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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

Buch 2002
 

 

Zu diesem Buch

 

Diese Anthologie ist aus dem Schreibwettbewerb "Ostkreuz, zweimal täglich" entstanden, der von Mitte Februar bis Ende April 2002 lief. Eingereicht werden konnten bislang unveröffentlichte Kurzgeschichten, Porträts, Gedichte, Essays und Reportagen, die sich des Wettbewerbsthemas auf irgendeine Weise annehmen oder sich ihm nähern. Die Länge der Arbeiten hätte nach Möglichkeit fünf Seiten nicht übersteigen sollen. Weitere Bedingungen gab es nicht. Teilnehmen konnte jeder, der das Ostkreuz kannte und mit diesem Begriff etwas verband.

Eine Jury unter Vorsitz von Manfred Bofinger sichtete die Einsendungen, zeichnete fünf Beiträge mit Preisen aus und fand im Übrigen, dass die meisten Einsendungen es verdienten, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. So entstand die Idee zu diesem Buch.

Um sie zu verwirklichen, suchten die Organisatoren des Wettbewerbs - die Nachbarschaftseinrichtung RuDi und die Arbeitsgruppe Bürgerbeteiligung im Stralauer Kiez - Sponsoren. Und sie fanden sie in den Lenkungsgremien für das Berliner URBAN-II-Programm. Der Bahnknotenpunkt Ostkreuz und die umliegenden Wohngebiete liegen mitten in dem Stadtraum, der aufgrund seiner wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Defizite seit 2001 Fördergebiet der Europäischen Union im Rahmen des URBAN-II-Programms ist. Eine schöpferische Auseinandersetzung der Bürger mit ihrem Wohnumfeld gestern, heute und morgen, wie sie sich in den Beiträgen der Anthologie widerspiegelt, korrespondiert mit den Zielen, die mit diesem europäischen Programm verfolgt werden. So kann der vorliegende Band auch als ein kleiner, aber origineller Beitrag zu diesem Programm betrachtet werden, der auch das Dankeschön an die Sponsoren besser ausdrückt, als wir es je könnten.

Berlin, im Juni 2002

Buch 2002
 

 

Zu diesem Buch

 

Diese Anthologie ist aus dem Schreibwettbewerb "Ostkreuz, zweimal täglich" entstanden, der von Mitte Februar bis Ende April 2002 lief. Eingereicht werden konnten bislang unveröffentlichte Kurzgeschichten, Porträts, Gedichte, Essays und Reportagen, die sich des Wettbewerbsthemas auf irgendeine Weise annehmen oder sich ihm nähern. Die Länge der Arbeiten hätte nach Möglichkeit fünf Seiten nicht übersteigen sollen. Weitere Bedingungen gab es nicht. Teilnehmen konnte jeder, der das Ostkreuz kannte und mit diesem Begriff etwas verband.

Eine Jury unter Vorsitz von Manfred Bofinger sichtete die Einsendungen, zeichnete fünf Beiträge mit Preisen aus und fand im Übrigen, dass die meisten Einsendungen es verdienten, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden. So entstand die Idee zu diesem Buch.

Um sie zu verwirklichen, suchten die Organisatoren des Wettbewerbs - die Nachbarschaftseinrichtung RuDi und die Arbeitsgruppe Bürgerbeteiligung im Stralauer Kiez - Sponsoren. Und sie fanden sie in den Lenkungsgremien für das Berliner URBAN-II-Programm. Der Bahnknotenpunkt Ostkreuz und die umliegenden Wohngebiete liegen mitten in dem Stadtraum, der aufgrund seiner wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Defizite seit 2001 Fördergebiet der Europäischen Union im Rahmen des URBAN-II-Programms ist. Eine schöpferische Auseinandersetzung der Bürger mit ihrem Wohnumfeld gestern, heute und morgen, wie sie sich in den Beiträgen der Anthologie widerspiegelt, korrespondiert mit den Zielen, die mit diesem europäischen Programm verfolgt werden. So kann der vorliegende Band auch als ein kleiner, aber origineller Beitrag zu diesem Programm betrachtet werden, der auch das Dankeschön an die Sponsoren besser ausdrückt, als wir es je könnten.

Berlin, im Juni 2002

Sonia Karst - Ein erstes und ein letztes Mal

 

Sonia Karst
Ein erstes und ein letztes Mal

 

Zum Ostkreuz führen viele Wege.
Wie nach Rom.
Am Ostkreuz scheiden sich die Geister.
Wie im Falle von Natalie und mir.

Mit Natalie und mir - das hat nicht geklappt. Eigentlich kannten wir uns schon lange. Ich bewunderte Natalie und sie mich. Doch das genügte nicht, um eine gemeinsame Wohnung zu beziehen. Das kann ich im Nachhinein sagen. Aus der Nähe betrachtet waren Natalie und ich wie Nacht und Tag. So gestaltete sich unser Lebensrhythmus. Wir hatten außer der Wohnung nichts gemeinsam. Nach wenigen Monaten stand fest, dass wir uns jede für sich anderweitig umsehen mussten. Mich zog es weiter in den Osten. Und Natalie wollte in ihre alte Gegend zurück.

Als ich mich das erste Mal dem Ostkreuz näherte, benutzte ich eine Behelfsbrücke. Über diese Brücke gelangte ich auf eigentümliches Terrain. Es war, als führte die Brücke zu einer Insel inmitten der Stadt. Eine Insel - darauf lief es ja auch hinaus. Die Brücke war wie ein Luftschloss gebaut. Stahlrohrverstrebungen sprossen aus der Erde, bäumten sich über den Schienen auf und hinüber zum Inseldamm.

Um zu der Wohnung zu gelangen, die ich besichtigen wollte, musste ich beinahe die gesamte Insel durchqueren. Hastig hetzte ich voran. Du kommst zu spät, dieser Gedanke trieb mich über das Eiland. Ich hatte keine Zeit, Land und Leute zu betrachten. Und doch konnte ich im Vorübergehen das Zentrum der Insel ausmachen. Wen oder was es hier auch zu sehen gäbe, dessen war ich mir sicher, befindet sich in der Nähe der Kaufhalle. Auf den ersten Blick erkannte ich die alteingesessenen Inselbewohner, die heute Morgen schon Pappkartons zu Sitzgelegenheiten gefaltet hatten und danach dürsteten, dass das Einkaufszentrum seine Pforten öffnete. Wie die Hühner saßen sie nebeneinander, tauschten Inselneuigkeiten aus und freuten sich darauf, den Tag beim Dosenbier zu verbringen. Die alten Insulaner wollten ihre Ruhe. Sie waren sich selbst genug. Sie waren sich Schausteller und Zaungäste ihrer Lebenskunst.

Eilig lief ich auf das Haus Nummer siebenundfünfzig zu. Der Hausmeister, den die Wohnungsbaugesellschaft geschickt hatte, hatte sich schon vor der Tür postiert und sah mir entgegen. Ich dachte schon, Sie hätten es sich anders überlegt, empfing er mich. Außer Atem schüttelte ich den Kopf. Kommen Sie, sagte der Hausmeister, ich zeige Ihnen die Wohnung. Er führte mich in den ersten Hinterhof. Von dort aus betraten wir den linken Seitenflügel und stiegen in den ersten Stock. Das Schloss klapperte verdächtig als der Hausmeister die Tür öffnete. Die Wohnung bestand aus einem Zimmer, das die Ausmaße eines Tanzlokals hatte, einer Küche und einer Toilette. Mehr nicht. In der Küche gab es einen Ofen, der mitten im Raum stand und nicht zu gebrauchen war. Ein mit vergilbtem Zeitungspapier verstopftes Rohr ragte dort aus der Wand, wo die Spüle montiert werden sollte. Vom Fenster aus blickte ich auf die unteren Äste eines Kastanienbaumes, unter denen zwei Amseln tobten. Über den Wipfeln zogen die Schwaden eines Kraftwerkes dahin.

Hier wollen Sie einziehen, fragte der Hausmeister angewidert, Sie kommen mir gar nicht wie all die anderen Patienten vor. Ich brauche dringend eine Wohnung, sagte ich und der Hausmeister sah mich an, als wüsste er nun alles über meine Situation. Voller Mitleid legte er seine Hand auf meinen Unterarm. Bloß nicht weinen, sagte er. Ich schüttelte den Kopf. Wenn Sie für die Malerarbeiten niemanden haben, dann kann ich Ihnen zur Hand gehen, bot er mir an, als ich mich umgesehen hatte. Das schaffe ich schon, wehrte ich ab. Und der Hausmeister dachte, dass ich nicht nur verlassen worden, sondern auch noch stur und somit schuld an meiner Situation bin. Die lauten Gedanken des Hausmeisters empörten mich. Und der Hausmeister wiederum flüchtet sich vor meiner Wut. Er war ein gebranntes Kind. Geschlagen mit der Betreuung der Mieter im Haus Nummer siebenundfünfzig und anderswo, wo es war wie hier. Eilig begab er sich ins Treppenhaus. Ich folgte ihm. Energisch ließ ich die Tür ins Schloss fallen. Es schepperte eindringlicher als beim Öffnen, und als der Hausmeister abschließen wollte, bewegte sich das Schloss mit dem Schlüssel nach rechts und dann bewegte sich gar nichts mehr. Der Hausmeister rüttelte vergeblich an der Tür, drehte sich zu mir um und sagte: Da werden Sie wohl den Schlüsseldienst holen müssen. Ich fluchte. Nicht weinen, redete der Hausmeister weiter, Sie können die Kosten mit der Miete verrechnen. Ich nickte dankbar und machte mich auf den Weg.

Der Geschäftsführer des auf der Insel ansässigen Schlüsseldienstes kannte nur die teuren Inselpreise. Ich musste jenseits der Brücke jemanden suchen, der das Schloss repariert. Nach mehreren Anläufen fand ich einen Handwerker, der bereit war, am Nachmittag vorbeizukommen und zu einem deutlich günstigeren Preis das Schloss auszuwechseln.

Stunden später wiederholte ich die Prozedur vom Vormittag. Ich hetzte hinüber zur Insel, empfing den Handwerker und später den Hausmeister, dem ich einen von den neuen Schlüsseln gab. Der Hausmeister wollte den Ofen anschließen lassen und eine Heizspirale im Bad anbringen. Auf den Hausmeister war Verlass. Bevor ich mich zum zweiten Mal an diesem Tag von ihm verabschiedete, fragte ich ihn nach den anderen Mietern. Der Hausmeister lächelte nachsichtig. Die Mieter, die hier wohnen, werden Sie nicht zu Gesicht bekommen, sagte er. Ich dachte an Geister, an unheimliche und gleichzeitig ungefährliche Geister.

In den ersten Wochen sah ich tagsüber tatsächlich keinen der anderen Hausbewohner. Nachts drangen Geräusche zu mir vor, die von belebten Nachbarwohnungen zeugten. Bis mir einige Male die Mieter aus dem vierten Stock begegneten. Ein Mann und sein Hund. Der Hund lief wie der Mann gesenkten Hauptes. Hätte er auch ein tief ins Gesicht ragendes Kapuzenshirt getragen, hätten sich die beiden zum Verwechseln ähnlich gesehen. Im Treppenhaus machte der depressive Pitbull einen Moment lang Anstalten, als ob er nur spielen wollte. Er kam auf mich zu und schnupperte andeutungsweise in meine Richtung. Doch ehe seine Bewegungen freudig erregt wurden, trottete er seinem Herrchen hinterher, das schon einen Treppenabsatz weiter geschlichen war. Irgendwann im Laufe des Jahres sind die beiden ausgezogen. Der Mann mit dem Kapuzenshirt hat seinen Hausrat aus dem Fenster geschmissen, unten eingesammelt und in die Tonne geschmissen. Dann waren die beiden verschwunden. Seitdem habe ich tatsächlich niemanden mehr zu Gesicht bekommen. Ins Dunkel lauschend hörte ich vereinzelt irgendwen im Treppenhaus oder von nebenan reden.

Die Insel erkundete ich in meinen täglichen Spaziergängen. Vor dem Frühstück und im abendlichen Dämmerlicht lief ich eine Runde. Meine Spaziergänge glichen Besuchen in einem Freilichtmuseum. Die Insel war eine Art Museumsinsel. Entlang meines Weges befanden sich: Eine Postfiliale, in der die Zeit stehen geblieben war, zum Telefonieren verschwand ich hinter einem Bretterverhau, der ochsenblutfarben angestrichen war, ein Stück Land, auf dem Schafe eintönig blökten, ein Autohaus, eine Kirche gegenüber einer Schule, ein kleiner Park, in dem Obdachlose mit blutunterlaufenen Augen wohnten, eine Ampelkreuzung, eine Kneipe, die irgendwann Pleite gegangen ist, in der es Schnitzel, Dosenerbsen und Petersilienkartoffeln für sieben Mark fünfzig gab, ein Altenheim, eine Kaufhalle, in der die Dose Bier neunundzwanzig Pfennige kostete, eine Bibliothek, in der Bibliothekarinnen mit verbitterter Miene den ihnen anvertrauten Bücherschatz aus vergangenen Zeiten hüteten, ein Spätkauf, in dem eine Dose Bier den doppelten Kaufhallenpreis kostete, ein Schreibwarenladen, in dem eine krebskranke Frau arbeitete, eine Bank für Geldgeschäfte und ein, zwei Bordelle. Außerdem gab es eine Allee schlanker Pappeln, Bäume auf der Insel und streunende Hunde. Und wie auf einer Insel üblich, herrschten hier eigene Gesetze. Die Bewohner beschützten sich selbst. Eigenhändig sorgten sie für Ruhe und Ordnung, denn es gab keine Polizeistation auf dem Eiland.

Eines Morgens erzählte der Inhaber des Spätkaufes, er sei heute Nacht überfallen worden. Ein Unbekannter hätte mit einer Pistole bewaffnet den Laden betreten und gefordert, die Nachteinnahmen herauszugeben. Der Inhaber des Spätkaufes war ein Mann zwischen dreißig und vierzig. Genauer konnte ich sein Alter nicht schätzen. Er war hünenhaft groß und breit und phlegmatisch in seinen Bewegungen. Die Nachtarbeit stand ihm ins teigig bleiche Gesicht geschrieben. Er trank gerne und er trank Nacht für Nacht. In diesem Nebel aus Alkohol, durchwachter Nacht und chronischer Müdigkeit trat er hinter dem Tresen hervor, schlug dem Angreifer die Pistole aus der Hand, dann in das Gesicht des Räubers, dann überall dorthin, wo er ihn am Körper treffen konnte. Er schlug langsam und bedächtig auf den Ganoven ein, bis dieser zur Tür hinaus war. Die Waffe hat der Ladenbesitzer behalten. Entsichert und entladen führte er sie staunenden Kunden vor. Warum er nicht die Polizei gerufen habe, wird er nach jeder Vorführung gefragt. Und nach jeder Vorführung antwortet der Inhaber des Spätkaufes gelangweilt und ein wenig erstaunt: Wozu denn erst die Bullen kommen lassen, der Typ lässt sich hier sowieso nie wieder blicken.

All das erzählte ich Natalie, als sie zum ersten Mal zu Besuch kam. Ich wollte sie sogar in den Spätkauf führen, damit auch sie die Waffe betrachten kann. Doch Natalie weigerte sich. Es dämmerte bereits und Natalie wollte auf keinen Fall bleiben bis es dunkel ist. Denn dann würde sie sich nicht trauen, den Damm entlang bis zur S-Bahn zu laufen. Wenn ich hier wieder weg bin, sagte Natalie, mache ich drei Kreuze und zukünftig einen weiten Bogen. Dann verabschiedete sie sich.

Zum Ostkreuz führen viele Wege.
Und viele führen daran vorbei.
Am Ostkreuz scheiden sich die Geister.
Das mit Natalie und mir konnte nicht klappen.

Christine Zalewski - Ostkreuz. Am Rande

Christine Zalewski
Ostkreuz. Am Rande

Zwei Bahnsteige und ein dritter quer dazu und hoch oben. Treppauf, treppab. Wie oft bin ich hier umgestiegen! Ich weiß es nicht, man könnte es ausrechnen. Zehn Jahre lang fast jeden Werktag und zweimal am Tag: morgens und am späten Nachmittag. Von einem Bahnsteig und hinauf zum anderen. Morgens noch mit Schlaf hinter den Augen und flink, so flink wie nur möglich. Nur nicht den Anschluss verpassen. Morgens kurz vor Arbeitsbeginn zählt jede Minute. Mit verschlossenem Gesicht eilen die Menschen hin und her. Wer da ruhig auf dem Bahnsteig säße, käme sich vor wie in einem Ameisenhaufen.

Jetzt habe ich Zeit, jetzt könnte ich in Ruhe beobachten. Aber wer steht schon auf, nur um anderen auf dem Weg zur Arbeit zuzuschauen? Aber Zeit habe ich jetzt, ich könnte in Ruhe in diesem Bäckerei-Imbiss eine Tasse Kaffee trinken. Aber jetzt habe ich zu wenig Geld. Ich friere. Eine Tasse Kaffee jetzt wäre schon gut. Zehn Jahre arbeitet man in der gleichen Firma - und dann das Aus. Zuerst dachte ich ja: Eine kleine Pause wär' auch ganz schön. Aber ohne Geld? Man spart ja, wo man kann, man schont die gute Bürokleidung, braucht ja auch nichts sofort nachgekauft zu werden.

Jetzt könnte ich ja einmal in der Woche mit Helena und Simone in dieses Café gehen, in diese Bäckerei mit Hinterzimmer. Aber das kostet mich fast sechs Euro, jedes Mal. Und mitgehen, ohne etwas zu bestellen, geht auch nicht. Wie die Verkäuferin schon schaut. Und wenn Helena oder Simone mich einladen, um diese Peinlichkeit zu überbrücken, ist mir das auch nicht recht. Ich bin doch keine Bettlerin!

Ach, ob ich obdachlos bin? Wie kommen Sie denn darauf? Nein, obdachlos bin ich natürlich nicht. Ich habe eine Wohnung. Bloß weil ich zwei große Taschen bei mir habe, bin ich doch nicht obdachlos! Nachdem ich die Arbeit verloren hatte, haben Kurt und ich überlegt, zusammenzuziehen. Seine Wohnung ist ja auch groß genug für uns beide. Natürlich zahle ich Miete bei ihm und habe sie auch immer pünktlich bezahlt. Ich will niemand etwas schuldig bleiben. Nee, wollte ich nie.

Das ist freundlich, dass sie mich zum Kaffee einladen, aber nötig wär' das nicht. Ja, da kann man sich die Hände richtig an der Tasse wärmen. Na ja, Kurt hat schon früher ganz gern gepichelt. Als Frührentner, kein Problem. Aber wenn wir jetzt Krach haben, dann schmeißt der mich doch glatt aus der Wohnung, obwohl ich fast die ganze Miete zahle. Das glauben Sie mir nicht?

Ja der Mantel, den trage ich jetzt im vierten Jahr, der ist schon etwas schäbig. Aber wenn ich diese Miete nicht zahlen müsste, könnte ich mir schon einen ordentlichen Mantel leisten - und einen geschenkten will ich nicht. Natürlich zahle ich die Miete. Man will ja nicht obdachlos werden und auf Kurt ist in Gelddingen kein Verlass.

Warum ich dann um diese Zeit hier am S-Bahnhof Ostkreuz stehe? Das geht Sie gar nichts an! Na ja, Kurt hat mich aus der Wohnung geschmissen. Ist nicht so tragisch, wie sich's anhört, ein, zwei Tage muss ich überbrücken, dann kann ich wieder zurück.

Wo ich hingehe? Weiß noch nicht. Letztes Mal war ich bei Else. Zur Not könnte ich auch bei Elisabeth unterkommen. Aber Rosa würde ich nur sehr ungern um so etwas bitten. Danke für den Kaffee, junge Frau. Aber jetzt muss ich wieder los. Ja, wie ich noch Arbeit hatte, das waren andere Zeiten. Aber ohne Geld gerät man doch leicht in Abhängigkeiten, die früher gar nicht drin gewesen wären. Passen Sie bloß auf. So was kann Ihnen auch passieren. Was, Sie glauben das nicht? Passen Sie bloß auf. Und danke noch mal für den Kaffee. Ah, da kommt meine S-Bahn!

Markus Arnold - Die Brücke und das Häuschen

 

Markus Arnold
Die Brücke und das Häuschen

 

An der Brücke gab es mal ein Häuschen. Es stand wie ein Hexenhäuschen auf langen Stelzen bestimmt 15 Meter hoch über der Erde. Es hatte nicht, wie jedes Haus, Nachbarn, in die es eingefügt war und der Wind umspielte es von allen seinen Seiten. Nur ein kleiner Steg führte von seiner Tür bis zur Brücke, die ihm die einzige Gesellschaft war. Die Brücke selbst war fast so alt wie das Häuschen und überspannte die Geleise der Stadt- und der Fernbahn, zwischen denen das Häuschen stand. So konnte es den ganzen Tag eine Menge Bewegung beobachten. Es kannte die Fahrpläne der Züge, bemerkte jede Veränderung, ein jedes Zuspätkommen genau und manchmal, wenn der Wind günstig stand, da hörte es aus dem Ostbahnhof die Stimme des Stationssprechers, die sehr geehrten Fahrgäste um etwas Geduld bittend. Was das war, diese Geduld, das wusste das Häuschen nicht und auch die Brücke konnte es ihm nicht sagen.

Über der Brücke fuhren täglich die Autos hin und her. Manche hatten es sehr eilig und das waren meist die lautesten. Sie hupten und brummten und einige ließen sogar ein ohrenbetäubendes Geheul von sich und nahmen sich sehr wichtig. Die Langsamen aber liebte die Brücke am meisten. Abends erzählte sie es dann dem Häuschen: "Hast du gesehen, heute war er wieder da."

Das Häuschen wusste natürlich sofort, wer gemeint war, aber es tat immer so, als hätte es nichts gesehen und belustigte sich daran, wie die alte Brücke dann immer so aufgeregt war.

"Der Käfer, der rote mit den schwarzen Punkten. Hach, nun tu doch nicht so, als wüsstest du nicht!"

"Der Käfer, ach so ja, der Käfer."

"Immer, wenn er über mich drüber fährt, weißt du, dann kitzelt das so, dass ich am liebsten wackeln würde."

Die Brücke mochte die Autos, die kitzeln, und früher, da hätten die Autos ja noch viel mehr gekitzelt als heute. Mit dem Käfer hatte es jedoch eine andere Bewandtnis. Einmal war ein Philosoph über die Brücke geschritten, hatte innegehalten und seinem Begleiter erzählt, wie wichtig Brücken doch sind, da sie die Verbindungen schaffen zwischen den Ländern und den Menschen, da sie die Ufer zusammenrücken lassen und Liebe und Frieden stiften. Ohne sie würden die Menschen doch völlig vereinsamen. Die Brücke hatte das alles mit stolzgeschwelltem Asphalt aufgenommen, und kaum war am Abend der letzte Fußgänger außer Hörweite, platzte sie auch schon heraus:

"Hey, Häuschen, hast du diesen Mann reden gehört?"

"Pssst, sei nicht so laut. Am Ende merkt noch jemand was und dann kommen sie wieder in Scharen und warten auf ein Wunder", ermahnte sie das Häuschen, aber die Brücke fuhr unbeirrt fort:

"Er sagte was von Verbindungen schaffen, Liebe und Frieden stiften und dass ohne mich die Menschen vereinsamen."

"Nun ja, zugegeben", wägte das Häuschen ab, "aber wen hast du denn schon groß verbunden, welche Menschen hast du denn schon zusammengebracht? Schau dort drüben auf der großen Warschauer. Dort passiert was, dort ist richtig was los. Dort gehen jeden Tag bestimmt hundert Pärchen entlang und überhaupt, Warschau, das ist eine bedeutende Stadt. Da fahren täglich vom Ostbahnhof vier Züge hin und wieder zurück. Nach Modersohn fährt kein einziger. Das ist wahrscheinlich nur irgendein Provinznest."

"Modersohn", entrüstete sich die Brücke, "Modersohn ist doch kein Provinznest. Das war ein Maler, ein ganz berühmter sogar. Jawoll. Landschaften hat der gemalt, ganz tolle. So etwas hast du noch nie gesehen. Und eine Frau hat der gehabt, die war auch Malerin ..."

Aber in ihrem Inneren war die Brücke tief betrübt, denn es stimmte, was das Häuschen gesagt hatte. Nie hatte sich ein Pärchen auf ihr gefunden, aber dann eines Tages, hielt der Käfer an der Brücke und ein Fotograf stieg aus. Er stellte sein Stativ auf und fotografierte den Sonnenuntergang und das Häuschen. Ein Mädchen kam vorbeigeschlendert, unterhielt sich mit ihm und schaute durch die Linse, und die beiden stiegen zusammen in den Käfer und fuhren zusammen über die Brücke, um irgendwo einen Café zu trinken. Die beiden kamen noch öfter an die Brücke, blieben eine Weile stehen, um sich den Sonnenuntergang oder den Mond anzuschauen. Bald hatte das Mädchen einen dicken Bauch und ein paar Monate später hörte man ein Schreien aus dem Käfer. Da war die Brücke wieder froh und stolz erzählte sie dem Häuschen davon.

Eines Tages kam Anton vorbei. Anton kannten sie noch von früher, denn als Anton klein war, ging er jeden Tag von der Schule aus über die Brücke nach Hause. Das Häuschen mochte Anton nicht besonders leiden, denn er hatte einmal, um seinen Freunden zu imponieren, einen Stein in eines seiner Fenster geworfen. Jetzt aber war Anton alt und er hatte wieder einige Freunde dabei. Sie beugten sich über ein paar Karten, schauten zur Brücke und wieder auf ihre Karten, tuschelten miteinander und stiegen dann wieder in ihre Autos. Der letzte Satz, den Anton sagte, hallte dem Häuschen noch in den Ohren nach:

"Diese Bruchbude kann ja bei der Gelegenheit auch gleich mit weg."

Was das heißen sollte, wurde den beiden schnell klar. Man stellte ein Schild auf, auf dem stand:

NEUBAU DER MODERSOHNBRÜCKE II BA
ÜBER BAHNANLAGEN DER DB AG
DIESES BAUVORHABEN WIRD AUS DER GEMEINSCHAFTSAUFGABE
"VERBESSERUNG DER REGIONALEN WIRTSCHAFTSSTRUKTUR"
GEFÖRDERT.

Als die Bagger kamen, verabschiedeten sich Häuschen und Brücke voneinander. Den Käfer haben sie nie wieder gesehen.

Viele Jahre später stand eine neue Brücke anstelle der alten. Der Fotograf und sein Mädchen kamen nicht mehr. Ihr Sohn, der elfjährige Paul, war eines Tages nach dem Spielen zu der neuen Brücke gekommen, war auf die Bögen, die sie überspannen, geklettert und heruntergefallen.

Barbara Blum - Ostkreuz- Romantik

 

Barbara Blum
Ostkreuz- Romantik

 

Schon von der Elsenbrücke aus
seh meinen Pickel-Turm ich sich erheben,
kann gegen all die anderen besteh'n,
die noch im Umkreis in die Höhe streben.

Der Massiv-Klotz-Turm gleich in der Nähe
kann ihm nicht das Wasser reichen,
auch wenn die Spree so silbern glänzt,
sucht der Turm am Ostkreuz seinesgleichen.

Bahnhof am Rotsteinbrücken-Tunnel,
vergessen - klein und hingeweht,
Tausend Räder-Schwestern täglich grüßen,
sagen: wir sind wichtig, seht nur - seht.

Wenn einen neuen Bahnhof ihr einst baut,
denkt an die Romantik - Tradition,
wir Räder sind zwar quietschig laut,
doch auch Gefühl schwingt mit in uns'rem Ton.

Katrin Girgensohn - Ostkreuz

 

Katrin Girgensohn
Ostkreuz

 

"Junge, ich such dir einen Nebenbuhler!", sagte Andrea eines Morgens zu mir und verschwand. Als der Tag zu Ende war, ging ich sie bei Matthias suchen.

Matthias war nur mäßig erstaunt darüber, dass ich ihn als möglicherweise Buhlenden in Betracht zog. "Du hast Andrea vernachlässigt!", warf er mir vor. "Du hast geglaubt, sie sei dir sicher. Und das hast du ihr gezeigt. Welche Frau will schon gerne in einer Reihe stehen mit den polierten Objekten, die du im Laufe der Jahre gewonnen hast, die du für vorzeigbar hältst und schließlich nur noch selten selbst betrachtest?"

Ich nickte und bat Matthias um ein Bett. Ich fürchtete mich vor einer Wohnung ohne Andrea. Matthias aber brauchte seine Betten in dieser Nacht sämtlich selber und so zog ich um die Häuser, bis ich zum Ostkreuz kam. Am Ostkreuz hatte ich Andrea kennen gelernt. Damals stand eine grölende Männerhorde am wandhohen Absperrgitter auf dem östlichsten Bahnsteig und lachte über das dort ausgestellte Idyll mit Gartenzwerg und Keramikreh.

Andrea stellte sich daneben und sagte: "Grobe Kerle!" Staunend drehten wir uns um. Eine kleine Frau mit roter Mütze, zu breit gebaut, um auf den ersten Blick hübsch zu sein. Wir wollten sie mit dummen Sprüchen belegen, aber nicht einmal Robert fiel einer ein. Erst als der Zug zur Bornholmer Straße einfuhr, blökte er: "Rotkäppchen und das Reh!" Andrea beachtete ihn nicht. Als ich mit dem nächsten Zug zurückkehrte, war sie verschwunden.

Ich verbrachte viel Zeit auf dem Bahnsteig, bis ich sie wiederfand und ihr meine Liebe gestehen musste. "Warum?", wollte sie wissen, "wegen Reh und Zwerg?" Wir fuhren bis Bernau und wanderten um den Liebnitzsee. Auf der Rückfahrt küsste sie mich das erste Mal und roch dabei wild wie Brandenburg.

