toilette.

Als sie wiederkommt läuft ein Bericht über Mädchenbeschneidungen.

Die andere Doku war doch noch nicht zu Ende. Ist der Fernseher wieder umgesprungen? Wo ist die Fernbedienung? Oh, sie hat sie auf dem Klo vergessen. Sie hat sie auf dem Spülknopf abgelegt, und nun ist sie zwischen der Heizung und der Wand gerutscht. Es dauert eine Weile, bis sie die Fernbedienung befreit hat.

Sie zappt weiter. RTL wirbt für eine Liebesgeschichte. 'Das ist doch bestimmt die Wiederholung einer solchen Komödie, die mich nur langweilen täte', denkt sie.

Auf einmal tut sich auf dem Bildschirm Big Brother auf. Big Brother, die 888. Staffel. Mittlerweile hat jeder der Bewohner dieses Hauses ein Geheimnis, wovon nur Big Brother eingeweiht ist. Jeder der Kandidaten, der wie auch immer auf das Geheimnis eines Mitbewohners kommt, kann von den Fernsehzuschauern nicht nominiert werden, das heißt nicht rauskatapultiert werden. Am Ende entscheidet also Big Brother?

Wie auch immer.

Sie möchte den Fernseher durch vier teilen. Glücklicherweise hat sie so einen Fernseher, bei dem sie vier Bilder gleichzeitig aufrufen und sehen kann.

Sie eruiert, auf welchen Sendern die Dokumentationen laufen und findet endlich den Bericht über das Baby.

Aber wo ist das Baby geblieben, dieses leibhaftige Geschöpf, wo ist es hin?! Auf einmal überfällt sie eine Angst, die wohl nur Mütter für ihre kleinen Sprösslinge spüren können, dieses Gefühl, leibhaftig mit einem Baby in Verbindung zu stehen, gesetzt den Fall, es wurde auf natürliche Art und Weise zur Welt gebracht.

Da! Endlich, da krabbelt es! Rechtzeitig kann sie noch beobachten, wie sich das Baby mit einer schlauen Mine von einem Kabel entheddert.

Hat es sich jetzt befreit, oder wird es ihm nur vorgegaukelt?

Das passiert also in Genua – was sich die Italiener alles so ausdenken, aber sie möchte erst gar nicht wissen, wie es woanders ausschaut.

Warum wurde gerade dieses Baby für die Experimente ausgewählt, und wie viel Geld wurde wohl dem über beide Ohren grinsenden Elternpaar angeboten, das ihrem Baby nun seine ganze Zukunft sichern kann: vom Elite-Kindergarten angefangen über die Elite-Uni. Einen Elite-Partner. Eine Elite-Beerdigung in einem Elite-Sarg auf einem Elite-Friedhof – was sonst?! Nicht ganz uneigennützig auch eine Elite-Alterspension für die lieben Eltern, die sich so sehr ihr ganzes Leben für Ihr Elite-Baby eingesetzt haben.

Ist dieses Baby womöglich eine gentechnische Kreatur von Chromosomen aus Heidi Klums Erbmaterial und dem entscheidenden konservierten y-Chromosom des DNS-Strangs von Albert Einstein? – Sozusagen eine perfekte Mischung?

Oder hat etwa doch ein Baby-Casting stattgefunden, und alles ist viel humaner als wir es uns denken.

Vielleicht hat sogar beides stattgefunden... Ein Baby-Casting zwischen Auserkorenen... Sie ist nämlich nicht so naiv zu glauben, daß alle Auswahlverfahren über eine einzige Agentur laufen, auch hier gibt es einen Wettbewerb und hohe Konkurrenz – verschiedene Firmen, die jede für sich eine Kartei zusammenstellen von Elite-Schönheiten und Elite-Intelligenzen... hochgezüchtete edle Menschen, die sich alle selbst übertreffen... auch eine Form von natürlicher Auslese, denn sind alle Menschen hochgezüchtet, bleibt eben immer noch ein Rest Sozialisation, die erklärt, warum ein Mensch so wird wie er ist.

Nachdem die Dokumentation endlich Ihren Schluß gefunden hat, wird der Film "Sie sind ein schöner Mann" angekündigt.

Nach dem Tod der Frau, die beim Kurzschluss der Melkmaschine das Zeitliche segnet, muß Ersatz her — weniger fürs schöne Gefühl als fürs schmutzige Geschirr. Wie sich schließlich ein trister Bauernhof in Frankreich durch den Einfluß einer Rumänin verwandelt, wird sagenhaft mit einer ordentlichen Portion Humor erzählt. Also doch noch ein Happy End.

Endlich müde, aber zufrieden fallen ihr die Augen zu.


 

Michael Guske
Die Geister vom Bahnsteig F

 

Beinahe wäre der alte Mann eingenickt, doch sein Unterbewusstsein lässt ihn wieder hochschrecken. Er weiß, dass er den Halt im Bahnhof Ostkreuz nicht verschlafen darf. Dort muss er raus, und seine Freunde hatten ihm gesagt, dass er nur wenige Minuten Zeit zum Umsteigen in die Ringbahn hat. Er darf diesen Zug nicht verpassen, denn der ist der letzte vor der Betriebspause. Ansonsten müsste er fast drei Stunden warten, bevor ihn die erste Bahn in den Norden Berlins bringt, wo er in einer preiswerten Pension für die Dauer seines Besuches in Berlin wohnt.

Berlin! Über 40 Jahre ist es jetzt her, seit er die Stadt verlassen hat. Sein Militärdienst war zu Ende und er ging zurück nach Kanada. Er hatte in Westberlin viele deutsche Freunde zurück gelassen. Sie hatten sich geschrieben, miteinander telefoniert und später übers Internet mit Email und Skype miteinander kommuniziert. Doch erst jetzt hatte er es geschafft, wieder in die Stadt seiner Jugend zurückzukehren. Ein Transatlantikflug ist teuer, das Geld bei ihm war immer knapp. Aber jetzt hatte er sich seinen Traum erfüllt. Viel ist passiert in den letzten zwanzig Jahren. Die Mauer ist gefallen, Berlin ist wieder eine vereinte Stadt. Seine Freunde schrieben ihm voller Begeisterungen von den Veränderungen, die hier passierten, von dem Leben, dass in die einstmals pulsierende und dann zerissene Metropole wieder eingekehrt ist, von der Stadt, die aus ihrem Schlaf erwacht ist und nun keinen Schlaf mehr findet. Für den Flug gingen fast seine gesamten Ersparnisse drauf, doch was sein wird, wenn er wieder zu Hause ist, schert ihm im Moment wenig. Zu sehr ist er fasziniert von dem, was er jeden Tag erlebt. Er schläft wenig in diesen Tagen, doch so spät wie dieses Mal war er bisher noch nicht unterwegs.

Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof verlangsamt sich die Fahrt, dann bleibt der Zug stehen. Unruhig schaut er auf seine Uhr. 'Das wird knapp', denkt er und holt aus seiner Jackentasche den Zettel mit den eilig hingekritzelten Abfahrzeiten hervor. 'Verdammt knapp.'

Dann blickt er wieder angestrengt auf die Uhr, als könne er allein durch die Kraft seiner Gedanken die Zeiger zwingen, sich langsamer zu bewegen.

Doch dann, nach einer quälend langen Zeit, setzt sich die Bahn wieder in Bewegung. Er steht schon an der Tür und drückt den Knopf zum Öffnen, bevor der Bahnhof überhaupt erreicht ist. Endlich kommt der Zug zum Halten und mit einem leisen Zischen öffnet sich die Tür. Er orientiert sich kurz, dann steigt er aus und läuft eilig zur Treppe, die auf den neuen Ringbahnsteig führt. Ein kurzer Blick nach oben zeigt ihm, dass die Ringbahn Richtung Norden schon eingefahren ist. Einige Fahrgäste, wesentlich jünger als er, laufen an ihm vorbei, nehmen mehrere Stufen auf einmal und haben nach kurzer Zeit den oberen Bahnsteig erreicht. Er ist jetzt allein auf der Treppe. Inständig hofft er, dass der Zug auf ihn warten wird. Der Fahrer muss doch Verständnis dafür haben, dass er noch mit muss, dass er sich ein Taxi nicht leisten kann. Er hofft darauf, dass jemand ruft: "Halt, warten Sie, da ist noch jemand auf der Treppe, ein alter Mann, der kann nicht so schnell laufen".

Die Treppe erscheint ihm noch länger als sonst, die Stufen nehmen kein Ende. Er merkt, wie sein Herz rast, doch noch schneller kann er nicht. Bevor er oben ankommt, hört er das Abklingeln und kurz darauf verlässt der Zug den Bahnhof. Zu spät. Langsam nimmt er die letzten Stufen. Er zieht sich am Geländer hoch und atmet schwer. Der Bahnsteig ist hell erleuchtet, aber menschenleer. Die Anzeige wechselt von "Ring 41" auf "Kein Zugverkehr".

Bevor er überlegen kann, was er jetzt machen soll, muss sein Herz zur Ruhe kommen. Er spürt die Stiche in seiner Brust und sieht sich nach einem Sitzplatz um. Eine Bank, besser gesagt, vier metallene aneinander geschweißte Einzelsitze, unmittelbar in seiner Nähe, im Lichtschatten eines noch nicht eingerichteten Kioskes, sind sein Ziel.

Erleichtert lässt er sich nieder. Der Atem geht immer noch stoßweise, die Stiche sind schmerzhaft, doch sein Herz scheint sich zu beruhigen. Der Herzschlag wird langsam und immer langsamer und plötzlich fallen ihm die Augen zu.

Er kommt wieder zu sich. Er muss geschlafen haben, wie lange, weiß er nicht. Seine Hände sind kalt, aber er friert nicht. Plötzlich hat er das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Er sieht sich um. Einige Meter entfernt, im Lichtschein der Bahnhofsbeleuchtung, befindet sich eine weitere Bank, vier Sitze, zusammengeschweißt, in der Mitte eine Ablage fürs Gepäck. Auf dieser Bank sitzt ein Mann.

 

Anton ist der Erste, wie immer. Und wie immer sitzt seine Eisenbahneruniform akkurat, die rote Mütze auf seinen Kopf leuchtet wie Klatschmohn auf einer Sommerwiese, die Abfertigungskelle hat er fest in der Hand. 37 Jahre hat er auf dem Bahnsteig F die Züge abgefertigt, erst die Ringbahnen, dann, nach dem Mauerbau, den Oranienburger, dessen Holzabteile immer ein wenig nach Fisch rochen, den Grünauer, der grün bezogene gepolsterte Sitze hatte, den KWer und natürlich die Pendelzüge zur Greifswalder. Er kannte jeden Fahrplan auswendig, jeden Fahrer mit Namen, jede Niete an den alten Säulen, die das Bahnsteigdach trugen. Die S-Bahn war sein Leben, bis zu jenem Tag, als die Uniform seinen schwachen Körper nicht mehr aufrecht halten konnte. Er brach zusammen in dem kleinen Häuschen, das dem Bahnsteigpersonal ein bisschen Schutz bot bei Wind und Kälte. Als der Fahrer des Aussetzzuges nach Baumschulenweg ihn fand, verwundert, dass er nicht abgefertigt wurde, war es schon zu spät. Anton war tot, wenige Wochen vor der Pensionierung. Doch Anton konnte selbst als Toter nicht von seinem Bahnsteig lassen. Jede Nacht kommt er her, um nach dem Rechten zu sehen, die Uniform gebügelt, die Mütze strahlend rot. Auch die Kelle hat er bei, man weiß ja nie.

"Na, Anton, du oller Schaffner, was guckst du so missmutig?" Veilchen legt Anton zur Begrüßung die Hand auf die Schulter und setzt sich neben ihn. Veilchen heißt eigentlich richtig Gisela, aber jeder sagt Veilchen zu ihr. Sie hat Blumen verkauft, unten auf dem Bahnsteig E, nach Ostbahnhof in die eine, nach Erkner in die andere Richtung. Eines Tages stieß sie aus Versehen einen kleinen Wassereimer um, in dem schon etwas verwelkte Nelken standen. Sie rutschte aus, fand keinen Halt und stürzte auf ein Stück Styropor. Pech für sie, dass in dem Styropor lange Drähte aufrecht steckten, mit denen sie eigentlich die Köpfchen der Nelken abstützen wollte, um sie frisch und kräftig aussehen zu lassen. Einige der Drahtenden bohrten sich direkt durch die Brust in ihr Herz.

"Ich weiß nicht, ich weiß nicht", sagt Anton, "ich kann mich einfach nicht an diesen Anblick gewöhnen". Anton deutet mit der Hand unbestimmt über den Bahnsteig. "Wie sieht das denn aus? Das soll unser Ostkreuz sein? Das kann auch genauso gut der Hauptbahnhof von Paderborn sein oder ein deutsches Entwicklungshilfeprojekt für Kambodscha."

"Gibt’s in Kambodscha überhaupt eine Bahn?" Veilchen schaut nachdenklich.

"Keine Ahnung, ist doch egal, aber das hat doch hier alles nichts mehr mit dem alten Ostkreuz zu tun. Das hat doch keine Geschichte, das atmet doch nicht!"

"Anton, du alter Pufferküsser, was schimpfst du schon wieder?" Aus dem halbdunklen Hintergrund taucht Fritz auf, in seiner verblichenen Wehrmachtsuniform, das Käppi schief auf dem Kopf. Fritz hatte in den letzten Apriltagen des Weltkrieges den Wasserturm und die angrenzenden Schrebergärten für seinen Führer gegen Bolschewismus und Zwangskollektivierung verteidigt. Das klappte aber nicht, denn ein russischer Scharfschütze hatte Fritz ein sauberes Loch mitten in die Stirn geschossen. Für Fritz war der Krieg und auch alles Andere damit zu Ende, die Schrebergärten wurden von der Roten Armee erobert. Fritz setzt sich hin, rückt das Käppi zurecht, holt ein leicht graustichiges Taschentuch aus der Hosentasche und poliert damit die Nahkampfspange, die er über der linken Brust trägt.

"Du kannst die Uhr nicht zurück drehen, glaub’ mir, ich weiß das. Der alte Bahnsteig ist weg, futsch, abgerissen, p-u-l-v-e-r-i-s-i-e-r-t." Das letzte Wort dehnt er besonders lang und betont jeden Buchstaben einzeln. Fritz liebt diese bildhafte Sprache, 12 Jahre Wochenschau haben ihre Spuren hinterlassen. "Ist doch so, oder, Richard, was sagst du?" Fritz schaut den Neuankömmling, der in diesem Moment auf sie zukommt, lauernd an. Er kann Richard nicht besonders gut leiden. Richard ist ein ganz und gar unmilitärischer Mensch. In seinem Leben hatte er irgendwas mit Musik zu tun, ist dann aber völlig abgestürzt. Vor einigen Jahren ist er am Heiligabend, nachdem er seine Mutter im Altersheim besucht hat, noch durch einige Eckkneipen gezogen, die es damals noch am Bahnhof gab. Völlig betrunken, ist er dann auf dem Bahnsteig eingeschlafen und in der bitterkalten Nacht erfroren.

Richard zieht die schmalen Schultern hoch und nickt. "Ja, klar, ist alles neu hier. Was war, ist vorbei. Finde Dich damit ab, Anton, jetzt beginnt eine andere Zeit." Richard ist nicht besonders engagiert. Seit Wochen reden sie jede Nacht über dieses Thema. Anton kommt davon nicht los, aber ihm ist es egal. Er hat das Ostkreuz noch nie besonders gemocht, es hat ihm sogar manchmal Angst gemacht. Dunkel, kalt, verfallen, in Stahl und Stein gehauene preußische Eisenbahnkultur. Nee, das war nicht sein Ding. Es kann nur besser werden.

Ein bunter Rucksack fällt vor ihre Füße, mit einem leuchtend gelben Smiley drauf. Ein junges Mädchen taucht leise wie ein Schatten auf und hockt sich wortlos auf die Gepäckablage in der Mitte der Bank. Maria ist noch nicht lange dabei, erst seit dem letzten Sommer. Sie hatte sich vor eine S-Bahn geworfen. Warum, wissen die Anderen nicht so genau. Maria spricht wenig, sie wissen nur, dass sie aus Bosnien kommt und großen Kummer hatte. "Kummer", mehr hatte sie nicht gesagt, als sie sie nach dem "Warum?" fragten. Sie fragten nicht mehr und haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass Maria jede Nacht bei ihnen sitzt und nichts sagt. Manchmal lächelt sie ein wenig, aber meistens sieht sie sehr traurig aus. Maria nickt kurz in die Runde, holt Tabak und Papier aus ihrer Jackentasche und dreht sich eine Zigarette.

"Ja, klar, weiß ich doch", Anton fühlt sich missverstanden. "Natürlich ist das alles jetzt weg. Aber so", seine Hand beschrieb einen Halbkreis, "aber so geht das doch auch nicht. Man kann uns doch nicht so einen seelenlosen Kasten hinsetzen. Ob Bahnhof, Einkaufscenter, Hotel oder Flughafen, das sieht doch heute alles gleich aus! Als wenn eine riesige Betonfabrik die Einzelteile ausspuckt und die dann immer nur ein bisschen anders zusammengesetzt werden." Anton rückt sich die Krawatte zurecht und überprüft mit geübter Handbewegung den korrekten Sitz seiner Dienstmütze.

"Und, was willst du dagegen machen?" Fritz ist fertig mit der Politur seines Ordens, steckt das sorgfältig zusammengefaltete Taschentuch ein und schaut interessiert zu Anton herüber.

"Ja, Anton was willst du machen?" hakt Veilchen nach. "Wir sind nur gottverdammte Zombies, die aus irgendwelchen Gründen immer noch hier abhängen, obwohl wir eigentlich schon lange friedlich in der Erde liegen sollten."

"Wir müssen ein Zeichen setzen gegen diese zunehmende Verschandelung, diese kultivierte Leblosigkeit." Anton ist aufgesprungen und schaut die anderen an.

"Diese was?" Fritz blickt irritiert zu Anton auf.

"Er meint diese in Beton gegossene Langeweile, die dann der Öffentlichkeit als große Nummer verkauft wird. Dafür bekommt der Architekt soviel Schotter, dass es dann leider für ein komplettes Bahnsteigdach nicht mehr reicht." Richard sprich leise und schaut dabei auf einen Plakat, dass jemand auf die blinde Scheibe des Kiosks geklebt hat. 'Lebe jeden Tag. Klangschalenmeditation mit Meister Lari Shang.' ist dort zu lesen, dazu das Foto eines gütig dreinblickenden kahlköpfigen Mannes, der wie ein Klon vom Dalai Lama aussieht.

"Genau, Richard hat’s erfasst. Wir müssen zeigen, dass wir uns so das neue Ostkreuz nicht vorgestellt haben."

"Na ja, so schlecht ist das ja bis jetzt auch nicht." Veilchen sieht sich in der Halle um. "Es gibt ein Dach und Wände an den Seiten. Denk dran, Anton, früher hat es immer gezogen wie Hechtsuppe. Man konnte sich ja den Tod holen auf diesem Bahnsteig … äh … uups … Entschuldigung … Anton." Veilchen bricht ab, doch Anton scheint nichts gemerkt zu haben.

"Also, Anton, was schlägst Du denn vor? Sollen wir uns auf die Gleise legen? An die Signale ketten? Ein riesiges Transparent aufspannen: Wir wollen unser altes Ostkreuz wieder haben? Das ist doch alles Quark. Den meisten Leuten ist das doch völlig Wurscht, wie es in ihrer Stadt aussieht. Hauptsache, zu Hause liegt die Häkeldecke ordentlich über dem Fernseher." Richard winkt müde ab und überlegt dabei, was eine Klangschalenmeditation ist.

"Naja, so richtig weiß ich das auch nicht", sagt Anton, leicht resigniert, "du hast Recht, es interessiert doch sowieso keinen".

"Farbe." Maria wirft die Kippe auf den Boden und ignoriert Antons erzürnten Blick. "Hier fehlt Farbe." Alle sind überrascht. So viele Wörter hat Maria bisher noch nie hintereinander gesprochen. "Alles grau hier, nicht gut für die Menschen."

"Sie hat Recht", sagt Veilchen und wirft Maria ein Lächeln zu. "Sie hat völlig Recht. Es gibt hier keine Farbe und keine Blumen. Kein Mensch will auch nur eine Sekunde länger als unbedingt nötig bleiben. Es gibt nichts, woran das Auge sich erfreuen kann. Das sollten wir ändern. Was meinst Du, Anton?"

Anton überlegt noch ein wenig, dann nickt er. "Ja, ich denke auch, dass das eine gute Idee ist. Wir besorgen uns Farbe und machen den Bahnsteig lebendig. Macht Ihr mit?"

Maria und Veilchen nicken.

"Und wie sollen wir das machen? Das mit der Farbe besorgen und so weiter?" Fritz hat inzwischen wieder sein Taschentuch herausgeholt und poliert erneut seine Nahkampfspange.

"Sind wir Geister oder was?" fragt Veilchen herausfordernd. "Lass dir was einfallen, egal was, aber komme morgen ja nicht ohne Farbe."

Fritz schaut zwar noch etwas zweifelnd, nickt dann aber auch.

"Und du, Richard?" Richard denkt immer noch über das Wesen einer Klangschalenmeditation nach und nickt abwesend.

"Gut, dann machen wir das so. Wir treffen uns morgen zur üblichen Zeit, mit Farbe, Pinsel und Rolle. Wie Ihr das Zeug besorgt, ist eure Sache. Und bitte kein Feldgrau, Fritz!"

Anton winkt ihnen zu, dreht sich um und verschwindet. Die anderen folgen ihm.

 

Die ganze Zeit hatte ihnen der alte Mann zugehört, so, wie er es schon seit einigen Wochen machte, seit jener Nacht, als sein herz auf diesem Bahnsteig seinen letzten Schlag getan hat. Auch er steht auf und geht in Dunkelheit.


 

Ilse Treue
Automatisches Schreiben einer Verschwörungs-Verweigerin

 

Als ich das Thema des diesjährigen Ostkreuz-Schreibwettbewerbs las, dachte ich, was haben sie sich nur einfallen lassen? "Ostkreuz-Verschwörung", das hat für mich so etwas wie Sensation oder gar Katastrophe. Nein, dazu wollte ich nichts schreiben. An acht von neun Schreibwettbewerben nahm ich teil. Danach schwor ich mir: Jetzt ist Schluss. Doch das Ostkreuz lässt mich nicht in Ruhe. Es liegt mir am Herzen. Muss man aber an das Ostkreuz in fiktiven Geschichten denken? Kann man sich nicht einfach nur freuen über das, was da entsteht? Die gewaltigen logistischen, technischen und menschlichen Leistungen bei laufendem Verkehr sind beeindruckend. Die neue Ringbahnhalle begeistert mich. Wie imposant das verglaste Gebäude aussieht! Ob ich von der Warschauer Brücke aus zum Ostkreuz schaue oder von der Halbinsel Stralau kommend oder ob ich den bequemen Aufzug am Eingang Markgrafendamm betrete, immer ergreift mich ein erhebendes Gefühl.

Meine Gedanken wandern um Jahrzehnte zurück. Unsere Kinder stiegen mit ihren kleinen Beinen tapfer die vielen Stufen auf und ab. Wir Eltern fuhren täglich vom Ostkreuz zur Arbeit. Treppensteigen war selbstverständlich. In dem Gewirr der Bahnsteige A bis F kannten wir uns gut aus. Das Ostkreuz war Teil unseres Lebens.

Im letzten Winter fror ich auf dem zugigen, ungeschützten Ringbahnsteig erbärmlich und wurde wiederholt regennass, als ich wochenlang täglich von Ostkreuz nach Pankow fahren musste. Warte ich dagegen heute in der komfortablen, großzügig angelegten, verglasten Halle, fühle ich mich gut aufgehoben. Was tut es, wenn die Kioske nicht pünktlich öffnen? Dass wir auf die Rolltreppen noch lange warten müssen, schmerzt natürlich, kann aber die Freude über den Fortschritt der Bauarbeiten nicht schmälern. Zu gerne würde ich den gesamten Bahnhof in seiner neuen Gestaltung noch erleben. Vielleicht ist mir das vergönnt.

Ob Liedermacher eines Tages das Ostkreuz besingen werden?

Mein automatisches Schreiben beende ich in der Hoffnung, dass mir das Verweigern des Verschwörungsthemas verziehen wird.

Buch 2010

 Zu diesem Buch

 

Ein jeder von uns kennt das: Im Leben gibt es Augenblicke, die, noch während sie geschehen, bereits jenes Pathos haben, mit dem wir uns dann künftig an sie erinnern werden. Da geschieht etwas und noch während wir es erleben, wird uns klar: Dies ist ein bedeutender Augenblick, das darf nicht vergessen werden und das werde ich nicht vergessen.

Literaten nennen das die Evidenz des Augenblicks. Und in unserer Hemisphäre sind wir darin eingeübt, sie in mythologische Bilder zu kleiden: als Heilung, als Vision, als Naturspektakel, als Epiphanie. Dabei können es kleine, völlig alltägliche Dinge sein, die das bewirken. In Peter Handkes "Stunde der wahren Empfindung" erblickt der Held in seiner großen Verzweiflung plötzlich drei Dinge zu seinen Füßen: ein Kastanienblatt, eine Scherbe eines Taschenspiegels und eine Kinderzopfspange. Schon lange hatten sie so unbeachtet dagelegen, doch jetzt, mit einem Mal, bedeuteten sie etwas, wurden zu Wunderdingen, die mit der Wundern gebotenen undeutlichen Klarheit verkündeten: He, Mann, wer sagt denn, dass die Welt schon entdeckt ist? Also, worauf wartest du?

Und in seinem Buch "Paare Passanten" erinnert uns Botho Strauß an etwas, was wir alle schon erlebt haben: wie in der formlosen Masse der auf dem Gehsteig an uns Vorüberziehenden ein einzelnes Gesicht aufscheint, das uns schon von weitem in seinen Bann zieht, das uns etwas verheißen will, worauf wir gewartet haben, ein Gesicht, dessen Nachbild in uns weiter zittert, auch wenn es schon längst vorübergezogen ist. Der so Erschütterte wüsste nicht zu sagen, was gerade geschehen ist. Aber sein Gang wird mit einem mal kräftiger, sein Mut froher, seine Gedanken werden klarer, und sei es dies auch nur für eine Zeit lang.

Die Arbeit des Erzählens, des Schreibens besteht nun darin, die Wucht des Augenblicks, das Erschauern, dieses plötzliche Innewerden geschickt in ein erzählerisches Kontinuum einzuweben und möglichst unverdünnt an den Leser weiter zu geben. Das vorliegende Buch bringt einige bemerkenswerte Versuche, beides zu vereinen: eine Geschichte zu erzählen und den Kairos beim Schopfe zu packen.

Augenblicke sind wie Fotografien. Eine Fotografie ist angehaltene Zeit und sie sagt uns — seltsam — vor allem dies: dass die Zeit vergeht und wir ihr nicht entrinnen können. "Verweile doch, du bist so schön", sagt Faust und ist dabei, sich um Kopf und Kragen zu reden. Und doch: Die Augenblicke sind es, die unserem Erinnern eine Struktur, eine Richtung geben.

Dies ist nun die achte Anthologie, die die Texte eines Literaturwettbewerbs, den das Rudi-Nachbarschaftszentrum seit 2002 alljährlich ausruft, versammelt. Mit den sehr unterschiedlichen, sich aber dennoch in gewisser Weise immer wieder überschneidenden Themenstellungen bieten sie, wenn man zurück blickt, ein vielschichtiges Bild des Lebens und Treibens an einem ganz konkreten Ort in Berlin mit dem Ostkreuz als Epizentrum großstädtischen Bebens. Und wir alle sind gespannt, wohin uns das noch führen wird.

 

Rainer Fischer Berlin, im Oktober 2010

Katharina Triebe
Der mit der Bahn fährt

 

Der Tag hatte gleich unglücklich begonnen – mit einem Ehekrach, wenn man so will. Uschi, Dr. Brösikes Frau, benötigte unbedingt das gemeinsame Auto und so hatte der Gatte keine andere Wahl gehabt, als die Dienstreise nach Berlin mit dem Flugzeug von München aus anzutreten. Normalerweise fuhr Uschi mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, aber diesmal mussten verschiedene Wege mit der Schwiegermutter erledigt werden, die nicht mehr gut zu Fuß war. Alle Einwände von Brösike blieben fruchtlos und zu guter Letzt war Uschi Türen knallend gegangen, den Autoschlüssel in der Hand und ohne Frühstück für ihren Mann zuzubereiten.

Mit dem Flugzeug nach Berlin zu kommen, war kein Problem, aber am Flughafen Schönefeld stand kein einziges Taxi bereit. Die Taxifahrer streikten heute. Brösike war hilflos, denn mit öffentlichen Verkehrsmitteln, noch dazu in einer Großstadt wie Berlin, kannte er sich nicht aus. Sehnsüchtig dachte er an seinen schicken neuen Audi A4, in dem sich jetzt wahrscheinlich die Schwiegermama gemütlich durch München chauffieren ließ. Verärgert lief er der Menschenmenge hinterher und gelangte so schließlich zum S-Bahnhof Schönefeld. Dort schaute er sich suchend nach einem Fahrkartenschalter um – nichts. "Hier gibt’s nur Automaten", meinte eine vorbei eilende Frau zu ihm und zeigte auf einen solchen in der Nähe. Brösike begann sich durch das Menü zu klicken. Irgendein Dummkopf hatte das Display zerkratzt und nur mühsam konnte Brösike die Schrift entziffern. Was für einen Fahrschein benötigte er eigentlich? Kurzstrecke oder ABC? Nahm er gleich eine Tageskarte oder fuhren am Nachmittag vielleicht die Taxis wieder? Hinter ihm hatte sich eine murrende Menge gesammelt, die ungeduldig darauf wartete, ebenfalls einen Fahrschein zu lösen. "Mann, jeht denn dit hier nochmal voran?", rief einer von hinten. "Et jibt Leute, die müssen heute noch arbeiten. Helft doch dem Herrn auße Provinz mal!" "Na hören Sie mal, ich komme aus München, von wegen Provinz!" Dr. Brösike wollte eben noch weitere Erklärungen folgen lassen, da kam endlich der Fahrschein aus dem Automaten und die Wartenden drängten ihn beiseite. Fast hätte er vergessen, den Fahrschein zu entwerten, aber eine Frau, die wohl Mitleid mit ihm hatte, wies ihn im letzten Moment darauf hin. Die Bahn kam und Brösike stieg ein, holte seine Zeitung aus der Tasche und begann zu lesen. Von Station zu Station wurde es voller. Alle Sitzplätze waren belegt, da stieg noch eine dicke Frau ein. Mit drei gewaltigen Lidl-Tüten voller leerer Pfandflaschen drängte sie sich durch die Gänge und blieb schließlich schnaufend vor Dr. Brösikes Platz stehen. "Det tut mir leid, Sie sitzen uff 'nem Schwerbehindertenplatz und ick hab 'nen Hüftschaden!" Auffordernd sah sie ihn an. "Oder sind Se ooch schwerbehindert?" "Natürlich nicht!", knurrte Brösike, erhob sich und gesellte sich zu den Fahrgästen, die im Gang standen. Zeitung lesen war jetzt nicht mehr möglich, er faltete sie mühsam zusammen, stieß dabei zweimal gegen den Kopf eines älteren Herren und knüllte das gute Stück schließlich wütend in seine Aktentasche. Herrgott, war das voll. Und so stickig. "Sie gestatten?" Er beugte sich vor und öffnete ein Fenster. "Nee!", rief ein Fahrgast, "das zieht", und rums war das Fenster wieder zu. Brösike schaute sprachlos auf den Fahrgast, der ihm nun auch noch einen Vogel zeigte. So eine Unverschämtheit. An der nächsten Haltestelle stieg ein junger Mann mit Hund ein, stellte sich als Obdachloser namens Heinrich vor, der was dazu verdienen wollte, um nicht anderen zur Last zu fallen. "Möchte jemand den 'Straßenfeger' kaufen?" Keiner wollte, im Gegenteil, außer Brösike schien niemand von dem Mann mit Hund Notiz zu nehmen. Schöneweide. Ein junger Schlaks balancierte mit seinem Kaffeebecher durch den Gang und blieb direkt neben Brösike stehen. Er verströmte einen intensiven Käsegeruch, der wohl aus seinen Turnschuhen aufstieg. Brösike fühlte leichten Schwindel, wurde jedoch jäh wieder in die Wirklichkeit befördert durch einen Stoß in den Rücken. Ein Jugendlicher mit immenser Schulmappe quetschte sich an allen vorbei und verpasste jedem mit dem Tornister einen kräftigen Schubs. Leider erwischte es auch den langen Schlaks, aus dessen Pappbecher sich infolgedessen ein Schwupp Café au Lait auf Brösikes weißes Hemd ergoss. "Bingo!", rief der lange Kerl und hob grinsend den Daumen. Was für eine blöde Angewohnheit hier in Berlin vorherrschte, jeder zweite Fahrgast unter dreißig saugte entweder vor aller Augen an einem Kaffeebecher oder schüttete den Inhalt eines Thermobechers in sich hinein. Das war ja eine richtige Becherkultur hier. Konnten die nicht zu Hause frühstücken? Bei Brösikes wurde daheim gefrühstückt, wie sich das gehörte. Na gut, heute nicht, das war hoffentlich eine Ausnahme. An diesem Punkt wurden Brösikes Gedanken jäh unterbrochen — Musik erscholl. Vier muntere Musikanten rumänischer Herkunft hatten es irgendwie geschafft, in die volle S-Bahn zu gelangen und bemühten sich nun unverdrossen, den genervten Fahrgästen ein Stück rumänischer Volkskunst näher zu bringen. Einer blies Saxophon, der zweite Ziehharmonika, der dritte schwang die Rasseln und der vierte schob sich mit einer Sammeldose durchs Gedränge. "Eine kleine Spende?" Doch da fuhr die Bahn in Ostkreuz ein und Brösike taumelte hinaus.

Er schnappte nach Luft. Endlich war die Tortur vorbei! Doch Irrtum, es sollte noch schlimmer kommen. Wo fuhr die Bahn ins Zentrum ab? Einen Augenblick fühlte er sich verloren zwischen all den hastenden und schubsenden Menschen. "Sagen Sie mal, welche Bahn fährt zur Friedrichstraße?", fragte er einen jungen Mann. Keine Antwort. Mit glasigem Blick schaute der Kerl an ihm vorbei und wippte dabei mit dem Kopf. Ob der Drogen genommen hatte? Doch da entdeckte Brösike, dass dem jungen Mann Schnüre aus den Ohren hingen. Ach, das neumodische Zeugs, iPad genannt. Brösike seufzte. Kommunikation schien langsam auszusterben. Beim Blick auf seine Uhr erschrak er. Nur noch 25 Minuten, bis sein Workshop begann. Marketing und strategische Planung im Kontrastmittelbereich. Da er gleich zu Anfang eine Powerpointpräsentation halten sollte, musste er sich sputen. Zwei junge Mädchen im Backfischalter zeigten ihm, wo die S-Bahn Richtung Friedrichstraße abfuhr. Wie hypnotisiert starrten sie dabei auf seine Kaffeeflecke auf dem Hemd. Dr. Brösike errötete. Um die Reinigung sollte sich zu Hause gefälligst Schwiegermama kümmern … Ihr hatte er diesen ganzen Stress hier schließlich zu verdanken. Er eilte treppauf und treppab. Dieser Bahnhof Ostkreuz glich einem riesigen Bauplatz. Fuhr ein Zug heute noch auf Bahnsteig A ab, konnte er morgen schon auf Bahnsteig C losfahren. Der einzige ruhende Pol schien ein Wasserturm zu sein, der aus der Ferne grüßte.

Endlich hatte Brösike die richtige Bahn bestiegen und fuhr bis zur Friedrichstraße. Mit Gleichmut ertrug er die Wolke Restalkohol, die sein Sitznachbar verströmte. Als der aber schließlich einschlummerte und sein Kopf auf Brösikes Schulter sackte, stand er abrupt auf. Heute blieb ihm aber auch nichts erspart. Endlich fuhr der Zug am Bahnhof Friedrichstraße ein. Vor dem S-Bahngelände angekommen, klingelte sein Handy. Fräulein Cindy war dran, seine Sekretärin. Wo er bleibe, ob er heute nicht ins Büro käme? Was, wieso heute? Ach so, der Workshop in Berlin findet erst morgen statt? Brösike hatte sich im Tag geirrt!


 

Andrea Noeske
Kreuzwege

 

Die Türen krachen zu, begleitet von blinkendem Rotlicht. Ächzend, wie der Atem einer altersschwachen Frau, erwacht der Motor der S-Bahn zum Leben. Ein Ruck geht durch die Wagons und nur langsam nimmt die Bahn Fahrt auf, bevor sie endlich ihren Rhythmus findet.

Das Rattern der Räder ist einlullend. Regentropfen sprenkeln die Scheibe, ziehen lange Streifen im Fahrtwind. Es regnet schon den ganzen Morgen. Der weiße Rauch der Industrieanlage hellt das Grau der Wolken auf, die zwischen Schornsteinen und Häuserschluchten festklemmen. Bäume, die ihre nackten Arme gen Himmel strecken, vervollständigen die Szenerie vor dem Fenster.

Ich spüre den Stillstand, obwohl ich in der fahrenden Bahn sitze. Es geht nicht voran. Man(n) hat mich ausgebremst. Orientierungslos überlasse ich mich der Bahn, die ihrem vorgegebenen Weg auf Schienen folgt und irgendwann, irgendwo ankommen wird.

"Guten Tag. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Stefan. Ich bin seit acht Jahren obdachlos. Ich verkaufe die neue Ausgabe des "Straßenfeger". Wenn Sie kein Interesse an der Zeitung haben …, ich freue mich auch über jede kleine Spende, etwas zu essen oder zu trinken."

Ich spüre den Lufthauch, als Stefan an mir vorbeiläuft. Versuche den plötzlichen Geruch menschlicher Ausdünstungen, die seit Tagen nicht mit Wasser und Seife in Berührung gekommen sind, auszublenden und schaue genauso beschämt zu Boden, wie die Leute, die mir gegenübersitzen. Nicht bereit, etwas zu geben. Schweigen. Sämtliche Gespräche um mich herum sind verstummt, solange Stefan in unserer Nähe ist. Dann verschwindet er in den Tiefen des Wagons. Nur seine Stimme ist aus weiter Ferne wieder zu hören. Erneut leiert er seinen Spruch herunter, seit nunmehr acht Jahren wahrscheinlich: "Guten Tag. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Mein Name ist Stefan…"

"Mein Name ist Julia", setze ich seinen Monolog in Gedanken fort. "Ich bin Single … seit nunmehr einem Tag. Und ich frage Sie, ist es Liebe, sich per E-Mail aus dem Leben des anderen zu verabschieden?!"

Dieser Gedanke wühlt sich in meine Eingeweide, presst meinen Magen zusammen. Sein unwilliges Knurren erinnert mich daran, dass ich ihn schon viel zu lange vernachlässigt habe. Seit dieser verdammten E-Mail geht gar nichts mehr.

 

"Mama, ich hab dich lieb." Ein dünnes Stimmchen, genauso dünn wie die kleine Gestalt, die augenscheinlich neben ihrer Mutter auf der Bank sitzt und um Aufmerksamkeit, Zuwendung heischt. Vergeblich.

Schweigen, Rattern der Räder, das Trommeln des Regens an den Scheiben, wenn die Bahn ihr Tempo verlangsamt, um in den nächsten Bahnhof einzufahren. "Nächster Halt Rummelsburg."

Es schnürt mir die Kehle zu.

"Rede mit deinem Kind. Es kann doch nicht so schwer sein!"

Die Frau hört meinen stummen Schrei nicht.

Schweigen, Rattern der Räder, Quietschen der Bremsen als die Bahn im Bahnhof hält.

"Es ist Liebe, den anderen gehen zu lassen, wenn er einen neuen Weg einschlagen will, an der nächsten Kreuzung nicht mehr geradeaus an deiner Seite läuft. Liebe heißt … loslassen."

Er hat mir eine E-Mail geschrieben. Kein Anruf, kein abschließendes Gespräch, nur ein paar Worte. Worte, die alles verändern, mich zu dem machen, was ich jetzt bin. Allein.

"He, lass das…" Das darauf folgende Lachen passt nicht hierher, passt nicht zu dem Regen, dem Weltuntergang da draußen.

Ungeachtet meines stillen Widerspruchs, stürzt diese Explosion an Farben in unser Abteil. Karminrotes Haar, vom vergangenen Sommer oder der Sonnenbank gebräunte Haut, ein gallegrüner Trenchcoat, so grün, dass es in den Augen schmerzt. An der Seite des Farbklecks ein junger Mann. Seine Hand ruht auf dem Trenchcoat, schützend über der Hüfte der jungen Frau. Sein Lachen klingt echt und unbeschwert.

Ich spüre, wie ich die Fassung verliere. Greife nach einem Strohhalm, Ablenkung, Ablenkung von diesem Anblick, von den stechenden Gedanken. Vergeblich. Der Strohhalm bricht. Die Dämme vor meinen Augen auch. Es ist nicht eine Träne, die den Weg über meine Wange findet, nein, es ist ein Wasserfall aus Tränen, ein Tsunami, der der Erdanziehung folgt und auf meinen Mantel schwappt. Meine Nase läuft. Quietschend fällt die Tür in meiner Kehle zu, schließt den Schluchzer ein und bewahrt mich davor, auch noch die Aufmerksamkeit der Fahrgäste in meinem Rücken auf mich zu ziehen.

Die Frau mit dem Kind reicht mir ein Papiertaschentuch. Eine Geste, ein neu dargebotener Strohhalm, nach dem ich dankbar greife.

Rattern der Räder. "Nächste Station – Ostkreuz – Übergang zu den S-Bahnlinien …"

"Nein, kein Übergang, Notausgang für mich", unterbreche ich die melodische Stimme in Gedanken. "Ostkreuz, wo alt auf neu trifft. Ich habe die Wahl, wohin wird meine Reise gehen? Nach Norden, Süden oder Westen? Nicht mehr zurück."

Das junge Paar ist verstummt. Betreten oder einfach nur neugierig werde ich von ihnen gemustert. Sie sind noch im Anfangsstadium, ich bereits, mal wieder, im Endstadium der Liebe. Aber das können sie nicht wissen, vielleicht ahnen sie es und werden es ganz schnell wieder verdrängen. Für solche Gedanken haben sie keinen Platz.

Kollektives Schweigen, Rattern der Räder, das leise Trommeln des Regens an den Scheiben, als die Bahn ihr Tempo wieder verlangsamt, um in den nächsten Bahnhof einzufahren, Ostkreuz.

Ich schaffe es, taumle irgendwie zur Tür. Das Liebespaar nimmt meinen Platz am Fenster ein.

Stefan steht plötzlich an meiner Seite. Der "Straßenfeger" klemmt unter seinem Arm. In seinem Coffee-to-go-Becher glitzern ein paar Centstücke, bronzefarben, eine bescheidene Ausbeute.

Ich blicke ihm ins Gesicht und staune, staune über das Lächeln, das er mir schenkt.

Die Türen der S-Bahn reißen zischend auseinander. Stefan hat mir die Tür geöffnet. Kalte Luft strömt mir entgegen. Es hat aufgehört zu regnen. Ein Sonnenstrahl findet zögernd seinen Weg. Genauso zögernd setze ich meinen Fuß auf den Bahnsteig. Die Wolkendecke über mir reißt auf. Ein ungewöhnlich blau strahlendes Stück Herbsthimmel. Ich straffe meine Schultern, ziehe zur Demonstration neu gewonnenen Selbstvertrauens die Nase hoch und laufe los. Geradeaus, vorbei an Altem und Vergangenem des Drehkreuzes. Wer weiß, vielleicht steht ja schon am nächsten Gleis jemand, der wieder ein Stück des Weges gemeinsam mit mir gehen will … aus Liebe.


 

Michael Guske
Ansage beachten!

 

Oh, verdammt, ich hasse diese Abfolge von Geräuschen. Erst dieser tiefe Summton, dann das Knallen beim Schließen der Türen und schließlich das Hochfahren der Elektromotoren. Fluchend überwinde ich die letzten Stufen zum Bahnsteig und sehe die S-Bahn in Richtung Norden davonfahren. Zu spät!

Obwohl es völlig sinnlos ist, überlege ich, wann ich die wenigen Sekunden, die mir zum Erreichen des Zuges gefehlt haben, hätte einsparen können. Aber ich habe alles richtig gemacht. Ich bin am Alex in den ersten Wagen eingestiegen, habe die ganze Fahrt bis zum Ostkreuz an der Tür ausgeharrt und bin sofort nach dem Öffnen derselben aus dem Wagen gesprungen und mit langen Sätzen zur Treppe, die zum oberen Bahnsteig führt, gerannt. Dass oben schon die Bahn stand, beschleunigte noch meinen Schritt. Aber es nützte alles nichts – die Bahn fuhr mir vor der Nase weg.

Mein Blick richtet sich auf den Fahrtrichtungsanzeiger. Kann ja eigentlich nicht lange dauern, bis der nächste Zug kommt. Doch wie zum Hohn war dort nur das zu lesen: "Bitte Ansage beachten!" Das ist so ein Moment, wo aus braven Menschen Amokläufer werden können! Ich war, wie so oft, eh schon knapp in der Zeit oder anders ausgedrückt, die Chance, noch pünktlich zu meiner Verabredung mit Julia zu kommen, war auch gering, wenn ich die letzte Bahn noch erwischt hätte. Zu blöd. Endlich hatte ich es geschafft, sie in mein vietnamesisches Lieblingsrestaurant einzuladen, Treffpunkt in, nun ja, in knapp 10 Minuten am S-Bahnhof Schönhauser Allee. Das kann ich jetzt vergessen. Und alles schien so perfekt. Heute hatte ich mich getraut, sie in der Kantine anzusprechen. Die Gelegenheit war günstig. Wir saßen am gleichen Tisch und ich sah, wie sie etwas missmutig in ihrem Essen herumstocherte. Es sollte wohl irgendwas Asiatisches sein, doch nach dem Aussehen dessen, was auf dem Teller lag, und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war es wohl eher ein großes Missverständnis des Kochs. Ich bin jetzt noch stolz auf meinem Einfall, Julia einiges über die Unterschiede und die Vielfältigkeit der asiatischen Küche zu erzählen. Von einer europäischen Küche redet ja auch keiner. Jeder dieser unzähligen Fernsehköche würde sich in seine Kochmütze übergeben, wenn man das berüchtigte englische Frühstück im gleichen Atemzug mit italienischen Cannelloni nennen würde. So war es nur folgerichtig, ihr gegenüber mein Lieblingsrestaurant zu erwähnen – eine vietnamesische Gaststätte mit zauberhafter Küche, dezenter Inneneinrichtung ohne gelb-rote Lampions und ohne geschnitzte Drachen in den Stuhllehnen und dem besten Tee, den man in dieser Stadt bekommen kann. Und dann fasste ich mir ein Herz und fragte sie, ob ich sie dahin einladen darf. Ich war aufgeregt wie ein Teenager, der sein erstes Date klarmachen will. Aber es funktionierte. Sie sagte zu, für heute, für gleich – in fünf Minuten. Und ich sitze hier auf diesem verdammten Bahnsteig fest – es ist zum Heulen! Ihre Handynummer habe ich natürlich nicht, das war erst für heute Abend geplant. Ich überlege krampfhaft. Wie lange würde wohl eine Frau auf einen Typen warten, den sie bisher nur vom Sehen kennt, von einigen Guten-Tag- und Tschüs-Phrasen im Fahrstuhl und einem Vortrag über die Vorzüge der vietnamesischen Küche mal abgesehen?

Zehn Minuten? Fünfzehn Minuten oder gar dreißig? Nein, eine halbe Stunde wartet kein Mensch bei der ersten Verabredung. Maximal zwanzig Minuten, dann ist sie weg.

In diesem Moment unterbricht ein Knacken im Lautsprecher meine Gedanken. "Sehr geehrte Fahrgäste. Auf Grund von…", schallt es über den Bahnsteig. Der Rest geht leider im Getöse des unten vorbeifahrenden ICE unter. Nachdem der Zug durch ist, bleibt leider auch der Lautsprecher stumm. Die sehr geehrten Fahrgäste schauen sich fragend an. Ich setze mich resigniert auf einen freien Platz und ergebe mich meinem Schicksal.

Mein Blick schweift über das Ostkreuz, das zu meinen Füßen liegt. Es gibt wohl kaum einen Bahnhof, an dem ich so oft ein-, aus- oder umgestiegen bin. Ich kann nicht unbedingt behaupten, dass ich diesen Bahnhof in mein Herz geschlossen habe. Treppen rauf, Treppen runter und wenn man Pech hat, steht man doch wieder auf dem falschen Bahnsteig. Ortsfremden musste diese Ansammlung von übereinandergestapelten Abfahrgelegenheiten wie eine grandiose Fehlleistung der Verkehrsplaner vorgekommen sein. Eine erkennbare Logik hinter der Anordnung der einzelnen Bahnsteige gab es anscheinend nicht. Der Zug nach Schönefeld aus Richtung Alex hielt hier nicht, kam er allerdings aus Schönefeld und fuhr zurück in Richtung Zentrum, dann schon. Nach Norden konnte man vom Ringbahnsteig fahren, aber auch manchmal vom Bahnsteig A, dann aber nur bis Karow, jedenfalls zeitweise. Zeitweise hieß der Ringbahnsteig auch anders, da es nach dem Mauerbau keinen Ring mehr gab. Inzwischen ist der Ring wieder rund, die Nordkurve weg und das Ostkreuz der Spitzenreiter aller S-Bahnhöfe in allen Wertungen – die meisten Züge, die meisten Fahrgäste und wahrscheinlich auch die meisten Treppenstufen.

Auf den freien Platz neben mich setzt sich ein junger Mann – Typ Student. Er trägt Kopfhörer in der Größe von Ohrenschützern, wie sie Straßenbauarbeiter tragen, wenn sie mit Presslufthämmern Asphalt aufbrechen. Der Sound ist so laut, dass er sich wahrscheinlich nur noch mit eingeschränktem Hörvermögen ertragen lässt. Die Schallwellen, die mein Ohr erreichen, lassen mein Gehirn in meinem internen Musikarchiv suchen. Hört sich nach Brit-Pop an. Blur? Nein, eher wie die frühen Oasis. Ja, Oasis. Der Song "Magic Pie" hämmert meinem Nachbarn gerade ins Hirn. Cooler Song, war 'ne gute Platte. Muss man laut hören, aber nicht unbedingt mittels dieser akustischen Direkteinspritzung.

An mir läuft ein älterer Mann vorbei. Er murmelt leise vor sich hin. Trotz der Sommerwärme trägt er einen alten Mantel. Aus seiner abgegriffenen Aktentasche, die er an sich gepresst hat, schauen einige Exemplare einer Obdachlosenzeitung heraus. Auch er schaut sich fragend um und scheint wohl zu überlegen, ob es sich lohnt, auf den nächsten Zug zu warten oder wieder zurückzufahren. Die Zeitung hier auf dem Bahnsteig zu verkaufen erscheint wenig sinnvoll, da die Menschen sowieso schon wegen der Zugunterbrechung leicht angefressen sind.

Ich blicke wieder zur Anzeige. Immer noch nichts Neues. In diesem Moment müsste ich eigentlich fünf Bahnstationen von hier entfernt sein. Ab jetzt läuft die Soundsoviel-Minuten-zu-spät-Zeit. Ich beschließe, daran zu glauben, dass Julia mindestens fünfzehn Minuten warten wird. Vielleicht bekommt sie ja mit, dass keine Züge mehr ankommen. Vielleicht aber auch nicht.

Ich bin zu unruhig, um weiterhin sitzen zu bleiben und verlasse meinen Platz und die Beschallung durch den Studenten. Innerhalb der nächsten fünf Meter bekomme ich noch mit, dass der Musikstil gewechselt hat – könnte die aktuelle Scheibe von U2 sein – aber das Geräusch einer einfahrenden S-Bahn lenkt meine Aufmerksamkeit ab. Doch das freudige Gefühl, welches mich eben ergriffen hat, verlässt mich gleich wieder. Die Bahn kommt nicht aus der erwarteten Richtung.

In diesem Moment ertönt wieder das Knacken aus dem Lautsprecher und dann folgt etwas, das entfernt an eine Frauenstimme erinnert. Alle Fahrgäste heben die Köpfe in Erwartung, eine weiterhelfende Information zu bekommen. Nur mein Musik liebender Sitznachbar hat sich völlig von der Außenwelt abgekoppelt. Er schaut ins Leere und lauscht in seine unförmigen Halbschalen.

Doch trotz höchster Konzentration meines Gehörs dringen nur Bruchstücke der Ansage zu mir durch, allerdings reichen diese aus, um mir meinen Super-GAU klar zu machen: "Zugverkehr unterbrochen". Die Stimme hätte auch sagen können, dass Hertha BSC in die Kreisklasse versetzt wurde und im Olympiastadion nur noch Volksmusikveranstaltungen fürs Fernsehen aufgezeichnet werden, an denen jeder Berliner mindestens einmal im Jahr teilnehmen muss. Es hätte mich nicht tiefer treffen können. Statt in Julias hübsches Gesicht schaue ich jetzt auf diese monströsen Baugruben im und am Bahnhof Ostkreuz.

