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Kultur- und Nachbarschaftszentrum

2006 - "Warten am Ostkreuz"

Buch 2006

 

Zu diesem Buch

 

Als das RuDi-Nachbarschaftszentrum, das damals noch in einem Ladenlokal am Rudolfplatz residierte und sich schlicht Kiezladen nannte, 2002 zum ersten Ostkreuz-Schreibwettbewerb aufrief, war nicht vorauszusehen, was daraus entstehen könnte. Die Resonanz der Schreibenden war dann allerdings verblüffend, so dass auch den Skeptikern aufging, dass dieser größte, aber durchaus nicht ansehnlichste Berliner Nahverkehrsknoten als literarischer Topos schier unerschöpflich zu sein scheint. So entstand die später so genannte Ostkreuz-Serie, deren vierter Band hier vorgelegt wird.

Das Ostkreuz als inspirierender Ort der Poesie? Warum nicht? Und es scheint dies um so mehr dazu zu werden, als die ersten Rodungen zur Vorbereitung der künftigen Großbaustelle Ostkreuz bereits stattgefunden haben und allen klar wird, dass es mit der rostigen Idylle bald vorbei sein wird. Kunsthochschulen und Filmakademien, sogar weiter entfernte, schicken ihre Diplomanden dort hin, als gelte es, noch rasch etwas ganz Ungewöhnliches, Besonderes, das es bald nicht mehr geben wird, fest zu halten und einer staunenden Nachwelt, die Bahnhöfe nur als fliesen- und glasblanke Einkaufszentren mit Bahnanschluss kennt, zu überliefern.

Bahnhöfe und Warten, das gehört zusammen, jeder kennt das, vor allem dieses seltsame Phänomen, dass die Zeit sich für den ungeduldig Wartenden zu dehnen scheint, während sie sich für den Eiligen, der spät dran ist, auf unerklärliche Weise verflüchtigt.

Warten ist auch ein bewährtes dramatisches Mittel in der Literatur. Es wird viel gewartet: auf Godot, auf den Wald von Dunsinon; Wellington, so will es die Anekdote, wartet darauf, dass es Nacht werde und die Preußen kämen. Und in den ersten fünfzehn Minuten von Spiel mir das Lied vom Tod wird überhaupt nur gewartet: Irgendwo in amerikanischer Einöde sitzen schwitzende Cowboys in dreckigen Klamotten in der Hitze, fangen Fliegen und lauschen dem Quietschen des verrosteten Bahnhofschildes. Ob sich das Warten gelohnt hat? Wir wissen es.

Warten kann nicht endlos gedehnt werden, irgendwann muss etwas geschehen, das das Warten beendet, irgendwann muss man "zu Potte kommen". Das Warten definiert sich überhaupt erst durch das Eintreten des Erwarteten. Ein Freund verkündete eines Tages, nachdem er Monate lang auf die Rückkehr seiner Freundin gewartet hatte, dass mit dem Warten nun Schluss sei, es habe ganz unmerklich aufgehört, sich erschöpft, aufgebraucht. Er habe sich nunmehr "überwartet", so nannte er seine Heilung vom vergeblichen Warten. Warten hieße demnach, etwas zu erhoffen oder zu befürchten, und die Erlösung davon wäre dann das Ende von Hoffnung oder Furcht.

Manche Menschen warten nicht gern. Warten betrachten sie als leere Zeit, Zwischenzeit, Zeitverschwendung oder gar Zeit zum Totschlagen. Andere sind begabte Warter, immer gelassen, auch wenn der Zug oder der Postbote oder der Messias oder der Pizzaservice Verspätung haben. Sie würden auch Godot nie langweilig finden, andere dagegen schon: ein Stück, in dem "nichts geschieht außer Warten".

Aber muss Warten verschwendete oder tote Zeit sein? Mitnichten! Die Erzählerin in Lisa Laubrichs Geschichte Warte doch mal! In diesem Band entwickelt, wartend, eine ganze Theorie des Wartens und Vorschläge wider die bloße Zeitvergeudung.

Manchmal hat der Wartende auch Glück, wie in Warten auf Maria, und trifft einen geschwätzigen, disparaten Zeitreisenden, da vergeht die Zeit buchstäblich im Fluge.

Wir wünschen diesem Bändchen viele nicht gelangweilte Leser; auf dass ihnen die Zeit dabei gerade so lang werde, wie sie soll.

 

Berlin, im April 2006

 

Organisator dieses Wettbewerbs war das Nachbarschaftszentrum RuDi. Das Projekt wurde unterstützt und gefördert durch das Förderprogramm der Europäischen Union URBAN II. Eine Jury aus Fachleuten wählte die besten Beiträge aus, prämierte sie und stellte die Preisträger in einem feierlichen Rahmen der Öffentlichkeit vor. Die Zusammenstellung dieser Anthologie geschah – unabhängig von der Preisvergabe im Wettbewerb – nach rein kompositorischen Prinzipien.

Abschließend sei all jenen Dank gesagt, die am Wettbewerb und am Zustandekommen dieser Publikation beteiligt waren. Das schließt auch diejenigen ein, die die Förderung dieses Projekts durch die Europäische Union und das Land Berlin ermöglicht haben.

„Ostkreuz - Schreib-
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