Andrea war die erste Frau in meinem Leben, von der ich mir ein Kind wünschte. Bis zu Andrea war ich der Meinung, nur Frauen wünschten sich Kinder und der Sinn eines jeden Frauenlebens bestehe darin, einen Mann zu finden, der sich breitschlagen lässt und sich in die Knechtschaft einer Familie begibt.

Andrea verstand das nicht: "Ich bin zu jung!", sagte sie. Und später: "Wir kennen uns doch erst ein Jahr!" "Andrea, du kannst mit zwei Wörtern einen Gartenzwerg auf einem nassen Stück Kunstrasen gegen fünf angetrunkene Männer verteidigen. Eine solche Frau braucht eine angemessene Aufgabe!" "Du findest Frauen sexy, die ihren Nachwuchs hüten?" "Es wäre ja auch mein Nachwuchs! Du bist eine Löwin, Andrea, ich will sehen, wie du unsere Jungen beschützt!" "Woher weißt du, dass ich Kinder hüten kann wie Gipsfiguren? Ich mag dieses Ensemble auf dem Bahnsteig, weil dort jemand aus der Wildnis ein Wohnzimmer machen wollte. Mehr ist das nicht." Weil sie mich ansah wie damals vor dem Absperrgitter, fiel mir keine Antwort ein. Ich traf mich mit Robert auf der Cartbahn und gewann meinen ersten Pokal.

Heute, drei Jahre später, stand auf dem Bahnsteig ein Weihnachtsbaum hinter dem Gitter. Der Kunstrasen war noch fleckiger als früher. Ich fror.

Als der Zug kam, fuhr er nicht nach Bernau, sondern im Kreis. Einmal um Berlin herum.

Gegen Morgen stieg ich aus und klingelte bei Matthias. In jedem seiner Betten fand ich eine Frau. "Wieso liegen die nicht bei dir unter der Decke?", wollte ich wissen und packte Schrippen auf den Tisch. Matthias setzte Kaffee auf. "Ich bin ihr Vermieter. Bed & Breakfast. Keine soll glauben, ich sei ihr sicher."

Zu Hause nahm ich meine Pokale vom Regal und warf sie zum Grünen Punkt. Hinter dem letzten entdeckte ich Andrea. Sie heulte: "Deinen Nebenbuhler habe ich gefunden!"

Erleichtert nahm ich sie in den Arm. Andrea ist schwanger.

 

Anhang zum Ostkreuz

Mit den langen blonden Haaren, das ist Eva, auf dem Weg zu ihrem Studentinnenjob als Kellnerin, Jura-Studentin.

Das ist Fréderic, der gerade seine Freundin in Paris anruft.

Maggie ist noch unentschieden, wo sie frühstücken will. Sie ist verkatert.

Paul ist Club-DJ und muss noch seine CD-Sammlung für heute Abend sortieren.

Auf dem Weg zu ihrer Tante ist Anna, mit Narzissen in der Hand.

Das ist Susanne, die frisch verliebt ist. Seit drei Wochen frisch. Sie weiß noch nicht, dass sie schwanger ist.

Anke muss ihre Tochter Carlotta von ihrer Freundin abholen, weil sie heute zum Abendbrot noch zur Oma wollen. Oma wird wieder über das Haarfärben schimpfen.

Nils will skaten gehen, am Frankfurter Tor. Er ist sauer, weil seine Mutter ihn zum Badezimmer putzen gezwungen hat.

Nils hat seine Tocotronic-CD auf dem Ohr und wippt dazu. Dass er auch Nils heißt, ist Zufall. Nils und Nils kennen sich nicht. Dieser Nils will Nina treffen.

Nina aber läuft fünfzig m hinter ihm und ihr ist mulmig, weil sie die Beziehung beenden will - sie liebt Tim.

Bert und Andrea, genannt Anni, sind auf dem Heimweg zu ihrer ersten gemeinsamen Wohnung. Gemeinsam tragen sie die erste gemeinsame Teekanne im Beutel.

Hier sehen wir Alex und Kolja mit ihren Omas und Opa Karl.

Edita hat ein Schleudertrauma, weil Ralph den Wartburg an einen Baum gesetzt hat.

Frau Müller hastet von der Schicht nach Hause, sie ist Busfahrerin und freut sich jetzt auf Kaffee und Kuchen mit ihrer Familie.

Frank ist traurig, weil seine Oma gestorben ist und er in Berlin niemand kennt, der seine Oma kannte.

Pit muss schon wieder Rita beruhigen, die sich zu klein findet.

Henni und Anja haben sich nichts mehr zu sagen und sich deshalb einen Spiegel gekauft.

Caro und Annika wollen zu Sebastian, CDs brennen. Caro ist in Sebastian verknallt.

Rudi schleppt seine Bücher mit sich rum und drückt sich vor dem Schreiben seiner Hausarbeit.

Frank und Jo sind die Kapelle Berlinomat, unentdeckte Talente an der Gitarre, denen eine Sängerin fehlt.

Keiner von ihnen wirft einen Blick in die Schaufenster vom Café Bettenhaus. Beim Milchkaffee sitzt dort mein glückliches lyrisches Ich.

Ilse Treue - Blicke aus einem Haus, das es nicht mehr gibt

Ilse Treue
Blicke aus einem Haus,
das es nicht mehr gibt

Dort, wo Sonntagstraße, Simplonstraße und Lenbachstraße ein Dreieck bilden, wo heute eine Grünfläche mit Bänken zum Ausruhen einlädt und wo ein Spielplatz die Kinder vom Fahrdamm weglockt, unmittelbar am Bahnhof Ostkreuz, stand das Haus allein inmitten von Trümmern. An seinen Seiten türmten sich Berge von Schutt bis zum ersten Stockwerk empor. Zu dem Haus gehörten außerdem ein Seitenflügel, ein Quergebäude und ein kleiner Hof. Familien mit und ohne Kinder, Ältere und Jüngere und auch Alleinstehende wohnten darin. Seine Adresse: Lenbachstraße 13.

Im Dezember 1949 zogen wir, mein Mann und ich mit zwei kleinen Kindern (vier Jahre und zehn Monate alt) in dieses Haus ein. Wir kamen aus einer bombengeschädigten Wohnung, die wir mit zwei älteren ausgebombten Leuten teilten. Brandbomben hatten das Dach so beschädigt, dass wir bei Regenwetter Eimer und Wannen aufstellen mussten, in die es dann nervend hineintropfte. In solchen Fällen mussten wir mit den Kindern in der Küche schlafen.

Nun also hatten wir endlich eine trockene Wohnung. Und ein Bad! Noch am Umzugstag  wurde der Ofen geheizt und genüsslich gebadet. Diese angenehmen Seiten überwogen anfangs, obwohl wir ahnten, dass das frei stehende Haus noch manche Unannehmlichkeiten offenbaren würde. Die kamen mit dem Winter schneller als uns lieb war. Durch die unverputzten, porösen Fugen drang die Kälte. Dass wir über dem Keller wohnten, machte die Situation noch unangenehmer. Was haben wir in dieser Wohnung gefroren! Anfangs gab der an der Außenwand liegende Trümmerberg noch geringfügigen Schutz. Doch nachdem er weggeräumt worden war, was uns zwar freute, war das Haus schutzlos dem Wetter preisgegeben. Einmal hatten spielende Kinder von außen mit einem Draht an den bröckelnden Fugen gekratzt und kamen damit plötzlich bis in unser Wohnzimmer durch. Unsere Kinder waren oft erkältet, worüber sich die Kinderärztin, nachdem sie unsere Wohnung kennen gelernt hatte, nicht mehr wunderte. Das Haus war in einem traurigen Zustand. Man konnte es nur als Übergangsstadium betrachten. Es sollte noch sieben Jahre dauern, bis wir in eine bessere Wohnung ziehen konnten.

Trotz dieser Mängel lebte es sich in der Lenbachstraße nicht schlecht. Zahlreiche kleine Geschäfte im näheren Umkreis, vor allem Konsum, Fleischer, Gemüseladen und ein Kohlenhändler, ermöglichten einen bequemen Einkauf. An der Ecke Boxhagener Straße befand sich der Spielzeugladen von Herrn Unglaube, der ebenfalls Lenbachstraße 13 wohnte. An seinem Schaufenster drückten sich unsere Kinder oft die Nasen platt. Bei ihm kauften wir dann zu einem Weihnachtsfest die Spielzeugeisenbahn - welche Freude für Klein und Groß!

Verkehrsmäßig befanden wir uns durch die unmittelbare Nähe des S-Bahnhofes Ostkreuz in sehr guter Lage. Von hier aus fuhren wir täglich zur Arbeit. So weit ich mich erinnere, konnten wir uns auf die S-Bahn immer verlassen. Das war auch an den Wochenenden so, wenn die ganze Familie ins Grüne fuhr. Gewiss, Kinderwagen (in den ersten Jahren) und Gepäck mussten treppauf und treppab geschleppt werden. Doch wir waren jung und kannten's nicht anders. Unbequemlichkeiten dieser Art nahmen wir gelassen in Kauf, lockten doch der Zeltplatz, die freie Natur und für die Kinder das ungezwungene, ausgelassene Spiel an frischer Luft. Die S-Bahn brachte uns, wenn auch oftmals total überfüllt, sicher wieder nach Haus, fast bis vor die Tür.

Sehr vorteilhaft war die in wenigen Minuten zu erreichende Max-Kreuziger-Schule, die unsere Kinder besuchten, ohne gefährliche Fahrdämme überqueren zu müssen. Nachmittags waren sie im Schulhort gut aufgehoben. An der Schule betätigte ich mich im Elternbeirat. An so mancher Klassenfahrt konnte ich die Lehrerin begleiten und die kleinen und größeren Erlebnisse mit den Kindern teilen. Jahre später durfte ich als angehende Lehrerin an dieser Schule meine ersten unvergesslichen pädagogischen Schritte machen. Mein Direktor, meine sehr erfahrene Mentorin, sowie Kolleginnen und Kollegen halfen mir, den Wechsel in meiner beruflichen Entwicklung zu meistern. Aber da wohnten wir schon nicht mehr in der Lenbachstraße.

Dass nach der Beseitigung des Schuttes auf dem abgeräumten Trümmergelände eine Grünfläche mit einem Ballplatz entstand, ist auf die Initiative der Mieter zurückzuführen. Schließlich wurde auf ihr Drängen mit Unterstützung des Bezirksamtes erreicht, dass die Giebel verputzt wurden. Später, nach dem Abriss des Hauses (wir waren bereits ausgezogen) wurde die Grünfläche erweitert und zu dem Ballplatz auch ein Spielplatz angelegt.

Sieben Jahre hatten wir hier gewohnt. Erinnerungen, Erinnerungen ... 1956 endlich konnten wir in eine sonnige, warme Wohnung mit Balkon zum Süden ziehen.

Seitdem hat sich viel verändert. Die kleinen Läden existieren nicht mehr. Die Max-Kreuziger-Schule mit ihrer schönen Aula, in der einer unserer Söhne seine Jugendweihe erhalten hatte, ist geschlossen. Neben neuen Gebäuden und renovierten, mit frischer Farbe versehenen Häusern, die Ausblick auf ein lebenswerteres Wohnen gewähren, sieht man viel Leerstand und hässliche Schmutzecken. Insgesamt macht das Umfeld um den Bahnhof Ostkreuz auf mich einen vernachlässigten Eindruck. Bis heute wohnen wir in seiner näheren Umgebung. Wenn auch nicht mehr täglich, so führen unsere Wege immer wieder zum Bahnhof, dessen anstrengende Umsteigerei wir längst nicht mehr so gelassen hinnehmen wie in jungen Jahren. Seinen Umbau sowie eine freundliche Gestaltung des Wohngebietes würden wir gerne noch erleben.

 

Thoralf Kullig - Pelmeni

 

Thoralf  Kullig
Pelmeni

 

Es klimpert, einmal, zweimal - dann wieder neu, zum x-ten Mal. "Bitte passend zahlen", zeigt der Automat an. Das Mädchen sieht verzweifelt auf das Kleingeld - ein 2-Euro-Stück, eine 20-Cent-Münze - und hofft, nicht auch noch die nächste Bahn zu verpassen. Sie hat es eilig. Und der Fahrschein kostet 2,10 Euro.

Hilfe suchend sieht sie sich auf dem menschenleeren Bahnhof um; Nöldnerplatz - es ist 23.10 Uhr. Niemand, der ihr die Münzen wechseln könnte, niemand, der ihr hilft. Bis auf den uniformierten Beamten in seinem Häuschen, der sie schon eine Weile beobachtet. Nur der Uniform traut sie nicht.

"Halt dich von den Uniformierten fern, Vögelchen", hört sie die Tante sagen, tatsächlich "Vögelchen", was bei ihr auf deutsch klingt, wie der Titel eines RTL2-Films. Langsam wird ihr kalt. Sie muss schnell nach Hause zur Tante. In der Manteltasche krallt sich ihre Hand um die Tablettenschachtel.

Seit zwei Jahren, seit ihr Touristenvisum ablief, muss sie ständig wachsam sein, Angst haben, entdeckt zu werden. Sicher könnte sie auch zu den Behörden, den Uniformierten, gehen, doch die würden sie höchstens wegschicken, richtig weg. 1000 km weit - ohne Rückfahrkarte. Natürlich würden sie ihr zuvor erklären, dass es in Dnepropetrowsk nicht gefährlich ist, nicht sein kann, schließlich steht es so in den Akten. Ein Schauer rinnt ihr über den Rücken bei dem Gedanken an ihren Vater, der sie herschickte zu ihrer Tante, weil er untertauchen musste.

Warum nur hatte sie die Tabletten vergessen, warum die Tante allein gelassen? Die Medikamente hätte sie auch in der Apotheke zu Hause holen können. Wie konnte sie nur so unachtsam sein, so egoistisch! Und jetzt fühlt sie sich beinahe wie Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter! Eine Bahn fährt ein und sie ist den Tränen nahe. Sie muss doch nach Hause und will ja bezahlen! Nicht auffallen, immer einen Fahrschein kaufen, nicht bei Rot über die Straße gehen, keine laute Musik in der Wohnung - niemals Aufmerksamkeit erregen. Die aufkeimende Angst lähmt sie, treibt sie vorwärts und kurzentschlossen steigt sie ein. Erschrocken hört sie die Türen hinter sich zuknallen. Jetzt kann sie nicht mehr zurück! Sie blickt auf und es verschlägt ihr den Atem. Ein Mann vor ihr sieht sie an, durchdringend, als würde er sie erkennen. Und er trägt eine Uniform. Kein Polizist zwar, doch ein BVG-Mann, ein Kontrolleur?

Bestimmt sieht man es ihr an, er muss es einfach merken. Jeder würde doch sehen, dass sie keine Deutsche war. Sie gehörte einfach nicht hier her, das war klar und wenn er wüsste, dass sie gar nicht hier sein dürfte - dazu noch eine Schwarzfahrerin, nicht auszudenken! Wie ein Stein sitzt Furcht in ihrem Magen, nimmt ihr die Luft und sie spürt ihre Knie weich werden. Nur noch einen Augenblick ..., sie hält sich zitternd an der Metallstange fest, als ihr Blick auf die große Tasche in des Mannes Hand fällt. Er steht einfach nur da und hält diese riesige Tasche. Langsam schluckt sie und richtet sich auf. Wahrscheinlich hat er Feierabend oder er verreist. Aber er wird sie nicht ins Unglück stürzen, wird ihr nichts tun und sie kann nach Hause. Noch einmal Glück gehabt. Erleichtert setzt sie sich auf einen der freien Plätze.

Ihr Puls beruhigt sich und sie kann wieder frei atmen. Für einen kurzen Augenblick schließt sie die Augen und lässt sich treiben. Wieder fliehen ihre Gedanken zu ihrem Vater, wie er sie lachend in den Arm genommen hat, wenn sie Angst hatte, wie er ihre Tränen wegwischte und gleichzeitig alle Sorgen von ihr nahm. Ihr Vater, der so stolz auf sie ist, sie seine Pelmeni-Queen nennt. Ihre Spezialität: Pelmeni, eine Art russisches Nationalgericht, welches sie wie keine Andere zubereiten kann. Eine verführerische Komposition aus Pasta-Teig, einer Fleisch-Käse-Füllung und einem besonderen Kräutergemisch. Das Rezept steht nirgendwo geschrieben, sie hat es von ihrer Babuschka, die von ihrer usw.

Das Mädchen schreckt aus ihrem Tagtraum, als der Bahnhof Ostkreuz angekündigt wird. Sie mag diesen Ort, er erscheint ihr seltsam vertraut, erinnert sie an die Heimat, ohne dass sie genau den Grund weiß. Wahrscheinlich, weil er keine modernen Glitzerfassaden oder Leuchtreklame aufweist, sondern nur chaotisch und verwirrend auf den Außenstehenden wirkt.

Die Bahn hält und vier junge Männer steigen ein. Sofort ist sie hellwach, weil sie etwas Bedrohliches spürt. Kurze Haare und Lederjacken lassen die Zugestiegenen wie die berüchtigten Skinheads aussehen. Besorgt dreht sie sich um. Zu den anderen Eingängen sind noch zwei oder drei Männer hereingekommen. Unwillkürlich rückt sie näher an den BVG-Mann heran, der nun weniger Angst einflößend wirkt. Die Türen schließen sich und die Bahn fährt ab. Plötzlich ruft einer der Männer: "Schönen guten Abend, bitte mal die Fahrausweise zur Kontrolle!"

Das war's! Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie die Männer näher kommen, alle kommen auf sie zu, starren sie an. Was kann sie nur tun, soll sie sagen? Sie versucht, sich zu konzentrieren. Ihre zitternden Hände vergräbt sie in den Manteltaschen, als würde sie verzweifelt nach dem nicht vorhandenen Fahrschein suchen. Zeit gewinnen. Irgendetwas muss ihr einfallen, sonst kann sie einpacken - im wahrsten Sinne des Wortes. Papa wird so enttäuscht von ihr sein, von ihrer Dummheit, ihrer Unzuverlässigkeit. Stumm sitzt sie da und in ihren Augen sammeln sich Tränen. Bloß nicht heulen, nicht jetzt. Am liebsten würde sie sich selbst anschreien, ohrfeigen ob ihres verdammten Leichtsinns, doch sie bringt kein Wort hervor. Verstohlen wischt sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln und wartet auf ihr Ende.

Etwas berührt ihre Schulter. Verwirrt sieht sie sich um und blickt in die Augen des BVG-Mannes. Er blinzelt ihr verschwörerisch zu. "Fräulein, hier ist Ihr Fahrschein. Muss Ihnen wohl runtergefallen sein, als sie die Hände aus den Taschen genommen haben ..." Verständnislos blickt sie auf die Karte, die ihr entgegengehalten wird. Eine Monatskarte! Sie schaut in seine Augen. Ein Scherz, ein böser Scherz? Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Schon mischt sich der Zivilkontrolleur ein und fährt den Uniformierten an: "Das ist doch Ihr Fahrschein! Den können Sie nicht dem Mädchen unterschieben!" Der BVG-Mann schaut aufrichtig empört in die Runde: "Ich brauche keine Fahrkarte, bin doch beim selben Verein. Das sollten sogar Sie erkennen können. Oder glauben Sie, ich komme vom Kostümfest?"

Während die sichtlich beeindruckten Kontrolleure achselzuckend zu den Türen drängen, um am nächsten Bahnhof auszusteigen, setzt sich ihr Retter kurz neben das Mädchen. "Behalten Sie die Karte. Ich brauche die nicht. War ein Geschenk meiner Frau, weil ich den Laden verlasse. Heute ist mein letzter Arbeitstag. Habe zwanzig Jahre bei der BVG gearbeitet und mache mich jetzt selbstständig; eine kleine Kneipe, wissen Sie. Die ist hier gleich um die Ecke, am Ostkreuz, in der Sonntagstraße. Wir feiern morgen Eröffnung. Kommen Sie doch ruhig vorbei." Er fährt ihr mit der Hand über das Haar, fast so wie ihr Papa es manchmal tat. "Und bei der Gelegenheit können Sie mir das Ding", er deutet mit dem Kopf auf die Karte, "wieder vorbeibringen. Vielleicht braucht sie ja noch mal jemand ..." Lächelnd verabschiedet er sich. "Schönen Abend noch." Mechanisch nickt sie ihm zu. Nun kann sie nach Hause. So richtig begriffen hat sie noch nicht, was ihr eben passiert ist. Als sie weiterfährt, fühlt sie sich plötzlich gar nicht mehr so allein.

Daheim kann sie es kaum erwarten, der Tante von dem Vorfall zu erzählen. Natürlich schimpft diese erst einmal, dass die Wände wackeln, dabei lacht sie und aus den Augen fließen ihre Tränen. "Vögelchen, das wäre eine Geschichte ganz nach dem Geschmack deines Vaters. Und bei allem ist es noch die Wahrheit, auch wenn es wie ein Groschenroman klingt. Es fehlte nur noch Cary Grant, aber der ist ja jetzt Wirtschaftssenator." Auf einmal kommt ihnen eine Idee.

Wieder sitzt sie in der S-Bahn, Richtung Ostkreuz. Diesmal ohne Angst, sie freut sich, kann kaum erwarten, dass der Zug hält. Auf dem Schoß hält sie eine große heiße Schüssel, welche ihr fast die Beine versengt. Sie steigt eilig aus und rennt die langen Treppen zur Überführung hoch und den Gang entlang auf die Straße. Unschlüssig sieht sie sich um. Hier irgendwo muss es doch sein! Und richtig, knapp 150 Meter weiter sieht sie eine kleine Kneipe mit vielen Luftballons an Tür und Fenstern. Die Wand ziert ein rotes Schild mit gelben Lettern: Am Ossi-Kreuz. Hier muss es einfach sein! Von innen dringt ihr Gejohle und Gelächter entgegen. Hinter einem rustikalen Kneipentisch sitzt ihr Retter. Er erkennt sie sofort wieder und sein lächelndes, leicht gerötetes Gesicht wird bei ihrem Anblick noch breiter. "Nur herein in die gute Stube, Fräulein! Endlich kommen meine Groupies." Jemand greift nach ihrem Mantel, ein anderer nach der Schüssel in ihrer Hand. Verlegen blickt sie in die Runde, die jubelnd ihren Retter hochleben lässt. Noch einmal nimmt sie allen Mut zusammen, um ihre vorbereitete Rede anzubringen. "Ich will danke sagen. Danke für Ihre Hilfe. Die Tante und ich haben für Sie Pelmeni gemacht, die besten Pelmeni auf der ganzen Welt. Für Sie." Der Beifall ist ohrenbetäubend. Noch ehe das Mädchen sich's versieht, ist sie mitten im Getümmel und tanzt und lacht.

Immer wieder fährt sie seitdem vorbei am Bahnhof, an der Kneipe und an ihren Erinnerungen. Es ist ihr Schicksalsbahnhof. Ostkreuz, zweimal täglich.

Inka Engmann - Die Geschichte vom alten Wasserturm

 

Inka Engmann
Die Geschichte vom alten Wasserturm

 

Ich stehe oben auf der Fußgängerbrücke und warte auf meine Freundin. Unter mir der Bahnhof Ostkreuz, ein Gewusel von Menschen und Zügen. Ich werfe einen Blick auf die Uhr und seufze. Schon fast 'ne halbe Stunde über der Zeit. Die kommt nicht mehr, glaube ich. Aber ganz alleine nach Potsdam auf Konzert, da habe ich auch keinen Bock drauf...

Ich gucke mir die vorüberhastenden Leute an und denke mir Geschichten über sie aus. Aber irgendwie ist das langweilig, ich hab die Hummeln im Arsch und will noch was erleben heute! Rechts neben mir steht der alte Wasserturm. Den mag ich total gern, habe ihn auch schon gezeichnet. Und ich wollte schon immer mal da rein. Am liebsten gleich einziehen ins Turmstübchen! Ich guck noch mal auf die Uhr. Nee, die kommt echt nicht mehr. Na gut, selber schuld. Ich geh jetzt endlich mal zum alten Wasserturm. Wird zugeschlossen sein, aber wenigstens davor gestanden haben möchte ich mal.

Also runter, über die Straße und übern Zaun gehüpft und schon stehe ich vor dem alten Turm und streiche liebevoll über die roten Backsteine. "Du kannst bestimmt Geschichten erzählen!" sage ich. "Klar kann ich!" kommt es zurück. Nanu! Was war das? "Wer da?" rufe ich. "Na ich! Komm doch rein!" tönt es.

Ich  gehe zur Tür, und sie ist tatsächlich offen! Drinnen ist es stockfinster, ich tappe an der Wand entlang und die Treppe hoch. "Hallo? Wo bist 'n du?" rufe ich. "Hier oben!" schallt es. Ich tappe immer weiter, dann stehe ich im Turmstübchen. Der Mond scheint zum Fenster rein, aber es ist niemand da, außer einer dicken Eule, die auf dem Balken sitzt und mich aus großen grünen Augen anglotzt.

"Hast du mich grad vollgequatscht?" frage ich, aber die Eule sitzt nur stumm und glotzt.

"Ich war das!" tönt die Stimme.

"Na, und wo bist du?", rufe ich, langsam ungeduldig.

"Du bist in meinem Kopf!", sagt die Stimme.

"Ein sprechender Turm also!", staune ich. Die Eule nickt und die Stimme sagt: "Genau!"

"Dann erzähl 'ne Geschichte. So 'n alter Turm wie du hat doch bestimmt viel gesehen und gehört!"

"Hab ich", sagt der Turm, "aber weißt du, es ist langweilig, immer nur das Ostkreuz und die Rummelsburger Bucht zu sehen. Ich kenne hier jedes Blatt am Baum, jede Ente auf der Bucht und jede Ratte auf den S-Bahn-Schienen.

Und das ewige: "Zug auf Gleis 3 fährt nach Erkner - einsteigen bittä - zurückbleiben bittä!" kann ich auch nicht mehr hören. Ich will endlich mal verreisen!"

"Tja, das geht wohl schlecht!", sage ich. Die Eule schüttelt heftig den Kopf, und der Turm ruft: "Doch das geht! Und wie das geht!"

Und nun komme ich doch noch zu meiner Geschichte. Eine so spannende, fantastische Geschichte habe ich schon seit Jahren nicht mehr gehört. Und als der Turm fertig erzählt hat, strecke ich mich müde in der Zimmerecke aus. So spannend war die Geschichte, dass sie mich erschlagen hat. Ich muss nun erst mal schlafen. Die Eule flattert von ihrem Balken runter und kuschelt sich an mich.

 

Als ich erwache, liege ich zu Hause in meinem Bett und habe keinen Plan, wie ich dort hingekommen bin. Aber Träume hatte ich, Halleluja! Na ja, kein Wunder nach der tollen Geschichte gestern...

Kurz darauf bin ich schon auf dem Weg nach draußen, erst mal "lecka Frühstück" holen. Auf der Treppe kommt mir mein Lieblingsnachbar entgegen, er ist ganz aufgelöst und wedelt mit 'ner Zeitung rum. "Mensch, haste schon gehört?", ruft er, "die ham den alten Wasserturm am Ostkreuz jeklaut!" "Wer?"

"Na, dat weeß keener so richtig. Jedenfalls ist der Turm weg, nur 'n Loch in der Erde ist noch da. Und da steht was von 'nem Schatz, der dort einjemauert jewesen sein soll. Ist doch verrückt, oder? Da klau 'n die einfach unser'n schönen Wasserturm!"

Tja, an diesem Tag ist ganz Friedrichshain in Aufruhr. Die Leute strömen massenweise zum Ostkreuz und erzählen sich die wildesten Geschichten: "Dat war 'n die Terroristen, die ham den Schatz nich schnell jenuch rausjekriegt, also hamse gleich den janzen Turm mitjenommen!" "Ach Quatsch, der KGB war det!" "Ick sag: dit war 'n verrückter reicher Sammler, der Türme sammelt!" "Ach du spinnst ja!" "Wieso 'n? Du weeßt ja jar nich, wat die Leute so allet sammeln heutzutage!"

Ich stehe auch mit am Ostkreuz, sehe das schwarze Loch, wo einst der Turm stand, und bin ein bisschen traurig. Aber auch am Grinsen, denn nur ich kenne die wahre Geschichte vom alten Wasserturm. Aber er hätte mich eigentlich mitnehmen können auf seine Reise!

Anne Fink - Mittelmaß

 

Anne Fink
Mittelmaß

 

Bevor ich mit ihm zusammenkam, war ich nur ein Mal am Ostkreuz gewesen, und davon hatte mein Gedächtnis auch nur ein Stückchen Bank und Bahnhof so gegen 24 Uhr behalten. Mit ihm hat sich das dann geändert, denn wir stiegen oft dort um, wenn er wieder Tabak und Kohle für seine Wasserpfeife holen wollte. Beim Warten auf die Bahn beobachteten wir Männer mit Aktentaschen, in denen abgetrennte weibliche Weichteile oder sonst was verborgen sein mochte. Unsere Unterhaltungen bestanden fast ausschließlich aus dem Austausch solcher Betrachtungen. Möglicherweise war das der Versuch, irgendwelchen schmalzigen Gesprächen unter mehr oder weniger Liebenden aus dem Weg zu gehen, und es hat ja auch ganz gut funktioniert für eine Weile.

Das eigentlich Besondere an meinem Verhältnis zum Ostkreuz brachte der Jahreswechsel 2000/2001, weil es für mich das erste Silvester ohne Familie war und wir den größten Teil des Abends auf dem Bahnhof verbracht hatten. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, was sonst noch ablief. Da wären das Suchen einer Party, das versehentliche Umschmeißen einer Topfpflanze der Gastgeberin bei dem Versuch, den anfangs großmütig in die Mitte gestellten Sekt (den mir meine Mutter vorsorglich mitgegeben hatte) wieder an mich zu nehmen, um mich hemmungslos zu betrinken und nicht mehr verzweifelt darüber zu sein, dass ich im Keller meiner Oma genauso viel Spaß haben könnte, das durch die Stadt Irren, einander Verlieren und Wiederfinden, wenn es einem sowieso schon egal ist, fiese Blasen von den ersten und letzten Springerstiefeln bekommen.