Es sieht hier aus wie auf einer Stalinschen Großbaustelle des Kommunismus. Überall wird gebuddelt, geschweißt, Beton verewigt – erstaunlich, dass hier überhaupt noch was fährt. Trotz meines technischen Verständnisses kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie es hier in einigen Jahren aussehen soll. Straßen, Brücken, Bahnsteige – alles neu. Dazu noch eine Untertunnelung für eine Stadtautobahn von fragwürdigem Zweck. Bald wird nichts mehr an das alte Ostkreuz erinnern, Vergangenheitsbewältigung durch Abriss als Zeichen des technischen Fortschritts. Mosaiksteine werden durch Betonplatten ersetzt, alte Brücken, deren Stahlkonstruktionen an den Ausleger eines Tagebaubaggers erinnern und für alle Ewigkeit gemacht schienen, durch freitragende Bauwerke, das Personal durch elektronische Stellwerke und Selbstabfertigung.

Dabei war hier noch vor kurzer Zeit, noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, die DDR konserviert wie vielleicht an keinem anderen Ort der Stadt. Das Ostkreuz war grau und abweisend, ein Platz, den man am liebsten so schnell wie möglich wieder verlassen wollte. Alles schien irgendwie provisorisch, vielfach geflickt statt saniert, aber doch hat es irgendwie funktioniert. Aus den verdreckten, ehemals sandfarbenen Ziegelmauern hat jahrzehntelang die durchdringende Feuchtigkeit die Salze ausgewaschen und zu kleinen Stalaktiten geformt. Der Wildwuchs am Ende der unteren Bahnsteige hat ein undurchdringliches Dickicht gebildet. Das Bahnhofsklo wurde gemieden wie ein Haus mit Pestkranken im Mittelalter. Aber doch hat man sich mit diesem Bahnhof arrangiert. Nun ja, das ist jetzt vorbei. Ein neuer Bahnhof entsteht, wie er eben im Katalog der Bahnhofsarchitekten enthalten ist – hell, modern, unpersönlich.

Aber das ist mir im Moment egal. Wie ein Tiger im Käfig laufe ich über den Bahnsteig und schaue alle drei Sekunden zur Uhr und dann zur Anzeige, zur Uhr, zur Anzeige. Im Gegensatz zur Uhr ändert sich auf der Anzeige nichts. Vor der Treppe, an der ich gerade vorbeigehen will, steht eine junge Frau mit einem Kinderwagen und schaut mich fragend an. Sie sieht müde aus, gestresst und genervt. Vielleicht lässt sie das Kleine nicht zur Ruhe kommen, vielleicht ist kein Vater da, der hilft und auch mal nachts aufsteht. Ich packe den Kinderwagen kurz über den Rädern und hebe ihn hoch. Das Mädchen fasst den Griff und gemeinsam tragen wir, ich mit krummem Rücken, sie mit hochgestreckten Armen, den Wagen die Treppe runter. Ich weiß nicht, ob später noch Aufzüge eingebaut werden oder ob sie eingespart wurden von Menschen, die nicht wissen, wie es ist, wenn man allein mit einem Kinderwagen unterwegs ist.

Unten angekommen setze ich ab, strecke meinen Rücken durch und bekomme einen kurzen dankbaren Blick aus müden Augen geschenkt. Ich nicke ihr kurz zu und eile die Treppe wieder hoch.

Oben hat sich der Bahnsteig inzwischen gefüllt. An der Treppe stehen mehrere Bauarbeiter, die ihr Feierabendbier gleich hier trinken. Einige Jugendliche mit gegelten Haaren und klobigen Goldketten um den Hals stehen im Kreis zusammen, rauchen und spucken auf den Boden. Gleich daneben stehen zwei stark geschminkte Mädchen, die aufgeregt in ihre Handys plappern. Wieder verfluche ich meine Unfähigkeit, Julia ein Zeichen geben zu können. Die Uhr sagt mir, dass ich jetzt schon zehn Minuten zu spät bin.

Aus der Gegenrichtung kommt die nächste Bahn und entlässt die Menschen auf den Bahnsteig. Eilig streben sie den Treppen zu. Auch der neu erbaute Bahnhof wird wohl niemanden veranlassen, hier länger als nötig zu verweilen. Einsteigen, aussteigen, umsteigen – das Ostkreuz wird wohl immer nur eine Durchgangsfunktion haben.

Wieder steht eine Frau mit einem Kinderwagen an der Treppe und einer der Bauarbeiter stellt seine Bierflasche hin, umfasst den Wagen mit seinen Armen und trägt ihn allein die Treppe hinab. Die Frau lächelt erfreut.

Der alte Mann mit seiner Aktentasche kommt mir entgegen. Er hat doch versucht, seine Zeitung unter den wartenden Menschen zu verkaufen, aber der Erfolg hielt sich wohl in Grenzen. Nach geübtem Blick auf die Bauarbeiter und die rauchenden Jugendlichen kommt er zu dem Schluss, dass er dort erst gar nicht zu fragen braucht. Bei mir scheint er anderer Meinung zu sein, denn er bietet mir ein Exemplar an und rattert mit routinierter Stimme das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe herunter. Ich bin jetzt eigentlich nicht in der Stimmung, überhaupt irgendeine Zeitung zu lesen, aber nachdem ich einige Münzen gefunden habe, kaufe ich ihm eine Ausgabe ab.

Einer Mutter geholfen, den Kinderwagen die Treppe herunter zu tragen, und einem Obdachlosen eine Zeitung abgekauft. Was muss ich denn noch machen, damit mir das Schicksal gnädig ist und endlich eine S-Bahn schickt. Meine Unruhe wächst.

Dann knackt es wieder und scheppernd klingt der frauenstimmenähnliche Ton: "Nächste Bahn Richtung Schönhauser Allee fährt jetzt ein." Knack. Aus.

Ich kann es kaum fassen. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich es noch schaffe, wenn Julia beschlossen hat, zwanzig Minuten zu warten. Jetzt aber schnell rein in die Bahn. Es wird geschubst, geschoben, gedrängelt. Macht nichts, nur weg hier.

Das Signal über der Tür ertönt, die Türen schließen mit einem trockenen Knall, die Elektromotoren fahren hoch. Oh, ich liebe diese Geräusche.


 

Ute Schoch
Mich gibt’s mehrfach

 

Anfang Juli kam ich mal wieder in meine (eigentlich komme ich aus dem Rheinland) geliebte Stadt Berlin, um meine Kinder zu besuchen.

An einem wunderschönen Samstag wollte ich zum Müggelsee mit dem Schiff. Los ging’s am Ostkreuz zum Pankow-Park, von dort aufs Schiff. Dort war gleich die erste eigenartige Begegnung. Zwei Frauen in meinem Alter sprachen mich an und meinten: "Sie habe ich doch auch schon mal gesehen, ich kenne Sie!"

Etwas überrascht erklärte ich, dass ich im Rheinland sesshaft sei und ich sie überhaupt nicht einzuordnen wisse.

Darauf die Frage, ob ich etwas mit Fernsehen oder Film zu tun habe. Mein Erstaunen wurde immer größer — sah ich danach aus, 67 Jahre, zwar gepflegt, aber mit sichtbarem Alter und recht durchschnittlich, fast schon ein wenig Graue Maus? Wurde ich hier verar… oder was? Nach Verneinung entwickelte sich noch ein nettes Gespräch und das war’s dann.

Leicht amüsiert genoss ich nun die schöne Fahrt mit dem Schiff zum Müggelsee.

Auf der Rückfahrt, nach einem dreistündigen Aufenthalt dort, ging’s wieder aufs Schiff. Und hier das Unglaubliche: Schon wieder wurde ich angesprochen, wieder zwei Damen, mein Jahrgang, vielleicht etwas älter, gepflegt, nett. Wir kamen ins Gespräch, und ich schwärmte von Berlin, der Stadt, die ich so liebe. Nach meinem Monolog über die vielen netten jungen Menschen, das noch zu Erforschende, die Offenheit und Freundlichkeit der Bewohner und, und, und auf einmal: "Ich glaube, ich hab Sie schon mal gesehen, Sie kommen mir sehr bekannt vor". Mir verschlug es fast die Sprache. Kurz, meine schon eben geschilderte Erklärung, ich komme aus dem Rheinland usw. usw. Auch hier wieder die Frage, ob evtl. Film oder Fernsehen? Jetzt war ich aber richtig "platt". Nach Verneinung ergab sich dann ein nettes Gespräch, bei dem mir noch einige Ausflugstipps gegeben wurden.

Sehr nachdenklich und hocherfreut kam ich schließlich am Nachmittag wieder am Ostkreuz an. Dort gehört es bei mir zum Programm, an der Ecke Sonntagstraße ein Bier zu trinken und dem regen Treiben dort zuzusehen. Nachdem ich mich wieder auf den Weg Richtung Knorrpromenade machte, die Straßenseite wechselte, kommt mir eine Dame, etwa Mitte vierzig, entgegen mit der Bemerkung: "Sie sind eine Verwandte von mir." Spätestens jetzt war mein Erstaunen grenzenlos. Wieder mein: "Ich komme aus dem Rheinland", pi pa po.

"Ja , ich habe Verwandte in Bonn — wissen Sie ich bin Jüdin."

Ich war baff.

Meine Antwort: "Jetzt bin ich aber froh, endlich mal eine Jüdin kennenzulernen. Wissen Sie, ich habe mich schon oft gefragt, wieso ich noch nie Kontakt zu Juden hatte. Ich interessiere mich sehr für das Schicksal. Haben Sie Lust mit mir etwas trinken zu gehen?"

Leider war es der Dame aber so peinlich, was sie mir sagte und machte sich verschämt weiter.

Das war ein sehr nachdenklicher Tag für mich, der am Ostkreuz begann und auch dort mit vielen Fragezeichen, aber glücklich zu Ende ging.


 

Manuela Schulz
Der weiße Fleck

 

Eigentlich kenne ich Ostkreuz gar nicht. Ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich dort überhaupt schon mal ausgestiegen bin. Durchgefahren – ja sicher, aber da hatte ich bestimmt gerade meine Nase tief in ein Buch gesteckt und achtete nicht auf die vorbeiziehende Gegend. Der Bahnhof liegt in jenem Teil von Berlin, der für mich lange Zeit nur ein weißer Fleck auf der Landkarte war. Ostberlin war für mich bis zum 29. Lebensjahr Terra incognita. Keine nahen Verwandte oder Freunde, die man besuchen wollte. Und einfach mal so in den "Osten" zu fahren, auf die Idee sind meine Eltern gar nicht gekommen. Dazu war die knappe freie Zeit an den Wochenenden viel zu kostbar. Kein Grund also sich dem nervigen Einreiseprocedere zu unterziehen.

Ein einziges Mal fuhr ich mit meiner Mutter "rüber". Das war im Winter 1963/64. Das erste Passierscheinabkommen ermöglichte erstmals einen Besuch im anderen Teil der Stadt. Wir waren mit der Schwester meiner Mutter irgendwo in Prenzlauer Berg verabredet, eine gemeinsame Bekannte wohnte dort und hatte sich angeboten, ihre Wohnung als Treffpunkt zur Verfügung zu stellen. Die beiden Schwestern hatten sich seit dem Mauerbau nicht mehr gesehen. Für mich war dieser Ausflug sehr abenteuerlich und befremdlich. Ich war gerade dreieinhalb Jahre alt und konnte mit Ost und West, Mauer und dem ganzen Kram nichts anfangen. In meiner Erinnerung sind auch nur zwei Dinge hängen geblieben: Erstens, die seltsame Atmosphäre vor dem Haus unserer Bekannten. Es war kalt und dunkel. Die Gaslaternen in der Straße verbreiteten nur fahles Licht, das die Dunkelheit kaum durchdringen konnte. Mein Gehirn hat diese Szenerie nicht als Bild abgespeichert, sondern als das Gefühl, das ich damals hatte. Ich hatte keine Ahnung, was ich da sollte.

Die Bekannte meiner Mutter hatte einen Sohn, er war etwas jünger als ich. Da wir zur Schlafenszeit in der Wohnung eintrafen, wurde der kleine Junge gerade ins Bett gebracht. Die Mutter verpackte ihn in einem einteiligen, bunt gemusterten Schlafanzug, der praktischerweise einen Hosenboden zum Abknöpfen hatte. Wenn er nachts mal musste, brauchte er nicht komplett aus dem Anzug geschält zu werden. Ich hatte vorher so etwas noch nie gesehen und war total fasziniert.

Warum, um alles in der Welt, merkt man sich solch nebensächlichen Kleinigkeiten? An die Begegnung mit meiner Tante kann ich mich leider überhaupt nicht erinnern.

 

Bis zum nächsten Besuch in Ostberlin vergingen dann viele Jahre. Kurz vor dem Schulabschluss besuchten wir im Rahmen unseres Evolutionskurses in Biologie das Naturkundemuseum in der Invalidenstraße. Wieder kein Grund den Bahnhof Ostkreuz zu entdecken. Wir trafen uns alle am Bahnhof Friedrichstraße. Die Einreise verlief umkompliziert und kurze Zeit später standen wir staunend vor den Überresten diverser Dinosaurier. Am meisten beeindruckte uns natürlich der riesige Brachiosaurus. Weltweit das größte, im Museum zu besichtigende, Dinosaurierskelett. Der von unserem Lehrer so angepriesene Urvogel Archeopteryx wirkte dagegen ziemlich unscheinbar. Ein paar platt gedrückte Knochen auf einer Steintafel. Unser Biologielehrer lief dann jedoch zur Hochform auf. Zwei Stunden lang dozierte er über die antiken Tierchen, ließ sich über die Unterschiede zwischen Vogelbecken und Reptilienbecken aus und blieb gefühlte zwei Stunden vor jedem Exponat stehen. Binnen kürzester Zeit machte sich Langeweile breit. Was dem Einen sein Steckenpferd ist, muss den Anderen bekanntlich nicht in gleichem Maße faszinieren.

Der Nachmittag stand dann zum Glück zur freien Verfügung. Wir schlenderten in einer kleinen Gruppe zum Alexanderplatz und machten uns dran, unsere 25 DM Zwangsumtausch zu verjubeln. Das war gar nicht so leicht. Normalerweise bereitet es Teenager gar keine Probleme, ihr Taschengeld unter die Leute zu bringen. Woran sind Kids in dem Alter interessiert? Musik und Klamotten, und für diese Dinge war Ost-Berlin nicht gerade als Einkaufsparadies bekannt. Am späten Nachmittag wurde es Zeit, sich auf den Heimweg zu machen. Zurück am Bahnhof Friedrichstraße lockte uns eine Konditorei mit Kaffee und Kuchen, also nichts wie rein, wir fanden auch gleich einen freien Platz. Die Auswahl auf der Speisekarte war groß, da wir noch reichlich Geld übrig hatten suchten wir uns das Teuerste aus, was auf der Karte zu finden war — Mokka und Nusstorte. Die Bedienung kam, um die Bestellung aufzunehmen. Sie hörte sich geduldig unsere Wünsche an und antwortete mit einem lapidaren "Ham wa nich". Nun gut, wir ließen uns dann zu normalem Kaffee und gedecktem Apfelkuchen überreden. Aber mit Schlagsahne. Das letzte Geld konnten wir dann noch in ein paar Kugeln Eis umsetzen.

Insgesamt war es ein schöner Ausflug — wenn man von den Vogelbecken absieht.

 

Wieder vergingen die Jahre. Dann kam der Tag, der für so viele alles verändert hat. Langsam tasteten sich meine Familie und ich nach dem 9. November 1989 in diese unbekannten Gefilde vor.

 

Der erste Ausflug mit Mann und Sohn zum Alexanderplatz im Dezember 1989 und es war bitterkalt. Wir liefen vom Brandenburger Tor die Linden entlang. Neugierig schauten wir uns um, einfach so über die Grenze zu gehen, ohne Wartezeit, ohne besondere Kontrollen. Es war fantastisch. Wir konnten es noch gar nicht richtig fassen. In der Vergangenheit hatte man uns viel zu oft an den Grenzübergängen grundlos ewig warten lassen, die Kofferräume durchsucht und bohrende Fragen gestellt. Wir genossen es sehr, spontan und ohne Umstände durch Ost-Berlin zu bummeln. Wir kamen ziemlich durchgefroren zur Markthalle am Alex, eine gute Gelegenheit zum Aufwärmen. Unser Sohn sah sich die Auslagen an und vermeldete, dass er Hunger hätte und auf der Stelle etwas zu Essen bräuchte, da er sonst dem Hungertod erliegen würde. Wir erstanden für 50 Pfennige West ein Paket Kekse. Glücklich machte er sich über seine Beute her. Er kann sich heute noch daran erinnern. Er war damals viereinhalb Jahre alt, es ist schon erstaunlich, Kleinigkeiten bleiben am längsten im Gedächtnis.

 

Schrittweise wurde auch wieder der S-Bahnbetrieb in West-Berlin aufgenommen. Plötzlich war das S-Bahnnetz für uns West-Berliner mehr als doppelt so groß. Was waren das für exotische Stationen, die jetzt erreichbar waren: "Springpfuhl", "Fangschleuse" und "Rummelsburg". Wir wohnten zu dieser Zeit in Spandau und bei unserer Erkundung dieser "neuen" Stadt waren wir meistens mit dem Auto unterwegs. Wieder nix mit Ostkreuz.

 

Im Herbst 1997 hatte ich mir in den Kopf gesetzt, meinem Sohn einen ganz besonderen Adventskalender zu basteln. Er sollte mit Miniaturen von Star-Trek-Raumschiffen bestückt werden. Die gab es gerade in allen Spielzeugläden zu kaufen, drei Stück in einer Packung. Ich hatte schon den größten Teil zusammen, ein Päckchen fehlte noch. Das erwies sich dann als eine größere Hürde. Es war zum Verzweifeln, kein Geschäft hatte es. Heute wäre es kein Problem, im Internet wird man ja immer fündig. Aber damals! Wir fingen an, mit Hilfe der Gelben Seiten alle Spielzeugläden im Großraum Berlin ausfindig zu machen. Unsere Suche führte uns bis in die neu entstandenen Einkaufszentren in Eiche, Weißensee und Hellersdorf. Und was soll ich sagen – es klappte! Ganz kurz vor dem 1. Dezember – ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben — ergatterte ich dann in Helle-Mitte das letzte noch fehlende Päckchen. Es hing ganz hinten im letzten von zehn Verkaufsdisplays. Soviel zum Thema "Ham wa nich". Mein Sohn hat sich sehr gefreut. Er steht inzwischen nicht mehr auf Star Trek, aber er hat mir die kleinen Raumschiffe vermacht. Ich hüte diesen Schatz wie meinen Augapfel. Er wird mich immer an diese Zeit erinnern.

 

Der weiße Fleck auf der Landkarte hat inzwischen die Gestalt eines sehr löcherigen Käses angenommen. Es gibt zwar immer noch Ecken in Berlin, in denen ich noch nie gewesen bin, aber die werden von Jahr zu Jahr weniger. Dementsprechend gibt es natürlich auch S-Bahnstationen, die ich höchstens vom Durchfahren kenne. Aber das gilt für ganz Berlin, bis Lichterfelde-Süd bin ich zum Beispiel auch noch nicht gekommen.

 

Ich muss unbedingt nächstes Mal Ostkreuz aussteigen.


 

Malvina Petrat
Nachbarschaftliche Mutmaßungen
Gryphiusstraße 2007

 

In einem der oberen Stockwerke zerknitterter Enddreißiger,
schlecht gelaunt und auf Hinterhöfe urinierend.
Im Vorderhaus in der Mitte passionierte Raucherin Anfang 50
mit vollem Kühlschrank und Wut im Bauch,
schulterlanges Haar auf verlebter Haut.
Revolutionsschmiede im zweiten Stock und verdreckte Klos im vierten.

Geputzte Fenster links unter mir und zerleierte Tapes nebenan.
Erfüllte Leben und leere, laute Stimmen zwischen leisen.
Kindergeschrei gegenüber und Techno aus dem Autoradio.
Grillen fressende Laubfrösche im Wohnzimmer unter mir
und mediterrane Kochkünste im Erdgeschoss.
Sex mit geschlossenen Augen zwischen Rotweinflecken auf dem Küchenboden.

Flackernde Bildschirme und besetzte Telefonleitungen.
Nachtschwärmer und Tagträumer, Entdecker und Verlierer.
Geschichtensammler und andere Handwerker,
Toastbrotverzehrer und Weinliebhaber wachend oder schlafend,
leben oder leben lassen.
Linkshänder und Schlafwandler in bunten Hoffnungen,
zwischen täglicher Müllabfuhr und Geruch nach frischen Brötchen.


 

Jan Mike Singer
Berlin tut Paule jut

 

Paul Müller saß zusammengekauert im letzten Wagen der S-Bahn nach Westkreuz. Er versuchte etwas zu dösen, aber es gelang ihm nicht. Zu viele Gedanken gingen in seinem Kopf herum. Der ältliche Mann befand sich auf seinem Weg zur Arbeit ganz allein im Abteil. Müde sah er aus, fertig und auch etwas vernachlässigt. Die alte graue Stoffhose faserte an einigen Stellen aus, die blaue Trainingsjacke war ausgeleiert und der Wollmantel hätte mal wieder eine Reinigung vertragen können: also alles bester Berliner Schick! Seine Augen jedoch blickten selbstbewusst umher. "Kein einziges Mal die Bahn verpasst und dit in vierzig Jahren, länger als Honecker anner Macht", dachte er voll Stolz.

Es war fünf Uhr morgens. Der Zug hatte gerade den S-Bahnhof Treptower Park verlassen und bewegte sich langsam zuckelnd Richtung Ostkreuz. Kalt und regnerisch war’s. Kein einladender Eindruck.

"Wat hat Gerda immer jesagt? Mensch, Paule, hat se jesagt, Du gehörst doch schon zum lebendigen Inventar der Bahn. Musst uffpassen, dat se dich nicht eenmal da behalten. Jetzt sagt se jar nischt mehr. Schade. Die Alte is doch schon fünf Jahre tot. De Wohnung is seitdem nur noch kalt und viel zu groß. Ohne ihr…"

Weiße-Flotte-Schiffe lagen verlassen an der Anlegestelle vor Anker. Einige Eisschollen trieben auf der Spree umher. Am dunklen Horizont blinkten schwach die Umrisse des Riesenrads vom Vergnügungspark Plänterwald hervor.

"Mensch, hätt' ick nie gedacht, dass mir die Olle so fehlen würde. Früher hat se mich fuchsteufelswild gemacht, wenn se unbedingt zu Hause bleiben wollte. Kultur im Heim nannte se dat. Heute vermisse ich sowat. Wie jerne würd’ ick heute mit ihr auf’m Sofa sitzen. Dann könnt ick sogar den Mist in der Röhre ertragen. Andererseits, keen Fernsehen ist ooch nicht so schlimm. So kommste wenigstens früh ins Bett. In die Kneipe um de Ecke jeh ick ooch nicht mehr. Bei vier richtjen Mark für 'ne Molle kann ick mir das nur noch selten leisten. Da musst de ja zu Hause bleiben. Bist der Glotze schutzlos ausgeliefert. Die einzige Selbstverteidigung ist jar nicht erst Anschalten. So wie jestern wieder. Bin ick heute also wieder pünktlich in Baumschulenweg eingestiegen. Werd' rechtzeitig an der Warschauer Straße sein. Vierzig Jahre immer dieselben fünf Stationen: Baumschulenweg, Plänterwald, Treptower, Ostkreuz und dann die Warschauer. Bis 1992 zu NARVA und als se dit Glühlampenwerk jeschlossen haben, zum Imbiss in der Modersohnstraße. Alte Kollegen und Kumpels treffen. Dat jing aber nicht lange jut, irgendwie hatte man sich nischt mehr so richtig wat zu sagen. So ohne produktive Arbeit und so. Einen janzen Arbeitstag nur vorm jepflegten Jelben zu schweigen, war mir uff Dauer echt zu langweilig.

Fand dann ooch wat anderes schnell. Jetzt verkoof ick den Kurier – die Zeitung von hier. Besser als nischt. Reich wirst de davon zwar nich, aber immerhin… So stell ick mich uff die große Brücke von der Warschauer Straße und bring die Zeitung an den Mann. Oder Frau. Wer eben so die Zeitung liest. Intellektuelle sind det nich. Eher Leute wie Gerda und ick. Is aber interessant da! Die janzen jungen Leute kommen von ihrem Beatklub und Diskothek nach Haus, wenn ick anfang' zu arbeiten. Hätt‘ ick nie jedacht, dass et solche komischen Vögel jibt. Tätowierungen und Metallringe aus der Haut und so. Zu jern hätt' ich Gerda davon erzählt, die würde 'nen Ooge machen… Jeht aber jetz nich mehr."

Der Zug passierte den Bahnhof Ostkreuz. Dunkel war’s und kein Mensch weit und breit zu sehen.

"Na, hier is es wie vor vierzig Jahren. Hat sich nich viel jeändert. Trotz Wende und Demoktratismus. Ick meen, den Osten will ick nicht wiederhaben, aber den Westen brauch ick nicht jeschenkt. Hab allet, wat ick brauch. Von 'ner Ollen mal abgesehen. Und 'nem bisschen mehr Jeld."

Die S-Bahn fuhr schließlich auf dem verwaisten Bahnsteig des S-Bahnhofs Warschauer Straße ein. Paul Müller nahm seine Zeitungsbündel und suchte sich eine windgeschützte Ecke. Auf der Brücke war noch reichlich Leben angesagt. Vergnügungssüchtiges Partyvolk zog in Dutzenden von Friedrichshain nach Kreuzberg und zurück. Paul mittendrin. Etwas unruhig war er. Kein klassisches Kurierpublikum hier. Aber das wird schon. Hoffte er.

Eine auch nach internationalen Maßstäben elegant gekleidete Frau näherte sich plötzlich Paul. Sie war etwas jünger als er und hübsch. Sehr hübsch. Einen Kurier wollte die sicher nicht haben. Ihr Burberry-Schal und der dunkle René-Lezard-Mantel passten eher in die mittlerweile langweilige Mitte Berlins als nach Friedrichshain. Sie strahlte eine Klasse aus, die man um diese Zeit hier nicht erwartete.

"Excuse me, can I ask you something?", wandte sie sich an Paul.

"Nee, ick versteh jar nüscht", war Pauls klare, unmissverständliche Antwort.

Die Frau versuchte es nochmal: "Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?"

"Warum eijentlich nich? Versuchen kost' ja doch nix."

Die aparte Frau war einige Sekunden lang irritiert. Dann setzte sie wieder an:

"Mein Name ist Paula Gertie Tates. Ich komme aus New York. Ich bin auf der Suche. Locations für einen Berlin-Film. Ich wollte fragen, ob Sie helfen können."

Kurze Pause. Paul räusperte sich.

"Liebe Frau Teetz. Ick weeß nich, ob ick helfen kann, aber nur los. Wat suchen Se denn?"

Nach einer weiteren Pause der Unsicherheit begann Paula wieder:

"Ich suche typische Berliner, you know. Ich dachte vielleicht, dass sie als Adviser und Extra arbeiten könnten."

Paule verstand nur Bahnhof. Und das in der Warschauer Straße.

"Wat heißt hier denn extra? Wieviel springt denn da für mich raus, so finanziell?"

"Sind Hundert Euro pro Tag o.k. for you?" fragte Mrs. Tates vorsichtig. "Und this then for ein Monat?"

"Is o.k.", war Paules beinah sprachlose Antwort.

"Well, o.k. then", konstatierte Paula. "Nice to meet you", sagte sie und gab Paul Müller ihre Visitenkarte. Angestrengt kramte sie ihre letzten Brocken Deutsch zusammen.

"Please, rufen sie mich tomorrow – morgen - an, o.k.?"

Zum Abschied drückte sie ihm noch einen Hundert-Euro-Schein in die Hand.

"Für some costs. Tschüs. See you tomorrow. Bis morgen."

Paul starrte ungläubig auf das Geld und die Visitenkarte. Er nickte nur. Seinen Stapel Zeitungen auf der windigen Brücke allein zurücklassend, wankte er zum Bahnsteig zurück. Er rang nach Atem. Ihm war schwindlig. Die S-Bahn fuhr laut ein. Mit dem Wort "Paula" fiel Müller in den Wagen und wartete ungeduldig auf die Abfahrt. Hundert Euro wollten ausgegeben werden. Das so schnell wie möglich.

Die Bahn fuhr übrigens nach »Nicht einsteigen«. Aber das nur by the way.


 

Boel Holm
Mama ist auf dem Ring

 

Mama ist auf dem Ring. Das ist das Signal, was jeden Sonntag bei Papa alles beendet. Wenn Mama auf dem Ring ist, muss er die Spielsachen und den Schlafanzug in seinen Rucksack packen, ein letztes Mal aufs Klo gehen. Er hat eine halbe Stunde.

Jeden zweiten Sonntag nimmt Mama den Ring zum Ostkreuz. Sie steigt nicht aus. Er soll auf dem Bahnsteig warten und dann ganz vorne einsteigen. Und jeden zweiten Freitag nimmt Papa den Ring zum Westkreuz und steigt nicht aus.

Bevor sie festgestellt haben, dass dieses das Einfachste war, haben sie sich oft gestritten. Papa hat ihn zu spät abgeholt, zu früh zurück gebracht, zu früh abgeholt, zu spät zurück gebracht. Mama war nie zufrieden. Papa war böse und seine Wut hing wie eine dunkle Wolke über dem Spielplatz, über dem Eisessen und den Zeichentrickfilmen.

Jetzt textet Mama, wenn sie vom Westkreuz losfährt. Dann wissen sie, dass sie eine halbe Stunde haben. Jetzt müssen Mama und Papa nie reden und können sich auch nicht streiten. Das haben sie sich gut ausgedacht.

 

Sie haben nicht immer gestritten. Es gab eine Zeit, bevor Papa in der Nacht ausgezogen ist, bevor statt Papa der Sven in Mamas Bett geschnarcht hat und bevor Jennifer auf der Welt war.

Sven holt nie die Jenni ab. Sie wird zur Omi gebracht oder zu einer von Mamas Freundinnen. Dann macht Mama sich hübsch und manchmal hat sie schon eine Flasche Wein geöffnet bevor Papa auf dem Ring ist. Er mag nicht, wie sie aus dem Mund riecht, wenn sie seine Wange küsst, bevor Papas Hand ihn findet und ihn in den ersten Wagen zieht und Papa und er endlich allein sind.

Der Rucksack ist gepackt und er hält Papas Hand. Er hat keine Angst, dass er sich verläuft oder auf dem löchrigem Bürgersteig stolpert. Er mag es einfach, Papas Hand zu halten.

Sie laufen an der Wurstbude vorbei. Da wo sie jeden zweiten Freitag Wurst kaufen. Man muss den ersten Biss vorsichtig beißen, sonst trifft ein heißer Spritzer in den Gaumen, und man muss mit offenem, erstauntem Mund den ganzen Weg nach Hause keuchen. Wie ein Hund. Sein Mund öffnet sich keuchend nur von dem Gedanken und Papa schaut ihm besorgt zu.

Es wäre alles einfacher, wenn sie sich vertragen könnten. Sven ist ja nicht mehr da, also gibt es wieder Platz für Papa. Aber klar, sie können sich ja nicht vertragen, wenn sie nicht miteinander reden. Mama redet manchmal über Papa. Nennt ihn Arsch. "Du hast natürlich nicht die Zähne geputzt bei dem Arsch." Manchmal hält er sich die Ohren zu und schreit, dass Papa nicht Arsch heißt. Manchmal lacht sie und manchmal packt sie ihn hart am Arm und sagt er soll in sein Zimmer gehen und da bleiben.

Papa redet nie von Mama, außer wenn er sagt, dass sie auf dem Ring ist.

 

Im Fernsehen gab es Bilder von einem Mädchen, was verschwunden war. Ihre Eltern saßen zusammen auf einer Couch und weinten und sagten: "Wenn irgendjemand unser kleines Mädchen gesehen hat..." Wenn er plötzlich weg wäre, würden sie dann zusammen weinen?

Jetzt geht es ja nicht. Er kann nicht Papas Hand einfach so loslassen und auf dem Bahnsteig verschwinden. Er könnte sagen, er muss Pipi machen, und da er ein ganz erwachsener Junge ist, kann er dass selbst erledigen. Aber er war gerade auf Klo und Mama kommt in sechs Minuten, so meint Papa sicher, dass er warten kann bis er zu Hause ist.

" Was passiert, wenn man vor den Zug fällt?", fragt er Papa.

" Man stirbt."

" Immer?"

" Also, wenn du Glück hast, brichst du vielleicht einen Arm oder Bein, aber mit so einem Glück soll man nicht rechnen. Warum fragst du?"

" Nur so."

 

Sollte er vor den Zug fallen und sich ein Bein brechen, müssen sie miteinander reden. Sie könnten zusammen in dem Krankenwagen fahren und ihn mit ängstlichen Augen ansehen. Vielleicht nimmt Papa dann Mama in den Arm und dann könnte er die Wohnung in der Sonntagstraße verlassen. Und nach Hause kommen.

Selbst muss er vielleicht mit Krücken laufen. Oder sogar im Rollstuhl sitzen. Manche werden sicher sagen, dass es voll doof war, alle wissen doch, dass man aufpassen muss, wenn der Zug kommt. Aber damit kann er leben. Es wird es schon wert sein. Je mehr er daran denkt, desto besser findet er seinen Plan.

 

Jetzt kommt der Zug. Papas Hand liegt leicht auf seinem Rucksack.

 

Es passiert so schnell. Ein paar schnelle Schritte und ein Sprung in die Luft. Papas Hand, die seinen Rucksack greift und eine Stimme, die schreit und fragt, was er vorhat. Seine Füße sind zurück auf dem Bahnsteig. Mamas wütende Hand reißt ihn in den Wagen hinein und ihre wütende Stimme schreit:

"Willst du, dass das Kind sich umbringt, Mistkerl?"

Und er sieht, wie Papa zusammenschrumpft hinter den Türen als sie schließen. Mama schimpft den ganzen Weg. Sie dreht sich entsetzt zu fremden Leuten.

"Mensch, man kann ja dem Arsch nicht vertrauen. Er darf den Kleinen nie mehr nehmen!"

 

O.k., dumm gelaufen. Nächstes Mal wird er das mit dem Verschwinden versuchen.


 

Barbara Lemko
Prost Neujahr!
Mit Goijko Mitic im Schneesturm

 

Meine Geschichte vom Ostkreuz passierte im Winter. Es war die kälteste und schneereichste Silvesternacht, die ich je erlebte. Meine Tochter war damals noch klein, und Gott sei Dank! bei Mama. Das Handy war noch nicht erfunden.

"Es kann spät werden, ich habe eine Lifesendung!", hatte ich noch so salopp gesagt und nicht gewusst, dass es so spät werden würde.

Die Lifesendung war eine Stundensendung mit Kindern beim Berliner Rundfunk der DDR und mit einem Stargast, der damals ein riesengroßer DEFA-Filmstar war. Alle Kinder liebten ihn, schwärmten von ihm, er war der Held, der Gute, der Tapfere, der edle Indianer, der die Weißen besiegt. Goijko Mitic war das, der schöne und gut gebaute Jugoslawe, den auch die Erwachsenen liebten. In der Vorbereitung hatte ich ihn schon in seiner Wohnung am damaligen Leninplatz, dem heutigen Platz der Vereinten Nationen, besucht. Das heißt, es war wohl auch die Wohnung seiner damaligen Lebensgefährtin Renate Blume, der schönen, schwarzhaarigen Schauspielerin, die auch eine DDR-Filmindianerin war. Sie kochte uns Kaffee und spielte mit meiner Tochter Anja.

"Zdravo, Goijko Mitic!"

"Dobar dan!"

Goijko erzählte. Und wie schön er war! Er erzählte von seiner Großmutter, die in den Bergen von Jugoslawien so naturverbunden wie eine Indianerin lebte, die alle Kräuter kannte und Heilpflanzen, die sich mit Luna, dem Mond, unterhielt, die mit Wurzeln, die sie im Wald auflas, die Suppen würzte. Und er erzählte, dass er einen echten Indianerfilm in den USA drehen würde, einen von den heutigen Indianern. Ich staunte. Ich war eine DDR-Frau und durfte, obwohl ich Journalistin war, nie hinter die Mauer. Ich war kein Reisekader. Aber Goijko war Jugoslawe, für ihn war die Welt groß und er hatte sich für die DDR entschieden und die tolle Möglichkeit, gute Indianerfilme machen zu können.

Bei der Sendung zu Silvester erzählte er das alles.

Ich erinnerte mich an meine Großmutter, Anna Lemko von den Karpaten, die genauso wie Goijkos Großmutter mit der Natur verbunden war, die Heilkräuter sammelte und Wurzeln. Ich sagte das Goijko und wir lachten, dass uns die Tränen in die Augen kamen.

Die Kinder fragten Goijko aus. Was sie alles wissen wollten!

"Hast du Kinder?"

"Wollen sie Indianer sein?"

"Wo reitest du in Berlin?"

"Kannst du keine Weißen leiden?"

Zum Schluss der Sendung brachte uns Goijko ein Lied bei, das er von seiner Großmutter kannte. Wir sangen und freuten uns. Ende der Sendung. Tschüss.

 

Als wir aus dem Studio kamen, war es schon dunkel. Die Kinder wurden mit dem Bus nach Hause gebracht.

Goijko und ich gingen in die Kantine, die große Rundfunkkantine, die übrigens rund um die Uhr geöffnet hatte und so auch Silvester. Wir schwatzten und hörten die Kantinenleute über unsere Sendung reden.

"Toll! Gut! Eine schöne Stimmung war das bei euch im Studio."

War es auch. Als wir zum Ausgang gingen, der kleinen Pforte an der Goijko seinen Passierschein abgeben musste und dafür seinen Pass zurück bekam, schneite es. Nein, nicht liebliche Schneeflöckchen fielen vom Himmel, es stürmte, der Schnee fiel wie eisige Sturzbäche über uns her, Schneewehen wanderten in aller Eile auf dem Funkhausgelände umher und versperrten uns den Weg. Schneeberge türmten sich auf dem Parkplatz.

"Du kommst mit mir", hatte Goijko schon in der Kantine gesagt, als wir noch nichts von dem Unwetter wussten. Ich hatte das Angebot, mit dem Kinderbus mitzufahren, ausgeschlagen.

Im Schneesturm lief ich hinter Goijko her. Sein Auto unter dem Schnee noch immer feuerrot.

"To je vrlo nezgodno, der verdammte Schlüssel! Ich habe ihn nicht. Ich habe ihn im Auto gelassen."

Es war spät. Es gab wie gesagt noch kein Handy und Taxen waren bei diesem Wetter und zu Silvester und in dieser Gegend und in der DDR ohnehin nicht zu bekommen. Es schneite noch immer. Es stürmte.

Goijko blieb cool. Seine Oma hat ihn gut erzogen. Und meine mich auch. Ich blieb auch cool.

"Fahren wir mit der Straßenbahn!"

"Hmm!"

"Ist auch besser bei dem Wetter."

"Hmm."

Wir gingen langsam durch den Schneesturm bis zur Straßenbahn, der 13. Wir warteten. Es schneite noch immer. Viel dichter waren jetzt die Schneeflocken, aber der Sturm hatte nachgelassen. Keiner außer uns war da. Aber es kam auch keine Straßenbahn. Wir warteten. Eine halbe Stunde. Nichts. Wir tauschten Pilzrezepte unserer Großmütter aus. Wir schwatzten.

Schließlich liefen wir, uns bei den Händen haltend, in Richtung Ostkreuz. Der Wind blies uns vorwärts.

Die Rummelsburger Landstraße zog sich endlos dahin. Und sie war triste. Die Riesentürme des Kraftwerks Klingenberg begleiteten uns auf dem Weg bis wir an den Drahtzäunen der Gefängnishäuser vorbeikamen, den Wachposten der Armee. Immer behieten wir den dicken, dunklen Turm im Auge. Eingehüllt vom Schnee wie ein Weihnachtsbaum vom Engelshaar, der Wasserturm vom Ostkreuz. Jetzt sprachen wir schon nicht mehr. Wir liefen.

Endlich! Der Wasserturm wie ein riesengroßer Baumstamm direkt vor uns. Ostkreuz!

"Fahren wir bis zur Schönhauser Allee!" sagte Goijko.

"Und du? Wie kommst du denn nach Hause?", fragte ich jetzt sehr vertraut.

"Geht schon", sagte Goijko. Wir lachten. Alles schien nun doch noch ein gutes Ende zu nehmen.

Am Bahnsteig keine S-Bahn. Es waren auch keine Leute da. Keine Lautsprecheransage, keine Anzeige. Nichts. Es wird kalt. Unsere Laune war getrübt. Wir schauten schweigend in die Richtung, aus der die S-Bahn kommen sollte. Sie kam nicht. Wir schauten auf die Uhr. Es ging auf Mitternacht. Es war Silvester. Silvester am Ostkreuz!

Schließlich, als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, kam die Bahn. Wir fuhren zusammen bis zur Schönhauser Allee. Küsschen! Tschüsschen!

"Sretnu novu godinu!"

"Gesundes Neues Jahr!"

"Do skoro!"

"War schön."

Über zwanzig Jahre sind seitdem vergangen. Ich hatte Goijko vergessen. Und er mich offensichtlich auch. Aber den dicken Wasserturm, den alten Baum und den Hinterausgang zu den Bahnsteigen vom Ostkreuz gibt es noch immer. Und als ich neulich im Fernsehen ein Interview mit Goijko Mitic sah, fiel mir die Geschichte wieder ein.

Do videnja, Goiko Mitic! Wäre schön, dich zu treffen!


Sonja Hoffmann
Eine Woche am Ostkreuz
Eine Geschichte von Schreihälsen, Bomben und herrenlosen Schuhen

 

Irgendein Montag im Juni, 8.00 Uhr:

"Jasmin! Jasmin!" Wir drehen uns um, aber es ist niemand hinter uns. Vielleicht verwechselt der Typ mit den wirren grauen Haaren und dem zerknitterten Trenchcoat mich mit einer Frau namens Jasmin. Er wackelt an uns vorbei, würdigt uns nicht eines Blickes und ich bin mir nicht mal sicher, ob er uns überhaupt wahrgenommen hat. Kaum ist er an uns vorüber gezogen, schreit er erneut mit einer schrillen Stimme nach Jasmin und quetscht sich vorbei an einem jungen Mann, der wild gestikulierend an uns vorbeischießt. Auch er ist allein, was ihn nicht davon abhält, mit einem zickig-ironischen Ton vor sich hin zu zetern: "Ja, genau, ich weiß, ich bin ein Lügner und DU machst immer alles richtig… ja, ja, toll…ach? Ist das so, ja? Ach, dann leg doch auf…" Er greift erst in seine Tasche und zieht dann genervt den Headset-Knopf aus seinem Ohr. Er scheint telefoniert zu haben – ganz im Gegensatz zu dem alten Herren, der sprach mit sich selbst. Nicht immer ist es so eindeutig wie in dieser Situation, aber am Ostkreuz befassen sich nur noch Touristen aus der Kleinstadt mit der Frage, ob der sprechende Einzelgänger per Headset telefoniert oder nicht.

 

Irgendein Dienstag im April, 15.30 Uhr:

Wir haben frei und nutzen den Tag, um auf dem Markt am Maybachufer einzukaufen. Von dort aus ist es über das Paul-Linke-Ufer nur ein Katzensprung bis zum Markgrafendamm, wo wir leben. Während wir die Einkäufe im Kühlschrank verstauen, hören wir von draußen undefinierbare Megaphon-Durchsagen. Schon wieder eine Demo? Kann schon sein, denn normalerweise bekommt man von derartigen Aktionen meistens erst etwas mit, wenn man die Abendschau im RBB ansieht. Wir denken uns nichts dabei und genießen den freien Tag mit einem Buch auf dem Sofa. Die Durchsagen hören jedoch nicht auf und so öffnen wir das Fenster und versuchen, die Botschaften zu entschlüsseln: irgendwas ist gesperrt… hm, naja, wie dem auch sei. Kurze Zeit später klingelt es dann an der Tür und zwei uniformierte Schränke bauen sich vor mir auf und weisen mich darauf hin, dass wir die Wohnung verlassen müssen, weil am Ostkreuz eine Bombe zu entschärfen sei. Na toll, also wird das Buch zusammengeklappt und wir begeben uns auf einen unfreiwilligen zweiten Spaziergang, denn sich mit etlichen anderen in die Turnhalle einer Schule zu hocken, war nun nicht unsere perfekte Vorstellung eines freien Tages.

An der Boxhagener Straße stehen drei Mädchen, die sich selbst als Visual Key bezeichnen würden mit bunten Manga-Comic-Kleidchen und Sonnenschirm, an der Bushaltestelle. So, wie sich in Kleinkleckersdorf die örtliche Dorfjugend eben auch an der Bushaltestelle trifft. Eigentlich ist sich doch alles so ähnlich und über die pubertierenden Jungbauern entrüsten sich die Anwohner jenseits der 70 ebenso wie hier bei uns. Die Bombe ist so nah und trotzdem läuft hier alles seinen Weg, schon beeindruckend, wenn man darüber nachdenkt.

 

Irgendein Mittwoch im Mai, 17.45 Uhr:

Seit einigen Minuten stehe ich am Ostkreuz und warte auf eine Freundin. Nur wenige Meter von mir entfernt steht ein junges Paar, ich schätze beide sind so Ende zwanzig und wenn man sie so mit dem Stadtplan hantieren sieht, drängt sich einem unweigerlich die Vermutung auf, dass die beiden als Touristen in die Hauptstadt kamen – sie sind also im Urlaub. Was Erholung und Freude bringen soll, führt bei zahlreichen Menschen jedoch zu Aggressionen und Bluthochdruck und so bildet auch das Paar neben mir keine Ausnahme.

Sie (mit schrillem und hasserfülltem Unterton): "ICH hab gleich gesagt, dass wir hier falsch sind, aber du hörst ja eh NIE auf mich...!"

Er (mit pulsierender Ader an der Stirn): "Ja, wer wollte denn, dass wir nach Berlin fahren, hä?! Ich war ja für Malle, da hätten wir alles inklusive gehabt und hätten keine Scheißbahn suchen müssen und Fabian und Melanie wären auch mitgekommen, dann hätten wir nicht die ganze Zeit aufeinanderhängen müssen...!"

Sie: "Ey, ich hab’s so satt. Du kümmerst dich NIE um irgendwas und dann ist immer alles Scheiße!"

Er: "Ach, halt doch die Klappe, die beschissenen zwei Tage Urlaub kriegen wir ja wohl noch rum..."

Es folgt eine Phase eisigen Schweigens und als endlich die ersehnte Bahn einfährt, frage ich mich, ob das der erste und letzte gemeinsame Urlaub der beiden war oder ob das jedes Jahr so abläuft.

 

Irgendein Donnerstag im März, 8.24 Uhr:

Die Frühstückskultur Berlins scheint sich am Ostkreuz in Ost und West zu trennen. Während in den Bahnen, die sich Richtung Westen bewegen hauptsächlich belegte Körnerbrötchen, Coffee to go und Croissants verspeist werden und wohlige Gerüche verströmen, sitze ich in einer der Bahnen Richtung Osten.

Der Osten frühstückt scheinbar anders, denn statt des Aromas von frisch gebrühtem Kaffee steigt mir der aufdringliche Geruch eines Döners "mit alles" in die Nase. Ja, es ist kurz nach acht Uhr in der Früh und ich bin relativ glücklich, morgens schon über ein recht unempfindliches Riechorgan zu verfügen. Zu dem Döner gibt es natürlich keinen Kaffee, denn das würde ja absolut nicht passen und man muss ja schon auf Etikette achten und so wird das gesunde Frühstück mit einem kräftigen Schluck Bier runtergespült.

Um für Abwechslung zu sorgen, steht natürlich auch die Curry-Wurst ganz oben auf der Frühstücksfavoriten-Liste Ost und auch das eine oder andere Eisbein wurde schon vor meinen Augen zur wichtigsten Mahlzeit des Tages.

Ost und West: so viele Unterschiede wurden schon abgebaut, aber vielleicht sollte die Politik sich auch noch mal im Sinne der Menschen mit einer empfindlichen Nase für die deutsche Einheit einsetzen.

 

Irgendein Freitag im Juli, 18.00 Uhr:

Nach Feierabend will ich noch schnell ein paar Dinge besorgen, schiebe mich an den unzähligen besetzten Sitzmöglichkeiten vor den Cafés in der Sonntagstraße durch die Menschenmengen und stelle fest, dass Friedrichshain wohl tatsächlich auf dem Weg ist, das neue Prenzlauer Berg zu werden. Auf der kleinen Grünfläche an der Sonntagstraße tummeln sich geschätzt 100 junge Eltern mit ihren Kindern, die auf Namen wie Marie Luise und Frederik hören, und diskutieren über Familienpolitik und das Leben im Allgemeinen. Aus ihren bunten Jute-Beuteln ziehen sie hin und wieder Schraubgläser (der Umwelt zuliebe) und geben ihren langhaarigen Söhnen einen Haferkeks in Bio-Qualität. So viele Brüste wie hier sieht man sonst nur am FKK-Strand, dort hängen an ihnen allerdings meist keine Kinder und es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sämtliche Döner-Grills von Bio-Läden und Windelgeschäften ersetzt werden.

 

Irgendein Samstag im Oktober, 14.35 Uhr:

Wird Friedrichshain also bald das neue Prenzlauer Berg? Die Kinderwagen schiebenden Papas sind auf alle Fälle schon überall in Scharen zu beobachten. Schräg versetzt gehen Ursula von der Leyens Vorzeigemodelle hinter dem Sportkinderwagen, mit dem ihre Partnerin (nicht "Frau", weil heiraten ja viel zu altmodisch ist) nach der Arbeit noch joggen geht, um den Waschbrettbauch drei Wochen nach der Entbindung lässig im Flohmarkt-Shirt zu präsentieren. Obwohl alle Super-Papas behaupten, die Elternzeit sei das beste, was ihnen je passiert ist, hängen ihre Mundwinkel stets nach unten und zwischen ihren Augenbrauen zeigt sich ihre Unzufriedenheit in einer kräftigen Zornesfalte. An der Dauerbaustelle Ostkreuz nähern wir uns mit unseren Fahrrädern von hinten einem ebensolchen Exemplar und bitten ihn höflich, uns vorbeizulassen. Ohne sich umzudrehen pöbelt er: "Dat ist keen Radweg hier!" Um sich das eigene Leben nicht unnötig schwer zu machen flöte ich: "Es ist ein Weg für Fußgänger und Radfahrer und selbst wenn er es nicht wäre, könnte man doch ein wenig nett miteinander sein." Wo es denn stünde, dass es sich um einen gemeinsam zu nutzenden Weg handele? Wir zeigen ihm das Schild am Beginn des Weges und die schlagartige Rotfärbung seines peinlich berührten Gesichts zeigt, dass der ach so entspannte Papa vielleicht doch noch mal zum Yoga gehen sollte...

 

Irgendein Sonntag im August, 9.10 Uhr:

Es gibt Indizien, die eine zuvor vermutete Entwicklung jedoch fragwürdig erscheinen lassen, denn die wirklichen Promis sieht man hier noch nicht. Während es in Mitte ein leichtes ist, Til Schweiger beim Dreh für einen neuen Film über den Weg zu laufen oder in Kreuzberg mit Heidi Klum einen Burger beim großen M zu essen, so trifft man auf den Flohmärkten rund um das Ostkreuz doch eher nur auf abgehalfterte B-Prominenz. Erst nach mehrmaligem Hinschauen erkennt man dann den deutlich gealterten und längst in der Versenkung verschwundenen VJ, der zu Zeiten im Musikfernsehen arbeitete, als noch keine billigen Reality-Date-My-wasauchimmer-Shows in 24-Stunden-Endlos- Schleife, sondern tatsächlich noch Videoclips von nicht gecasteten Bands gezeigt wurden.

Dennoch zeigt das Ostkreuz insbesondere auf der Seite des Markgrafendamms noch großes Potential hinsichtlich der Entwicklung zu einem DER Hotspots in Berlin (ob diese Entwicklung allerdings wünschenswert ist, bleibt eine Frage, über die es zu streiten gilt.).

Der Markgrafendamm hat nämlich zwei Gesichter: Ein Werktagsgesicht und ein Wochenendgesicht.

Montags bis freitags schleppen sich am frühen Morgen die Berufstätigen zum Ostkreuz. Ob mit schlurfenden Füßen und gesenkten Blicken oder mit hektischem Schritt und dem Mobiltelefon am Ohr, wirkt jeder auf die eine oder andere Art unmotiviert oder zumindest unausgeschlafen. Unausgeschlafen sind die Menschen, die sich am Vormittag des Sonntags Richtung Ostkreuz bewegen zwar auch, ihre Müdigkeit liegt aber wohl eher daran, dass sie seit circa 24 Stunden auf den Beinen und diese vom Tanzen derart geschwollen sind, dass sich der eine oder andere auf dem Heimweg seines Schuhwerks entledigt.

Als ich in den Markgrafendamm zog wunderte ich mich über die große Zahl herrenloser Schuhe, die in den Nächten von Samstag bis Montag auf dem Weg zum Ostkreuz auftauchten. Wie für Berlin üblich, sind die wahren Tanztempel auch hier nicht mit einem großen, rotblinkenden Pfeil versehen, sondern liegen wie der Salon "Zur Wilden Renate" derart versteckt, dass sie den auf den Boden gesenkten Blicken der "Arbeitsbienen" meist verborgen bleiben. Aus dieser Unwissenheit heraus resultiert dann eine gewisse Verwirrung hinsichtlich der demographischen Zusammensetzung der Fußgänger, die sich am Sonntag durch den Markgrafendamm bewegen. Während der eine frisch ausgeschlafen und gewaschen auf dem Weg zum Bäcker ist, torkelt der andere ohne Schuhe an den Füßen und mit der letzten Flasche Bier in der Hand zur Bahn. Für knapp 24 Stunden hat das Ostkreuz dann seinen großen Auftritt, um am Montag nur noch durch die einsamen Schuhe zeigen zu können: "Ich war dabei…"


 

Andrea Dehne
Flashmob

 

Es war spät geworden. Er saß in der S-Bahn, den Kopf gegen das Scheibenglas gelehnt und sah draußen die Lichter der Stadt vorüber ziehen.

