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2011 - "Tod am Ostkreuz"

Buch 2011 Tod am Ostkreuz kl

 

Zu diesem Buch

 

Von kaum einem anderen Verb des Deutschen gibt es so viele stilistische Varianten wie von 'sterben'; sie reichen von drastischer vulgärer Grobheit bis zu einem eher verhehlenden, hingehauchten Euphemismus. Es gab Zeiten, in denen man sogar das relativ neutrale 'sterben' oder 'tot sein' vermied. Heute ist das nicht mehr so. In den Nachrichtenmedien klingt die Mitteilung über den Tod eines prominenten Zeitgenossen ungefähr so: "Der Dichter Vernon Briggs ist tot. Er starb am vergangenen Dienstag, neunzigjährig, an Herzversagen." Der sachliche Ton einer solchen Nachricht bedeutet aber nicht, dass wir zum Tod und zum Sterben ein lapidares, rationales Verhältnis gefunden hätten. Sie ist nur eine andere Strategie, um mit dem Unfassbaren umzugehen.

Wenn in der Literatur der Tod thematisiert wird, geschieht das zumeist auf eine vermittelte Weise. Der Vorgang des Sterbens wird beschrieben oder das Leid und die Trauer der Hinterbliebenen. In der klassischen Tragödie markiert der Tod des Helden die Zuspitzung aller Konflikte in einem dramatischen Höhepunkt — die Geschichte des Helden nimmt ihre schlimmstmögliche Wendung. Oder der Tod tritt — wie auch in einigen Geschichten dieses Bandes — personifiziert, als allegorische Gestalt auf, ausgestattet mit den seit der Antike bekannten Accessoires: der Sense und dem schlotternden schwarzen Gewand, das die Gestalt, die mitunter nur ein Skelett ist, dezent zu verhüllen vorgibt. Visuell stilgebend und oft zitiert und kopiert: Der Tod in Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" von 1957.  

Die Darstellung des Memento mori hat in der bildenden Kunst eine ganz eigene Ikonografie von Signaturen und Topoi hervorgebracht: das Stundenglas oder andere Zeitmesser, ein Schädel, ein Schachbrett, ein umgestürztes Weinglas, herunterbrennende Kerzen, verwelkte Blumen...  

In Hugo von Hofmannsthals "Jedermann" (1911) erscheint der Tod als Büttel Gottes, der den so sehr am Irdischen (das heißt für den Herrn Jedermann vor allem an seinem Geld) hängenden Menschen wieder an die göttliche Allmacht erinnern soll.

Die für mich wohl eindrücklichsten Zeilen zum Thema finden sich am Ende von Rainer Maria Rilkes "Buch der Bilder" (1902): "Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns."

"Alles wird lächerlich, wenn man an den Tod denkt", heißt es bei Thomas Bernhard. Und wenn man den speziellen Bernhardschen Humor zu genießen weiß, ist einem klar, dass der Tod in das Lächerliche einbezogen ist. Das Lachen ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit. Wenn der Tod unausweichlich ist, kann über ihn auch gelacht werden. Dieser, zugegeben, immer noch etwas anrüchigen, unschicklichen, für manche geradezu blasphemischen Logik zu folgen, hat auch eine lange Tradition. Der Jolly Roger, die schwarze Flagge auf Piratenschiffen, zeigt einen grinsenden Totenkopf.

Seit der Neuzeit glauben wir nicht mehr daran, dass alles menschliche Streben eitel und vergeblich ist und unser "irdisches Dasein" nur ein Zwischenstadium. Die Jenseitsverheißungen der Religionen haben einiges an Glanz verloren. Aber das macht es nicht leichter. Der innermenschliche Konflikt zwischen Demut und trotzigem Selbstbewusstsein geht in die nächste Runde.

So oft wir auch zu hören bekommen, dass der Tod zum Leben gehöre, und so richtig das auch sein mag, es hilft nichts, der Tod wird immer das Unfassbare, das schlichtweg Unangemessene sein. Das macht ihn für die Literatur, die Kunst, inkommensurabel und zu einer nie versiegenden Quelle der Inspiration.

Für die meisten von uns steht fest: über den Tod können nur Lebende nachdenken. Und schreiben. Wer liest, kann nicht tot sein. Ich lese, also bin ich.

Lesen wir.

 

Rainer Fischer Berlin, im Oktober 2011

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