Jedenfalls war die letzte Station Bahnhof Ostkreuz, und wir haben dort ewig rumgestanden und gefroren. Die einzige Ablenkung von der Kälte und Frustration bot zeitweise ein Bekannter von ihm, der mit zwei Aufsehern diskutierte und ein Interview mit einem Moderator von Radio Paradiso führte. Letztendlich sank er aber auf einer Bank zusammen, und uns blieb bloß das Warten auf den Countdown. Als es so weit war, küssten wir uns kurz, er nach unten gebeugt, ich auf Zehenspitzen, und hörten noch, wie ein vorbeilaufender Mann, der die Situation (wahrscheinlich aufgrund meiner flotten Kurzhaarfrisur) verkannte, "Iii, zwei Schwule!" rief.

Celine Jünger - Die wertvolle Vase

 

Celine Jünger
Die wertvolle Vase

 

In Berlin-Friedrichshain auf dem Boxhagener Platz ist an jedem Sonntag Flohmarkt. Auch heute. Lilli, Mascha, Max und Robert sind auch hier. Sie haben altes Spielzeug zusammengekramt und wollen es mit ein paar Vasen und Schüsseln von ihren Eltern verkaufen. Lillis Mutter hat ihr eine alte antike Vase eingepackt. Sie ist schmal und dünn mit einem schönen Muster. Lilli wollte sie zuerst behalten, aber weil sie mit ihren drei Freunden in diesem Sommer eine kleine Reise machen will, kommt die Vase doch mit. "Wir haben schon 18 Euro zusammen und stehen erst eine halbe Stunde", schreit Max, der gerade die Kasse zählt. "Zum Glück ist es Sommer. Im Winter hätte ich es keine zwei Minuten ausgehalten!" sagt Mascha, die gerade ihre Sonnenbrille putzt. "Ich habe Hunger!" stöhnt Lilli. "Ich auch. Deswegen hole ich für jeden Pommes mit Wiener und Senf!" sagt Robert. Robert ist der Älteste und Lilli die Jüngste. Plötzlich steht ein unheimlicher Mann vor Lilli. Er trägt einen großen Hut, der weit ins Gesicht gezogen ist. Seine Augen sind von einer großen Sonnenbrille verdeckt, und trotz der Hitze hat er einen langen grünen Mantel an. "Was kostet diese Vase?" flüstert er und zeigt auf die schöne Vase. Lilli denkt, wenn wir sie schon verkaufen müssen, dann teuer. Sie sagt: "23 Euro und keinen Cent weniger!" Mit strenger Stimme fragt sie: "Haben sie denn soviel Geld?" Der Mann schüttelt finster den Kopf. Zum Glück! Denkt Lilli, denn sie hofft, dass die Vase nicht verkauft wird. "Wenn Sie ein Foto haben wollen, dann kann ich eins machen. Wollen Sie?" fragt Max und macht eins mit seiner Sofortbildkamera. "Nein, nein, n e i n, N E I N!" sagt der Unbekannte und wird immer lauter.

"Aber ich!" ruft Lilli. Max gibt ihr das Foto. Es ist sehr scharf und gut getroffen. Da kommt Robert von der Würstchenbude zurück und ruft: "'schuldigung, wenn es ein bisschen länger gedauert hat. Vorm Kiosk war eine zehn Meter lange Schlange, aber jetzt gibt es was zum Futtern!" Plötzlich klirrt und scheppert es! "Ein ganzer Stand ist umgekippt!" ruft Mascha. Der Verkäufer schreit: "Der war es!" Alle gucken in die Richtung. Aber niemand sieht jemanden, nur Lilli! Sie schreit: "Das war der Mann, der die Vase kaufen wollte! Ich habe den grünen Mantel gesehen!" "Die Vase!" schreit Max und dreht sich um. Die Vase ist nicht mehr da! "Sie ist weg!" "Wo ist sie?" "Er hat sie geklaut!" "Wer?" "Der Mann mit dem Mantel!" "Warum?" Alle reden durcheinander. Als sie sich beruhigt haben, packen sie ihre Sachen zusammen und Robert sagt: "Ich bringe die Sachen zu mir, und ihr nehmt die Verfolgung auf. Ich komme nach." Mascha, Lilli und Max laufen in die Richtung, wo Lilli den grünen Mantel gesehen hat. "Ich frage diesen Herrn!" meint Max, "gib mir das Foto." Lilli gibt Max das Bild von der Vase. "Guten Tag. Haben Sie zufällig einen Mann im grünen Mantel, der diese Vase in der Hand hält, gesehen?" "A ab aber d das i ist ei eine ganz b besondere Vase! Sie i ist ungefähr f fünf oder s s sechstausend Euro w wert! Hm, j jetzt weiß i ich es. Ja i ich habe ei einen rennenden Mann ge gesehen und er li lief da la lang!", sagt der Mann. "Geradeaus!" ruft Max den beiden Mädchen zu, die sofort losstürmen. Beim Rennen erzählt er ihnen, was der Mann gesagt hat und alle glauben, dass Max zufällig einen Wissenschaftler getroffen hat. Unterwegs fragen sie mehrere Leute, bis sie zur Spree kommen. "Da ist er!" schreit Mascha und zeigt mit dem Finger auf den Unbekannten, der in ein Auto springt. "Schnell ins Taxi!" ruft Max. Kurz darauf sitzen alle im Taxi. Lilli notiert sich in ihrem Block, der neben anderen nützlichen Dingen in ihrem Rucksack ist:

ROTER BMW, AUTONUMMER B:SL-9389 MANN, GRÜNER MANTEL, LILA HUT UND AUFFÄLLIG GROSSE SONNENBRILLE.

"Anhalten! Der BMW hält", sagt Mascha zum Taxifahrer und zahlt. Lilli, Max und Mascha steigen aus. Der Mann verschwindet in einem gelben Haus. Lilli schreibt:

WARSCHAUER STRASSE NR. 35, GELBES HAUS, KELLER.

"Warum Keller?" fragt eine Stimme hinter ihr. Alle drehen sich um. "Robert!?" rufen alle. "Wie bist du hierher gekommen?" fragt Max. "Mit dem Taxi, wie ihr! Also warum Keller?" fragt Robert wieder. "Weil im Keller Licht brennt und weil ich gehört habe wie eine Tür zuschlug, es ist ja ein Fenster offen", antwortet Lilli. "Hm, wir sind jetzt eine richtige Detektivbande, da bräuchten wir auch noch einen Namen und Anführer", sagt Robert. "Stimmt. Also ich finde das Robert der Anführer wird. Wer ist dafür?" meint Max. "Ich!" "Ich!" "Ich!" "Der Anführer Robert lebe hoch, hoch, hoch!" rufen alle. "Danke! Ich habe auch schon eine Idee, wie wir heißen können, nämlich: Blue Cats!" sagt der neue Häuptling. Alle sind einverstanden. Nachdem sich alle mit Lillis Filzstiften einen blauen Katzenkopf auf die Hand gemalt haben, gehen sie an die Kellerfenster und lauschen. "Diese Göre wollte 23 Euro für sie haben, aber ich hatte kein Geld. Darum habe ich einfach einen Stand umgeschmissen und habe die Vase geklaut! Sie sind mir gefolgt aber ich habe sie abgehängt!", sagt der Bandit zu seinen zwei Komplizen. Lilli schreibt:

ZWEI KOMPLIZEN, MANN HAT EINE GLATZE, ANDERE LANGE BRAUNE HAARE, LETZTE BLONDE KURZE HAARE.

"Diese Vase ist um die fünf oder sechstausend Euro wert! Damit kommen wir beim Chef gut an!" behauptet der Räuber mit den langen Haaren. "Wo ist eigentlich der Herr Wiesel?" fragt der Glatzkopf. Lilli notiert draußen:

CHEF WIESEL, ALSO VIER!

Im gleichen Moment hören sie Robert flüstern: "Mascha du stellst dich vor die Tür, wenn jemand kommt, pfeifst du!" "OK", sagt Mascha und stellt sich auf.

Nachdem sich Lilli, Max und Robert unnötiges Geschwätz der Räuberbande angehört haben, hören sie auf einmal eine schöne Melodie. Sofort springen sie auf und verteilen sich auf dem Bürgersteig. "Hatschi! Hatschi!", der Mann, der die Tür zum Haus aufmacht, niest. Lilli schreibt:

GANGSTERCHEF, KLEIN UND DÜNN, GEBÜGELTE HOSE UND KLEINE, SPITZE UND SEHR GUT GEPUTZTE SCHUHE.

"Max, kannst du meinen Bruder holen? Er hat gerade Arbeitsschluss. Das Café ist hier ganz in der Nähe, und zwar immer geradeaus. Nach einer Weile siehst du es dann schon.", sagt Lilli. "Gute Idee! Ich glaube nämlich, dass wir es nicht alleine schaffen, die Räuber zu fangen.", stimmt Robert zu. "Wird gemacht!" ruft Max und rennt los. "Hoffentlich kommt mein Bruder bald", sagt Lilli. "Wie alt ist eigentlich dein Bruder und wie heißt er?" fragt Mascha. "Das habe ich dir doch schon tausendmal gesagt! Er ist achtzehn und heißt Sebastian", antwortet Lilli. "Still! Dieser Wiesel verlässt das Haus. Er hat die Vase unter dem Arm!" flüstert Robert. "Schreib Max einen Brief, dass wir den Chef verfolgen und so." "Mach ich", sagt Lilli und schreibt:

HALLO MAX! WIR VERFOLGEN WIESEL UND GEBEN EUCH SPUREN MIT PFEILEN. GRÜSSE LILLI, ROBERT UND MASCHA.

Sie heftet das Blatt mit einer Reißzwecke an die Tür. Danach läuft sie mit den anderen los. Der Räuber biegt in die Frankfurter Allee. Die drei Kinder immer hinterher. Mascha malt hin und wieder einen Pfeil mit Kreide auf die Hauswände. Doch plötzlich lässt sie die Kreide fallen. Sie landet genau in einem Gully! "Mist!" schimpft sie "Wie sollen wir jetzt Zeichen geben?" fragt sie Robert. "Du musst ja auch alles fallen lassen! Auf dem Flohmarkt hast du ja auch ein Glas zerdeppert!", ruft Lilli ärgerlich. "Und du? Du hättest eben besser auf die Vase aufpassen müssen! Dann wären wir nicht hier!" schreit Mascha. Lilli brüllt und kriegt einen ganz roten Kopf: "Warum ich? Du hättest ja genauso gut auf das Ding aufpassen können! Aber nein! Das Kleid durfte ja nicht dreckig werden! Prinzessin Mascha mit Prinz Robert!" "Ach ja? Wer hat denn hier die Schleife am Kleid? Und wer trägt immer geputzte Schuhe? Du fühlst dich so wie die Kaiserin von der ganzen Welt! Der Kaiser Max immer an ihrer Seite!" schreit Mascha zurück. Endlich ruft Robert dazwischen: "Hört auf! Der Herr Wiesel läuft weg und ihr streitet und lasst ihn entkommen! Hat dein Bruder ein Handy? Wenn ja, dann brauchen wir noch seine Nummer." Als die Mädchen sich beruhigt haben antwortet Lilli: "Ja er hat eins, hier ist seine Nummer." Sie holt eine Telefonkarte und einen Zettel aus ihrem Rucksack. Robert nimmt beides und läuft von einer Ecke zur anderen, bis er eine Telefonzelle gefunden hat. Lilli und Mascha sollen Wiesel weiter verfolgen.

Nach einer Weile kommt Robert zurück und ruft den Mädchen ärgerlich zu: "Warum seid ihr ihm nicht gefolgt?" "Das brauchten wir gar nicht! Er ist nämlich in das Antiquitätengeschäft gegangen", sagen Mascha und Lilli, die sich jetzt wieder gut verstehen. Plötzlich hören sie ein Quietschen und Brummen. Sebastian und Max sitzen auf einem Motorroller. "Schick, was? Den habe ich gerade im Lotto gewonnen!" "Ich habe ihm schon alles erklärt", berichtet Max. "Wer ist denn der Wiesel und wo ist er?" fragt Sebastian. "Wiesel ist der Kopf der Räuberbande. Er ist in dieses Geschäft gegangen. Wahrscheinlich will er die Vase verkaufen!" antwortet Lilli. "Dann nichts wie los!" ruft Robert und alle rennen zur Tür des Antiquitätenladens und reißen sie auf. Herr Wiesel wird ganz blass, weil ihm der Glatzkopf die Kinder beschrieben hat. Er erkennt sofort Lilli und Max. "Da ist er!" schreien alle. "Was ist denn hier los?" fragt der Verkäufer erzürnt. "Das ist ein Dieb! Er hat diese Vase von unserem Stand auf dem Flohmarkt gestohlen", schreit Robert. "Könnt ihr das beweisen?" fragt der Händler. "Ja, wir haben nämlich ein Foto von der Vase!" antwortet Lilli und holt das Foto aus dem Rucksack. "Das Foto besagt gar nichts! Diese Kinder haben die ganze Zeit an meinem Stand rumgeschnüffelt! Dabei haben sie immer Fotos gemacht!" ruft Wiesel empört. "Sie? Sie hatten doch gar keinen Stand! Der Einzige, der auf dem Flohmarkt war, war ihr Komplize!" ruft Max. "Der Komplize, so wie ihr ihn nennt, war mein Freund. Er hat mich vertreten als ich mal aufs Klo musste, und mir alles erzählt! Ich hasse Kinder! Sie lügen und lügen! Das, was sie erzählen, ist alles Lüge! Glauben Sie kein Wort!" schreit Wiesel und seine Augen sind voller Heimtücke und Hass. "Aber nein, das ist Wiesel!" ruft Lilli und fängt fast an zu weinen. Der Antiquitätenhändler erstarrt. "Wiesel?" Schnell greift er zum Telefon und wählt 110. Der Mann mit den spitzen Schuhen zuckt zusammen und will durch die Tür fliehen. Aber sie ist von Sebastian und Robert versperrt. Einige Minuten später ist die Polizei da und ein Beamter durchsucht Wiesel. Aber er findet nichts.

Nach der Durchsuchung fragt er: "Und das ist also Wiesel? Habt ihr Beweise, dass das eure Vase ist?" Sebastian überlegt eine Weile, danach ruft er "Mensch Lilli, haben wir nicht von Weihnachten ein Foto wo wir vor dem Kamin stehen?" "Ja, natürlich nur was hilft das?" fragt Lilli verwundert. "Na früher stand die Vase auf dem Kamin. Da müsste sie auf dem Foto sein." "Genau!" schreit Lilli und umarmt Max, der ganz rot wird. "Dann holen Sie mal das Foto, junger Mann, soll ich Sie nach Hause bringen?" fragt der Polizist. "Nee! Ich hab einen Motorroller!" antwortet Sebastian. "Hast du denn einen Führerschein?". Ohne etwas zu sagen zieht Sebastian seine Papiere aus der Hosentasche und zeigt sie dem Beamten, der freundlich nickt. Sebastian braust los und kommt nach zehn Minuten mit dem Foto zurück. Nun geht alles ganz schnell. Herr Wiesel wird verhaftet und ein Polizist bringt die Kinder nach Hause. Als Belohnung bekommen Max, Lilli, Mascha und Robert 1000 Euro und vier Gutscheine für ein drei-Sterne-Hotel am Meer. Sebastian bekommt 1500 Euro und einen modernen Motorradhelm.

Am nächsten Tag treffen sich die Blue Cats in der Eisdiele. "Ich freue mich so aufs Meer!" sagt Lilli. "Wir stehen ja heute in der Zeitung! Und da steht auch, dass Wiesel in seiner Wut die anderen Banditen verraten hat und sie auch verhaftet wurden", sagt Mascha, die gerade Zeitung liest. Robert hebt seine Eistüte wie ein Sektglas und sagt in feierlichem Ton: "Auf die Blue Cats!!" Die anderen heben auch ihr Eis und rufen: "Auf die Blue Cats!! Ha! Hi! Haha!".

ENDE

Lutz Kauschke - Ostkreuz

 

Lutz Kauschke
Ostkreuz

 

Wir sahen uns am Ostkreuz ... Kerschowkis Melodie klingt mir im Ohr. Meine Gedanken sind bei Karla, viele Jahre zurück, und bei meiner Verabredung mit ihr, in nur noch wenigen Minuten. Ostkreuz! Schaue aus dem S-Bahn-Fenster. Sehe den Wasserturm, immer noch rotbraunschwarz und standhaft, Wahrzeichen einer vergangenen Zeit. Schnell dränge ich aus dem Zug, laufe Richtung Sonntagstraße. Viel hat sich hier nicht verändert, eigentlich gar nichts. Der Bahnhof wirkt immer noch alt, dunkel, verworren, erschließt sich nur dem Kundigen, zu erkennen am schnellen Schritt. In der Woche bevölkert von Arbeitseilenden, zweimal täglich. Aber heute ist Sonntag. Die Spatzen am Kiosk suchen Krümel.

Ausgang. Die Helligkeit des warmen Frühlingsmorgens nimmt mich gefangen. Ein Blick nach rechts. Baugerüste. Ja, das spitze Haus sahst du doch gerade erst im Film, bröckelnde Fassade. Was tun ...? Der nächste Blick geht zur Uhr. Noch 15 Minuten. Du musst dich beeilen, sage ich mir, und trabe die Sonntagstraße hoch. Links ein Stück Park, am Morgen schon belagert von einigen Sonnenanbetern, einem Rudel Hunde und ein paar Mädchen, Federball spielend. Über uns kreist ein Wasserflugzeug, dreht ab Richtung Kreuzberg. Der Himmel über dem Mariannenplatz ist von keiner Rauchwolke getrübt. In wenigen Tagen ist der 1. Mai. Die Sonne bricht sich an der Glasfassade der Treptowers, neue Schlösser für Berlin.

Weiter. Jetzt wird's eng. Tische und Stühle auf dem Gehweg, die ersten Kneipen. Jede irgendwie anders und doch gleich, vereint durch das hippe Publikum. Junge Paare und Gruppen zeigen sich der Sonne, plaudern entspannt. Friedlichkeit überzieht die Szene, ... smart und gelassen.

Rechts die Schule, unsere Schule, der Hof okkupiert von einem Filmteam. Links Plakate: Live-Musik im Comeback. Dann der Gebrauchtwarenladen, draußen davor ein Wohnzimmer, komplett mit Couchgarnitur, der gekachelte Tisch glänzend auf dem staubgrauen Fußweg. Stilbruch. Drumherum lümmelnd ein buntes Volk, bereits beim Frühstück. Mein Magen knurrt. Dann, die Häuser vom Helenenhof. Haben ihre alte Düsterheit schon abgelegt. Da wohnte sie, ... Karla.

Hier waren wir aufgewachsen, zwischen Boxhagener und Revaler, Schlüsselkinder, zwei unter vielen Heranwachsenden einer kinderreichen Zeit. Wie trostlos diese Gegend war, und doch auch lebendig, geprägt von eingeengten Betrieben auf Hinterhöfen und  Bürobaracken auf Trümmerbrachen, von Arbeit und Menschen und Kleingeist.

Und ich glaube, es gab es doch, das Glück. Für uns, die wir meist in der Clique umherzogen, als das Kofferradio noch Konjunktur hatte. Wir haben was von langen Haaren und viel von echten Jeans gewusst. Und Karla? Sie war meine Jugendliebe, mein Mädchen aus Ostberlin.

Vor mir der Wühlischplatz, der Park. Mir fällt der lustige Brunnen ein, das Nilpferd, erhaben über die kleinen Großwildjäger. Bin neugierig. In der ausgetrockneten Brunnenschale liegt zusammengerollt ein Schlafender, verwahrlost, mit einer Büchse Bier. Armes Berlin.

Im Park die ersten Kinder beim Spiel, bewacht von ihren stolzen Eltern, ... hier, wo sie zu Hause sind. Nicht spürbar mehr die alte Sehnsucht nach fernen Ländern.  ... in die warmen Länder würden sie so gerne fliehen, die verlorenen Kinder von Berlin ... Verlorene Kinder? Nein, diese hier wohl nicht, wenn auch nicht mehr so zahlreich. Ob Tamara auch im Keller des Comeback singen würde? Wohl kaum, aber schön wär's gewesen.

Kurzer Blick auf die Uhr, es wird Zeit. Wühlischstaße. Der Bäcker hat geöffnet. Frischer Brötchenduft am Sonntagmorgen. Mein Gang wird schneller. Die Sonne kitzelt in der Nase, das Hemd wird feucht, unangenehm. Mein linker Fuß tritt in etwas Weiches. Mist! Putze den Schuh provisorisch an einem Grasbüschel. Betrachte kritisch und mit ziehender Nase das Ergebnis. Auf dem Gehweg Hundekot,... ich steh' auf Berlin.

Rechter Hand die Knorrpromenade, vollgestellt mit Blech. Aufgeputzte Bürgerhäuser. Nostalgische Idylle mit Zeitgeist, schickes Alt-Berlin im Neu-Berliner Ambiente. Möchte wissen, welcher Kopf sich wohl einst erkühnte, hier den Namen Knorr mit Promenade zu verbinden. Heute bevölkern jedenfalls nur einige angekettete Fahrräder die schmalen Fußsteige. Und eine fette schwarze Katze lauert im noch dürftigen Gras eines Vorgartens aufmerksam und regungslos auf alles, was hier sonst noch kreucht und fleucht. Ihr ist es egal.

Jetzt beginnt die Weltkultur. Gastronomie für vielerlei Geschmack. Italien, Mexiko, Indien, ... die Kontinente lassen grüßen. In einer Szenekneipe grüßt Honni. Aus einem Bild überm Tresen, ohne Lederjacke, mit ewigem Lächeln in schwarzweiß. Der Sonderzug nach Pankow scheint an ihm vorbeigerauscht zu sein. Er stand eh mehr auf Autos. Auch auf das verordnete Volksmobil Trabant? Einige ausgefallene Exemplare stehen am Straßenrand, sogar schillernd in den Regenbogenfarben. Ostalgie ist in, hier gleich zuhauf zum Bestaunen.

Endlich die Simon-Dach-Straße. Morgendliches Volksfest, genannt Brunch, bestimmt das Flair. Faszinierend. Ja hier trifft man sie, die Leute in, aus und um Berlin, ... willenlos und immer mittendrin. Noch kein Spiegelbild der Eitelkeit, aber auf dem besten Weg dahin. Ein altjunges Paar mit rheinischem Dialekt beim mediterranen Frühstücksevent. Die Kinder, vielleicht drei und sechs, fühlen sich unterfordert, toben sich an den anderen Gästen aus. Fern von Bonn lebt es sich ungezwungen. Untergehen in der Anonymität der Großstadt, eintauchen in das Sprachgewirr. Kalte Schauer, Mauer, unsichtbar, im Rücken, westwärts! Nichts zu spüren von Halloween in Ost-Berlin. Beflissene, ansehnliche Mägde in langen Schürzen, mit und ohne Nasenpiercing, schieben sich Cappuccino tragend souverän durch die Tische. Die Zeit hat Weile.

Nur noch ein kurzes Stück. Da vorn ist das Intimes, unser altes Cinema Hall. Da will sie warten, ... Karla. Ist schon merkwürdig, dass wir uns nach so vielen Jahren ausgerechnet im weltweiten Netz wieder begegnet sind. Hätten uns fast nicht erkannt. Wie mag sie jetzt aussehen, im realen Leben? Immer noch so dünn? Das Bild von ihr wirkt interessant. Ihr Gesicht, nicht so glatt und austauschbar, kleine Fältchen an den Augen, zeigt Lebenserfahrung. Jahre des Findens? Ich bin gespannt. Noch kann ich sie nicht entdecken.

Wieder geht mir die Melodie von Kerschowski durch den Kopf. Ostkreuz ... Versuch mich zu erinnern, wohin ich hier wollte, was ich hier zu suchen hab. Mühsam öffne ich die Augen. Vor mir ... vier schwarze Schuhe. Ich schaue hoch. Zwei bordeauxrote Barette. Die Augen darunter blicken streng und freundlich. Innerlich und äußerlich etwas zerknittert krame ich nach meinem Fahrschein. Ostkreuz. Schnell raus. In der linken Jackentasche fühle ich die CD, erst in den letzten Tagen zusammengestellt und gebrannt. Rocksongs über Berlin. Ohne Jumpin' Jack und Lucy Sky. Habe sie Ostkreuz genannt, ... ein Geschenk für Karla.

Für Jana zum 22. Geburtstag
Berlin, April 2002

Dr. Robert - Das Traumschiff

 

Dr. Robert
Das Traumschiff

 

Mein Blick folgt den Passanten, die an einer metallenen Sitzgelegenheit vorbeieilen... Die eine Fraktion kommt die steinerne Treppe herunter, um das rollende Schienenpferd in Richtung Osten oder Westen zu nehmen. Die anderen hasten hinauf, um nach Pankow oder südlich nach Schöneweide die kurze Reise anzutreten. Zwischen den Umsteigern fallen mir zuerst jene auf, die nicht in das Raster des Schmalspurbürgers passen. Unweit wanken zwei Obdachlose, welche die Angst vor dem nahenden Sicherheitspersonal immer weiter durch den Sog der Stadt wirbelt. Da kommt ein Anzugträger mit einem Laptop unterm Arm, wobei ich mich frage, warum er nicht seinem Lifestyle gerecht handelt und seine kleine Karosse benutzt. Vielleicht will er die Regierung sabotieren.

Anstatt über Menschen nachzudenken, in die ich mich sowieso nicht hineindenken kann, sollte ich endlich die Antwort finden, warum ich mich ausgerechnet hierher von meinen Gefühlen an meinem freien Tag treiben ließ. Warum hatte ich mich eigentlich auf diesem halb verrotteten, grauen S-Bahnhof hingesetzt, anstatt wie ursprünglich geplant, in das Grün des nahen Treptower Parks einzutauchen?

Der Geruch von Bratfett weht hinüber und holt mich wieder in die Realität des anonymen Verharrens. Mit Hilfe eines Betreuers, der das Gewicht ihres Rollstuhls vorsichtig hinunter hievt, schleppt sich gerade eine Gehbehinderte jene steile Treppe hinunter, beinahe unbeachtet von der Masse der Menschen. In dem sich auflösenden Tageslicht beginnt bald der Abend seine faltige, aber niemals sternklare Haut über die Straßen und Häuser dieses Viertels zu legen. Einen Kaffee werde ich mir noch an dem Stand neben der Treppe genehmigen, um dann wieder dorthin zu gehen, wohin ich an diesem Feierabend eigentlich für die Menschen unerreichbar entfliehen wollte. Nach dem beinahe wortlosen Handel um einen großen Becher mit viel Milch muss ich feststellen, neben meinem schon mit Besitzanspruch belegten Platz einen Mann sitzen zu sehen. Ein Moment des Zweifelns wird durch die Hoffnung beseitigt, ihn gleich in die S-Bahn verschwinden zu sehen. So setze ich mich, beginne vorsichtig, das Heiße in das dafür vorgesehene Sinnesorgan zu übertragen. Mit dem Anzünden meiner Zigarette ereilt mich die Frage, ob ich ihm Feuer geben könne.

Schweigend beobachte ich unter meinem Inhalieren eine ältere Frau. Ihr Gesicht zeigt in diesem Licht keine Falten, sondern eher eine verbitterte Maske. In ihrer pastellgetönten Jacke und dem blauen Rock gleicht sie dem Schauspiel eines traurigen, zugleich karikierenden Clowns.

"Worauf wartest du?", höre ich die Stimme, wie aus dem Nichts, neben mir fragen.

"Auf nichts. Nur, dass die Zeit vergeht und ich wieder nach Hause gehen kann", erwidere ich, mehr laut denkend, als antwortend.

Der Mann hat sich vorgebeugt, saugt an seiner Selbstgedrehten und starrt leer auf den vor uns liegenden Bahnsteig.

"Weißt du, wie es ist, sich allein zu fühlen?", fragt er, sein kantiges Gesicht mir zugewandt.

"Ich fühle mich irgendwie ständig allein."

"Hast du Freunde?"

"Freunde und Bekannte", gebe ich als Aufklärung, in der Aussicht, nicht noch einmal eine erteilen zu müssen.

"Siehst du, dann brauchst du dich nicht alleine zu fühlen. Du kennst Menschen, die sich um dich kümmern."

Obwohl etwas Provokantes in seiner Stimme liegt, wendet mein Blick sich der einfahrenden S-Bahn mit der leuchtenden Aufschrift SPANDAU zu. Unter dem Dröhnen der Maschine fühle ich mich zwanglos von einem weiteren Kommentar befreit. Hätte ich doch nur den anderen Sitz gegenüber gewählt. So wäre das sicher gleich folgende Gejammer mir erspart geblieben. Die Türen werden aufgerissen, entlassen sich der Beförderung mit einem sich kollektivem Verstreuen.

"Weißt du, wie viele dieser Menschen, die dort aussteigen, nur den Fernseher und ein Bier nach getaner Arbeit haben und dieses zu ihrer BZ und Bild auch noch als gute Ergänzung sehen?"

Er zeigt mit dem Finger ungeniert auf die Frau mit dem blauen Rock und der Pastelljacke.

"Hat sie jemanden?"

"Glaube ich nicht. Nicht böse, aber ...", ich überlege, positiv beeindruckt von der Wendung des Gesprächs, einen Moment, "... sie wirkt so verbittert."

"Weißt du, wenn andere schlafen gehen, dann beginne ich aufzuwachen. Ich beginne zu denken, zermartere mir das Hirn, wie die Sache sein könnte und alles. Aber ich finde keine Antwort und schlafe erst ein, wenn andere zur Arbeit gehen."

Während ich überlege, mit meinem Kaffee die nächste Bahn zu nehmen, drücke ich meinen giftigen Freund zum Festhalten auf dem Boden aus. Ich wollte wahrhaft nicht am Feierabend für frustrierte Arbeitslose den Psychoanalytiker für frei umherwandelnde Schicksale spielen. Darum frage ich ihn auch nicht, wie welche Sachen sein könnten. Mein Blick konzentriert sich auf zwei um Krümel streitende, graue Tauben.