Die Wagen ratterten über das alte Gleisbett der Ringbahn und er ertappte sich dabei, wie ihm die Augen zufielen.

Am Ostkreuz hielt der Zug, die Türen öffneten sich und Menschen strömten herein. Fast alle Plätze waren auf einmal besetzt und eine eigenartige Stimmung schien den Wagen zu erfüllen. Ein leises Tuscheln und Wispern, das abbrach, als das Abfahrtsignal ertönte und die Türen sich schlossen. Ihm gegenüber hatte eine Frau Platz genommen, die ihre graue wellige Haarmähne mit einem Band im Nacken zu zähmen suchte. Ihr Mund war in der Farbe reifer Süßkirschen geschminkt, ein dunkles Rot, das fast ins Schwarze reichte. Sie trug eine leichte schwarze Strickjacke über einem mit Blumenmuster verzierten hochgeschlossenen Kleid. Irgendwo im Waggon erklang auf einmal Musik. Zuerst ein paar schluchzende Töne. Die Menschen um ihn herum erhoben sich, fanden als Pärchen zueinander, Arme legten sich behutsam um Rücken und Hals, Hände sanft in Hände, alles schien einer einzigen Choreographie zu gehorchen. Man wiegte sich leicht zu den ersten Takten, die Musik wechselte, wurde intensiver, abgehackt, zwingender, sie trieb die Tänzer — denn ohne Zweifel handelte es sich um solche — vorwärts, erst in kleinen Schritten und Drehungen, dann in immer ausgefalleneren Figuren, wobei sie geschickt jede sich auftuende Lücke, jede Nische des Waggons nutzten.

Verwirrt sah er dem Treiben um sich herum zu, lauschte den Klängen bis sein Blick an der Frau ihm gegenüber hängen blieb. Sie hatte aus einer Bastkorbtasche ein paar hochhackige Schuhe genommen und beim Anziehen ihn angelächelt. Dieses Lächeln wurde immer strahlender als sie aufstand, auf ihn zuging und ihm die Hand reichte. Wie in Trance erhob er sich und ehe er es noch begriff oder etwas sagen konnte, wiegten beide sich eng umschlungen die Köpfe leicht aneinander gelehnt und lauschten den Worten der Sängerin:

 

Yo soy maria

de buenos aires

de buenos aires maria

no vien quien

soy yo?

(Ich bin Maria von Buenos Aires, Buenos Aires Maria, sehen Sie nicht wer ich bin?)

 

Sie glitten durch die Nacht wie der Zug, der sie mit sich führte.

 

maria tango,

maria del arrabal,

(Maria Tango, Maria der Vorstadt)

 

Vorsichtig waren ihre Bewegungen, tastend, abwartend. Wenn er einen Schritt auf sie zu wagte, wich sie zurück. Bewegte er sich seitlich, tat sie ihm nach. Wiegte er seine Schritte, folgte sie der Bewegung.

 

maria noche

maria pasion fatal

(Maria Nacht, Maria Leidenschaft fatal)

 

Löste sich ihre Umarmung, dann umkreisten sie einander, lauernd, sich tief in die Augen blickend. Vertrat er ihr den Weg, ließ sie ihren Fuß an seinem Bein ein-, zweimal hoch und nieder gleiten, um es, nach einem kleinen Zögern, zu übersteigen.

Alsbald lehnten sie wieder eng aneinander, nahmen den Takt auf und folgten den Anderen.

 

maria del amor

de buenos aires

soy yo

(Maria der Lieb, zu Buenos Aires, bin ich)

 

So umrundeten sie die Stadt.

Als der Zug wieder am Ostkreuz hielt verstummte die Musik. Die Paare trennten sich, rafften ihre Sachen zusammen und strömten auf den Bahnsteig. Benommen stand er alleine im leeren Waggon. Das Abfahrtsignal ertönte und die Türen schlossen sich.

Der Zug setzte sich in Bewegung — ein leuchtendes Band vor der schwarzen Silhouette der Lagerhäuser und des alten Wasserturms, ein Glühen, das langsam im Dunkel der Nacht entschwand.

 

P.S.
Der kursive Text ist der Tango Opera 'Maria de Buenos Aires' von Astor Piazzolla entnommen


 

Ilse Treue
Das Ritual

 

Herbert pflegt ein Ritual. Alljährlich im Mai pilgert er von seiner Wohnung am Ostkreuz nach Treptow, genießt dort einen erholsamen Nachmittag und pilgert wieder zurück. Es ist wieder Mai und wieder zieht es ihn ans Spreeufer. Ganz gegen seine Gewohnheit nimmt er heute die S-Bahn, nicht ahnend, dass der Tag dadurch eine unerwartete Wendung nehmen wird.

Auf der Rückfahrt am S-Bahnhof Ostkreuz aussteigend, blickt er noch einen Moment vom Ringbahnsteig aus über die riesige Baustelle. Die Kynastbrücke steht schon an ihrem neuen Platz. Vor kurzem wurde sie für den Verkehr freigegeben. Noch lange wird er in seiner unmittelbar am Bahnhof gelegenen Wohnung Baulärm und Schmutz ertragen müssen; aber wenn alles fertig ist, wird das Umsteigen eine wahre Freude sein. Gerda würde staunen, wenn sie das noch erlebt hätte. Früher fuhren sie täglich von hier zur Arbeit und an den Wochenenden hinaus ins Grüne. Als die Kinder noch klein waren, quälten sie sich oft mit dem Kinderwagen treppauf, treppab. Mit dem Aufzug wird das einmal eine Kleinigkeit sein. In Gedanken vertieft wendet er sich dem Ausgang zu.

In dem Augenblick, wo er die Treppe hinabsteigen will, bittet ihn eine Frau um Auskunft. Herbert dreht sich um, stutzt, fragt halb ungläubig: "Brigitte? – Wirklich Brigitte?" Die so Angesprochene staunt ebenfalls: "Herbert, du?" Nach kurzer Pause: "Ich bin heute früh aus Schwerin gekommen und will jetzt wieder zurück, finde mich aber auf dem Bahnhof nicht zurecht. Seit ich das letzte Mal hier umgestiegen bin, hat sich alles total verändert." Bereitwillig kommt Herbert ihr zu Hilfe. Er weist auf die Bahnsteige, zeigt, was fertig und was im Bau ist. "Du bist gut informiert", sagt Brigitte anerkennend. "Ohne dich wäre ich ziemlich hilflos." Der Klang ihrer Stimme weckt in Herbert Erinnerungen. Seit Jahren haben sie einander nicht gesehen. Er will sie jetzt nicht einfach gehen lassen und bittet sie, ihre Heimfahrt etwas hinaus zu schieben. "Ich lade dich zu einer Tasse Kaffee ein. Kommst du mit? Ich würde mich freuen." Brigitte überlegt nicht lange. In der nahe gelegenen Sonntagstraße war sie mit ihrer Schwester Gerda aufgewachsen. Herbert bewohnte nach seiner Vermählung mit Gerda eine Wohnung im gleichen Haus. Straße und Haus würde sie gern wieder sehen.

Kaum fünf Minuten später betreten sie Herberts Wohnung. Schnell ist der Kaffeetisch gedeckt. Schweigend nehmen sie die ersten Schlucke. "Mir ist, als ob ich nach Haus komme", beginnt Brigitte das Gespräch. "Brigitte, du bist schon einmal mit mir nach Haus gekommen", antwortet Herbert, "das ist lange her. Erinnerst du dich?" Dann wird er still. Seine Gedanken gehen um Jahrzehnte zurück. Es war Krieg. Die Zeit der Siege war längst vorbei. In einer furchtbaren Kesselschlacht trafen ihn buchstäblich in den letzten Stunden des Krieges noch zwei Kugeln. Man trug ihn in einen Keller, in dem notdürftig eine Verbandsstelle eingerichtet war. Hilflos war er fremden Menschen ausgeliefert, nicht wissend, was von einer Stunde auf die andere passieren würde. Frauen aus dem Ort versorgten die Verwundeten so gut es ging. Da war vor allem Uschi, die vor keiner Arbeit zurückschreckte und nicht müde wurde, den Soldaten Mut zuzusprechen. Von ihr erfuhr Herbert vom Ende des Krieges. Eigentlich weiß Brigitte das alles. Seit langer Zeit hat er nicht mehr darüber gesprochen. Nun, wo er Brigitte wieder sieht, stehen die damaligen Ereignisse so mächtig vor ihm, dass es ihn zum Sprechen drängt.

"Brigitte, du weißt, dass ich in Halbe verwundet wurde", beginnt er. "Du kannst Dich bestimmt noch auf Uschi besinnen. Sie kam eines Morgens in den Keller und verkündete, dass sie sich zu Fuß auf den Weg nach Berlin machen werde. Sie wolle nach ihren Eltern sehen. In der Hoffnung, dass ihr zu Hause den Krieg überlebt habt, schrieb ich ein paar Zeilen auf einen Zettel und bat Uschi, dieses Lebenszeichen Gerda zu übergeben. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Plötzlich tauchte das Gerücht auf, wer laufen kann, könne auf eigenes Risiko versuchen, in seinen Heimatort zu gelangen. Andernfalls sei mit Kriegsgefangenschaft zu rechnen. Es würden Transporte zusammengestellt werden. Gerücht? Wahrheit? Ich lag gehunfähig im Keller und musste die Ereignisse auf mich zu kommen lassen." Herbert atmet tief, bevor er weiter spricht: "Ich werde nie vergessen, wie mir zumute war. Berlin war zum Greifen nahe. Ich klammerte mich an die Hoffnung, euch dort wieder zu sehen. Das gab mir Kraft. Nun brach die Hoffnung zusammen. Der Abtransport nach Russland schien unausweichlich. Da tauchtest du plötzlich auf. Ich glaubte, eine Fata Morgana zu sehen. Neben dir stand Uschi und lachte. Ich muss wohl sehr dumm drein geschaut haben. Gleich darauf durchzuckte es mich wie ein Blitz: Das ist die Rettung! Alles Weitere verdanke ich dir." Überwältigt von der Erinnerung, greift er nach Brigittes Hand.

Leise, um Herbert in seinen Gedanken nicht zu stören, schenkt Brigitte noch einmal Kaffee ein. Sie nimmt einige Schlucke, ehe sie zu sprechen beginnt: "Ja, ich erinnere mich. Der Krieg war erst wenige Tage zu Ende, da brachte eine fremde Frau Grüße von dir. Als ich hörte, dass du lebst, schlug mir das Herz bis zum Hals. Nun bot sich die Möglichkeit, dich wieder zu sehen, da die Frau nach Halbe zurückkehren werde. Spontan schloss ich mich ihr an. Für Gerda kam eine solche Strapaze nicht in Frage. Sie erwartete euer erstes Kind. Mit Uschi war ich schnell per du. Ich lernte sie als eine couragierte Frau kennen, der man sich getrost anvertrauen konnte. Ich hatte keine Ahnung, was mich in Halbe erwartet. Schon gar nicht war ich darauf gefasst, dich nach Haus holen zu können. Die Gelegenheit, dir die Kriegsgefangenschaft zu ersparen, war günstig, also nutzte ich sie. Uschi half nach Kräften. Im Wald von Halbe wurden wir fündig. Flüchtlinge und zurück weichende Soldaten hatten alles weggeworfen, was ihnen bei der Flucht hinderlich war. Wir fanden einen klapprigen Leiterwagen. Wir fingen ein herrenlos umherlaufendes, abgemagertes Pferd ein. Sogar Zaumzeug fanden wir. Das passte zwar alles nicht zusammen, doch irgendwie würde es schon gehen. Für dich mussten zwei Holzstangen als Gehhilfe ausreichen. Uschi trieb Rote-Kreuz-Binden auf, die wir uns auf die Ärmel hefteten, dazu eine Rote-Kreuz-Fahne und fertig war der Lazarettwagen. So machten wir uns auf den Weg nach Berlin. Wenn ich heute daran zurück denke, wundere ich mich über den Mut, den wir aufbrachten. Wir warfen uns in ein Abenteuer, von dem wir nicht wussten, wie es enden würde. Das Pferd blieb alle paar Meter stehen. Ich wusste nicht mit Pferden umzugehen, Uschi auch nicht. Du wusstest es, konntest aber nur mit Ratschlägen helfen." Herbert unterbrach Brigitte: "Das arme Pferd tat mir leid. Wir hatten nichts zu fressen für das Tier. Das Zaumzeug scheuerte. Es half aber alles nichts, Pausen konnten wir uns nicht leisten. Wir mussten weiter, nur immer weiter. Dann kamen wir an die Stelle, wo der Wald brannte. Ich bekam einen Schreck, befürchtete, das Pferd würde scheuen und den klapprigen Wagen umwerfen. Alles wäre umsonst gewesen. Erstaunlicherweise scheute es nicht. Weißt du noch, wo wir den nächsten Schreck bekamen?" Brigitte weiß es genau. Das war an der Grenze zu Berlin. Ein Schlagbaum versperrte die Straße, die von einem Rotarmisten bewacht wurde. Herbert lag in der Uniform der verhassten Nazi-Wehrmacht auf dem Wagen. "Ich dachte, jetzt ist alles aus", erinnert sich Brigitte. "Aber der Rotarmist blickte auf die Rote-Kreuz-Fahne, öffnete den Schlagbaum und winkte uns durch. Wir waren in Berlin."

Vor ihnen lagen Schuttberge, unpassierbare Straßenzüge, eine einzige Trümmerlandschaft. Nach zweitägiger beschwerlicher Fahrt gelangten sie endlich ans Ziel. Brigitte hatte für ihre Schwester den Mann nach Haus gebracht.

Herbert, kein Freund großer Worte, drückte erneut Brigittes Hand. Ohne sie wäre sein Leben und das seiner Familie anders verlaufen. Wer weiß, was ihm erspart blieb. "Das liegt 65 Jahre zurück", erinnert er Brigitte, "auf den Tag genau 65 Jahre." Er erzählt ihr, dass er und Gerda seitdem diesen Tag besonders würdigen, sei es mit einem Blumenstrauß, mit einem besonderen Essen oder einem Theaterbesuch. Später, als Rentner, verbanden sie diesen Tag gern mit einem Spaziergang zum nahe gelegenen Treptower Park. Dieser Tag des Erinnerns und der Freude wurde für sie zu einem Ritual. Auch seit er allein ist, hält er an dem gewohnten Ausflug fest. Die Jahre vergingen. Herbert muss jetzt für die kurze Strecke die S-Bahn nehmen. "Dadurch haben wir uns getroffen, Brigitte. In dem Augenblick, wo ich vom Ostkreuz die Treppe hinabsteigen wollte, hast du mich angesprochen." Sie lächeln. Schmunzelnd geht Herbert in die Küche und kommt mit einer Flasche Sekt zurück. "Darauf stoßen wir an!"

Immer neue Erinnerungen werden lebendig. Erinnerungen an die Trümmerberge auf dem heutigen Lenbachplatz. Erinnerungen an die kleinen Läden in der Sonntagstraße. Erinnerungen an Nachbarn und Bekannte, die verzogen sind oder nicht mehr leben. Erinnerungen, Erinnerungen.

Brigitte schaut auf die Uhr. Sie muss zurück nach Schwerin. "Besuch mich mal. Meine Tochter vermietet an Feriengäste", bietet sie Herbert an. "Für einige Tage wechselst du von der Spree an den Schweriner See." Herbert ist nicht abgeneigt. Er bringt Brigitte zum Bahnhof. Wenige Augenblicke später nimmt sie der Zug mit sich fort. Noch einmal blickt Herbert über die riesige Baustelle. Hoffnungsvoll klingt sein heutiges Ritual aus. Langsam geht er nach Hause.


 

Momo Noack
Irgendwo zwischen Salami und Freundlichkeit

 

Ich rannte meinem Hund auf der Wiese hinterher. Ich wollte, dass er sich richtig auspowert. Keine Ahnung warum. Es machte Spaß, sich mit dem Hund zu messen. Irgendwann gab ich es auf. Ich ließ mich in das hohe Gras fallen. Was bringt es? Er war sowieso schneller als ich.

Ich schaute zu ihm und konnte gerade noch sehen wie er im Busch verschwand. Ich wusste, dass es meinem Hund hier gefiel. Auch ich konnte mich hier gut entspannen. Im Getümmel der Großstadt fanden wir hier unsere Ruhe, weil nur wenige Leute etwas von dieser Wiese wissen. Meine beste Freundin Sarah, ihre Mutter und ich. Sarah hatte mir diesen Ort einst gezeigt. Die Wiese lag, von der Sonntagstraße aus gesehen, hinter dem Ostkreuz. Es gibt dort eine Straße, deren Namen ich nicht kenne, aber von dort aus kommt man auf dieses Grundstück. Von der Straße aus kann man die Wiese allerdings nicht sehen, nur Sand. Es sieht dann eher wie eine Baustelle aus. Erst wenn man über die Sandhügel herüber geht, gelangt man zur Wiese.

Meistens war ich mit Sarah und meinem Hund Muffin hier. So wie heute auch. Ich sah wie Sarah hinter den Hügeln auftauchte. Sie kam zu mir gerannt und ließ sich neben mir im Schneidersitz fallen. Ich kannte sie schon ziemlich lange. Wir gingen zusammen in den Kindergarten. Es war schon immer lustig, sich mit ihr zu treffen. Sie ist anders als viele Mädchen. Ihr war es egal, was die anderen von ihr dachten. Und sie ist sehr sportlich, so dass ich mit ihr auch immer zusammen durch den Treptower Park gejoggt oder Inlineskates gefahren bin.

Ich hob meinen Kopf und schaute sie an. Sie seufzte und ließ sich auf den Rücken fallen. Darum drehte ich den Kopf zur Seite. Sie schaute mich an und hob die Augenbrauen hoch. Was hatte sie? Ich schaute sie verdutzt an und sie grinste mich an. Ich lächelte hämisch zurück. Dann kitzelte ich sie an der Taille und sie musste heftig lachen und rächte sich. Wir bekriegten uns noch eine Ewigkeit. Es kam mir jedenfalls wie Stunden vor. Doch dann sprang Sarah plötzlich auf.

Wahrscheinlich wollte sie wegrennen. Aber dann sah ich, wie ihr Gesicht ernst wurde, also fragte ich sie: "Was ist?" "Anette", sagte sie und richtete ihren Blick dabei hinter mich. Ich drehte mich um, um "Anette" sehen zu können. Und da sah ich sie auf einem BMX-Fahrrad über die Wiese auf uns zu fahren. Aufgrund ihrer Kleidung hielt ich sie für in unserem Alter, also ungefähr 15. Doch als sie sich uns näherte und ich ihr Gesicht besser erkennen konnte, schätzte ich sie auf Anfang 40.

"Sarah, was machst du hier?", schrie Anette Sarah an. Ich sah Sarah an, aber sie rannte einfach weg. "Hau ab, Tom!", rief sie mir zu. Ich verstand gar nichts mehr. Was soll denn mit dieser Anette sein? Trotzdem sprang ich auf und rief Muffin. Er kam zu mir getrottet und ich rannte los. Wenn sie wegrennt, wird es schon seinen Grund haben.

Ich holte den Vorsprung locker auf. Und kaum lief ich neben ihr, lief sie auch schon schneller. Eigentlich fast zu schnell, aber es war für mich kein Problem mitzuhalten. Jahrelanges Joggen zahlt sich also doch aus! Plötzlich blieb Sarah stehen. Mitten auf dem "Übergang" zwischen der Sonntagstraße und dieser Straße, aus der wir gerade kamen. Man konnte von hier aus zu den S-Bahnen nach Potsdam, Strausberg, Wannsee usw. runter gehen. Wir waren beide aus der Puste und atmeten heftig ein und aus. Ich versuchte meine Stimme wiederzufinden, aber stattdessen bellte ich sie bloß heiser an: "Was sollte das?" Sarah schaute mich mit großen Augen an. Damit war meine Frage eigentlich beantwortet: Sie hatte Angst!

Sarah sprach trotzdem: "Weißt du, diese Frau ist … nicht normal! Sie macht mir Angst. Meine Mutter und ich waren vor kurzem noch mit ihr befreundet. Wie viele andere Leute auch. Aber … sie hatten uns gewarnt gehabt. Uns wurde erzählt, dass Anette nicht ganz … normal sei. Sie sei verrückt. Aber bin ich das nicht auch? Es gibt viele, die verrückt sind! Jetzt weiß ich aber was die anderen meinten mit sie sei 'nicht ganz normal'. Ich wusste es allerdings erst nach einem heftigen Streit. Sie war richtig sauer auf uns, weil wir nicht mehr mit ihr befreundet sein wollten. Sie … drohte uns ernsthaft…. sie meinte, sie wolle uns umbringen." Sarah sprach so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte. Sie lehnte sich dabei gegen das Geländer. "Verstehst du jetzt, weshalb ich solche Angst hab?", sprach sie diesmal lauter, so dass ich sie besser verstehen konnte. Diese Geschichte klang so schlimm, dass man kaum glauben wollte, sie sei echt.

Ich stützte meine Arme auf das Geländer und schaute auf die Gleise und sagte: "Da hätte ich an deiner Stelle wohl auch Angst." Ich drehte mich zu ihr zurück. "Ähm … ich würde es verstehen, wenn du jetzt nein sagst, aber hältst du es nicht für besser, wenn wir Hilfe holen?", fragte ich vorsichtig. Sie schüttelte ihren Kopf. Sie hatte recht. Wozu auch Hilfe holen? Ich konnte sie genauso gut selber beschützen. Jedenfalls wollte ich sie beschützen, sollte Anette sich in ihre Nähe wagen. Aber hier am Ostkreuz würde sie sich eine Auseinandersetzung hoffentlich nicht wagen. Wir befanden uns schließlich an einem der belebtesten Plätze hier im Kiez. Hier gibt es tausende von Cafés und Restaurants. Man kommt von hier aus überall hin. Im Minutentakt fahren die Bahnen ein und man ist schneller am Ostbahnhof, Alexanderplatz oder Hauptbahnhof als manch einer denkt. Und Sarah und ich kannten hier so viele Schlupflöcher, wir konnten einfach darin verschwinden, wenn es sein muss.

Ich musste gähnen. Gestern war ich einfach zu lange wach gewesen. Hunger hatte ich auch. Ich griff in meine Hosentasche und zählte mein Geld. Ich hatte noch 4,82 €. Das reicht locker, um Sarah und mir etwas zu essen zu kaufen. Also nahm ich ihre Hand und führte sie die Treppe Richtung Sonntagstraße runter. Sarahs Hand zitterte stark. "Ich … glaube …, ich glaube, dass ich keine Hilfe brauche. Sie wird uns schon nicht verfolgen", sagte sie und zog ihre Hand langsam weg. Ich sagte: "Ich werde auf dich aufpassen. Lass uns etwas zum Essen holen!" Sie musste lächeln. "Klar!", sagte sie. Sie lehnte ihren Kopf an meine Brust und ich legte meinen Arm um sie. Ich hatte sie wirklich gern. Und um nichts in der Welt würde ich ihr die Freundschaft kündigen.

Wir schlenderten zum Bäcker direkt gegenüber vom Bahnhof, wo ich ihr ein Tomate-Mozzarella-Baguette und mir ein Salami-Baguette kaufte. Ich ging hier des Öfteren mal eine Kleinigkeit kaufen, weil es recht günstig ist. Mein großer Bruder nannte ihn deshalb immer den "99-Cent-Bäcker". Wir gingen wieder zurück zum Bahnhof. An einer Mauer hockte ein kleiner arabischer Junge, den ich auf höchstens acht Jahre schätzte. Ich ging zu ihm und drückte ihm mein Restgeld in die Hand. Er war sehr glücklich darüber und bedankte sich. Für ihn wird es wohl viel Geld gewesen sein. Ich weiß noch, wie sehr ich mich freute, wenn ich in seinem Alter mal ein bisschen Taschengeld bekommen hatte. Heute verdiene ich mein Taschengeld selbst, indem ich Zeitungen austrage.

"Was wollen wir jetzt machen, Sarah?", fragte ich sie und drehte mich zu ihr um. Aber sie war nicht mehr da. Wo war sie hin? Hatte sie sich in Luft aufgelöst? Ich schaute mich um, aber da war keine Spur von Sarah.

Wo konnte sie denn bloß sein? Versteckte sie sich vor mir? Oder wurde sie vielleicht entführt? Ich konnte mir das alles einfach nicht erklären. Ich stand doch die ganze Zeit neben ihr! Ich fluchte innerlich. Wie konnte ich bloß so unaufmerksam sein? Und was um Himmels willen war passiert?

Ich fragte den Jungen, ob er das Mädchen neben mir gesehen hätte. "Da waren kein Mädchen. Du alleine da", erklärte er mir. Ich sah ihm an, dass er wirklich keine Ahnung hatte, was ich meinte. "Ich dir helfen soll suchen?", fragte er mich anschließend. Natürlich war ich ihm sehr dankbar dafür und nahm es an. Als erstes erzählte ich ihm ziemlich alles über Sarah. Zum Beispiel, dass ich sie schon seit dem Kindergarten kenne, sie meine beste Freundin ist und wie sie aussieht. Ich erzählte ihm sogar von dieser Frau. "Und dann war sie plötzlich verschwunden", beendete ich die ganze Geschichte. Ich merkte, wie plötzlich Tränen in meine Augen schossen. Ich war mehr wütend als traurig oder verzweifelt. Weshalb habe ich nicht gut genug aufgepasst? Hoffentlich ist ihr nichts passiert, ich würde mich für den Rest meines Lebens nicht mehr anschauen können. "Nicht weinen! Darfst nicht weinen! Mädchen bald wieder hier!", versuchte der Junge mich zu trösten. Ich musste lächeln. Ich fand den Jungen toll. Er schien sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Und obwohl ich ihn kaum kannte, mochte ich ihn sehr.

Wir schauten wirklich auf allen Gleisen und in allen Läden nach. Aber nirgendwo konnten wir Sarah entdecken. Je mehr Zeit verging, desto wütender wurde ich. Ich konnte den Gedanken, dass ich sie nicht beschützen konnte, nicht ertragen. Von zu Hause abhauen würde sie nie. Jedenfalls nicht freiwillig. Sie hat immer von ihrer Familie geschwärmt. Und ich weiß, dass ihre Familie wirklich toll ist. Aber was ist mit dieser verrückten Frau? Was ist, wenn diese Frau ihr etwas angetan hat? Mit schlechtem Gewissen überlegte ich weiter, wo sie noch sein könnte. Verschwunden, irgendwo auf dem Weg vom Bäcker und bis zum Jungen. Und wenn sie nicht an den Gleisen oder in den Geschäften war, dann gab es ja eigentlich nur noch eine Möglichkeit: die Wiese!

"Sie könnte auf der Wiese sein", erklärte ich dem Jungen. "Wir nachschauen!", kreischte er fast vor Begeisterung. Ich rannte los. Muffin und der Junge folgten mir. Unterwegs flüsterte ich Muffin ins Ohr, er solle Sarah suchen. Er rannte los. Nun rannten der kleine Junge und ich dem Hund hinterher. Muffin rannte über die Sandfläche und verschwand hinter den Hügeln.

Auf der Wiese angekommen, traf mich fast der Schlag. Ich blieb kurz stehen und sah sie auf der Wiese Tee trinkend mit Anette. Langsam lief ich wieder los. Irgendwie machte es mich wütend, Sarah dort ganz entspannt Tee trinken zu sehen. Friedlich saß sie dort und unterhielt sich mit Anette, während ich den ganzen Bahnhof nach ihr absuchte!

Muffin kam als erstes bei ihr an und stupste sie mit seiner Nase. Sie drehte sich um und streichelte ihn, während sie mir zuwinkte. Sogar der Junge kam lange Zeit vor mir an. Ich sah, wie er mit ihr redete und wie sie immer nur nickte.

Ich dagegen gab mir erst keine Mühe schnell zu laufen und schlenderte ganz langsam über die Wiese zu ihr hin. Da hörte sie auf zu reden. Ich steckte meine Hände in die Hosentaschen und senkte meinen Blick.

"Tom! Bist du sauer auf mich?", fragte Sarah. Sollte das etwa ein Witz sein? "Was sollte ich deiner Meinung nach sein?", fragte ich sie. "Es wäre ein Anfang, wenn du mich anschauen könntest", antwortete sie. Ich hob den Blick und sah sie an. Ich starrte sie an. "Besser?", fragte ich sie und starrte sie noch mehr an. Aber sie verdrehte bloß die Augen und redete weiter: "Anette wollte mit mir reden. Wegen der Sache mit dem Streit. Das hatte ich dir doch gesagt, bevor wir losgegangen sind."

Ich wollte zwar, aber konnte ich mich nicht daran erinnern.

"Hey, warum bist du so wütend? Mohamed hat erzählt, du wärst, seist richtig verzweifelt gewesen? Es tut mir ehrlich leid. Wahrscheinlich warst du so in deinem Gespräch mit Mohamed vertieft, dass du mich gar nicht gehört hast. Naja, weißt du, ich hätte auf eine Antwort von dir warten sollen!"

Ich musste einen kurzen Augenblick nachdenken, mit Mohamed konnte sie eigentlich nur den kleinen arabischen Jungen meinen.

"Ach, schon gut! Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe. Tut mir leid", sagte ich und umarmte sie. Dann mussten wir beide lachen.

Es gibt Tage wie diese, an denen aus einem kleinen Missverständnis ein großes wird. Aber so etwas ist das, was unsere Freundschaft täglich auf die Mutprobe stellt. Und ohne solche Missverständnisse wäre unsere Freundschaft bestimmt nicht das, was sie heute ist!

Und falls ihr euch fragt, was mit Mohamed passiert ist: Mohameds Eltern waren vor einem Jahr gestorben. Und darum beschloss ich, meine Eltern zu überreden, ihn bei uns aufzunehmen. Nicht nur meine Eltern, sondern sogar sämtliche Ämter waren am Ende damit einverstanden, was das ganze erst ermöglichte. Er und Sarah verstanden sich vom ersten Augenblick an genauso gut, wie ich mich mit beiden. Seither sind wir drei unzertrennlich!


 

Reimund Maria Spitzer
Es wird dunkel

 

Es wird dunkel, sogar die dunkle Revaler Straße wird noch dunkler, funzlige alte Ostlampen aus grobem Beton und mit runden Dächern stehen in der Querstraße, wo früher mal eine Schule war, die lange leer stand, umzäunt und mit eingeschlagenen Fenstern, spitz in die leeren Höhlen ragend das zerbrochene Glas. Wurzeln haben den Gehweg gesprengt, zwischen Wasser und Schlamm parken langweilige Autos und neben mir stehen übrig gebliebene besprühte Mauern, dass sie aussehen wie Bilder und man die Tore nicht mehr sieht, da glänzt es silbern und grün. Füße aus Beton für die lila Leitung, die das Grundwasser aus der Baustelle holt, die neben dem Haus gewachsen ist, das immer allein dastand wie ein Außenposten, jetzt kriegt es Gesellschaft und ein Gebirge aus weißsteinigen Mauern erhebt sich jetzt da hinter einem gelben Zaun und ein Kran hat seinen Arm über die Straße gehoben. Eine Matratze lehnt an der Wand und fällt gar nicht auf zwischen zerrissenen Plakaten, dann beginnt das Gestrüpp der Brachen.

Eingesunkene Bordsteine mit Resten von Farbe, der Wind weht in die Büsche und das Rauschen flüstert mir entgegen auf dem körnigen Weg, der die Schritte knirschen lässt, und ein kleiner Hund kommt mir entgegen ohne mich zu beachten, mit wackligen kurzen Beinen. Langsam wird es Nacht.

Autos fahren weiter in die neue Sackgasse und müssen da wenden in der sich ausbreitenden Dunkelheit und umkehren, ich sehe die verärgerten Gesichter der Fahrer und das Angestrengte ihres Ausdrucks hinter den tropfenbedeckten Scheiben. Hoch gewachsen die Bäume links, sind das Pappeln? Niemand hat sie ausgesät, sie wuchsen in einer vergessenen Ecke, unbeachtet, Schatten spendend, rauschend im Wind, den seltenen Vorübergehenden eine Freude, den wenigen Aufmerksamen davon, den taumelnden Verträumten.

Unsichtbar geworden sind die großen Vögel am Himmel, segelnde schwarze Umrisse, Zeichen des nahenden Herbstes, da wird es noch mehr regnen, hoffentlich.

Eine Bahn fährt an mir vorbei, ich sehe den aufrecht an mir vorbeiziehenden Gestalten ins Gesicht und muss niesen. Ein Rest von dem Blau des Abends ist noch da, ein kleiner Rastapunk stößt mir gegen's Auto, weil ich ihm den Weg versperre und sagt: "Fahr doch weiter, ey." Und vor mir die Straße runter ist alles voller Bars, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen, "Cocktails 3,50 auch to go" steht da, und ein paar Leute sitzen an den neuen Holztischen, die unter Markisen stehen, und reden miteinander.

Ein Eingang wie zu einem Arbeitslager, hab ich früher immer gedacht, ein Eingang, ein Tor ohne Türen zu einem finsteren Hohlweg aus Ziegeln und Eisen und oben drüber das grüne runde Schild mit dem weißen 'S', das eine lange vergangene Epoche atmet, wie der Eingang zu einem Zeittunnel, die Mauern geschwärzt wie von Ruß aus den Tagen der brennenden schwarzen Kohle und da sind noch mehr und tiefe Pfützen auf dem Weg, zerfranst wie ein alter Teppich, und oben auf der querenden Hochtrasse der Ringbahn die Aussicht auf rote Lichter, da sind graue Schlote, die man kaum noch sieht, und die Morgensonne, wenn es hell wird, wenn alles zwischen orange und rosa flimmert, im Winter werde ich dort wieder stehen, wenn weißer Qualm wie aus Eis aus den Schloten steigen und alles klar und gefroren aussehen wird und wie ganz weit weg.

Das Fleisch meines Döners ist vertrocknet, ich werfe die leere Silberfolie in eine der kleinen runden Tonnen. Die ankommende Bahn spuckt Menschen aus, die zu den Treppen eilen, ich warte, bis sie sich verzogen haben, dann gehe ich hinterher. Auf der anderen Seite ist die Straße schon fertig und zwischen den schwarzen Mauern liegt der viele Sand, auf dem die ganze Stadt steht, offen herum und in den Ritzen und Rissen des Baustellenasphalts und die Autos geben Gas, bevor die Strecke wieder uneben wird, und ich gehe über den Zebrastreifen und weiter durch die Dunkelheit, durch die das Scheinwerferlicht flattert, und bilde mir schon ein, dass ich das unweite Wasser der Bucht riechen kann. Da drehe ich mich um und sehe vor mir den schwarzen Turm mit der zwiebelförmigen Spitze, der dasteht wie ein Wächter, wie ein Relikt und mein Handy klingelt, hinein in die Stille und ich gehe ran und weiter, bis zum Ufer.


 

Ulrike Neuß
Transit

 

Er rüstete sich für den großen Spurt: Noch während der S-Bahn-Zug den Bahnhof Treptower Park verließ, stand er auf und stellte sich mit seiner prall gepackten Tasche direkt vor die Tür. So würde er einer der ersten auf dem Ringbahnsteig sein und hätte einen Vorsprung gegenüber den anderen. Schließlich musste er auf dem unteren Bahnsteig seine Bahn erreichen und wie immer würde ihm auf der Treppe eine Menschenmenge entgegen wimmeln, die sich nach oben kämpfte und ihm dadurch den Weg versperrte. Höchste Alarmbereitschaft war also angesagt. Dennoch gönnte er sich für einen Moment einen Blick auf die junge Frau, die rechts neben ihm an die Plexiglaswand gelehnt stand. Sie starrte ziemlich gelangweilt durch die zerkratzte Fensterscheibe auf den vorbei ziehenden Fluss, aber – ihm stockte der Atem — was für grüne Augen! Und so dichte Wimpern! Auch ihre sehr vollen Lippen nahm er wahr, aber Martin zwang seinen Blick wieder geradeaus; der Zug fuhr gerade in den nächsten Bahnhof ein, da musste er sich konzentrieren.

Die Bahn bremste ab und hielt, Martin drückte den leuchtenden Türknopf, stürzte hinaus und eilte mit langen Schritten Richtung Treppe. Gerannt war er auf dem Bahnsteig noch nie —oder ganz selten —, irgendwie fand er das würdelos. Die Treppe: Jetzt kam es drauf an! Er kämpfte sich schnell Stufe um Stufe hinunter, drängte einen tätowierten Oberarm beiseite, zwängte sich zwischen zwei fülligen Frauenkörpern hindurch, wich einem Fahrrad aus, das von einem dunkelhaarigen Mann hochgewuchtet wurde, dabei bekam er die Schultertasche eines Mädchens vor die Brust gedrückt. Er sah starr geradeaus, um zu signalisieren: "Ich habe ein Ziel anvisiert! Und ich weiche nicht aus!" Fast hatte er es geschafft, er war schon beinahe unten, als er sah, dass seine Bahn die Türen noch geöffnet hatte, aber die roten Lampen blinkten bereits, nun rannte er doch und die Türen schoben sich zu. "Shit!", entfuhr es ihm. Heute hatte er den Kampf also verloren. "Scheiße!", sagte er noch einmal, diesmal schon etwas leiser.

Es war beileibe nicht das erste Mal, dass er die Bahn verpasst hatte. Die Umsteigezeit war äußerst knapp bemessen, oft klappte es, häufig aber auch nicht. Martin atmete tief durch, vermutlich das erste Mal an diesem Morgen. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, verspürte er gerade sogar ein klein wenig Erleichterung, noch auf dem Bahnhof zu stehen. Zwar würde er sich nun in der Schule stärker beeilen müssen: Er musste sofort zum Kopierer hetzen und sich von dort aus ohne Umwege ins Klassenzimmer begeben. Aber auf diese Weise hatte er jetzt, in diesem Augenblick, endlich einmal eine kurze Verschnaufpause.

Zunächst überlegte er kurz, ob er heute wirklich an alles gedacht hatte: Die korrigierten Klassenarbeiten der Zehner? Ja, hatte er dabei – alles andere wäre auch undenkbar gewesen bei den ständig rummaulenden Zehntklässlern. Das grüne Buch mit den Übungsaufgaben, das er als Kopiervorlage brauchte, roter Hefter, gelber Hefter, der Rohentwurf für den nächsten Unterrichtsbesuch, den seine Mentorin heute sehen wollte, blaue Mappe, Schreibzeug mitsamt Folienstiften, leere Folien, das Kartenspiel für die Gruppeneinteilung — halt: hatte er es wirklich? M. wühlte hektisch in seiner Tasche, bis seine Finger die glatten Kartenoberflächen ertastet hatten. Gut. Alles da. Er blickte um sich. Der nächste Zug kam in acht Minuten, Zeit genug also, um zum Croissantstand zu gehen.

Mit seinem randvollen Kaffeebecher und einem Buttercroissant in einer knisternden Papiertüte ging er zu einem der kleinen Tischchen, stellte den Kaffeebecher auf die grau melierte Kunststoffoberfläche und legte die schwere Tasche neben sich. Genüsslich biss er in sein Blätterteighörnchen und trank einen Schluck Kaffee. Er sah sich um. Eigentlich war es doch ganz interessant hier am Bahnhof Ostkreuz. Am Nebentisch trank eine kleine Gruppe müder Bauarbeiter Kaffee, ein kleiner Junge rannte einer Taube hinterher, bis ihn seine Mutter, entnervt "Kevin! Kommst du jetzt!" rufend, wegzerrte, zwei japanische Touristinnen standen verwirrt herum, schoben ihre Sonnenbrillen in die Stirn, setzten sich dann aber plötzlich zielstrebig in Bewegung. Das Klackern ihrer Rollkoffer auf den Pflastersteinen mischte sich mit einzelnen Gesprächsfetzen und dem Gurren der herumstolzierenden Tauben, als plötzlich mit leisem Rattern und anschwellendem Dröhnen ein Zug einfuhr. Martins Blick wanderte über die angerosteten Stützpfeiler nach oben,wo abenteuerlich zusammengeschnürte Kabel unter dem mit abblätternder hellbrauner Farbe gestrichenen Holzdach befestigt waren. Von hier aus konnte man auch das halb zerfallene, große Gebäude vor dem Bahnhof sehr gut sehen. Wieso um alles in der Welt ließ man so ein tolles Haus einfach vor sich hin modern? Was könnte man nicht alles daraus machen! Er würde ja für eine große Kneipe mit Biergarten plädieren. Er konnte sie schon vor sich sehen: Grüngestrichene Holzbänke und -tische im Garten, rote Sonnenschirme, die ockerfarbenen Hauswände bewachsen mit blühenden hellroten Kletterrosen, an den Tischen eine Menge Leute, die hier aßen und sich dabei entspannt unterhielten. Er sah sich selbst nach der Arbeit in der Schule hier einkehren, vor sich eine Bratwurst mit Senf, vielleicht ja auch ein bisschen Kartoffelsalat! Der Laden würde laufen, dessen war er sich sicher, der Ort war ja geradezu ideal. Sicher wäre es auch eine gute Location für einen Club: OSTZONE stünde in großen, roten, leuchtenden Lettern auf dem Dach. Oder war TRANSIT als Name besser? Im Garten jedenfalls die Chilloutzone, Liegestühle, Lampions, eine kleine aus Holz gezimmerte Bar, er selbst, zwei Drinks balancierend… Es wäre perfekt. Und keiner würde sich durch die Musik gestört fühlen – na gut, oder fast keiner, räumte er ein, als sein Blick auf einige Wohnhäuser gegenüber fiel. Auch die Verkehrsanbindung könnte besser nicht sein. Mein Gott, wieso war denn noch nie jemand auf diese geniale Idee gekommen? Ob Biergarten oder Club, vor der endgültigen Fertigstellung würde er das Haus selbstverständlich der jungen Kunstszene des Kiezes zur Zwischennutzung überlassen. Er sah sich bereits mit einem Rotweinglas in der Hand an den verschiedenen Ateliers vorbeilaufen, eine junge brünette Fotografin lächelte ihm vielversprechend zu. "Einsteigen bitte! — Zurückbleiben bitte!"

Er zuckte zusammen: seine S-Bahn!!!!! Die roten Lichter oben an den Türen blinkten unerbittlich und grell in seine Richtung; hilflos versuchte er, seine Sachen zusammenzupacken, um Richtung Zug zu stürzen, aber bevor er noch seine Tasche über die Schulter werfen konnte, rumsten auch schon die Türen zusammen. "Verdammt!", rief er so laut, dass ein älterer Mann am Nachbartisch zusammenzuckte und sich einige Leute belustigt nach ihm umdrehten. Ja, verdammte Scheiße, dachte er. Jetzt wird’s wirklich knapp. Er ärgerte sich über sich selbst. Wie hatte das nur passieren können? Seinem Gefühl nach waren höchstens drei Minuten verstrichen, nicht acht. "Egal", dachte er. "Es wird halt knapp, aber zu spät komme ich nicht. Wenn ich ganz schnell laufe und vielleicht nicht mehr kopiere, sondern das während einer Stillarbeitsphase in der Stunde erledige…" Ja, es würde noch reichen. Dem Direktor sollte er vielleicht nicht gerade über den Weg laufen, denn der sah es nicht gerne, wenn man auf den letzten Drücker ins Klassenzimmer hechtete. Na ja, würde schon schief gehen.

Jedenfalls musste er sich nun noch weitere zehn Minuten auf dem Bahnhof vertreiben. Wenigstens konnte er auf diese Weise noch seinen Kaffee austrinken. Und nun? Martin beschloss ohne lange zu zögern: Ein zweiter Kaffee konnte nach diesem Schreck nicht schaden, ebenso wenig ein Schokocroissant. Martin ging, mit seinem dritten Frühstück in der Hand, zurück zum Tischchen. Der Kaffee war stark und heiß und tat ihm gut. Er beschloss, sich nicht verrückt zu machen. Eine S-Bahn zu verpassen war ja nichts Ungewöhnliches. Ganz so entspannt wie vorher war er allerdings nun nicht mehr. In wenigen Minuten hieß es aufpassen wie ein Luchs! Er stellte zur Sicherheit seinen Handywecker auf eine Minute vor der Abfahrt, damit ihm diesmal der Zug nicht entwischte. Auch verbot er sich jegliche Gedankenspielereien zum Gebäude neben dem Bahnhofsgelände und sah sich stattdessen weiter auf dem Bahnsteig um. Insbesondere fiel ihm ein kleiner Blumenladen mit dem erstaunlichen Namen Blumen für 'Sie' auf. Martin sinnierte kurz darüber, was an dieser "Sie" so sonderbar sein mochte, dass man sie in Anführungszeichen gesetzt hatte. Oder wollte der Ladenbesitzer seine Kundschaft direkt ansprechen? Auch dann äußerst merkwürdig.

Plötzliches Knistern und Räuspern im Lautsprecher. "Der Zug nach Ahrensfelde wird ca. sieben Minuten später eintreffen." Martin war geschockt. Das war ja wohl nicht möglich! Jetzt wurde es aber wirklich, wirklich knapp. Sein Atem ging schneller und er rechnete nach, ob er nun überhaupt noch pünktlich sein konnte: Wohl eher nicht. Sein Magen zog sich zusammen. Das durfte einem Lehrer nicht passieren! Und schon gar nicht einem Referendar, der bald seine Examensprüfung ablegen würde! Instinktiv kippte er den Rest Kaffee in sich hinein, die Überbleibsel des Schokocroissants fegte er ärgerlich vom Tisch. Ein paar Spatzen hüpften sofort herbei und machten sich darüber her. Martin fluchte innerlich. Mit so einer Störung konnte man aber auch nicht rechnen! Unter normalen Umständen wäre es überhaupt kein Problem gewesen, den vorherigen Zug zu verpassen. Aber wenn man sich auf die S-Bahn nicht verlassen konnte, dann war einem ja der banalste Fauxpas nicht mehr erlaubt! Dann konnte man nicht mal mehr an einem S-Bahnhof kurz seinen eigenen Gedanken nachhängen und dabei kreative Ideen entwickeln — immerzu musste man nur funktionieren wie ein Uhrwerk. Wie er das satt hatte! Wütend und verzweifelt zugleich sah er auf die schwarze, gleichmütig Ahrensfelde anzeigende Tafel am Bahnsteig. Sein Handywecker klingelte, genervt drückte er ihn aus. Noch sieben Minuten. Tja, was tun jetzt? Wohl oder übel würde er nun im Sekretariat anrufen müssen um anzukündigen, dass er sich heute verspäten werde. Als Grund würde er natürlich "Probleme im S-Bahn-Verkehr" angeben und lieber nicht weiter ins Detail gehen.

Er war schon im Begriff, die Schulnummer zu wählen, als er plötzlich innehielt. Was, wenn sich der Direktor — der ihn mit beurteilen würde bei der Examensprüfung — im Sekretariat aufhielt, während er anrief? Er sah die Szene schon vor sich: Die Sekretärin würde nett lächeln, während sie sagen würde: "Ja, ist gut, Herr Roos. Na ja, halb so wild, das passiert schon einmal. Ich werde der Klasse ausrichten, dass Sie sich heute ein wenig verspäten." Der Direktor, im Stehen eine Notiz lesend, würde sich leicht stirnrunzelnd und mit hochgezogenen Augenbrauen zur Sekretärin mit dem Telefonhörer in der Hand umdrehen. Er würde denken: "Soso, der Herr Roos hat es heute nicht pünktlich geschafft. Soso." Und im Geiste eine negative Notiz anfertigen zum Referendar Martin Roos. Nein, Anrufen war keine so gute Idee, nicht so kurz vor dem Examen. Er beschloss daher, sein Zuspätkommen gar nicht zu melden, zumindest nicht jetzt. Entweder er hatte Glück und konnte sich in die Klasse schleichen, ohne dass irgendeine bei der Prüfung relevante Person dies bemerkte, oder eben nicht, aber dann konnte er sich immer noch mit der S-Bahn entschuldigen und behaupten, er habe heute sein Handy leider zu Hause gelassen. Kurz überlegte er, ob er es wohl wagen konnte, seine Jacke vorher im Lehrerzimmer abzulegen. Aber nein, schlechte Idee, schalt er sich, denn dort saß ja möglicherweise einer der Lehrer mit direktem Draht zum Chef oder seine Mentorin. Er musste sich nur einen Moment lang vorstellen, wie sie ihn anschauen würden, wenn er das Lehrerzimmer kurz nach acht beträte, und es schauderte ihn. Nein, keinesfalls würde er dort vorher hingehen! Und überhaupt: Ein Anruf im Schulsekretariat wegen sieben Minuten? Was waren schon sieben Minuten? Eine Banalität, beruhigte er sich selbst, eine Nichtigkeit. Es stand auch nicht zu befürchten, dass die Schüler sein Nichterscheinen im Sekretariat melden würden; üblicherweise, das wusste Martin, warteten sie damit mindestens zehn bis fünfzehn Minuten.

Ein klein wenig gelassener sah er auf die Uhr am Bahnsteig. Noch eine Minute. Er warf Kaffeebecher und Croissanttüte in einen Mülleimer, griff nach seiner Tasche und ging zum Bahnsteigrand. Die Anzeigetafel meldete: "Strausberg Nord". Strausberg Nord? Strausberg?? Nord??? Etwas in seinem Gehirn rannte Amok. Das war einfach nicht möglich. Wo war sein Zug? Wo war er? Man konnte ihm doch nicht schon wieder seinen Zug nehmen! Erstarrt und fassungslos lief er zum Aufsichtshäuschen und hämmerte dort dreimal fest an die metallene Tür. Nichts regte sich. Er klopfte noch einmal, er hämmerte mit geballten Fäusten an das dunkle Metall, bis schließlich eine verärgerte Aufsichtsbeamtin ihren Kopf aus der Tür steckte und ihn anblaffte: "Sag'n Se ma, allet in Ordnung bei Ihnen? Wat soll dit Jebollere? Wir ham ooch noch andre Sachen zu tun, als alle fünf Minuten Fahrberater zu spielen. Wat woll'n Se?" Martin war außer sich. Er stammelte: "Die Bahn nach Strausberg — das ist nicht richtig – da soll doch jetzt eigentlich die S 7 … ich versteh’s nicht! Ich muss…" – "Na, die S 7 ist ehmd grade abjefahr'n, junger Mann. Nächste kommt in ca. zehn Minuten, ist leider auch etwas zu spät." – "Nein, das kann nicht sein! Die S 7 sollte jetzt kommen, in diesem Moment! Die hatte sieben Minuten Verspätung, ham Sie selbst durchgesagt, und jetzt ist es 7. 41 Uhr, also sollte sie genau jetzt…" "Sollte sie vielleicht", schnitt ihm die Frau brüsk das Wort ab, "isse aber nicht. Die hatte ebend doch nur drei Minuten Verspätung. Sein Se doch froh. Deswegen machen wir ja nur Circaangaben bei unseren Durchsagen." Sie verschwand wieder hinter der Eisentür.

Martin war außer sich vor Wut. Seine Lippen zitterten und er war für ein paar Momente außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Das KONNTE einfach nicht sein! Konnte nicht! Die Züge fuhren, wie sie wollten, sie fuhren an ihm vorbei und er hatte keine Chance einzusteigen — warum auch immer. Er hatte größte Lust, gegen die Metalltür zu treten, seine Schultasche auf die Gleise zu schleudern, die stoische Bahnbeamtin zu schütteln… Es war zum Schreien. Es war grotesk. Er ging auf und ab auf dem Bahnsteig wie ein gehetztes Tier, warf keinen Blick mehr auf die anderen Wartenden oder einen der Verkaufsstände. Und definitiv würde er nun um einiges zu spät in der Schule sein. So viel war klar. Er hasste die Situation schon jetzt, die Hektik beim Aussteigen, atemloses hastiges Kopieren, die menschenleeren Gänge im Schulhaus, die Klasse mit feixenden, fragenden Blicken. Anrufen? Musste er nun wohl. Bei dem Gedanken daran fühlte er eine Welle leichter Übelkeit in sich hochsteigen.

Er lief fast ganz bis zum Ende des Bahnsteigs, da hin, wo das Dach keinen Schutz mehr bot. Es war deutlich leiser hier. Zwei Tauben sonnten sich und pickten ziellos hier und da ein Körnchen auf. Eine Treppe führte empor zu einem anderen Bahnsteig. Man konnte sehen, dass er relativ selten benutzt wurde, schon vor dem Treppenaufgang spross überall Unkraut und saftiges Gras aus den Fugen der Pflastersteine. Martin verspürte den Impuls, die Treppe hochzugehen und sich den Bahnsteig näher anzuschauen. Sich dort auf das Gras zu setzen. Und nichts weiter.

Er wandte sich um und sah den anderen, weit von ihm entfernt stehenden Passagieren eine Weile zu. Mechanisch nahm er sein Handy aus der Jackentasche heraus, wählte die Nummer des Sekretariats und teilte mit belegter Stimme mit, dass er wegen Problemen im S-Bahn-Verkehr leider erst ein paar Minuten nach acht da sein werde. Die Sekretärin reagierte gelassen und freundlich; ja natürlich, sie würde die Klasse informieren und sie wünsche eine gute Fahrt.