"Ich habe immer wieder versucht, meiner Beobachterposition zu entkommen, bin aber nie darüber hinausgewachsen."

Ich bin etwas verärgert wegen der Tatsache, nicht meinen eigenen Gedanken nachgehen zu können. Leicht gereizt entgegne ich: "Weißt du, ich glaube, wir sind wie die Tauben dort. Jeder kämpft für sich alleine und doch beharrlich irgendwie gegeneinander um irgendwelche kleinen, bedeutungslosen Krümel. Und jeder macht das, weil alle es machen und selbst wenn einer für Momente das mal vergisst, wird er doch von den anderen aufgefordert weiterzuspielen. Das Spiel. Unser aller Spiel."

"Als Gott diese Welt erschaffen hat, in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse, unterteilte er mich in die Verlierermannschaft."

Sein auf der Unterlippe Kauen, sein leerer, fast schon verzweifelter Gesichtsausdruck erweckt einen Funken Mitleid. Ich schaue mich fragend um, als würde die Antwort auf die Situation hier irgendwo geschrieben stehen. Das Licht der Neonlampen schaltet sich kurz flackernd an.

"Machst du nichts? Ich meine, Musik, Malen oder so was?"

Das traurige Gesicht unter den dunklen Haaren blickt mich an, während die faltigen Hände in die schwarze Lederjacke greifen und seinen Tabak hervorholen.

"Was würde das ändern, mein Freund?"

"Du könntest der Welt von dir erzählen. Du könntest die Welt deines Gottes bunt anmalen und ihr ein neues Gesicht geben."

"Ich soll es alleine vollbringen? Nein! Ich würde ihnen allen einen dicken Pinsel in die Hand drücken und sie alle gemeinsam diesen Bahnhof anmalen lassen, die Straßen, und sie schließlich alles voller Bäume und Unkraut begrünen lassen. Das würde ich tun!"

Ich suche ebenfalls mit meinen jungen Händen in meiner Tasche, auf der Suche nach Filterzigaretten und meinem Feuerzeug.

"Hast du nicht mal versucht, über Malen oder Musik oder Schreiben mit Leuten was zu machen?"

"Das ist lange her", stammelt er etwas leiser.

Die nächste S-Bahn nach Potsdam fährt ein. Ich strecke ihm unter ihrem Getöse mein Feuerzeug entgegen, greife zu meinem mittlerweile lauwarmen Kaffee und entfache die Glut meiner eigenen Sucht.

"Was hat dich eigentlich so frustriert und traurig gemacht?", frage ich das erste Mal wirklich interessiert. Er inhaliert den Rauch tief und bekommt wieder diesen leeren Gesichtsausdruck, der mich einen stummen Schrei seiner Seele erahnen lässt. Schließlich flüstert er knapp:

"Ich bin verlassen worden. Vor vielen Jahren."

Etwas wie Wärme, Mitgefühl, was über Mitleid hinaus geht, stachelt mich an, weiter zu reden. Aber es geht nicht. Ich kann ihm nicht über seinen Schmerz hinweghelfen. Vielleicht sollte ich ihn einfach nur in den Arm nehmen. Aber das wäre unangemessen! Was habe ich schon mit diesem Fremden zu tun, den irgendwann mal seine Frau verlassen hat, vielleicht sogar mit Kind. Verstohlen inhaliere ich den Rauch. Die S-Bahn gibt die Sicht in ein bisschen Grün wieder frei. Ich schäme mich in einer Kammer meines Verstandes für mein Mitgefühl. Hier im Kiez laufen genug Kreaturen, manche auffälliger, manche weniger, die ihr Schicksal bejammern. Warum empfinde ich gerade für ihn solche brüderlichen Gefühle?

Über den Rand des Bechers sehe ich die letzten S-Bahn-Austeiger sich verstreuen. Sicher ist es einfach, sich in dieser Stadt einsam und verlassen vorzukommen. Vielleicht gerade dann in solchen Momenten, wenn alle in Bewegung und geschäftig sind und einem selbst der kleinste Ansatzpunkt einer Motivation oder eines Zieles fehlt. Sicher ist das so. Manchmal, wenn ich auf meiner kleinen Toilette sitze, denke ich, ich sei ein unbedeutender Mensch in einer unbedeutenden Wohnung unseres unbedeutenden Hauses in einer unbedeutenden Straße in Friedrichshain. Ein Anonymus unter mehr als Hunderttausend. Eine verlorene Seele im Wirrwarr dieser Stadt mit unendlichen Möglichkeiten. Ja, manchmal denke ich dann, ich sei ein kleiner dummer Wurm in diesem Klumpen kalter Erde.

Aber ich spüre, widme mich meinen unvermeidlichen Aufgaben und Pflichten und vergesse dieses böse Stück der Realität spätestens beim Bier in einer Kneipe in meiner Straße.

"Weißt du", unterbricht er meine Gedanken erneut, "Ich habe ein Traumschiff gebaut. Eines voller Liebe und Idealen. Aus Menschlichkeit und gegenseitigem Respekt. Doch mein Traumschiff ist hier in den grauen Straßen kaputt gegangen. Mit ihm haben meine Überzeugungen mich verlassen. Jetzt sitze ich manchmal hier, manchmal dort und warte auf mein Traumschiff. Vielleicht kommt es eines Tages wieder zurückgesegelt und bringt mir zurück, was ich schon lange für verloren hielt."

Verwundert schaue ich ihn an. Ja, ich gestehe, ich bin völlig entgeistert.

"Also bist du nicht von einer Frau verlassen worden?", stottere ich beinahe.

Fast entrüstet schaut er mich einen Moment lang an. Dann verfällt sein Gesichtsausdruck wieder in diese traurige Melancholie.

"Die Liebe hält nicht ewig und Freiheit fordert ihren Preis. Auch Bekannte kennen einen, manchmal für eine längere Zeit. Freunde sind immer bei dir. Auch wenn sie sich längst die Freiheit genommen haben, nicht mehr anwesend zu sein, so sind sie doch im Herzen nahe. Damit muss man sich abfinden. Aber ein Traumschiff, das braucht jeder Mensch. Ohne dies gibt er sich mit einer BZ oder einer Bild zufrieden. Und ich denke die ganze Nacht darüber nach, wo es sein könnte. Und wie es zerstört wurde, dieses Lebens- und Liebeselixier. Ich suche, ich warte. Aber es kommt nicht wieder. Ich habe vielleicht schon die Hoffnung verloren, es irgendwo zu finden."

Ich schaue ihn fragend an. Als er sich unvermittelt erhebt und mir zum Abschied die Hand reicht.

"War nett, dich kennen gelernt zu haben", sagt er, ohne sein trauriges Gesicht für einen Moment abzulegen. Ich habe stärker als zuvor das Bedürfnis, ihm mein Mitgefühl durch eine Umarmung auszudrücken. Aber statt dies zu tun, reiche ich ihm ebenfalls die Hand und sage nur kurz: "War mir ein Vergnügen!"

Seine Hand gleitet aus der meinen. Sein Körper verliert sich in harten Konturen, wird zum Schatten und verschwindet letztendlich völlig im Dunkel der steinernen Treppe.

 

Wenn ich heute daran zurück denke, wünschte ich mich an den Tag vor einem halben Jahr im September zurück. Ich habe viel über das Gespräch nachgedacht. Manchmal verfalle ich sogar der Gedankenspielerei, in der S-Bahn, jemanden mit einer Boulevardzeitung nach seinem Traumschiff zu fragen. Wenn ich manchmal Menschen auf der Straße sehe, die traurigen Blicks in die Welt schauen, frage ich mich, ob sie sich einfach nur verlassen fühlen oder vielleicht auch ihr Traumschiff suchen.

Manchmal wünschte ich sogar, diesen Mann wieder zu treffen. Ich würde ihn fragen, wie das Schiff aussah und was es an Bord geladen hatte. Schließlich auch, wie es den gefräßigen Straßen zum Opfer fallen konnte. Aber die Gelegenheit ist verstrichen. Wenn ich in den Treptower Park fahre, überlege ich, ob nicht heute der Tag wäre, mich am Ostkreuz hinzusetzen und darauf zu warten, dass mich eine bekannte Stimme nach Feuer fragt.

Denise Wolff - Ostkreuz, zweimal täglich

 

Denise Wolff
Ostkreuz, zweimal täglich

 

Osten, Süden, Westen, Norden...
Viele Leute haben Sorgen.
U-Bahn, S-Bahn,
manche kriegen einen Wahn.

Wohin nur? Wohin nur?
Oben, unten, links. Rechts...
Nur ein Ausruf: Ächz!
Zur Arbeit! Zur Arbeit!
Dorthin ist's ja noch weit

Ein Kreuz im Osten
Ist immer auf dem Posten.
Verkehrsknotenpunkt der Stadt,
das hat man manchmal wirklich satt.
So viel Betrieb gibt's ja dort.
Versteht man noch sein eignes Wort?

Nach Haus! Nach Haus!
Tag ein, Tag aus
begegnen sich Menschenmassen
kläglich
zweimal täglich.

Sandra Hübner - Luna Rosa

 

Sandra Hübner
Luna Rosa

 

Vorsichtig zog Herr Kiebitz sein Knie weg. Frauen. Nur eine Frau konnte auf die Idee kommen, so etwas zu tragen. Weiß. Ein weißes Kleid, offensichtlich aus nichts weiter als Fusseln bestehend. Er würde sich davon jedenfalls nicht seinen Anzug ruinieren lassen. Nicht heute. Vor allem nicht heute.

Er sah starr aus dem Fenster. Weiße Fussel. Am Knie. Das wäre das ganz Allerletzte. Herr Kiebitz sah den Aufwärtsschwung der erschütterten Augenbrauen seiner Mutter vor sich. Die Furchen, die sich dabei auf ihrer hohen Stirn bildeten.

Seine Finger pressten sich in das Leder der Aktentasche. Die Daumen fuhren hektisch über den weichen Griff. Das beruhigte, das funktionierte immer. Sobald die Haut der Daumenkuppen die sanftwarme Berührung des Leders spürte, entspannte er sich. Hermannstraße erst. Herrgott, dauerte das heute lange. Eigentlich hatte er noch ein bisschen arbeiten wollen, bevor er zum Geburtstag seiner Mutter ..., aber das konnte er wohl vergessen. Gerade heute. Eigentlich hätte er heute ins Fitnesscenter gemusst, wegen seines Rückens, schließlich war Freitag und Freitag war Fitnesscentertag. Aber nein, gerade heute, gerade heute musste seine Chefin noch etwas von ihm wollen, als er schon an der Tür und das Jackett schon zugeknöpft ... Jeden anderen Tag hätte sie sich aussuchen können, was sie ja auch tat, aber heute ...

Herr Kiebitz betupfte sich mit einem gebügelten Taschentuch die Stirn. Irgendjemand hatte ein Fenster geöffnet. Der kalte Luftzug strich hinter seinen Ohren zu seinem Nacken und jagte ihm schweißfeuchte Schauer über den Rücken. Er würde sich erkälten. Konnte nicht jemand das Fenster wieder schließen? Nein, nein, er würde sich natürlich nicht krankschreiben lassen, das kam gar nicht in Frage. Das neue Projekt in der Firma lief auf Hochtouren, die Verträge drückten, die Auftraggeber waren direkt vom Himmel gefallen, die Umsatzsummen waren mit klarem Verstand kaum fassbar und er, er war bei all dem unentbehrlich. Schniefend und hüstelnd sah er sich am Montag wieder zur Bürotür hereinkriechen. Einen Augenblick tat er sich selbst leid. Dann straffte sich sein Rücken wieder.

Die S-Bahntüren schlossen sich. Der zweite Motz-Verkäufer auf dieser Fahrt begann sein langgezogenes Lied zu singen.

Misstrauisch beobachtete Herr Kiebitz das weißbefusselte Knie, das bei den Rückbewegungen und Schlenkern der Bahn immer mal wieder sein eigenes in Gefahr brachte.

Frauen. Er bürstete jeden Abend seinen Kater und rief später noch mal seine Mutter an, wenn sie ihm nicht zuvorkam.

Sonnenallee. Der Motz-Verkäufer hatte kein einziges Exemplar verkauft. Sich umständlich schnäuzend stieg er aus.

Wenn doch jemand das Fenster schließen würde, dachte Herr Kiebitz, dessen Finger immer hektischer am Ledergriff der Tasche rubbelten.

Eigentlich müsste er den Bericht noch schreiben und ins Büro mailen. Das ging überhaupt nicht, dass das bis morgen warten sollte. Konnte er den Geburtstag seiner Mutter als Ausrede gelten lassen? Und das war es doch, eine Ausrede, oder etwa nicht? Natürlich war es das. Schon halb sieben. Herr Kiebitz erstarrte, drückte sich das feuchte Taschentuch vor den Mund und atmete schwer ein und aus. Die Blumenläden würden geschlossen sein!

Treptower Park. Das Weißbefusselte verschwand, dafür quetschte sich etwas sehr, sehr Breites gegen ihn. Eingekeilt zwischen Fleisch und Außenwand, gab es für Herrn Kiebitz kein Entkommen vor dem Luftzug aus dem offenen Fenster mehr. Sein Aktenkoffer wurde ihm vom Knie geschoben und das Taschentuch fiel ihm aus der Hand, als er ihn zu halten versuchte. Die Breite neben ihm entschuldigte sich, und bevor er es verhindern konnte, bückte sie sich, wurde dabei noch um einiges breiter, schob ihn fast endgültig direkt durchs Fenster aus dem Zug und kam schließlich mit hochrotem Kopf wieder zum Vorschein, um ihm lächelnd sein schmutzstarrendes Taschentuch zu überreichen. Herr Kiebitz machte eine Hand frei, schaffte noch ein Nicken, was sie als Dank auffassen konnte, für ihn aber lediglich ein Beweis war, dass er überlebt hatte, und stieß sich vom Sitz hoch.

Ostkreuz. Die Bahnhofsuhren zeigten fünf nach halb sieben. Das Essen bei seiner Mutter war um sechs angesetzt gewesen.

Sich mit beiden Ellenbogen zwischen den hastenden Leibern hindurchdrängelnd, kämpfte sich Herr Kiebitz zur Treppe vor, von der mal wieder die eine Hälfte gesperrt war, weil irgendwelche geheimnisvollen Balken auf den Stufen nachgezogen wurden. Blödsinn, dachte Herr Kiebitz. In spätestens zwei Wochen sah die sowieso niemand mehr. Trampelnd steckte Herr Kiebitz im Stau.

Er hatte keine Blumen. Nicht die kleinste Entschuldigung hatte er.

"Ich kann nicht", hieß schon immer: "Ich will nicht". Der Spruch stammte von seinem Vater, so zumindest lautete der Bericht seiner Mutter. Ein redlicher Mann, und wenn der Krieg nicht gekommen wär ...

Herr Kiebitz wuchs mit jedem einzelnen der Buchstaben dieses Satzes auf. Sie waren in einer krakelig, verschnörkelten Schrift auf einen Wandbehang gestickt, der gerahmt über dem Sofa seiner Kindheit hing und ihm praktisch den Vater ersetzte. Er brauchte ihn nicht auswendig zu lernen, aus diesem Satz bestand die Hälfte seiner Gene.

"Das halbe Leben besteht aus Sparsamkeit", hatte seine Mutter gesagt, und manchmal auch "Das halbe Leben besteht aus Ordnung". Bis Herr Kiebitz vierzehn Jahre alt wurde, glaubte er, das Leben wäre also zweigeteilt, zur einen Hälfte Sparsamkeit, zur anderen Ordnung. Das war beruhigend, weil überschaubar. Und wer nicht wollte, der konnte auch nicht. Wer vor allem nichts wollte, aus dem wurde auch nichts.

Mit angehaltenem Atem hastete er über den uringetränkten Treppenabsatz und dann weiter über den brüchigen Bodenbelag neben dem Ostkreuz. Wich Schlaglöchern aus, umging metertiefe Pfützen, die Aktentasche fest an die Brust gedrückt. Er sprang beiseite, als der Obsthändler vom Mittelbahnsteig mit einigen Paletten Äpfeln im Arm an ihm vorbeiwankte. Nein, heute war nicht einmal Zeit, einen Blick auf das alte Backsteinhaus zu werfen, dessen Dach voriges Jahr abgebrannt war und das leer stand und bei dessen Anblick Herr Kiebitz sich trotzdem jeden Tag kurze, zaghafte Träumereien erlaubte. Einmal morgens, einmal abends.

Heute nicht. Nein. Das hatte er nicht verdient. Er kam zu spät. Er hatte keine Blumen und den Bericht konnte er auch vergessen.

Mit vorgerecktem Kopf stürmte Herr Kiebitz den Weg entlang, überholte jeden, der vor ihm ging, keuchte und schwitzte und noch nie waren ihm die fünfzig Meter bis zur Straße so lang erschienen. Ein LKW versperrte den Weg. Herr Kiebitz hastete um ihn herum, musste sogar noch auf den hohen Bordstein ausweichen, wo er wiederum einer Gruppe von kichernden Teenies auswich und plötzlich stieß sein Fuß gegen eine Vase, in der sich blaue Hyazinthen duckten. Einen Augenblick glaubte Herr Kiebitz an eine Sinnestäuschung. Fieber. So schnell ging das also. Er sah Hyazinthen. Blau. Mitten auf dem Ostkreuz. Er blieb stehen, wischte sich über die Augen, befühlte seine Stirn. Sah noch einmal zu seinen Füßen hinunter. Da waren sie immer noch. Hyazinthen, keine Frage. Und daneben Tulpen, rote, weiße Rosen. Kleine Sträuße mit einem Potpourri an bunten Blumen, umrahmt von fleischigen, grünen Blättern. Riesige weiße Lilien. Sein verwirrter Blick entdeckte eine Bretterbude, die ehemals gelb gestrichen, jetzt mit verblassenden Graffitis bedeckt war. Herr Kiebitz stürzte auf die kleine Fensterfront zu und hämmerte an das Glas. Er presste die von den Händen abgeschirmten Augen fest an das Glas. In der kleine Hütte bewegte sich langsam ein dunkler Schatten. Zwei Scheiben wurden auseinandergeschoben und ein gutmütiges Altmännergesicht sah ihn erstaunt und amüsiert an.

"Guten Abend", sagte der Alte und widmete sich wieder einem Blumengebinde in seinen Händen.

"Schnell", keuchte Herr Kiebitz. "Schnell doch, ich brauche Blumen!"

Der Alte wickelte weiter an seinem Strauß. Wahrscheinlich war er schwerhörig.

Herr Kiebitz zwängte seinen Kopf zwischen die Scheiben und schrie: "Hallo! Hören Sie mich? Blumen!"

Der Alte zuckte erschrocken zusammen, sah das hochrote Gesicht in seine Bude ragen, begann erst zu kichern, um dann mit hüpfendem Bauch loszulachen. Die Blumen in seinen Händen wippten mit den Köpfen.

"Blumen! Schnell doch!", bettelte Herr Kiebitz, der jetzt nicht mehr nur am Gehör, sondern auch am Verstand des Verkäufers zweifelte.

Der Alte gluckste noch ein bisschen.

"Blumen, ja? Klar doch. Sollen Ihre Blumen haben. Klar doch. Was soll's denn sein? Tulpen? Sind ganz frisch heute Morgen ..."

"Nein!", schrie Herr Kiebitz und stieß sich vor Aufregung den Kopf an der Budenöffnung. "Nein, nein, nein! Keine Tulpen! Es muss etwas Besonderes, verstehen Sie, etwas ganz Besonderes muss es sein!"

"Hmm", brummte der Alte. "Lassen Sie mich mal nachdenken. Wofür soll's denn sein? Für Sie? Für die Gattin?"

"Nein, nein, nein!", kreischte Herr Kiebitz und fing fast an zu strampeln vor Ungeduld. Er setzte die Aktentasche ab, betupfte sich mit dem Taschentuch die Stirn, fuhr sich mit der Hand durch das dünne Haar und atmete tief durch.

"Nicht für die Gattin, ich verstehe", seufzte der Alte, zog kopfschüttelnd etwas Faden von einer Rolle, schnitt ihn ab und begann seinen Strauß sorgfältig zu binden.

"Wissen Sie, das ist eigentlich schade. Keiner will mehr Blumen für die Gattin. Mir fällt das auf, ich hör's einfach immer seltener. Und was kann es denn Schöneres geben, als der Angebeteten Blumen mitzubringen, hm?"

"Hör'n Sie, bitte", stöhnte Herr Kiebitz, "Blumen. Etwas Besonderes. Einfach etwas Besonderes, bitte."

"Ja, aber nicht für die Gattin. Und noch nicht einmal für Sie selbst. Das wär doch auch mal was, wenn Sie sich selbst so eine kleine Freude machen würden. Würden sich ein paar Blumen hinstellen und ..."

"Für meine Mutter!", rief Herr Kiebitz, entgeistert von diesem faseligen Verkäufer. "Sie hat Geburtstag!"

"Hmm", machte der Alte und schlug einen eleganten Knoten um den Strauß, schüttelte ihn ein wenig und betrachtete ihn zufrieden von allen Seiten.

"Für die Mutter also. Wie ist sie denn so, Ihre Mutter?"

"Was?", hauchte Herr Kiebitz entnervt.

"Wie sie so ist, Ihre Mutter. Ist sie eine sanfte Frau, eine energische, eine verträumte?"

"Nein. Hören Sie, das geht Sie überhaupt nichts an. Ich sagte, ich will besondere Blumen und damit Schluss. Also was ist nun? Verkaufen Sie, oder soll ich woanders hingehen?"

Ein Bluff. Herr Kiebitz wusste sehr gut, dass er nirgendwo anders hingehen konnte. Der Alte lächelte still.

"Wissen Sie, das ist schon komisch mit Ihnen", sagte er nachdenklich. "Alles beginnen Sie mit einem energischen Nein."

Herr Kiebitz sank in sich zusammen. Warum musste er gerade heute an diesen Verrückten geraten? "Wie bitte?", stöhnte er.

"Nein. Sie sagen als erstes immer Nein. Versuchen Sie es mal mit einem kräftigen Ja!"

Herr Kiebitz starrte den Alten entgeistert an.

"Na gut, lassen wir das. Blumen. Für die Mutter. Trotzdem müssten Sie sie schon kurz beschreiben. Wie soll ich sonst wissen, was Ihre Mutter als besonders empfinden wird?"

Herr Kiebitz straffte sich und donnerte los: "Sie wird heute 75 Jahre alt. Ihr Leben lang hat sie hart gearbeitet, jawohl. Ihr Mann ist im Krieg gefallen und seitdem hat sie nur für ihren einzigen Sohn gelebt, und dieser Sohn bin ich, und ich bin ihr, verdammt noch mal, Dank schuldig und ein paar Blumen an ihrem 75. Geburtstag!"

Die letzten Worte hatte er zackig gebrüllt und jetzt, als wieder Ruhe war und zwei Passanten kopfschüttelnd an ihm vorbeihasteten, sank sein Kopf wieder zwischen die Schulterblätter, dahin, wo er seit Jahrzehnten weilte.

"Ach so", sagte langgedehnt der Alte. "Daher weht der Wind." Er sah sich in seiner Bude um, rieb die Hände an der blauen Schürze und murmelte: "Ein schwieriger Fall. Keine Frage."

Der Alte ging in seiner Bude hin und her, hielt mal die eine, mal die andere Blume sanft zwischen seinen knorrigen Fingern, schüttelte jedes Mal den Kopf und murmelte etwas, kicherte ein bisschen und schüttelte wieder den Kopf. Herr Kiebitz spürte den Schlaganfall nahen.

"Vielleicht doch Rosen?", fragte der Alte nachdenklich. "Ich habe hier diese tiefroten, aber nein, ich sehe schon, nein, tiefrot ist ja absolut ..., nein. Für eine solche Frau. Ihre Mutter ist ein wenig resolut, nehme ich an?"

"Nun ja, wie gesagt", wand sich Herr Kiebitz. "Wie gesagt, sie hatte es nicht leicht, auch mit mir nicht."

"Mit Ihnen? Sie sehen doch so aus, als hätten Sie es zu etwas gebracht, oder irre ich da?"

"Ja sicher. Aber alle Möglichkeiten nutzt man doch nie, nicht wahr?"

Der Alte sah ihn traurig an und schüttelte langsam den Kopf.

"Nun, also kein Tiefrot. Wie wär's mit etwas Leichtem? Und, sagen Sie, für Ihre Frau wollen Sie nichts mitnehmen?"

"Ich habe keine Frau."

"Oh ja, natürlich", sagte der Alte schnell, drehte sich um und murmelte: "Das dachte ich mir schon."

Er streichelte noch hier und da eine Blüte, bis er hinten in der Bude verschwand und mit einem Siegerlächeln wieder auftauchte.

"Hier!", sagte er zufrieden. "Ich hab's!" Er streckte seine Hand mit einem langen Blumenstengel vor, der oben mit kleinen, weißen Knospen mit rosagehauchtem Rand bestückt war. Herr Kiebitz hatte so eine Blume nie zuvor gesehen.

"Luna Rosa", lächelte der Alte. "Na? Was sagen Sie?"

"Luna Rosa?", murmelte Herr Kiebitz erstaunt.

"Ja, ich muss zugeben, ich habe diese Blume heute zum ersten Mal gekauft, ich kann Ihnen also weder sagen, wie sie erblüht, noch wie sie riecht oder wie lange sie hält. Aber dem Preis nach zu urteilen ..."

"Gut, gut. Der Preis ist völlig nebensächlich. Packen Sie mir sieben davon zusammen."

Der Alte zog umständlich sieben lange Stiele aus einer Bodenvase, legte sie vorsichtig zusammen und band und pfiff vor sich hin. Als Herr Kiebitz das Geld und der Alte die Blumen durch das Fenster geschoben hatten, sagte er: "Hören Sie, es wäre nett, wenn Sie einmal vorbeikommen und mir sagen könnten, wie sie so sind, die Blumen. Also wie sie geblüht haben und so weiter. Würden Sie das bitte tun?"

Herr Kiebitz versprach es und rannte los.

 

Seine Mutter öffnete die Tür mit zusammengepressten Lippen, schüttelte wortlos den Kopf, stellte die Blumen in eine Vase und redete den ganzen Abend kein Wort mit ihm.

 

Am nächsten Morgen klingelte um halb sieben das Telefon.

"Was hast du dir dabei gedacht?", schrie seine Mutter.

Herr Kiebitz, noch im Tiefschlaf, verstand kein Wort.

"Sie stinken! Die Blumen! Sie stinken wie, wie, wie Pisse! Die ganze Wohnung stinkt!", gellte es aus dem Hörer. "Das hast du mit Absicht gemacht! Alles machst du falsch! Alles. Zu nichts bist du nutze!"

Herr Kiebitz erwachte langsam, hörte noch einen Augenblick zu, hielt den Hörer etwas von sich gestreckt, betrachtete ihn erstaunt, als sähe er ihn zum ersten Mal. Dann legte er auf und zog den Stecker heraus.

Am Montag klopfte er pfeifend an die Scheibe der Blumenbude.

"Guten Morgen!", flötete er dem Alten zu.

"Ah! Guten Morgen", lächelte der.

"Ich wollte Ihnen von den Blumen berichten."

"So? Dann schießen Sie mal los."

"Also, ich nehme an, sie blühen ganz wunderhübsch. Ich habe sie noch ein bisschen aufgehen sehen. Kleine, weiße Blüten mit rosa Rand. Aber da gibt es noch etwas."

"Ja?"

"Sie stinken." Herrn Kiebitz Gesicht überzog ein feines Lächeln. "Ja, also, sie stinken wie, wie Pisse." Und dann brach er in ein freies und übermütiges Lachen aus, setzte die Aktentasche ab und hielt sich den Bauch, und lachte Tränen.

Der Alte sah ihn verschmitzt an.

"Tatsächlich? Das tut mir leid", sagte er und grinste.

"Oh nein, das muss es nicht", lachte Herr Kiebitz. "Und bitte, stellen Sie mir einen Strauß Hyazinthen zusammen. Ich komme um kurz vor sechs wieder vorbei und hole ihn ab."

Der Alte nickte, Herr Kiebitz stopfte sich die Tasche unter den Arm, grüßte und schritt pfeifend den Kopfsteinpflasterweg entlang. Blieb stehen, um das rote Backsteinhaus zu betrachten, seufzte einmal tief, lächelte, und schlenderte pfeifend weiter zum Bahnsteig.

Sabine Küster - Der Ostkreuz-Wächter

 

Sabine Küster
Der Ostkreuz-Wächter

 

Neben dem Tor kann ich, wenn ich die Augen anstrenge, den dunklen Umriss eines Menschen erkennen, der dort an die Wand gelehnt sitzt oder sich schlafend zusammengerollt hat.

Ein Penner vermutlich oder einer der jungen Junkies, von denen ich nicht weiß, ob ich sie zu den Pennern dazu zählen soll oder ob sie eine ganz eigene Spezies bilden.

Wie wird ein Ort eigentlich zum Sammelbecken aller möglichen Aussteiger ?

Während ich mich diesen und anderen philosophischen Abstraktionen hingebe, kommt Leben in das Bündel Mensch.

Hoch rappelt sich eine Gestalt in langem roten Ledermantel, mit Perücke und Spazierstock. Eine alte Transe erster Güte.

Irgendjemand hat mal was über ihn erzählt.

Er nennt sich Ostkreuz-Wächter. Warum Wächter und nicht Wächterin bei der Aufmachung - das weiß vermutlich niemand außer ihm selbst.

Der Ostkreuz-Wächter fixiert mich mit einem langen unergründlichen Blick, schnaubt dann etwas von Sonntags-Touri und schleppt sich dabei langsam die Treppe hoch zum Bahnsteig.

Ja, ich komme nur Sonntags hierher. Zum Frühstücken in die Sonntagstraße - was sonst.

Ich blicke der Transe nach und kann mir ein überhebliches Grinsen nicht verkneifen.

Dies wird registriert und sogleich auch kommentiert von einem älteren Herrn, der sich selbst und den Hund ausführend wohl gerade auf dem Weg in den Treptower Park befindet.

"Das ist ja eine ganz arme Figur- traurige Geschichte, sie wissen schon..."

Nee, nichts weiß ich, aber da eine notorische Neugierde mich auszeichnet, nicke ich dem offensichtlich gesprächsbedürftigen Herrn ermunternd zu...

"Das war mal ein ganz hohes Tier, noch zu DDR-Zeiten."

"Die Transe ?"

"Der Ostkreuz-Wächter, ja. Wurde mal kurze Zeit als hoffnungsvoller Kandidat für den Verkehrsministerposten gehandelt. Ende der 80er. Kurz vor der Wende."

"Und seitdem bewacht er das Ostkreuz ? Nimmt ihm doch niemand weg" - ich bin in Blödelstimmung.

Der Herr runzelt die Stirn - seiner Meinung nach sollte ich vermutlich ernst bleiben und genauer nachfragen. Ich tu ihm den Gefallen.

"Also, was hat es jetzt mit diesem Wächter auf sich?"

"Nun ja wie gesagt, hohes Tier, Parteikarriere, Vorzeigefamilie usw. Wohnte damals in Grünau und fuhr zum Arbeiten nach Pankow... Immer übers Ostkreuz. Tag für Tag, Woche für Woche usw. Und dann passierte diese komische Geschichte. Die mit der Frau im roten Ledermantel."

"In dem Ledermantel ?" frage ich ungläubig.

"Nun unterbrechen Sie mich doch nicht dauernd. Also diese Frau stieg häufig am Ostkreuz zu. Immer im roten Ledermantel. Er kannte sie schon vom Sehen. Sie hatten sich ab und an zugelächelt - mehr nicht. Und an diesem einen Tag kommt sie plötzlich durchs Abteil auf ihn zu und drückt ihm einen Packen Zettel in die Hand. Bevor er was sagen konnte, hastete sie auch schon wieder durch das Abteil zur nächsten Tür und verschwand beim nächsten Halt.

Hätte er die Papiere mal einfach liegen gelassen, dann sähe es heute anders um ihn aus. Oder, was meinen Sie ?"

"Ich - was soll ich denn dazu meinen - was stand denn drin in den Papieren ?"

"Ja, das weiß ich nicht. Weiß niemand. Er soll sie gelesen haben, noch in der Bahn, haben später Zeugen ausgesagt. Und dann ist er wohl irgendwann ausgestiegen und weg."

"Weg ?"

"Ja, von da an hat man ihn fünf Jahre nicht gesehen. Weder auf Arbeit noch Zuhause ist er wieder aufgetaucht. Weg eben. Große Fahndung damals in den Zeitungen, im Fernsehen, alle haben ihn gesucht."

"Ja und dann ???"

"Na ja, Jahre später ist er dann eben wieder aufgetaucht, hier am Ostkreuz, so wie sie ihn eben gesehen haben.

Wie gesagt, 'ne arme Figur.

So ich muss dann mal wieder. Schönen Tag noch."

Jetzt lässt der mich doch tatsächlich hier stehen mit dieser dubiosen, halbfertigen Geschichte.

Ich glaub es ja nicht - Begegnungen sind das hier.

Wie muss das denn erst werktags sein, wenn die Massen hier durchströmen.

Ostkreuz zweimal täglich oder so.

Nee, nee, nee...

Heli Lichtstral - Rummi das Rummelsburger See-Ungeheuer

 

Heli Lichtstral
Rummi das Rummelsburger See-Ungeheuer
Treffen am Wasserturm (S-Bhf. Ostkreuz)
Skizze

Frager: Wir stehen hier inmitten des tosenden Verkehrs. Der S-Bahnhof Ostkreuz. Im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain. Unweit des Berliner Ostbahnhofes. Nahe der Straßenverkehrstraßen Lichtenbergs. Wie der Hauptstraße. Zwischen Bussen der Linie 194 und Tramwagen der Linie 21. Ein weithin sichtbares Symbol für diese Region: der denkmalgeschützte Wasserturm der Deutschen Bahn AG. Ein guter Treffpunkt - für eine Begegnung mit einem Ungeheuer...
Guten Tag... Sie sehen gar nicht aus, wie ein Ungeheuer... abstoßend. Eher sogar recht ansprechend... fröhlich, möchte ich fast sagen... Wie darf ich Sie ansprechen???
Rummi: Tach'chen. Und danke für das Kompliment. Sag ruhig Du zu mir. Ich bin Rummi. Sag Du und einfach Rummi.
Frager: Dann sag auch Du - du zu mir.
Rummi: Gut, du.
Frager: "Rummi". Woher stammt dieser Name?
Rummi: Er ist uralt und abgeleitet von dem Gewässer, in dem ich seit vielen Jahrhunderten lebe.
Frager: Rummi, welches Gewässer meinst du?
Rummi: Wenn ich nicht wüsste, dass es keine dummen Fragen gibt. Na, den Rummelsburger See, natürlich!
Frager: Rummelsburger See, also. Rummi, wie Rummelsburg. Da hättest du eigentlich auch "Rummel" heißen können...???
Rummi: Wollt ich ja! Ich wollt ja Rummel heißen! Aber meine Familie war dagegen.
Frager: Deine   F a m i l i e ...??? Du hast Familie...???
Rummi: Na, klar. Tabaluga zum  Beispiel ist ein entfernter Verwandter. Und Nessie, vom Loch Ness, war besonders gegen "Rummel"! Nessie wollte, dass die Verwandtschaft zu ihm in meinem Namen mitschwingt..., also wurde ich "Rummi-e" genannt. Aber das e hab ich mir wenigstens abschminken können...
Frager: Mach dir nichts draus. Rummi klingt wirklich sehr lieb. Vielleicht ein bisschen lieber, als "Rummel" z. B.
Rummi: Ich fand "Rummel" aber schöner...!!!!
Frager: (lenkt ab) Rummelsburger See, also. Hab ich noch nie gehört.
Rummi: Da geht's dir leider wie Vielen.
Frager: Liegt er weit außerhalb der Stadt?
Rummi: Von wegen. Mitten in Berlin!
Frager: Mitten in Berlin...??? Du meinst die Stadt Berlin..???
Rummi: Selbstverständlich meine ich "die Stadt Berlin". Oder hältst du Lichtenberg, Friedrichshain oder Treptow für Bezirke Münchens???
Frager: Nee, Lichtenberg, Friedrichshain und Treptow sind echte Innenstadtbezirke Berlins.
Rummi: Na siehst du...
Frager: Und mitten in der Stadt soll ein See liegen, der so ein, verzeih mir, Ungeheuer beherbergen könnte...???
Rummi: D r e h   d i c h   d o c h   m a l   u m .
Frager: Ein Fußballplatz. Und?
Rummi: Sparta. Weiter rechts. Flaschenturm.
Frager: Stralau! Das kenn ich. Da fuhr doch sogar mal 'ne Bahn unter der Spree....
Rummi: Die Geschichte kennt wohl jeder...und jetzt wieder 'n Stück nach links.
Frager: Tatsächlich, Wasser. Ein See.
Rummi: Endlich. Aber immer schön der Reihe nach...also: hat sich die Halbinsel Stralau herausgebildet. Und der ehemalige Spreearm ist zum Rummelsburger See geworden!
Frager: Und wie kommt's, dass das so wenig Leute wissen?
Rummi: "Betriebsgelände! - Betreten verboten!"
Frager: Was soll denn das nun wieder...???
Rummi: Mit solchen Schildern war der größte Teil des Ufers lange Jahre gekennzeichnet. Und wer dem Betrieb nicht angehörte, der kam nicht ans Ufer.
Frager: Und wie kommt es, dass man heute an das Ufer herankommt?
Rummi: "Wasserstadt"!
Frager: Wasserstadt???
Rummi: (singt) Die Wasserstadt, die Wasserstadt, die so treue Hände hat.... Ich hör lieber auf.
Frager: Wieso singst du nicht weiter, du hast eine schöne Stimme.
Rummi: Danke. Aber beim Thema  Geld, da werd ich immer so traurig...
Frager: Die Wasserstadt ist also eine Einrichtung der Stadt?
Rummi: Auf der Ebene heißt die Stadt auf einmal Land. Land Berlin.
Frager: Und das Land Berlin hat eine Wasserstadt.
Rummi: Ja, doch. Und im Auftrage der Stadt, des Landes also, hat die Wasserstadt das Gebiet entwickelt.
Frager: Ein städtisches Entwicklungsgebiet des Landes Berlin, also???!!!
Rummi: Aber nicht so laut. Im Moment sollte man mit dem Thema keine Wellen machen, (singt fast unhörbar...) Wenn jetzt noch jemand Wellen macht, dann Wasserstädtchen, gute Nacht...
Frager: Wenn ich noch folgen kann, dann hat sich die Wasserstadt so lange entwickelt, bis der Stadt, äh, dem Land, das Wasser bis zum Halse steht...
Rummi: Und wenn du da Wellen machst, kann es sein, dass es noch weiter steigt und wichtige Leute ihr Gesicht verlieren...
Frager: Komische Vorstellung... Erinnert mich ein bisschen an Goethes "Zauberlehrling"! So richtig versteh ich das Ganze nicht...
Rummi: Nee, das versteht keiner... Ach, der olle Jöthe... Auf jeden  Fall haben sie sich ums Ufer gekümmert! Und tolle Sachen gemacht! Einen phantastischen Uferweg zum Beispiel.
Frager: In das ehemalige Betriebsgelände??? Ist das nicht gefährlich???
Rummi: Natürlich haben sie die ehemaligen Betriebsgelände saniert, bevor sie den Weg angelegt haben.
Frager: Schließlich sollen ja auch Kinder auf dem Weg entlanggehen, die ab und an mal was in den Mund stecken...
Rummi: Eben.
Frager: Eben. Apropos "In den Mund stecken", eh wir weiter reden, woll'n wir uns nicht ein hübsches Café hier an der Bucht suchen, wo wir nett sitzen können und eine Kleinigkeit essen und trinken können?
Rummi: (schweigt verbissen)
Frager: Ein anderes Thema. Rummi, sag mal, wo du nun schon wieder aufgetaucht bist, was wirst du am bzw. im Rummelsburger See machen?
Rummi: Gemütlich werde ich's mir machen. Und hier und dort ein bisschen rumrüsseln.
Frager: Rumrüsseln???
Rummi: Na ja, meinen Saugstutzen mal überall reinstecken, so um die Rummelsburger Bucht herum....reinriechen, sozusagen. Es hat sich ja 'ne Menge verändert!
Frager: Deshalb sagt man wohl auch: der steckt seinen Rüssel aber auch überall hinein...
Rummi: Woher weißt du...??? Das Sprichwort. Ist vor zweihundert Jahren von mir abgeleitet worden...Exakt war das am 23. Juni 1798...Da hatte sich folgendes begeben...
Frager: Soll das eine  Z e i t r e i s e  werden?
Rummi: Warum nicht?
Frager: Weil mich im Moment die Gegenwart mehr interessiert!
Rummi: Aber du musst mir versprechen, dass ich dir die alten Geschichten mal erzählen darf!
Frager: In Ordnung. Sag mal, bist du außer mir schon mal jemandem begegnet? Hast du vielleicht sogar Freunde?
Rummi: Na klar, sonst könnt ich gar nicht an Land! Könnte nicht überleben!
Frager: Wie das???
Rummi: Alle zwei Stunden muss ich an den Tropf! Ich bin doch eine A m p h i b i e .
Frager: Mein Gott!
Rummi: Keine Angst. Es gibt hier ein altes Wasserpumpwerk. Dort kann ich jederzeit meinen Saugstutzen anschließen. Und tief Wasserholen.
Frager: Ein altes Wasserpumpwerk..., als Intensivstation für ein Amphibien-Ungeheuer!!??
Rummi: Quatsch. Ich bin doch nicht krank. Ich brauche nur ab und an mal 'ne Spülung... sauberes Wasser....und da ist das Pumpwerk genau das richtige...
Frager: Ein Wasserpumpwerk nur für dich... und deine Spülungen...???
Rummi: Quatsch! Das gehört der Deutschen Bahn, verstehst du?
Frager: Der Deutschen Bahn? Was woll'n denn die mit 'ner Wasserpumpe?
Rummi: Verkaufen.
Frager: Die Pumpe?
Rummi: Das Wasser. Das heißt, so genau wissen die Bahner auch nicht mehr, ob jemand das Wasser noch kauft...
Frager: Wie das?
Rummi: Na, es gab mal eine Zeit, da durfte die Eisenbahn sich nicht aus dem öffentlichen Wassernetz versorgen. Und da haben sie eben ihre eigenen Einrichtungen bauen müssen..., wie ein Netz, ein eigenes Versorgungsnetz. Und deshalb heißt der Teil der Deutschen Bahn AG, der das Wasserpumpwerk betreibt, auch DB Netz AG.
Frager: Und heute?
Rummi: Heute versorgt sich die Deutsche Bahn schon lange aus dem öffentlichen Netz!
Frager: Dann wird das Wasserpumpwerk ja gar nicht mehr benötigt!!!
Rummi: (schweigt verbissen)
Frager: Wieso schweigst du? Wieder ein "heißes Thema"???
Rummi: Wie man's nimmt.
Frager: Wie "wie man's nimmt"???
Rummi: Weil sie... es nicht... wissen...
Frager: Wie??? Die Deutsche Bahn AG weiß nicht, ob das Wasserpumpwerk noch gebraucht wird???
Rummi: (schweigt verbissen)

Gabriele Mittelhaus - Geschichte vom Ostkreuz-Kiez

 

Gabriele Mittelhaus
Geschichte vom Ostkreuz-Kiez

 

Ich bin jetzt 43 Jahre alt und eine echte "Berliner Göre". Die Frankfurter Allee und der Raum Ostkreuz waren damals meine Spielplätze. Am liebsten mochte ich den Boxhagener Platz. Dort konnte man auch baden, denn ich bin auch eine Wasserratte. Ich bin seit nun mehr 24 Jahren glücklich verheiratet und möchte Ihnen folgende lustige Geschichte erzählen.

Als wir im September 1977 das Aufgebot für die Hochzeit bestellten (dieses dauerte früher zirka ein halbes Jahr!), stellten wir auch gleichzeitig einen Wohnungsantrag bei unserer kommunalen Wohnungsverwaltung. Wir wollten schnell eine Wohnung haben, da wir bei meinen Eltern wohnten und mit ihnen gemeinsam ihr Schlafzimmer teilten. Unter diesen Umständen, so erklärten wir es auch den Angestellten des Wohnungsamtes, könnten wir keine Kinder zeugen.

Kinder waren, das muss man in diesem Zusammenhang erklären, in der DDR damals das höchste Gut und deshalb wurden junge Ehen immer gefördert und unterstützt.

Im Februar 1978 habe ich dann meinen Hasi geheiratet und als wir aus den Flitterwochen kamen, hatten wir schon ein Angebot für eine Wohnung vorliegen.

Diese befand sich in der Lasdehner Straße. Wir mussten uns die Wohnung  mit einem Studenten teilen, was meistens sehr lustig war. Toilette und Flurbenutzung waren gemeinsam und innerhalb der Wohnung befand sich unsere - separate - Haustür. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen! Aber es hat funktioniert, denn wenn man jung ist, sieht man ja viele Dinge sehr locker.

Wir packten also unsere Sachen bei meinen Eltern für den Umzug zusammen. Natürlich mussten wir auch einiges aussortieren und entrümpeln. In diesem Zusammenhang hatten wir beschlossen, unsere Liebesbriefe gleich mit wegzuschmeißen. Wir beauftragten eine Transportfirma und die holte am Freitagabend den ganzen Plunder ab.

Am Sonnabend zogen wir dann um und am Sonntag kochte meine Mutter noch einmal etwas Leckeres für uns. Kurz vor dem Mittagessen klingelte es an der Wohnungstür. Als ich aufmachte, standen zwei Polizisten davor.

Früher hatten wir noch Respekt vor den Ordnungshütern!

Sie stellten sich vor als Leutnant Schulz und ABV (Abschnittsbevollmächtigter!) Hinze, entschuldigten sich für die Störung und fragten mich, ob ich Gabriele Schuster sei.

Ich antwortete mit ja und teilte ihnen mit, dass ich jetzt verheiratet sei und Mittelhaus heiße. Daraufhin wollten sie von mir wissen, ob Herr Carsten Mittelhaus auch da sei. Ich rief meinen Hasi und sie fragten ihn, ob er in Stahnsdorf gedient hätte. Wir waren beide baff und wollten nun unsererseits erfahren, woher sie denn das wüssten.

Tja, und nun kam das Ding:

Sie erzählten uns, dass unsere Liebesbriefe auf der ganzen Gryphiusstraße verteilt rum liegen und wollten wissen, wie sie dorthin gekommen seien. Wir konnten uns das gar nicht erklären, bis wir auf die Transportfirma kamen.

Der Typ hatte das Geld eingesteckt und unseren Rapeiken wahrscheinlich in den nächsten leeren Müllcontainer entsorgt. Da dieser dann mit unserem Gerümpel so voll war, und er den Beutel mit Briefen wahrscheinlich als letztes oben auf legte, fiel dieser dann heraus und wurde von dem Wind auf der ganzen Straße verteilt. Sie baten uns, die Briefe sofort dort einzusammeln und anderweitig zu entsorgen.

Uns war das mächtig peinlich! Jeder kennt sicher Liebesbriefe und was da alles so drin steht!

Nach dem Essen gingen wir dann sofort zur Gryphiusstraße, und dort flogen unsere Liebesbriefe wirklich in allen Himmelsrichtungen herum! Damals war diese Straße zum Glück sehr unbelebt, nur ein paar Kinder rannten unseren Briefen hinterher. Wir sammelten also alles auf und steckten die Briefe auch wieder in die nächste Mülltonne. Danach haben wir nie wieder etwas von unseren Liebesbriefen gehört, oder - haben SIE einen gefunden???

Michael H. Zimmermann - Treffpunkt O. oder Wunder gibt es immer wieder

 

Michael H. Zimmermann
Treffpunkt O.
oder Wunder gibt es immer wieder

 

Vor vielen Jahren wurde in Berlin, der Hauptstadt der "Ehemaligen", eine Musikgruppe gegründet. Schon nach wenigen Monaten eilte das Ensemble zwischen der Insel Rügen und dem Erzgebirge erfolgreich von einem Konzert zum anderen. Für die Abreisen verabredeten sich die Musiker an verschiedenen Treffpunkten. Für die Fahrten in die südlichen und westlichen Landesteile wurde der S-Bahnhof Ostkreuz gewählt. Betrachtete man die Wohnorte der Musiker, schien das nicht abwegig: Der Kapellenleiter, der einzige glückliche Kraftfahrzeugbesitzer, und ein weiterer Mitwirkender lebten im Stadtbezirk Mitte. Sie starteten mit einem Drei-Elfer Wartburg mit abgeschnittenem Trabant-Kombi-Hinterteil als Anhänger unweit des Bahnhofs Jannowitzbrücke. Ein Musiker kam aus Prenzlauer Berg, und der vierte im Bunde residierte in Friedrichshagen. Die mitwirkenden Kollegen ohne "fahrbaren Untersatz" fuhren einfach mit der S-Bahn nach Ostkreuz. Die Autofahrer mussten nur einen kleinen Umweg machen. Die territorialen Kenner der geografischen Gegebenheiten werden dies bestätigen können.

Welche verabredungstechnischen Herausforderungen die Musiker in der "Ehemaligen" auf sich nehmen mussten, ist für die junge Generation kaum nachvollziehbar. Keine Vernetzung! Keine Verkabelung! Mobiltelefone und SMS waren völlig unbekannt, wahrscheinlich noch nicht einmal erfunden. Keiner der Mitwirkenden gehörte zu den privilegierten Inhabern eines ganz einfachen Telefonanschlusses. Die kommunikativen Schwierigkeiten im "fünfjahresgeplanten Dasein" deuteten sich bei kurzfristig anberaumten Konzerten an. Das kam tatsächlich häufiger vor.

Das persönliche Überbringen von Botschaften war natürlich wegen der Entfernungen zu zeitaufwändig und unsinnig. Aber das Telegrafieren hatte sich doch schon seit über einem Jahrhundert erfolgreich bewährt, werden technisch Versierte an dieser Stelle einwerfen! Wie stand es damit?

Natürlich war das gute alte Telegramm die Lösung. Allerdings brachte die Übermittlung und die Zustellung, wegen technischer und menschlicher Unzulänglichkeiten, einige Unwägbarkeiten mit sich. Aber dem Absender war die Möglichkeit gegeben, Einfluss auf die Zustellgeschwindigkeit zu nehmen. Teuer zu stehen kamen die rot geränderten, so genannten Blitz-Telegramme. Aber im Grunde genommen war es egal, wie viel Geld über den Tresen des Postschalters geschoben wurde, es beeinflusste die "Laufzeit" der Depeschen nicht in angemessenem Maße.

Im innerstädtischen Verkehr dauerte die Zustellung vielleicht zwei bis drei Stunden. Wenn alles gut ging und der Empfänger das Telegramm persönlich in die Hand gedrückt bekam. Kürzere Zeiten waren rekordverdächtig, längere durchaus möglich. Beim lieblosen Hineinstopfen in einen angerosteten Briefkasten im Hinterhof stand der tatsächliche Erhalt der Nachricht in den Sternen. Aber meist klebte dann ein kleiner Hinweiszettel mit roten Buchstaben am Kasten, manchmal auch an der Wohnungstür. Dazu kam, dass die Boten meist Aushilfskräfte waren. Sie wurden weder "materiell stimuliert", die Telegrammanlieferung zu beschleunigen, noch besaßen sie so etwas wie eine Berufsehre.

Im Nachhinein scheint die fehlende Beflissenheit verständlich: Man erinnert sich dunkel, dass man selbst auf der Suche nach jemandem in zwei bis drei Quergebäuden und Seitenflügeln bis unter die Dachböden gestapft ist. Nur Leistungssportler hätten beim schnelleren Auffinden von Bewohnern in Hinterhäusern etwas bewirken können. Leider galt das Motto "Schneller - Höher - Weiter" woanders.

In der Praxis musste mit weiteren unliebsamen Überraschungen gerechnet werden. In Altbauwohngebieten gab es weitestgehend keine Klingeln und Wechselsprechanlagen. Dieser Mangel machte die Zustellung von Telegrammen aufgrund verschlossener Haustüren nach 20.00 Uhr unwahrscheinlich. Aber nur böse Zungen berichten von über vierundzwanzig Stunden Zustellzeit.

Das Telegrafieren wurde häufig in Anspruch genommen. Aber jedes Wort kostete bares Geld. Um die Unkosten der Musikgruppe niedrig zu halten, fielen die Informationen des Kapellenleiters stets kurz und knapp aus.

So ereignete es sich, dass der in Prenzlauer Berg wohnenden Musiker an einem Wintertage gegen 13.22 Uhr mit einem Telegramm beglückt wurde. Unvermittelt versuchte sich der Empfänger zu erinnern, ob ihn in der vierten Etage des zweiten Hinterhofs jemals eine persönliche Zustellung ereilt hatte. Der Musiker war schon drauf und dran, dem netten und freundlichen Boten einen Kaffee anzubieten. Er verwarf aber diesen Gedanken, bedankte sich ein wenig gerührt und blickte gewohnt lässig auf die spärliche Botschaft: "Treff O. - 14.00Uhr - R. K."

Ein heftiger Adrenalinstoß durchfuhr den Körper des Musikers. "Was, um 14.00 Uhr??" stieß der Ahnungslose hervor.

Die gefühlte Zeit half nichts. Nur achtunddreißig Minuten bis zur Abreise von Ostkreuz. Auf ein Taxi zu spekulieren hatte keinen Sinn. Es gab zu wenig davon und sie waren nur selten greifbar, wenn man sie dringend benötigte. Die Musikgruppe wurde straff geführt und deshalb zog das unpünktliche Erscheinen eine Zahlung in die Kapellenkasse nach sich. Wegen der Kürze der Zeit in diesem Falle, hätte man dem betroffenen Kollegen wahrscheinlich die Geldbuße erlassen.

"Mit einem straffen Wanderschritt zum Bahnhof! Die 39er S-Bahn schaffen! Falls sie pünktlich ist, komme ich rechtzeitig an! Beim Packen muss ich mich überschlagen", schoss es dem stets bedächtig agierenden, in Mecklenburg geborenen Musiker blitzartig durch den Kopf.

Dann raffte er in rekordverdächtiger Geschwindigkeit alle erforderlichen Noten zusammen, stopfte die benötigten Instrumente in Hüllen und Koffer, kritzelte einige kommentierende Worte zu seiner Flucht auf ein Stück Papier, obwohl das Beweisstück Telegramm für die in eine Beziehung verwickelte Mitbewohnerin gereicht hätte.

Dem überfallenen Musiker jagten die Gedanken im Zehntelsekundentakt durch den Kopf:

"Ersatzsaiten einpacken! Zahnbürste, Handtuch! Überhaupt, übernachten wir irgendwo? Wo geht die Reise eigentlich hin? In ein gutes Hotel muss ich kein Handtuch mitnehmen! Gebügeltes weißes Hemd greifen! Gott sei Dank ist noch eins gebügelt! Päckchen Karo nicht vergessen! Wie dumm, ich hab' die Wäsche nicht aufgehängt und den Abwasch nicht erledigt! Saugen sollte ich auch noch! Ich hör es schon wieder: Musiker schlafen immer bis zum Mittag. Und was tun sie dann bis zum Abend?

Gas aus! Licht aus! Bügeleisen ist aus! Die Fenster sind zu! Die Öfen auch! Die Fische müssen bis heute Abend durchhalten! Noch kein Mittag gegessen! Vielleicht wird es eine lange Fahrt! Notmahlzeit im Auto: Kanten Brot ins Gepäck! Mist, kein Schnittkäse mehr greifbar! Wurst, nur noch ein Zipfel! Wäre ich bloß vormittags einkaufen gegangen! Für die Notstulle, falls das Konzert länger dauert, reicht es kaum noch!"

Für die Uneingeweihten: Die Notstulle war eine der wichtigsten Überlebensutensilien des in der "Ehemaligen" herumreisenden Musikers, neben der starken filterlosen Zigarette Karo, die es außerhalb von Berlin nur als "Knieware" gab. Dafür benötigte man Beziehungen oder ein Tauschobjekt. Musiker hatten da wenig zu bieten.

Der Wunsch, nach der Beendigung der Konzerte noch feste Nahrung zu "erstehen", erfüllte sich selten. Das geflügelte Wort "Küche aus!" oder das unübersehbare Schild mit der Aufschrift: "Küchenschluss: 22.00 Uhr" oder noch früher, machten es landauf und landab einfach, die "schlanke Linie" zu halten.

13.59 Uhr und 30 Sekunden zeigte das Weihnachtsgeschenk des Westonkels als der Musiker aus Prenzlauer Berg am Treffpunkt in Ostkreuz eintraf.

"Na bitte, geschafft", entfuhr es dem pünktlich Angekommenen. Doch schon nach wenigen Minuten wich die Erleichterung des Musikers dem Aufkommen banger Fragen.

"Wo waren die Kollegen? Bin ich falsch? Gut, die Batterie des Drei-Elfers konnte "herunter" sein. Hänger ab und anschieben! Zu dritt ging das immer locker! Mit nur einer Person, schlecht möglich! Und wo blieb der Friedrichshagener? Ist die S-Bahn ausgefallen?"

Ein steifer Nordostwind wehte. Die Temperatur lag unter dem Gefrierpunkt. Nach zehn Minuten regten sich beim Wartenden Zweifel am Telegrammtext: "War es vielleicht Treff P? Aber wie kann man P mit O verwechseln? 14.00 Uhr war es auf jeden Fall! Weiteres gab es nicht! Was sollte da schief gehen? Wie dumm, das Schriftstück liegt zu Hause!"

Der Musiker versuchte seine Hände in den Manteltaschen zu wärmen. Die Füße des Wartenden hatten fast die winterliche Außentemperatur angenommen. Der Kiosk mit Kaffeeausschank hatte wegen Krankheit geschlossen.

"Treppauf und treppab zum Kiosk an der Sonntagstraße ging nicht. Jeden Augenblick konnten die Kollegen um die Ecke biegen" dachte der Musiker entmutigt. "Und wie soll ich dann beweisen, dass ich pünktlich war?" Es blieb ihm verwehrt, sich an diesem Tag über die Ankunft der Kollegen zu freuen.

Der "Feingefrostete" fuhr irgendwann nach Hause und nahm noch einmal das Telegramm zur Hand. Am Text lag das Scheitern der Verabredung nicht. Die vermerkte Aufgabezeit, erhellte der Tatbestand schlaglichtartig. Das Telegramm wurde um 13.12 Uhr aufgegeben.

Am nächsten Tag klappte alles wie gewohnt und das Konzert wurde wieder ein Erfolg.

Was könnte diese Geschichte dem Leser sagen? Wunder gibt es immer wieder, nur heute sind es andere.

Erika Reichelt - Das (R)Ostkreuz, geliebt und gehasst

 

Erika Reichelt
Das (R)Ostkreuz, geliebt und gehasst

 

Das Ostkreuz, schon 120 Jahre alt,
hat viel im Bestehen gesehen,
hat harte Zeiten und Gewalt
aber auch schöne Zeiten gesehen.

Der Gänsemarkt mit seinem Geschnatter
übertönte damals das Rädergeratter.
100 000e steigen hier um, ein oder aus,
doch Behinderte bleiben besser zu Haus.

Rolltreppen, Fahrstühle hat es nie gegeben,
wie sollen Behinderte damit leben?
Oft wurden schon Pläne darüber gemacht
doch immer wieder in Schubladen verbracht.

Ein Wasserturm steht schon 90 Jahre daneben.
Er kann gut den Ostkreuzsuchenden das Ziel angeben.
Wir, die wir hier wohnen, haben uns daran gewöhnt,
doch von Touristen wird er oft verhöhnt.