Mit steinerner Miene ging Martin zurück und mischte sich wieder unter die anderen Wartenden. Ein Zug fuhr ein, aber es war nur der nach Wartenberg. Okay. Der nächste würde der nach Ahrensfelde sein, sein Zug also. Verächtlich spuckte er auf den Bahnsteig. Dieser Zug würde ja nun wohl hoffentlich tatsächlich in zehn Minuten kommen. Der Gedanke, dass dies nicht der Fall sein könnte, ließ sofort wieder leise Wut in ihm aufsteigen, sodass er sich augenblicklich verbot, länger darüber nachzudenken. Mit anschwellendem Lärm verließ der Zug nach Wartenberg den Bahnhof. Ja, er würde jetzt einfach so lange am Bahnsteigrand verharren, bis sein beschissener Zug da sein würde, bis sich die Türen auseinander schieben würden und er einsteigen konnte. Neben ihm standen zwei Frauen, rauchend und gelangweilt auf die Gleise blickend. "Zug nach Ahrensfelde", sagte eine harsche Frauen-Lautsprecherstimme. In der Tat, man konnte von weitem die beiden Scheinwerfer und die Fahrerkabine der Bahn erkennen. Starren Blickes sah Martin ihr entgegen. Der Zug rollte näher, fuhr in den Bahnhof ein, bremste allmählich ab und kam zum Stehen. Die Türen öffneten sich fast direkt vor ihm, eine kleine Menschentraube drängte nach draußen.

Martin wartete, bis der Eingang frei war und stieg ein. Fast wie sonst auch. Er suchte sich einen Platz am Fenster und starrte nach draußen, als der Zug wieder aus dem Bahnhof fuhr. Sie hatten schon an ein paar Stationen gehalten, als Martin plötzlich unmerklich den Kopf schüttelte. Nein, dachte er. Unmöglich. Dafür war es jetzt zu spät. Beim Einsteigen hätte er die Uhr gern noch zurückdrehen wollen, um das Erlebte ungeschehen zu machen; jetzt aber fand er diese Vorstellung absurd. Er griff nach seiner Tasche, stand auf und stieg am nächsten Bahnhof aus, ohne zu wissen, wo er eigentlich war und was er an diesem Tag noch tun würde.


 

Birgit Wilms
Das Mädchen mit den traurigen Augen

 

Lärm drang an seine Ohren. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch es wollte ihm nicht gelingen. Schmerz war alles, was er momentan wahrnehmen konnte. Seine Augenlider schienen verklebt und so gelang es ihm erst nach einigen Versuchen, sie doch ein wenig zu öffnen. Der Lärm kam näher und wirkte bedrohlich. Wo war er, was ist passiert, warum konnte er sich nicht bewegen? In seinem Gehirn schossen Fragen wie Blitze hin und her, die er sich weder beantworten konnte noch wollte. Der Schmerz nahm ihn so gefangen, dass er nicht in der Lage war, nur einen klaren Gedanken zu fassen. Unter einem völlig verzerrten Grauschleier versuchte er nun zu erkennen, woher dieser unaufhaltsame Lärm kam. Eine riesige Planiermaschine bahnte sich ihren Weg durch eine aufgewühlte Landschaft voller Sand. Wie eine Riesenschildkröte dick bepanzert, kroch sie näher und näher. Angst kam in ihm hoch. In diesem Moment zuckte sein Körper erschrocken zusammen, etwas hatte ihn berührt und den Schmerz kurzzeitig fokussiert. Aufgeregt suchten seine Augen nach dem Eindringling. Da sah er in ihre Augen. Es waren die traurigsten Augen, in die er je geschaut hatte. Niemals zuvor hatte er solch tieftraurige Augen gesehen. Das Mädchen bewegte die Lippen und sprach zu ihm, doch der Lärm der Baummaschine saugte ihre Worte in sich auf, noch bevor sie sein Ohr erreichen konnten. Sie schien aufgeregt, fuchtelte angestrengt mit den Armen, so dass der Bauarbeiter sein Gefährt noch rechtzeitig zum Stehen brachte, und nun telefonierte sie. Sie war so jung, ihre Haut strahlte. Sie war nicht sehr groß und sehr zierlich und hatte dadurch etwas Mädchenhaftes und doch wirkte sie auf eine geheimnisvolle Art und Weise sehr reif. Ihre Kleider waren schlicht und betonten ihre schöne Figur nicht wirklich. Eher machte sie sich damit unsichtbar. In einer Stadt wie Berlin ging sie einfach unter in der grauen Masse, ohne jegliche Aufmerksamkeit. Hier machte sich niemand die Mühe ihr in die Augen zu schauen, in denen ihre Tiefe und Besonderheit zu sehen gewesen wären.

Das Mädchen zitterte vor Aufregung, denn der Mann zu ihren Füßen sah schrecklich aus. Platzwunden waren sowohl im Gesicht als auch auf dem Körper verteilt.

Die Gliedmaßen lagen nicht wirklich in einer gesunden Position und das getrocknete Blut überall ließ die Verletzungen sehr bedrohlich erscheinen. Die Kleidung war sichtlich mitgenommen, obgleich sie wohl auch vor dem Unglück in keinem guten Zustand war. Was war diesem Mann bloß passiert? Wieso hatte ihre innere Stimme sie an diesen Platz hier geführt?

Während sie telefonierte, legte sie eine Hand auf seinen Körper, wahrscheinlich wollte sie so den Kontakt halten aus Angst, sie könnte ihn verlieren bevor Hilfe kam. Ein warmer Strahl durchdrang ihn an dieser Stelle und er hatte das Gefühl, dass der Schmerz ihrer Hand wich und ihn losließ. Dann überkam ihn die Ohnmacht erneut.

Weiß, nichts als Weiß um ihn herum. War er jetzt gestorben? Sieht so der Himmel aus? Wird er nun Gott gegenüber treten? Was soll er nur sagen, er weiß doch nicht mal mehr, wer er war. So wie das viele Weiß um ihn herum war seine Erinnerung ein einziges weißes Blatt Papier mit nur einem Bild darauf, das Mädchen mit den traurigen Augen.

Stimmen drangen an sein Ohr: "Eine junge Krankenschwester hat ihn am Ostkreuz gefunden. Er hatte mehrere Knochenbrüche und Prellungen. Keiner hat etwas gesehen, keiner weiß etwas über ihn. Er hatte keine Papiere dabei, nur abgenutzte Kleidung am Leib, nichts Persönliches, kein Bild, kein Schlüsselbund, Nichts. Er ist zwischen 40 und 50 Jahre alt und es gibt keine Vermisstenanzeige bei der Polizei." Die Stimme der Schwester wurde immer lauter und aufgeregter, während sie dem Oberarzt diese Informationen mitteilte.

Meinten sie etwa ihn damit? Wussten sie also auch nicht, wer er war und was passiert war? Er fühlte sich mit einem Mal sehr einsam und hilflos. Sollte es auf dieser Welt niemanden geben, der ihn vermisste?

Er schaute sich um, überall hingen Schläuche an ihm herum. Schmerzen nahm er keine mehr wahr, allerdings spürte er seinen ganzen Körper nicht mehr.

Schritte, sie kamen näher und plötzlich stand eine Heerschar von Ärzten nebst Schwesterngefolge um ihn herum. Er kam sich vor wie ein neugeborenes Wildtier im Zoo, das nun von allen zuerst bestaunt werden möchte.

Der Oberarzt stellte sich kurz vor und mit einer tiefen warmen Stimme erklärte er ihm, warum er hier war: "Sie wurden stark verletzt aufgefunden. Wir mussten Sie sofort operieren. Es liegen einige Knochenbrüche vor sowie Prellungen und diverse Platzwunden. Wir mussten auch einen leichten Riss in Ihrer Milz behandeln. Sie sind jetzt soweit stabilisiert und Sie werden auch wieder ganz gesund werden. Können Sie uns denn irgendwelche Angaben zu Ihrer Person und den Geschehnissen in der letzten Nacht machen?"

Er wollte antworten, doch seine Lippen und seine Zunge gehorchten ihm nicht, so verneinte er mit einer vorsichtigen Kopfdrehung. "Gut", sagte der Arzt, "ruhen Sie sich jetzt aus, werden Sie gesund, alles andere wird sich finden". Er verließ den Raum genauso schnell wie er ihn betreten hatte und mit ihm sein Gefolge aus Assistenzärzten und neugierigen Schwestern.

Eine Wolke wohliger Müdigkeit umgab ihn und er wehrte sich nicht. Er sank einfach friedlich in die Träume, die ihm die Erschöpfung durch die OP schenkte.

Ein sanftes Streicheln auf seinem Arm ließ ihn wach werden. Er öffnete verschlafen die Augen und da waren sie wieder, die traurigsten Augen dieser Welt. Wie kam sie hier her, wie hatte sie mich finden können? Als er näher hinsah, bemerkte er ihren Schwesternkittel, auf dem befand sich auch ein Namensschild, "Anne". "Was für ein schöner und passender Name", dachte er.

Anne hatte ihre Hand auf eine seiner Platzwunden am linken Ellenbogen gelegt. Wie beim ersten Mal nahm er einen Strahl an Wärme wahr und der Schmerz, der zuerst kurz anschwoll, war mit einem Mal verschwunden. Obwohl er dieses Mädchen nicht kannte, fühlte er sich wohl in ihrer Nähe und sie war momentan die Einzige, die ihm ein wenig Geborgenheit und Sicherheit schenken konnte.

Es dauerte nicht lange, da war er wieder eingeschlafen. Das Mädchen erhob sich still und leise. Auf dem Heimweg konnte sie nicht anders und musste an die Stelle zurückkehren, an der sie den verletzten Mann gefunden hatte. Sie ging hoch auf die Fußgängerbrücke und schaute auf den Schauplatz hinab.

Bauzäune wohin das Auge sah, Bagger und Bauarbeiter tummelten sich wie Bienen in einem Bienenstock auf der riesigen Baustelle des Ostkreuzes. Mit einem Mal erblickte sie den riesigen Kran, der über ihr in den Himmel rankte. Sollte er etwa von dort oben...? Nein, das kann nicht sein, das hätte er nicht überlebt, dachte sie. Aber was sollte ihm sonst passiert sein. Die vielen Brüche und Platzwunden deuteten schon darauf hin, dass er von irgendwo hinab gefallen war. Dieser Mann ließ ihr keine Ruhe. Warum konnte er sich an nichts erinnern und warum vermisste ihn nur niemand? Sie tat in dieser Nacht kaum ein Auge zu, die Ereignisse des Tages hallten zu sehr in ihr nach.

Am Morgen ging sie als erstes zu dem geheimnisvollen Mann, der lächelte als er sie kommen sah. Er hob ihr den linken Ellenbogen entgegen und strahlte.

Sie sah, dass ihre Hände gute Arbeit geleistet hatten, die Wunde war sehr gut verheilt. Niemand hier wusste, dass sie diese Fähigkeiten besaß. Sie selbst hatte es auch erst bei der Pflege ihrer Eltern, die beide an Krebs erkrankt waren, bemerkt. Eines Tages, als sie ihre Mutter gerade wusch, durchfuhr sie ein warmer Strahl, den auch ihre Mutter spüren konnte und der sie erschrecken ließ im ersten Moment.

Die Mutter spürte plötzlich an dieser Stelle keinen Schmerz mehr und von da an verschaffte das Mädchen ihr jeden Tag Schmerzlinderung mit ihren Händen. Diese Gabe konnte jedoch nicht sowohl die Mutter als auch den Vater vor dem Tod bewahren, die Krankheit war schon zu sehr fortgeschritten. Es war ein furchtbarer Verlust, beide Eltern so kurz hintereinander zu verlieren und hilflos zuschauen zu müssen, wie von ihnen immer weniger übrig blieb. Sie hatte diese schlimme Zeit bis heute nicht verwunden. Sie hatte sich seitdem sehr zurückgezogen und konnte keine Freude mehr empfinden, nicht einmal in der Arbeit, die ihr früher viel Spaß bereitete.

Doch diesem Mann hier würde sie helfen, da war sie sich ganz sicher und sein Lächeln war ihr Dank.

Von nun an kam sie vor jeder Schicht und nach jeder Schicht noch einmal zu ihm. Sie sprachen nicht, jedenfalls tauschten sie keine Worte aus. Es war gar nicht nötig, waren es doch die Blicke in ihre Augen, die alles aussprachen, was sie sich zu sagen hatten. Dieser Fremde öffnete ihr das Herz. Plötzlich konnte sie wieder Farben sehen und ein Gefühl von Freude kehrte in sie zurück.

Ein Gefühl als wäre sie völlig aus der Zeit und dem Raum gefallen.

Die Ärzte staunten jeden Morgen erneut, wie schnell die Heilung der Brüche und Wunden bei ihm voranschritt und konnten sich dieses Wunder nicht wirklich erklären.

Eines Morgens stand die Polizei wieder vor ihrer Tür. Sie befragten sie noch einmal ausführlich zu den Umständen des Auffindens und bei dieser Gelegenheit erfuhr sie auch das furchtbare Schicksal dieses Mannes. Die Polizei hatte ihn anhand von Suchanzeigen mit einem Bild von ihm identifizieren können, da er von Freunden aus dem früheren Umfeld erkannt worden war. Er hatte vor einem Jahr seine Frau und sein Kind bei einem Verkehrsunfall verloren und hatte sich von diesem Verlust nicht erholen können. Er konnte nicht mehr arbeiten gehen und zuletzt war er sogar obdachlos geworden. Die Polizei ging davon aus, dass es sich um einen Suizidversuch handelte und er tatsächlich vom Kran gesprungen war. Er muss mehrere Schutzengel gleichzeitig beschäftigt haben, um das zu überleben.

Der Schock in ihren Gliedern saß tief, als sie davon erfuhr und sie konnte sich nur schwer aus der Erstarrung lösen. Dieses Schicksal schien ihr noch schmerzvoller als ihr eigenes zu sein.

Plötzlich wurde ihr klar, warum gerade sie ihn hatte finden sollen. Wer konnte besser verstehen, wie es sich anfühlt, alles, was einem lieb war im Leben, auf einen Schlag zu verlieren und allein zu bleiben.

Sie hatte bis jetzt nur seine äußeren Wunden heilen dürfen. Sie hoffte von ganzem Herzen, dass auch sie noch die Gelegenheit bekommen würde, ihm das geben zu können, was er ihrer Seele geschenkt hatte.


 

Kerstin Janke
Entscheidungen

 

Tim

Er fragte sich, ob er den richtigen Augenblick womöglich verpasst hatte. Der lang ersehnte freie Tag neigte sich unbeeindruckt seinem Ende entgegen, zu schnell waren Minuten zu Stunden geworden. Lena saß ihm gegenüber, glücklich mit diesem Tag genoss sie ihren Milchkaffee, erzählte fröhlich und lachte. Tim wollte so gern über sich reden, über sie beide, ihre Beziehung, ihre Zukunft. Doch eben hatten sich Freunde zu ihnen gesellt und die heitere Runde noch fröhlicher gemacht.

Tim vermochte der belanglosen Nachmittagsunterhaltung nicht mehr zu folgen. Immer schweiften seine Gedanken um die eine Frage: Was würde passieren, wenn er das Job-Angebot in New York annahm? Lena würde enttäuscht sein. Gerade war sie nach Berlin gezogen, wegen ihm, sie hatte sich gerade eingelebt, sie liebte diese Stadt. Was fanden diese Zugezogenen nur immer an dieser Stadt, während viele Berliner lieber heute als morgen wegzögen? Sie hatte gekämpft wie eine Löwin und dann doch ihren Traumjob bekommen. Nein, sie würde das alles hier sicher nicht aufgeben.

Doch würde ihre Liebe eine Trennung mit dieser Entfernung verkraften? Waren nicht manchmal schon kleinere Hindernisse als ein Ozean Problem genug? Wenn er ganz ehrlich war — und es war viel einfacher ganz ehrlich zu sein, wenn man allein seinen Gedanken folgte —, so war er sich nicht einmal ganz sicher, ob er Lena genug liebte oder ob er nicht ja sagen müsste zu Big Apple. Um ein neues Leben anzufangen und alle Unsicherheiten hinter sich zu lassen. Ja, vielleicht sollte er das wirklich tun. Etwas Neues beginnen.

Nachher, wenn er sie zum Ostkreuz begleitete, würde er es ihr sagen.

 

Charlotte

Unterdrückte Tränen erschwerten ihr das Atmen als sie die Praxis verließ. Das hätte nicht passieren dürfen, warum nur war sie nicht vorsichtiger gewesen. Wie ein naiver Teenager hatte sie sich verhalten, eine Party bei Freunden, ein junger gutaussehender Typ. Sie hatte sich in seinem Interesse gesonnt, Öl fürs Selbstbewusstsein. Noch am selben Abend hatten die beiden Sex. Ohne Kondom. An den kleinen Gummischutz dachte keiner der beiden, das Knistern und der Alkohol hatten sie freizügig gemacht. Seitdem hatten sie eine wunderbare Affäre. Nichts Festes, viel Leidenschaft, nach Bedarf. Nicht eben das, was Charlotte sich unter einer Familie vorstellte. Nein, sie konnte dieses Baby auf keinen Fall bekommen. Und zu alt war sie sowieso. Erst vor ein paar Tagen hatte sie die Einladungen für ihren 43sten Geburtstag verschickt. Ein Kind? In dem Alter? Ohne festen Partner? Es war ja nicht so, dass sie nicht ihr halbes Leben von einer eigenen Familie geträumt hätte, zwei oder sogar drei Kinder hätten es schon sein sollen. Doch was sollte man schon machen, wenn der richtige Partner einfach nicht auftauchen wollte. Und unter den jetzigen Bedingungen? Das würde nicht gut gehen.

Gedankenverloren schlenderte Charlotte zum Ostkreuz. Sie wollte nur noch nach Hause. Sie brauchte eine Tasse Tee, melancholische Musik und Zeit zum Nachdenken. Nachdenken, was als Nächstes zu tun war. Und was sie ihm, dem Vater, wohl sagen würde. Oder nein, am Besten wäre es wohl für alle, wenn niemand etwas davon erführe.

 

Daniel

Den ganzen Tag schon war er irgendwie nervös. Der heutige Abend sollte die Entscheidung bringen. Die Entscheidung darüber, ob seine Beziehung mit Beate eine Zukunft haben würde. Chaotische Monate lagen hinter den beiden, voller Liebe und voller Missverständnisse. Dennoch hatte Daniel keine Minute daran gezweifelt, dass sie für einander geschaffen waren. Warum war das nur alles so kompliziert? Beate war niemals pünktlich, hatte sogar Verabredungen mit ihm sausen lassen, nur um hinterher die wildesten Ausreden zu erfinden. Irgendetwas stimmte da nicht, etwas, das sie nicht mit ihm teilen wollte. Ein Freund, dem er sein Leid klagte, brachte ihn auf die Idee, die ihm selbst, blind vor Liebe, niemals gekommen wäre: Beate hatte einen Freund. Womöglich konnte sie sich nicht entscheiden und hielt den anderen ebenso hin wie ihn.

Als Daniel Beate mit seinem Verdacht konfrontierte, war sie vor den Kopf geschlagen. Nein, ein solches Schauspiel traute er ihr nicht zu. Zögernd und leise versprach sie, ihm die ganze Wahrheit zu sagen. Heute Abend, wenn er wie immer donnerstags mit ihr ausgehen würde. Noch nie hatte er einen Schritt in ihre Wohnung machen dürfen, doch heute war er bei ihr zu Hause eingeladen. Sie hatte sogar versprochen, ihn vom Bahnhof Ostkreuz abzuholen, doch er glaubte nicht recht daran.

 

Donnerstag Abend, Bahnhof Ostkreuz

Neidisch schielte Charlotte auf das Pärchen neben ihr, das sich innig umarmt hielt. Offenbar war die junge Frau auf dem Weg nach Hause und ihr Liebster hatte sie bis zum Bahnhof begleitet. Den Gesprächsfetzen entnahm Charlotte, dass die beiden sich erst Sonntag wiedersehen würden und wie traurig sie deswegen waren. Ach, wie wunderbar musste dieses Gefühl der Sehnsucht sein, wenn Trennung schwer fiel und einem das Wissen, dass da jemand auf einen wartete, ein Kribbeln in den Bauch jagte.

Unsicher sah Tim Lena an. Sie schmiegte sich an ihn und ihre Worte, dass sie ihn jetzt schon vermisse und sich so auf Sonntag freue, hallten in seinem Kopf. Er wünschte sich, dass dieser Moment niemals enden würde. Abschied nehmen war schwerer als er dachte.

Die S-Bahn polterte herein.

Aufgeregt klopfte Daniel mit den Fingern an die S-Bahn-Tür. Würde Beate da sein? In diesem Moment zweifelte er daran, dass er überhaupt aussteigen würde, wenn er sie nicht auf dem Bahnsteig sah. Ja, er würde ihr es übel nehmen, wenn sie zu ihrem vielleicht wichtigsten Date zu spät kam.

Erst ratternd, dann quietschend bahnte sich der Zug seinen Weg entlang des Bahnsteiges bis er dessen Ende erreichte.

Aufmerksam hatte Daniel alle Wartenden gescannt. Beate war nicht dabei. Kurz blieb sein Blick an einer traurigen Frau hängen, die Beate etwas ähnlich sah. Sie war jedoch älter, Anfang vierzig bestimmt, und hielt den Blick fest auf die neben ihr Stehenden geheftet. So sah niemand aus, der auf jemanden wartete.

Die Türen öffneten sich.

Daniel stand unschlüssig da, wusste nicht, ob er aussteigen sollte.

Sich langsam lösend stieg Lena ein, blieb dabei direkt in der Tür stehen, um Tim noch einen Moment nahe zu sein.

Charlotte beobachtete die beiden noch immer, ohne sich von der Stelle zu rühren.

 

Ein Wimperschlag noch und alles würde sich ändern.

 

Eine Frau kam die Treppe hoch gerannt. Vor sich hin schimpfend zog sie ein kleines Mädchen hinter sich her, das offenbar für die Eile der Mutter kein Verständnis hatte. Die Kleine hielt ein Eis in der Hand, Gesicht und T-Shirt hatten ebenfalls bereits etwas abbekommen. Die Mutter blickte sich verzweifelt suchend um, bis sie Daniel endlich entdeckte.

Charlotte zuckte zusammen. Ihr Blick wandte sich zu dem kleinen Mädchen, das fröhlich sein Eis schleckte. Süß, die Kleine. Während die Mutter und der Typ, der die S-Bahn-Tür blockierte, indem er unentschlossen da herum stand, sich ansahen, stellte sich das Mädchen neben Charlotte und sah sie neugierig an. Es fragte Charlotte sogar, wie sie heiße und ob sie nicht etwas von seinem Eis abhaben wolle. Gerührt lehnte Charlotte ab.

Endlich stieg Daniel aus. Ein Kind war der Grund für das ganze Durcheinander. Ein Kind. Er war so erleichtert. Er umarmte Beate und küsste sie einfach, als sie zu einer Erklärung anhob.

Der Tür-Gong mahnte zum Einstieg.

Widerwillig ließ Tim Lenas Hand los. Er würde sie schrecklich vermissen. Bis Sonntag war schon viel zu lang. Nein, New York, dahin wollte er nicht mehr. Er wollte nicht ohne Lena sein, er wollte sie nicht vermissen. Er war sich plötzlich sicher, wie sehr er sie liebte.

Im letzten Moment schob sich Charlotte durch die sich bereits schließenden Türen. Als sie sich herum drehte, um hinaus zu sehen, winkte ihr das kleine Mädchen zu und lachte. Wieder schnürten ihr die Tränen den Hals zu. Doch als die S-Bahn schwerfällig Fahrt aufnahm, wusste sie, dass sie am Anfang ihres Weges stand. Auf dem Weg zu einer kleinen Familie.


 

Christine Kahlau
Die Warschauer Brücke

 

Nicht weit entfernt vom Bahnhof Ostkreuz befindet sich die Warschauer Straße, welche stadtauswärts in die Warschauer Brücke übergeht, über die ich heute berichten will.

Ein Vorteil scheint mir bei langer Sesshaftigkeit zu sein, dass einem hin und wieder mit Orten eine ganz eigene Geschichte verbindet. So ein Ort stellt für mich die Warschauer Brücke dar und das eigentlich auf eher unspektakuläre Weise. Wobei ich mir natürlich der Nähe zur architektonisch und historisch bemerkenswerten Oberbaumbrücke sowie zur Eastside Gallery durchaus bewusst bin.

Wohl gibt es in Berlin schönere Orte als die Warschauer Brücke. Die Autostraße von Treptow her kommend oder von Mitte, vom Alex her, führt geradewegs über die Warschauer weiter ein Stück durch den Bezirk Friedrichhain hindurch und bis nach Prenzlauer Berg. Von dort aus Richtung Norden und in die andere Richtung immer weiter nach Osten, irgendwann sogar bis nach Warschau… Ein asphaltiertes, hässliches Band, in der Mitte mit Straßenbahnschienen versehen und — früher jedenfalls — drei Himmelsrichtungen mit einander verbindend.

Mit der Wende kam noch eine vierte Richtung hinzu, die zuvor politisch nicht gewollt war, die Verbindung von und nach dem Westen — über besagte Oberbaumbrücke, welche die Spree so dekorativ überspannt — bis nach Kreuzberg hinein und hindurch…

 

Ungeschützt geht es zu auf der Warschauer Brücke, geht doch der Wind hier ungehindert drüber. Doch hat man dafür den freien Himmel über sich. Wenn man auf der Brücke steht, schweift der Blick unweigerlich rechts über die Weite der Gleisanlagen, links wird er etwas aufgehalten durch die auseinander gezogenen Bahnhofsanlagen der S-und U-Bahn. Auf dieser Seite strömen tagsüber dahin eilende Passanten, von beziehungsweise zu den Bahnen hin. Am Abend, besonders an den Wochenenden, drängelt sich vor allem vergnügungssüchtiges Volk auf dem schmalen Fußsteig. Auf Grund der Enge dicht aneinander vorbei wandernd, manchmal auf den Fahrdamm ausweichend, auf dem Fahrradfahrer vorbeisausen, direkt neben dem stetig dicht dahin fließenden Autoverkehr. Auf der gegenüberliegenden Seite dagegen laufen nur wenige Passanten entlang. Obwohl hier seit Jahren mehrere Ferngläser aufgebaut stehen, durch die man über die Gleise hinweg sehen und die nicht bei allen beliebte neue Veranstaltungshalle gegenüber dem Spreeufer in Augenschein nehmen kann. Häufig nutzen Touristen diese Seite auf dem Weg zur weltberühmten Eastside-Gallery, einen bezahlten Blick durchs Fernrohr nehmend.

An den Wochenendabenden, vor allem während der wärmeren Jahreszeit, sind auf der Warschauer hin und her ziehende Massen jüngerer Menschen unterwegs, zwischen den verschiedenen Freizeittreffs von Friedrichshain und Kreuzberg pendelnd. Manche von ihnen lassen sich direkt auf dem spärlichen Rasen auf der Fußgängerseite nieder, bevölkern die Haltestellen oder den begrünten Mittelstreifen auf der Warschauer Straße. Manch einer von ihnen entdeckt die Schönheit der untergehenden oder der aufgehenden Sonne von der Warschauer Brücke aus, auf dem Weg zur ersten Party des Abends beziehungsweise von der letzten kommend. So sah ich neulich ein Grüppchen dort sitzend, auf einer Treppe über den Gleisen, den goldenen Schein der Abendsonne genießend…

2008 stürzte der Neffe einer Freundin von der Warschauer Brücke aus in die Tiefe der Gleise. Die Ursache ist bis heute unklar, ob aus Übermut oder gar Lebensverdruss. Vielleicht passierte es beim Balancieren auf dem Brückengeländer? Von seiner Tante erfuhr ich, dass Simon den Sturz zwar wie durch ein Wunder überlebte, aber lange nicht aus dem Koma erwacht war. Inzwischen weiß man, dass der junge Mann wohl zeitlebens auf fremde Hilfe angewiesen sein wird.

 

Mein eigenes Verhältnis zur Warschauer Brücke ist von recht unterschiedlichen Erlebnissen geprägt. Früher war die Gegend optisch vor allem vom Anblick des Glühlampenwerkes Narva beherrscht, das weithin sichtbar wie ein Wahrzeichen der Umgebung seinen tristen Stempel aufdrückte. Dann gab es im Laufe der Jahre immer mal eine Autofahrt ins Umland, nach Sachsen oder Thüringen, zu der man über die Warschauer stadtauswärts, Richtung Autobahn fuhr, über Treptow und Plänterwald. Seit den Siebzigern zeigte einem das Auftauchen des "Telespargels" im Blickfeld an, dass man gleich "zu Hause" war.

Später dann, nach der Wende zog auch hier der Geist der Veränderung ein. So verschwanden lang vertraute Einrichtungen wie das "Kinderkaufhaus" an der ehemaligen Bersarinstraße, Ecke Frankfurter Tor. Dafür wurden jede Menge unterschiedlicher Läden entlang der Karl-Marx-Allee, der Frankfurter wie auf der Warschauer Straße eröffnet. Manche nur von kurzer Dauer, andere sich bis heute haltend. Die Wohntürme am Frankfurter Tor wurden durch Sanierung optisch wieder ansehnlich und plötzlich entdeckte man die historische Schönheit einer ehemals verhassten Staatsarchitektur. Einst erbaut für verdiente Werktätige des Volkes, bewohnt dann von Funktionären und ehemaligen Verfolgten des Naziregimes, beeindruckt sie heute durch ihre prachtvolle Bauweise und ihre großzügigen Anlagen.

Irgendwann kam zu diesen mehr alltäglichen Erfahrungen mit der Gegend um die Warschauer herum ein weiteres, fast irrational anmutendes Moment hinzu. Es geschah in den Neunzigern, also weit nach Öffnung der Mauer. Eines Tages wartete ich an einer der Straßenbahnhaltestellen auf der Danziger Straße auf die Bahn. Ich befand mich auf der Seite, die in Richtung Warschauer Straße fuhr, als ich plötzlich eine körperlich fühlbare Verbindung spürte zwischen mir oder vielmehr eines Teiles von mir und der geradeaus vor mir liegenden Strecke. Diese vielleicht am ehesten energetisch zu nennende "Verbindung" begann oder endete(?) im Zentrum meines Unterbauches und zog sich gefühlt wie ein unsichtbares Band bis hin zur Warschauer Brücke. Damit einhergehend durchströmten mich intensive Empfindungen von einer Art Vorahnung von etwas Fernem, vor mir Liegendem, welches mich eines Tages herausfordern und mir viel abverlangen würde. Damals durchforstete ich mein Gehirn nach einer dazu passenden Situation, konnte aber nichts finden, was einen konkreten Bezug vermuten ließ. Außer vielleicht meine Verbindung zur Stadt Warschau, begründet durch die Freundschaften zu einigen dort lebenden Polen. Doch schien mir dies zum damaligen Zeitpunkt nicht relevant genug zu sein.

 

Seit dem fuhr ich viele Male besagte Strecke entlang, vor allem mit dem Fahrrad.

Hin und wieder biege ich links oder rechts ab von der Warschauer. Entweder über Ostkreuz nach Lichtenberg radelnd oder tiefer in die Straßen von Friedrichshain eintauchend, dabei immer wieder unbekannte Orte entdeckend.

Und noch häufiger ging und geht es über die Warschauer Brücke hinaus nach Kreuzberg, mitunter bis nach Neukölln… und das bei jedem Wetter!

Diese und jene neuen Verbindungen entstanden in dieser Zeit und lösten sich wieder und manch alte Freundschaft wie die zu den Warschauern, von der man glaubte, sie hält ein Leben lang, hielt dann doch nicht. Und jedes Mal ist es dann auch ein Stück von einem selbst, das dabei mit zu verschwinden scheint…

Doch wie die Zeit nicht stillsteht und das Herz weiter schlägt, so bleibt die Warschauer Brücke ein von Leben pulsierender Ort und die Warschauer weiterhin ein verbindendes Band — in alle Himmelsrichtungen.

So führte mich eine erst in diesem Sommer geschlossene Freundschaft mit einem Maler in eine auf gerader Strecke liegende kleine Galerie in Kreuzberg, ein wenig später nach Brüssel – mitten ins Herz des inzwischen aus Ost und West wieder zusammen wachsenden Europas. Und entdeckte verblüfft, wie viel Schönes und Bemerkenswertes diese Stadt bietet und wie wenig ich bisher über Belgien und seine Geschichte wusste.

Auf dem kleinen Balkon meines Freundes sitzend, sah ich in das freundliche Blau des Brüsseler Himmels, welcher mir irgendwie anders blau erschien als daheim. Und dachte dabei auch an den weiten Himmel und den Wind, auf der Warschauer Brücke…


 

Katja Odenthal
Tante mag das Alte nicht

 

Der Zug hält am Ostkreuz, meine Verwandtschaft kommt angereist, von Schönefeld her. Mit rotem Kopf schimpft sie, meine Tante, mit all ihren 80 Jahren auf einen Mann ein, der mit ihr aus der S-Bahn steigt. Er hat sich ein Berliner Augenzwinkern zum Schutz aufgelegt, die alte Dame dringt nur bedingt zu ihm vor. "Wie zu DDR-Zeiten sieht es hier aus, wie soll man denn hier seinen Koffer ziehen?" "Und wo muss man überhaupt lang?" "Das ist ja wie in Russland!"

 

Sie zieht ihren Koffer über die Füße anderer Fahrgäste auf dem holprigen Bahnsteig. Einer jault, die meisten tun, was am Ostkreuz zum guten Ton gehört: ignorieren und vorwärts, mit der nächsten Welle von Menschen mit und bloß weg hier. Ich komme den Sprachfetzen immer näher, die die alte Dame aus ihrem Mund abfeuert. Meine Tante. Sie erkennt mich nicht zwischen all den Menschen. Ich genieße den Moment, in dem nur die dicken Brillengläser meiner Tante, ihr Maulwurfsblick zwischen ihr und mir und einer Umarmung liegen.

 

Über dem Platz liegt ein Geräuschteppich. Für mich ist das Ostkreuz das Lärmkreuz, so wie überhaupt auf die ganze Umgebung bis zum Nöldnerplatz den ganzen Tag eingehämmert und eingeschlagen wird: Asphalt aufreißen, ausbaggern, Betonmischer, Pflastersteine, Umleitung, Stau, hupen, Baustelleneinfahrt, Gedränge, hier nicht lang, da lang, aufpassen!

Es ist schön, wenn’s schöner wird und es wird toll, wenn es am Ostkreuz eines Tages für die tausenden, zigtausenden, Millionen Leute übersichtlicher und vor allem noch schneller wird. Was in meinen Ohren knirscht, was ein Geräusch macht wie Fingernägel über Kreidetafeln, sind die Zusammenhänge.

Rutscht meine Mieterhöhung nicht direkt über die glatte Rutsche des Wortes Mediaspree in meinen Briefkasten? Und wieso klingt Gentrifizierung nur nach Doktorarbeit, nicht nach Widerstand? Mein Bauch brennt, schreit: "Achtung! Achtung!", sobald ich sehe, wie was Altes weggemacht und was hübsch Neues draufgesetzt wird.

Soll sich das O von Ostkreuz bald auf O2–Arena reimen? Ich phantasiere, wie in einer Casting Show jemand aus dem Off sagt: "Nee, aber dit Ostkreuz, dit muss noch mal inne Maske, so jeht dit nich, noch mal richtig dick Schminke drüba, so wat Abjeranztes will doch keener sehen, da zahlt doch keener wat für!"

 

Und unter einer Haifisch-Maske in der Jury kommt Dieter Bohlens Gesicht zum Vorschein, er singt im Duett mit dem Chef der Deutschen Bahn: "…der hat Zähne und die trägt er im Gesicht." Hinter ihm stimmt ein Chor aus Immobilienmaklern ein, sie haben sich aus Bauplänen der Rummelsburger Bucht und dem Berliner Mietspiegel kleine Fackeln gebaut, die sie wie sich selbst hin und her schaukeln.

 

Es zupft ganz heftig an meinem Kapuzenpulli. "Kind, da bist du ja! Ist das ein furchtbarer Lärm hier!" Ich spare mir die herzliche Umarmung, denn Tante läuft mit Affenzahn auf den rettenden Aufgang zu. Ich ahne, was da kommt. Sie hält inne. Ihr Blick mit all der Autorität ihrer 80 Jahre durchbohrt mich. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln: Nein, es gibt hier keine Aufzüge.

 

Ich schließe zu ihr auf. "Schön, dass du gekommen bist, Tante!", und sie bekommt einen Kuss auf ihre rote, alte Wange. Ich entwinde ihr den Koffer und versuche, mein schlechtes Gewissen zum Schweigen zu bringen als wir vor den Treppenstufen stehen.

Siehe, die alte Dame hat mehr Atem als ich, sie poltert die Treppen hinauf und dann auch hinunter: "In Schönefeld, ich musste zehn Minuten laufen, das soll ein internationaler Flughafen werden? Und wie viel das kostet, von unseren Steuern, wir haben schließlich jahrzehntelang eingezahlt." "Ja, willkommen reiches Rheinland!", versuche ich sie einzudämmen und es funktioniert für einige Sekunden. Sie schaut auf, vielleicht muss sie nur durchschnaufen.

Eine alte Tante in all dem Chaos von Berlin, wie soll das auch gehen?

 

Während ich in ein Taxi steige, für die letzten zwei Kilometer bis zu meiner Wohnung, bleibt ein Teil von mir oben auf der Treppe am Ostkreuz stehen. Er sieht, wie diese schmale Frau davoneilt mit ihrem Koffer, wie sie sich in ein fünfzehnjähriges Mädchen verwandelt, wie sie und meine Familie das ehemalige Deutschland durchqueren, von Kattowitz über Dresden, über Berlin nach Köln. Mit russischen Soldaten im Nacken und Hunger, echtem Hunger im Gepäck. Durch Trümmerlandschaften und über von Bomben aufgerissene Pflastersteinstraßen, vielleicht über Bahnhöfe wie dem am Ostkreuz.

Tante mag das Alte nicht, Tante mag das Alte nicht mehr sehen, aber ich stehe dort und horche. Der Lärm, alte Steine, der Rost, die Unruhe. Das Alte erzählt Geschichten und ich höre zu.


 

Stephan Schmauder
Die rote Mühle am Ostkreuz

 

1 Anfang

"Wumms!", tönt es, als hinter Pjotr Panda die Tür zum Vorderhaus an der Sonntagstraße wieder ins Schloss fällt. Mit mulmigem Gefühl lässt Herr Panda die Sicherheit der eigenen vier Wände fahren, in die er sich viele Wochen lang schon wieder verkrochen hat. Draußen ist es wärmer geworden, nachdem es am späten Nachmittag noch heftig geregnet hatte. Sogar ein heftiges Gewitter war niedergegangen und begleitete Pjotr auf seinem Weg zum Boxhagener Platz die Wühlischstraße hinauf, als er kurz vor Torschluss noch etwas Essbares auf dem Wochenendmarkt organisieren musste, um nicht hungrig diese Nacht zu begehen. Das Wetter gestattet sich in diesem späten Oktober kuriose Kapriolen, wie es nur ein loser Schelm zu tun pflegt. "Oder liegt das jetzt vielleicht an dem dichten Kunstpelz, in den ich eingeschmiegt bin?", sinniert Pjotr, der sich heute, in der Nacht von Halloween, vorgenommen hat, als Winnie the Pu verkleidet die Festlichkeiten zu begehen, ausnahmsweise, ganz gegen seine Gewohnheit als menschenscheuer Partymuffel.

Den alten Bärenpelz des Honignaschers aus dem berühmten Kinderbuch hatte seine Mutter einst als Faschingsballkostüm für seine ältere Schwester genäht. Als das Kostüm niemand mehr haben wollte, rettete Pjotr es vor dem unbarmherzigen Weg in die Mülltonne, indem er es der begehbaren Kleiderkammer einverleibte, die im verwinkelten Flur seiner kleinen Ein-Raum-Wohnung im 4. Stock des Hinterhauses einen Gutteil des kärglich vorhandenen Platzes ausfüllte, von ihm in den letzten Jahren jedoch kaum genutzt wurde, denn normalerweise zog er immer die ewig gleichen Klamotten an im Alltag seiner verschliffenen Großstadteremitenexistenz.

Pjotrs notorisch miesepetrige Laune klart sich heute jetzt aber doch allmählich auf. Er beginnt sich nun wohlig warm, ja subtropisch umhüllt in der abenteuerlichen Vermummung zu fühlen. Schon beinahe im Pirschgang wechselt er von der Gryphius- runter Richtung Simplonstraße. Das bisschen Schwitzen in dem dichten Pelz, das gefällt ihm, die leichte Transpiration hat ihm eigentlich noch nie was ausgemacht, Pustekuchen, als geübter Dauerläufer, der er ja auch ist, in einer strikt getrennten Parallelwelt zu seinem Indoor-Alltagsleben; wenn er sich denn mal aufrafft, das Haus zu verlassen, was selten geschah in den letzten Wochen. Auf Pjotrs sich gerade aufbauender Blickachse Richtung Südosten wird er jetzt überrascht von einem prangenden, riesiggroßen, ja regelrecht unförmigen Vollmond, der von einem blutorangefarbigen Vorhof eingerahmt aus dem Viereck des plötzlich gemäldehaften Blickfeldes zu quellen scheint. Starke Winde pusten wüstenhaft warme Luftböen durch die dunklen Straßen, Wolkenfetzen ziehen ohrenheulend über Pjotrs Bärenhaupt hinweg. Die Nacht scheint wirklich nicht allein zum Schlafen da. Pjotr zieht es gleich mit aller Macht an den Schienenstrang zwischen RAW-Gelände und Osthafen. Unter all den vorüber treibenden Halloween-Masken, die bei gefühlten 17 Grad Celsius im Spätnovember auch alle, sagen wir mal, leicht overdressed wirken, fällt Winnie the Pu weiter gar nicht auf. Pjotr spürt das Gefühl des Isoliertseins, das ihn die letzten Wochen, ja Monate, wie eine dickhäutige Gummiblase umschlossen hat, allmählich vom Fell abperlen. Auf dem RAW-Gelände scheint sich gerade eine gewaltige Party zu entzünden, aufzuspannen wie der schnell wachsende Schirm eines Tintlings, lokal häufige Pilzart, gekennzeichnet durch rasches Werden und Vergehen (Pjotr hat sich zu einem leidenschaftlichen Pilzgänger entwickelt in den letzten Jahren, eines seiner wenigen Hobbys neben dem notorischen Joggen) — in der Ferne wummern tieffrequente Klänge. Einerlei, ob das Musik, nächtliche Bauarbeiten der Bahn oder das zurückkehrende Gewitter ist. Pjotr drückt sich durch einen Bauzaun an der Revaler Straße, kurz hinter der Modersohnbrücke, in das Niemandsland zwischen verwitterten Bahnanlagen, verwildertem Berliner Stadtbrachen-Dschungel und den topographischen Eroberungen einer Haudrauf-amüsier-20+x-something-Post-all-of-Now-Schickeria. The Pu steht, nachdem er einen wie von Riesenhand geworfenen Wall aus Baumstämmen überklettert hat, in einem dichten Birkenwäldchen, voll obskuren Unterholzes, um jetzt mal kurz Pipi zu machen. Er nestelt sich den Pelz auf, seine Mutti hatte natürlich damals beim Nähen des Mummenschanzes nicht an derlei allzu irdische Bedürfnisse gedacht.

Keine fünf Meter von ihm entfernt läuft eine Füchsin die Böschung entlang, ohne Notiz von ihm zu nehmen. Sie schleicht einmal um den Busch, kommt auf der anderen Seite wieder herunter, just da, wo er den oberen Teil seines Bärenpelzes gebunkert hat. Hier nun kommt Pjotr selbst zu Wort, wie er das Ganze seiner Kumpeline erzählt, denn da gab‘s kein Halten mehr, als er ihr einige Wochen nach den Ereignissen ausführlich Bericht erstattete: Stell dir vor, die Füchsin späht um die Ecke und bemerkt mich nun endlich. Sie bleibt stehen und "nimmt wohl an", dass ich sie nicht gesehen hätte. Ich fixiere selbstbewusst die mich beim Urinieren ertappende Dame im Rotpelz, die sich mir zaghaft noch weiter annähert, nicht geplagt von der menschlichen Scham. So stehen wir uns gegenüber, keine vier Schritte voneinander entfernt: "Wildes Tier" und so genannter "zivilisierter Mensch" draußen in dieser imposanten Vollmond-Nacht. Wir mustern einander. Ich breche das Schweigen, indem ich was sage. "He, Genossin, ich kann nicht pinkeln, wenn mir jemand dabei zusieht!" Die Füchsin, die sich hier frei in ihrem Revier bewegt, wendet sich mir zu und spricht, nicht ohne dabei kräftig in ein lokales Idiom zu verfallen: "Ja, nu, wie der Namenspatron dieser Stadt siehste nu wirklich nicht aus, Mensch Meier, von Würde keine Spur, nicht mal beim 'Stangenwasser inne Ecke stellen'. Eher wie 'n ungetrunkener Schluck Pfütze. Nüscht für unjut. Aber woher kommt‘s, dass er so neben seinem Pelz steht, statt in seinem Pelz eine wackere Figur abzugeben? Vertrau'n Se sich mir an, wo Sie grade mittenmang meinem Revier stehn…" Pjotr: "Wie Sie sehen, Madame Rotpelz, folge ich dem Ruf der Wildnis, ganz genau wie Sie, alte Eierdiebin und Hundeverschmäherin, die Sie sich jetzt schon länger wieder in der Menschenstadt heimisch fühlen. Genug mit dem förmlichen Gehabe, mit 'Sie' und so, wir sind unter uns, also, was ich sagen möchte, wie wäre es denn mit 'n bisschen Verständnis für meine momentan eher klägliche Situation?"

"Solange du nich' auf den Tunnel-Zugang des selbstverwalteten Wildtier-Kindergartens pinkelst, is allet jut, mein Lieber, achte mal besser 'n bisschen auf deine Umgebung, schärfe die Sinne, lausche auf die Stimme deiner Instinkte, Intuition haste ooch, weniger auf die ,scheint's, bei euch Menschenwesen allerorten überstrapazierte, übermächtige Vernunft, dann kommste besser klar, haste wieder Spaß, oller Griesgram - und - hej noch was, Menschenmann, wenn ick dir 'nen Tipp geben darf, mach dich jetze mal auf 'n Weg nach Osten, immer schön dem Schienenstrang lang. Heute ist ne janz besondere Nacht für Männeken, auch für so schräge Vögel wie dich. Der Osten steht seit jeher in unseren Breiten für 'n Neuanfang im Tanz der Windrichtungen um die olle Himmelsoße, äh, -rose, die Weichen werden heut' Nacht früh frisch jestellt, damit das alte Dampfross künftig im neuen Gleisbett läuft wie geschmiert, is ooch jut für die alten Jelenke."

Pjotr wehrt sich gegen den aufkommenden Fluchtreflex, reibt sich die Augen, eine beredt das Wort schwingende Füchsin, das ist bei aller reiflichen Überlegung dann doch einen Tick zu heftig an diesem komischen Tag, der ja für ihn immer noch erst gerade angefangen hat. "Ruhig Brauner, hör mir zu, renn nicht gleich weg, wenn dir Gevatterin aus dem Zylinder was hervorzaubern möchte! Im Ernst, zieh los, sonst entgeht dir was! Ist doch so 'ne schöne Nacht, warum soll sich so 'ne alte bärenfellbehangene Nebelkrähe wie du nicht auch mal amüsier'n? Alter, mach dich auf'n Weg, wirst es schon nicht bereuen. Dann kann ick hier ruhig weiter nach einem saftigen Midnight-Snack Ausschau halten. Neuerdings gibt's hier wieder wilde Kaninchen — und jetze zieh Leine, biste noch nicht unterwegs - ab die Post!"

Pjotr folgt den Einlassungen der beredten Füchsin und ihrer Aufforderung, nicht ohne sich vorher höflich von ihr zu verabschieden. Ein bestimmtes Gleis ganz links ins Auge fassend, dem er unbeirrt durch den dichten Überwuchs an Flora Richtung Osten folgt, zieht der Bärenmensch weiter. Der Wind scheint mit dem Blätterwerk des ihn umgebenden Wildwuchses der verlassenen Bahnanlage seine Sprach-Spiele zu treiben, denn für ihn hört es sich an, als raunten die Bäume ihm ermunternd zu: "Rasch, wie in flüchtigen Augenblicken, lass dich treiben im Weben der Zeit, on the road again, doch bald kommst du an. Geh deinen Weg, verschließ deine Sinne nicht vor der Schönheit des Augenblicks, alter Bärenesel!" Der wandelt weiter seines Wegs auf unausgetretenen Pfaden. Die Vögel in den Wipfeln beginnen ihm heitere Botschaften zuzuzwitschern Eine vorüberfliegende buntgescheckte Taube rezitiert Passagen aus Nietzsches "Also sprach Zarathustra" und dionysische Dithyramben, als wüsste sie um die Qual und Selbstzweifel der letzten Zeit: Die Krähen schrei'n und ziehen schwirren flugs zur Stadt... (zit. n. A. Carter: The Infernal Desire Machines of Dr. Hofman, London 1969 u. nach F. W. Nietzsches Gedicht). Ein Rabenvogel, die junge Elster, folgt ihm von Baum zu Baum, auf Schritt und Tritt keckert sie geknittelte Verse aus Fausts Walpurgisnachtstraum hinter ihm her. Eine große Ameisenschule im Vorüberziehen hält inne, sammelt sich unter diversem, gezirptem Signalaustausch um Meister Petz, beginnt durch eine grafische Anordnung ihrer Leiber vor ihm in den Sand neben den Gleisen zu schreiben:

"Ess koi Buchstab'nsupp' mer,
und unns itzt au idd',
alt's Schleckermaul,
reih selber Buchstabenfolgen
ruhig au mal aufs Budderbrot-Babbir.
Bei dem, was du so erlebst,
dürdte dir seller Stoff zum Verzelle
nidt unbedingdt so flott idt ausgehe,
Purche!"

Entweder war diese Ameisenschule aus der ersten oder zweiten Klasse ausgebüchst, oder sie stammte ursprünglich von allemannischen Sprachinseln, aber egal. Dem Bärenmenschen hat es längst die Spucke verschlagen vor so viel allbelebter Natur um ihn, die beredt mit dem All-Eins-Sein, das ihn seit Wochen wie einen dichten Kokon umsponnen hat, zu korrespondieren scheint, als klopfe eine alles durchwirkende Kraft ihn mit aller Macht aus dem selbst gewählten Gehäuse seines Einsiedlerkrebs-Lebens heraus. Der Bärenhäuter fühlt sich fein umwebt von pantheistischem Welterleben, wie er es nur aus den glücklichsten Momenten seiner wahrhaft weit zurückliegenden Kindheit kennt - das ozeanische Gefühl desjenigen, dessen feste Grenzen durch das noch ferne Erwachsensein jederzeit sich flugs aufzulösen imstande sehen.

Pjotr greift zu der in der Kängurutasche in seinem Pelz verstauten Flasche schweren roten Rebensafts (die hatte er für alle Fälle gebunkert) und entkorkt sie fachgerecht. Es ertönt ein mächtiger Plopp, als der Geist aus der großen Buddel entweicht. Der befiehlt ihm nur lapidar: "Trink!" Er gehorcht willig und sieht sich selbst in einer fernen Zukunft, wie Karlsson auf dem Dach des Hauses an der Sonntagstraße sitzend, Farben und Formen der Jahreszeiten ziehen wie im Hui an ihm vorüber und mit flinker Feder wirft er textliche Exzesse in einem wahnwitzigen Tempo aufs Papier. Es scheint, als hätte er in wenigen vorbeirasenden Vegetationsphasen Jahrzehnte an verloren geglaubter künstlerischer Produktivität nachzuholen. Gleich versucht Pjotr sich wieder auf die ungefilterte Gegenwart zu konzentrieren, beginnt seine Aufmerksamkeit tatsächlich mit dem Augenblick zu teilen, als sei dies ein alter Freund, dem er nur ewig lange nicht mehr "Hallo" gesagt hat. Das Birkenwäldchen hat sich gelichtet, während er weiter ausschritt. Pjotr ist am Gleisbett weiter Richtung Osthafen gelaufen. Von Ferne sieht er im hellen Mondlicht auf der Spree eine Armada kleiner Segelboote, Typ "Pirat", mit dem Wind in beeindruckendem Tempo spreeaufwärts pflügen. Der Fluss erscheint aufgewühlt von den warmen Winden, die in Böen aus unterschiedlichen Richtungen die Wasser furchen. Hatte er etwas im Radio von einer Segelregatta auf der Spree mitgeschnitten? Von Zikaden auf den lose bewachsenen Sandbergen am Osthafen raspelt es wie Süßholz mit Engelszungen zu ihm hin: "Geh einfach, geh, wundere dich nicht: 'Paradise is NOT lost!'"

 

2 Der Tunnel

Bald steht Pjotr ein wenig ratlos an einem vor Dunkelheit nasstriefend klaffenden Schlund, sieht aus wie der Zugang zur ewigen Verdammnis. Über dem von mattgrünem Moos behangenen Portal spiegelt sich ein Schild trübe im Schimmer der nächtlichen Sonne, bunte bewegliche Buchstaben leuchten kurz auf und ziehen in unregelmäßigen Abständen vorüber:

"Magischer Tunnel +++ Zugang zum Varieté aller irrenden, aber wenigstens suchenden Seelen +++ Eintritt nicht für jederfrau oder jedermann +++ Nur für Entgleiste +++ Ticket gibt's nur gegen Abgabe des Verstands an der Garderobe +++ Amanita-Amelia kommt kurz nach 12 an + ist unterwegs zum Turm +++ Geh jetzt los! +++ J E T Z T" (angelehnt an H. Hesse, Der Steppenwolf, Frankfurt a. M.: 1927).