Graffity und Rost, und, und, und, und...
sind bei Benutzern in aller Mund.
Ein wichtiger Bahnhof in Berlins Osten
sollte saniert werden und nicht mehr rosten.

Wir wollen ihn gern als Ostkreuz behalten,
doch sollte man sein Aussehen besser gestalten.

Kiez, junge Leute und viele Restaurationen
würden einen Besuch im Umkreis lohnen,
wenn man, sich einig und überlegt,
über die Verschönerung sich bewegt.

Wasser, z. B. die Rummelsburger Bucht
ist doch das, was man zum Wohlfühlen sucht.
Pünktlichkeit der Bahn wird hier groß geschrieben,
trotzdem gibt es wenige, die den Umsteigebahnhof lieben.

Treppauf und treppab, meist ohne Puste,
als ob man das nicht schon vorher wusste,
benutzt man den Bahnhof; Augen zu und durch.
Ein Stück Nostalgie in Berlin und Brandenburch.

Katrin Lippmann - Der Wasserturm

 

Katrin Lippmann
Der Wasserturm

 

1

"Einen wunderschönen guten Morgen, meine Dame! Erschrecken Sie nicht, wir machen hier eine Umfrage über Berliner und ihre Bahnhöfe ..."

Ich bringe ein halbwegs höfliches Grunzen à la "Lassen Sie mich bloß in Ruhe" zustande und mache, dass ich wegkomme. Diese Heiterkeit am frühen Morgen ist der reinste Hohn. So etwas müsste man verbieten!

Ich haste die Treppen hinunter, die Bahn nach Spandau fährt gerade ab. Verflixt. Da kann ich wieder ewig auf die Nächste warten. Missmutig fällt mein Blick auf Ditsch. Ditsch riecht saugut und hat nicht zufällig hier einen Stand aufgebaut. Mein Magen knurrt und ich linse begehrlich auf die Brezeln. In mir grummelt Joghurt pur und in meiner Handtasche träumt ein Butterbrot mit fadem Käse Marke "extraleicht" vor sich hin. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, als ich die Laugen-Käse-Stangen erblicke. Kurzentschlossen drehe ich mich weg und haste zum Ende des Bahnsteigs, möglichst weit weg von jeder Versuchung. Oh ja, der Duft, der aus den geöffneten Toilettenfenstern dringt, lässt meine Innereien freudig hüpfen. Der Hunger ist erst mal weg. "Einen wunderschönen guten Morgen, meine Dame ..."

Diese Meinungsforscher sind die reinste Pest. Schmeißfliegen und mindestens ebenso hartnäckig. So, als würden sie es persönlich nehmen, dass mir völlig egal ist, was Berliner von ihren Bahnhöfen halten. Wenn es nach mir ginge, wäre ich jetzt lieber im Bett. Dort würde man wenigstens nicht von der Seite angequatscht.

Die nächste Bahn kommt. Wer hätte es gedacht, Westkreuz. Haha. Abklingeln; der Bahnsteig ist fast leer. "Einen wunderschönen guten Morgen,  ..."

Mir kommt jetzt wirklich gleich die Galle hoch. Eiligen Schrittes stolpere ich zwischen den Klos und der Treppe vorbei zum anderen Bahnsteig und gehe geschäftig auf und ab. Unter Lebensgefahr, versteht sich. Das Kopfsteinpflaster ist eine Erfindung des Verderbens und ich vermute, ein Mann hat sie gemacht. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Tausenden von Frauen tagtäglich Unmengen kleiner unangenehmer Steine in den Weg gelegt werden. Immer wieder bleibe ich mit den Hacken hängen, weiche Huckeln und Löchern aus. Da will man nun hübsch sein, etwas aus sich machen und schon wird man boykottiert. Das sollten die mal aufschreiben. Wieder eine Bahn. Spandau. Na endlich. "Einen wunderschönen ..."

Manchmal liebe ich es, wenn die Bahn abklingelt.

 

2

Ostkreuz. Ich hüpfe aus der Bahn. Freudig lächelnd will ich mir vom Gemüsehändler an der Treppe zwei Schalen frische Erdbeeren holen. Kein Gemüsehändler! Ich bin entsetzt. Ich bin verzweifelt. Ohne Erdbeeren ins Bett ist unmöglich. Verdutzt schaue ich mich um. Noch mal Glück gehabt, bin nur auf dem falschen Bahnsteig gelandet. Die Erdbeeren gibt es gegenüber.

Ich setze im eiligen Trippelschritt, um jedes Löchlein einen Bogen machend, meinen Weg zur Treppe fort, die Erdbeeren im einen Auge, das Schild für den nächsten Zug nach Gesundbrunnen im anderen. "Entschuldigen Sie bitte ..." Als erstes bemerke ich den riesigen Fotoapparat. Aha, Tourist. Ein Anzug, adretter Haarschnitt wie einst Cary Grant und ein Lächeln, bei dem selbst die Zahnpastaindustrie mit megasuperwäscheweiß verblassen würde. Hin und weg hauche ich mein freundlichstes "Ja ...?" und stelle mir vor, wie die weißen Zähne aus dem Mund perlen. Wie wär's mit einer neuen Kette? Okay, die wäre etwas kurz, aber egal. Er lächelt so schön.

"Wo geht's denn hier zum Wasserturm bitte?" Wasserturm? Was soll das denn sein? Nie gehört. Da fährt man nun täglich S-Bahn, steigt 2 x täglich Ostkreuz um und dann kann man so eine banale Frage wie die nach dem Wasserturm nicht beantworten. Aber nun geht es um die Ehre! Bloß keine Unsicherheit zeigen, immer so tun als ob. Schließlich sind wir Profis, nach 15 Jahren Berlin. "Ähm, Moment mal. Da muss ich mich erst mal orientieren ..." Da nützt alles Orientieren nix! Ich schaue Löcher in die Luft und siehe, wie eine Fata Morgana erhebt sich gleich hinter dem Bahnsteig in Sichtweite - ein Wasserturm. Ich deute freudestrahlend hinüber: "Dort, sehen sie?" Er nickt, aufrichtig erfreut und fast so erleichtert wie ich. Dann sieht er mich erwartend an. "Und?" "Was und?" "Wie komme ich da hin?" Ich bin verwirrt. Wie kommt er dahin? Selbstbewusst und konsequent deute ich die Treppe zum anderen Bahnsteig hinauf. "Gehen sie erst hier hoch und dann nach rechts die Treppe, dann müsste es ausgeschildert sein." Lieber Gott, lass es ausgeschildert sein oder ganz schnell eine Bahn kommen, damit ich mich nicht dafür verantworten muss. Er schenkt mir noch ein strahlendes Lächeln zum Abschied. "Danke schön. Und einen schönen Tag noch!" Ich nicke erleichtert und mache mich ebenfalls auf den Weg nach oben. Zu meinen Erdbeeren.

Verdammt, ich muss mir unbedingt eine Tube Perlweiß extra superstark besorgen.

 

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"Und jetzt kommt noch einer mit oder nicht?" Ich schaue müde in die Runde und sehe in lauter triefnasige Gesichter. Die Mädels haben eindeutig ein paar Gläser Mumm mit Aperol zuviel getrunken. Also keiner. Ich sollte eigentlich sauer und bedient sein, denn so war das nicht ausgemacht, aber ich habe auch etwas zuviel getrunken. Allerdings - gerade gehen kann ich noch. Denke ich jedenfalls. Doch. Nur auf Toilette muss ich ständig.

Zum Glück fährt  der Zug von Witzleben nach Landsberger Allee durch. Ich haste also den Kaiserdamm hinunter, stolpere die Treppen zum Bahnhof hinunter und schaue auf die Uhr. Dann auf den Fahrplan. Gutes Timing, nur fünf Minuten warten und in knapp 40 Minuten bin ich zu Hause. Juhu.

Bahnhof Ostkreuz, der Zug hält. "Bitte alles aussteigen. Der Zug endet hier. Fahrgäste in Richtung Gesundbrunnen warten am selben Bahnsteig. Der nächste Zug fährt bis Frankfurter Allee und  von dort zurück nach Ostkreuz ..." Blabla. Das kann doch nicht wahr sein! Mein Blick klebt an der großen runden Uhr mit den langsamen Zeigern.

Eine Minute. Naja, der Zug wird hoffentlich bald kommen. So weit ist es ja nicht bis Frankfurter Allee.

Drei Minuten. Ich lehne mich an das Treppengeländer und hoffe immer noch, dass die Bahn gleich kommt. Wäre ja blöd, wenn  man hier ewig warten müsste. Schließlich gibt es ja so etwas wie Fahrpläne.

Fünf Minuten. Okay, meine Beine tun etwas weh. Ich musste aber auch ausgerechnet neue Schuhe zur Bürofeier anziehen. Ich Kamel!

Sieben Minuten. Mit schmerzenden Füßen lehne ich hilflos zusammengesunken am Geländer. Auf dem Bahnsteig werden es langsam mehr Leute. Finstere Gestalten - würde meine Oma jetzt sagen. Ich ziehe meinen Rock etwas tiefer und verschränke die Arme vor der Brust. Bin ich paranoid?

Zehn Minuten. Das geht auf keine Kuhhaut! Diese blöden Penner! Wäre ich nur mit der U-Bahn gefahren. Dort wäre es warm und gemütlich. Und Pendelverkehr gäbe es auch nicht! Warum passiert so was immer mir? Ich stampfe ärgerlich mit dem Fuß auf. Der Mann neben mir wirft mir einen langen Blick zu und leckt sich verstohlen die Lippen. Ein Augenzwinkern. Der meint doch bitte nicht mich! Ich drehe mich weg, nicht ohne noch einen bitterbösen Blick in alle Richtungen zu schießen. Für alle Fälle.

Zwölf Minuten. Ich geh am Stock! Das kann doch alles nur ein Scherz sein. Ich friere, mir tun die Füße weh und außerdem habe ich das Gefühl, fast nackt auf dem Bahnhof zu stehen. Und das nicht nur wegen des dünnen Mantels. Klick, klack, klick, klack. Sämtliche Blicke - inklusive meinem - starren auf die Treppe. Herauf kommt mit schwingenden Hüften ein engelsgleiches Wesen. Fortan bin ich gerettet. Man nimmt mich einfach nicht mehr wahr. Bin ich jetzt sauer oder bekloppt oder beides?

Fünfzehn Minuten. Die Bahn kommt. Ich könnte sie küssen; im übertragenen Sinn natürlich. Welche Erleichterung, für zwei Minuten hinsetzen und aufwärmen bis Frankfurter Allee. Und dann wieder zehn Minuten warten, mindestens.

So ein Weiberabend ist Scheiße, wenn man nicht mit dem Auto abgeholt wird. Ich werde zu Hause mal beiläufig fallen lassen, dass ein Auto die männliche Attraktivität enorm steigert.

Vollring Ostkreuz

 

Guntram Hagen
Vollring über Ostkreuz

 

Die Geschichte spielt in den fünfziger Jahren, als ein junger Mann im Berliner Glühlampenwerk (BGW) als Mechaniker anfing. Er war leidenschaftlicher Schachspieler. Darum ist er dort in den bestehenden Schachverein eingetreten. Diese Mitgliedschaft brachte für seine Entwicklung nicht nur Vorteile.

Was viele Leser nicht wissen, ist, dass der Schachsport ein Mannschaftssport ist. Eine Mannschaft besteht aus 8 Spielern, die wie beim Fußball mit Startnummern als Stammspieler bzw. Ersatzspieler agieren. Trainer, Mannschaftsleiter und Schiedsrichter sind selbstverständlich. Das besondere ist, dass alle Spiele in Deutschland, damals wie heute, am Sonntag um 9:00 Uhr beginnen. Heute werden in Berlin in 62 Vereinen die Schachuhren zum Start gedrückt.

Aber zurück zu unserem jungen Mann. Der wollte eine Freundin kennen lernen. Eine verständnisvolle "Sie" im Schachverein gab es nicht. Er hatte Probleme. Welches Mädel geht mit einem Jungen, der an dem einzigen freien Tag (es wurde am Sonnabend bis 13:00 Uhr gearbeitet) am Sonntagmorgen um 4:00 Uhr sich verabschiedet: "Ich muss beim Schach meine Mannschaft unterstützen!"

Spielsaison und Winterhalbjahr trafen unglücklicherweise mit den Großveranstaltungen des BGW zusammen, z.B. der stadtbekannte Karneval. Wer also suchte und jemand kennen lernen wollte, musste einfach dabei sein. Diese Wochenenden führten vor allem die jungen Schachspieler in Versuchung, am Sonntag nicht anzutreten. Es kam immer wieder zu dem Duell Hormone gegen Charakter. Darum besuchte auch der Trainer die Kultursäle und achtete darauf, dass kein Bier zuviel getrunken wurde und mahnte die Pünktlichkeit an.

Da Schachspieler berechnend sind, sollte ihre Freundin gut aussehen, großes Verständnis für Schach haben und, ganz wichtig für unseren Mann, sie sollte in der Nähe vom Ostkreuz wohnen.

Unser Schachspieler hatte sein Elternhaus in Ahrensfelde. Da nur alle drei Stunden ein Zug mit einer Dampflok fuhr, musste er in der Stadt bleiben. Treffpunkt mit anderen Sportfreunden war der Sonntagmorgen um 5:12 Uhr am oberen Bahnsteig Ostkreuz. In der S-Bahn als Vollring angezeigt, gab es viele Vorteile. Es war warm, man konnte schlafen. Ein Umlauf dauerte ca. 1 Stunde.

War eine kürzere Zeit geplant (Spielort), hatte man die Möglichkeit, auf einem Ringbahnhof in den Gegenzug zu wechseln. In der ersten Zeit waren wir so müde, dass wir den Spielbeginn verschlafen haben. Abhilfe schaffte unser Mechaniker. Die Lösung war eine alte Blitzuhr, in die ein Gong eingebaut wurde. Sie stand auf einem Bord am Fenster der S-Bahn und konnte wie ein Wecker gestellt werden. Als Nachteil stellte sich heraus, viele Fahrgäste dachten durch das tickende Geräusch an eine Zeitbombe (Kalter Krieg) und weckten uns.

Manchmal werden Wünsche wahr. Hier ist die gute Nachricht. Der leidenschaftliche Schachspieler hat eine Frau gefunden! Sie steht seit 35 Jahren um 6:00 Uhr auf und kocht den Kaffee. Sie trägt alle Höhen und Tiefen im Schachsport mit. Sie hat einen untrüglichen Blick dafür, ob ein Spiel verloren wurde, wenn er am Sonntag um 15:00 Uhr geschafft nach Hause kommt. Sie kann gut trösten und motivieren. Es ist die liebe Gerti, die im Kiez Ostkreuz wohnt. Sie kann nicht Schach spielen. "Und das ist auch gut so!", würde man heute sagen.

Erfahrungen sagen, dass Eheleute alle Konflikte am Schachbrett lösen. Kurz gesagt: Wenn beide auf Hobby machen, bleibt die Arbeit liegen.

Aber den Damen, die einen Partner oder Freund suchen, kann man Hoffnung machen. 3000 Berliner Spieler sind intelligent, zuverlässig und haben weitere gute Charaktereigenschaften, vor allem sind Nichtraucher im Angebot. (Beim Spielen ist Rauchen verboten!)

Die Anregung für diese Geschichte war durch die Sanierung unserer Wohnung gegeben. Meine Frau bat mich, nun endlich den Keller aufzuräumen. Dort lagerte viel "Unnützliches", was der gelernte DDR-Bürger doch immer wieder brauchen könnte. So kann ich die uralte Blitzuhr leider nicht mehr vorzeigen. Aber sie war der Anlass für meine Geschichte für das Thema Ostkreuz.

 

Ostkreuz täglich

 

Lothar Besescheck
Ostkreuz, zweimal täglich

 

In Friedrichshain bin ich geboren und aufgewachsen. Hier lebe ich noch heute. Die Gegend um den Bahnhof Ostkreuz ist mir seit meiner Kindheit gut vertraut. Noch als Schüler habe ich für viele Jahre eine Tanzschule besucht, die nur wenige Minuten vom Bahnhof entfernt lag. Es war eine relativ unbeschwerte und schöne Zeit.

Ganz in der Nähe war auch ein Antiquariat, das ich mit Cousins oder Freunden fast jede Woche aufsuchte. Oft standen wir auf hohen Leitern und kramten in den Bücherreihen. Der Trödler, wie wir den Inhaber nannten, musste uns manchmal ermahnen: "Na, meine Herren, es ist Feierabend, ich will schließen."

Später bin ich dann von Ostkreuz aus zur Arbeit gefahren und im Urlaub oder am Wochenende nach Grünau oder Treptow.

Meine Großmutter wohnte, bis sie 1969 im 92. Lebensjahr starb, in der Sonntagstraße, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs. Ich habe sie dort regelmäßig besucht.

Einige Erlebnisse, die direkt mit dem Bahnhof Ostkreuz zusammenhängen, sind mir noch in guter Erinnerung geblieben.

So nahm ich als Schüler einmal am Ferienlager teil. Die Schüler vieler Schulklassen lagen tagsüber im Treptower Park auf dem Rasen. Wir amüsierten uns und spielten und wurden dort auch verpflegt. Es muss 1947 gewesen sein, denn es wurden gerade umfangreiche Arbeiten  für die  Anlage  des  Sowjetischen Ehrenmals ausgeführt. Eines Tages zog ein Unwetter auf. Die Lehrer merkten es rechtzeitig und schickten uns nach Hause. Aber es war doch nicht rechtzeitig genug. Ich kam nur bis zum Bahnhof Ostkreuz. Als ich den Ausgang Markgrafendamm erreicht hatte, regnete es in Strömen. Ich kam nicht mehr weiter und stand - wie viele andere Fahrgäste - frierend in einer Eingangsunterführung, gegen den Regen etwas geschützt, aber einem furchtbaren Gewitter ausgesetzt, wie ich es selten zuvor und auch später erlebt habe. Wie froh war ich, als ich nach vielleicht einer halben Stunde endlich nach Hause konnte.

 

Als Schüler und auch in den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit ging ich regelmäßig in eine Bibliothek, die sich in der Sonntagstraße befand, um mir Bücher auszuleihen, die ich dann aber meist nicht gelesen habe, weil mir Zeit und Muße dazu fehlten. Einmal gefiel mir dort ein weiblicher Lehrling. Ich rief  sie  an  und  lud  sie  zu  einer  geschlossenen Tanzveranstaltung ein, zu der ich Karten hatte. Wir trafen uns am Ostkreuz und tranken erst einmal in einer kleinen Gaststätte vor dem Bahnhof auf unser gegenseitiges Wohl.

 

Auf dem Ringbahnsteig hat sich später eine Episode mit dem "Zwanzigjährigen" abgespielt. Der Spitzname kam daher, dass ich eines Tages zu meiner Mutter sagte: "Heute besucht mich ein Freund. Der ist aber schon 20." Ich muss etwa 18 Jahre alt gewesen sein. Kennen gelernt hatte ich ihn in der Tanzschule. Er erschien dort zu einer Übungsstunde mit einem weiblichen Wesen, das ein cremefarbenes Tuchkleid trug. Merkwürdig, dass man sich mitunter solche Nebensächlichkeiten merkt. Beide wogen etwa 100 - er in Pfund, sie in Kilo. Ich hielt den "Zwanzigjährigen" zunächst für einen Draufgänger, und er tat auch so.

Später sagte er mir, er habe seine Begleiterin mitgebracht, um sie dort loszuwerden. "Sie steht mir bis hier", meinte er und fuhr sich mit der Hand an den Hals. Er war Vollwaise, wohnte allein in einer kleinen Lichtenberger Wohnung und war von Beruf Zahntechniker.

Wir trafen uns des öfteren in der Tanzschule, gingen gemeinsam ins Kino, manchmal kam der "Zwanzigjährige" auch zu mir, fast immer auf einem Rennrad und in einer Sportkluft.

In der Tanzschule war er scharf auf ein Mädchen, das ich Silberfisch  nannte,  was  mit  dem  Muster  ihres  Kleides zusammenhing. Aber er war zu schüchtern. Mitunter ging er auch allein tanzen und berichtete dann von seinen Erlebnissen. Dabei gab es zwei Grundkonstellationen. Entweder er lernte ein Mädchen kennen, mit dem er sich gut verstand. Dann stellte sich plötzlich heraus, dass sie katholisch war.  Das kam mehrmals vor, und der "Zwanzigjährige" suchte bei meiner Mutter Rat. "Was mache ich nur? Das kann doch nicht gut gehen bei dem anderen Glauben."

Oder  das  Mädchen  war  nicht  sonderlich  an  ihm interessiert. "Aber bei ihrer Mutter habe ich den besten Eindruck hinterlassen", sagte er dann.

Da er ständig auf der Suche nach einer Frau war, draufgängerisch tat, aber doch schüchtern war, kam ich auf die Idee, ihm einen Streich zu spielen.

Ich erzählte ihm, dass ein anderer Tanzschulkumpel, mit dem ich längere Zeit gut befreundet war, der mich aber später enttäuschte, viele Mädchen kenne, die Herrenbekanntschaften suchten. Er brauche nur seine Wünsche zu äußern und sein Ideal zu beschreiben, was er auch tat. Als wir dann mit diesem Kumpel, Wolfgang R. hieß er, zusammenkamen, sagte der: "Dann käme nur eine in Frage." Er hatte auch nur diese eine "zur Verfügung", war wohl früher einmal mit ihr befreundet. Es wurde ein Zeitpunkt vereinbart, an dem die "Übergabe" auf dem Bahnhof Ostkreuz gegen eine Vermittlungsgebühr in Höhe von 5 Mark erfolgen sollte. Bei Reklamation innerhalb einer Woche konnte das Geld zurückgefordert werden.

Ich erinnere mich noch, dass wir auf dem Ringbahnsteig standen und auf den Zug warteten. Aber der kam und kam nicht. Plötzlich musste der "Zwanzigjährige" niesen, und in dem Moment fuhr der Zug ein. "Seht Ihr, ich habe geniest, und schon kommt der Zug." Die junge Frau quittierte diese Feststellung mit der Bemerkung "Wie albern".

Die beiden stiegen ein, und wir wünschten ihnen viel Spaß. Als ich den "Zwanzigjährigen" einige Tage später sah, sagte er siegessicher: "Die Puppe steht." Aber sie stand nicht lange. Eine Reklamation wäre allerdings schwer möglich gewesen; denn Wolfgang war während dieser Zeit nur selten zu Hause anzutreffen.

In all den Jahrzehnten habe ich den "Zwanzigjährigen" nur noch einmal gesehen. Aber im vergangenen Jahr rief er mich überraschenderweise an. Er wohnt nicht mehr in Berlin. Im März müsste er übrigens 68 Jahre alt geworden sein. Ja, wir werden älter, und der Bahnhof Ostkreuz wird es auch.

Anne Helmer - Forelle Blau

 

Anne Helmer
Forelle Blau

 

In einer rostigen Gondel paddelte er mit seiner Ausrüstung Richtung Ostkreuz. Die venezianische Atmosphäre übte einen besonderen magischen Reiz auf ihn aus; vorbei an den kleinen grauen, von der Spree umspülten Häuschen und den unzähligen Kakteenhainen ließ er sich treiben. Trotz des neuen, reichlich unbequemen UV-Schutzanzuges, den der Bezirk jährlich verteilte, genoss er die sonnigen Strahlen und das Glitzern des rabenschwarzen Gewässers. Genüsslich fuhr er ins Bahnhofsgelände ein, als plötzlich eine störende Stimme, die rasch näher zu rücken schien, die Harmonie unterbrach. Das immer lauter werdende Gekreische durchhämmerte seinen Schädel, bis es ihn fast aus dem Boot fegte.

"Sag mal, träumst de schon wieder?" kreischte es. "Weeßte eijentlich wie schwer dein Scheiß hier is!" Heinz ließ gereizt die Ausrüstung auf den Asphalt plumpsen. "Bei dir quassle ick mir noch den Mund fusslig", maulte er. Stumm zog sich Paul die Handschuhe von den Gelenken und rotzte vorwurfsvoll in ein Taschentuch. Es war einer dieser kalten trockenen Novembermorgen. Man sah den warmen dampfenden Qualm aus ihren Mündern kriechen, als sie bei einer Zigarettenpause verschnauften. Wenig später war die Ostkreuzstation erreicht. Mühsam schleifte der bullige Heinz den großen schwarzen Sack die Treppen hinauf; der neben ihm auffällig schmächtig wirkende Paul beförderte unterdes das Angelgerät und ein Geschoss nach oben.

Pustend platzierte Heinz den Sack neben die Gittersitze, die sich in der Mitte des Bahnsteiges gruppierten. "Na denn, viel Spaß beim Fischen", grölte er und bekräftigte seine Aussage mit einem kameradschaftlichen Klopfer auf Pauls schmale Schultern, der dabei unweigerlich in einen der Sitze knallte. Nach der stürmischen Verabschiedung postierte Paul die Angel auf den schwarzen Sack. Nur das Geschoss, eine gewaltige Furcht einflößende Harpune, verschloss er eisern zwischen seinen Fäusten. Er schaute sich um.

Auf dem Bahnhof herrschte hektisches Treiben. Fleißig wie die Bienchen eilten die grauen Alltagsgesichter hinein in die Bahn oder die Treppen hinab zu ihren Arbeitsstätten. Einige Blicke verirrten sich zu dem bärtigen Mann mit der viel zu großen Harpune.

Nach dem ersten neugierigen Mustern wendeten sich die meisten zügig ab oder belächelten ihn kopfschüttelnd, wenn es ihr Zeitplan zuließ. Fest entschlossen wartete Paul mit ernster Miene auf die Westhafenbahn, als sich eine fein gekleidete Dame neben ihn aufs Sitzgitter gesellte. Verwundert starrte sie auf die Harpune. "Ist was?" fragte Paul genervt. "Das ist aber ein wunderbares Stück, was Sie da haben", redete sich die Frau heraus, "mein Onkel besitzt auch so eine, er setzt sie sogar gelegentlich beim Hochseefischen in Portugal ein. Sie verreisen bestimmt, nicht wahr? Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber sind Sie zur Zeit arbeitslos?" "Ja, das bin ich", entgegnete Paul verdutzt; doch bevor er diese merkwürdige Frage enträtseln konnte, plapperte die Madame weiter: "Ja dann haben Sie sich hoffentlich auch ordnungsgemäß bei Ihrem zuständigen Amt abgemeldet. Ach, Sie wissen ja gar nicht, was mir da schon alles untergekommen ist, nur weil die Leute zu faul waren, sich abzumelden", jammerte sie. "Das ist wirklich das Wichtigste, wenn man als Erwerbsloser in Urlaub fährt, glauben Sie mir, ich arbeite schließlich schon seit fast zwanzig Jahren als Sachbearbeiterin beim Sozialamt." "Aber ich fahre doch bloß zum Angeln ans Spreeufer", unterbrach er. Überrascht strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht und runzelt vornehm fragend die Stirn: "Und wozu führen Sie dann diese riesige Harpune mit sich?" "Ich habe gelesen, dass sich ein Hai in die Spreegewässer verirrt hat und da habe ich mich kurzerhand entschlossen das Tier zu erjagen", unterrichtete Paul trocken die ungläubig dreinschauende Paragraphenreiterin. Ihre Augen standen nun weit offen, genauso wie ihr Mund, der die Gestalt eines Karpfenmauls annahm. Regungslos verharrte sie einige Sekunden in der Grimasse. Dann entfloh sie ruckartig dem Zustand des Erstaunens und kramte verbissen in ihrer Handtasche, bis eine silbern glänzende Taschenuhr zum Vorschein kam. Erschrocken schielte sie aufs Zifferblatt und verglich es mit dem der Bahnhofsuhr. "Um Gottes Willen, nun muss ich mich aber beeilen, ich glaube meine Uhr ist stehen geblieben, ich bin einer der pünktlichsten Mitarbeiter bei uns auf dem Amt. Es muss ja alles seine Ordnung haben." Hastig rannte sie mit ihren fleischigen, absatzverzierten Haxen und dem viel zu engen Rock die Treppen hinab. Ein unverabschiedeter Paul blickte entgeistert auf die Zuganzeige seines Gleises. Heinz hatte Recht, dachte er bei sich, das Ostkreuz birgt wirklich ein Sammelsurium der absonderlichsten Gestalten.

Wieder hielt eine Bahn der Gegenfahrtrichtung, füllte das Bahngelände und entließ ein Gewusel von schnellen Schritten und unbefriedigten Gähnern. Gegenüber von Paul hockte sich ein kräftiger Kerl hin in Arbeitskleidung und mit einem für einen Drei-Tage-Bart viel zu stoppligen Gesichtspelz. Mit einer ungeöffneten Büchse Bier zwischen seinen Pranken beschnupperte der Malocher den schwarzen Sack und die gewaltige Harpune. "Is ja irre", rief er staunend herüber, "ist dat da wirklich 'ne echte Haifisch-Wumme? Vor 'nem Jahr wäre ich fast auch mit so 'nem Ding unterwegs gewesen, um eine von den Bestien zu erledigen. Leider musste ich meine Mietschulden blechen und dann bestand meine Olle auf dem versprochenen neuen Fernseher mit DVD-Player und Boxen, ein dolles Gerät, wat fürs Leben; bloß war dann halt nüscht mehr mit Haifischsafari!" Er stoppte die Wortattacke, um seiner Dose den Verschluss zu entzerren und bot seinem Helden einen Schluck zur Stärkung an. Verneinend schüttelte Paul den Kopf und ließ seinen trockenen Speichel die Speiseröhre hinuntergleiten. "Prost", prollte der Trinker, "ein Hoch auf 'ne erfolgreiche Jagd und die Siegertrophäe!" Zügig belöschte er seinen Brand an der wehrlosen Dose und entsorgte das leere Blechteil unbekümmert auf einem der Gittersitze. Ein letztes Mal erhob er für Paul die Hand zum Gruß und trabte hustend die Stufen hinab.

Ungeduldig starrte Paul erneut auf die Anzeige. "Mein lieber Gott, wenn es dich gibt, dann lass bitte die Bahn gleich kommen", fluchte er, "ich glaube, ich werde sonst noch verrückt in diesem Irrenhaus!" Verächtlich beäugte er den nächsten Gittersitzbesetzer, der sich unmittelbar zu seiner Rechten niederließ. Der neue Besucher machte einen eleganten, fast adeligen Eindruck, ein schwarzer Anzug aus feinstem Tuch schmeichelte seinem graziösen Körper, seine schlanken Greifer waren mit noblen Lederhandschuhen überzogen und hatten gerade eine Havanna entzündet. Neben ihm auf dem Sitz stand ein aquariumähnliches Glasgebilde, das von einer Vielzahl glitschiger dicker Würmer besiedelt wurde. Verstohlen und ängstlich, wie ein kleines armes Regenwürmchen, das bald als Dessert einer gefräßigen Amsel enden sollte, streiften Pauls Augen den Käfig, bis ihn blitzartig eine sträfliche Erkenntnis erleuchtete. Verdammt, da wollte er einen so großen Fisch an Land ziehen und hatte doch tatsächlich vergessen, sich einen Köder zu besorgen. Das war ihm jetzt aber peinlich, welcher Hai würde sich schon an einer Angel vergreifen, wenn an ihrem Haken nicht eine einzige kümmerliche Ölsardine baumeln würde? Doch wo zum Teufel sollte er jetzt für seinen atlantikverwöhnten Hai einen Eimer Fische herbeizaubern? Nachdenklich starrte er auf die speckig glänzenden Würmer und nahm dabei all seinen Mut zusammen, um die Herrschaft im schwarzen Einreiher anzusprechen. "Entschuldigen Sie bitte", stotterte er zaghaft, "ich befinde mich in großer Not und ich bin davon überzeugt, dass Sie mir helfen können!" "Natürlich", entgegnete der Adlige zuversichtlich, "wenn es in meiner Macht steht, furchtbar gerne." "Wissen sie, ich fahre gleich zum Spreeufer um einen Haifisch zu angeln," verhaspelte er sich aufgeregt, "doch dummerweise habe ich meine Köder vergessen, könnte der Herr mir vielleicht mit einigen seiner Würmchen aushelfen?" "Nun ja", grübelte er und ließ den letzten Zug seiner Havanna verstreifen, um sie in einer silbernen Blechdose zu entsorgen. "Das, was Sie da sehen, sind aber ganz besondere Tierchen", betonte der Gentleman energisch, "ich benötige sie zu Forschungszwecken. Diese kleinen hungrigen Zwerge haben wir vor zirka einer Stunde einem Leichnam entnommen. Sie wandern ca. vier Wochen nachdem der Tote in die Erde bestattet wurde, in seinen halbverwesten Leib ein. Hier leben sie, gebären ihre Larven, ziehen ganze Generationen groß, die sie vom toten Fleisch nähren, es sind wirklich ganz nützliche kleine Helfer", schwärmte er. "Das ist ja spannend," bewunderte Paul ihn interessiert, "sind Sie etwa Gerichtsmediziner?" "So was ähnliches," lächelte er ihn an, "wissen Sie, eine Hand voll Wurm kann ich bestimmt für ihren Hai entbehren, die besten Freunde des Menschen sehen es sicherlich nicht so eng, wenn sie einem so exquisiten Fisch als Leckerbissen dienen." Gelassen griff der Ehrenmann in den Madensalat und entließ exakt eine Hand voll davon in Pauls Plastiksack. Überglücklich himmelten Pauls schmale Lippen seinen Retter an. "Zu gütig von Ihnen", bedankte er sich gerührt. Fasziniert fixierten seine Augen die Winzlinge durch die halb geöffnete Tüte. Einer der kleinen Racker schlummerte gerade friedlich am Plastikrand. Keine Spur davon, dass solch ein possierliches Ding sein Leben in einem Leichnam begonnen hatte. Und überhaupt, dass diese unscheinbaren Wesen sich von seiner Gattung nährten, das störte Paul seit den letzten Begegnungen am Ostkreuz herzlich wenig. Sein Herz schien in die Tüte gerutscht, seine neu erworbenen Lieblinge erweckten väterliche Beschützerinstinkte in ihm. Doch noch ehe er den Gedanken spinnen konnte, seine Tierchen auf dem nächsten Friedhof auszusetzen, rauschte die Bahn nach Westhafen ein. Verträumt und verloren betrat er den Zug.

Sein neuer UV-Schutzanzug kratzte immer noch etwas unangenehm auf der Haut. Nachdem sich die Eisentüren luftdicht verriegelten, drehte er die Sauerstoffzufuhr ab und streifte sich schweißtreibend die Gasmaske vom Kopf. Er verstaute sein Gepäck unter den superergonomischen Wassersesseln und bettete behutsam den Madenbeutel neben sich. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich im Panzerglas, als seine sensible Nase einen unangenehmen Geruch wahrnahm. Der fischige Gestank stammte vermutlich von dem dunkelhaarigen Mann direkt vor ihm, der ihn mit seinen Revolverzähnen verschmitzt anblitzte. Rechts neben sich hatte er ein aquariumähnliches Glasgefäß bugsiert, in dem sich fleischige Brocken stapelten. In seinen mit eleganten, hauchdünnen Lederhandschuhen überzogenen Greifern hielt er eine Angelrute. Gelangweilt linste Paul in das Glasgefäß um die Fleischstücke zu analysieren. Dabei biss sich sein Blick in einem weiter hinten liegenden, unscheinbaren gammeligen Brocken fest, der sich zu einer Hand formte. Ein seichtes silbernes Glitzern umschlang einen der zarten, halbzerfallenen weiblichen Finger, vermutlich bezeugte es ein vor Jahrzehnten abgegebenes Liebesversprechen. Menschenteile, schoss es Paul durch den Kopf, der hat ja Menschenteile im Glas!

"Na, geht's auch zum Angeln?", unterbrach ihn die dunkle kultivierte Stimme seines Gegenübers. Rasend vor Angst versuchte Paul einen gelassenen Eindruck vorzutäuschen und nickte wortlos den tiefen schrägen Augenhöhlen mit den wild wuchernden Brauen zu, als ihn der Geruch einer frisch entzündeten Havanna erreichte. Nervös versuchte er sich von dem mysteriösen, elegant gekleideten Herrn abzulenken und vergrub seine Blicke rasch in seine Würmertüte. Nach endlosen Sekunden vernahm er die rettenden Lautsprecher der Bahn: "In wenigen Minuten erreichen wir die Ostsee-Treptow-Mündung. Wir bitten, die Gasmasken anzulegen und die Sauerstoffzufuhr wieder anzuschalten." Pauls Nachbar machte sich bereit zum Aufbruch. Er entsorgte die Havanna in einer silbernen Blechdose und steckte sie in die untere Tasche des Einreihers, der seinem hohen graziösen Körper enorm schmeichelte. Dann grinste er Paul noch einmal an, schnappte sich die Angel und drehte sich um. Gebannt verfolgte Paul seine Schritte zur Eisentür und rieb sich dabei verlegen die Augen, um sicherzugehen, dass es kein Traum war. Aus dem Rückenteil des schicken schwarzen Anzuges ragte eine riesige Flosse hervor, so eine, wie sie für gewöhnlich nur einem Haifisch entwachsen konnte.

"Ostsee-Treptow-Mündung, bitte aussteigen", dröhnte es aus den Boxen.

"Bitte aussteigen!" Doch Paul stieg nicht aus.

Karin Maak - Meine Geschichte zum Ostkreuz

 

Karin Maak
Meine Geschichte zum Ostkreuz

 

Karin erwachte. Trotz der noch geschlossenen Lider registrierte sie, dass es ein trüber Morgen war. Sie fragte sich, ob ihr heute wieder ein einsames Wochenende bevorstand, wie schon so oft. Aber da durchfuhr sie die Erinnerung daran, dass sie ja heute, am 2. Mai 1981, um 18 Uhr, eine Verabredung hatte. S-Bahnhof Ostkreuz war der vereinbarte Treffpunkt. S-Bahnhof Ostkreuz? Den kannte sie lediglich als Umsteigebahnhof: verwirrend, grau, nicht gerade einladend. Gab es da eigentlich ein Wohngebiet? Und Geschäfte, Restaurants?

Den Tag vertrödelte Karin mit vielen unwichtigen Beschäftigungen. Dann machte sie sich so hübsch wie möglich und begab sich zum Bahnhof Ostkreuz - pünktlich 18 Uhr!

Ziemlich einsam fühlte sie sich dort, denn Hans war nicht da. Viele Menschen gingen an ihr vorbei, aber nicht der Mann, auf den die Beschreibung passte: Bart, Brille, hellbraune Lederjacke.

Karin beschloss, erst einmal das Restaurant aufzusuchen, wo man gemeinsam den Abend verbringen wollte - die Lenbachstube. Auf dem Weg dorthin stellte sie fest, dass es eine kleine Parkanlage mit Spielplatz gegenüber dem Bahnhof gab, sowie viele alte Häuser, deren Schönheit und interessante Fassaden man aber erst nach sehr genauem Hinschauen erkennen konnte. Sie erschienen grau, waren aber teilweise mit Stuck, Ornamenten, Figuren und sogar einer - leider unleserlichen - Inschrift versehen. Alle hatten mindestens einen Hinterhof, in denen sogar Bäume oder kleine Sträucher wuchsen.

In der kleinen Lenbachstube erfuhr sie, dass ein Tisch zu 19 Uhr bestellt war. Hatte sie bei der Verabredung nicht richtig hingehört? Neugierig geworden auf diese - für sie unbekannte - Gegend, beschloss sie, trotz des ungemütlichen Wetters, ihren kleinen Erkundungsgang fortzusetzen. Bis 19 Uhr hatte sie ja noch ein bisschen Zeit.

In der Sonntagstraße (welch ein hübscher Name) entdeckte sie kleine Geschäfte, Handwerksbetriebe, gemütliche Kneipen und ähnliches auch in der Boxhagener Straße, Wühlischstraße und in der Neuen Bahnhofstraße. Ihr besonderes Interesse erregte ein großer Wohnkomplex, der von der Sonntagstraße, Gryphiusstraße, Simplonstraße und Holteistraße eingerahmt wurde. Das war der Helenenhof. Sie dachte, dass man hier bestimmt gemütlich wohnen konnte.

Inzwischen schien auch die Sonne und alles wurde gleich viel freundlicher.

Ihr Erkundungsgang endete wieder am S-Bahnhof Ostkreuz, und ihr Warten wurde durch ein Naturereignis belohnt: Ein herrlich leuchtender Regenbogen in seiner ganzen schimmernden Farbpalette spannte sich riesengroß über dem Bahnhof Ostkreuz. Karin sah darin ein gutes Omen für den weiteren Verlauf des Abends.

Um 19 Uhr betrat sie entschlossen die kleine gemütliche Lenbachstube und wer saß dort an einem der runden Tische? Es war Hans, und der lächelte so nett und auch ein bisschen hilflos, dass sie völlig entwaffnet war.

Sofort spürte sie eine starke Sympathiewelle zwischen ihnen beiden und es wurde ein sehr interessanter Abend, der ziemlich spät endete ...

Inzwischen gab es viele Male den 2. Mai und immer zog es Hans und Karin an diesem denkwürdigen Datum in die  Lenbachstube - solange sie existierte.

Karin zog vom Prenzlauer Berg in die Sonntagstraße, wurde heimisch und erlebte mit Freude die langsame Veränderung im Kiez - gehörte doch das Haus, in dem sie nun wohnte, zu den ersten, die einen schönen hellen Anstrich erhielten.

Jetzt lohnt sich ein Spaziergang durch das Gebiet um den S-Bahnhof Ostkreuz und es lohnt sich auch, ein bisschen länger vor den inzwischen restaurierten und rekonstruierten Häusern aus der Gründerzeit zu verweilen, um ihre Schönheit auf sich wirken zu lassen.

Und der Bahnhof selbst ist für Karin auch nicht mehr unübersichtlich, sondern praktisch, wichtig, lebhaft - mit einem gewissen Flair.

Nur so einen wunderschönen Regenbogen hat sie niemals wieder gesehen.

Bärbel Ambrus - Letzte Durchsage

 

Bärbel Ambrus
Letzte Durchsage

Jeden Tag knatterte seine Stimme durch die Lautsprecher „Dieser Zug endet hier. Weiterfahrt vom Gleis gegenüber!“ Sein Schritt war wenn er zur Arbeit ging oder wenn er nach Hause kam immer so hüpfend. Irgendwie giraffenartig, das Kinn und den schmächtigen Oberkörper schob er weit nach vorn.

Alle Frauen im Haus mochten ihn, er war zu nett und hielt mit jeder ein Schwätzchen, wenn sie aus dem Fenster sah. Sie sahen fast immer aus dem Fenster, sie sahen alles und wussten alles, auch dass er nur Männer liebte. Manchmal luden sie ihn zum Essen ein.

Wenn er über den Balkon in eine Nachbarwohnung klettern wollte, riefen sie von unten „He, das ist aber nicht deine Wohnung!“ Eine Nachbarin, die ihm während ihres Urlaubs den Wohnungsschlüssel zum Blumengießen gab, bemerkte anschließend nach und nach den Verlust ihrer liebsten Dinge. Fast noch mehr verübelte sie ihm, dass er in ihrer dreiwöchigen Abwesenheit in ihrer Wohnung telefonierte, geduscht und seine Wäsche gewaschen hatte. Eine andere Nachbarin konnte ihr Portemonnaie nach seinem Besuch nicht mehr auffinden. Dabei hatte er nur eine Zigarette von ihr geborgt. (Die Nachbarin rauchte so stark, dass selbst die Zeitungen völlig geräuchert waren, die er sich regelmäßig ausborgte und nie zurückgab.) Einer anderen Nachbarin erzählte er, dass er nun nach Schweden ziehe, weil er dort tolerierter leben könne und nicht so viel Steuern zahlen müsse.

Einmal am Herrentag las er auf seinem Bahnsteig drei übriggebliebene Männer mit Weinflasche auf. Er lud sie zu sich nach Hause ein, den Rest des Abends mit ihm zu feiern. Als die Männer genug gefeiert hatten, wollten sie sein Geld, sie schlugen ihn. Aus der Küche kam einer mit einem großen Messer und stach 27 mal zu. Kurz vor dem Verbluten auf dem Teppich kam er später noch zu sich und kroch mit letzter Kraft auf den Treppenflur. Eine Nachbarin fand ihn und rief den Notarzt.

Er zog weg. Jahre später wurde er auf dem Weg zur Arbeit gesehen, mit hüpfendem Schritt und nach vorne gebeugt.

Helgard Gebhardt - Preiswert nach Paris

 

Helgard Gebhardt
Preiswert nach Paris

 

Samstag 17 Uhr: Ich fahre mit dem Auto zum Büro des Busreisen-Billganbieters, für den ich als Stewardess arbeiten will. Die Probefahrt habe ich schon hinter mir. Nun soll es richtig losgehen.

Kurz vor 18 Uhr: Ich bin da und bekomme die Papiere für die Fahrt ausgehändigt. Weil es meine erste Tour allein ist, hilft mir der Dispatcher. Wir gehen gemeinsam zum BVG-Hof, wo die Busse stehen. Der Fahrer ist schon im Bus und begrüßt uns. Ich muss als erstes die Sitze umbauen. Der Bus ist 15 Meter lang. Es gibt 66 Sitzplätze. Die Hälfte davon, auf der Seite rechts des Ganges, wird zu Schlafplätzen umgebaut. Das heißt, es entstehen 28 etwas unebene Doppelstockliegeflächen mit 20 cm hohen Abgrenzungen dazwischen. Alles wird TÜV-gerecht verschraubt.

Ich habe noch nicht das rechte Raumgefühl für den Bus und stürze beinahe die Mitteltreppe hinunter.

Bei der Probefahrt hatte ich versucht, auf einer der unteren Liegen ein bisschen zu schlafen. Als mir der Dispatcher nun erzählt, dass, wenn die Lager aufgeschlagen sind, die oberen Liegen manchmal während der Fahrt abstürzen, beschließe ich, nur noch oben zu schlafen. Danach nehme ich die Getränke und Snacks für meinen Cateringservice an Bord. Ich müsste eigentlich alles nachzählen. Aber das schaffe ich nicht mehr. Ich muss auch noch die 8 Mülleimer des Busses mit Tüten versehen und die Gardinen auf der Liegenseite zuziehen. Schließlich noch Klopapier in die Toilette und schon setzt sich der Bus in Bewegung zur Einstiegsstelle für die Passagiere am Ostkreuz.

Ich fülle den Bordkühlschrank mit Getränken und Schokoriegeln. Die übrigen Getränke verstecke ich unter meinem Sitz, da mich Busfahrer und Dispatcher wiederholt vor Dieben im Bus warnen. Bifis, Kekse, Chips usw. kommen in die obere Ablage, die eigentlich für das Handgepäck und die Jacken der Passagiere bestimmt sind. Der Busfahrer muss sich noch an einer Taxischlange vor dem Bahnhof hinten anstellen. Ich bringe derweilen schon die Tasche für einen anderen Steward ins Busreisebüro im Bahnhof. Es ist 19 Uhr und wir beginnen mit dem Einchecken. Ich muss jeden Passagier anhand seines Tickets auf meiner Liste abhaken. Manche lösen den Schlafplatz für 10 Euro nach und wollen mit 50-Euro-Scheinen bezahlen. Ich kann nur den Ersten wechseln. Von der Firma bekomme ich kein Wechselgeld. Privat wollte ich nicht so viel mitnehmen, da ich auf der Probefahrt mehrfach vor Taschendieben unter den Kunden gewarnt wurde. Ich bin zu langsam und die Abfahrtzeit droht sich zu verzögern. Der Dispatcher hilft mir. Ich muss von mehreren Passagieren die Kreditkartennummern vergleichen und eine Unterschrift einholen. Außerdem muss ich Umbuchungsgebühren abkassieren und Studentenausweise wegen der Ermäßigung kontrollieren. Das alles ist bei 57 Passagieren nicht in einer Stunde zu schaffen und schließlich rollen wir mit 5 Minuten Verspätung um 20.05 Uhr los.

Ich mache meine Ansagen über Reiseziele und Ankunftszeiten, über Gepäckbeförderung, Sicherheitsbestimmungen, Nichtraucherbus, Bustoilette und Cateringservice in drei Sprachen: Deutsch, Englisch und Französisch. Das sind jeweils immer ca. anderthalb DIN-A4-Seiten. Es ist z. B. im Bus Pflicht, sich anzuschnallen. Natürlich macht das niemand. Ich muss aber trotzdem jedem erläutern, dass sich die Sicherheitsgurte unter den Sitzen befinden, damit die Firma abgesichert ist.

Danach versuche ich Getränke zu verkaufen. Wie vom Dispatcher empfohlen, stelle ich von jeder Sorte eins auf ein Tablett und jongliere damit durch den Bus. Durch die umgebauten Schlafliegen ist der Mittelgang jetzt furchtbar eng. Der Bus schlingert und mehr als einmal droht mir mein Tablett samt Büchsen und Flaschen umzukippen. Da es auch einen Fahrgast treffen könnte,  finde ich das verantwortungslos und gehe beim nächsten Mal nach einer halben Stunde nur noch mit drei Getränken (Cola, Bier und Saft) in der Hand los.

In der Ansage wird der "Cateringservice: Getränke, Sandwiches und Snacks zu moderaten Preisen" angeboten. Das heißt zum Beispiel, eine kleine Büchse Bier zu 1,50 Euro, eine kleine Flasche Apfelschorle zu 1,20 Euro, eine Minitüte Erdnüsse oder Chips zu 0,90 Cent. Es gelingt mir trotzdem, einige Sachen zu verkaufen. Dabei kommt mir auch die inzwischen im Bus herrschende Wärme zu Hilfe. Am größten ist der Umsatz bei Wasser, wovon ich auf der ganzen Hinfahrt 6 Flaschen verkaufen kann, davon zwei an den Busfahrer. Der zahlt aber nur den Einkaufspreis, also habe ich gar nichts davon.

Ein junger Mann möchte ein Wiener Würstchen à 1,60 Euro. Ich müsste ein Glas mit 6 Würstchen aufmachen und eine ganze Packung Toastbrot anreißen. Die angefangenen Packungen kann ich nach der Fahrt nicht an die Firma zurückgeben. Ich könnte die Reste mit nach Hause nehmen. Aber dann habe ich die  Schlepperei zusätzlich zu meinem Gepäck und natürlich kriege ich die Würstchen und Toast bei mir im Aldi billiger. Nachdem eine Umfrage per Mikro im Bus ergeben hat, dass niemand sonst Wiener möchte, gelingt es mir, den jungen Mann zu einem Bifi zu überreden.

Noch auf der Hinfahrt sind die vier Keksrollen ausverkauft. Die sind zwar auch Mini, aber wenigstens ein bisschen sättigend und nicht mehr so Durst erregend.

Zwischen den Verkäufen versuche ich, die Tickets zu zählen und zu ordnen. Ich bin dabei sehr unsicher. Der Steward, der mich auf der Probefahrt anlernen sollte, ein Afrikaner aus Gambia, war äußerst verschlossen. Ich musste ihm jedes Wort aus der Nase ziehen und freiwillig erklärt hat er mir nur wenig. Sonst war er nett und versuchte mir seine verschlossene Art damit zu erklären, dass er vielleicht als Moslem es nicht so toll fand, dass ich als Frau hier arbeiten wollte.

Die normalen Tickets kommen gezählt in einen Umschlag. Die Sonderfälle, wie Zahlung mit Karte, in einen anderen. Dann fülle ich noch den Statistikbogen aus, überprüfe den Inhalt meiner Tasche, was ich schon längst hätte machen sollen, aber bisher kam ich nicht dazu. Zum Glück stimmt alles. Ich habe noch 8 Blanko-Tickets. Zwei von zehn habe ich in Berlin am Bus verkauft. Wir können am Bus noch Fahrgäste mitnehmen, wenn es der Platz erlaubt.

Ich lese mir die zwei Seiten Rundschreiben durch, die ich in der Tasche finde.

Ich gehe mehrfach durch den Bus, prüfe, ob alle gut sitzen oder liegen. Einige Passagiere mit bezahltem Liegeplatz wollen eine Decke, aber ich habe keine mehr. Für 28 Liegeplätze gibt es nur ca. 15 Decken. Zum Glück finde ich weiter hinten im Bus noch eine unbenutzte für eine Mutter mit Kleinkind.

Ich verteile die Speisekarten mit unseren Drinks und Snacks und die kostenlosen Tageszeitungen, die wir von der Firma zum Cateringservice mit bekommen.

Das hat der Steward bei der Probefahrt nicht gemacht. Er hat mir eine Zeitung angeboten und selbst eine gelesen und den Rest dann komplett als Bündel weggeschmissen. Spätestens in Paris wird mir klar, warum. Hier muss ich den ganzen Bus sauber machen und die Mülleimer leeren. Überall liegen Zeitungen und Speisekarten, die wenigsten davon im Mülleimer.

Aber bleiben wir mal auf der Fahrt zwei Stunden nach Berlin. Die meisten Fahrgäste schlafen oder dösen jetzt. Ich versuche es nochmals mit Getränkeverkauf, werde aber nichts mehr los. Statt dessen laufe ich Gefahr, die Fahrgäste durch die Enge im Gang nur zu stören.

Ich versorge noch den Busfahrer mit dem Nötigsten (Aschenbecher, Flasche Apfelschorle und seine Tasche in Griffnähe) und da er nichts dagegen hat, beschließe ich, mich noch für ein knappes Stündchen auszuruhen.

Im Stewardessenhandbuch der Firma steht auf jeder zweiten Seite fett gedruckt: "Die Schlafkabine oder Sleeperseat ist nicht für die Busbegleiterinnen."

Ich esse mein mitgenommenes Abendbrot, dann suche ich einen Platz zum Beine hochlegen. Schließlich sind wir frühestens um 10 Uhr morgens in Paris und ich habe noch die ganze Nacht vor mir.

Ich will in der Nähe des Busfahrers bleiben. Die vorderen oberen Liegen sind beide belegt. Also gehe ich doch auf eine der unteren. Es ist extrem eng. Neben mir legt sich ein junger Mann hin, der Sleeperseat gebucht hat. Ich kann natürlich nicht schlafen. Bei jeder Bewegung der beiden Mädchen oben bekomme ich Angst, dass sie bald runterkrachen könnten. Durch die Ritzen rieselt mal ihr Taschentuch nach unten, mal lassen sie von oben ihre Taschen auf meine Füße fallen. Ich bin trotzdem froh, noch ein bisschen die Beine auszustrecken und nicht so eng sitzen zu müssen.

23 Uhr: Wir sind kurz vor Hannover. Ich mache meine dreisprachige Ansage. Passagiere nach Paris können im Bus bleiben. Die nach Amsterdam, Brüssel oder London müssen in den gegenüber haltenden Bus umsteigen und dabei ihr Gepäck selbst mitnehmen. Für die ganze Transaktion ist max. eine Viertelstunde eingeplant.

Als bei mir alle Umsteiger raus sind, beginne ich sofort mit der Ticketkontrolle der aus Hamburg kommenden Zusteiger nach Paris. Ich muss wieder alle auf meiner Liste finden oder nachtragen. Da ich glaube, von jedem Kunden einen Beleg haben zu müssen, reiße ich bei manchen das eigentlich für den Kunden bestimmte Ticket heraus.

Ich bin gerade fertig mit Einchecken, da kommt der Steward von meiner Probefahrt (der, aus Hamburg kommend, jetzt nach Amsterdam und Brüssel fahren soll) in meinen Bus gestürmt und meckert mich an: "Was machst du denn? Du machst ja alles falsch! Du hast die Kundentickets mit rausgerissen!" Ich bin natürlich erschrocken, aber wir kommen gar nicht dazu, uns weiter auseinanderzusetzen.

Denn da sehen wir beide das nächste Problem: Der Bus ist zu voll. Einige Neueinsteiger stehen im Gang, was natürlich nicht zulässig ist.

Der Steward schickt mich los, die Fahrgäste auf den Liegen alle noch mal zu kontrollieren. Wer sich aus Sitzplatzmangel hingelegt hat, soll 10 Euro nachzahlen. Inzwischen räumt er die vorderen vier Sitze leer, stellt meine Cateringgetränke teilweise in den Gang, einiges kommt noch in die obere Ablage. Später finde ich die Sachen nur schwer wieder bzw. habe keine Kontrolle mehr, ob mir was geklaut wird. Mein Paket kostenlose Zeitungen für die Rückfahrt entsorgt er, ohne mich zu fragen, komplett in den Müll.

Es gelingt mir, noch vier Fahrgäste zur Nachzahlung von 10 Euro zu nötigen, obwohl sie ja eigentlich nichts dafür können, dass keine Sitzplätze mehr frei sind.

Wer partout nicht nachzahlen will, den lasse ich in Ruhe. So hat es mir der Dispatcher vor der Fahrt gesagt. Natürlich sollen das möglichst die anderen Fahrgäste nicht merken. Also fange ich an, in die Ohren zu flüstern.

Als endlich alle liegen oder sitzen, sind noch eine Reisetasche und ein Koffer übrig, die auf dem Busbahnsteig stehen. Wir haben die vorgesehene Viertelstunde Aufenthalt schon längst überschritten. Der Steward versucht, durch Ansagen in beiden Bussen und Hochzeigen der Gepäckstücke, die Besitzer zu finden.

Schließlich meldet sich in unserem Bus ein Mann, der offensichtlich taubstumm ist. So konnte er die Ansagen nicht verstehen. Aber da er umsteigen muss, ist er schließlich froh, dass der Steward so aufmerksam war.

Der dadurch bei uns frei werdende Sitzplatz wird kurz darauf von einem Mann belegt, dem der Koffer gehört. Er hatte vergessen, aus dem anderen Bus zu uns umzusteigen. Ich spreche ihn auf Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch und Rumänisch an. Das sind alle Sprachen, die ich kenne. Aber er antwortet mir immer nur mit: "Paris". Na, wenigstens wird er da dank des Stewards bald auch ankommen.

Die Busfahrer drängen auf Weiterfahrt, denn jede Verspätung geht von ihrer Schlafenszeit ab. Mein Steward von der Probefahrt meckert mich wieder an, weil ich die Leute mit Liegennachbuchung angekreuzt habe. Ich müsse doch wissen, dass ich da ein L wie Liege in der Liste vermerken müsste. Ich bin jetzt endgültig sauer auf ihn, denn auf der Probefahrt erfuhr ich fast nichts von ihm und jetzt kommt er und macht mich nieder.

Er bleibt in unserem Bus, denn sein Bus ist inzwischen abgefahren. Die Fahrer verständigen sich über Telefon, dass er an der letzten Raststätte, bevor sich die Wege nach Paris und Brüssel trennen, umsteigen kann. Diese kommt in etwa einer Stunde. Bis dahin haben wir auch noch einen zusätzlichen Busfahrer an Bord. Er versucht sich auf dem Stewardsitz vorn ein wenig auszuruhen, da er dann die ganze Strecke bis Paris fahren muss.

Ansonsten sind auch ausnahmslos alle Plätze belegt. Der Steward und ich können nur noch im Gang stehen oder sitzen, wo auch noch ein Teil der Getränke den Platz versperrt.

Wir kommen ohnehin zunächst nicht dazu. Durch Ansagen und mehrmaliges Laufen durch den Bus verteilen wir alle von mir irrtümlich eingesammelten Kundentickets wieder. Ich lerne, dass ich in Hannover alle Neuzusteiger in meine Liste eintragen muss, aber nur von manchen einen Ticketabschnitt nehmen kann.