Der Eingang gehört zu einem Tunnel, der ganz offensichtlich eine sanfte Biegung nach links macht, so viel ist noch zu erkennen. Der bepelzte Held fragt ein wenig ermutigt duch den Zuspruch von so viel Kreatur, die sich durchgehend freundlich gesinnt an ihn wendet, leise in die Runde: "Ich habe leider meine Taschenlampe zu Hause vergessen. Kann mir jetzt vielleicht trotzdem jemand weiterhelfen?" Seine Worte sind im Echohall, den der offenbar abgrundtiefe Tunnel wirft, kaum verklungen, da sieht Pjotr erste Lichtpunkte auf sich zuglimmern. Zuerst sind es nur sechs, sieben Leuchtkörper, die ihn umsausen, dann potenziert sich die Anzahl und kaum dass er es sich versieht, ist er von einer unfassbaren Zahl von Glühwürmchen umfangen, die den Eingang des finsteren Tunnels in ein sanftes Licht tauchen. Nicht dass dies Freundschaftsdienst genug wäre, nein, die Käferchen formieren sich zu einem Schlauch und bilden einen Lichtkorridor aus ihren Leibern, um ihm den letzten Rest Muffensausen zu nehmen vor der allumfassenden Finsternis des gleiskörperführenden Gewölbes, das im Übrigen bei näherem Besehen gar nicht abwärts, sondern vielmehr sanft aufwärts zu führen scheint. Es gibt nun selbst für den ängstlichen Pjotr nicht länger Grund zu zaudern, und so tritt er gemeinsam mit seinen neuen insektoiden Begleitern, den immer freundlichen und sanften Irrlichtern, die ihn geschmeidig umsummen, den letzten Teil seiner Reise an. Bald umtost Pjotr nur noch der pochende Klang des Rauschens der eigenen Blutzirkulation, er hört seinen beruhigenden, sonoren Puls, der so regelmäßig zu schlagen scheint wie ein Schweizer Uhrwerk. Ein beruhigendes Bollwerk gegen die Unwägbarkeiten der unsteten Zeitläufte, die Pjotr sich einbildet, zeitlebens zu durchqueren. Die vielfarbenen, in allen Facetten des infraroten Lichts schimmernden Leuchtkäfer hüllen ihn in einen spiralförmigen Kokon ein, in dem er vorangleitet wie auf einer imaginären, sich drehenden und dehnenden Zeit-Achse, wurmlochartig. Sie führt ihn immer näher an ein Gefühl des Erlebens einer Unendlichkeit, in der die Zeit still steht, oder einfach kein sinnstiftender Parameter mehr ist. Aufgehoben ist das Maß, zum Stillstand gekommen, abgebrochen wie eine halbe Riesin, die im Asphalt einer Titanenenzeit steckenblieb, deren anmaßende Epoche durch neu hereinbrechende, scheinbar chaotische Kräfte zu einem natürlichen Ende gekommen ist.

 

3 Halloween am Ostkreuz

Am Ende des Tunnels ist irgendwann ein Licht zu erkennen für den in Trance vor sich hin wandelnden Bären, der auf den Namen Pjotr hörte. Winnie the Pu kehrt zurück ins mondbeschienene Licht der Welt. Die leuchtenden Käferchen umfleuchen und illuminieren sanft seine Gestalt, wie er ins Freie tritt und in der Ferne den alten Bahnsteig F des Ostkreuzes auf sich zu bewegen fühlt, als ob nicht er zum Bahnhof, sondern der Bahnhof zu ihm her robben würde. Der große Passagier-Umschlagplatz liegt menschenverlassen da. Nur der tief stehende Vollmond beleuchtet die von werktätiger Hand geschaffene Landschaft und taucht sie in ein sanftes, silbrig glänzendes Licht, in dem es problemlos möglich wäre, das "Neue Deutschland" trotz seiner kompakten Typografie zu lesen. Da! Aus den Augenwinkeln erhascht er eine schnell sich bewegende, vierbeinige Gestalt, die unten am Bahnsteig hinter das Fahrkartenhäuschen huscht! Nein, da ist noch mehr Bewegung zu erkennen, bald an jeder Ecke sieht Pjotr graue, schwarzweiß bepelzte langohrige Vierbeiner, die sich geschickt hinter jede Deckung ducken. Gegenüber auf Ost, am Bahnsteig der Ringbahn, taucht ein riesiger Wolf scheinbar aus dem Nichts mit einem Sprung auf das Treppengeländer in Pjotrs Blickfeld, balanciert ohne jegliche Anstrengung auf dem schmalen Grat und verfällt im Wimpernschlag in ein ohrenbetäubendes, jede Faser seines Herzens durchdringendes Geheul - die lange Ode der Kreatur an den Vollmond. Der viel beachtete Kongress der sizilianischen Steppenwölfe findet also in diesem Jahr auf dem Ostkreuz statt. Jeden Augenblick erwartet er das Auftreten einer Band wie Wolfmother real oder Dio aus den Grüften des Jenseits, Spannungsbogen aus Heavy Metal ein Nichts dagegen, aber das polyphon nach Skaldenart angestimmte, in geordneten Chören vorgetragene Heulen der nun vielstimmig einsetzenden Waldfreunde verhallt so abrupt wie es begonnen hatte, ungehört von den Menschenwesen in der angrenzenden Großstadtwildnis. Haben sie jetzt das letzte Stück Zivilisation zurückerobert? Aber husch, wie im Augenblick ist der Spuk der Wildnis vorüber. Das große Rudel scheint so plötzlich verschwunden zu sein wie es aufgetaucht ist. Pjotr lauscht noch lange den langgezogenen Klagetönen nach; war das jetzt wieder eine Halluzination wie heute früh? Der Kongress der Steppenwölfe - warum eigentlich habe ich dazu keine Einladung bekommen? Der Bärenhäuter schaut sich noch einmal lange, ja ein wenig verunsichert um. Sein Blick schweift schließlich zurück zu dem Mond, der auf der pickelhaubenartigen Kappe des Wasserturms behände einen Solo-Walzer tanzt. Die Säule des Wächters über das Ostkreuz scheint in dunklen Rottönen zu pulsieren. Der Mond zwinkert mit verschmitzten Augen, zuerst nur kurz, zaghaft, dann schneller, bis sich sein Blinzeln auf exakt 18 Augenaufschläge/-blicke die Sekunde erhöht und einpegelt, so wie die synchronen 72 Hertz von Pjotr im Tunnel. Die Zeit kehrte mit dem Gedanken an die Zeitung im Traum zurück. Raschelnd wird irgendwo ein Filmstreifen eingelegt, da gleich mit theatralischem Gong die Vorführung starten wird. Von der alten Stralauer Dorfkirche weht Klock zwölf der tiefe Klang der Glocke herüber. Auf den letzten Schlag erwacht die Szenerie am Ostkreuz in Cinemascope zu einem traumhaft mitternächtlichen Leben, dieses Mal das der Menschenwesen - wie sie es wohl nur ganz besonders luzide Vollmondnächte, in nur entlegenen astronomischen Zeitläuften zu beziffern, hervorzubringen imstande sind. Alle Zeit der Welt schien sich nun am und um dieses Ostkreuz zu bündeln - dem lang gedienten Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Mit jenem letzten Gong der Alten von Stralau, anmutig wie in einem berühmten Kintopp-Palast der 1920-er Jahre angeschlagen, erhellen augenblicklich mehrere 100.000 niedrigvoltige, buntfarbene Lichtquellen wie chinesische Lampions die Nacht, keine grellen allenthalben, sondern sanfte Illuminationen wie auf einem großen Jahrmarkt, an die mitternächtliche Stunde wohltemperiert gemahnend. Das Ostkreuz ist im Nu von Menschenhand überschwemmt, die Wesen auf zwei Beinen strömen wie auf Zuruf eines rotbefrackten Zirkusdirektors in einer Szene von Fellini von allen Zugängen her auf den vielgestaltigen Bahnhof, der wie ein großer Krake in alle Himmelsrichtungen der Stadt mit seinen vielen starken Armen die Menschen herbei schafft. Von überallher scheinen die Menschen von den warmen Winden herbeigeweht, aus allen Epochen, die dieser Bahnhof mit seiner wahrhaft würdevollen und langen Geschichte durchlebt hat. Selbst Menschen aus anderen Zeiten tauchen wie aus Zeitlöchern gefallen auf, von dem gigantischen Jahrmarktgelichter des zentralen Kreuzungspunktes angezogen wie fahlflüglige Insekten, die aus der Dunkelheit ins Licht streben. Ein Mann in Fellen geschlungen schwankt, auf merkwürdig verklärte Art tanzend und dabei melodisch gereihte Gutturallaute ausstoßend, an ihm vorüber, das Gesicht von einer Hirschmaske bedeckt, die Pjotr glaubt, im Märkischen Museum schon einmal gesehen zu haben. Er wirbelt mehrmals um die eigene Achse, denn er kann sich an der Vielfältigkeit des bunten Treibens kaum satt sehen.

Zischend und dampfspeiend rauscht eine riesige schwarze Schnellzuglokomotive vor ihm auf dem Bahnsteig mit hohem Tempo ein - es ist die legendäre Baureihe 108, gerade pünktlich drei Minuten nach Mitternacht. Auf einem Abteilschild ist der Fahrtstrecken-Anzeiger zu lesen: Genua, die Hafenstadt am Mittelmeer - ihren weiteren Weg durch Italien, Österreich und die Schweiz rauschte die gusseiserne schwarze Lady über Süddeutschland nach Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Dessau, durch das südliche Brandenburg, über den hohen Fläming nach Berlin. Pjotr staunt nicht schlecht über die einstmalig offenbar reibungslos funktionierende Bahntechnik und die schiere Weite des Wegs, den die legendäre Baureihe genommen hatte, Tempo 150 im Schnitt mindestens bei den eingehaltenen Fahrzeiten, die akribisch ausgewiesen sind, als die Passagiere beginnen, dem Zug zu entsteigen. Vor ihm verlässt eine Gestalt mit ledernem Kostüm das Coupé, auf dem Kopf eine Haube in Rosttönen, die rußbedeckte Fliegerbrille auf die Stirne geschoben - Venus in artificial Furs. Unschwer erkennt Pjotr sie als Amelia Earhart, eine legendäre US-amerikanische Pionierin, die mit ihrem Doppeldecker so manchen Flieger-Rekord ihrer männlichen Kollegen gebrochen hatte - noch heute ziert sie als Namenspatronin eine Schule in Treptow auf Höhe des Plänterwalds. Die verschollen geglaubte Abenteurerin und bekennende, ja sagenhafte Bruchpilotin steuert direkt auf ihn zu und spricht ihn in überraschend fließendem Deutsch an: "Herr Panda, Pjotr, erkennen sie mich gar nicht? Heute ist Halloween, da sind wirklich fast alle verkleidet, selbst Sie als alter Partymuffel, wie ich Sie gekonnt und richtig gleich einschätzt habe, und - ja, auch ich, Ihre für Sie eigentlich viel zu junge, schöne und viel zu nachsichtige Arbeitsvermittlerin, Wanda Wagner, erkennen Sie mich denn immer noch nicht, haben Sie 'nen Balken im Auge? Sie waren doch erst vorige Woche bei mir einbestellt, sozusagen länger zu Besuch gewesen, nicht ohne die vereinbarte Sprechzeit weit über Gebühr durch Ihre durch keine Intervention zu bändigende Gesprächigkeit bis an die Zerreißgrenze auszudehnen. Wissen Sie, seit so vielen Monden unterstütze ich nun schon Ihren unsteten Lebenswandel im Zeichen des sprichwörtlichen Faulpelzträgers, den Sie jetzt hier im wahrsten Sinne des Wortes anscheinend auch noch stolz zu Markte tragen! Ohne zu murren halte ich Sie von allen Maßnahmen und gesetzgeberischen Sanktionen, von jeglichen Unwägbarkeiten fern, steuere taktvoll aus der Ferne den enorm komplizierten amtlichen Schriftverkehr in Ihrem Sinne sanft an Ihrer Akte vorbei, ohne welchen Sie schnurstracks bei Ihren Qualifikationen Ihren Weg zurück in den Schoß der werktätigen Bevölkerung gefunden hätten, - (Frau Wagner schöpft frischen Atem) - da können Sie jetzt auch mal was für mich tun! Wie Sie sehen, bin ich unterwegs am Ostkreuz auf dem Weg zu einer fantastischen Party, zu der ich gleich zwei Eintrittskarten mit mir führe, denn mein kafkaesker Kollege aus der nachrangigen Fachabteilung sieben Stockwerke unter meinem Bürotrakt, mit dem ich gelegentlich und eigentlich jetzt verabredet war, hat mal wieder die Gripp', sagt er, oder gibt mir gegenüber zumindest vor, diese zu haben, aber wahrscheinlich mal wieder nur Ärger mit der Frau zu Hause, naja, das Übliche, nicht weiter dramatisch, Sie verstehen? Jetzt treffe ich ganz unvermittelt Sie hier und, mit Verlaub, meine weiblichen Sympathien begleiten Sie trotz der scheinbar unüberbrückbar scheinenden sozialen Kluft zwischen uns schon lange; in dieser an exzentrischem Beigeschmacke nicht ganz armen Situation möchte ich nun doch höflich insultieren, ohne gänzlich in Sie dringen zu wollen, hätten Sie nicht Lust, sich für den Rest der Nacht an meine grüne Seite zu schwingen? Seien Sie doch auch einmal mein abenteuerlicher Begleiter, wenn ich Sie verwaltungsamtlich schon so lange durchschleuse, lieber Freund - heute Nacht, sage ich Ihnen, liegt die Stadt uns zu Füßen - und die Welt ist unser Garten!" Pjotr (schüchtern, denn er hat schon lange auf die Frau Wagner insgeheim ein Auge geworfen, obschon sie als Mitarbeiterin des Arbeitsamtes eigentlich eher dem gewohnten Feindbild anheim fallen müsste, aber wie der Zufall so will, ist die Welt halt manchmal zu recht derben Scherzen aufgelegt): "Naja, wenn Sie mich schon so herzlich einladen..., komme ich jetzt mal mit. Hat mir schon geschwant, dass hier heute noch Denkwürdiges passiert, ohne dass mir mutmaßlich der Puls merklich in die Höhe gehen wird."

Pjotr fühlt sich an den Traum von der verstrahlten Zone erinnert, der genau besehen erst ein paar Stunden zurück liegt. Es fühlt sich an, als lägen Äonen an verflossener Zeit dazwischen, wenn es denn eine Maßeinheit für sich verflüssigende Zeit gäbe. "Wo findet die Party denn statt oder ist das hier alles schon diese fantastische Fete, von der Sie sprachen?", fragt Pjotr die Frau Wagner unter etwas sardonischem Grimassieren. "Spielen Sie nicht die Grinsekatze, Sie verkrachter Polarbär, Sie", repetiert Frau Wagner in ihrer buchstäblich berlinischen Sprachbeweglichkeit, "schau'n Se doch mal rüber, wohin der Strom der Menschenmassen sich bewegt." Sie weist mit der Hand die Richtung. Als Pjotr sich tapsig dreht, den Kopf hebt und in die gewiesene Richtung blickt, stellt er fest, dass dem Wasserturm am Ostkreuz inzwischen vier Flügel gewachsen sind, die sich munter im warmen Wind drehen, wobei alle Viere behände jeden Augenblick die schimmernde Farbgebung in alle Kontraste wechseln. "Moulin Rouge mitten in Berlin!", entfährt es dem jetzt doch fassungslosen Pjotr. Die mit nostalgischem Flair vollgesogene Energie des Fin de Siècle, getragen von der Majorität der Maskenträger, die sich mittlerweile mit all den anderen Epochen zu einer typischen Varieté-Atmosphäre durchmischt, macht auch vor ’Cabaret' von Bob Fosse nicht Halt. Gerade schlendert Liza Minelli, die Melone um ihren Zeigefinger zwirbelnd, vorüber, natürlich ein Liedchen trällernd wie je ein Berliner Spatz von Welt es täte an ihrer Stelle, Claire Waldoff inbegriffen, und wenn auch gleich die Jungs von der Glatzow-Bande hier auftauchten und das ganze Ostkreuz von der Balustrade der Ringbahn gegenüber herab unter schwirrendes Blei setzten, auch das könnte Pjotrs Puls nicht mehr in die Höhe treiben oder gar Monty Python Ehre machen.

"Lassen Sie uns schnurstracks in dieselbe Richtung gehen wie Junker Wodan & GenossInnen", merkt Wanda beiläufig an, hakt sich gelassen beim Bären ein und beide schlendern ab in Richtung Treppe. Als sie an der Hauptstraße am Wasserturm angelangen, ist die Warteschlange noch recht überschaubar. Im Nu sind sie an der Reihe, erhalten gegen Aushändigen der zum Zutritt berechtigenden Einlasskarten zwei kompakte, seltsam anmutende tornisterähnliche Rucksäcke in signalorangener Farbe, den sich v. a. Pjotr mit einiger Mühe und unter viel Ächzen über die fellige Pelle zieht. Der Herr am Einlass, vielleicht besser: Türsteher, allseits bekannt vom Kino Intimes, weist vorsorglich darauf hin, dass die kurze, grün phosphoreszierende Leine am Tornister frei über die Schultern nach vorne zu baumeln hat nach dem Anlegen, während er Pjotr noch einmal die Schultergurte überaus korrekt, ja penibel nachstellt. Der Sinn der Mühe sei dann später selbsterklärend, nuschelt verschmitzt der Türsteher.

Wie bei einem Leuchtfeuer am Meer hat sich die pickelförmige Haube des Wasserturms auf der dem Ostkreuz zugewandten Seite in eine präzise geschliffene Glaslupe, in ein Objektiv verwandelt. Dahinter entzündet sich im Augenblick ein riesenhaftes Glühleuchtfeuer, die gleichmäßig schwingenden Windmühlenflügel des gedrungenen Turmes fungieren als Malteserkreuzflügel oder Shutter, der magische Film aus dem unerschöpflichen Fundus der Gebrüder Skladanowsky, startet nun und verwandelt den alten Wasserturm in einen gigantischen Projektor, als beherberge er das Arsenal der verwirklichten und unverwirklichten Träume aller lebenden, toten, noch nicht geborenen Bewohner des Stadtbezirks und wirft sie auf eine imaginäre Projektionsfläche in dieser Nacht Allerseelen, welche den Bahnhof in eine infernalische, kollektiv wirkende Kinomaschinerie verwandelt, die Albert E. Hoffman, dem Erfinder etlicher Synthesen und Elixiere im Dienste der Synapsenverschmelzungen, zu aller Ehre gereichen würde. Wanda und Pjotr sind inzwischen in das geheimnisvolle Innere des Wasserturms hineingetreten. Eine spiralförmige Geländertreppe führt in endlos scheinenden Windungen nach oben zu dem gleißenden Licht, das über der ganzen Szenerie schwebt und das Ostkreuz in ein Meer dramatischer Träume taucht. Was erwartet uns drinnen im Turm? Nun, was könnte jetzt noch überraschen? Eng umschlungen von dem spiralförmigen Treppenaufgang strebt als Achse des Turms eine frei schwebende Säule empor, gefüllt mit perlendem Champagner aus besten Lagen, in dem die rasende Menge frei schwebend taucht, surft, schlürft, tanzt, trinkt und sich allmählich auf eine gemeinsame Ekstase zu wälzt, die diese Welt in ihrem gegenwärtig kollektiv geteilten Enthusiasmus selten erlebt hat. Unio mystica ist rar geworden. Wanda und Pjotr tauchen mit einem schnellen Sprung im Stile des geflügelten Götterbotens in die sprudelnde Flüssigkeit ein, lassen sich von der perlenden Musik nach oben tragen, wo sie wieder auf den Hirschmaskenmann aus Biesdorf treffen, welcher bereits einen Grad der Verzückung erreicht zu haben scheint, die jeder nüchternen Beschreibung spottet. Kunststück, der Mensch hat den meisten Gästen 5.000 Jahre an Erfahrung im Feiern ekstatischer Rituale voraus. "Und wenn das Fest zum Sieden kommt, dann sät der Teufel Äschen drein" (zit. n. H. Wittenwiler, Der Ring, Konstanz: ca. 1407). Pjotr und Wanda lassen sich mit all den anderen Tanzwütigen auf einer Welle der Ekstase hin zu einem Kulminationspunkt tragen, der in einer kollektiven Explosion sich Bahn bricht, als der Hirschmann mit seiner von einem imposanten Geweih gekrönten Maske mit dem zuckenden Haupt den gewaltigen Brenner der Projektionslampe durchbricht, so dass sich die geballte Energie wie in einer entkorkten gigantischen Champagnerflasche nach oben hin entlädt. Der Wasserturm speit aus der Sicht einer filmischen Totalen gewaltige Mengen in buntes Licht getauchte, heraus sprudelnde Flüssigkeiten über die vollkommen im Rausch taumelnde Welt der Ostkreuzgäste, im Hintergrund brennt "Treptow in Flammen ab", während die tanzenden Insassen der Orgie im Turm gleich winzigen Pollen der Pusteblume im orgiastischen Sturm in die rauschende Nacht hinauskatapultiert werden - und segeln sanft dann unter ohrenbetäubendem Gejohle, Freudengeheule und wüstem Geschrei friedlich am ausgelösten Fallschirm auf die Wasser der Rummelsburger Bucht und auf die Dächer und Bäume der Stadt herab. Unter sich sehen Wanda und Pjotr eine mit vom Wind geblähten Segeln vorwärts gleitende Viermastbark, die den hell erleuchteten Stralauer Fischzug anführt und gerade klar zur Wende macht, bevor sie an Pauls & Paulas Ufer zu stranden droht. Die Gemeinde feiert ein längst verschollenes Fest aus der historischen Weite des alten Berlins. Gegenüber, am lebenden Arm der Spree ist der Plänterwald hell erleuchtet, dort dreht sich das illuminierte Karussel hurtig im Wind, das renovierte Riesenrad zirkuliert endlich wieder mit johlenden Gästen an Bord, feiern die Dinosaurier fröhliche Urständ, während der Spreepark offenbar gerade endlich seine lang ersehnte, fröhliche Auferstehung feiert.

Und wenn Pjotr und Wanda nicht in der Rummelsburger Bucht oder gar auf der Viermastbark im Zeichen der neptunischen Stralauer Festgemeinde gelandet sind, werden sie als Gäste von der Nixe am Kai und ihrem Vater, dem Wassergeist, bewirtet in dem versunkenen Feen-Palast auf dem Grund des Rummelsburger Sees oder aber sie haben sich bald auf die Liebesinsel gerettet, trinken Schampus aus der Flasche, tanzen, verlustieren und wälzen sich im Rausch zur Musik der orphisch-synthetischen Klänge der Musikteppiche, die vom Ostkreuz herüberwehen, Zeit und Raum durchtränken, noch heute, denn "Paradise is NOT lost", wie es selbst die Zikaden zirpend sagen und die müssen es ja nun wirklich wissen...

Buch 2009a

Zu diesem Buch
Von Rainer Fischer

Träumen und Ostkreuz gehören zusammen, sogar wenn das Träumen nicht ausdrücklich Thema des Wettbewerbs ist, wie vor drei Jahren, wo der Erzähler in Warten auf Maria auf einen disparaten Zeitreisenden trifft: "Ja, ja, das Ostkreuz war schon immer ein Ort für Träume, es inspiriert ungemein, regt die Fantasie an, macht geradezu high."

Mit diesem Literaturwettbewerb nun wurden die Schreibenden ausdrücklich zum Träumen eingeladen. Und was dabei Erstaunliches herausgekommen ist, sehen wir in dem Vorliegenden. In den meisten der hier versammelten Texte nehmen die Träume der Protagonisten ihren Anfang in etwas ganz Alltäglichem. Der Alltag scheint uns unentwegt Sprungbretter in den Weg zu legen, von denen aus wir uns, wenn wir nur beherzt genug sind, in die skurrilsten und buntesten Träume stürzen können.


Von Träumern zu erzählen, heißt auch, von deren Scheitern zu erzählen, das ist offenbar unvermeidlich. Träume fliegen hoch, bunte Seifenblasen, und zerplatzen schließlich an einer kruden, traumfeindlichen Wirklichkeit. Aber Träume werden nicht wertlos oder überflüssig, weil sie der Realität nicht standgehalten haben. Träume sind das was unseren Wünschen eine Richtung gibt. Ohne sie wären wir Lebewesen ohne Transzendenz.

Leute ohne Träume nennen sich Realisten, ein Euphemismus: "Ja, ja, träume nur weiter", sagte die Mutter zu dem Fünfjährigen, der gerade eben sein Berufsziel, Lokomotivführer, verkündet hatte.

Für ein Kind sind Lesen und Träumen dasselbe. Deshalb machte es auch nichts, dass die allermeisten Bücher meiner Kindheit rein gar nichts mit der mich umgebenden Wirklichkeit zu tun hatten. Beim Lesen wurde ich Odysseus, Siegfried, Phillipp Marlowe, Tarzan, Kapitän Nemo und Daniel Düsentrieb und erhielt so, träumend, einen Begriff, eine vage Ahnung davon, was Welt ist.

Die echten Träume, die uns im Schlaf widerfahren, enthalten, so bizarr und aberwitzig ihr Plot auch immer sein mag, diese zwei Grundmuster menschlicher Erfahrung: das vergebliche Ringen um eine Sache bzw. das Geschehenlassen von etwas.

Aber Träume können, wenn sie millionenfach geträumt werden, durchaus die Wirklichkeit verändern. "I have a dream", rief Martin Luther King 1963 in Washington aus. Ein gutes Jahr später war die Rassentrennung in den USA endlich aufgehoben, jedenfalls gesetzlich.

 

Träume, auch Ostkreuzträume, sind stets Zeit- und Ortsverschiebungen. Es gibt vorwärts und rückwärts gewandte Ostkreuzträume. Die vorwärts gewandten sind meistens computergeneriert und voll Verheißungen von Komfort, Bequemlichkeit, Sauberkeit und Effizienz, also all dem, was das alte Ostkreuz nicht hat. Wie es aussieht, werden diese Träume der Architekten, Ingenieure und Planer irgendwann Wirklichkeit. Und es gibt heute schon Leute, die den Verlust ihrer alten Ostkreuzträume, der unvermeidlich ist, beklagen. Bleibt zu hoffen, dass es neue Ostkreuzträume geben wird. Aber das wäre dann ein anderes Buch.

 

Berlin, im November 2009


 

Ilse Treue
Vier Haikus eines Ostkreuzträumers

 

Sommersonne lockt
Fort auf Schienen ins Grüne
Wochenendträume

Hastend im Regen
Fluchend Bahnsteige suchend
Ostkreuz-Albträume

Stahl Glas Aufzüge
Technisch vollendete Pracht
Zukunftstraum Ostkreuz

Ständig eilt der Mensch
Züge rollen pausenlos
Unendliches Lied


Inka Engmann
Wenn ich im Lotto gewinne

 

Drei Männer sitzen auf Werkzeugkisten auf der Großbaustelle Ostkreuz, sie essen ihre Stullen und trinken schwarzen Kaffee dazu.

"Bahnhöfe schick machen, für sowat hamse Jeld!" sinniert Kalle.

"Na sei doch froh, so haste wenigstens Arbeit!" brummt Schulle,

"Wenn ich Geld hätte...", sagt Arne.

"Du nu wieder!" lacht Schulle.

"Wenn ich im Lotto gewinne", fährt Arne unbeirrt fort, "dann kaufe ich mir den Turm da." Er zeigt auf den alten Wasserturm am Ostkreuz.

"Mann, hast du 'n Rad ab", ruft Kalle, "so 'n oller Turm, inne Luft gesprengt jehört der!"

"Ich bau das Dach aus", sagt Arne, "da kommen rundrum Fenster, damit ich in alle Richtungen gucken kann. Und oben drauf kommt 'ne Glaskuppel, da kann ich in den Himmel gucken!"

"Du oller Spinner", grinst Schulle, "Feierabend jehn wa aber zu Rosi, wa?"

Rosi stellt krachend die Biergläser auf den Tisch. "Also, heute jibt's Roulade mit Rotkohl oder Bauernfrühstück, und 'ne Bockwurscht kann ick euch ooch machen. Die Roulade tat ick empfehlen!" sagt sie und guckt Arne an.

"Nee laß mal, ich nehm die Bockwurscht!" sagt der.

Rosi seufzt leise, dann nimmt sie die Bestellungen der anderen auf. Sie hat so einen schönen dicken Busen, fährt es Arne durch den Kopf. Kalle und Schulle ziehen mit kräftigen Ausdrücken über den Polier her. Aber Arne ist das heute irgendwie gleichgültig. Er ißt seine Wurst, dann klopft er auf den Tisch, sagt "bis morgen" und geht.

Zu Hause bereut er, daß er so früh gegangen ist. Immer noch besser, mit Kalle und Schulle in der Kneipe zu sitzen, als hier so ganz... Er wischt den Gedanken fort und zappt sich durchs Fernsehprogramm. Bei der Lotto-Werbung hält er inne: "35 Millionen im Jackpot!" Morgen ist Freitag, da muß er seinen Lottoschein holen. Arne zappt noch ein bißchen, dann schaltet er den Fernseher aus und geht ins Bett. Aber schlafen kann er noch nicht, er denkt an den alten Wasserturm. Aus einem der Dachfenster kann er die Rummelsburger Bucht sehen, da hat er Wasser und was Grünes. Aber eigentlich guckt er lieber zur anderen Seite, aufs Ostkreuz... Dort ist immer was los, immer Leben... Da bin ich nicht so... allein... Da ist es, dieses verdammte Wort, schnellstens will er es wieder wegschieben... Er sieht plötzlich Rosi vor sich... "Jeden Tag 'ne ganze Kneipe voller Männer!" murmelt er ärgerlich und zwingt sich, wieder an den Turm zu denken. Daran, wie er seine Wohnung dort gestalten wird. Darüber schläft er endlich ein.

Vor dem Lottoladen hat er lange in der Schlange gestanden, aber das tut Arnes guter Laune keinen Abbruch. Sein Herz klopft, während er den Lottoschein ausfüllt. Das wird was, das hat er im Blut! Er grinst bei der Vorstellung, wie er Kalle und Schulle in seinem Turmzimmer empfangen wird.

Später, als er in seiner Wohnung sitzt, ist das Hochgefühl wie weggeblasen. Kalle ist heute im Sportverein und Schulle bei seiner Freundin. Ja, Schulle, der macht was her, der ist erst 35... Arne steht auf und schlurft ins Bad. Man müßte vielleicht mal 'ne Kontaktanzeige aufgeben... Er pinkelt, dann blickt er in den Spiegel. Er seufzt. Der Bauch wird immer mehr, dafür die Haare immer weniger... Und überhaupt, mit 47... Er geht in den Flur, zieht sich Schuhe und Jacke an. Aber wohin? Zu Rosi? Ohne Kalle und Schulle? Arne holt sich ein paar Flaschen Bier vom Spätkauf, dann geht er wieder nach Hause und setzt sich vor den Fernseher und trinkt, bis er auf dem Sofa einschläft.

Am Sonnabend ist Arne mit Schwung bei der Arbeit. Er arbeitet gern am Wochenende, da gibt's ja die Zuschläge, und überhaupt... Heute kann er allerdings den Feierabend kaum erwarten, deshalb klotzt er richtig ran, denn so vergeht die Zeit schneller. Doch er hält immer mal wieder inne und schaut auf den alten Wasserturm. "Heute abend!" grinst er.

Abends sitzt er vorm Fernseher und zittert vor Ungeduld: "Können die sich nicht mal beeilen mit ihrer Scheiß-Sportschau, das interessiert doch keine Sau!"

Dann endlich: "Die Ziehung der Lottozahlen!" Arnes Herz klopft zum Zerspringen. Die Kugeln trudeln in dem runden Behälter herum, dann fällt die erste.

"3"

Die hat er schon mal. Die Kugeln trudeln weiter, die zweite fällt.

"17!"

Jau! Auch die 17 hat Arne!

"38!"

Wow, das ist schon mal ein Dreier!

"43!"

Hat er auch! Arne zappelt vor Aufregung ganz wild herum.

"30!"

"32!" schreit Arne. "Ich hab die 32!" Er schmeißt die Fernbedienung krachend gegen die Wand. Aber das reicht nicht, eine unbändige Zerstörungswut überfallt ihn. Raus hier, eh' ich die Bude zerkloppe, denkt Arne. Er rennt auf die Straße und geht los, ohne nachzudenken, wohin. Er läuft und läuft und weiß schon bald nicht mehr, wo er ist, aber das ist ja auch egal.

Einfach weiterlaufen.

Irgendwann kommen ihm die Straßen wieder bekannt vor. Sein Herz klopft auch wieder ruhiger. Dann steht er plötzlich vor Rosis Kneipe. Er geht hinein und setzt sich an einen Tisch. Rosi steht hinter der Bar und guckt ihn mit großen Augen an. Dann strahlt sie. Arne blickt sich um und sieht, daß er der einzige Gast ist. Muß spät sein.

"Du willst wohl Feierabend machen..." sagt er und will aufstehen. Aber sie ist schon an seinem Tisch und stellt ihm ein Bier hin. "Bleib sitzen!" ruft sie. Dann läuft sie zur Tür und schließt zu und läßt die Rollos herunter. Arne sieht ihr mit offenem Mund zu. Schon ist sie wieder an seinem Tisch, und plötzlich liegt sein Kopf an ihrem Busen, und ihre Finger wuschein durch sein Haar. "Dass du's endlich mal merkst..." flüstert sie.

Im ersten Moment weiß Arne nicht, wo er ist, aber dann hört er Rosis ruhige Atemzüge neben sich. Er sieht ihr rundes Gesicht mit den verwuschelten Haaren und muß sich zwicken. Aber nein, es ist kein Traum. Arne streckt sich, steht auf und geht zum Fenster. Er guckt und ruft: "Nee, das ist doch nicht wahr!" Da sind die Schienen, eine S-Bahn zuckelt vorbei. Links das Ostkreuz. Und dort drüben steht der alte Wasserturm.

"Was'n los?" murmelt Rosi verschlafen, "Komm doch wieder ins Bett!"

Arne strahlt und geht zu ihr. "Viel besser!" sagt er. "Viel besser als 'n Lottogewinn!"


 

Peter Grünwald
Aus dem Traumbuch für Ostkreuzler

 

3

El Merlino, so nannte er sich nun einmal, war der wohl populärste Wahrsager am Ostkreuz. Seine Tarotkarten waren S-Bahn-Fahrscheinen nachempfunden, den alten, diesen gelblichen Dingern aus steifem Karton, die noch von Hand, meistens von ehrwürdigen alten Männern in Reichsbahnuniformen, die in tonnenartigen Behältern am Bahnsteigseingang residierten, mit der Zange geknipst wurden. Seine Karte für den Tod war die von einer S-Bahn-Fahrt zwischen Frankfurter Allee und Jannowitzbrücke. Es hieß, El Merlino sei der militante Arme der einstigen Bürgerinitiative  "Rettet die Nordkurve!" gewesen.

 

8

Eine Lizenz, am Ostkreuz Traumsand verkaufen zu dürfen, ist sehr schwer zu bekommen. Es gäbe zu viele Schwindler und Betrüger, sagt das Ordnungsamt, das meiste wären Mogelpackungen: Sand aus alten Getrieben, von Straßenbahnen abgezweigter Bremssand, der Sand alter Eieruhren und so weiter. Über dies wäre der amtliche Traumsandexperte derzeit in ärztlicher Behandlung und nicht einsetzbar. Er habe vor Tagen bei einem betrügerischen Traumsandpapierverkäufer ein Auge zugedrückt, und das wäre ein Fehler gewesen.

 

9

Am Ostkreuz bin ich im Lauf der Zeit mindestens drei Traumfrauen begegnet. Mit einer von ihnen lief es gar nicht gut. Wir waren kaum drei Wochen zusammen, da begrüßte sie mich, wieder am Ostkreuz, mit dem Satz: "Troll dich!" Ich war von der altmodischen Schnittigkeit dieser Aufforderung so fasziniert, dass ich ihr gern nachgekommen wäre. Aber meine Noch-oder-schon-Ex-Freundin sprang in eine S-Bahn in Richtung Friedrichstraße und weg war sie. Wie trollt man sich, so allein, fragte ich mich, so allein auf dem Bahnsteig. Ich wusste es nicht. Also ging ich nach Hause und kam mir dabei wie ein Fliehender vor, wie einer, der sich nur schnöde verdrückt.

 

17

Als Nikolaus, der einbeinige Zar – der mit dem Auge, wohlgemerkt, derselbe, den manche den Einäugigen mit dem Bein nennen, das ist eine Frage des Standpunkts, des Aspekts – auf die Terrasse hinaus geschoben wurde, empfand er das Schweigen der Menge auf dem Schlossplatz als eine gelinde Bedrohung. Aus dem Meer der Köpfe wurde ein Transparent emporgereckt: "Wer das träumt, ist doof!" konnte ich gerade noch entziffern, dann wurden die Demonstranten von den Bütteln des Zaren zu Boden gerissen.

Was war denn das? Ein Schachteltraum? Und diejenigen, die auf der ordensgeschmückten Zarenuniform das Große Ostverdienstkreuz am Band nicht bemerkt haben, werden jetzt wohl noch fragen, was dieser Traum mit dem Ostkreuz zu tun hat!

 

23

Der wohl glückloseste Ostkreuzträumer war Karl-Heinz Schirrnagel oder Gonzo, wie er in seiner Sonntagstraßen-Schnorrerclique genannt wurde. Er stieg, so erzählt man, am Ostkreuz in den Zug, schlief ein, wachte am Ostkreuz wieder auf, meckerte in sich hinein: "Jehtet hier nu ma los oder watt!", schlief wieder ein und so weiter. Schadenfrohe behaupten, Gonzo habe diese Runde insgesamt sieben Mal gemacht, bis es Nacht wurde, und es ihm dämmerte. Ich halte das für übertrieben. Aber sieben gefällt mir. Das hat so etwas Rituelles, Atavistisches. Darüber könnte ich selber zum Träumer werden.

 

29

Eine schon recht alte Nummer von Psychologie heute, die Kurt K. im Wartezimmer eines Zahnarztes durchgeblättert hatte, brachte ihn auf eine Geschäftsidee. Er mietete auf dem Bahnsteig der Stadtbahn, gleich neben dem türkischen Gemüsestand, einen Kiosk, stattete ihn mit einer alten Couch, über die er eine persische Ornamentik imitierte Wolldecke breitete, aus, kaufte sich einen Schreibblock und einen Satz spitzer Bleistifte und hängte ein Schild über die Tür: "Dr. Sigmund Freud, Psychoanalytiker". Die Praxis soll ganz gut gelaufen sein, bis mehr und mehr Besserwisser, Neunmalkluge, Erbsenzähler und Krümelkacker auftauchten, die behaupteten, der echte Sigmund Freud hätte in der Wiener Berggasse praktiziert, und das schon vor hundert Jahren. K., nicht im mindesten geniert, erwiderte "Wassndasfürnscheiß!" und "Glaub ich nicht!" und schaltete auf Stur. Was die Gewerbeaufsicht, die den Laden dann schloss, am meisten erboste, war die Anmaßung eines akademischen Grades. Das Ladenschild hat Kurt dann "für teuer Geld", wie er verschmitzt durchblicken ließ, bei Ebay verhökert. Die Träume von Traumdeutern sind eben eine Sache für sich.

 

31

Neulich landete ein Ostkreuzträumer mitten auf dem nagelneuen Ringbahnsteig. Aus der Traum!


 

Sandra Hübner
Regenkleider

 

Ich sag mal so: ich glaube, wenn ich schreiben könnte, also einer dieser Schriftsteller wäre, würde ich immer und ständig über die Liebe schreiben. Sagen Sie mal, gibt es ein wichtigeres Thema? Ich meine, wenn Sie mal nachdenken: worauf geht alles zurück? Wofür machen Sie sich morgens schön vor dem Spiegel? Na? Ganz einfach: Sie wollen geliebt werden. So ist das. Wofür studieren Sie? Lernen Sie? Wofür brauchen Sie Geld? Denken Sie einmal nach. Es kommt immer auf dasselbe heraus: Sie wollen geliebt werden. Und nun stellen Sie sich das vor: ich werde geliebt. So ist das. Ich habs geschafft. Jawoll.

Ich sehe jetzt nicht so unbedingt aus, als könnte da einer auf die Idee kommen, denken Sie? Wegen der Haare? Der Klamotten? Dem Geruch? Ach, wissen Sie, das hat doch alles gar keine Bedeutung wenn man liebt. Wenn man nur liebt. Wissen Sie? Und vor allem wenn man selbst lieben darf. Mir hat mal einer erzählt, und der musste es wissen, der war studiert, der jedenfalls erzählte mir, dass es nach Prozenten wichtiger ist, selbst zu lieben als geliebt zu werden. Und nun stellen Sie sich vor: ich hab beides. Ich werde. Und ich tue. Was sagen Sie dazu?

Ich sehe Ihnen die Frage fast an: wo haben wir uns kennengelernt, das wollen Sie wissen, ja? Klar, das ist immer die schönste Geschichte. Das Kennenlernen. Der erste Moment. Das Erkennen. Klar. "Und er erkannte sie", ich kenn das alles noch. Bin ja konformiert.

Nun, Sie werden staunen, das war hier. Auf dem ollen Bahnhof, das alte Teil das. Jetzt machen sie ihn schick, ziehn ihm was Schönes an, peppen ihn auf, strahlt er danach wieder und sonst ändert sich nichts. Würde sich bei mir was ändern, wenn mir einer ein neues Kleid anzieht? Wär ich nicht immer noch die alte, dieselbe Erika mit ihren Geschichten, ihren Jahren, den Runzeln, den Bildern im Kopf? Egal. Hauptsache sie lassen uns die Bänke. Hier war das, auf der Bank hier. Es hat geregnet, so wie jetzt gerade, dicke schöne Fäden. Sollte mal einer ein Kleid aus Regenfäden machen, oder was denken Sie? Ich würds anziehen. Echt. Ein Kleid aus Regenfäden für meinen Liebsten. Glitzerkram. Durchsichtig. Stehn die doch drauf, kenn ich doch. Bisschen Romantik, bisschen nackig sein. Fischers Tochter aus dem Märchen. Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Na, ich schweife ab. Also, wie schon gesagt, und Sie wolltens ja wissen, hier wars, auf der alten fetten Bank hier. Gutes Teil, steht schon ewig, wird hoffentlich noch ewig stehen bleiben. Die Bänke sind gut. Neues Kleid für das Ostkreuz hin oder her, die alten Strumpfhalter halten immer noch am besten. Oder nicht? Also, ich saß hier, genau hier, und das mit dem Regen hatte ich ja schon. Und er setzte sich da hin. Eine Weile saßen wir so, ist ja klar, man quatscht ja nicht gleich jeden an, nur weil der sich da hin setzt. Sitzen wir also da. Und dann sagt er: "Paß auf, ich hol uns ein Bier, wenn du die Bank hier warmhälst. Was sagste?" Ich dachte, bankwarmhalten, das kann ich, das kenn ich. Und schenk ihm ein Lächeln, so ein frisches. War ja sonst auch frisch, wegen dem Regen, und war November und alles. Also ich frisch und fruchtig gelächelt und er geht los und ich denke plötzlich, Mensch, der kommt doch nicht wieder. Wegen der Zähne, wissen Sie? Hab da nicht dran gedacht. Die vom Zahnarzt passen nicht. Und den einen hier vorne und den anderen da seitlich hat er stehen lassen, habs nicht verstanden, sagte was von erhalten und provisorisch und so. Die zwei hab ich jetzt noch. Die anderen passen alle nicht.

Jedenfalls sitz ich da und der Schreck sag ich Ihnen, der Schreck, der fährt einmal rein in den Bauch und einmal wieder raus. Und ich denk, der kommt doch nicht wieder, Mensch! Der doch nicht! Wissen Sie, der ist jung. Klar, alt bin ich auch noch nicht. Noch nicht mal fünfzig. Aber der, der ist wirklich jung. So ein Jüngelchen. Nicht mal vierzig. Bestimmt nicht. Und das mir? Und ich grins den da an und denk nicht dabei? Vergess die Zähne, die passen ja nicht. Und mir rumort der Bauch und ich denk, ich habs vermasselt. Und das geht eine zeitlang so. Und mir wird der Hals trocken. Und die Uhren, die sind stehengeblieben, wie mein Herz, und ich denk, der, der kommt doch nicht wieder.

Jedenfalls, er kommt wieder. Setzt sich hin. Gibt mir das Bier. Sagt Prost. Und dann erst mal nichts mehr. Aber Sie kennen das auch, so ist das, man braucht gar nichts mehr sagen. All das Gerede immer. Braucht man nicht. Sitzt man da, guckt in den Regen, trinkt sein Bier, und alles paletti. Und mir ist gleich so, als ob das mehr werden könnte mit dem. Das mit dem Bier, das gibt zu denken, verstehen Sie? Am Ende lädt der mich in seine Wohnung ein, denk ich. Hat vielleicht ne Wohnung, denk ich so. Eine eigene vielleicht. Weiß man ja nicht. Guck mir den so an, vorsichtig natürlich, seine Sachen und so, und beschließe, ja, hat er, der hat eine Wohnung. Der ist sauber. Muß auch einen Wasserhahn haben. Dusche vielleicht sogar. Badewanne. Weiß man ja nicht, wie Wohnungen so ausgestattet sind hier. Ist ja Friedrichshain. Ich hatte hier auch mal was. Aber ohne Badewanne. Und hatte es auch nicht lange.

Wir reden immer noch nichts, wir brauchen das einfach nicht, wissen Sie? Das klappt einfach zwischen uns. Die Bank ist gut. Das Bier ist gut. Die Bahnen fahren ein und aus, spucken ihre Leute aus oder fressen sich gleich an den nächsten satt, und dann ist die eine weg und die andere kommt. Und was soll nach dem ganzen Erneuerungskram da anders sein, frage ich Sie. Das kommt und geht, das klappert mit den Absätzen und klingelt mit den Türen, das blinkt und scheppert, schiebt sich gegenseitig vorwärts, das schimpft, das guckt sich schief von der Seite an und traut sich nicht und das küsst. Vor allem küsst es. Ich habs gesehen. Ist ein Bahnhof der Liebe, das Ostkreuz, das sag ich Ihnen. Ich habs gesehen. Das küsst und küsst, wo Sie hinsehen wird geküsst. Die Tauben, die werden ganz kirre davon. Die Täuberiche gurren was das Zeug hält und machen Knickse und sind halb wahnsinnig im Kopf davon. So ein kleiner Kopf und so ein großer Wahnsinn. Sowas.

Wir jedenfalls, wir fühlen uns wohl. Uns geht’s gut. Wir haben alles was wir wollen. Uns kann keiner. Da können sie gucken, da können sie überlegen, ob sie sich zu uns setzen und es dann sein lassen und die nächste Bank nehmen. Wir wollen sowieso lieber für uns sein. Wär nicht schön, wenn uns da einer stört. Ich hab mir das immer so vorgestellt, dass man so dasitzt, sich liebhat, sich eins ist und mehr brauchs nicht. Viel hab ich davon nicht gehabt bisher. Aber ich hab immer gewusst, Erika, das wird noch, das kommt noch und dafür lohnt es sich. Und dann brauchts dafür diesen verrückten Bahnhof, diese Baustelle, auf der alles neu werden soll und den Täuberichen der kleine Kopf platzt.

Und ich, ich platze auch, vor Freude, dass er mich so nimmt, jetzt, so wie ich jetzt bin. Daß es ihm egal ist, die Haare, die Zähne, die Schuhe und die Klamotten. Ich hab das immer gewusst. Da kommt einer, der sieht dein Inneres, Erika. Der erkennt Dich. Der fragt dann später, wenn ihr bei ihm seid, wo er mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Badewanne hat, da fragt er dann, wie das alles so war. Wie das gekommen ist. Mit dem Rudi. Bei dem hab ich die Zähne gelassen. Gut. Haare auch. Aber damals wuchsen sie noch nach, die Haare zumindest. Ich war nicht mal zwanzig. Dann kam Herbert. Herbert war ein Guter, der hatte Arbeit. Zwei Kinder, aber die sind dann weg, ins Heim, weil Herbert, also der trank wirklich zu viel, trotz der Arbeit, und ich hatte zu tun mit ihm. Und wenn ich gar nicht weiter wusste, und dann waren die Kinder ja auch weg, da hab ich mir auch einen genehmigt, auch wegen der Kinder, und dem Ärger mit dem Herbert. Na, und so kamen und gingen sie, wie das so ist. Und ich, ich wusste immer: eines Tages, Erika, eines Tages kommt er. Der Eine. Der kommt. Mußt nur durchhalten.

Einfach ist das nicht. Da klauen sie dir den Schlafsack, und Du würdest mit den Zähnen klappern nachts, wenn Du noch welche hättest. Und dann verkaufst du alles was du hast, und irgendwann hast du nichts mehr als dich selbst. Für was zu Essen und ein Bier reichts. Mensch, ich war manchmal drauf und dran aufzustecken. Stellen Sie sich das mal vor! Dann hätt ich das nicht erlebt, dass er mich doch noch findet. Das gibt’s aber doch, dass man füreinander bestimmt ist, und dann findet man sich auch und dann macht man auch weiter. Züge kommen und gehen, Zeiten, Männer, Kinder, man muß nur dabeibleiben. Immer wieder neu einsteigen. Und aussteigen, ja Mensch, aussteigen muß man auch mal lernen.

Wissen Sie, wir sitzen und trinken unser erstes gemeinsames Bier, als wärs immer schon so gewesen. Und wird’s nun auch immer so sein. Was da alles von mir abfällt, das glauben Sie nicht. Klar, die ganzen Ängste. Wie solls weitergehen? Wohin heute? Wovon morgen? Das fällt alles runter. Plumps macht es. Hört aber keiner sonst. Aber ich. Ich höre es. Und sehe es. Wie der ganze Angstkram da runterplatscht und sich zwischen die Pflastersteine verzieht und weg ist er. Schön ist das.

Und dann denke ich auch ständig an seine Badewanne. Ich denke mir, dass wir am Abend auch gemeinsam in die Badewanne gehen könnten. Obwohl ich mir auch Sorgen mache, natürlich, ob das nicht zu schnell ist. Aber wo wir ja jetzt doch zusammenbleiben werden. Man verlässt sich ja doch nicht mehr, nicht in meinem Alter. Wir werden es gemütlich haben. Er redet nicht drüber, aber ich nehme an, er hat noch einen Ofen zum Heizen. Ich persönlich mag das ja sehr gern. So ein Ofen, das hat doch was. Heizungen, na ich weiß nicht, ich erlebe das immer wieder auf den Ämtern, ich kriege da immer einen trockenen Hals von, das ist nicht gut auf die Dauer. Immer so eine trockene Kehle. Wenn ihm das unangenehm ist mit dem Ofen, dann muß ich ihm das noch sagen, dass ich das aber mag. Ich mag Öfen. Wirklich. Und schön wärs, wenn er eine Waschmaschine hätte. Falls nicht, dann gehen wir zusammen ins Waschcenter, da hab ich öfter geschlafen, da ist es meistens ganz schön. Ja, da gehen wir zusammen hin. Sitzen davor, auf einer Bank, in der Boxhagener, kennen Sie das? Da gibt’s eine kleine weiße Bank davor, da können wir sitzen. Gucken uns die Straße an und warten bis die Wäsche fertig ist. Falls er keine Waschmaschine hat. Da steht die Sonne auch immer drauf, auf der Bank. Also wir sitzen da und machen die Augen zu und drinnen wäscht das Bettzeug. Und das ist es doch. Dasitzen und warten aufs Bettzeug.

Wissen Sie, das sind alles diese Kleinigkeiten, nicht wahr? Das machts doch aus, dieser Kleinkram. Ich hab immer gewusst, dass das noch kommt. Wirklich. Und manchmal hab ich gedacht, ich schaffs nicht mehr bis dahin. Aber wissen Sie, was die Italiener sagen? Die sagen, man muß immer sein Herz auf der offenen Hand vor sich hertragen, egal wie oft es einem schon zerknautscht wurde. Und das denke ich auch, als er da neben mir sitzt. Und ich hab es in der Hand. Es liegt da. Auf meiner Hand.


 

Guido Woller
ER

 

Ich laufe schnell,
mein Herz schlägt stumm,
am Wasserturm vorbei.
Ich muss sie schaffen,
die nächste Bahn-
ich fühl´ mich leer und frei.

Nun bin ich da,
schau´ auf die Uhr,
die Bahn kommt kurz vor zehn.
Ich hab noch Zeit und setze mich,
meine Gedanken dreh´ n.

Ich träum von ihm, von seiner Haut,
die weicher ist als Seide,
von seinem Bauch,
von seinen Augen.
Ich fühle, wie ich leide.

In jeder Nacht, in der ich spür´,
er liegt an meiner Seite
und glücklich bin - mehr als verliebt!,
ich seinen Puls begleite.

Schon wenn er lacht und traurig schmollt,
zerfließe ich zu süßem Wein.
Würd´ er mich schlagen, treten, quäl´ n,
göss´ ich ihm davon machtlos ein.

Wenn ich ihn rieche, atme, schmecke,
fahr´n meine Sinne Achterbahn.
Wenn ich aus Liebe fast verrecke,
schenk´ ich ihm meinen Lebensplan.

Amor hat sein Werk vollbracht,
der Pfeil ging voll ins Herz.
Vielleicht war es auch Belzebub,
identisch pocht der Schmerz.

Dies´ hört sich alles kitschig an,
vielleicht auch triefend schmalzig,
doch ist er nun einmal für mich
besonders drogenhaltig.

Jetzt kommt die Bahn, die zu ihm fährt,
die Zeit rückt immer näher,
dass ich ihn seh´ zum letzten Mal.
Ich weiß, es ist kein Fehler.