Ich sage dem Steward, warum ich sauer auf ihn bin. Er ist auch nicht so gut zu sprechen auf mich, weil ich "seine Paristour" habe und er dafür auf die andere Route wechseln musste. Der Dispatcher hatte es so geändert, damit ich auf meiner ersten Fahrt allein nicht auch noch mit Fahrzielen zu kämpfen habe, die ich noch gar nicht kenne. Wir sprechen uns aus und vertragen uns schließlich wieder. Ich bedanke mich für seine Hilfe und wünsche ihm an der Raststätte eine gute Weiterfahrt nach Amsterdam und Brüssel. Wir werden uns erst auf der Rückfahrt in Hannover wieder treffen.

Ich beschließe, an der Raststätte noch die Getränke aus dem Gang in ein Gepäckfach außen am Bus umzulagern. Einen ganzen Karton Bierbüchsen klemme ich dort zwischen zwei Kisten. So komme ich zwar während der Fahrt nicht mehr ran, aber ich habe ja einen guten Vorrat im Bordkühlschrank. Jetzt ist der Gang wieder frei und ich habe sogar einen Sitzplatz, vorn den Klappsitz neben dem Busfahrer.

Ich mache mich mit dem neuen Busfahrer bekannt. Er ist Russlanddeutscher und kommt aus Kasachstan. Dann heißt es wieder Tickets zählen, Statistik ausfüllen, Getränke anbieten. Das ganze bisher eingenommene Geld hänge ich mir um den Hals, damit es mir nicht geklaut wird. Der Fahrer drängt mich, unbedingt die Passagiere genau zu zählen, damit wir später keinen an seiner Raststätte vergessen. Ich zähle in der Liste. Ich zähle im Bus und das mehrmals. Es bleibt dabei: Wir haben zwei zuviel an Bord! Ich erzähle es niemandem, denn natürlich glaube ich, dass wieder ein Fehler von mir dahinter steckt.

Vor Hannover hatte ich nicht durchgezählt, denn wer in Berlin zu spät kommt, hat Pech. Ein Zug wartet auch nicht auf jeden zu spät oder vielleicht gar nicht kommenden Fahrgast.

Schließlich haben sich alle, so gut es geht, zur Ruhe gebettet. Ich quatsche noch mit dem Fahrer, versorge ihn mit allem Nötigen. Keiner möchte mehr Snacks oder Getränke. So beschließe ich, mich mit Einverständnis des Busfahrers ein wenig in seiner Schlafkabine auszustrecken, die sich quer unter der Fahrerkabine befindet. Ich nehme meinen Schlafsack mit. Trotzdem ist es kalt dort unten. Draußen sind Minusgrade.

Es gelingt mir nicht, zu schlafen. Ich mache mir über alles Mögliche Sorgen: Der Streit mit dem Steward, zwei Passagiere zuviel, wir haben Verspätung.

Außerdem male ich mir aus, was mit meiner Schlafkabine passiert, wenn der Bus bei einem Unfall umkippt oder zusammengequetscht wird. Zusätzlich kracht es von Zeit zu Zeit mächtig unten im Bus. In meiner Phantasie sind es die Bierbüchsen, die sich im Gepäckraum selbständig gemacht haben und nun durch die Gegend knallen.

Schließlich endet das einförmige, beruhigende Autobahnfahrgeräusch und wir fahren über holpriges Pflaster und scheinen sogar an Ampeln anzuhalten.

Später erzählt mir der Fahrer, dass ein Stück Autobahn gesperrt war, weil dort ein Film gedreht wurde. Dadurch haben wir noch mehr Verspätung.

Schließlich bin ich vielleicht doch ein wenig eingenickt. Ich wache Viertel vor Vier auf, weil wir halten und klettere aus der Kabine. Der Fahrer hat schon auf Deutsch durchgesagt, dass wir hier bis 4.15 Uhr Pause machen. Ich wiederhole es auf Englisch und Französisch und bitte alle, pünktlich zu sein.

Der Fahrer bittet mich, die Schlafkabine hinter ihm zuzuklappen, und ihn genau um Viertel nach Vier zu wecken. Keiner kauft meine kalten Getränke. Manche holen sich Kaffee an der Tankstelle. Ich könnte an Bord auch welchen machen, bin aber mit der Technik der Bordküche nicht vertraut. Auf meiner Probefahrt war die Kaffeemaschine kaputt und bisher war bei der ganzen Hektik keine Zeit und Gelegenheit, es mir von irgendjemand erklären zu lassen.

Nun gibt es im Hostessenhandbuch eine siebenseitige Bedienungsanleitung für die Bordküche, aber ich beschließe, es früh um Vier nicht damit zu versuchen. Schon der Bordkühlschrank ist gefährlich genug. Stellt man ihn kälter als Stufe Eins, explodieren die Flaschen darin. Davon steht natürlich nichts in der zweiseitigen Bedienungsanleitung, die sogar Stufe 7 für eine maximale Kühlung empfiehlt.

Ich vertrete mir ein bisschen die Beine, gehe mal vernünftig auf Toilette und wecke dann pünktlich den Busfahrer. Der sieht sehr müde und verschlafen aus. Er ist irgendwie auch sehr gereizt. Durch sein kleines Nickerchen haben wir weitere Verspätung. Erst auf der Rückfahrt erfahre ich, dass dadurch sein kostenloses Frühstück an einer Raststätte kurz vor Paris ausfällt, welches auch eine halbe Stunde gedauert hätte.

Jedenfalls droht er mir, dass ich das Taxi bezahle, falls wir bei der Rast einen Fahrgast vergessen und zurückfahren müssen. Ich bin immer mehr erstaunt und erschrocken über die Gepflogenheiten bei diesem Busunternehmen. Mir ist es lieber, er kommt über seine Gereiztheit hinweg, denn auch ich bin morgens um Fünf nicht mehr taufrisch und ausgeglichen. Vor dieser stressigen Nacht war ich gut ausgeschlafen und habe gestern eine Stunde Mittagschlaf gemacht.

Nachdem er damit einverstanden ist, krieche ich nochmals in die Kabine. Natürlich habe ich jetzt noch ein paar Sorgen mehr. Haben wir auch keinen Fahrgast irgendwo vergessen? Warum droht er mir mit so was? Wie schlimm ist die Verspätung? (Ab einer halben Stunde aufwärts müssen wir alle Verspätungen dem Dispatcher melden.)

Ich falle schließlich in ein Dösen, kann Traum und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden, glaube ein dreimaliges Klopfen zu hören und eine weibliche Stimme, die meinen Namen ruft. Schließlich schreckt mich der Selbsterhaltungstrieb hoch, nachdem wir vom Geräusch her eine Weile auf dem Seitenstreifen fahren. Ich vermute, der Busfahrer war eingeschlafen und ist nun glücklicherweise wieder aufgeschreckt.

Jedenfalls halten wir gleich darauf, und zwar diesmal an der Raststätte in Belgien, die eigentlich geplant war. Ich kenne sie schon von der Probefahrt, wo wir gleich von Hannover bis dahin durchgefahren sind.

Der Fahrer geht sofort Kaffee trinken. Als ich von der Toilette komme, meckert er mich an, warum ich auf sein Klopfen nicht reagiert habe. Ich entschuldige mich. Jetzt weiß ich, was es bedeutet. Von der Stimme muss ich offensichtlich geträumt haben.

Er bittet mich, ihn auf der weiteren Fahrt zu unterhalten, da er heute Probleme mit dem Wachbleiben hat. Als wir uns ein bisschen kennen gelernt haben, erzählt er mir, dass er sich sonst von 18 bis 22 Uhr hinlegt, wenn er um 23 Uhr losfahren muss.

Gestern war er statt dessen bei der Geburtstagsfeier seines Bruders. Er war tatsächlich am Steuer eingenickt, aber zum Glück gibt es diese aufgerauten Randstreifen.

Als nächstes ist die Bustoilette verstopft. Ich lasse mir vom Fahrer zeigen, wo die Handschuhe liegen. Er erklärt mir kurz, wie es geht, denn auch davon fiel auf der Probefahrt kein Wort. Schließlich versuche ich, den Schieber zu ziehen, damit alles nachrutscht, aber es gelingt mir nicht. Ich habe eher das Gefühl, dass ich den Schieber gleich abbreche. Nach nochmaligem Beraten mit dem Fahrer gelingt es mir beim dritten Versuch. Gleich Klopapier nachfüllen und dann wieder den Fahrer wach halten.

Wir erleben gemeinsam den Sonnenaufgang. Ich bin schon sehr übernächtigt, kann es aber noch genießen. Auch die leuchtend gelbe Farbe der blühenden Forsythienbüsche an der inzwischen französischen Autobahn. Jetzt wirkt alles besonders intensiv, nachdem vorher die Nacht alle Farben verschluckt hat. Außerdem bin ich froh, in Frankreich angekommen zu sein, wo ich alle Schilder lesen und dem Fahrer sagen kann, dass jetzt 18 km Baustelle kommen.

Hat man einmal Verspätung, ist diese nur schwer wieder aufzuholen. Der Bus darf maximal 100 km/h fahren. Manchmal gibt es auch Grenzkontrollen, diese aber meist bei der Einreise in Deutschland, also erst auf der Rückfahrt.

Inzwischen rollen wir auf der Ringautobahn von Paris. Der Verkehr ist zum Glück flüssig. Das ist er aber auch nur am Sonntagmorgen wie heute. Sonst ist hier an allen Tagen mit Stau und somit Verspätung zu rechnen. Ich schaffe es, zwei Schoko-Croissant und Multivitaminsaft an die Mütter der beiden mitreisenden Kinder zu verkaufen. Ich mache meine halbseitige Ansage bei Ankunft in den bekannten drei Sprachen. Diesmal fett gedruckt: "Wir übernehmen keine Haftung für verloren gegangene Gegenstände!"

Gegen 9.30 Uhr Sonntagmorgen parken wir vor dem Gare Montparnasse in Paris.

Ich nehme meine Jacke und gehe gleich durch die vordere Tür an die frische Luft, die ich jetzt dringend brauche. Mir fallen zwei Afrikaner auf, die im selben Moment durch die Mitteltür aussteigen und sich völlig ohne Gepäck sofort mit dem Rücken zu mir rasch entfernen. Ich werde sie erst später wieder mit den zwei Reisenden in Verbindung bringen, die ab Hannover zu viel im Bus waren.

Der Fahrer verteilt die Gepäckstücke. Ich steige wieder in den Bus, um den Müll und die Decken einzusammeln. Da kommt eine junge Frau kreidebleich und mit geschwollenem Gesicht auf mich zugewankt: "Mir ist schlecht." Ich schiebe sie auf den nächsten Sitz und gebe ihr Wasser zu trinken. Danach legt sie sich auf die Liege gegenüber. Ich sage dem Busfahrer Bescheid. Wir überlegen, ob es im Bahnhof vielleicht eine Rot-Kreuz-Station gibt.

Zum Glück geht es ihr nach einer Weile wieder besser und sie schafft es allein.

Ich sammle einen großen blauen Sack halb voll Müll. In die  Mülleimer kommen gleich wieder neue Tüten. Der Fahrer macht die Toilette sauber. Wenn ich das machen müsste, hätte ich den Job wahrscheinlich nicht genommen.

Ich lege noch alle Decken zusammen auf einen Haufen neben mir auf den Sitz.

Der Fahrer hat mir empfohlen, nur je eine Decke auszugeben, wer auch wirklich Sleeperseat gebucht hat. So kann ich später die leichter erkennen, die sich illegal hingelegt haben und noch nachzahlen müssen. Das will ich auf der Rückfahrt probieren.

Gegen 10 Uhr schließlich haben wir Feierabend und verlassen den Bus. Das heißt, ich bin jetzt 16 Stunden für die Firma unterwegs. Ich rechne die drei Stunden ab, die ich gelegen, gedöst oder geschlafen habe. Bleiben 13 Stunden, für die ich brutto 56,50 Euro gezahlt bekomme. Das ist ein Stundenlohn von 4,35 Euro vor Steuerabzug für all den Stress der letzten Nacht. Wir sind im Reich der Billiglöhne!

Kein Wunder, dass hier fast nur Afrikaner ohne Ausbildung arbeiten.

Ich bin jetzt 27 Stunden auf den Beinen abzüglich einer Stunde Mittagschlaf im Bett und zwei Stunden dösen im schlingernden Bus. Trotzdem ist es noch nicht wirklich schlimm. Ich kann mich auf dem Weg zum Appartement am erwachenden, sonntäglichen Paris, an dem Blick auf den Eiffelturm und den gelb, weiß und rosé blühenden Bäumen und Sträuchern ringsum erfreuen. An einem Platz spielt ein Leierkastenmann.

Ich kaufe unterwegs ein Baguette und gegen 10.30 Uhr kommen wir an.

Das Appartement ist eine renovierte Altbauwohnung im fünften Stock. Knarrendes Parkett, ein kleiner Flur, links die Küche, geradeaus das Bad. Außerdem rechts das Wohnzimmer nach Süden zur Straße und links das Schlafzimmer nach Norden zum Hof. Der Fahrer kriegt generell das Zimmer zum Hof, denn wenn er nicht ausgeschlafen ist, kann es für viele Beteiligte gefährlich werden. Wir essen das köstliche, frische Baguette mit Honig und Marmelade, trinken Tee, duschen und ziehen uns gegen 11 Uhr in unsere Zimmer zurück. In meinem steht ein knarrendes Bett mit Matratze und ein Klappstuhl, sowie eine Stehlampe, die nicht funktioniert. Ich breite meinen Schlafsack aus.

Nach dem Duschen trifft mich die Müdigkeit jetzt wie ein Schlag. So schlafe ich trotz der Sorgen, die ich mir schon wieder mache, schnell ein. (Mein Zimmer ist nicht verschließbar, wird mich der Busfahrer bald überfallen? Stimmt meine Abrechnung mit der Liste überein? Dummerweise habe ich mir nicht gemerkt, wie viel privates Geld ich einstecken hatte).

Nach einer Stunde weckt mich ein Krankenwagen, der mit dem üblichen Tatütata in das gegenüberliegende Krankenhaus will. Ich gehe auf Zehenspitzen zur Toilette, höre den Fahrer in seinem Zimmer gleichmäßig schnarchen. Ich versuche, weiterzuschlafen. Es gelingt mir nicht. Das ganze alte Haus ist jetzt erwacht. Oben knarren die Dielen genauso wie bei uns. Kinder schreien, Türen fallen ins Schloss, Wasser rauscht hinter der Wand in die Katakomben von Paris.

Ich zähle meine Einnahmen. Sie entsprechen zum Glück in etwa den Cateringverkäufen. Ich sortiere französische, niederländische, spanische und österreichische Euro-Münzen für meine Kinder aus.

Als ich eine Stunde später noch immer nicht richtig wieder einschlafen kann (unten hupt gerade einer minutenlang), beschließe ich, mich ein bisschen müde zu laufen.

Ich schaue auf den Stadtplan. Der Park Montsouris ist in der Nähe. Ich packe meinen Rucksack und schleiche mich hinaus. Den Schlüssel nehme ich mit, ziehe die Tür leise hinter mir zu.

Die Luft ist herrlich frühlingshaft. Ich laufe durch kleine Seitenstraßen immer links und rechts an einem tiefer liegenden Gleis entlang. Seine Umgebung ist furchtbar verdreckt und ein Zug scheint schon seit Ewigkeiten nicht mehr lang gekommen zu sein. Da ich leichten Hunger verspüre, kaufe ich mir ein Baguette mit Ei, Käse, Tomate und Basilikum. Eine Wasserflasche habe ich im Rucksack dabei.

Die Sonne verwöhnt das sonntägliche Paris in seiner Ruhe. Und doch ist es viel geschäftiger als in Berlin, denn alle Bäcker haben offen und bis Mittag auch die Fleischer.

Nach einer halben Stunde bin ich am Square Montsouris, einer idyllischen Privatstraße unmittelbar am Parkeingang. Wirklich alte oder auf alt gemachte Architektenhäuser vom Feinsten und blühende Magnolien, Forsythien, Pfirsich- und Kirschbäume in den Vorgärten.

Der Park ist ebenfalls voller Blüten, Enten und ein schwarzer Schwan im Teich, Bänke in der Sonne und Kunst in Statuenform. Die Besucher sind wirklich zahlreich und liegen jetzt Anfang März schon auf dem Rasen. Ich setze mich auf eine Sonnenbank, merke, dass ich einschlafen könnte und beschließe, es doch lieber im Appartement zu tun.

Also laufe ich noch eine Runde und dann wieder zurück, kaufe ein Baguette, drei Bananen und schleiche mich wieder in die Wohnung, in welcher der Fahrer gleichmäßig schnarcht. Ich schlafe noch von 16 bis 18 Uhr. Nach einer fast durchwachten Nacht bringe ich es also auf drei Stunden Tagschlaf. Ich hätte nie gedacht, dass es Nachtschichtler so schwer haben.

Um 18 Uhr piept der Wecker des Fahrers. Ich setze Tee auf und packe meine Sachen. Wir essen Baguette mit Margarine und Hüttenkäse, trinken grünen Tee dazu. Noch schnell die Wohnung sauber machen, den Müll einsammeln. Um 18.30 Uhr laufen wir los, eine halbe Stunde bis zum Bahnhof. Die ersten Fahrgäste warten schon.

Um 19 Uhr beginne ich mit dem Einchecken. Ich verkaufe noch insgesamt 8 Tickets am Bus. Damit habe ich keine Zeit mehr. Zum Glück kommen nur noch Kunden mit vorher erstandenen Tickets. Um 20 Uhr ist Abfahrtzeit. Als wir gerade anfahren, erscheint ein Kunde von hinten im Dauerlauf und klopft an den Bus. Wir halten, der Fahrer steigt aus, hilft beim Gepäckeinladen. Als wir nun losrollen, stellt sich der nächste Zuspätkommende vor den Bus. Wieder das gleiche Spiel, um 20.10 Uhr geht's richtig los.

Ich habe 30 Passagiere auf der Liste und beim Durchzählen im Bus. Sie scheinen ihr Geld schon in Paris ausgegeben zu haben, denn auf der gesamten Rückfahrt verkaufe ich 2 Wasser, 2 Saft und einen Bifi. Das angenehmste Ereignis des zweiten Teils der Tour kommt an der ersten Raststätte hinter Paris. Der Fahrer lädt mich zum warmen Abendessen ein. Er hat zwei dieser Karten, mit denen Busfahrer kostenlos essen können. Wir machen eine halbe Stunde Pause und lassen uns Fischfilet mit Möhrengemüse und Baguette schmecken. Dazu einen Tee bzw. Kaffee.

Bei jedem am Bus von mir ausgeschriebenen Ticket nach Hannover (insgesamt waren es drei) hatte der Busfahrer "Scheiße!" gesagt. Nun verrät er mir endlich, warum. Bis Hannover sind nur wir zwei im Bus und es erfolgt höchst selten eine Kontrolle der Firma.

Ich hätte also pro Person statt offiziell 48 Euro nur 35 verlangen können und dafür kein Ticket ausstellen. Somit hätten wir bis Hannover drei Schwarzpassagiere mit relativ geringem Risiko und jeder von uns beiden 52,50 Euro bar in der Tasche. Da macht der ganze Stress doch erst Sinn!

Nach Hannover wird es dann zu riskant, denn der Fahrer wechselt und ein anderer Steward steigt zu. Ich gestehe dem Fahrer, dass ich mir eigentlich ein paar der nachbezahlten Liegen in die eigene Tasche wirtschaften wollte, aber das hat mir der Steward auf der Hinfahrt gründlich vermasselt. Auf der Rückfahrt hat kein einziger Gast für Liegen nachbezahlt. Der Fahrer erzählt mir, dass gerade dieser Steward so gut wie immer Schwarzfahrer mitnimmt, aber nicht mit den Fahrern teilen will und deshalb sehr unbeliebt ist. Wir fahren weiter. Beim Durchzählen habe ich jetzt einen zuviel. Ich zähle nach. Es bleibt dabei. Na, wenigstens keiner zu wenig, denke ich. Haben wir einen blinden Passagier, der sich an der Raststätte eingeschlichen hat? Oder ist er schon seit Paris im Bus und hat sich auf dem Klo oder sonst wo versteckt? Ich weiß es nicht und werde es nie erfahren.

Von einem anderen Passagier habe ich das ausgerissene Ticket verbummelt. Ich hatte mal so einen Windstoß von draußen an meinem Platz. Vielleicht ist es dabei weggeweht worden. Nach dreimaligem Zählen und Statistik ausfüllen und Getränke anbieten und Busfahrer versorgen krieche ich gleich in die Kabine, denn später am Abend und den ganzen Morgen soll ich wieder den Fahrer wach halten.

Ich liege da und so unausgeschlafen wie ich bin, überwältigen mich die Sorgen. Was ist das für ein blinder Passagier? Bestimmt hatten wir auf der Hinfahrt ab Hannover zwei Leute an Bord, die beim Steward schwarz bezahlt hatten. Sein Meckern könnte ein geschicktes Ablenkungsmanöver gewesen sein. Eigentlich müsste ich sofort alle nochmals kontrollieren und den blinden Passagier rausschmeißen. Aber die meisten schlafen schon und ich traue mich nicht. Ich könnte genauso gut einen Strich in der Liste vergessen haben bei der Hektik beim Einstieg.

Ich liege keine fünf Minuten, da klopft es und ich muß wieder rauskriechen. Einem Fahrgast klappert die lose aufgesteckte Abgrenzung zur nächsten Liege zu sehr. Ich montiere sie ab und lege sie unter die Sitzreihe. Eine Frau beschwert sich,  dass sie ihre Jacke nicht oben ablegen kann, weil da meine Cateringsnacks den Platz versperren.

Dann döse ich noch ein Stündchen in der Kabine, bis der Fahrer klopft. Wir sind jetzt kurz vor der Einreise nach Deutschland und er glaubt, dass wir kontrolliert werden. Die Beamten sitzen in einem Container und wenn der Reisebus vorbeifährt, springen sie in ihre Autos. Sie verfolgen uns und stoppen uns an der nächsten Ausfahrt.

Aber heute passiert nichts dergleichen. Wir können weiterrollen und werden somit vielleicht keine Verspätung haben.

Bei der nächsten Rast trinkt der Fahrer einen Kaffee und raunzt mich an, dass ich nicht die ganze Fahrt pennen kann. Ich bin überreizt und fauche zurück, dass ich dafür in Paris nicht schlafen konnte. Außerdem kriegt man in der Buskabine eher ein Schleudertrauma, als dass man da unten gut schlafen kann.

Jedenfalls bleibe ich dann bis Hannover oben sitzen. Wir kriegen uns beide wieder ein und unterhalten uns. Er glaubt, dass fast alle Stewards von Schwarzzahlern profitieren. Bei ernsthaften Kontrollen würde die Firma auf einen Schlag fast ihre gesamte Stewardschaft verlieren.

Ich trage meist durch "Hm" zum Gespräch bei. Ansonsten geht es mir echt dreckig. Meine Gedanken kreisen nur noch um ein Bett zum Schlafen. Meine Hände fangen an zu kribbeln. Der Kreislauf will nicht mehr. Ich lege die Beine hoch. Lieber ein Kreislaufkollaps, als dass der Fahrer einschläft und wir sind alle tot.

Ich finde, dass es an Folter grenzt, sich zwei Nächte hintereinander solchem Stress auszusetzen.

Der Fahrer stellt mir in Aussicht, dass ich mich ab Hannover bestimmt wieder hinlegen kann. Allein das hält mich aufrecht und der Gedanke, dass ich mir schnellstens einen anderen Job suchen muss.

Gegen 5 Uhr ist Ankunft in Hannover. Der andere Bus ist schon da. Ich reiße diesmal die Tickets von den Zusteigern richtig ab. Der Steward von der Hinfahrt kommt, lauthals mit dem neuen Fahrer streitend, in den Bus. Er schnauzt mich als erstes an: "Nun lass doch mal die Leute hier rein!" Er will meine Liste haben. Ich nehme sie ihm wieder weg und sage, dass ich mich bei Fragen lieber ans Büro wenden will.

Dann fängt er wieder mit dem neuen Fahrer an zu streiten. Ich gehe ein paar Lungen Frischluft schnappen und mich von dem Fahrer mit den Einschlafproblemen am Steuer verabschieden.

Jedenfalls, als ich bei der Weiterfahrt meine Passagieranzahl auf der Liste mit der im Bus vergleiche, haben wir zwei zuviel an Bord. Es sind zwei Fahrgäste, die beim Steward schwarz bis Berlin bezahlt haben. Darum geht auch der Streit mit dem Busfahrer, denn der Steward wollte nicht teilen. Das alles habe ich so richtig erst nach der Fahrt begriffen, als ich wieder ausgeschlafen war. Aber Ihnen kann ich es ruhig gleich erzählen.

Ich beschließe, schnellstens etwas für meinen Kreislauf zu tun. Der neue Fahrer ist munter und hat nichts dagegen, dass ich mich in der Kabine ausstrecke. Zumindest geht das Kribbeln in den Armen weg, wenn ich auch nicht schlafen kann. "Gottseidank ist das alles bald vorbei", denke ich.

Den tiefsten Punkt der Fahrt hatte ich zwischen Grenze und Hannover. In Berlin läßt mich einzig die Aussicht auf das baldige Ende zügig weitermachen. Ich spreche meine dreisprachige Schlussansage ins Mikro. Diesmal fett gedruckt: "Wir hoffen, dass Sie uns mal wieder beehren. Ciao und bis bald!"

Wir halten am Bahnhof Ostkreuz. Die meisten warten nicht auf den Fahrer, sondern nehmen sich ihre Gepäckstücke gleich selbst aus dem Bus. Als alle weg sind, läuft ein junger Student erschrocken von einer Seite zur anderen. Seine schwarzbraune Reisetasche ist verschwunden. Der Fahrer telefoniert, ob sie vielleicht im Bus nach Hamburg gefunden wurde. Ich durchsuche noch mal unseren ganzen Reisebus. Ohne Erfolg für den jungen Mann. Ich finde eine Strickmütze, ein Nackenkissen, einen Kuli, eine Miniflasche Wodka mit Feige, zwei Schuhspanner, ein Kinderspielzeug und 20 Cent. Letzter sind den Gästen beim Liegen aus den Hosentaschen gekullert.

Der Steward beginnt, die Liegen in Sitzplätze zurückzuverwandeln. Ich sammle allen Müll in einen blauen Sack. Dann helfe ich ihm. Durch die große Müdigkeit bin ich so ungeschickt, mir zwei Wunden an der linken Hand zu reißen.

Wir sind kaum auf dem Betriebshof angekommen, da stürzt ein älterer Kollege herbei und will alle Cateringartikel aus dem Bus gereicht haben. Ich  kam noch nicht dazu, zu zählen, wie viel noch übrig ist. Er sagt, das kann ich in der Halle zählen und nimmt alles mit. Auch die Bierbüchsen unten im Gepäckfach sind unversehrt. Die schlagenden Geräusche in meiner Kabine waren Steine, die von außen gegen den Bus geschleudert wurden.

Der Steward wirft mir vor, dass ich gepennt habe, statt mein Cateringzeug zu zählen. Ich habe keine Nerven mehr und bedanke mich grimmig für seine guten Ratschläge. Dann ziehe ich wütend ab, den Kollegen in der Halle suchen. Ich finde ihn nicht und somit auch nicht die Sachen zum Zählen. Der Busfahrer ist in der Kantine und der Steward ganz abgehauen. Ich packe meine Sachen und stehe hilflos auf dem Platz. Da winkt mir der Fahrer und bringt mich nach seiner Currywurst zum Cateringverantwortlichen. Dieser wartet schon und wir zählen alles gemeinsam durch. Ich weiß genau, dass ich weder Mars, noch Twix verkauft habe, trotzdem fehlen von jeder Sorte zwei. Und das aus einer verschlossenen Plasteschachtel, die während der Fahrt ständig im Kühlschrank war. Der Fahrer würde sofort bemerken, wenn jemand an die Kühlsachen geht, während ich mich ausruhe.

Also sehr merkwürdig und ein Verlust von 3,60 Euro für mich zusätzlich zum äußerst mageren Verdienst.

So "aufgeheitert" komme ich zum Bus zurück und muss erfahren, dass ich noch die Fensterscheiben zu putzen habe. Das steht nirgends und war auch auf der Probefahrt nicht der Fall. Der Fahrer kann nichts dafür. Er muss selber zusätzlich den Bus saugen und meint, dass alle schnell nach Hause wollen. Wahrscheinlich ist die Reinemachekraft krank oder in Urlaub und nun wird es ohne Bezahlung auf uns abgewälzt. Also den Ärger möglichst beim Putzen ausarbeiten und nicht am Fahrer ablassen.

Fix und fertig gehe ich mit meinem Gepäck gegen 10 Uhr zur Abrechnung ins Büro. Ich bräuchte eine Dusche und ein Frühstück. Aber auf beides würde ich verzichten, wenn ich gleich ein ruhiges Bett haben könnte.

Im Büro kommt eine ausgeschlafene, sicher auch geduschte und abgefrühstückte junge Dame und erklärt mir, welche Tickets und Listen ich neuerdings nicht mehr in den, sondern in einen anderen Umschlag stecken müsste. Ich hatte gehofft, sie würde sich alles in Ruhe an ihrem Schreibtisch sortieren und mich dann vielleicht anrufen, wenn etwas noch nicht ganz korrekt war. Aber so einfach komme ich nicht davon. Trotz meines Einwandes, dass ich z.Zt. kaum noch aufnahmefähig bin, wird alles bis zum letzten Ticket umgetütet. Dabei sinkt mein Stundenlohn weiter. Danach liefere ich meine Einnahmen ab, immerhin 659 Euro.

Den Termin für meine nächste Fahrt, der mich wirklich interessiert hätte, kann ich nicht erfahren. Dafür muss ich noch eine teure Handynummer anrufen. Aber nein, der Dispatcher ruft mich an. Zum Glück erst, als ich ausgeschlafen bin. Jetzt, als alles vorbei ist, erzählt er mir auch "das Gerücht" von den Schwarzfahrern. Er glaubt, dass einige Aushilfsbusfahrer die Stewards dazu anstiften. Na, da kennt er aber seine Stewards schlecht!