Nur eines wünsch´ ich mir von ihm,
um diese Phase zu beenden,
dass er mir gibt zurück mein Herz
aus seinen zarten, blassen Händen.

Mein nächstes Leben ohne ihn
Wird Morgen, Tag und Abend haben,
doch Nächte in denen Sonne schien,
muss ich zu Grabe tragen.


 

Josef Ludwig
Zerrissene Träume

 

Meine tiefsten Kindheitserinnerungen sind mit dem Krieg verbunden. Sie liegen deshalb weit zurück.

Es war im vorletzten Kriegsjahr. Ich lag in einer Kinderklinik, nur wenige Kilometer von der großen Stadt entfernt. Immer häufiger heulten die Sirenen, man hörte die Detonationen der Bomben und das Bellen der Flak. Auch die Evakuierungen nahmen zu, aus Sicherheitsgründen, wie man uns sagte. Das alles und so manches andere machte ängstlich und ließ das Heimweh immer stärker werden.

Aber es wurde auch Frühling, obwohl das mit dem militärischen Getöse in größtem Widerspruch stand. Doch die Vögel sangen und ein warmer duftiger Hauch strömte in den Raum und durchzog ihn mit milder Frische. Das schönste aber war eine gewaltige Kastanie. Sie stand unweit meines Fensters und leuchtete in voller Pracht, als seien zehntausende von Kerzen zu ihrem Schmucke angezündet.

Das Krankenhaus war überbelegt. Und obwohl es eigentlich eine Kinderklinik war, lagen hier auch viele Soldaten; dicht gedrängt füllten sie vor allem die Flure. Einer der meist jungen Verwundeten hatte sein Bett gleich am Eingang zu meinem Zimmer. Mit ihm konnte ich mich des öftern unterhalten. Nicht selten sah ich Tränen in seinen Augen. Und ich fragte: "Klaus, hast du Schmerzen?" gerührt gab er Antwort, kindesgemäß, ich zählte ja erst fünf Jahre: Zu Hause hatte ich ein Vögelchen, klug, lustig und bunt. Ich liebte es so sehr. An einem Morgen aber war mein Mäxchen nicht mehr da. Die Mutter tröstete mich; es ist weggeflogen, sagt sie, und wohnt nun wieder hoch oben in seinem schönen warmen Nest. Sei nicht traurig, es wollte halt wieder zu den Eltern zurück.

Eines Tages lag ein anderer Soldat im Bett nah meiner Tür. Die Schwester sagte mir, Klaus wäre nun wieder bei der Mutter daheim, wie er das stets auch wollte. Ich verstand die Antwort, zumindest ahnte ich ihren Sinn.

Nachts quälten mich schreckliche Träume, es war wohl die Trauer um Klaus. Die vielen bunten Schmetterlinge, mit denen mein Zimmer ausgemalt war, flogen dann weg, durch Türen und Fenster hinaus zum Licht. Hässliche rote Flecken blieben zurück. Schon des Abends begann ich zu zittern, aus Furcht vor dem Blut, das ich im Schlafe dann sah.

***

Wieder ist Frühling, von ganzem Herzen nehmen wir ihn auf. Nichts stört, die schrecklichen alten Bilder sind verschwunden, seit Jahrzehnten schon.

Aber sind sie das wirklich? Ist nicht fernes Grummeln zu hören, einem nahenden Gewitter gleich? Umzuckt uns nicht gespenstisches Wetterleuchten? So mancher fragt darum furchtsam-ahnungsvoll: Soll Klaus denn etwa auferstehen, um noch einmal zu sterben?


 

Katharina Triebe
Rundum glücklich

 

Brauschke rieb sich die Hände. Das war doch mal eine Geschäftsidee, die Sache mit den Träumen. Gekommen war sie ihm neulich, als er lange am Ostkreuz auf seine Anschlussbahn warten musste. Nachdem durch den Lautsprecher durchgesagt worden war, dass die Ringbahn witterungsbedingt zwanzig Minuten Verspätung hätte, war er über den Bahnsteig E geschlendert und hatte dort die diversen Kiosk-Angebote inspiziert. Für Leib und Seele war gesorgt, davon konnte er sich schnell überzeugen. Bratwurst, Bockwurst, Obst und Gemüse prangten in den Auslagen. Zeitungen und Zeitschriften lockten mit Riesenschlagzeilen. Brauschke aber war satt und zum Lesen war es zu dunkel. Er sehnte sich nach etwas Kurzweiligem, Spannendem, einem besonderen Zeitvertreib während der zwanzigminütige Wartezeit. Nur was das genau sein sollte, wusste er nicht. In Gedanken stellte er sich vor, was er verkaufen würde, um Leute anzulocken. Er geriet ins Träumen – und plötzlich kam ihm die Idee. "Träumen" war das Zauberwort – er könnte Träume verkaufen – an einem eigenen Stand auf dem Bahnsteig E. Genau das war es, was dem Bahnhof Ostkreuz fehlte, das Innovative, Durchgeknallte, das Mystische, Geheimnisvolle. Und er, Brauschke, hatte soeben diese Marktlücke entdeckt. Da passte es auch wunderbar, dass sein Ein-Euro-Job gerade auslief; er also genügend Zeit für Neues hatte.

Am nächsten Tag ging es los. Gemeinsam mit seiner Frau Roswitha brachte er den alten Klapptisch aus dem Schrebergarten wieder auf Vordermann und besorgte sich Tüten und feuchte Tücher aus einem der zahlreichen Billigmärkte. Die Gattin besprühte die Tücher mit geheimnisvollen Düften aus ihrem Parfümschrank und beschriftete sie sorgfältig. Brauschke beschloss, erst einmal drei Sorten anzubieten: Träume von einem Lottogewinn, Träume von einer schönen Frau und Träume vom Chefposten. Roswitha erwies sich als wahre Perle, sie etikettierte die Tüten so liebevoll, dass sie schließlich sowohl hand made als auch professionell wirkten. Ein Label hatten sie sich auch ausgedacht: "Brauschkes Traumfabrik" sollte ihr Miniunternehmen heißen.

Brauschke besorgte sich eine Standgenehmigung und baute am Montag Morgen seinen Klapptisch auf Bahnsteig E auf. Das Firmenschild hing als Tuch vor dem Tisch, die Tüten waren ordentlich und übersichtlich platziert. Der frisch gebackene Businessman spürte ein unbestimmtes Kribbeln im Bauch. Würde seine Geschäftsidee einschlagen oder stand ihm eine Blamage bevor? Vielleicht fanden die Leute seine Idee ja albern? Doch schnell verdrängte er die Zweifel, schließlich hatte er nichts zu verlieren.

Mittags hielt es Roswitha, die daheim geblieben war, vor Neugierde nicht mehr aus. Würde ihr Bruno resigniert und einsam an seinem Klapptisch stehen? Frieren und insgeheim über seine verrückte Idee fluchen? Wer kaufte schon Träume? Just in diesem Moment klingelte es. Bruno stand draußen mit strahlendem Gesicht. "Roswitha, wir machen Karriere! Ich habe alle Träume verkauft und brauche allerdringlichst Nachschub!" Begeistert erzählte er, dass die Leute erst zögerlich, dann immer häufiger an seinem Klapptisch stehen geblieben waren und zum Schluss hatte sich sogar eine kleine Schlange von immerhin zwei Personen gebildet! Wie gut, dass es bei der S-Bahn ständig Verspätungen gab, dadurch hatten die Fahrgäste viel Zeit. Ungestüm umarmte er seine Roswitha und drehte mit ihr eine Runde Polka durch die Küche, was wahrlich schon lange nicht mehr vorgekommen war.

Nun starteten sie richtig durch. Brauschke besorgte sich einen stattlichen Vorrat an Traumtüten und erweiterte auch sein Sortiment. Auf die Idee hatten ihn seine Kunden gebracht, die nach den verrücktesten Träumen fragten. So bot er jetzt auch "Träume von einer Kreuzfahrt", "Träume vom Auswandern", "Träume von einer flinken Sekretärin" und "Träume von einer eisernen Gesundheit" an. Besonders gut lief auch das Sortiment "Albträume", was er gerne als Geschenkidee für Schwiegermütter anpries. Gerade zu Weihnachten entpuppte sich diese Traumrichtung als echter Renner. Eine Variante hatte er allerdings wieder vom Markt nehmen müssen, das waren die "Träume von einem fülligen Haarwuchs". Hier hatte er nach dem Verkauf zweimal Beschwerden erhalten, dass die Träume nichts helfen würden. Trotz seiner Erklärung, dass er ja kein Haarwuchsmittel, sondern nur den Traum davon verkaufe, waren die Kunden unzufrieden davongegangen. Sein Konzept sollte aber ein voller Erfolg sein und da er kein Risiko eingehen wollte, nahm der die Träume von einem fülligen Haarwuchs seufzend wieder aus seinem Angebot.

Auch äußerlich hatte sich der Stand von Brauschkes Traumfabrik erheblich verändert. Der Klapptisch war wieder in den Schrebergarten verbannt worden; ihn hatte er gegen einen Kiosk ausgewechselt. Das Logo prangte professionell auf dem Dach des Kiosks, fand sich aber auch auf den Traumtüten wieder, die Brauschke inzwischen von einer Agentur drucken ließ. Er selbst hatte die Freizeitjeans gegen eine schicke Bundfaltenhose eingetauscht, das Baumwollnicki gegen ein Marken-T-Shirt mit Logo "Brauschkes Traumfabrik", ebenfalls von der Agentur hergestellt und passendem Basecap. Seine Roswitha hatte inzwischen ihren 400-Euro-Job bei Kaiser's aufgegeben und ging ihm vollzeit zur Hand. Anders war der Andrang auch gar nicht zu meistern. "Brauschkes Traumfabrik" war zu einem Markennamen geworden, es hatte sich herumgesprochen, dass hier am Ostkreuz etwas Besonderes angeboten wurde, sowohl durch Mundpropaganda als auch durch Brunos wöchentliche Inserate in der Berliner Woche und im Berliner Abendblatt. Brauschke genoss seinen Triumph. Immer wieder kamen Fahrgäste zu ihm und erzählten, dass ein Traum, den sie bei ihm gekauft hatten, in Erfüllung gegangen sei. Einer hatte tatsächlich im Lotto gewonnen und ein anderer endlich die Sekretärin mit Rundumbetreuung gefunden. So etwas hörte er nicht nur gerne, er nahm es auch gleich in seine Werbung für die nächsten Traumtüten mit auf.

Nach einem Jahr war Brauschke als Geschäftsmann ganz oben angekommen. Doch nicht nur das, er hatte auch eine gewisse Summe Erspartes beiseite gelegt, denn auch er besaß einen Traum - endlich einmal mit Roswitha auf dem Luxusliner Aida einschiffen. Nun hatten sie fest gebucht, Oberdeck mit Außenkabine, das war drin im Budget. Für zwei Wochen würde der Kiosk auf Bahnsteig E am Ostkreuz verwaist bleiben.

Brauschkes genossen die Kreuzfahrt in vollen Zügen. Wie schön doch das Leben war! Nur manchmal dachte Bruno etwas zu häufig an die Arbeit, wie Roswitha fand. Eines Abends saßen sie auf dem Oberdeck in ihren Liegestühlen, fürsorglich in dicke Wolldecken gehüllt und blickten in den Sternenhimmel. Bruno tastete nach Roswithas Hand. "Weißt Du, wenn wir wieder zuhause sind, sollten wir unser Geschäft mit den Träumen expandieren. Wir könnten Filialen gründen und Leute einstellen." Als er das skeptische Gesicht seiner Frau sah, fügte er beschwichtigend hinzu:"Vielleicht müsstest Du dann gar nicht mehr arbeiten, bleibst zuhause, ich verdiene ja genug." Sie strahlte. Ja, das wäre nach ihrem Geschmack, der Verkaufsstress war ihr ehrlich gesagt schon längere Zeit etwas unheimlich geworden. Eifrig stimmte sie zu und bot ihrerseits an: "Vielleicht könntest Du dir dann ein eigenes Büro einrichten und den Außendienst Deinen Angestellten überlassen?" Geschmeichelt nickte der Gatte. "Ja, das will gut überlegt sein. Warum eigentlich nicht?" Auch über Preiserhöhungen würde er nachdenken. Und über einen Buchhalter, der die Schreibarbeit übernehmen könnte. Sie genossen die Zukunftsträumerei und waren rundum glücklich.

An einem Sonntag legte die Aida in Rostock an und die Reise war beendet. Brauschkes eilten mit den Koffern auf den Bahnhof, um auf ihren ICE zu warten, der sie nach Berlin bringen würde. Plötzlich stockten ihre Schritte. Auf dem Bahnhof stand ein Kiosk mit einem Schild: "Käpt'n Brises Traumfabrik". Misstrauisch näherten sie sich und glaubten, ihren Augen nicht trauen zu können. Das Angebot ähnelte dem von Brauschke wie aufs Haar. Nur die Verpackung war anders, die Träume waren in Dosen verpackt. Auch der Preis lag 13 Cent unter dem von Brauschke. Erschüttert schauten sie auf den Ladentisch. Auf der Rückfahrt war Bruno wie vor den Kopf geschlagen. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Am Berliner Hauptbahnhof stand ebenfalls ein Kiosk "Träumen Sie sich gesund – Bio-Träume von Pflanzenkuno". Während der S-Bahnfahrt entdeckten sie auf fast jedem Bahnhof solche Kioske. Man kann sich gut vorstellen, wie Brauschkes zumute war. Mit hängenden Köpfen zogen sie ihre Rollkoffer hinter sich her. Am Ostkreuz schließlich der letzte Schlag. Auf Bahnsteig A stand ebenfalls ein solcher Kiosk.. Der Verkäufer sah ihre sauren Gesichter und rief ihnen zu: "Wie wäre es mit dem Traum vom Glück? Heute im Schnäppchenangebot! Sieht aus, als könnten Sie es gebrauchen!" Roswitha traten die Tränen in die Augen. Stumm drehte sie sich weg und stolperte davon. Bruno war schon ein ganzes Stück vor ihr. Sein Rücken gebeugt, die Schultern hängend. Ein elender Anblick. Der Traum von der Marktlücke war ausgeträumt.


 

Holger Hermann
Löwes Land

 

Es war an einem betongrauen Sonntagmorgen, als ich neun Jahre alt war. Über ganz Stralau lag kirschblütenweißer Schnee. Nicht nur die Halbinsel, sondern auch die ganze dazugehörende Bucht war mit dem gegenüberliegenden Rumelsburger Festland zusammen gefroren. Bis heute war es der einzig wirklich klirrend kalte lange Winter, den ich je in der Stadt erlebt habe. Die Stromversorgung brach teilweise zusammen. Züge fuhren nicht mehr, Betriebe stellten ihre Produktion ein und selbst die Kohlen zum Heizen meiner Schule gingen aus, weil die Braunkohletagebaue einfach eingefroren waren.

Damals wäre ich beinahe ins Eis eingebrochen. Ich bin dem Einbruch knapp entgangen, doch dafür zerbrach vieles in mir, von dem, was mir wichtig war.Es vergingen Jahre, bis ich mich von diesem Morgen erholt hatte. Jahre, die ich für immer verloren habe.

Meine ganze Kindheit habe ich auf dieser Halbinsel verbracht. Zu jener Zeit war es nicht, wie heute, ein neues begehrtes Wohnviertel an der Spree, mit breiten gut gesicherten Uferwegen, sondern eine verlebte Industriegegend mitten in der Stadt. Nur wenige Bewohner lebten, verstreut zwischen alten Fabriken und Hafenanlagen auf ihr.

Obwohl der belebte Bahnhof Ostkreuz nur einen Steinwurf entfernt lag, war die Gegend sehr abgeschieden. Es war, als würde eine unsichtbare Mauer sie von der übrigen Stadt trennen. Als Kind waren es nur die Geräusche der Stadt, des Plänterwalds, der Ausflugsschiffe, der Züge, die mich davor abhielten, nicht gänzlich zu glauben, mich in einem verlassenen Dorf zu befinden.

Die Wohnung meiner Eltern befand sich in einem langsam verfallenen Gründerzeithaus in der einzigen reinen Wohnstraße der Halbinsel. Der Blick aus dem Fenster meines Kinderzimmers, welches nach hinten raus ging, fiel auf einen schmalen kalten Hof. Hohe Mauern nahmen jede weitere Sicht. Auch die kleine trostlose Wohnstrasse endete nicht am Wasser, sondern an der Mauer eines alten Glaswerkes. Überhaupt gab es nur sehr wenige Stellen, an den man zum Wasser gelangen konnte. Die Kinder und Erwachsenen der Strasse benutzten deshalb, wenn in der Glasfabrik nicht gearbeitet wurde, einen alten Schleichweg entlang des schlecht gesicherten Werksgeländes zum Ufer der Bucht.

Mein bester Freund, Löwe, wohnte im Haus gegenüber. Eigentlich hieß er Richard, aber alle nannten ihn Löwe. Er war ein schmächtiges, aber ungemein liebenswürdiges Kind mit blonder Wuschelmähne und beinahe mädchenhaften Gesichtszügen. Löwe ging auf eine Musikschule, und ich besuchte ihn oft, um mit ihm zu spielen. Vor allem aber um ihn auf dem Klavier zu hören. Es freute mich regelrecht, dass, wenn wir uns sahen, er immer erst noch eine Weile üben musste. Ich saß dann in einem alten Ledersessel neben dem schwarzen Klavier und lauschte seinem immer besser werdenden Spiel.

Im Gegensatz zu ihm und zu den anderen Kindern war ich für mein Alter ungewöhnlich groß und robust. Fünf mal die Woche ging ich zum Schwimmen. Ab nächstes Schuljahr sollte ich auf ein bekanntes Sportinternat gehen.

In den Zeitungen und im Radio wurde wie immer, wenn sich das erste Eis gebildet hat, davor gewarnt, es zu betreten. Ebenso hatten die Lehrer in der Schule und meine besorgten Eltern mich über die Gefahren belehrt. Für mich wiederum war es jedes Jahr das Signal, mich heimlich auf den Weg zur Bucht zu machen. Die ganze Woche über hatte ich den Sonntag ersehnt. Meine Eltern schliefen dann immer lange. Kaum war es hell geworden, machte ich mich auf den verbotenen Trampelpfad über das alte Glaswerk auf.

Löwe war auch schon auf und kam ebenfalls nach draußen. Obwohl wir die ganze Woche über nichts anderes geredet hatten, fragte er ernsthaft. "Wo willst du hin?" "Ich will zur Bucht", sagte ich ebenso feierlich. "Vielleicht ist sie schon zugefroren, und man kann über das Eis bis zur anderen Uferseite laufen." Freudig schloss er sich mir an. Schnell liefen wir über das Fabrikgelände ohne uns wie sonst mit den unzähligen leeren Glasflaschen und verfallenen Industriegebäuden zu beschäftigten. Wir setzten uns auf die alte Kaimauer und betrachteten schweigend die unberührte Bucht. Der Winter mit seiner majestätischen Ruhe prägte die Landschaft. Soweit wir sehen konnten, war Eis, sanft überzogen mit einer frischen Decke Schnee. Lachend rief Löwe: "Wir sind die Entdecker dieses unbewohnten Landes". Spöttisch rief ich: "Ja, bis der Frühling es wieder klaut, heißt es: Löwes Land". In der Mitte des Eises lag ein schwarzer Punkt, der unsere Aufmerksamkeit erweckte.

Vorsichtig tasteten wir uns auf das Eis. Es trug uns, und wir wagten uns immer ausgelassener weiter vorwärts. Rasch kamen wir dem schwarzen Punkt näher. Dazwischen entdeckten wir unzählige eingefrorene Glasflaschen, Möbelstücke, Autoreifen. Häufig versuchten wir vergebens einiges davon aus dem Eis heraus zu brechen. Der schwarze Punkt entpuppte er sich aus der Nähe als eine große schwarze Holzkiste. Wahrscheinlich stammte sie aus einer der Fabriken und war irgendwann ins Wasser gefallen und wieder hochgekommen. Vor der Kiste stehend, entdeckte ich um sie herum feine Risse im Eis. "Lass uns lieber verschwinden", sagte ich zu Löwe. Aber er schien mich nicht mehr zu hören. Er wollte nur noch die Kiste öffnen. Mein Versuch, ihn von der Kiste wegzuziehen, stachelte ihn umso mehr an. "Lass mich", rief er wütend. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wollte er etwas ganz alleine bewältigen. Beleidigt ging ich ein Stück in Richtung Ufer zurück.

Enttäuscht rief seine Stimme einen Augenblick später, als er den Deckel der Kiste endlich aufbekommen hatte: "Ist leer". "Löwe, das Eis bricht, komm jetzt". Die Risse dehnten sich unmerklich. Aus früheren Beobachtungen wusste ich, das Eis würde gleich brechen. Einer Eingebung folgend, drehte ich mich und lief los. Im gleichen Moment zerbrach das Eis um Löwe tatsächlich. Kurz vor dem Brechen des Eises hörte ich noch ein anderes Geräusch, welches als Flüstern begann und schließlich sich wie das Zerreißen von Papier anhörte. Ich blieb stehen und schaute nach hinten. Das Wasser kam gleichzeitig, ein gurgelndes Geräusch produzierend, von überall hervor. Löwe starrte fassungslos auf seine blitzschnell im Wasser versinkenden Füße. Erst sein endgültiges Einbrechen erweckte ihn aus seiner Erstarrung. Als er anfangen wollte, weg zu rennen, war es schon zu spät. Die Kiste versank laut krachend und nahm Löwe mit unter das Eis. Löwe war verschwunden. Verzweifelt wollte ich zu ihm zurücklaufen und ihn aus dem Wasser zerren. Aber als ich in seine Richtung lief, schnitten mir meine Angst und das immer weiter aufbrechende Eis nach ein paar Schritten den Weg ab. Noch einmal tauchte er kurz auf und versank wieder unter das Eis. Weder schrie er dabei um Hilfe, noch versuchte er zu schwimmen oder sich an ein Stück Eis zu klammern. War er bewusstlos? Er sah mich nur kurz fragend an, dann sackte sein Kopf nach vorne, als würde er mich nicht mehr ansehen wollen. Wie erstarrt, unfähig mich zu bewegen, stand ich da. Ich spürte, wie sich in mir etwas verhärtete. Dann war es plötzlich ganz still, so als hätte jemand einfach den Ton ausgemacht. "Hilfe, Hilfe", brach es verzweifelt aus mir heraus, als meine Stimme wieder einsetzte. Kläglich füllte sie den leeren Raum, und ich rannte kopflos in Richtung Ufer. Zwei Männer und ein Hund kamen mir entgegen. Sie hatten anscheinend alles beobachtet und rannten zu Löwe. Kaum waren sie an mir vorbei gelaufen, fiel ich hin und verlor mein Bewusststein.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Zimmer im Krankenhaus.

Zwei Tage hatte ich geschlafen und hohes Fieber gehabt. Die beiden Männer hatten Löwe nicht mehr retten können. Als sie ihn aus dem Wasser zogen, war er schon tot. Die Kiste hatte sein Genick zerbrochen.

Löwes Eltern verzweifelten in ihrer Trauer und zogen nach seiner Beerdigung fort. In den wenigen Gesprächen bis zu Ihrem Weggang warfen sie mir jedoch nie vor, dass ich ihn mit zur Bucht genommen hatte und nicht gerettet hatte. Sie sagten, dass ich Löwe wie einen Bruder geliebt hätte. Auch meine Eltern sprachen nie wieder darüber. Aber meine Seele hielt mich für schuldig. Sie wusste, dass ich Löwe hätte retten können. Kurz bevor das Eis brach, hätte ich es noch schaffen können, ihn wegzuziehen.

Aber meine Angst hatte mich überwältigt, und ich hatte nur mich alleine gerettet. Damit begannen meine Alpträume, und bald zogen auch wir von der Bucht weg. Gegen meine Alpträume half der Umzug wenig. In meinen Träumen sah ich Löwe. Fragend sah er mich an, um dann sich, für mich schämend, den Kopf nach unten zu senken, hinab in sein eisiges Grab. Ich hörte auf mit Schwimmen. Viele Jahre ging ich überhaupt nicht an einen See, auf ein Schiff oder in ein Schwimmbad. Später wurde ich Buchhalter. Zwar hatte ich Freundinnen, blieb aber bei keiner länger. Ich konnte nicht mit ihnen zusammenleben. In fast jeder Nacht dieser Jahre kamen Schuldgefühle und Alpträume unerbittlich zurück und bestimmten auch am Tage mein Leben.

Dann erhielt ich eines Samstagmorgens ein Paket von einem Nachlassverwalter mit einer alten Schallplatte. Löwes Mutter, von der ich seit seiner Beerdigung nie wieder etwas gehört hatte, war wie ihr Mann ein Jahr zuvor, gestorben. Sie hatte mir nur die Platte vermacht. Die Aufnahme war von Löwes Kinderorchester eingespielt. Löwe spielte bei mehreren Liedern am Klavier. Es war sogar ein Solostück, die "Ballade Pour Adeline", nur von ihm alleine gespielt, darauf. Während unserer Kinderzeit war sie durch die Version von Richard Clayderman sehr populär. Tag um Tag hörte ich immer wieder Löwes Interpretation an, und irgendwann begann sich in mir etwas zu lösen. Vor mir erschien Löwes treuherziges kindliches Gesicht. Eine innere Stimme sagte mir: "Geh zur Bucht zurück".

Ein paar Wochen später zog ich in eine kleine Wohnung in meiner alten Strasse. Ich hätte mir nie vorstellen können, wie die Gegend sich seit damals verändern würde. Die Fabriken und auch das Glaswerk sind bis auf ein paar vereinzelte Häuser abgerissen. Der Blick ist dadurch aus den Zimmern meiner Wohnung frei und man kann jederzeit zum Wasser gehen. Den Bahnhof kann man nun auch sehen und nicht nur hören. Die Halbinsel ist wieder Teil der Stadt.

Von meinem Wohnzimmerfenster aus kann ich wie früher auf Löwes inzwischen saniertes Wohnhaus sehen. Dort wohnen jetzt hauptsächlich junge Familien mit Kindern. Fast jeden Morgen gehe ich auf den Uferweg in die neue große Schwimmhalle schwimmen. Manchmal im Winter, wenn die Bucht zugefroren ist, bleibe ich stehen und sehe dann für einen kurzen Augenblick "Löwes Land" zurückkehren.

Meine Alpträume sind verschwunden und in den Nächten finde ich wieder Schlaf. Ich weiß, mein Leben neigt sich und ich werde vieles, was ich versäumt habe, nicht mehr nachholen können. Aber ich bin glücklich, nicht weiter von meinen Alpträumen gequält zu werden. Löwes Klavierspiel und die Zeit haben mich geheilt.


 

Siegfried Matzka
Träumen am und über den S-Bahnhof Ostkreuz

 

Der S-Bahnhof Ostkreuz, der gewiß größte und bedeutendste, wie wohl auch der älteste Knotenpunkt der Berliner S-Bahn, besitzt schon eine lange und turbulente Geschichte. Ohne die S-Bahn wäre ein städtisches pulsierendes Leben in dieser Riesenstadt Berlin nicht möglich. Dieser bunten Ansammlung von vielen Dörfern und Gemeinden, kleinen Städten und Ortschaften, rund um die eigentliche, fast noch mittelalterliche Residenzstadt Berlin, die alle schon in der Gründerzeit des 19.Jahrhunderts mehr und mehr und zunehmend in rasantem Tempo zueinander zusammenwuchsen, und Berlin selbst die erste Millionenstadt des Deutschen Reiches wurde, und die dann 1920 mit dem Zusammenschluß dieses ganzen Sammelsuriums umliegender brandenburgischer, damals sagte man eher "märkischer", Ortschaften mit Berlin zur Riesenstadt Groß-Berlin wurde und einen weiteren bedeutenden Wachstumsschub erlebte. Ohne diese S-Bahn, wie sollte das gehen?

Und mit dem Bau der Ringbahn bekam das Ostkreuz eine herausragende Bedeutung als Umsteigebahnhof für die Ringbahn, die Stadtbahn und die Außenstrecken zu den Berliner Vororten.

Aber das Ostkreuz war vor allem nach dem 2.Weltkrieg immer ein Provisorium gewesen, nach den Zerstörungen durch die Bomber der Alliierten, wie auch durch die Artillerie und die Kampfhandlungen der unaufhaltsam heranrückenden Roten Armee, gegen Ende des Krieges, aus dem Osten und Südosten des Umlandes. Was davon übrig blieb, fiel weitgehend den Demontagen durch die Besatzungsmacht zum Opfer, beispielsweise die komplette S-Bahnstrecke nach Erkner.

Aber schon bald nach dem Ende der Naziherrschaft begann die Wiederherstellung des S-Bahnnetzes. Die auch für die Siegermächte so bittere, weil so schwer erkämpfte und verlustreich erzwungene bedingungslose militärische Kapitulation der faschistischen Wehrmacht ließ alle Optionen für das besiegte Deutschland offen. Bedingungslos - ein sehr bedeutungsvoller Begriff, schicksalsschwer, ungemein bedrohlich! Aber was nützt dem Sieger eine völlig zerstörte, entvölkerte, ausgehungerte, funktionslose Stadt? Also war es sinnvoll, diese Riesenstadt wieder aufzurichten, die Zerstörungen schnellstmöglich zu beseitigen, den Wiederaufbau voranzutreiben, die Lebensgrundlagen dieser Stadt wieder herzustellen und den Berlinern eine neue Zukunft zu bieten. Und dazu gehörte nicht unwesentlich die Wiederherstellung des städtischen öffentlichen Nahverkehrs.

Die Träumer vom Ostkreuz - das betrifft wohl im besonderen Maße die Älteren von uns, die mit diesem Bahnhof so viele Erinnerungen verbinden. Träumen heißt ja auch sich erinnern, wie es mal war, was alles stattgefunden hat, wo man dabei gewesen ist, aber auch, was in der Gegenwart ist, was werden kann und sollte, wie auch, was entstehen wird. Also, beispielsweise die Wiederherstellung der Südkurve, deren Brücke über den Markgrafendamm zerbombt war. Über jene Straße, die an ihrem nördlichen Ende mit ihrer starken Kurve in die Hauptstraße Richtung Rummelsburg mündet. Und da nach Kriegsende mehr oder weniger alles völlig am Boden lag, war es wohl von deutscher Seite aus nicht möglich, gleich wieder Brücken bauen zu können, denn es mangelte buchstäblich ja an allem. Also haben russische Pioniere, wie es heute noch heißt, diese Brücke der Südkurve wieder neu errichtet. Und so steht sie noch heute unverändert. Allein ein neuer Anstrich schon vor Jahrzehnten hätte ihr sicherlich auch gut getan. Und das ist typisch Ostkreuz. Wichtig war und ist, daß die Brücke verkehrssicher ist, und das ist sie wohl auch bis heute. Auf Äußeres wurde auf diesem Bahnhof nie Wert gelegt, deshalb ist schon so viele Jahrzehnte auch so häßlich.

Wer sich noch erinnern kann, der weiß, daß das Verkehrsaufkommen in früheren Jahren, also in den Fünfzigern bis zum Ende der achtziger Jahre, wesentlich größer war als heute. Hier war dichtestes Großstadtleben, brodelnder Verkehr,beängstigendes Gedränge, turbulentes Treiben und hektisches Leben hautnah zu erleben. Zigtausende Menschen drängelten hier beim Ein-, Aus- und Umsteigen über die Bahnsteige, Treppen und Wege, schubsten und stolperten, eilten und hasteten den ganzen Tag über in allen Richtungen. Und das besonders zu den Hauptverkehrszeiten morgens und abends. Oftmals war es schwer, währenddessen die Treppen rauf oder runter zu kommen. Überall drängten und schoben sich die Massen mühselig voran. Man hatte vielfach den Eindruck, der Bahnhof ist viel zu klein geworden. Rund um das Ostkreuz gab es viele große Industriebetriebe, mit Tausenden von Beschäftigten, wie auch viel kleine Handwerks- und Gewerbebetriebe, letzteres vor allem im Friedrichshainer Gebiet, dem ehemaligen Boxhagen. Also auch hier das verbreitete Berliner Prinzip: Vorne wohnen, hinten arbeiten, also Handwerk und Gewerbe. Die Großbetriebe waren vor allem direkt neben dem Ostkreuz. Das Berliner Bremsenwerk (BBW), vormals die KNORR-Bremse, traditionsreich und weltbekannt, mit seinen Bremssystemen, besonders für Eisenbahnen, vor und während des Krieges wie die meisten ein Rüstungsbetrieb, danach deshalb enteignet und zurück in den ursprünglichen Fertigungsbereich, unter neuem Eigentümer. Dann gleich nebenan der VEB Elektroprojekt und Anlagenbau, nach dem Krieg neu entstanden, (ELPRO), der zum Teil mit im großen Knorr-Gebäude beheimatet war. In dieses imposante Bauwerk zog nach der Zerschlagung der DDR-Industrie durch die Treuhand die BFA (Bundesversicherungsanstalt für Angestellte) ein, dafür kamen Erweiterungs- und Neubauten hinzu. Und auf dem Platz der heutigen Victoria-Höfe standen die Werkhallen und Produktionsstätten von ELPRO.

Dann war in der Neuen Bahnhofstraße/Gürtelstraße, also gleich um die Ecke vom BBW, der VEB MESSELEKTRONIK, ein großer arbeitskräftereicher Ingenieurbetrieb. Auf der Halbinsel Stralau war das traditionsreiche und bedeutende GLASWERK STRALAU, ferner die Brauerei ENGELHARDT, sowie mehrere Werften und Einrichtungen der Binnenschiffahrt, u.a. die HANSAWERFT. Heute noch sieht man schon von weitem das imposante Gebäude des alten ÖLSAATENSPEICHERS. Über die Spree geschaut,waren da die ELEKTRO APPARATE WERKE (EAW). Die vielen tausend Arbeiter und Angestellten dieses sehr großen Industriebetriebes, die aus den östlichen oder südöstlichen Bezirken Berlins kamen, mußten ja in Ostkreuz umsteigen. Wie auch die Werktätigen, die mit der Ringbahn aus dem Norden Berlins kamen und zum BERLINER GLÜHLAMPENWERK (BGW) wollten, vormals OSRAM und später, ab den sechziger Jahren NARVA, an der Warschauer Brücke. Gegenüber, über die Bahngeleise, befand sich das RAW "Franz Stenzer"(Reichsbahnausbesserungswerk), benannt nach einem antifaschistischen Widerstandskämpfer und Eisenbahner. Außerdem war da noch direkt an der Warschauer Brücke der Großbetrieb VEB KÜHLANLAGENBAU. Nach 1989 war darin das Bezirksamt von Friedrichshain einquartiert. Und nicht zu vergessen, direkt am Ostkreuz die Ingenieurschule für Schwermaschinenbau und Elektrotechnik (ISE) mit ihren Aberhunderten von Studenten. Bei den Großbetrieben galt natürlich nicht das alte Berliner Prinzip "Vorne wohnen, hinten arbeiten". Deren unzählige Beschäftigten kamen ja aus allen Bezirken Berlins, und das zumeist mit der S-Bahn. Und das ließ besonders werktags auch das Ostkreuz "brummen".

Aber nicht nur mit der Zerschlagung der DDR-Industrie nach ihrem Ende sind diese gewaltigen Fahrgastströme ausgeblieben. Auch mit der hermetisch abgeriegelten Teilung der Stadt durch den Bau der Berliner Mauer vollzog sich eine wesentliche Veränderung.

So verlor auch die Nordkurve des Bahnhofs Ostkreuz an Bedeutung und ihr Betrieb wurde 1966 eingestellt.

Die Nordkurve und die Südkurve, die, vom Nordring und vom Südring kommend, beide am Bahnsteig A und seinen beiden Außenbahnsteigen B und C in die Stadtbahn mündend, wobei die Südkurve in beiden Richtungen befahrbar war und bis heute ist, während die Nordkurve nur allein vom Nordring der Ringbahn in die Stadtbahn führte, konnten ihren Betrieb erst recht spät wieder aufnehmen, nach dem Beseitigen der Kriegsschäden und dem mühseligen Wiederherstellen der Bahnanlagen, die Südkurve ab 1946, die Nordkurve ab 1951. Letztere war auch nicht so bedeutend, wie schon erwähnt, war sie nur in einer Richtung befahrbar.

Der Bahnsteig A, der ja der ursprüngliche Kern des Bahnhofs "Stralau-Rummelsburg" war und so bis 1933 hieß und erst dann, als Gegenstück zum "Westkreuz", mit Vollendung des elektrifizierten Vollrings in "Ostkreuz" umbenannt wurde, dieser Bahnsteig A, besonders seine beiden Außenbahnsteige B und C, die durch einen Fußgängertunnel unter dem Bahnsteig A verbunden waren und einen eigenen Ein- und Ausgang zur Sonntagstraße/Revaler Straße hatten, verloren so ihre Bedeutung. Außerdem machte die fortschreitende Baufälligkeit, besonders am Bahnsteig C, die Schließung und Stillegung 1966 erforderlich. Die Nordkurve wurde seitdem gar nicht mehr befahren, die durchgehenden Züge gab es nicht mehr, durch Umstellung des Fahrregimes nach 1961. Und die Züge, von Mitte und Ostbahnhof kommend und schon zu DDR-Zeiten nach "Flughafen Schönefeld" fahrend, rauschten am Ostkreuz ohne Halt durch, beides wie heute auch noch. So hieß es immer in den vorhergehenden Stationen in den Ansagen für den Schönefelder Zug:"Hält nicht in Ostkreuz!"

Träumen am Ostkreuz! Ich kann mich gut erinnern, wie zu Beginn der sechziger Jahre der Bahnsteig A mitsamt seinen beiden Außenbahnsteigen B und C auch sehr belebt war. Allerdings gab es die direkte Fußgängerverbindung vom Bahnsteig A zum Ausgang Markgrafendamm nach dem Krieg nicht mehr. Beim Wiederaufbau der Brücke der Südkurve über den Markgrafendamm durch die russischen Armeepioniere Ende 1945/Anfang 1946 hat es für die Wiederherstellung des Fußgängersteges neben der Stahlträgerkonstruktion der Schienenbrücke nicht mehr gereicht oder wurde für nicht so wichtig angesehen. Auch hier wieder die Beobachtung: Immer nur das Nötigste erledigen! In all den vielen Jahren des Mangels in den Wiederaufbaujahren nach dem Krieg war es von Anfang an so und blieb es auch. Diese Art zu reparieren, wieder instandzusetzen, neu zu bauen zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch die Nachkriegsgeschichte des Ostkreuz-Bahnhofs. Nun, nach so vielen Jahren der Verzögerung in Sachen Generalrekonstruktion des Bahnhofs Ostkreuz und dem endlichen Neuanfang dessen soll es ja nun ganz anders und richtig gut werden.

Wer also auf dem Bahnsteig A, wie auch B oder C ausstieg und zum Ausgang Markgrafendamm wollte, mußte erst zu einem der unteren Bahnsteige D oder E die Treppe hinabsteigen und dann die Treppe der großen Fußgängerbrücke wieder hinauftraben, danach die Treppe zum Eingangsgebäude am Markgrafendamm wieder hinunterstiefeln. Wahrlich nicht fahrgastfreundlich! Fahrstühle hat es auf dem Bahnhof Ostkreuz nie gegeben.

Aber die Fußgängerbrücke von Nord nach Süd, quer über den Bahnhof, also vom Eingangsgebäude an der Sonntagstraße zu jenem am Markgrafendamm, war schon sehr beeindruckend. Sie wurde nach den Plänen von Richard Brademann gebaut, dem wohl bedeutendsten Berliner S-Bahnarchitekten. Er lebte von 1884 bis 1965, war ein Baumeister der "Neuen Sachlichkeit". Später bezog er expressionistische Elemente in seine Architektur ein, etwa am Bahnhof "Wannsee". Von ihm stammen auch die beiden genannten Eingangsgebäude im Ostkreuz. Er baute u.a. auch die Bahnhöfe "Bornholmer Straße", den Bahnhof "Humboldthain", den Bahnhof "Wannsee", die Bahnsteige der Nord-Süd-Bahn im Bahnhof "Friedrichstraße", wie auch die Bahnhöfe "Unter den Linden" und "Oranienburger Straße" der gleichen Strecke, das Funktionsgebäude am Bahnhof "Halensee", außerdem auch den weiter außerhalb liegenden Bahnhof "Sundgauer Straße" der Wannseebahn. Seine Bahnhofsbauten waren verbunden und gingen einher mit der Elektrifizierung des Vollrings und der bedeutenden Außenstrecken der S-Bahn, wie beispielsweise der Wannseebahn. Dies alles in der zweiten Hälfte der Zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Was Alfred Grenander für die Bahnhöfe der Berliner U-Bahn (BVG) war, das bedeutete vergleichsweise Richard Brademann für die Berliner S-Bahn. Solche Baumeister müßte es heutzutage wieder geben! Davon kann man träumen, wenn man heute auf der provisorischen Fußgängerbrücke steht, denn die Brademannsche Brücke wurde kürzlich aus Gründen des Baugeschehens und der nötigen Baufreiheit für die Rekonstruktion abgerissen. Sie soll aber originalgetreu wieder aufgebaut werden. Sie war ja nach 1945 sowieso nicht mehr original, denn besonders der südliche Teil des Bahnhofs, also zum Markgrafendamm hin, war stark kriegszerstört. Betroffen war nicht nur die Südkurve, sondern auch das Eingangsgebäude, das fast völlig zerstört war, wie auch die südliche Hälfte der Fußgängerbrücke.

Auch hier, beim Wideraufbau dieses Brückenteiles war das Notwendige zu tun, nur hinreichend zum sicheren Betrieb wiedererrichten, nicht mehr! Das war auch hier das beim Ostkreuz nach 1945 übliche Prinzip. So habe ich mich immer gewundert, daß die solide Überdachung der Brücke direkt am Abgang zum Bahnsteig E (Erkner) abrupt aufhörte, so auch die Holzdielenbeplankung ab hier in Betondielen überging; und der Treppenabgang zum Markgrafendamm auch irgendwie anders war und aus dem Rahmen dieses Brückengebäudes herausfiel.

Die Fußgängerbrücke hieß auch umgangssprachlich "Rennbahn", sicherlich ein sehr treffender Spitzname, denn alle ihre Passanten hatten es immer eilig. "Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit!", so heißt es schon bei Kurt Tucholsky über das Berlin in den Zwanziger Jahren. Beim Zugang von der Sonntagstraße war die jeweilige Situation auf den ebenerdigen (D und E) Bahnsteigen etwas übersichtlicher als beim Betreten vom Markgrafendamm her, man konnte sogleich sehen, auf welchem der beiden Bahnsteige gerade ein Zug einfuhr, und dabei war es ganz egal, ob dieser Zug gerade nach stadteinwärts oder stadtauswärts kam. Die Bedeutung hing davon ab, wohin man selber gerade wollte. Und wenn man den für sich zutreffenden Zug in den Bahnhof einfahren sah, dann galt es, schleunigst und schnurstracks die Treppenstufen der Fußgängerbrücke hinauf zu hetzen, möglichst zwei Stufen auf einmal, oben den Gang entlang hasten, rennen, springen, stürmen, je nachdem, wozu man fähig und gerade in der Lage war, dann den entsprechenden Treppenabgang hinunter stürzen, möglichst wieder zwei Stufen auf einmal, dieses hing von den sportlichen und turnerischen Fähigkeiten des Hastenden ab, um so, wenn man nicht gerade zwischendurch hinstürzte, den begehrten Zug doch noch zu erreichen, bevor einem die Türen vor der Nase zuschlugen und man das Nachsehen hatte. Deshalb die Bezeichnung "Rennbahn".

Es war eine allgemeine Gepflogenheit, daß Passanten, die stadteinwärts fahren wollten und ihren Zug gerade verpaßt hatten, oben im Durchgang der Fußgängerbrücke standen und gespannt durch die Scheiben der recht hoch angesetzten Fenster starrten, um möglichst frühzeitig mitzubekommen, auf welchem Bahnsteig der für sie nächste Zug einfuhr, um dann eiligst die entsprechende Treppe hinab zu hetzen. Und wenn ich einmal selber hin und wieder in solcher kurzen Wartezeit zwischen den beiden möglichen Treppenabgängen stand und auf den für mich nächsten Zug lauerte, und hinter mir so unendlich viele eilige Passanten vorbeihasteten, konnten deren Geräusche und Töne, die sie mit ihren Schuhsohlen und Absätzen auf den Holzplanken des Fußbodens der Brücke hervorriefen, in der vielartigen Unterschiedlichkeit schon sehr leicht träumerisch in eine ferne entrückte Welt entführen. Davon fiel mir oftmals eine mögliche geheimnisvolle Vorstellung von einem fernen vorzeitlichen afrikanischen Urwaldtrommeln längst vergangener Eingeborener ein. Dieses Krachen, Poltern, Wummern, Klopfen, das hämmernde Stakkato der spitzen Pfennigabsätze hochhackiger Damenschuhe, aber auch das behäbige Schlurfen, Schaben und Stampfen weicher Gummisohlen, die es nicht so eilig hatten, war schon wie ein unwirkliches Konzert dieser beinahe wie ein riesiges Instrument tönenden Holzdielen des langen Ganges der Brademannschen Fußgängerbrücke; aber, wie gesagt, nur bis zum Abgang des Erkner-Bahnsteiges (E), also nur im überdachten Bereich der Brücke. Auf den anschließenden Betondielen war nichts mehr von solchen verzaubernden, träumerischen, zuweilen phantasiebeflügelnden Tönen und Geräuschen zu vernehmen. Außerdem wirkte die Überdachung der Brücke über den Holzdielen verstärkend wie ein Resonanzkörper. Der besondere Vorteil der Überdachung ist es gewesen, daß man vor Regen sicher und einigermaßen windgeschützt war, während es oben auf der "Brücke", also dem Bahnsteig der Ringbahn (F) von jeher sehr zugig, naß und ungemütlich ist.

Ob bei der wiedererrichteten originalgetreuen Fußgängerbrücke, nach den alten Plänen von Richard Brademann, dem eigentlichen Wahrzeichen vom Ostkreuz, neben dem von 1912 stammenden Wasserturm mit seiner lustigen Pickelhaube, auch wieder solche Holzbohlendielen eingebaut werden, ist wohl durchaus fraglich. Ohne sie, mit ihrem Tönen und Klingen, wird es wohl nicht mehr möglich sein, solcherart zu träumen und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen. Aber man wird künftig auch nicht mehr auf den zunächst einfahrenden Zug spitzen müssen, denn die künftigen Bahnsteige D und E werden nach der Richtung eingeteilt, also ein Bahnsteig nur die stadteinwärtsfahrenden Züge (D) und die stadtauswärtsfahrenden auf dem anderen Bahnsteig (E) fahren. Wie schön!

Träumen am Ostkreuz ist gegenwärtig wohl kaum möglich, wo schon seit geraumer Zeit alles nur provisorisch, nüchtern, kahl, zweckmäßig und abrissbedingt häßlich ist. Der morbide Charme dieses ewig unfertigen, immer etwas bröckelnden und abblätternden Bauensembles Ostkreuz, nach dem Krieg immer nur teilweise und notdürftig repariert und nur zweckmäßig funktionstüchtig erhalten, lange schon so stark alternd, wird mit dem neuen, modernen und durch viele Aufzüge so bequemen Bahnhof Ostkreuz für immer erloschen sein.


 

Günter Dittrich
Die schwarze Barbara

 

Die ältere Frau steht schon fast eine Stunde am Anfang des oberen Bahnsteiges am "Ostkreuz" und schaut in Richtung Bahnhof "Frankfurter Allee". Sie hält sich mit den Händen am Absperrgitter fest. Es sieht von meiner Position so aus, als ob sie sich selbst davor bewahren will auf die Gleise zu treten. Langsam gehe ich auf sie zu. Nur nicht erschrecken, denke ich, sonst rennt sie wirklich los...

Endlich bin ich auf ihrer Höhe. Wir sind beide fast gleich groß und könnten auch gleich alt sein. Die Gesichtszüge der Frau kommem mir bekannt vor. Die grauen Haare nicht aber der kleine freche Pferdeschwanz, der von einer schwarzen Stoffschleife zusammengehalten wird und diese braunen Augen. Sie schaut mich an, spricht gleich los: "Keine Sorge, junger Mann, ich will nicht auf die Gleise und ich will nicht unter die S-Bahn geraten... Ich habe nur so vor mich hingeträumt... habe in das kleine Gleisdreieck geschaut... Hier waren mal Trampelwege zu einem kleinen Garten zwischen den Gleisen..."

Bevor sie weiterspricht ergänze ich: "Das eine Gleis führte in Richtung Warschauerstraße und das andere in Richtung Treptow... und dazwischen hatte Opa Barabasch seinen Garten... nicht größer als eine Vierzimmerwohnung, aber mit kleiner Laube und Außenklo..."

Sie strahlt mich mit ihren immer noch feurig wirkenden Augen an und fragt vorsichtig: "Bist du es wirklich, das kleine Kerle aus der 'Fünf A', der schmächtige blonde Junge mit der Klammer im Haar, weil die störischen Haare nicht sitzen wollten und der Zahnklammer, die nicht wollte wie sie sollte...?"

Langsam nehme ich ihre Hände vom Gitter und halte sie fest: "Klein bin ich immer noch, auch wenn in meinem Ausweis mittelgroß steht und die Haare sind mehr grau als blond... ich bin es, der verrückte Gerd aus der 'Fünf A'... und du bist die Barbara Barabacz mit weichem basch hast du immer gesagt. Die schwarze Barbara!"

Sie winkt ab: "Schwarz war mal... gestern... vor Jahren. Ich habe es vergessen, wie so vieles... Deshalb stehe ich ja hier! Warte auf den Tagtraum! So wie früher!"

"Komm Barbara, lass uns auf einer Bank Platz nehmen. Mir werden die Knie weich. Ich dachte nämlich. Du wolltest..."

"Kerle, wo denkst du hin! Ich bin fünffache Großmutter, da springt man nicht vor die S - Bahn! Ich habe den Garten gesucht, Erinnerungen, Kinderfreundschaften. Alles weg. Es sieht so trostlos aus, seitdem die hier bauen. Reißen alles ab... auch Erinnerungen!"

Es läuft mir warm über den Rücken dieses "Kerle". Ihr Vater hatte es das erste Mal gesagt, hier im Garten: "Na, Schulbub! Du bist ja ein schlankes Kerle!" Und dabei blieb es. Alle Familienmitglieder ihrer Familie nannten mich nur noch Kerle. Irgendwann in dem Schuljahr erzählte mir Barbara, als wir wieder einmal im Liegestuhl Tagträume hatten: "Weißte Kerle, wenn ich einmal Gerd zu dir sagen werde, dann ist das ein besonderer Tag. Bei uns bedeutet das, daß ein Mädchen ihren Bräutigam gefunden hat und irgendwann, wenn die Eltern der Braut es erlauben, auch heiraten darf... Dann schwieg sie an diesem Tag, schaute in den Himmel und summte Melodien, die schwermütig klangen und ich hatte Zeit sie ungestört anzusehen. Sie, die schöne, schwarze Barbara mit ihren schlanken, langen Fingern, den beginnenden runden Schultern... Ich hatte damals nur Augen für sie aber keine Ohren. Ich hätte mehr zuhören müssen. Bei jedem Treffen in diesem Garten erzählte sie ein wenig über das Leben in einer Zigeunerfamilie!  

Meine rechte Hand hält jetzt ihre linke Hand und ich lasse beide Hände kreisen. Fange an zu sprechen: "Wir machen es wie damals, wenn wir bei deinem Opa Barabasch im Garten waren, holen die Liegestühle aus Holz aus der Laube... Pst... Mache einfach die Augen zu! Jetzt siehst du die Liegen oder?"

Sie nickt, hält die Augen geschlossen, flüstert: "Erzähl weiter, vielleicht kommt er, der Tagtraum auf den ich seit Jahren warte!"

Behutsam setze ich das Kreisen unserer Hände fort. Auf dem Bahnsteig sind wenige Fahrgäste, die sind alle mit sich selbst beschäftigt, so daß sie uns nicht beachten bei unseren Traumreise-Vorbereitungen...

"Stell dir vor, es ist herrliches Sommerwetter und wir liegen in den Liegestühlen. Alle zwanzig Minuten knattert eine S - Bahn vorbei aber wir sind schon so weit in den Kinderträumen, daß wir sie nicht hören... nicht die quietschenden Bremsen oder das laute Rufen des Zugabfertigers - Zurückbleiben! Wir sind wieder Kinder oder sind wir schon Jugendliche? Egal! Du siehst aus wie der damalige "Sarotti - Mohr"... Diese Werbefigur auf der Schokoladentafel und ich bin der Blassschnabel, der jedesmal einen kleinen Sonnenbrand bekommt in diesem Garten. Dein Opa läßt uns zwei Stunden alleine, damit wir in Ruhe Schularbeiten machen können... vertreibt sich die Zeit in der S- Bahnklause. Trinkt ein paar Bierchen... Ich schaue mir dein schwarzes Haar an, fasse vorsichtig mit zwei Fingern hinein und höre trotz Schienenverkehr dein Haar knistern. Ich bin stolz, fühle mich riesig, denn ich darf dein Schulfreund sein... platonisch, rein platonisch hat Opa Barabasch uns geraten. Sonst donnert es im Karton... Und du fängst wieder an zu erzählen von dir von deiner Familie... und ich höre zum ersten Mal, was es heißt Zigeuner zu sein."

"Es klappt, Kerle, es klappt!", ruft Barbara: "Ich sehe uns, Opa ist weg, spüre deine Finger in meinem schwarzen Haar. Lass mich jetzt weiterträumen oder war es Wahrheit, damalige Wahrheit? Jedenfalls, bekam ich ein komisches Magengefühl, als deine Finger in meinem schwarzen Haar waren... ach ja... Weißt du noch ... mein erster Schultag in der Fünften. Der Lehrer stellte mich vor die Klasse und sagte: "Das ist die neue Schülerin, Barbara Barabasch, geschrieben mit cz, gesprochen asch. Sie wohnt in einem Wohnwagen am Bahnhof Ostkreuz... Die Eltern sind Schausteller... In Berlin sagt man auch Rummelleute dazu!"

Alle Schüler haben mich angeschaut, einige haben gekichert weil der Lehrer das "asch" so in die Länge gezogen hatte. Du nicht! Du hast auf deine Füße geblickt. Nach dem Unterricht habe ich dich gefragt warum du zu Boden geschaut hast und du hast mir geantwortet, du hättest dich geschämt für den Lehrer... Und dann hast du mich gefragt woher der Name Barabasch kommt und ich habe geantwortet. Das sei ein alter Zigeunername... Nach einer Weile hast du damals gesagt, ach so, das sind die Leute, wo man die Wäsche reinnehmen muß! Und du hast gelacht... Ich war traurig, aber du hast mir erklärt, daß dein Vater wenn er zuviel getrunken hat, auf den Balkon geht und laut ruft : "Leute nehmt die Wäsche von der Leine, die Zigeuner kommen und klauen sie!" Ich habe dich traurig angesehen und gefragt, ob das auch deine Meinung wäre. Du hast geschmunzelt und gesagt. Das wäre alles Quatsch mit dem Klauen, denn Klauen können alle, egal warum und dein Vater hätte den Spruch von den Zigeunern als sie gemeinsam auf Rummelplätzen waren. Lange vor dem letzten großen Krieg, als diese Weltwirtschaftskrise war, dein Vater dadurch arbeitslos wurde, sich übergangsweise mit einer Losbude voller Schokolade zum Beispiel "Sarotti" sein Geld verdienen mußte. Da die Schokolade schon überlagert war, durfte sie in den Geschäften nicht mehr angeboten werden aber für den Rummelplatz war sie noch gut genug... Und ich habe dir erzählt das mein Vater eigentlich Musiker war, wie fast alle Zigeuner, ein Geiger, auch Akkordion war seine Stärke und dann habe ich dich in den Garten eingeladen und deinen Vater und der kam auch... Weißt du noch?"

"Ja, das war an dem Tag, als wir das erste Mal die Liegestühle rausholten. Von einer Zukunft träumten von einer gemeinsamen, dein Vater, mein Vater, mein Opa, du und ich... Es war ein herrliches Jahr... hier im Garten!"

Barbara fährt fort mit ihren Erinnerungen: "Bitte, bitte trenne diesen Traumfaden nicht ab. Lass ihn uns weiterspinnen. Was wäre wenn dein Vater nicht ein Wäschegeschäft eröffnet hätte, sondern sein Klavierspieltalent genutzt hätte, um mit meinem Vater, so wie wir wollten gemeinsam ein kleines Orchester aufzubauen? Was haben die beiden hier im Garten geübt... Hörst du sie, die Melodien von damals, bunt gemischt, mal Schlager, mal Volkslieder, mal Zigeunerlieder und die Leute auf diesem Bahnsteig haben geklatscht, wollten Zugaben... Hörst du sie, die einen, wie sie spielen und die anderen, wie sie klatschen?"

"Ja, Barbara, ich höre sie, die fröhlichen und die schwermütigen Lieder. Sehe deinen Vater dort unten mit der Geige, deinen Großvater mit dem Bass und meinen Vater mit einem Akkordeon, denn das Klavier passte nicht in den kleinen Garten. Es hätte vielleicht nicht das große Orchester werden können aber das kleine Quartett wäre möglich gewesen..."

"Kerle, lass uns noch zehn Minuten träumen. Die Sonne wärmt so schön wie damals. Ich muß dir erzählen, warum wir nicht länger in Berlin geblieben sind, warum wir uns nicht mehr in dem Wohnwagen am Ostkreuz heimisch fühlten. Einverstanden?"

Ich nicke nur. Sie fragte wieder: "Einverstanden?"

Jetzt sehe ich, daß sie die Augen immer noch geschlossen hält. "Ja!", sage ich zu ihr.

Sie holt tief Luft und erzählt weiter: "Als ich in die fünfte Klasse kam, dachte meine Familie, daß das Schlimste seit Ende des Weltkrieges überstanden sei. Wir lebten vor dem Ersten Weltkrieg in Ungarn. Wir waren geduldet, weil wir viele waren. Dann wollte Großvater nach Deutschland nach Berlin. Er wollte ein Riesenrad oder eine Achterbahn bauen... entweder hier am Bahnhof Ostkreuz oder in Treptow am Plänterwald. Alle Verwandten hatten zusammgelegt und das Geld war nicht das Problem. Nein, auch nicht der Standort, egal ob Ostkreuz oder Treptow. Das Problem war unsere Herkunft: Zigeuner haben keine Lobby, wie das Neudeutsch heißt und dann kam das Jahr 1929 und Opa Barabasch hatte alles "gut" angelegt. Denkste! Weg war alles Geld! Hatten die Amerikaner verjubelt an der Börse! Opa mußte arbeiten gehen und fing bei der Reichsbahn an. Hier am Bahnhof Ostkreuz... Er arbeitete sich hoch. Vom Hilfseisenbahner, der den Bahnsteig sauber machen muss, zum Fahrkartenverkäufer bis zum oberaufsichtsführenden Eisenbahner am Ostkreuz. Pachtete den Garten und das war´s! Denkste. Meine Eltern waren fast genauso gefährdet wie die Juden im Dritten Reich. Also, raus aus Deutschland, ab nach Amerika!. Nach dem Krieg, also dem Zweiten Weltkrieg kamen wenige wieder und so kam ich in die Klasse. Opa wollte endlich sein Riesenrad am Ostkreuz oder in Treptow, mein Vater wollte seine Kapelle und ich wollte diesen Garten... Schönes Durcheinander was? Weißte, Kerle, manchmal weiß ich nicht mehr, was ich hier geträumt habe in diesem Garten oder in der Nacht oder was nur in meiner Phantasie möglich wäre und dann stehe ich halt am Gitter. Warte auf den Tagtraum... Es ist mir völlig egal ob nun die Wahrheit aus jener Zeit mich erfasst oder ob es Wunschträume sind. Ich weiß nicht mal ob es dich wirklich noch gibt oder ob du nicht auch in den Westen gegangen bist wie so viele aus der Klasse!"

Da sitze ich nun neben ihr, still, fast unbeweglich, immer noch ihre Hand haltend. Meine schwarze Barbara wieder am Ostkreuz! Meine erste Schulfreundin, rein platonisch wie es sich in dem Alter gehört. Ich hätte sie gerne damals mal auf die Wange geküßt. Nur um mal diese braune Haut zu spüren aber ich traute mich nicht. Sie lag so dicht neben mir im Liegestuhl... Alle Jungens aus der Klasse beneideten mich. Einige Mitschüler versuchten uns zu belauschen aber Opa Barabasch zeigte uns unterirdische Gänge im Bahnhof. So konnten wir sie immer wieder abschütteln. Wir lagen in unserem Paradiesgarten und träumten. Wir vertrauten uns gegenseitig Geheimnisse an, die wir bisher keinem Menschen anvertraut hatten. Wir schworen uns nichts aufzuschreiben. Vielleicht ist deshalb vieles an Wünschen und Träumen verloren gegangen bei ihr bei mir?

Sie hält noch immer die Augen geschlossen. Ich frage vorsichtig, um den Tagtraum nicht zu zerstören: "Wohin seid ihr gegangen? In welche Schule bist du gekommen? Seid ihr in Berlin geblieben?"

Barbara schweigt. Ein paar Tränen treten aus den geschlossenen Augen hervor. Ich tupfe sie mit dem Taschentuch weg und sage dabei zu ihr: "Barbara, du mußt mir nicht antworten, wenn es schmerzt nach so vielen Jahren".

Langsam öffnet sie die Augen. Schaut mich an, flüstert fast: "Bei uns darf man schon mit dreizehn heiraten. Nicht mit Hochzeitnacht und so... du weißt schon. Nein, man wird versprochen. Zwei Familien treffen sich und der Sohn der einen Familie und die Tochter der anderen Familie werden per Handschlag der Eltern "verheiratet"... Ich habe mich ein Jahr gewehrt! Keiner war mir gut genug... Ich wollte in meinem Herzen nur dich! Ich schwörs Kerle, bei meiner Großmutter! Aber ich durfte nicht. Mein Vater war sogar bei deinem Vater und wollte dir bei der Gelegenheit auch noch eine neue Mutter zur Seite stellen weil doch deine so früh verstarb... aber dein Vater war nur einverstanden, daß wenn wir erwachsen sind, heiraten dürfen... du solltest erstmal die zehnte Klasse machen oder Abitur und er hätte jetzt selber einen Garten vierzig Kilometer von Berlin entfernt, kein Lärm, keine S - Bahn... nur Wald ringsum und ein kleiner Badesee.

Ich mußte einen Mann aus meiner Sinti Sippe heiraten."

Sie macht eine Pause, atmet schwer und redet leise weiter: "Das Riesenrad kam... Jahre später aber nicht hier am Ostkreuz sondern im Plänterwald in Treptow und Opa durfte Fahrkarten für das Riesenrad verkaufen. Er war jetzt Rentner. Mein Vater ist mit mir nach Hamburg gegangen. Dort spielte mein Vater in einer kleinen Zigeunerkapelle. Oma blieb bei Opa ohne zu murren und meine Mutter blieb in Hamburg. Mein Mann starb auf dem Rummel mit einer Flasche in der Hand... Mehr will ich dazu nicht sagen... und du Kerle was hast du erreicht?... du warst plötzlich weit weg für mich durch unsere ungeschriebenen Gesetze. Kinder habe ich aber die haben immer zum Vater gehalten... und du, bestimmt hast du auch Kinder?"

Wieder nickt ich, denn jetzt hat Barbara die Augen offen.

"Zwei, ein Pärchen und die haben schon wieder selber Kinder und..."

Ich schwieg. Ihr Blick ist nicht nur durch neue Tränen eingetrübt. Da liegt Schmerz drin. Sie fragt nur ganz leise: "Warum lassen uns unsere Träume nicht los. Warum dürfen wir nicht für immer Schulkinder sein und kleine Gärten haben mit Liegestühlen?"

Sie holt ein Taschentuch aus ihrer kleinen Handtasche, die einen kleinen Plastik "Sarotti - Mohr" als Anhänger hat, schnaubt sich gründlich die Nase und fängt wieder zu sprechen an: "Ich mag die kleinen Telefone nicht... es ist kein Menschenersatz... Ich mag auch keine Computer, keine schnellen Eisenbahnen... man sieht keine Landschaft beim Reisen... Ich mag keine Bum-Bum-Musik, dieses elektronische Gekreische... Diese hektischen Menschen auf den Straßen sind auch nicht mein Fall..."

Wieder folgt ein Schneuzen in das Taschentuch: "Manchmal gehe ich zu einer Wagenburg. Sie befindet sich in der Nähe der Modersohnbrücke. Dort ist es fast wie früher, als ob die Zigeuner nur zweihundert Meter weiter gezogen wären... Aber dort wohnen keine Zigeuner, sondern sogenannte Aussteiger der Gesellschaft... schreiben die Zeitungen. Die Menschen haben dort Hunde, weil sie Angst vor Überfällen haben. Auf einigen Wohnwagen sind Sonnenplatten.. ach nein, die heißen Solarplatten, liefern Strom und Wärme... Wir hatten damals Lagerfeuer und kuschelten uns aneinander... Ich glaube, ich passe nicht mehr in diese Zeit... oder?"

Ich nehme wieder ihre Hände, drücke diese sanft, versuche sie mit Worten zu trösten: "Barbara, du solltest rausziehen aus Berlin. Auf den Dörfern ist es ruhig, fast zu ruhig. Für die Gesundheit und die Nerven ideal... Ich könnte mich mal umhören. Vieleicht gibt es Wohnraum, in dem Ort wo wir unseren Garten, besser gesagt eingezäunten Wald haben. Es ist dieses Waldgrundstück, daß damals mein Vater kaufte. Meine Frau ist vor zwanzig Jahren, als die Mauer fiel in den Westen gegangen... Wir haben zwar noch Kontakt aber nur wegen der Kinder und Enkelkinder. Von meinen Träumen hier am Ostkreuz ist auch nicht viel realisiert: Mein halbes Leben habe ich auf Schulbänken zugebracht, um mir dann sagen zu lassen, ich wäre überqualifiziert und sollte lieber vorzeitig in den Ruhestand treten und die Freiheit genießen... Im Laufe der Jahre habe ich meine neuen Ruhepunkte gefunden: Lange Spaziergänge im Wald. Da kann mam laut oder leise Selbstgespräche führen und im Winter baue ich mit meinen Enkelkinder an Modelleisenbahnanlagen oder versuche mich an Computerspielen. Gut, manchmal treibt es mich hierher zum Bahnhof Ostkreuz... aber diese schönen Erinnerungen werden immer kleiner... Übrigens, in meinem eingezäunten Waldgrundstück stehen zwei uralte Holzliegestühle mit Stoff bespannt. Als deinem Opa die Pacht gekündigt wurde, habe ich die zwei Stühle, die in der Laube standen einfach mitgenommen... Du kannst sie ja mal ausprobieren! Hier wird in den nächsten Jahren alles neu gebaut. Da ist kein Platz mehr zum Träumen aber bei mir draußen!"

Barabara schaut mich lächelnd an: "Ach, Kerle, was haben wir beide alles versäumt!"

Ich nicke nur. Denke so für mich: Frühling und Sommer haben wir versäumt aber der Lebensherbst kann auch noch schöne Tage haben und ich bin einer der glücklichen Menschen, die ihre Schulfreundin wiedergefunden haben und nicht enttäuscht darüber sind...


 

Annette Ludwig
Für Samten, meinen sanften Freund

 

Runder Kopf und fette Beinchen
laufen wankend hin und her
fallen hin und krabbeln weiter
widerstehen fällt so schwer
wenn die blauen Augen lachen
glucksend, jauchzend, manchmal schrill
fragt man sich so tausend Sachen
was wohl die Bestimmung will
träumt sich weg und träumt sich weiter
alles hat nur einen Sinn
wenn dein kleiner sanfter Körper
ist in ihrem Universum drin
keine Frau auf dieser Erde
kann dich lieben so wie keine
und das nehme mit dir fort
es ist die Einzige, die Eine
die in dir sieht Gottes Wort.

deine Mutter


 

Thomas Rehaag
Brainstorming

 

Die Hegelrunde war zu Ende. Sie standen am Fenster und blickten hinaus. Jeder in seinem Abteil die etlichen Gläser Hanftee und den Riesenjoint schwarzen Afghanen des Schweizer IT - Professional verdauend. Nach und nach waren die anderen Gäste gegangen und sie hatte das Licht gelöscht.

Linkerhand ließ das Neonkreuz des Bahnhofs seinen Laternenfortsatz heraushängen und Big Boy starrte auf den blauen Schriftzug des Allianz – Hochhauses geradezu. Er besaß eine andere Note als die grün eingeebneten Streifen des BASF – Gebäudes rechts neben der Brücke fand er sich abwechselnd drin versenkend. Und sein Trauma leuchtete ihm heim:

Das ins Treppenhaus flackernde Blaulicht der Polizeiwagen vor dem Haus, die glänzenden Stiefel des die Treppe hoch stürmenden Einsatzzuges…  Irgendwelche Kerle über seiner Mutter… Damals musste er circa vier Jahre alt gewesen sein und sein Bett und ihr’s standen im selben Zimmer. Nachher begann er sich plötzlich vor dem Lichtschalter neben seinem Bett zu fürchten, besonders nachts, und vor allem wenn sie "aus" war. Mutterseelenallein schrie und schrie er bis sie ihn irgendwann an die Brust nahm.

Mit steifen Bewegungen zündete er sich eine Camel an, inhalierte und nebelte das Hochhaus ein. Wer die Bullen benachrichtigt hatte und ihn ins Treppenhaus brachte war ihn entfallen. Diskret blickte er zu Eudämonia rüber.

Geistesabwesend stand sie da, den rechten Ellenbogen in die linke Hand gestützt und zog eine durch. Wahrscheinlich träumte sie mal wieder von der Weltrevolution auf dem Weg zu "Alle Menschen werden Brüder".

Er wandte sich wieder ab und nahm das Zwielicht im Augenschein. Daraus erwuchs ihm ein Haus tief im Wald nebst zwei prächtigen Doggen um Gutmenschelnde Wandersleute abzuschrecken, ein Harem pubertärer Schweinigeleien, ein am Himmel hängendes Flugzeugkabinett und ein unendlich leuchtend und funkelndes Modelleisenbahnareal… Der Schub ebbte ab und Eudämonia kam ihn wieder in den Sinn.

Für ihn war sie eine kommunistische Visionärin mit rationellem Kern und eine Hysterikerin deren Temperament des Öfteren mit ihr durchging. Sie hingegen hielt ihn von Anfang an für einen "Frozenmann": Starre Miene und kalte Augen. Trotzdem verliebte sie sich in ihm. Vielleicht war sie ja christlich erzogen worden, dämmerte es ihn im Nachhinein.

Blindlings schnipste er die Kippe in den Ascher. Was soll’s… Unten fuhr nur ab und an noch eine S – Bahn vorbei und ringsum herrschte eine gespenstische Ruhe. Er zündete sich noch eine an und fixierte das rote Nummernschild neben den Eingang des seltsamen Häuschens ein Ende weit rechts.

Schaut aus wie n Abgetarnter Puff, dachte er, aber das rote Licht törnte ihn mehr an als die Nutten drin. Beim näheren Hinsehen wuchs es sich aus zu einem Rummel über dem er wandelte wie durch rot illuminierte Götterspeise, Arm in Arm mit seinem linken Gesichtsfeldverfall, und sich an Zuckerwatte überfraß….

Sich wie ein beseelter Stein fühlend lugte er zu Eudämonia rüber.

Den Kopf leicht gesenkt kräuselte sie die Brauen, rauchte und schien ein quengliges Gesicht zu ziehen. Entweder brütete sie über einer der durchgekauten Fragestellungen aus der "Phänomenologie des Geistes" (Heute war "Das unglückliche Bewusstsein" an der Reihe) oder sie heckte irgendwas aus oder aber sie hob an auf eine völlig andere Art wie er zu träumen, grübelte er und warf einen verstohlenen Blick auf ihre orthopädischen Schuhe, welche Gewehr bei Fuß standen. Irre grinsend hob er den Blick und starrte hinaus.

Urplötzlich erschien direkt vor ihn eine Horde grüner Affen, hangelte sich hinab auf die Gleise und machte Sperenzchen. Und aus den Front– und Heckscheiben der parkenden Autos auf der gegenüberliegenden Straßenseite lugten lauter rußiger Gesichter, und nur weil er sich selbst beim Perplexsein zu sah, wähnte er sich noch bei Verstand. Die Affen verschwanden doch die Gesichter blieben. Er riss sich los und kollidierte mit Eudämonias orthopädischen Schuhen, unheimlich gross und über ihm schwebend. Mechanisch ließ er die Kippe in den Ascher purzeln und duckte sich weg. Meine zwei Sorten Glaukomtropfen plus das Hanfgelumpe, schwante es ihm. Macht die Inkarnation ihres Traumas…

Steifnackig wandte er sich ihr zu. Mit fidel scheinender Miene richtete sie den Blick geradeaus, rang die Hände und knickte ihr linkes Bein ein. Unter den Schuhen verbargen sich die Muttermale ihrer verflossenen Liebe, ihre verkrüppelten Füße. Intelligente Männer bewunderte sie abgöttisch, doch ihr Guru trieb es noch mit einer weitaus jüngeren treudeutschen Landpomeranze. Kurzum es gab einen erbitterten Ehekrieg und eines Tages warf sie sich vor die Straßenbahn. Danach besuchte er sie einige Male in Bonnies Ranch und wenn sich heute zufällig mal ihre Wege kreuzten bekam sie hysterische Anfälle. Ratlos wandte er sich wieder ab und lugte nach oben. Ihr Trauma hatte die Fühler eingezogen wodurch er sich ermutigt fühlte einen Blick Richtung Straße zu riskieren.

Auch die Autos sahen wieder normal aus. Vielleicht geht der Rausch den Bach runter, freute er sich. Zeit ein wenig Eigeninitiative zu entwickeln. Er hob den Blick und fixierte das Allianzgebäude. Selbst der blaue Schriftzug obendrauf verlor seinen Glanz so sehr er auch drauf starrte. Langsam wandte er sich den Bahnhof zu und ließ sich durch den Lampenfortsatz inspirieren. Tatsächlich es klappte.

Da war sie wieder die Mojavewüste durch die er im gleißendem Sonnenlicht mit seinem Möchtegernschulfreunden im Cowboykostüm ritt. Unendlich lange und immer zur selben Melodie: Once Upon A Time In The West… Ein schwarz- weißes Standbild ohne Dame an dessen Rändern sich der Tot brach…

Geblendet wandte sich Big Boy ab, tastete nach den Zigaretten, nestelte eine raus, führte die Packung zum Mund, schnappte sich den Filter, rauchte sie an und ließ den Blick über die Gegend schweifen.

An helllichten Tagen träumte er so gut wie nie. Dafür war er zu skeptisch und abgeklärt. Höchstens während er onanierte. Weil ihm allmählich die Wichsvorlagen ausgingen. Denn in der Typenauswahl war er geschmacklich eine Art reiner Ästhet. Seine nächtlichen Träume hingegen hielten was sie versprachen. Jedoch kurz nach dem Aufwachen hatte er Mühe sie sich zusammen zureimen.

Beim Sex bevorzugte er 3 – 4 Positionen, und zwar immer solche bei denen er den "Partner" bzw. die "Partnerin" unter Kontrolle hatte. Bei den "Partnern" war es eine Position mehr… Taschenbillard spielend kostete er seine Erektion aus. Geradezu trafen sich zwei S–Bahn-Züge und die vorüber huschenden Lichterstränge gaben den nötigen Funken. Seine Erektion piesackend fuhr er fort, es sich alle Register ziehend auszumalen und nach einem Weilchen spürte er seinen Slip feucht werden. Tief einatmend nahm er die Hand raus, genoss seine Camel und dachte über ihr Verhältnis nach.

Vorigen Sonnabend nach der Runde unterhielten sie sich unter vier Augen und sie brachte die Sache mit den "Frozenmann" an. Nichts erwidernd zuckte er mit den Schultern. Durch eine Anzeige im Internet war er dazu gestoßen, weniger aus Interesse, mehr aus Neugierde. Ihm hinterhältig zulächelnd stand sie auf und humpelte aufs Klo. Derweilen schmökerte er in ihrem Konspekt, konsumierte seinen Jagetee und zündete sich eine Camel an. Als sie zurückkam umschlang sie ihm von hinten und rieb ihre Wange an seinen Bartstoppeln. Er hörte auf zu lesen, zog seinen Kopf aus der Affäre und sie musterten sich ein Weilchen. Ihm fiel auf dass sie sich entgegen der Gewohnheit die Lippen und Brauen fett angemalt hatte. Muss wohl daran liegen dass ich vorhin einige Sachen auf den Punkt gebracht habe, dachte er. Obwohl ich die ganze Zeit über wie ein Honigkuchen in mich hinein geschmunzelt habe und meine Ecke hütete, verdamm mich…

Er wusste auch nicht was in ihm fuhr. Plötzlich stuckte er die angerauchte Zigarette in den Ascher, riss sich herum, packte sie bei den Hüften und vergrub das Gesicht in ihrem Schoss. Konnte sein dass es an ihren hautengen Leopardenleggins lag, vergegenwärtigte er sich. Leider trug man sie nur noch selten. Er fuhr einige Male mit der Zunge drüber, nahm den Kopf zurück und sah zu ihr auf. Mit einem wissenden Lächeln reichte sie ihm die Hand. Er erhob sich und sie schlenderten nach hinten ins Schlafzimmer.

An der Tür klebte ein Schildchen mit der Aufschrift "Privat". Nun hat mich also das Gestirn der Runde an der Angel, dachte er, während sie eintraten. Stumm kleideten sie sich aus und er rekelte sich rücklings aufs Bett. Bevor sie sich zu ihm gesellte, zündete sie die Reihe Teelichter auf ihrem Schreibtisch an und löschte das Licht. Er hob den Kopf und schmulte nach ihren Füßen, weil ihm interessierte, was die Tram noch drangelassen hatte. Am linken fehlte die vordere Hälfte und am rechten die Zehen. Er ließ den Kopf wieder sinken, starrte an die Decke und wartete. Kurz darauf vernahm er ihr Humpeln. Sie stieg zu ihm auf und legte sich hin. Zwar wusste er was zu tun war aber nichts von ihren speziellen Vorlieben. Geruhsam wälzte er sich auf den Bauch, ackerte sich runter auf Pelzchenhöhe, spreizte ihre Schenkel, zwängte seinen Kopf zwischen und begann sie zu lecken. Von unten zur Klitoris und wieder von vorn. Sie wurde nass und krallte sich hastig atmend in sein Haar. Er sah kurz zu ihr auf, hob den Hintern und richtete seinen Ständer. Die Füße in seine Lenden stemmend wartete sie ab. Ihre langen Loden fielen schief über das Kissen. Mit drallem Becken und wohlproportionierten Brüsten reichte sie ihm bis zur Schulter. Er griff ihr unter die Oberschenkel und schleckte seinen Radius… Sie begann zu wimmern und nahm ihn bei den Ohren und er spürte wie sie ihr Haupt hin und her wand. Das Tempo erhöhend schöpfte er die gesamte Bandbreite aus. Ab und zu blickte er zu ihr auf. Er sah nur noch ihr Kinn zwischen den sich hebenden und senkenden Brüsten.So mag ich’s besonders, freute er sich und fuhr fort zu schlecken. Zusammen kamen sie. Nach dem sie etwas zu Atem gekommen waren robbte er zu ihr hoch, knutschte ihre Lippen nass, rollte sich auf den Rücken und starrte relaxend an die Decke.

"Huch bin ich Happy!", jauchzte sie plötzlich und schwang sich hoch. "Ich geh dann mal noch ein bisschen an meinen Hegel…" Hastig knetete sie seine Eier, stieg aus dem Bett, zog sich ihren Bademantel über und wetzte nach vorne zu ihren Büchern. Nach einer Weile quälte er sich hoch und ging pissen.

Auf dem Weg zur Kloschüssel überflog er wie immer die an den Wänden klebenden Comicbilder mit den Debor- und Marxsprechblasen, schlenderte weiter, nahm seinen Schwengel zwischen die Finger und drückte als ob er an Verstopfung litt.

Den Tag darauf zog er bei ihr ein, behielt aber seine Wohnung in der Boxe.

Wegen der Weltwirtschaftskrise bekamen sämtliche kommunistischen Zirkel regem Zulauf und Eudämonia war der Ansicht um Marx zu begreifen müsste man sich zuerst mit Hegel befassen. Bevor er sich zu der Runde gesellte hatten sie bereits seine zwei Bände Logik durchgearbeitet und rundum musste jeder von ihnen das nächste Kapitel zusammenfassen. Aber in die "Phänomenologie des Geistes" vernarrte sie sich nach Strich und Faden und mit den Werken von Marx war sie regelrecht verheiratet.

Zum Frühstück aßen sie täglich zwei frische Käse – oder Wurstbrötchen, tranken einen Milchkaffee und rauchten ihre erste Zigarette. Währenddessen sie das folgende Kapitel der "Phänomenologie" konspektierte griff er sich Descartes’ "Abhandlung über die Methode" und vergrub sich drin. Ab und zu sahen sie auf und küssten sich.

Die Hauptwerke von Kant, Descartes, Schopenhauer, Hegel, Marx, Engels, Lenin, Mao, Freud, Reich, Lukacs, Debor, Dutschke und Adorno hatte er bereits die Jahre davor konspektiert: Immerhin der beste Zeitvertreib um Geld zu sparen, die tägliche Sinnlosigkeit zu strukturieren sowie sich mental zu wappnen, war er der Ansicht. Gegen Mittag legten sie eine produktive Pause hinten in ihrem Privatgemach ein, in welcher er Position zwei und drei testete und danach die ganze Sache wieder von vorn anging.

Aber gestern Abend kriegte sie einen ihrer spleenigen Rappel. Sie ließ ihre Bücher sein, stand auf, schlüpfte aus dem Bademantel, wetzte zum Bett, haute sich neben ihn hin, schmiegte sich an ihn und säuselte: "Ich bin ein ganz kleines Mädchen, hmmmm… Ein klitzekleines Mädchen." Und schließlich pflanzte sie sich auf seinen Podex und begann ihn zu massieren. Jedoch anstatt sich zu regen schrumpfte sein Geschlechtsorgan auf Murmelgröße. Er schloss die Augen und markierte den toten Mann.

Nach einer Weile verlor sie die Geduld, sattelte ab und brüllte: "Ich muss fließen verstehst du!? Aber du willst das ständig dominieren! - Ach leck mich doch du Volltrottel!" Wutentbrannt schwang sie sich vom Bett, wetzte zur Tür und riss sie auf. "Ich schieb denn mal ne Kassette von Herman van Veen ein! Ich kenne doch deine geheimsten Träume!" fuhr sie fort zu brüllen und startete Richtung Vorderzimmer durch.

Vorigen Dienstag hatten sie sich nämlich bei einer Flasche Kokinelli in Anwesenheit ihres vollbärtigen altachtundsechziger Verehrers die Bälle zu geworfen und der Freak gab seinen psychoanalytischen Senf zu…  

Wie gelähmt mit dem Bettzeug verwachsend und mächtig geschockt ließ er’s über sich ergehen: Ihre Brüllkanonade erinnerte ihn an die Ausbrüche seiner Mutter, deren Grabstellenlimit nächstes Jahr ablief.

Noch am selben Abend packte er seine Tasche, ging an den Kühlschrank, riss ihn auf, langte nach der angebrochenen Pulle Aquavit, kiekte ihn wieder zu, stahl sich aus der Wohnung und lötete sich unterwegs nach Hause zu.

Gestern gegen Mittag rief sie ihn überraschend an und bat ihn weiterhin an der Runde teilzunehmen. Wir können zwar ab und zu noch miteinander vögeln aber die theoretische Arbeit erachte ich als wichtiger… Ich endlieb mich eben auch rasch wieder", machte sie ihm klar und legte auf.

Beinahe quarzte er den Filter heiß. Hastig ließ er die Kippe in den Ascher fallen und checkte die Aussicht. Affen und Gesichter schienen endgültig verschwunden zu sein. Auch die unterschiedlichen Noten des Blaulichts gaben nichts mehr her. Steiflastig wandte er sich Eudämonia zu. Blindlings trafen sich ihre Blicke. Instinktiv musste sie auf denselben Riecher gekommen sein. Vorige Nacht in einem seiner Träume, besann er sich seltsamerweise, hatte sie sich in einem weinenden Phallus verwandelt, der sich mit einer Grabwespe stritt während er dazwischen stand und lauschte. Schließlich stieg die Wespe auf, attackierte ihn von hinten und stach ihm in die Kranzfurche. Er sank nieder und statt seiner erschien vor Big Boy’s Füssen urplötzlich eine sterbende mit den Flügeln schlagende Fledermaus… Rasenden Herzens und konfus wachte er auf und fuhr hoch.

Eventuell war’s ja mein herausgerissenes Herz oder das Trauma wahrer Liebe, fantasierte er sich zu Recht, kam wieder von ab und versuchte die Sache mit gewohnter Skepsis anzugehen, derweilen Eudämonia und er sich im Fadenkreuz behielten.

Vielleicht bestand der Liebreiz aus nichts weiter als unterschwelligen Schönheitsnormen, Mutteridolen, sexuellen Erwartungshaltungen oder Gewohnheiten sowie aus verdrängter Agoraphobie, mutmaßte er, ohne mit der Wimper zu zucken. Eudämonia schien sich eins zu feixen.

Big Boy jedenfalls hoffte so schnell wie möglich fündig zu werden. Zwecks der drei bis vier Positionen auf der Endlosschiene. Kunststück es so zu gestalten das es nicht langweilig wurde, schloss er, ließ ein Zahntriefendes Grinsen stehen, wandte sich dem Fenster zu, nestelte eine Camel aus der Packung und rauchte sie an. So ne Art dreckiger Sisyphosarbeit, schwante es ihm. Donner Schock aber auch… Weise schmunzelnd hörte er sie davon humpeln. Aber wenn ich so meine Laterne hebe wird’s langsam aber sicher genauso sinnlos von zu träumen…

Die Lulle im Mundwinkel drehte er sich um und schlenderte Richtung Flur. Die Tür zu ihrem Privatgemach stand sperrangelweit offen und die brennenden Teelichter verbreiteten eine anheimelnde Atmosphäre. Er ließ sie links liegen, zog sich seinen Ledermantel über und machte dass er raus kam.

Als er aus dem Hauseingang trat knurrte ihm der Magen. Im "White Trash Fast Foot" in Mitte gab’s um Mitternacht ein Konzert der Band "Rummelsnuff". Er sah auf die Uhr. In gut dreißig Minuten, dachte er. Mit ner Droschke müsst es eigentlich dicke zu schaffen sein. Er wandte sich nach links und marschierte los. In der Nähe des Bahnhofs winkte er sich ein Taxi heran, stieg ein und gab die Adresse an.


 

Barbara Skop
Auf dem Weg zum See    

 

Kaum hatte ich die schwere Messingklinke unserer Wohnzimmertür, mit dem geriffelten, tropfenförmigen Knauf, der mich an das Haus einer Weinbergschnecke erinnerte,  herunter gedrückt, stand ich auch schon im hohen Flur unseres Mietshauses.

Die Türklinke reichte mir zu jener Zeit bis zu den Schultern.

Ich hatte weiße Kniestrümpfe an, die immer ein wenig ins Fleisch schnitten, weil der Gummi am Rand zu straff war. Am Abend zeichnete sich an meinen Waden ein Muster ab, und genau an diesen Stellen juckte es dann jedes Mal unaufhörlich. Der weinrote, karierte Plisseerock, den ich an diesem Tag trug, war am Bund zweimal umgekrempelt. Er war noch etwas zu groß; ich hasste Röcke. Aber er galt als besonderes Kleidungsstück und sah jederzeit schick aus. Flecken sah man so gut wie nie, und er knitterte nicht. Ich konnte ihn den ganzen Sommer über tragen. Er war von Tante Elli- fast jedes Kind hat so eine Tante Elli-, die gar nicht meine Tante, sondern eine entfernte Verwandte war. Wir nannten sie nur so. Sie schickte uns ab und zu ein Packet mit sehr schönen Sachen.

 

Damals wohnten wir im ersten Stock, und ich hatte kaum Mühe, die steile Treppe in wenigen Sätzen hinab zu springen. Viel anstrengender war es, nach wildem Spiel die hohen Stufen, die entweder fürchterlich staubig waren oder aber alle vierzehn Tage nach Bohnerwachs rochen, zu bewältigen. An der Haustür war eine glatte, unförmige, langweilig moderne Aluminiumklinke angebracht, bei der sich hin und wieder der Stift löste. In diesem Fall schob Frau Fischer, eine aufgedonnerte Witwe und unsere Vermieterin, einen riesigen, herrlich robusten Holzkeil, aus dem grobe Splitter herausragten, unter die Tür. So stand die Haustür meist den ganzen Tag offen. Abends wurde sie dann abgeschlossen. Jede Mietpartei hatte einen solchen Schlüssel und war dazu angehalten worden, die Tür Punkt neun abends, im Winter aber schon vor Anbruch der Dunkelheit, zu verschließen.

 

Vor mir lag nun die Straße. Sie war mit einer unebenen, langen, nacheinander angeordneten Steinplattenkette gepflastert, die aber immer vor den Toreinfahrten endete und in ein mit verschiedensten Holpersteinen befestigtes Durcheinander mündete. An dieser Stelle mussten wir Kinder unsere Rollschuhe entweder abschnallen oder vorsichtig hinüber staksen. Zu beiden Seiten waren kleine Steinwürfel in mühevoller Arbeit eingehämmert worden. Ich ging rechter Hand die Steinstraße hinunter. Die leichte Neigung widersprach irgendwie meinem Vorhaben.

 

Ich wollte behutsam, ja feierlich, in Vorfreude auf das Kommende, meinem Ziel, das sich letztendlich in zwei zeitlich und bildlich zutiefst widersprüchlichen Erlebnissen ausdrückte, entgegen schreiten.

 

Zeit misst man ja nicht nur; auch fühlt man Zeit- als quälend endlos, herrlich weit, mit Leichtigkeit und Genuss verrinnend oder zu schnell dahinjagend.

Und wie fühlt man sich gegenüber der Zeit? Man fühlt sich ihr machtlos ausgeliefert. Man fühlt sich ohnmächtig und verzweifelt, aber auch beruhigt - wegen ihrer Unaufhaltsamkeit, wegen ihrer Flüchtigkeit, wegen ihrer Fähigkeit, sich uns einfach zu entziehen, sich schmerzhaft schnell uns zu entreißen oder sich uns aufzudrängen, aber auch uns die Verantwortung für das Vergehen abnehmend…

 

Ich liebte nun zum einen diesen überwältigenden in Zeitlupe herannahenden Augenblick, in dem das trostlose Bild der heruntergekommenen Fischbänkenstraße in Bruchteilen von einer Sekunde in die lebende mal sanfte- mal tobende Idylle umkippte - und dann wieder mit einer Zuverlässigkeit die ungeheure zeitliche Weite bot, die der Ruppiner See für mich war.

Der Anblick entführte mich in ein "Überglücklichsein". Immer abwechselnd atmete ich bis an die Grenzen tief ein/aus und hielt dann den Atem an…, bis ich das Gefühl hatte, mit der Natur eins zu sein; ja, bis ich das Gefühl hatte, mich wieder zu haben.

 

Nun wollte ich doch dorthin nicht geschubst werden! Ich wollte noch Zeit haben, um mich auf diesen glückseligen Zustand vorzubereiten.

Ich wollte wirklich bereit sein, um in diese Stimmung eintauchen zu können, ja die verstreichenden Momente leibhaftig zu spüren. Ich wollte jeder Sekunde, jedem kleinsten Augenblick eine Empfindung entgegensetzen, ein bestimmtes Gefühl zuordnen können.

Ich wollte das erstrebenswerte Verhältnis zwischen den Dingen und der nötigen Zeit dazu finden - die Zeit greifbar machen, die diese Dinge brauchen, wenn sie diese Zeit und die Erinnerung verdienen -, um deren Augenblicke tief ins Gefühl und damit ins Gedächtnis zu brennen.

 

Niemand wird bestreiten, dass die Dinge, die wir erlebt haben und die mit einem riesigen Gefühl verbunden waren, niemals mehr vergessen werden.

Hingegen die Dinge, denen wir nicht genügend Gefühl entgegenbringen und eine gewisse Andacht, Bedächtigkeit, Demut, Konzentration verweigern, sind im Nu in uns hinabgestürzt.

Natürlich muss unbedingt vieles in uns hinabstürzen.

Aber die Dinge, die wir uns bewahren wollen, sollen wir mit unserem ganzen Dabeisein in uns aufnehmen, einatmen.

Wir Erwachsenen erleben diese intensiven Momente so selten. Die uns begrenzenden Alltäglichkeiten, die unser Leben auszufüllen scheinen, zeigen sich mitunter so überzeugend, dass wir selber daran glauben, ja daran glauben wollen. Manchmal sind sie aber auch unentbehrlich, weil sie für die Wunden in unseren Herzen lebenswichtiger Balsam sind.

 

Es war nicht so, dass ein Tag einfach linear so vor mir lag; so und so viele Erlebnisse für mich hatte, das ahnte ich spürbar, sondern es waren zahllose miteinander verstrickte, sich mit aus anderen Zeiten verbindende und sich verselbstständigende Eindrücke, Gefühle, Empfindungen, durch die sich der Tag in mir niederschrieb.

Diese Erlebnisse brannten sich unter meine Haut, in mein Gehirn, in meine Seele, denn ich hatte und nahm mir die den Erlebnissen entsprechende notwendige Zeit und erlebte mit allen Sinnen.

So konnte ich das in mir Aufgenommene als Lebenslust, Bestürzung, grenzenloses Glück -und was auch immer- wieder freilassen und zurückgeben.

 

Nach so einem Tag hatte ich keine Lust mehr, die zwar nur leicht aber stetig ansteigende Straße zu bezwingen. Ich war erschöpft.

Ich mochte es überhaupt nicht, zu irgendetwas gezwungen zu werden. Ich wurde dann immer ungelenk. Alles stand sich in mir selbst im Weg, so dass ich für die einfachste Tätigkeit riesige Kräfte aufbringen musste.

Geblieben von all dem sind die Erinnerungen an diese tiefen Empfindungen und Gefühle, die ich jetzt begreife und vor allem mir erklären kann.

 

Es gab eine Reihe möglicher Wege, auf denen ich an mein Ziel gelangen konnte. Nur drei davon aber kamen in die engere Wahl. Andere waren entweder zu weit oder aber war es mir verboten worden, diese allein zu gehen.

Dann später übrigens, auf dem Heimweg, benutzte ich, mir unverständlicherweise, wie von Geisterhand geführt, immer dieselbe Straße; eine mittelalterliche Gasse, die wie aus einer anderen Welt geschaffen war, als ob ich nun selbst nach der Berührung mit meinem See, auch einer anderen Welt entsprang. Jedenfalls schien sie zusammengeflickt; kein Stein, kein Strauch, kein Baum passten zueinander. Vielleicht stimmte sie aber auch deshalb in sich in ihrem Ungeordnetsein. Sie führte an der zerfallenen Stadtmauer, auf der unzählige Glasscherben eingemauert waren, die vor Eindringlingen zu Zeiten der Burgen und Schlösser die Stadtbewohner schützen sollte, entlang, und sie barg die Gefahr, einem "Kinderschänder" zu begegnen. Doch sicherte sie mir auf dem Heimweg das Alleinsein, das ich nach meinen Abenteuern und Erlebnissen suchte und genoss. Ich hatte zwar manchmal Angst, dennoch siegte der Drang, das Erlebte ungestört in mir nachwirken zu lassen. Es steigerte mein Lebensbewusstsein, es steigerte mein Lebensgefühl- und wog alle Gefahren auf.

 

Doch jetzt zog es mich ja an einen meiner Lieblingsorte, zum See an der großen Wichmannlinde.

 

Ich beschloss, die mir bekannteste Route einzuschlagen. Sie gehörte zu dem Karree, das für uns Kinder aus der Nachbarschaft immer eine Rollschuhrunde bedeutete. An der zweiten Ecke war ein klitzekleiner Konsum, der von einer dicken, schwerfälligen, unfreundlichen Mittefünfzigerin beherrscht wurde. Ich ging fast jedes Mal, wenn ich vorbei kam, in diesen unscheinbaren Laden, um herauszufinden, warum die Verkäuferin so mürrisch, ja bärbeißig war. Aber egal, wie ich mich verhielt, sie wirkte immer übel gelaunt. Ich kaufte Lebensmittel nur dort; ich wollte ihr zeigen, dass ich es ernst meine und keine freche Göre bin; dass ich mich nützlich machen kann, meistens keine Grimassen schneide und ihr auch nicht "alte Kuh" hinterher rufe, weil noch niemand von uns Kindern sie je freundlich sah. Später aber gab ich meinen guten Willen auf und ignorierte sie beim Einkaufen, sprach nur das Notwendigste, packte die Sachen ein und ging.

 

Als es sich unter uns Kindern herumsprach, dass es woanders Stieleis und den von uns heiß begehrten "Kalten Kuss" gab -das war ein sahnehaltiges, in Silberpapier eingewickeltes Vanilleeis, das zu einem Großteil mit einer dünnen Schicht Halbbitterschokolade überzogen war und damals 35 Pfennig kostete-, wechselte auch ich den Lebensmittelladen. Neben der gläsernen Tür des Konsums, die mit einer quer angebrachten, immer kühlen Metallstange versehen war, thronte eine freundliche, immer zu einem Spaß aufgelegte Verkäuferin. Sie war wohl auch so um die fünfzig und hatte graues, leicht dauergewelltes, nach hinten gekämmtes Haar, das sie versuchte, mit zwei großen, gelbbraun melierten, leicht gewölbten Hornkämmen, wie ich sie auch von meiner Großmutter kannte, zu bändigen. Hinter ihrer randlosen Brille lauerten zwei freundliche, stets spitzbübisch dreinblickende, blaue Augen.

Die andere Verkäuferin, die hier beschäftigt war, hatte glattes, rabenschwarzes Haar und war übermäßig stark geschminkt, so dass sie von weitem etwas finster wirkte, aber in Wirklichkeit burschikos, witzig und auch sehr freundlich war. Sie schaute mir manchmal, wenn der Laden nicht so voll war, hinterher, was ich bedeutend fand. Einige Jahre später verdiente ich hier in den Ferien mein erstes Geld, wovon ich mir den ersten, heiß ersehnten Plattenspieler kaufte.

 

Aber mein eigentlicher Weg führte mich an diesem Tag weiter quer über den Rollschuhplatz. Links davon lag der kleine Spielplatz mit den Kettenschaukeln und die Heißmangel, die von einem kinderlosen, älteren Ehepaar geführt wurde.

Etwa einmal im Monat belud meine Mutter den kleinen Holzhandwagen, der mit festen Gummirädern ausgestattet war, mit unserem schön geflochtenen Wäschekorb, in dem sich die draußen durch Wind und Sonne getrocknete, duftende Wäsche befand. Ich durfte den Wagen bis vor die Tür der Heißmangel kutschieren. Dann aber kam der ältere Herr und holte den Korb in den Parterre gelegenen, feuchtwarmen Raum. Hatten wir einen Termin, konnten wir die Wäsche gleich dort mangeln. Manchmal war es sehr still, wunderbar still, und die Arbeit ging voran, als ob wir uns in einer Geheimsprache verständigt hätten. Das Arbeitstempo schrieb uns die monoton, träge vor sich hin drehende Heißmangel vor, so dass wir uns nicht vorwerfen konnten, eventuell zu langsam zu arbeiten. Meistens ging es sehr heiter zu. Sie trieben sehr oft ihre Späße mit mir, und ich wusste manchmal nicht, was ich davon ernst nehmen sollte. Wenn sie mich so nachdenklich sahen, lachten sie über mich- aber nie bösartig. Ich war ihnen sehr zugetan.

Der Ablauf beim Wäschemangeln war ziemlich einfach. Meine Mutter und ich falteten zum Beispiel ein Bettlaken erst auseinander, hielten jeder die zwei Ecken der jeweils kürzeren Seite, gingen soweit auseinander, bis sich das Laken straffte und kräuselten es dann längst zusammen. Das geht so: Man lässt die Finger und den Daumen der rechten und der linken Hand mit dem gestärkten Wäschestück aufeinander zulaufen, bis sich beide Hände treffen, spannt sie zu zwei Fäusten und reibt sie schnell, immer abwechselnd aneinander, aber im gleichen Rhythmus wie sein Gegenüber. Nach dem Auseinanderfalten streicht man das geschmeidige Wäschestück glatt und legt es vorsichtig auf gleicher Höhe an die heiße, ständig rotierende Walze, die sich das Wäschestück greift, es verschlingt und immerfort drehend gegen die Heizplatte presst. Nach wenigen Augenblicken wird es, kaum noch wieder zu erkennen, auf der anderen Seite der Mangel sichtbar.

 

Rechts, neben dem Rollschuhplatz, der zwischenzeitlich auch als Autoteststrecke und im Winter als Schlittschuhbahn genutzt wurde, lag da diese Fischbänkenstraße. Sie bestand aus winzigen, zerfallenen zweistöckigen sich aneinander schmiegenden und sich gegenseitig haltenden Häuschen, die mich heute an dickbauchige Trickfilmhütten erinnern. Man hat wohl vergessen, sie abzureißen oder rechtzeitig instand zu setzen, denn sie drohten schon beim Betrachten einzustürzen. Nun musste man sehr vorsichtig über die Straße gehen. Nicht, dass hier riesiger Autoverkehr herrschte, es war wohl eher eine ruhige Straße, aber ab und an krachte ein russischer Militärwagen vorbei, der einen in Angst und Schrecken versetzte. Die Soldaten fuhren sehr beherzt und sahen auch die Bordsteinkanten nicht als wahres Hindernis. Sie waren mir nie so ganz geheuer. Man erzählte sich viel. Sie behausten am See eine riesige Kaserne, vor der eine unscheinbare Mauer hochgezogen war. Im so genannten "Russenmagazin" durften auch Deutsche einkaufen. Es gab dort wunderbare Sorten verschiedenster Waffelpralinen, die in glänzendes Papier eingewickelt waren. Man konnte sich eine bunte Mischung zusammenstellen lassen. Die Pralinen wurden dann in eine hellgrüne oder graue, stumpf wirkende, spitze Papiertüte hineingeschüttet. Das Überraschende für uns Kinder war dann immer, dass man aus so einer ollen Papiertüte, die herrlichsten Pralinen der Welt herauszaubern konnte. Auch gab es da mal Bananen oder Apfelsinen oder Mangosaft, wenn es in allen übrigen Läden nichts Vergleichbares gab. Trotzdem war ich als Kind immer sehr froh, wenn wir wieder aus dem Backsteinbau heraus waren. Es war ein Gebiet, das man lieber mied. Soldaten sah man kaum. Nur manchmal liefen zwei Uniformierte eilig umher, um das riesige Eisentor zu öffnen. Ein Militär-LKW kam in der Regel dann herausgedonnert. Ich zuckte jedes Mal höllisch zusammen. Im Winter sah man die Soldaten gelegentlich mit freiem Oberkörper und barfuss durch den Schnee preschen. Im Sommer profitierten sie von der Lage am See. An dem klitzekleinen Strand, an dem sonst die Schwäne hoch gewatschelt kamen, schoben sie ihre Fahrzeuge ins Wasser, um sie kostengünstig zu reinigen. Einmal bin ich nachts aufgeschreckt. Da kam die Feuerwehr. Die Offiziere hatten lange gefeiert und gesoffen. In der Kaserne loderte ein Lagerfeuer bis tief in die Nacht. Am Morgen war der Dachboden heruntergebrannt. Das Haus wäre sicher längst abgerissen worden. Aber man schreibt das Jahr 1996, es ist inzwischen viel geschehen. Und - das Land hat neue Herren.

 

Noch unzählige Male machte ich mich in meiner Kindheit und Jugend auf den Weg zum See. Zwei der entscheidendsten und unglaublichsten Glücksmomente erlebte ich als Kind, wenn ich in Vorfreude, mit genauen Vorstellungen vom letzten Mal und aber auch neuen Erwartungen durch die Straßen diesem Ort entgegenlief, dann genau dort innehielt, wo das Bild dieser vergessenen Gasse in eine nie erwartete Idylle umkippte; wo dieses Bild mir die Möglichkeit offenbarte, dass sich das menschliche Leben mitunter ebenso verhielt, dass vielleicht die für einen stehenden Dinge manchmal in einem winzigen Augenblick ebenso umkippen und sich ins Gegenteil verkehren konnten. Dieses Gefühl gab mir eine gewisse Zuversicht und Vertrauen zu meinem Körper und in die Natur der Dinge, Vertrauen -aber auch eine gewisse Wachsamkeit- zu dem sich außen abspielenden Leben und zu dem Sinn einer scheinbaren Unordnung.

Und obwohl ich diesen wundervollen Ort schon so oft genossen hatte, stand ich letztendlich doch immer wieder fassungslos, staunend und gierig alles in mich aufnehmend vor diesem mich tief beeindruckenden Fleckchen Erde.

 

Hier konnte ich meinen Gedanken, meinen Gefühlen und vor allem meinen und meinem Sinnen freien Lauf lassen. In dieser Urlandschaft fühlte ich, wie Energien in meinen Körper zurückströmten, die mir der Alltag gnadenlos abzapfte, wie sich der Stau in meinem Kopf löste, wie ich die Kraft meines Körpers wieder fühlte, wie sich die Teile in mir wieder zu einem harmonischen und übereinstimmenden Ganzen zusammensetzten.

 

Hier, an meinem See, hatte ich erstmals den Verdacht, dass dies eine Möglichkeit ist, durch ein für sich selbst aufgedecktes und geklärtes, tief gefühltes Zeit-, Gedanken- und Gedächtnisgeflecht das eigene Leben zu verlängern.

Hier erlebte ich den Verdacht, dass uns vielleicht statt eines linearen Denkens ein räumliches Denken ein tiefes und lang gefühltes Leben ermöglicht.

 

Auch heute noch führen mich die Sehnsucht nach Lebenstiefe und die Suche nach Antworten und der nie abreißende Strom von geklärten und ungeklärten Momenten - scheinbar in meinem wohlbehüteten Rucksack verstaut - immer wieder auf den Weg zum See. Ich habe in meinem unglaublichen "Glück" Synonyme für meinen "Weg zum See" gefunden, die ich als göttliche Schlüssel des Sehens, eines entwirrenden Sehens empfinde, so dass es mich immer wieder erneut in einen Zustand des "Mit mir im Reinen sein" führt.

Ich denke, das ist Glück! Ich denke, das ist "Ich- Glück". Und wenn das jeder für sich finden könnte…!

 

Es ist ein Genuss, und es ist befreiend, die schmerzhaft kurzen Momente, nochmals nachzuerleben, sie zu konservieren und dabei die ungetrübte Hoffnung zu haben, keinen Moment wirklich zu verlieren,

die schmerzhaft langen Momente, endlich abzustreifen und einzumotten,

die glücklichen Momente, auf verschiedenen Ebenen und in Nuancen wiederholt zu erleben,

die traurigsten Momente des Lebens, endlich zu verarbeiten und die Trauer ausleben zu können.

 

Es ist ein wahres und hohes Fest des Verstandes und des Geistes und der Seele, all die geklärten und ungeklärten Momente aus verschiedenen Zeiten des eigenen Lebens fruchtbar zu verknüpfen, dieses wertvolle Geflecht aus Sinn und Sinnen, Gedanken und Gedächtnis, Gefühlen, Orten, Zeitebenen, in das eigene Herz zu brennen, sich großzügiger zuzulassen und ein schönes "Ich" daraus zu formen.

 

Vielleicht wird uns ja auch im Laufe unseres Lebens die Lebenszeit dann nicht immer schneller und schneller davonrennen. Vielleicht werden uns dann die erlebten Momente dicht an dicht zugänglich sein. Vielleicht fliegt uns so dann das Leben nicht davon.

 

Na ja, inzwischen wurde "mein Weg zum See", der mein Leben so wunderbar geprägt hat, zu einem anderen, "modernen" Leben genötigt.

Er hat sich nicht selbst prostituiert. Und er konnte sich bisher nicht wehren.

Aber irgendwann vielleicht können die großen Geister aus ihrer Verbannung mit einem neuen Weltbild zurückkehren.


 

Kerstin Janke
Der ewig Gestrige

 

Er war hoch gewachsen. Stets bedacht darauf, den Rücken gerade zu halten. Immer aufrecht. Seine Augen in ständiger Bewegung. Aufmerksam beobachtete er die Welt um sich herum. Das graue Haar gepflegt, adrett geschnitten. Sein langer schwarzer Mantel war altmodisch zwar, doch tadellos in Faltenwurf und Form. Sein Revier: Bahnhof Ostkreuz. Gemeinsam waren sie in die Jahre gekommen.

Fast täglich wandelte er umher, sog den Duft ein, den die Reisenden aus allen Himmelsrichtungen hierher brachten und vermischten. Oft stand er reglos auf dem Bahnsteig, die Hände auf dem Rücken verschränkt, forschend. Diese Geschwindigkeit, diese Rastlosigkeit. Das war früher anders. Damals kam man auch irgendwann an.

Oft half er älteren Damen die Treppen hinauf, stützte sie oder trug ihr Gepäck. Wenn sich eine dieser Damen bedankte, machte er eine dezente Verbeugung. Dies sei ja wohl das Mindeste, was er für eine solch edle Lady tun könne. Entzückt waren die Damen von ihm, allesamt.

"Hat der charmante Gentleman einen Namen?" fragte ihn einmal eine jener Frauen.

"Nennen Sie mich Paul", antwortete er, jedes Wort deutlich aussprechend, und küsste ihre Hand.

Immer dann, wenn sich der Berufsverkehr auf den Bahnsteigen drängelte, zog Paul sich ein wenig zurück. Zu hektisch geriet das Treiben dann, es machte ihm ein wenig Angst. Damals, als er so jung war, wie diese Umherpendelnden, war S-Bahn fahren noch etwas ganz Besonderes. Der Fahrschein war für ein Vermögen von zehn Pfennig zu haben. Für die Fahrt selbst putzte man sich heraus, Schuhe und Hut extra gesäubert. Die Kinder sprachen tagelang von nichts anderem. Überpünktlich stand man dann aufgereiht in knisternder Vorfreude auf dem Bahnsteig, grüßte mit einem Kopfnicken nach rechts und hob den Hut in linker Richtung. Ratternd fuhr das neumodische Ungetüm ein, Kinder jauchzten, Erwachsene gerieten in Aufregung. Meist ging die Reise dann an den Stadtrand ins Grüne, Sonntagspicknick.

Ja, früher, daran dachte Paul oft, während er versuchte, den vorbeieilenden Gesichtern einen Ausdruck, ein Gefühl zu entlocken.

Jeden Abend wartete er, bis allmählich ein wenig Ruhe am Ostkreuz einkehrte. Späte Reisende waren stets langsamer, gar glücklich manchmal. Still wandelte er umher, beobachtete, half einem Stadtstreicher seiner in zahllosen Plastiktüten verstauten Habe Herr zu werden. Die Nacht kroch die Bahnsteige entlang, ergriff Besitz von ihnen.

Die Frau vom Blumenhäuschen schloß ab und winkte ihm zu. Bedächtigen Schrittes trat er auf sie zu:

"Wie darf ich Ihnen behilflich sein, Lady?"

"Ach Mensch, Herr Paul", sagte sie, "ob ick Se wohl mal umen Jefallen bitte dürfte?"

"Immer gern", antwortete er in gewohnter Eleganz mit sanfter Stimme.

"Sie sinn doch eh immer hier. Ob Se wohl immer maln Blick uff mein Häuschen werfen könnten. Irgendwer hats letzte Nacht beschmiert. Ick jeb Ihn ochn bissl Jeld oder nen Blumenstrauss gratis."

"Ehrenwerte Lady ich helfe gern. Aber bitte keine dinglichen Almosen." Er verneigte sich ein wenig. "Verlassen Sie sich auf mich."

Die Blumenfrau war hingerissen, Dankesschwüre murmelnd ging sie davon.

Bedächtig lief er um das Blumenhäuschen herum. Er verstand diese Jugend von heute nicht. Was sollte es für einen Sinn ergeben, ein kleines Blumenhäuschen zu verschandeln? War dies moderner Kunst zuzurechnen, deren Zugang sich ihm verwehrte? Was war das nur für eine Welt geworden, in der solche Respektlosigkeiten stattfinden konnten.

Die Stunden verstrichen, der Nachtschwärmer wenige nur waren noch unterwegs. Paul nutze einen Moment, in dem der Bahnsteig verlassen dalag und durchsuchte mit geübtem Griff die Mülleimer. Er zog zwei Pfandflaschen heraus und steckte sie geschwind unter seinen Mantel. Peinlich berührt sah er sich um. Nein, zum Glück hatte niemand etwas bemerkt. Wäre dies eine gewöhnliche Nacht, ginge er jetzt auf einen anderen Bahnsteig, um dort ebenso nach zurückgelassenen Werten zu suchen. Doch heute würde er hier verweilen, er hatte der Blumenfrau sein Wort gegeben.

So schritt die Nacht voran, die Zeit hielt niemals an. Ehe man sich versah war das Heute schon zum Gestern geworden. Und das Gestern lange Vergangenheit. Die Nacht blieb so ruhig wie eine Ostkreuz-Nacht eben so war. Am Ausgang saß eine Gruppe Obdachloser, ihr Erscheinungsbild als Provokation. Sie zwangen die Fußgänger auszuweichen, pöbelten und feierten, so wie jede Nacht. Paul hatte sich mit ihnen arrangiert, man grüßte einander gar. Einst hatte einer von ihnen Paul eine leere Flasche hingehalten. "Hier Opa", hatte er gesagt. Paul hatte dankend abgelehnt. Eilig war er davon geschritten.

Als der Morgen dämmerte, wurde Paul von einem vorbeiratternden Zug geweckt. Er musste eingenickt sein, hier auf der Bank. Schnell stand er auf, ging um das Blumenhäuschen und, zum Glück, alles in Ordnung. Zusehens belebte sich der Bahnhof, Frühaufsteher trafen auf Nachtschwärmer. Auch die Blumenfrau kam früh und war nicht wenig verwundert, als sie Paul sah.

"Herr Paul, Se ham doch nich etwa die janze Nacht hier jesessen?"

Er hob die Hand zum Gruße. "Aber natürlich Madame, so war es versprochen." Untertänig neigte er den Kopf und zwinkerte ihr zu.

"Es hätte gereicht, wenn Se immer mal geguckt hätten, so lang Se eh hier sind. Dit kann ick nie wieder jut machen", sagte die Blumenfrau und fingerte ihr Portemonnaie aus der Manteltasche. "Nehmse doch wenigstens ein paar Cent."

"Werte Dame, bitte kein Geld", intervenierte er. "Ihr Dank ist mir Belohnung genug."

"Sie sin mirn komischer Kauz", rief sie kopfschüttelnd und widmete sich ihren Blumen.

Indes Paul war müde, er trat den kurzen Heimweg an. In seinem bescheidenen Heim angekommen hängte er seinen Mantel auf einen Bügel und strich ihn sorgfältig glatt. Ein wenig peinlich berührt nahm er die zwei Flaschen aus den Innentaschen und stellte sie zu einigen anderen auf die Flurkommode. Gedankenversunken betrachtete er sie. Was war nur aus ihm geworden? Er, der einst so weltgewandt und gebildet zur vornehmen Gesellschaft gehörte. Er, der damals eine viel beachtete Doktorarbeit verfasste, die halbe Welt bereist hatte und es liebte über Politik und Wirtschaft zu philosophieren. Heute stocherte er in anderer Leute Müll für acht Cent pro eroberten Pfandwertstück. Einen tieferen Punkt gab seine Skala des Lebens nicht her.

Langsam und behutsam legte er die graue Decke zurecht, die seinen alten Schaukelstuhl etwas gemütlicher machte. Dieser fristete ein einsames Dasein, nur ein kleiner Couchtisch leistete ihm Gesellschaft. Den Rest des Mobiliars hatte Paul schon vor langer Zeit verkauft. Damals hoffte er noch, dass diese Finanzspritze für den Start in ein anderes Leben reichen würde. Traurig setzte er sich nieder, wie so oft ganz von Melancholie befallen. Er griff das Foto, welches das Tischchen schmückte. Seine Frau war darauf, damals noch jung, so hübsch und fröhlich. Ja, damals gehörte sie auch noch zu ihm. Er betrachtete es und träumte sich in die Vergangenheit, in eine bessere Zeit. Gemeinsam hatten sie die Stadt durchstreift, Ausstellungen besucht, gemütlich in Cafes gesessen, sich geliebt. Gemeinsam hatten sie die Spree und ihre Ufer genossen, die Stadtluft geatmet, den Winter gehasst. In seinen Erinnerungen sah er sich immer und immer wieder mit ihr am Ostkreuz stehend darüber diskutierend, welchen Bahnsteig sie zu benutzen hatten, um an dieses oder jenes Ziel zu gelangen. Meist hatte sie Recht behalten, stets kam ein "Siehst Du, Du alter Zausel, Du kannst mir glauben" über ihre lächelnden Lippen. Dann kauften sie sich zwei Fahrscheine vom bereits zu Hause abgezählten Kleingeld und fuhren nach Hoppegarten, Erkner, Bernau. Eine schöne Zeit. Vergangenheit.

Sie war weg. Und mit ihr war das verschwunden, was für ihn das Leben war. Er zog sich mehr und mehr zurück, langsam entglitt ihm der Alltag. Unfähig seinen alten Weg fortzusetzen und gleichsam zu schwach einen neuen zu beschreiten, verrichtete die Zeit ihr retuschierendes, vertuschendes Werk. Heute, so schien ihm, lebte er mehr als Schatten denn als reale Person, strich umher, keine Arbeit, kein Geld, kein Sinn. So war er zum Beobachter, zum Tagträumer geworden, der die Allgegenwärtigkeit der Gegenwart kaum ertrug, der die Tage nicht mehr zählte, sondern nur deren Vergehen ersehnte. Der Bahnhof diente ihm als Tor zu seinen Gedankenreisen in die glückselige Vergangenheit.

Paul war eingenickt. Als er erwachte, war die Last des Gestern von seinem Schoß gerutscht; das Bild lag auf dem Boden, die Glasscheibe zerbrochen. Mühsam erhob er sich, sah einen Moment lang traurig die kleinen Splitter an und wand sich ab. Wie jeden Tag nahm er seinen Mantel und ging zum Ostkreuz. Was sonst sollte er tun?

So stand er wie er es immer tat auf einem Bahnsteig und sah den Menschen zu, die eilig ein- und ausstiegen, drängelten, schimpften. Ein kleines Mädchen hüpfte fröhlich über den Bahnsteig, zog seine Mutter hinter sich her.

"Du sieh mal, Mama", rief es. "Das ist der Opa, von dem ich Dir erzählt habe." Sie zeigte auf Paul. "Der mit den Flaschen." Sie zog ihre Mutter zu sich herunter und fügte flüsternd hinzu: "Er schämt sich deswegen ein bisschen." Paul fühlte sich zutiefst gekränkt, erniedrigt, erwischt. Hastig sah er sich um, Passanten blickten ihn an, so viele hatten es gehört. Er senkte den Kopf und wünschte nicht da zu sein, ach dieser Bahnhof, dieser Ort brachte ihm einfach kein Glück. Diese Schmach, er wusste nicht was er tun sollte, stand wie angewurzelt. Zu allem Überfluss steuerten das Mädchen und ihre Mutter auch noch direkt auf ihn zu. Die Mutter reichte ihm eine Plastiktüte voller leerer Flaschen und sagte leise:

"Die hat die kleine Maria für sie gesammelt."

Paul fühlte sich plötzlich unglaublich alt. Er hatte sich geirrt, als er sich sicher glaubte, nicht tiefer sinken zu können.

"Nein, nein", wehrte er verzweifelt ab. "Das kann ich nicht annehmen."

"Aber Sie würden Ihr eine große Freude machen. Sie will Ihnen helfen."

Maria sah Paul mit ihren großen, strahlenden Augen an.

"Ich kann noch mehr sammeln", flötete sie fröhlich. "Ich mache Dich reich. Und dann brauchst Du auch nicht mehr heimlich in den Mülleimern zu gucken."

Paul schloss die Augen. Das durfte einfach nicht wahr sein. Das war einfach mehr, als er ertragen konnte. Er nahm die Tüte wortlos, dies schien ihm der geeignete Weg zu sein, dieser unsäglichen Situation so schnell wie möglich zu entkommen.

"Darf ich Opa zu Dir sagen?" Marias helle Stimme drang wie aus großer Ferne an sein Ohr, Paul brachte keinen Ton heraus.

"Wir müssen jetzt gehen, Maria", sagte die Mutter endlich.

"Bis morgen", rief die Kleine noch, dann waren sie verschwunden.

Paul stand noch immer versteinert, wie im Schock, er musste sofort weg hier, er würde niemals wiederkehren. Wie ein gehetztes Tier schlich er nach Hause, warf seinen Mantel in eine Ecke und sank erschöpft in seinen Sessel. Warum war das Leben so grausam zu ihm?

Tagelang quälte er sich, konnte nichts essen, sank immer wieder in einen flachen Schlaf, versuchte vergebens Trost in den Gedanken an bessere Zeiten zu finden. Wütend zertrat er eines Morgens die ohnehin kümmerlichen Überreste des Bildes seiner Liebsten. Immer wieder dachte er an Maria, welch süßes Mädchen, wie fröhlich, wie unbedarft im Umgang mit der Welt.

Und dann wusste er, was er tun musste. Er zog seinen Mantel an, vergaß in der Eile, den Stoff zu glätten und eilte zum Ostkreuz. Bei der Blumendame kaufte er eine Osterglocke, stellte sich vor neugierigen Blicken geschützt unter eine Treppe, von wo er jene Stelle beobachten konnte, an der die eigentümliche Begegnung mit Maria stattgefunden hatte. Und tatsächlich, um dieselbe Zeit wie Tage zuvor, lief die Kleine mit ihrer Mutter dort entlang. Er trat ihnen entgegen, beugte sich hinab und sagte:

"Kleine Dame, diese wunderschöne Blume ist für Sie."

Maria jauchzte, jubelte und fiel Paul um den Hals.

"Danke, Opa", rief sie. "Und ich dachte schon, Du wärst für immer vereist."

Paul schämte sich ein wenig ob seines plötzlichen Rückzuges.

"Verzeih", antwortete er leise. "Ich bin ein vielbeschäftigter Mann."

"Macht nichts", rief die Kleine und winkte zum Abschied. "Bis morgen, Opa."

Überpünktlich stand Paul am nächsten Tag mit penibel geglättetem Gewand an eben jener Stelle und wartete geduldig. Auf Maria. Er hatte einen Krokus am Wegesrand gepflückt und hielt ihn stolz dem Mädchen hin. Ebenso stolz überreichte Maria ihm eine Tüte mit leeren Flaschen. Er bedankte sich mit einer Verbeugung und einem Handkuss, sie lachte.

Beinahe täglich wiederholte sich nun dieses Ritual, bis Marias Mutter eines Tages fragte, ob er nicht Lust hätte, die beiden auf den Spielplatz zu begleiten und sich ein wenig zu ihnen zu setzen. Er zögerte, wagte jedoch nicht, erneut die Flucht zu ergreifen, so ging er mit.

Am Spielplatz nahmen sie Platz auf einer Bank. Paul war unsicher, blickte nervös um sich, wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Maria löcherte ihn mit Fragen und lauschte neugierig seinen zunächst knappen, dann immer ausführlicheren Antworten. Woher er komme, wie alt er sei, warum er immer auf dem Bahnhof umherging, Maria wollte alles wissen. Und so erzählte er von seinem Leben, von seiner Liebsten, von der Vergangenheit. Je mehr Maria wissen wollte, umso mehr geriet er ins Schwärmen, begann seine Geschichten auszuschmücken und lebendig zu zeichnen. Maria staunte, fragte weiter, versuchte zu verstehen. Die Stunden verstrichen, die Dämmerung mahnte den Heimweg an.

Sie verabschiedeten sich und versprachen einander sich wiederzusehen.

"Darf ich Dich noch ein was fragen?" bat Maria zum Abschied und sah ihn mit ihren großen Augen an.

"Natürlich, kleine Dame, was brennt Dir auf der Seele?" fragte er zurück und lächelte sie ermunternd an.

"Warum träumst Du eigentlich nicht mal von morgen?"


 

Roman Kieß
W+O+I

 

Sie war zierlich, blass und Walter bewunderte ihr Durchhaltevermögen. Jeden Morgen trafen sie sich auf dem Bahnsteig der Ringbahn. Ingrid, um den "Straßenfeger" an den Mann zu bringen. Er hingegen war einfach nur so da. Nun ja, zugegebenermaßen war er nicht nur so da. Das Ostkreuz war sein Arbeitsplatz.

Gewesen.

Die Aufsicht zu führen war nicht besonders ereignisreich, aber man hatte Verantwortung. Und Walter war damals froh, mit Mitte 40 nochmal einen Job zu bekommen. Nur einen Zeitvertrag versteht sich. Aber er hatte gehofft, sich durch Fleiß und vorbildliches Verhalten unentbehrlich zu machen. Als sein Arbeitsvertrag auslief und die Deutsche Bahn Walter trotzdem für entbehrlich hielt, ging er dennoch jeden Morgen zum Ostkreuz. Er wusste einfach nicht, wie er es seiner Frau hätte beibringen sollen. Und hoffte auf eine Eingebung.

Erst waren es Wochen, dann Monate. Eines Tages, knapp zwei Jahre später, musste Walter nichts mehr verheimlichen. Seine Frau war gegangen.

Vor zwei Monaten hatte sie ihn zum ersten Mal angesprochen. Walter hatte sie schon viel länger beobachtet, aber nicht den Mut gehabt, sich ihr zu nähern. Sie wirkte etwas zerzaust und hatte einen harten, sehr abweisenden Zug um ihren Mund. Nein, die ließ man besser in Ruhe.

Es kam auch nur ein flapsiger Spruch. Aber der traf Walter nicht weiter und zumindest hatte er schon mal ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Am Donnerstag darauf traf er sie wieder auf dem oberen Bahnsteig vom Ostkreuz an. Walter nahm all seinen Mut zusammen und bot ihr einen Kaffee aus seiner Thermoskanne an. Zu seiner Verwunderung nahm sie – freudig überrascht – die Plastetasse an. "Jar nich ma schlecht, dein Muckefuck", frotzelte sie. Etwas irritiert schaute er ihr in die Augen. Ihre Lachfältchen ließen sie jung und unbeschwert aussehen, aber er spürte, dass dies nicht die ganze Wahrheit sein konnte.

Wie jeden Tag packte Walter seine Thermoskanne und zwei Butterstullen aus. Zuerst war Ingrid sehr zurückhaltend gewesen. Doch so nach und nach stellte sie fest, dass Walter völlig harmlos war und freundete sich mit ihm an. "Mensch, Walter, du sollst dir doch nich imma so in Unkosten stürzen", sagte sie zwischen zwei Bissen und stieß ihm freundschaftlich mit ihrem Ellenbogen in die Rippen. Walter reichte ihr einen Becher mit Kaffee.

"Und?", ihr Blick heftete sich fragend auf sein Gesicht.

"Nein, wieder nichts."

"Dit jibt es doch jar nich." Sie schüttelte ihre zerzauste Mähne. "Du kannst doch nich tagelang jar nüscht jeträumt haben."

Inzwischen war es sowas wie ihr Erkennungszeichen geworden, die Frage nach dem Traum.

Walter schaute in die Ferne, drüben sah man den Turm von der alten Stralauer Fabrik.

"Und bei dir? Du hast bestimmt auch nichts geträumt."

"Ja, leider. Seit fast eenem Jahr ist da nüscht, an det ick mich morgens erinnern könnte", musste Ingrid eingestehen. Sie schmiegte sich an ihn: "Mir ist kalt." Sie zog einen Schmollmund. Walter wurde verlegen. Während er noch grübelte, ob er seinen Arm um sie legen sollte, war sie schon aufgesprungen. Sie mache mal einen Rundflug und sprang flugs in die 42, als schon der Warnton sein durchdringendes Möp-Möp abbrach.

In den Monaten, bevor er Ingrid kennen lernte, hatte er philosophiert, tagelang die Leute beim Ein- und Aussteigen beobachtet, sich Notizen über das Wetter gemacht. Einfach die Zeit totgeschlagen. Was hätte er sonst tun sollen? Einmal hatte er in einer liegen gelassenen Zeitung einen Artikel über Neuseeland gelesen. Plötzlich verspürte er eine Sehnsucht. Dort könnte man sein Glück finden. Für Walter war dies ein Traum. Hier war der leuchtende Pfad, den es nur zu beschreiten galt. Sicher war es schwierig, die Brücken hinter sich abzubrechen und neue Wege einzuschlagen.

Aber es konnte ja nicht ewig so weitergehen. Außerdem wusste er nicht so recht, für wen er das Spiel am Ostkreuz noch veranstaltete.

Allerdings gab es substantielle Hindernisse. Sein Schulenglisch war gelinde gesagt lausig. Startkapital war von Nöten, doch Walter hatte alle Reserven aufgebraucht.

Egal, er hatte wieder ein Ziel!

Sie pries den "Straßenfeger" an wie sauer Bier, aber heute wollte echt niemand was vom Obdachlosenmagazin wissen. Ein schwieriges Geschäft. Na, immerhin, auf einem Rundflug mit der Ringbahn war sie meist vier oder fünf Exemplare losgeworden.

Es war immer wieder ein Erlebnis die Gesichter der in der Bahn Angesprochenen zu sehen. Gleichgültigkeit, Schamgefühl, Ablehnung, manchmal sogar Mitgefühl, alles an menschlichen Gemütsregungen war vertreten. Vereinzelt wurde sie sogar belästigt, aber mit etwas Chuzpe und vorlautem Mundwerk hatte sie sich bisher immer retten können. Gott sei Dank.

Aber nach einem dreiviertel Jahr dieser meist gleichgültigen oder ablehnenden, zu Masken erstarrten Gesichter, konnte sie es fast nicht mehr ertragen. Erst träumte sie noch davon, dann gar nichts mehr.

Die Wärme und linkische Freundlichkeit Walters waren Balsam für ihre Seele. Dennoch wusste Ingrid, es musste sich etwas ändern. Sie musste raus aus diesem Film, bevor es zu spät ist. Er träumte zumindest noch von etwas. Erst vor Kurzem hatte er ihr von seinem Lebenstraum Neuseeland erzählt. Völlig utopisch, fand sie. Er würde nie genug Knete zusammen bekommen, geschweige denn dahin fahren.

Sie machte sich nichts mehr vor. Nach drei Jahren Talfahrt hatte sie keine Illusionen mehr.

Sie war müde, das lag nicht nur am Schlafmangel, es war eine allgemeine Erschöpfung die sich langsam in ihren Körper fraß. Walter hatte sicher noch etwas warmen Kaffee in seiner Thermoskanne.

Der Bahnsteig war inzwischen zu seiner Heimat geworden. Zu Hause schien alles so eng, er fühlte sich eingesperrt. Walter verstand nicht, wie andere Leute abends ihre Rollläden schließen konnten und sich damit völlig von der Außenwelt abschotteten.

Er hätte sofort das Gefühl gehabt, zu ersticken.

Ein warmes Gefühl wie heiße Lava schoss durch seinen Bauch als er Ingrid aus der 42 auf sich zukommen sah. Trotz ihrer zauseligen Mähne fand er sie sehr attraktiv.

Anfangs hatte ihre Kodderschnauze ihn etwas verunsichert, aber bald spürte er, dass dies auch ein wenig Fassade war und unter der – vorgeblich – harten Schale durchaus ein weicher Kern steckte.

Das Angebot, in sein Stullenpaket zu greifen, nahm sie sichtlich erfreut an. Allerdings kaute sie etwas lustlos auf der Stulle rum.

"Und, hast du heute etwas geträumt?"

"Ja, ähm, nein, diesmal weiß ich nicht mehr, um was es ging." Es war für ihn unverständlich wie sehr sich Ingrid für Träume interessierte, aber selbst keinen Lebenstraum hatte.

Für Walter war es unvorstellbar keine Ziele, keinen Traum mehr zu haben. Aber es hatte bei Ingrid ganz den Anschein, als wenn ihr die Zukunft egal wäre. Sicher konnte man mal antriebslos sein, aber doch nur für eine gewisse Zeit.

Das tat ihm Leid und er nahm sich vor, Ingrid dazu zu bringen, wieder an etwas zu glauben. Aber ihm schwante, dies würde keine leichte Aufgabe.

Die ersten Wochen war es nur kurzes Geplänkel zwischen ihnen. Obwohl es Walter drängte, endlich alles rauszulassen, zeigte er sich verschlossen. Er musste sich erst daran gewöhnen, wieder jemanden zum Reden zu haben. Ingrid hingegen gab sich wie ein offenes Buch. Doch nach einigen Tagen kam Walter dahinter, dass es unsichtbare Grenzen gab, die sie nicht überschritt. Sie schien ihm etwas vorzuspielen. Zuerst war er verletzt, doch dann fragte er sich, welche Gründe sie dazu bewogen. Allein aus dem Erzählten konnte er sich so manches zusammen reimen. Sie hatte wohl schon mehrere heftige Enttäuschungen im Leben erlitten.

Deshalb stellte sie immer ihre harte Schale zur Schau, um ihre Verletzlichkeit zu verstecken.

"Doch wie bringe ich sie wieder dazu zu träumen? Sich Ziele zu stecken, auch wenn sie unerreichbar scheinen, wie die Sterne am Firmament?", fragte er sich.

Walter spürte, sie war etwas ganz Besonderes. Doch dann verließ ihn der Mut. Er fühlte sich überhaupt nicht besonders. Er hielt sich für durchschnittlich, unauffällig, grau. Was sollte sie an ihm finden? Außerdem war sie deutlich jünger. Er fühlte die Frustration in sich hoch kriechen.

Am nächsten Morgen wirkte sie weniger fröhlich als sonst. Sie kam auf ihn zu und ließ sich schwer auf die Bank fallen. "Ick hab die Schnauze sowas von voll. Jetzt drohen die, mich rauszuschmeißen." Ingrid erzählte, wie sie es geschafft hatte, Jahre nach der Wende, sich in einen alten Ostmietvertrag einzuschmuggeln. Sie lebte in der Wohnung einfach unter dem Namen von Frau Schandrach, der 82-jährigen Vorbesitzerin, die sie für einige Hilfeleistungen bei sich aufgenommen hatte. Leider war Frau Schandrach wenige Wochen später verstorben. Aber Dank der weit entfernten Hausverwaltung war es ein Leichtes gewesen, alles beim Alten zu lassen.

Die hatten gar nicht mitbekommen, dass ihre Mieterin verstorben war. Und Ingrid hatte kein Interesse daran, dies zu ändern. Jetzt, Jahre später, waren sie ihr auf die Schliche gekommen.

"Halsabschneider, elende...", fluchte sie grimmig vor sich hin.

Walter wusste nicht, wie er sie beruhigen sollte. "In der Zeitung lieste immer, wie lange es dauert, irgendwelche säumigen Mieter aus der Wohnung zu bekommen. Innerhalb von zwei Tagen hatte ick 'nen Jerichtsvollzieher am Hals."

Sie musste dringend eine andere Bleibe finden. Aber für die paar Flocken, die sie sich mit dem Straßenfeger hinzu verdiente, war nichts zu bekommen, nicht mal Neubau in Buch.

Walter hatte ihr angeboten, bei ihm unterzukommen. "Bitte sei mir nicht böse, Walter. Aber dit is mir nüscht", sagte sie treuherzig. Er war enttäuscht, wenngleich er sie verstand. Ihre Unabhängigkeit war mehr wert als Bequemlichkeit.

"Ick möchte nur meine Ruhe haben. Jeder will was von mir und das macht mich immer noch müder. Ick kann kaum mehr schlafen vor lauter Müdigkeit. Hört sich blöde an, wa?"

"Verstehe schon, doch damit habe ich glücklicherweise keine Schwierigkeiten."

Walter überlegte: "Meinst du nicht, das kommt von der unsicheren Lebenssituation in der du dich befindest?"

Da lachte Ingrid: "Hast du 'ne Ahnung in was für "unsicheren Lebenssituationen" ick mir schon befand und da hab ick jeschlafen wie 'n Baby."

Ein Schulterzucken war seine Antwort.

Am Freitag Abend wollte Walter schon zusammen packen. Den ganzen Tag hatte er vergeblich auf sie gewartet. Da sah er sie aus der Ringbahn taumeln, im Gesicht blutverschmiert. Er sprang erschrocken auf, rannte ihr entgegen und fing sie in seinen Armen auf. Ingrid schluchzte und zitterte und er wusste gar nicht, was er zuerst tun sollte. Beruhigen, erstmal beruhigen, dachte er sich, und dann ablenken.

Am Besten mal das Blut aus ihrem Gesicht waschen.

"Um Himmels Willen, was ist dir denn passiert?", fragte er und geleitete sie zur Bank. Walter zückte ein Taschentuch und goss den letzten Rest Wasser aus seiner Plastikflasche darauf. Dann tupfte er behutsam ihren blutverschmierten Mundwinkel ab.

"Diese Schweine", sie zitterte vor Wut „da war so'n Scheiß-Fußballspiel." Sie brach ab. Ingrid atmete ein paar Mal tief durch. "Diese Dreckskerle mit ihren weiß-roten Schals. Sie hatten mich in eine Ecke jedrängt, mich beschimpft. Als ich einen davon anspuckte, hat er mir eine mittenmang ins Jesicht verpasst." Sie zitterte immer noch.

"Ich dachte, jetzt hat mein letztes Stündlein jeschlagen", berichtete sie atemlos. "Ein zweiter Schlag, mir schien es als ob mein Kiefer jebrochen wär. Ick kieke also an den Mistkerlen vorbei und rufe ´Ah, Herr Kontrolleur, helfen Sie mir bitte!´ Die Idioten schauten sich tatsächlich alle um, ick hab mir losjerissen, meinen Ellenbogen in irgendjemanden jerammt, der mir im Wege stand und bin durch die offene Tür auf den Bahnsteig jeflüchtet, die Treppe runter und weiter, immer weiter, bis ick nich mehr konnte." Ingrid durchlebte das Ganze noch einmal und sie starrte um sich wie ein gehetztes Tier.

Dann saßen sie eine Weile, sie hatte sich an Walter angelehnt und er dachte angestrengt nach. "Mein Rucksack ist weg, mit den janzen Zeitschriften, meinem Portemonnaie und dem Wohnungsschlüssel", fügte sie kleinlaut hinzu. "Walter, kann ick heute Nacht bei dir schlafen?"

"Selbstverständlich", ihm hüpfte das Herz vor Freude. Sie hatte Zutrauen zu ihm gefasst.

Eine weitere Stunde verging und sie saßen immer noch eng umschlungen da. Ingrid wendete ihren Kopf, blickte ihm tief in die Augen und küsste ihn auf die Wange. Er versuchte sie zu beschwichtigen: "Mach dir keine Sorgen. Wir kümmern uns morgen um deinen Rucksack. Vielleicht ist er abgegeben worden. Wir fragen beim Fundbüro nach." Es war dunkel geworden. Die Neonlampen am Bahnsteig verbreiteten ein diffuses Licht. Die Sichel des zunehmenden Mondes war über Stralau zu sehen.

Und plötzlich wusste Walter, was zu tun ist.

"Warte kurz, ich muss noch schnell etwas erledigen, dann gehen wir heim." Er erhob sich von der Bank, kramte in seiner Jackentasche nach seinem Schweizer Armeemesser und ging zu einem der Eisenträger der Dachkonstruktion. Nach kurzer Zeit klappte er zufrieden grunzend das Taschenmesser zusammen, ließ es in die Jackentasche gleiten und kam zurück.

"Komm, Ingrid, lass uns gehen. Morgen ist ein neuer Tag. Neuseeland soll ganz grün sein..."

Walter nahm seine Tasche, schlang den Henkel über die Schulter und gab Ingrid seine Hand. So schritten sie die Treppe hinunter.

Ein Pendler hatte die Sache verfolgt und fragte sich, was Walter wohl an dem Eisenträger gemacht hatte. Nachdem er sich etwas seitlich postierte, damit Licht auf die Stelle fiel, sah er, dass dort etwas in großen Lettern eingeritzt war. Er schmunzelte. Da stand "W+O+I".

Buch 2008

Zu diesem Buch
Ein Vorwort

Als im Spätherbst 2007 der Aufruf zu diesem Schreibwettbewerb erging, hielten viele der interessierten Schreiberinnen und Schreiber das Thema für eine gute Idee; aber nur wenig später konnte man auch Stimmen vernehmen, die – etwas kleinlauter – das Ostkreuz-Spiel für zu schwierig, zu kompliziert hielten. Spiel – das klingt beim ersten Hinhören nach Leichtigkeit und Unernst. Aber dann ist es in der Tat so, dass die Ambiguität des Wortes Spiel zunimmt, je mehr Sätze mit diesem Wort einem in den Sinn kommen: Das Spiel machen. Spielchen spielen. Was wird hier gespielt? Das ist doch kein Spiel! Aus Spiel wird Ernst und umgekehrt. Alles nur gespielt. Das Spiel ist aus! Spiel 's noch einmal, Sam! – Und schon ist man mittendrin in einem komplexen Wort-Spiel, in dem es um das Wort spielen geht.

Die ältesten Gesetze der Welt sind Spielregeln.

Das Spannende am Spiel ist dessen ungewisser Ausgang. Und selbst im Siegen und Gewinnen ist man mitunter nicht ganz sicher, ob es sich wirklich gelohnt hat. Die Pyrrhussiege, die Danaergeschenke, jeder kennt das. Wir spielen, wenn wir Mutmaßungen über den Ausgang künftiger Ereignisse anstellen oder Details vergangener Ergebnisse modifizieren, um zu sehen, was dann dabei herausgekommen wäre: das Was-wäre-wenn-Spiel oder das Es-ist-nicht-so-wie-es-aussieht-Spiel oder das Nehmen-wir-mal-an-Spiel. Oder wir kombinieren spielerisch scheinbar disparate Dinge wie Mozart und Osterglocken, wie eine Ringbahnfahrt und Beethovens Dritte Sinfonie. In einer anderen Geschichte in diesem Band werden die Fabelwesen aus älteren Ostkreuzgeschichten zitiert und zusammengebracht: ein sprechendes Hündchen, ein Zeitung lesender Fuchs, Gleismännlein und Ostkreuzmännlein. In einer anderen Geschichte lässt der Erzähler die recht skurrile Personage seiner früheren Ostkreuz-Literaturversuche kritisch Revue passieren.

 

Spielen, schreiben – über das Spielen schreiben, da ziehen auch schon die großen Spieler der Weltliteratur an uns vorüber, von Dostojewskis unglücklichem Aleksej, der das Spiel als Herausforderung des Schicksals und als Lust an der Selbstzerstörung erlebt und daran krank wird, über den wahrhaft kosmologischen, an schierer Größe scheiternden Glasperlenspielen des Magister Ludi Josef Knecht bis zu Borges' "Die Lotterie von Babylon", wo die Versuche der lotteriebesessenen Babylonier, Zufall und Glücksstreben in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu integrieren, schließlich die groteskesten Blüten treiben. Schiller indes hatte wohl Höheres im Sinn, als er den Homo ludens zur Krone der Schöpfung ernannte. In seinem 15. Brief "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" heißt es: "… der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur ganz Mensch, wo er spielt."

Spielen, das ist kein Kinderkram, so viel ist sicher. Kinder lernen etwas über die Wirklichkeit, indem wir ihnen Nachbildungen aus der Wirklichkeit als Spielzeug in die Hand geben. Der Erwachsene wähnt sich über das Alter des Spielens hinaus, dabei unterscheidet er sich vom Kind nur dadurch, dass sein Spiel auf ein anderes Objekt gerichtet ist: es ist die Wirklichkeit selbst. Erst im Spiel macht die Wirklichkeit uns Vergnügen, wird sie uns vertraut, fühlen wir uns in ihr zu Hause.

Für einen Bergsteiger ist das Klettern ein Spiel mit sich selbst, zwischen seinem Geist, der zum Gipfel will, und seinem Körper, der das durchaus nicht will.

Der Feind des Spielerischen ist die Gewohnheit. Die Gewohnheit sagt: Das habe ich schon immer so getan. Im Spiel jedoch wird nichts so gelassen, wie es ist. Da heißt es: Mal sehen, ob es nicht anders besser getan werden kann. Ist die Gewohnheit ein konservatives Herangehen an die Aufgabe, uns die Welt zutunlich zu machen, so ist das Spiel ein revolutionäres.

 

Und zu diesem Spiel gehört letztlich auch das Schreiben selbst. Wenn Literatur, Kunst überhaupt, Vorahnung der Wirklichkeit ist, dann ist sie auch ein Spiel mit der Wirklichkeit. Sie liefert uns, den Lesenden, die sich an diesem Spiel beteiligen, den Spiel-Raum. Und sie liefert uns die Regeln dazu. Denn ohne Regeln könnten wir mit der Wirklichkeit nicht spielen. Wir hätten verspielt.

Wir wünschen diesem Buch recht viele spielfreudige Leserinnen und Leser.

 

Rainer Fischer Berlin, im Juni 2008

 

Christoph Berk
Der erste Zug

1.

Ostkreuz, hat sie gesagt, denke ich und blicke mich auf dem Bahnsteig um, ein wenig zu früh, weil ich gleich in den ersten Zug gestiegen bin, wovon sie allerdings nichts gesagt hat, vom ersten Zug, und vom Bahnsteig auch, weshalb ich mich frage, wo denn am Ostkreuz, und schaue auf den Fahrplan hinter der dreckigen Scheibe, der neun S-Bahnlinien anzeigt, neun Linien inmitten von Gleisen, Brücken, Menschen und Lärm.

 

2.

Ostkreuz, denke ich und blicke den Bahnsteig entlang und ärgere mich, dass ich nicht nachgefragt habe, sie spielt mit mir, denke ich, und ich möchte gar nicht spielen, denn mir ist es sehr ernst, glaube ich jedenfalls, und jetzt stehe ich hier und weiß nicht, wo ich hin soll und habe ihre Handy-Nummer nicht, sie hat kein Handy, hat sie gesagt, und gelacht, dass ihre weißen Zähne geblitzt und mich geblendet haben, vielleicht waren es auch ihre Augen, aber vielleicht ist auch das nur ein Teil des Spiels, denke ich und ärgere mich weiter, obwohl ich an ihre Zähne denken muss, das ärgert mich noch mehr und ich blicke auf die Imbissbude ein paar Meter weiter, daneben ist ein Zeitschriftenständer und obendrauf ein Bild von einer Frau, die Werbung macht für Zahnpasta.

 

3.

Ostkreuz, genau so hat sie es gesagt, und ich sagte, ich werde pünktlich sein, was lächerlich ist, wenn man gar nicht weiß, wo man hin soll, und blicke auf die Uhr, schon wieder, und bin immer noch pünktlich, noch ein bisschen, aber nicht mehr lange, denn die Zeit geht weiter und ich werde immer unpünktlicher, je öfter ich auf die Uhr schaue und mit jedem neuen Zug, der einfährt und dann wieder weg, und ärgere mich immer noch, wir hätten uns ja auch im Hauptbahnhof treffen können, denke ich, oder am Zoo oder Ostbahnhof, am besten Hauptbahnhof, da zieht es nicht und man kann sich die Zeit vertreiben, solange es nicht stürmt zumindest, denke ich, dann kann man einen Riegel auf den Kopf bekommen, das muss ja nicht sein, obwohl, denke ich dann, es käme natürlich drauf an, und ich stelle mir ein Schokoladenriegel regnendes Bahnhofsdach vor und denke kurz, das ist vielleicht keine schlechte Todesart, von Kalorien erschlagen werden, besser als von einer Eisbombe zerfetzt zum Beispiel, aber das ist albern, ich schicke den Gedanken weg, mag keine Wortspiele spielen jetzt, mir wird schon übel mitgespielt, ich beharre auf diesem Standpunkt und merke, wie ich unbeweglich werde, hier zieht’s, ärgere ich mich, das auch noch, und ich beginne, auf der Stelle zu treten.

 

4.

Rostkreuz, denke ich und schaue den Bahnsteig entlang und dann hoch, und stelle mir das alles aus der Vogelperspektive vor, über den Haufen geworfene Gleise, ein gordischer Verkehrsknoten, auf die schiefe Bahn geraten der Gute, kein Kreuz eigentlich, eher ein Kraken, amputiert und langweilig allerdings, und doch, ein Kreuz ist es schon, mit dem Treppen Steigen nämlich, keine Aufzüge und Rolltreppen hier, hier muss man noch selber laufen um von A nach B zu kommen, noch eher von A nach E, denn B gibt es hier nicht mehr, aber auch A soll abgeschafft werden, stand irgendwo, und jetzt stehe ich hier und warte und sehe sie nicht, nur Menschen und dann Zäune, Gitter, Absperrungen, hier wird gearbeitet, soll renoviert werden oder umgebaut, Pflaster bloß auf offener Wunde, 'Sie kommen zu spät, Herr Doktor', denke ich, 'notschlachten sollte man oder amputieren, so geht es doch nicht weiter', und muss doch weitergehen, weiterfahren eher, aber es soll ja alles besser werden, habe ich gelesen, dann wird alles neu und schön, hoffe ich, endlich, und dann werden bestimmt wieder Einige betrübt sein, die immer betrübt sind, wenn sich was ändert, weil das Besondere verloren gegangen sein wird, denken sie, weil sie immer Schäbigkeit mit Charme verwechseln im Blick zurück, weshalb früher ja immer alles besser gewesen sein soll, hüben wie drüben, da gab’s noch Jutebeutel und Sozialismus und Gemeinschaftsgefühl, bis zur Wiedervereinigung jedenfalls, dann soll es verschwunden sein und ich frage mich, wohin und wie, vielleicht stand’s ja im Einigungsvertrag, drittes Kapitel Vers 6: Gemeinschaftsgefühl wird abgeschafft oder so, vielleicht war’s auch die Globalisierung, die soll ja auch viel auf dem Kerbholz haben, ich blicke zur Imbissbude neben dem Zahnpastawerbebild und dem Mann mit dem dicken Schnauzbart, der da Brötchen verkauft und Ayran, und frage mich, warum eigentlich, und was die Leute noch früher gesagt haben, als es noch mehr Gemeinschaftssinn gab, dafür aber noch gar keinen Bahnhof, was natürlich auch sein Gutes hätte, denn dann müsste ich hier nicht stehen und warten, und dann fällt mir ein, dass der Gemeinschaftssinn vielleicht doch erst später erfunden wurde.

 

5.

Ostkreuz, sehe ich, ist voller Menschen, was mich erstaunt, denn hier will man doch nicht hin, sondern weg, ich jedenfalls, es zieht noch mehr und ich stelle mich hinter eine Säule und sehe, dass der Imbissbudenmann eine Zahnlücke hat, aber noch kann ich nicht, nicht ohne sie jedenfalls, aber sie ist nicht da, nur andere, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, es quietscht, ein Zug fährt ein, die Türen öffnen sich und da ist wieder ein Schwall, eine Menschentraube, vom Stock gefallen weil sie zu schwer geworden ist, und schon zerstreut, verschwunden im Erdreich, ein guter Vergleich, denke ich, da düngen sie und wachsen wieder nach, denn irgendwo müssen sie ja herkommen, die ganzen Menschen, es werden nicht weniger, nur sie ist nicht dabei, denke ich, was für ein blödes Spiel, und langsam kriege ich Geduldsfadenkatarrh und ärgere mich, ich mag es nicht, wenn niemand mir sagt, wohin ich soll, dann stehe ich nur rum, aber das darf man nicht laut sagen, dass man sich gerne sagen lässt, wo man hin soll, sonst kommt noch so ein Unausgelasteter vorbei in schicken Klamotten, so ein Zeitgeist-Designer, und pappt einem einen Generation-Irgendwas-Sticker auf die eh schon volle Stirn, wahrscheinlich Generation-Wartesaal, vermute ich, ich warte hier und kann nicht anders, wie denn auch, und vor allem wohin, wenn keiner kommt, das kommt davon, wenn man nicht auf eine Ortsbeschreibung besteht, denn wenn ich mich hier weg bewege, kommt sie bestimmt und ich bin nicht da, jedenfalls nicht da wo ich sein will, hier nämlich, mit ihr, vielleicht wäre ein Verlierer-Sticker der richtige, denn ich glaube, ich verliere das Spiel und kenne noch nicht mal seine Regeln, dabei möchte ich doch nur, dass sie kommt und dann schnell weg von diesem Bahnhof, Spiel zu Ende, Game Over, gewonnen.

 

6.

Ostkreuz, wundere ich mich, was für ein Name für so einen Ort, und ich sehe Kreuzritter vor mir, die russische Steppe und dramatische Szenen in Schwarz-Weiß, zwei Menschen, er im Trenchcoat und mit Hut und sie mit blonden Haaren und leidverhangenem Blick, 'Wo willst du jetzt hin?', fragt sie, und er: 'Mit dem ersten Zug nach Süden', was mir gut gefällt, nach Süden, denn das ist weit weg und verspricht Wärme, Sonnenuntergang und ein neues Leben, anders als, sagen wir mal, 'Mit dem IC um 09.35 nach Ankara, mit Umsteigen in München und Wien', was nach Reisezahnbürste klingt, nach Wechselkurs und Nachsendeauftrag, aber für den Schalterbeamten wäre das natürlich besser, konkreter, denn was soll er denn sagen, der Schalterbeamte, wenn jemand nach Süden möchte, 'Ob’s Schönefeld sein soll, Dresden oder Neapel gar, das müsst’ man schon wissen, bitte schön, gnä’ Herr, und nichts für ungut', würde er sagen oder schnauzen, trotz Trenchcoat und tränender Frau, wir sind ja in Berlin, denke ich und gucke rüber zu dem Imbissstand von dem Mann mit dem Schnauzbart und der Zahnlücke, der eine fleckige karierte Schürze trägt und gerade einen Schnorrer verjagt, allerdings sehe ich keine Fahrkartenschalter, nur Automaten, und denke, so ein Glück vielleicht, denn wer will schon seine Biographie in Stücke reißen, während ein Schalterbeamter zuschaut und schnauzt.

 

7.

Ostkreuz, fürchte ich mich, hier wird sie doch nicht Schluss machen, das kann sie doch nicht, denke ich, wir haben uns doch eben erst kennen gelernt, vor ein paar Tagen, sie hat mich angeblitzt mit ihrem Lachen und ich habe mich verliebt, ein bisschen jedenfalls, und dann denke ich, sie will sich nicht von mir trennen, wir sind ja noch gar nicht zusammen, nicht richtig jedenfalls, heute ist doch unsere erste Verabredung, und schließlich, man trennt sich nicht an S-Bahnhöfen, das wäre stillos, wie Trennung per SMS oder auf einer Autobahntankstellentoilette, dafür braucht es einen Hauptbahnhof oder Flughafen, auch eine Schiffsanlegestelle meinetwegen, wo der Wind die Haare rauft und die Stimmen fort trägt, das hat Charakter und ist schriftlich, mit Brief und Siegel sozusagen, und ich könnte ja gar nicht wirklich nach Süden, vom Ostkreuz, nur bis nach Schönefeld, wo allerdings ein Flughafen wartet, oder mit der Ringbahn zum Westkreuz, das wäre lustig, denke ich, da könnte ich noch mal ganz von vorne anfangen und käme wieder hier an, am Ostkreuz, und da fällt mir ein, per SMS geht ja gar nicht, und ich bin sehr erleichtert, denn sie hat ja gar kein Handy.

 

8.

Ostkreuz, hoffe ich, ist hoffentlich gleich zu Ende, das Ostkreuzspiel, und ich frage mich, warum spielt sie mit mir, das Pfeifen und Rattern eines Zuges füllt meinen Kopf und meine Gedanken, nur kurz, dann ist wieder Platz für mich, wenn ich nur die Regeln kennen würde, könnte ich mitspielen und gewinnen, denn natürlich will ich gewinnen, dafür spielt man ja schließlich, das ist ja der Sinn eines Spiels, sie lässt mich warten, ich weiß nicht ob sie kommt, ich kann nur hoffen und gucke auf die Uhr, ich bin zu spät, schon längst, und dann denke ich, vielleicht aber auch sie, das ist nur eine Frage des Standpunktes, des Standortes, ich kenne aber ihren Standpunkt nicht und frage mich, ob sie meinen kennt, und wie wir zueinander finden sollen, und dann denke ich wieder an ihre weißen Zähne, an ihr blitzendes Lachen, und genau da scheint plötzlich die Sonne auf meinen Kopf, es zieht nicht mehr, ich freue mich über die Sonne und denke, auf sie freue ich mich auch, auch wenn ich nicht weiß, ob sie wirklich kommt, was aber vielleicht nichts macht, beginne ich zu denken, denn noch kann ich sie finden und jetzt schon anfangen, mich darauf zu freuen, was ich vielleicht nicht könnte, wenn ich schon alles wüsste, dann könnte ich nur noch voraussehen und die Freude ist schon verbraucht, bevor es losgeht und sowieso wäre sie dann viel zu spät, und plötzlich bin ich aufgeregt, weil sie vielleicht irgendwo da drin ist und mich sucht, wahrscheinlich, und dann denke ich, was soll’s…

 

9.

…mache ich halt den ersten Zug und gehe einfach los, suche sie, lasse mich zu ihr treiben, die Treppen rauf und runter, an Zäunen vorbei und an Menschen, und beginne, das Spiel zu verstehen, das Ostkreuz-Spiel, es hat keine Regeln, aber es hat einen Namen, Leben heißt es, man muss einfach nur anfangen, und da steht sie plötzlich vor mir, sie lacht, ich bin geblendet vom Weiß ihrer Zähne, vom Glück, mit ihrem Glück küsst sie mich auf den Mund und fragt, 'Wohin sollen wir fahren?' 'Nach Norden', sage ich, aber eigentlich ist es mir egal, wir können auch hier bleiben, einen Kaffee trinken drüben an dem Imbissstand von dem Mann mit dem Schnauzbart und der fleckigen Schürze und der Zahnlücke neben dem Zahnpasta-Werbeplakat, auf dem eine Frau steht und lächelt, ich bin ja schon da und das Spiel hat gerade erst angefangen, hier am Ostkreuz.


 

Ilse Treue
Nächtliche Gedankenspiele

 

Es geht auf Mitternacht zu. Ich bin müde, kann aber nicht schlafen. In meinem Kopf kreisen ärgerliche Gedanken. Am Vormittag hatten mich dringende Besorgungen zur S-Bahn geführt, zum Bahnhof Ostkreuz, der besonders uns Älteren gegenwärtig ein Gräuel ist. Bedingt durch den Umbau stand ich vor dem verschlossenen Eingang am Markgrafendamm. Kein Schild wies den Weg. Es regnete. Nur durch eine große Lücke im Zaun gelangte ich auf das Bahngelände. Der direkte Zugang zum Ringbahnsteig war versperrt, ein Umweg unvermeidlich. Also Treppe rauf, Treppe runter, den Bahnsteig E entlang, wieder Treppe rauf, endlich war ich am Ziel und meine Füße pitschnass. Kein guter Geist hatte mir den neuen Eingang gezeigt, den es gab, den ich aber nicht entdeckt hatte, wie sich später herausstellen sollte.

Ist es nach diesem Ärgernis verwunderlich, dass meine Gedanken noch einmal zum Ostkreuz zurückkehren? Lange verweilen sie bei dem unangenehmen Ereignis nicht. Sie ziehen seltsame Wege. Wundersames soll zuweilen an diesem Ort geschehen. Aus mehreren Ostkreuz-Anthologien erfuhr ich darüber. Ein sprechendes Hündchen, ein Zeitung lesender Fuchs, Gleismännlein und Ostkreuzmännlein kommen mir in den Sinn. Meine Gedanken beginnen zu spielen. Was mag aus ihnen geworden sein? Durch die Bauarbeiten fühlten sie sich alle vertrieben. Ich möchte sie treffen und mir von ihnen erzählen lassen. Aber vielleicht sind sie längst davon gezogen und keiner weiß, wohin? Ob mein Freund, der gute Bahngeist im Wasserturm etwas von ihnen erfahren hat? Meine Gedanken spielen lebhafter. Man müsste ihn anrufen. Anfangs verschlafen, dann aber mit wachsendem Interesse hört er zu. "Kein Problem, Großmutter", sagt er. "In wenigen Minuten habe ich sie beisammen. Noch eins, verzeih mir, dass ich dir heute